Die Bildungsverfassung ist revidiert und nun? Harmonisierung des schweizerischen Bildungssystems

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1 aprentas Die Bildungsverfassung ist revidiert und nun? Harmonisierung des schweizerischen Bildungssystems Jahresbericht 2006 Ausbildungsverbund für Grundund Weiterbildung naturwissenschaftlicher, technischer und kaufmännischer Berufe

2 aprentas-mitgliederfirmen 2006 Trägerfirmen Ciba Spezialitätenchemie AG Novartis Pharma AG Syngenta Crop Protection AG Mitgliederfirmen Abbott Liestal AG Actelion Pharmaceuticals Ltd Adecco Human Resources AG Alcan Technology & Management AG Amt für Lebensmittelkontrolle und Umweltschutz SH Amt für Umweltschutz und Energie BL Bachem AG Basler Kantonalbank Bayer (Schweiz) AG Berna Biotech AG BZG Bildungszentrum Gesundheit Basel-Stadt Chemical Works Schärer & Schläpfer Ltd Cilag AG Clariant Produkte (Schweiz) AG Coop DSM Nutritional Products AG Endress+Hauser Flowtec AG EOTEC AG Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Life Sciences FMI Friedrich Miescher Institute for Biomedical Research GABA AG Genzyme Pharmaceuticals Hakama AG Huntsman Advanced Materials (Switzerland) GmbH ILAG Industrielack AG Johnson Controls AG Kantonales Laboratorium BL Lonza AG Manor AG Merck Biosciences AG Merck Eprova AG MIFA AG Omya AG Pentapharm AG PMG GmbH Polyphor Ltd ProRheno AG RCC Ltd Rohrbau GmbH Grenzach Rolic Technologies Ltd SF-Chem Si Group-Switzerland GmbH Siegfried Ltd SkyePharma AG Solvias AG Spirig Pharma AG Stebler+Co AG swiss safety training GmbH SynphaBase AG Systag System Technik AG Unilever Schweiz GmbH Valorec Services AG Vedior (Schweiz) AG

3 Inhalt Bericht des Präsidenten 6 7 Bericht des Geschäftsführers 8 9 Referat Prof. Dr. h.c. Beat Kappeler Die Bildungsverfassung ist revidiert und nun? Referat Hans Ambühl Eckwerte im neuen Bildungsartikel: Wo stehen wir? Referat Dr. Willi Stadelmann Die heiss diskutierte Frage der ersten Fremdsprache Referat Prof. Dr. Georges Lüdi Vom Sprachgebrauch in der Wirklichkeit aprentas Award Referat Hans-Peter Dreyer Was ist die Aufgabe des Gymnasiums Referat lic. iur. Urs Meyer Wie lange soll das Gymnasium dauern? Ausbildung Labor 32 Ausbildung Produktion Ausbildung Technische Berufe (ATB) 4 Kaufmännische Ausbildung 5 Weiterbildung 6 Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Dienstleistungen 7 Qualitätsmanagement 8 Struktur 9 Personalbestand 40 aprentas-lehrlingszahlen 41 Bericht der Kontrollstelle 43 Bilanz Betriebsrechnung Fonds 48 Esmee Pijpers 2. Jahr Kindergarten Till Butz 1. Jahr Kindergarten

4 bericht des präsidenten Bildung ist die Grundlage unseres Wohlstandes Am 21. Mai 2006 haben Volk und Stände mit überwältigendem Mehr dem neuen Bildungsartikel in der Bildungsverfassung zugestimmt, und die dringend notwendige Erhöhung des Bildungs- und Forschungskredites für die Jahre 2008 bis 2011 ist auch auf gutem Weg. Beides ist bildungspolitisch erfreulich und für die zukünftige Entwicklung des ganzen Landes bedeutend. Die Umsetzung der neuen Bildungsartikel wird es der Schweiz ermöglichen, ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, die kantonalen Schulsysteme zu harmonisieren und damit auch die Mobilität zu erleichtern. Das aprentas Forum 2006 hat sich intensiv und kontrovers mit dem Thema «Die Bildungsverfassung ist revidiert und nun?» auseinandergesetzt. Auch wenn für die Praktiker und die Betroffenen noch viele Fragen offen sind, so ist doch allen bewusst, dass Politik und Wirtschaft ein vitales Interesse daran haben, dass unsere Schulen der Jugend das notwendige Rüstzeug mitgeben, damit diese auf dem Arbeitsmarkt nicht nur das Mittelmass, sondern die Spitze erreicht. Die Schweiz soll auch in Zukunft ein attraktiver und erfolgreicher Wirtschaftsstandort sein. Die Zeichen in der Region Basel sind ermutigend. Das Wachstum der Unternehmen, die vielen Forschungsund Infrastrukturprojekte, welche lanciert und umgesetzt werden, machen es ersichtlich. Zu guten Rahmenbedingungen für die Industrie gehört zwingend auch die Möglichkeit, genügend qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort rekrutieren zu können. Leider müssen wir häufig feststellen, dass sich Schweizer Kandidatinnen und Kandidaten bei Anstellungsverhandlungen nicht immer besonders aufdrängen. Vor allem ihre geografische Mobilität liegt im internationalen Vergleich unter dem Durchschnitt. Das ist weder unter dem Gesichtspunkt der Personenfreizügigkeit noch unter dem Aspekt des weltweiten Werbens um Talente zu unterschätzen. Als Ausbildungsverbund an der Schnittstelle zwischen Schule und Unternehmen kennt aprentas die Realitäten beider Seiten. Abgesehen davon, dass viele eingehende Bewerbungen für Lehrstellen den schulischen Ansprüchen einer heutigen Berufslehre nicht oder nur bedingt genügen, ist heute auch der Aufwand für die Schaffung einer gemeinsamen Wissensbasis all jener, die eine Berufslehre beginnen, enorm hoch. Es dürfte nicht sein, dass die Berufsfachschulen in nahezu allen Fächern unter anderem als Folge der verschiedenen kantonalen Schulsysteme zum Teil grosse Defizite wettmachen müssen. Unterschätzt wird zudem nach wie vor, dass Schulleistungen allein für eine Berufsausbildung längst nicht mehr genügen. Gefragt sind immer auch Engagement, Leistungsbereitschaft, Motivation, Offenheit für Neues sowie die Fähigkeiten, in Teams zu arbeiten und sich relevante Informationen zu beschaffen, diese zu interpretieren und daraus Schlüsse zu ziehen. Ein Blick auf die Liste der Mitgliederfirmen unseres Ausbildungsverbundes auf der ersten Seite dieses Jahresberichtes macht deutlich, dass sich uns seit dem Start mit den drei Trägerfirmen Ciba Spezialitätenchemie, Novartis und Syngenta erfreulich viele kleinere und mittlere Firmen sowohl aus der chemischen und pharmazeutischen Industrie wie auch aus dem technischen Bereich und dem Dienstleistungssektor angeschlossen haben. Die meisten von ihnen bilden ihre Lernenden heute zusammen mit uns aus. Damit entlasten sie sich in der Basisausbildung, im Training von Grundfertigkeiten und in der Prüfungsvorbereitung. Gleichzeitig verhelfen sie ihren Lernenden so zu einer qualitativ hochstehenden, zukunftsorientierten und firmenübergreifenden Berufsausbildung. Mit dieser Lösung gewinnen alle: die Lernenden, die Lehrfirmen, die Branche und mit ihr schliesslich die ganze Region. Dank Den bisherigen und den sieben neuen Mitgliederfirmen danke ich für die Bereitschaft, ihre Lernenden gemeinsam mit uns auszubilden. Ihr Vertrauen ist für uns sowohl Anerkennung wie auch Verpflichtung: Anerkennung für unsere bisherige Arbeit und Verpflichtung für die Zukunft. Danken möchte ich auch allen Vorstandsmitgliedern, welche die positive Entwicklung von aprentas sehr engagiert unterstützt und mitgetragen haben. Abschliessend danke ich der Geschäftsleitung und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von aprentas für den grossen Einsatz, den sie Tag für Tag für unseren Ausbildungsverbund leisten. Sie haben mit ihrer Kompetenz viel zum erfolgreichen Geschäftsjahr 2006 beigetragen. Dr. Jürgen Brokatzky-Geiger 6 7

5 bericht des geschäftsführers «Die Industrie hat erkannt, dass es nicht nur ausgezeichnete Forscherinnen und Forscher braucht, um im hart umkämpften Markt bestehen zu können. Die Berufsausbildung ist ein ebenso wichtiger Erfolgsfaktor. Es braucht einsatz- und leistungsfreudige Mitarbeitende im Labor und im Betrieb, und diese Mitarbeitenden werden in der Berufslehre ausgebildet.» Urs Wüthrich, Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft, anlässlich der Medienkonferenz im Rahmen der Lehrabschlussprüfungen 2006 der Chemieberufe im aprentas Ausbildungszentrum Muttenz Es freut mich, auch für das sechste Geschäftsjahr von aprentas über die positive Weiterentwicklung unserer Aktivitäten und über besondere Akzente berichten zu können. Die Kennzahlen für das Jahr 2006 zeigen ein durchwegs erfreuliches Bild: Die Zahl der Mitgliedfirmen hat sich um 7 auf neu 56 erhöht. 162 Lernende aus 13 Berufen haben die Lehrabschlussprüfung mit Erfolg abgeschlossen, 22 davon im Rang; 35 Lernende haben zusätzlich auch die Prüfung für die Berufsmaturität bestanden. Im August haben 206 Lernende ihre Berufsausbildung begonnen. Sie verteilen sich auf 12 Berufe und 34 Lehrfirmen. Das aprentas Berufsinformationsteam unterstützt bereits 10 Mitgliederfirmen bei der Rekrutierung von Lernenden. Der Bereich Weiterbildung hat 209 Kurse mit über 2000 Teilnehmenden durchgeführt. Das entspricht einer Steigerung der Kurse um 30 % und der Kursbesucher um 18 %. Der Zuwachs von sieben neuen Mitgliederfirmen erfüllt uns mit Freude und Stolz, ist er doch ein Beleg dafür, dass unsere Leistungen Vertrauen geniessen und breite Anerkennung finden. Sechs der neuen Mitgliederfirmen nehmen unser Angebot in der beruflichen Grundausbildung in Anspruch. Diese erfreuliche Entwicklung zeigt deutlich, dass die Möglichkeit, Lernende zusammen mit aprentas auszubilden, immer mehr Zuspruch findet. Was die Ausbildungskosten betrifft, so konnten sie im Berichtsjahr bei zwei Berufen leicht und bei den Chemie- und Pharmatechnologen sogar markant gesenkt werden. Bei zwei Berufen waren geringfügige Erhöhungen erforderlich. Zudem entwickelte sich der Bereich Weiterbildung dynamisch weiter. Das Kursangebot konnte nochmals erweitert und diversifiziert werden. In der beruflichen Weiterbildung ist aprentas für die höheren Fachprüfungen Laborant HFP und Chemietechnologe HFP landesweit ein massgebender Anbieter. Einen besonderen Akzent im Jahresverlauf setzte der basellandschaftliche Regierungsrat Urs Wüthrich mit seinem Besuch anlässlich der Lehrabschlussprüfungen der Chemieberufe in Muttenz und Schweizerhalle. In der anschliessenden Medienorientierung zeigte er sich beeindruckt von der hohen Qualität der Ausbildung und der Selbstständigkeit der Lernenden. Er dankte den Unternehmen für ihre Bereitschaft, Lernende auszubilden, sowie für ihr grundsätzliches Engagement für die Berufslehre. Das Jahr 2006 war geprägt von verschiedenen Aktivitäten, die zum Teil auch in der breiten Öffentlichkeit Beachtung fanden. Im Oktober startete in Münchenstein unser zweites Sozialprojekt, das «check-in aprentas». Es hat zum Ziel, die Arbeitsmarktfähigkeit schulisch schwacher Jugendlicher zu fördern und damit die Grundlagen zu schaffen für die Aufnahme einer Ausbildung oder einer Arbeit. Die kaufmännische Übungsfirma Cadolino konnte das Zehn-Jahre-Jubiläum feiern, und das Wohnheim Hofacker blickte gar auf 30 erfolgreiche Jahre zurück. Zudem hatten wir an der ersten Basler Berufs- und Bildungsmesse an einem eigenen Stand Gelegenheit, viele jugendliche und erwachsene Besucherinnen und Besucher über unseren Ausbildungsverbund und seine Aktivitäten in der beruflichen Grund- und Weiterbildung zu informieren. Bildungspolitisch haben wir ausserdem zu verschiedenen kantonalen und eidgenössischen Vernehmlassungen sowie zu aktuellen Bildungsfragen Stellung bezogen. Unter der Projektleitung von aprentas wurde die jetzt zur Vernehmlassung vorliegende Bildungsverordnung «Laborant» erarbeitet. Die bereits im Januar 2006 in Kraft getretene Bildungsverordnung für Chemie- und Pharmatechnologen ein Projekt, das ebenfalls von aprentas geleitet wurde hatte die Überprüfung und die Aktualisierung sämtlicher Lernziele und Lerninhalte zur Folge. aprentas setzt bei allen Leistungen auf hohe Qualität. Das Qualitätsbewusstsein unserer Mitarbeitenden spiegelt sich in der guten Akzeptanz unseres Qualitätsmanagementsystems. Dieses wurde im Berichtsjahr auf der Basis von externen und internen Audits sowie von Managementreviews weiterentwickelt und in einer vereinfachten und benutzerfreundlichen Prozessarchitektur neu umgesetzt. Die grosse Anerkennung und Wertschätzung, die unsere Arbeit bei den Lernenden, den Mitgliederfirmen, den Behörden und in der Öffentlichkeit findet, ist aber auch das Resultat der beeindruckenden Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft unserer Mitarbeitenden. Ihnen allen danke ich dafür ganz herzlich. Dr. Rolf Knechtli 8 9

6 die bildungsverfassung ist revidiert und nun? Der folgende Text basiert auf einem Referat von Prof. Dr. h.c. Beat Kappeler, Sozialwissenschafter, das am 6. aprentas-forum vom 11. Dezember 2006 vorgetragen wurde. Ist das schweizerische Bildungssystem ein Auslaufmodell? Das schweizerische Bildungssystem ist kein Auslaufmodell, aber es ist nicht geldbedürftig, sondern reformbedürftig. Die europäische und damit auch die schweizerische Gesellschaft haben sich im 19. Jahrhundert industrialisiert, nicht nur durch das Fabriksystem. Alle gesellschaftlichen Bereiche wurden auf Masse, Gleichheit, dann auch auf Sicherheit und Fortschritt umgepolt. Unsere Sozialversicherungen sind Agenturen zur Beschaffung von Ersatzeinkommen der Zeitlöhner. Und die Schule hat sich nicht nur zeitgleich zur Industrialisierung eingestellt, sondern hat ihre Form als Volksschule genauso wie die anderen gesellschaftlichen Einrichtungen nach dem Industrie- und dem Fabrikmodell erhalten: Obligatorium für alle, zentrale Bauten, Bildungskanon, Staatseinrichtung, definierte Zeiten und Dauer. Man kann sich fragen, ob es heute, da sich das Land desindustrialisiert hat, auch anders geht: Beispielsweise keine definierten Zeiten und Dauer, sondern Modulierung nach Kenntnisstand der Schüler. Man vergisst übrigens, dass vor dem Obligatorium schon Ende des 18. Jahrhunderts in Europa der grösste Teil der Menschen private Kurse und Schulen besucht hatte und lesen und rechnen konnte. Disziplinierung wozu? Die Beobachter erschrecken heute über fehlende Disziplin in Klassen und Schulhöfen, aber auch über fehlende Lerndisziplin, fehlendes Grund- und Orientierungswissen der Jungen. Das Pendel schwingt vielerorts bereits zurück, man frage Berufsschullehrer, wie sie damit umgehen. Allerdings dürfte die Fuchserei des handschriftlichen Zeitalters zur Zeit der Volksschulgründungen vorbei sein, Google fragt ganz beflissen, was man wirklich meine, wenn die Orthografie hinkt. Das Universalinstrument PC und das Internet haben viel Dressur unnötig gemacht. Dennoch sind disziplinierte Lerntechniken nötig: Selbstdisziplin, Gruppendisziplin, Eigeninitiative. Nach all den Jahren des lustbetonten Lernens im Gefolge der Achtundsechziger und Blumenkinder auf den Planungsabteilungen der Erziehungsdirektionen sind Kritiken anzubringen. Die naturwissenschaftlichen Kenntnisse in der Volksschule sind fast völlig abhanden gekommen. Chemie, Physik, Biologie, oft gleich auch Geschichte und Geografie sind verschmolzen worden zum Schmusefach NMM oder NMU Natur-Mensch-Mitwelt. Auf der Strecke blieben die Methoden und die Berufsbilder dieser Fächer. Es ist nicht wahr, dass die Lehrer im dafür kreierten Sammelfach die Integration dieser Methoden und Inhalte problemlos schaffen. Sie schaffen es nicht, und bald schon kann es kein einziger Lehrer mehr, da sie selbst diese Fächer nie kannten. Hinzu kommt die Übertrittsnote in die Sekundarschule und ins Gymnasium. In fast allen Deutschschweizer Kantonen werden zwei Noten Sprache und eine Note Mathematik berücksichtigt es wird also systematisch gegen die naturwissenschaftlich Begabten diskriminiert. Da nützen auch gelehrte Symposien an der ETH nichts Im Französischunterricht legen die meisten Kantone den Schülern das unsägliche Buch «Bonne chance» auf, welches mit normalen, fetten und kursiven Teilen den Kindern suggeriert, dass Sprachenlernen eine fürchterliche Sache ist, die nur dosiert geschehen darf. Sonst sind dem ganzen Land Lehrbücher als Synthese abhanden gekommen die Inhalte werden auf losen Blättern eingetragen und gehen schnell wieder verloren. Kulturwissen ist in der Gesellschaft und der Wirtschaft des 21. Jahrhunderrts zentral, wenn Content auf den Netzen zur dominierenden Wertschöpfung wird. Hier fehlt es an Kunstpädagogik, am Handwerklichen des Gestaltens und an der körperlichsten der Künste, dem Singen. Die Jungen lernen heute kaum mehr singen. Mit diesen Karenzen in Kultur überlässt man die entsprechende Wertschöpfung den Angelsachsen definitiv. Die duale Berufslehre vermittelt praktisches Wissen, das für qualitätvolle Handwerksarbeit wichtig ist. Hingegen wurde die kaufmännische Lehre zur tertiären Universallehre. Wären dort mehr allgemeinbildende Elemente wichtig? Oder sollten alle Gymnasiasten industriell-gewerbliche Praktika machen? Denn auch in einer zu bald 80 Prozent der Stellen tertiären Volkswirtschaft kreisen die meisten dieser Stellen um die vor- und nachgelagerten Stationen von Produktion. Diese Produktion donnert vollautomatisch und mit Millionenserien daher. Die Jungen sollten mehr davon sehen als nur immer Vertreter aller Berufe am immer gleichen Bildschirm. Freie Schulwahl Die Schüler der öffentlichen Schulen werden gemäss Wohnquartier der Eltern an die Schulhäuser zugewiesen, welche wiederum die Klassen und die Lehrer festlegen. Demgegenüber besteht die freie Schulwahl der Eltern in Schweden. Die staatlichen Schulen müssen um Schüler werben, haben ihre Schulimmobilien von der öffentlichen Hand zu mieten und erhalten vom Staat pro gewonnenen Schüler das Schulgeld. Genau so erhalten dies private Schulen, sie dürfen aber keine Gebühren darüber hinaus erheben. Dies führt zu Wettbewerb und Vielfalt des Schulwesens sowie zur Befreiung der Quartierschulen von der Trennung fast Gettoisierung der sozialen Schichten. Ortsplanung und Schulklassen-Zusammensetzung werden entkoppelt. Die Lehrer können kreative Profilierungen ihrer Klasse, ihrer Schule entwickeln das verbreitete Burn-out dürfte seltener werden. Ein minimales nationales Curriculum besteht natürlich auch in Schweden. Man kennt hierzulande auch kaum das amerikanische Programm «No child left behind», welches Schulen auf Standards verpflichtet und bei deren Fehlen die wechselwilligen Schüler auf Kosten der Gemeinde in bessere Schulbezirke transportiert. Schweizer Lehrerverbände hingegen laufen Sturm gegen solche Lösungen und damit konfrontierte Lehrkräfte behaupten meistens allen Ernstes, dass die auf unsere schichtmässig sehr ungleichen Quartiere fixierten Schulen demokratischer seien. Klassenschulen im doppelten Sinne sind es. Die schweizerischen Universitäten sind nicht allzu gross, eher schon zu klein. Vor allem wäre es wichtig, dass in den einzelnen Dekanaten auch Wettbewerb zwischen verschiedenen Professoren im gleichen Fach entsteht. Deshalb sind Gründungen immer neuer kantonaler, naturgemäss kleiner Universitäten abzulehnen. Private Universitäten sind hingegen willkommen, sie müssen sich gerade im Wettbewerb um Reputation, Professoren, Inhalte, Studierende und Finanzierung bewähren

7 Roland Fouda 4. Lehrjahr Anlage- und Apparatebauer Marco Mitulla 1. Lehrjahr Konstrukteur Bürokratie wuchert, Bauten wabern Mein Artikel vor einiger Zeit in der NZZ am Sonntag mit Belegen über die unglaubliche Intensität der Ausgaben für Ziegelsteine und Beton des schweizerischen Bildungswesens vom Kindergarten bis zur Universität hat viel Zustimmung gefunden. Die sehr hohen Bildungsausgaben der Schweiz täuschen sie deuten vor allem auf hohe Baukosten und Lehrergehälter hin. Es ist evident, dass angelsächsische Elite-Universitäten und Colleges viel einfacher, kleiner, älter in ihren Bauten sind. Wenn dagegen in der Schweiz Tagesschulen fehlen, dann werden oft die nicht vorhandenen baulichen Umstände und die Aufwände für Abwartsarbeit angeführt. Man kann sich schlicht nicht vorstellen, etwas zu improvisieren und es unterhalb des Hotelkomforts und des Raumprogramms von Seminarhotels zu machen. Die Bürokratie bemächtigt sich aller Stufen des Bildungssystems in diesen Jahren. Volksschulen erhalten Rektoren, Gymnasien werden dauerevaluiert, sie und die Fachhochschulen bauen mehrere Direktionsebenen neu ein vom Rektor zu Abteilungsleitern zu Studienleitern, jedes Mal mit Stäben, Kommunikationschefs, Gleichstellungsbeauftragten und vielen Sekretärinnen. An den Universitäten, Fachhochschulen und Gymnasien kompliziert eine Kaskade von Vorbereitern, Entscheidungsstellen und Evaluatoren die Ausgaben. Auf allen diesen Stufen treten die Direktionsebenen I bis III von jeder Lehrtätigkeit zurück, ihnen fehlt dann die Erfahrung, und zusätzliche Lehrkräfte müssen eingestellt werden. Die relativ immer weniger aktiv Lehrenden werden überdies zu ausufernden Sitzungsreihen aufgeboten, mit Auswertungsbögen traktiert und zu Abrechnungen, schriftlichen Tätigkeitsberichten verurteilt. Was früher Dekanats- und Gymnasiumssekretärinnen im Alleingang bewältigten, wird heute von einer Vielzahl junger Akademiker mit Franken-Stellen nicht geschafft. Auf eidgenössischer Ebene bestehen derart vielschichtige Wissenschafts- und Forschungsgremien, dass deren grafische Darstellung allein schon zum bitteren Lachen reizt. Es darf behauptet werden, dass die massive reale Erhöhung der Bildungsausgaben in der Schweiz vornehmlich in neue Bauten und Bürokratielevels gesteckt werden wird. Dagegen sollte eigentlich der einfache Syllogismus erwogen werden: Wenn die noch mehr Milliarden fordernden Bildungsvertreter dies tun, weil das Bildungssystem nicht perfekt sei, wenn aber die Schweiz international mit den Ausgaben an der Spitze steht, dann löst nicht zusätzliches Geld das Problem, sondern nur eine Reform des Bildungswesens. Das schweizerische Bildungssystem ist kein Auslaufmodell, aber es ist nicht geldbedürftig, sondern reformbedürftig. «Kulturwissen ist in der Gesellschaft und der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts zentral, wenn Content auf den Netzen zur dominierenden Wertschöpfung wird. Hier fehlt es an Kunstpädagogik, am Handwerklichen des Gestaltens und an der körperlichsten der Künste, dem Singen.» Prof. Dr. h. c. Beat Kappeler 12 13

8 Eckwerte im neuen Bildungsartikel: wo stehen wir? Der folgende Text basiert auf einem Referat von Hans Ambühl, Generalsekretär der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK, das am 6. aprentas-forum vom 11. Dezember 2006 vorgetragen wurde. Wir haben in der Schweiz ein leistungsfähiges Bildungssystem, in anspruchsvollem Kontext und selbstverständlich wie jedes menschliche System mit ständigem Anpassungsbedarf. Dieser wird umso höher, je rascher sich die Phänomene, auf welche das System zwangsläufig bezogen ist, verändern: Die Wissensvermehrung, die technologische Entwicklung, die ständige und immer schnellere Veränderung der Arbeitswelt sowie der Berufe Dazu vollbringt die Schule auch beachtliche Leistungen in Sachen Integration. Dank PISA 2003 wissen wir es: Nur ein europäisches Land neben zwei asiatischen hat eine signifikant bessere Mathematikleistung ausgewiesen, als die Schweiz. Dieses Mathematikergebnis ist auch in Bezug auf die Heterogenität interessant: Bei der Mathematik hat unser Schulsystem einen besonders hohen Impact. Im Unterschied etwa zu den Sprachen, wo das Lernumfeld viel wichtiger ist als bei der Mathematik. Gerade da zeigt sich, dass trotz hoher Heterogenität der Schülerinnen und Schüler, trotz starker Herausforderung durch Integrationsleistungen unser System nicht nur ein weit überdurchschnittliches Mathematikergebnis erzielt, sondern in diesem Bereich den Einfluss der sozioökonomischen Faktoren sehr gut auszugleichen vermag. Public schools perform better sagt die OECD aufgrund einer PISA-2003-Zusatzstudie. Es ist nicht mehr bloss Zusammenarbeit aus Einsicht und Vertrag gefragt, sondern es besteht eine Pflicht dazu. Die Kantone sind künftig dazu verpflichtet, wichtige Eckwerte einheitlich zu regeln. Erreichen sie keine interkantonale Lösung, regelt der Bund. Das ist eine ganz einfache subsidiäre Bundeskompetenz für einen Bereich, den die Verfassung nach wie vor als die so genannte kantonale Schulhoheit aufrechterhalten hat. Wichtig ist, dass wir jetzt eine verfassungsmässige Pflicht zur Harmonisierung dieser Eckwerte haben. Wir wollen über die Zielharmonisierung sicherstellen, dass die obligatorische Schule in der Schweiz Sicherheit in der Zielerreichung gewinnt. Aber auch, dass sich die Sekundarstufe II besser darauf verlassen kann, was die obligatorische Schule, unabhängig davon, in welchem Kanton sie durchgeführt wird, wirklich erbringt. Ich glaube, das ist eine vernünftige Zielsetzung, und wir versuchen, sie mit einem gerade sinnvollen Aufwand zu erreichen. Strukturelle Eckwerte harmonisieren Gegenstand des HarmoS-Konkordats ist also erstens, strukturelle Eckwerte zu harmonisieren. Sowohl im Parlament wie auch in den Diskussionen mit der Bevölkerung war die Auseinandersetzung klar folgende: Es wird erwartet, dass auch die wichtigsten Strukturelemente harmonisiert werden. Bei den Inhalten und Zielen versuchen wir eben, die Grundbildung für alle so zu definieren, dass man auf sprachregionaler Ebene künftig stattfindende Lehrplanarbeit darauf abstützen und diese Rasterung übernehmen kann. Wir arbeiten an den gesamtschweizerischen Bildungsstandards. Mit diesem Instrument wollen wir die Harmonisierung der Ziele der einzelnen Stufen erreichen. Es wird zu einer massiven Verringerung der Vielfalt an Lehrplanerarbeitung kommen, weil dies nicht mehr kantonal, sondern nunmehr auf sprachregionaler Ebene stattfinden soll. Wir werden nächstes Jahr, im Jahr 2007, in der EDK die Diskussionen haben, ob und in welchen Punkten das Konkordat angepasst, korrigiert, justiert werden soll. Wir gehen davon aus, auch wenn ich jetzt so die ersten Reaktionen in der Vernehmlassung abschätze, dass es uns gelingen wird, bis im Herbst 2007 zu einem mehrheitsfähigen Konkordatsentwurf zu kommen, der dann zur Ratifizierung in den Kantonen verabschiedet wird. Public schools perform better Public schools perform better: Selbstverständlich müssen wir schauen, dass das so bleibt. Und wir müssen auch jene Scharten auswetzen, die ebenfalls durch PISA, nämlich bei der Literacy, herausgekommen sind. Deswegen arbeiten wir mit der Sprachenstrategie und dem Konzept für den Sprachenunterricht auf breiter Basis und bereits sehr grossräumig koordiniert. Am 21. Mai 2006 haben wir über revidierte Artikel der Bildungsverfassung abgestimmt. Man könnte jetzt darüber streiten, weshalb die Zustimmung so gross war: Sogar in Appenzell Innerrhoden gab es 60 Prozent Zustimmung. Die Zuständigkeiten im System haben sich aber nicht grundsätzlich geändert: Neu ist die gemeinsame Steuerung des Hochschulbereichs durch Bund und Kantone, weil beide Hochschulen haben und führen. Neu ist auch die Weiterbildung als eigener Teil des gesamten Systems erkannt worden. Was nicht ändert, ist die Finanzierung des Systems. Es ist überwiegend kantonal finanziert. Aus Sicht der Kantone liegt das Problem in der Unterfinanzierung durch den Bund, der nicht einmal seine gesetzlichen Richtsätze einhält. Die Verfassung aber hat bezüglich der vertikalen Zusammenarbeit zwischen Bund und Kantonen Folgendes gesagt: Es gibt einen Systemteil, den Bund und Kantone künftig gemeinsam zu steuern haben, statt unverbunden parallel wie bisher. Ich wiederhole: Beide führen eigene Hochschulen. Aber nicht nur Bund und Kantone sind gemäss neuer Bildungsverfassung zur Zusammenarbeit verpflichtet, sondern auch die Kantone untereinander. 14

9 Florence Meytre 2. Klasse WBS > Sekundarstufe I Ali Yilmaz 2. Klasse WBS > Sekundarstufe I «Es wird zu einer massiven Verringerung der Vielfalt an Lehrplanerarbeitung kommen, weil dies nicht mehr kantonal, sondern nunmehr auf sprachregionaler Ebene stattfinden soll.» Hans Ambühl 16 17

10 die heiss diskutierte frage der ersten fremdsprache Der folgende Text basiert auf einem Referat von Dr. Willi Stadelmann, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Lehrerinnen- und Lehrerbildung, das am 6. aprentas-forum vom 11. Dezember 2006 vorgetragen wurde. Ich glaube nicht, dass ich mich heute stark damit beschäftige, was jetzt wohl besser ist: Französisch oder Englisch. Ich werde vielmehr versuchen, einige Aussagen zum Thema zu machen. Zunächst möchte ich sagen, dass die anstehende Harmonisierung des Fremdsprachenunterrichts an den Primarschulen ein wichtiger Schritt für die Harmonisierungsanstrengungen in der schweizerischen Bildungslandschaft ist. Ich bin glücklich darüber, dass wir nun doch einheitliche Meinungen dazu haben, wann die Fremdsprachen beginnen: Wann die erste und wann die zweite beginnt. Das ist ein Durchbruch. Für mich ist es besonders schön, dass wir mit diesem Schritt sowohl bildungspolitische als auch pädagogische Postulate erfüllen. Bildungspolitische Postulate der Harmonisierung, des gemeinsamen Vorgehens in der Schweiz. Aber auch pädagogische Postulate, nämlich jene der Frühförderung und der frühen Sprachförderung. Wir wissen, dass es wichtig ist, früh mit Sprachen zu beginnen, früh mit Fremdsprachen zu beginnen und dann auch nicht lange zu warten, bis die zweite Fremdsprache kommt. Karin Schär 3. Klasse FMS > Sekundarstufe II Amandine Mekolo 3. Klasse FMS > Sekundarstufe II 18 19

11 Frühförderung statt Frühstressung Ich möchte betonen: Es geht in der Sprachförderung nicht um Frühstressung, sondern um Frühförderung. Wir haben heute die didaktischen Grundlagen, um frühkindliche Sprachdidaktik zu unterrichten. Es geht nicht darum, in einen Frühförderungswahn zu verfallen. Es geht darum, die Didaktik des frühkindlichen Unterrichts auszuarbeiten und weiterzuentwickeln. Wir wissen, dass eine Fremdsprache dann gut gelernt werden kann, wenn sie auf einer Erstsprache aufbaut. Die Erstsprache ist Basis für das Lernen der Fremdsprache. Das heisst also: Wir müssen sehr sorgfältig sein, dass wir die verschiedenen Sprachen aufeinander aufbauen. Ich zitiere nun absichtlich eine nichtschweizerische Forscherin aus diesem Bereich, damit wir eine Aussensicht haben. Rita Hufeisen spricht von einer fruchtbaren Beziehung zwischen Fremdsprachen: Und zwar ist es so, dass die erste Fremdsprache, die unsere Kinder lernen, einen Einfluss auf das Lernen der zweiten Fremdsprache hat. Erste Fremdsprache als Brückenpfeiler Die erste Fremdsprache hat deshalb eine Brückenpfeilerfunktion. Das bedeutet, dass sie ausgezeichnet unterrichtet werden muss. Mit dem Erlernen einer ersten Fremdsprache wird ein Bündel von Ressourcen und Fähigkeiten aktiviert, die den Lernprozess voranbringen oder behindern können. Wenn Kinder beim Lernen der ersten Fremdsprache negative Erfahrungen machen, wirkt sich dies tendenziell auch negativ auf das Lernen der zweiten Fremdsprache aus. Von der wissenschaftlichen Seite her gibt es keine relevanten Grundlagen, die sagen, es ist klar besser, mit Französisch, oder es ist klar besser, mit Englisch einzusteigen. Was wir aber sagen können, ist, dass es eventuell motivationale Unterschiede bei den Kindern gibt. Welche Sprache lernen die Kinder zuerst lieber? Mit welcher haben sie am Anfang mehr Erfolg? Welche Sprache entspricht ihrer Jugendkultur? Das könnte auf Englisch hindeuten. Ich sage dies nur, weil es auch Gründe gibt, die auf Französisch hindeuten. Sie können getrost mit Französisch beginnen, sie können getrost mit Englisch beginnen: Hauptsache ist, dass es gut gemacht wird. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Lehrerinnen und Lehrer hervorragend aus- und weitergebildet sind, vor allem auch in der frühkindlichen Sprachendidaktik. Dort entscheidet sich sehr viel: Wir sind nun daran, entsprechende Programme aufzustellen und diese auch umzusetzen. vom sprachgebrauch in der wirklichkeit Der folgende Text basiert auf einem Referat von Prof. Dr. Georges Lüdi, Departementsvorsteher Sprach- und Literaturwissenschaften, Universität Basel, das am 6. aprentas-forum vom 11. Dezember 2006 vorgetragen wurde. Viele Menschen hängen an der irrigen Vorstellung, Einsprachigkeit sei normal und natürlich. Entsprechend suchen sie nach einsprachigen Lösungen für die kommunikativen Probleme in Europa und in der Welt. Wenn es nicht Französisch sein kann wie im 18. Jahrhundert oder Deutsch wie um die Wende des 19./20. Jahrhunderts, dann muss es Englisch richten. Und in einigen Jahren vielleicht Chinesisch Der Sprachgebrauch in der Wirklichkeit ist viel komplexer. Dies gilt sowohl für die optische Präsenz von mehreren Sprachen in unseren Städten wie für das soziale Repertoire. Auch wenn die UBS, um ein Beispiel zu nennen, Englisch als Konzernsprache gewählt haben mag, in ihrer internen wie auch in der externen Kommunikation, erscheinen viele Sprachen: So ist die Homepage von UBS Schweiz viersprachig, jene in Japan zweisprachig japanisch-englisch. Mit Schwergewicht auf dem Japanischen. Die Arbeitssprachen Konzentrieren wir uns auf die Arbeitssprachen. Sprachstatistiken geben Einblick in die Häufigkeit der Verwendung der einen oder anderen Sprache am Arbeitsplatz. In Basel sind es, in dieser Reihenfolge: Baseldeutsch, Standarddeutsch, Englisch, Französisch und, mit grossem Abstand, Italienisch. Die meisten Menschen sind bei der Arbeit mehrsprachig. Dabei sind es, statistisch gesehen, dieselben Personengruppen, welche viel Deutsch, Englisch und Französisch sprechen. Der Genfer Sprachökonome François Grin hat nachweisen können, dass die Beherrschung dieser drei Sprachen bei gleicher Ausbildung Salärvorteile gegenüber blosser Zweisprachigkeit oder gar Einsprachigkeit mit sich bringt. Aber was hat das nun, werden Sie fragen, mit der Wahl der ersten Fremdsprache in der Primarschule zu tun? Zunächst ist es aus den genannten Gründen kein Zufall, dass die EDK für die Primarschule den Unterricht von mindestens drei Sprachen lokale Landessprache, benachbarte Landessprache und die weltweite Lingua franca Englisch vorsieht. Aber mit welcher Sprache soll man beginnen, wenn die Reihenfolge den Regionen nicht den Kantonen freigestellt ist? Wichtig ist zunächst einmal die Erkenntnis, dass in der Region Basel Französisch durchaus nicht nur und nicht in erster Linie aus politischen, sondern vor allem aus wirtschaftlichen Gründen verwendet wird. Besonders in KMUs ist Französisch deutlich häufiger präsent als Englisch in international tätigen Firmen ist es zum Teil sicher umgekehrt. Wo aber werden die Primarschüler später beruflich tätig sein? Weil man dies nicht weiss, haben die politisch Verantwortlichen mit Recht festgeschrieben, dass am Schluss der obligatorischen Schulzeit in der Deutschschweiz in Französisch und Englisch genau gleich hohe Zielkompetenzen gefordert werden müssen. 21

12 In unserer Region sprechen dabei viele Gründe für folgende Reihenfolge: Zuerst Französisch, dann Englisch. Die Metro-Region Basel ist zweisprachig deutsch-französisch. Dazu kommt die Nähe zur Sprachgrenze in der Schweiz, welche ihrerseits einen kantonalen Schulterschluss zwischen den Sprachgrenzkantonen Wallis, Bern, Freiburg, Solothurn, Basel-Landschaft und Basel-Stadt bewirkt hat. Die zunehmende Durchlässigkeit der Grenzen aufgrund der Personenfreizügigkeit führt nicht zuletzt dazu, dass Französisch im Basler Alltag sehr viel präsenter ist als beispielsweise im Thurgau. Sache der Motivation Sprachenlernen ist zu einem grossen Teil Sache der Motivation. Nun sind kleine Kinder viel leichter zum Erwerb einer Sprache zu motivieren als grössere. Französischlehrkräfte haben in der Regel keine Probleme damit, Primarschüler zum Französischlernen zu motivieren. Dies ist deutlich schwieriger, wenn die Kinder etwas älter sind, schon Erfahrungen mit Englisch gemacht haben und schon viel empfänglicher für das verbreitete Vorurteil sind, Englisch sei wichtiger und leichter und es sei doch bloss Zeitverschwendung, nun nach dem Englischen noch ins Französische zu investieren. Das umgekehrte Vorurteil hört man nie Es gibt aber auch finanzielle Gründe: L2- und L3-Erwerb unterscheiden sich recht stark. Französischlehrkräfte, die Französisch als L2 unterrichten, müssen auf Französisch als L3 umgeschult werden; dazu müssen neue Lehrmittel geschaffen und eingeführt werden. Gleichzeitig müssen bei Lehrkräften und Lehrmitteln die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Einführung des Frühenglisch geschaffen werden. Dies bedeutet zusätzliche Investitionen. Aus all diesen Gründen plädiere ich dezidiert nicht nur für zwei Sprachen an der Primarschule, sondern auch für die Reihenfolge Französisch vor Englisch, zumindest für unsere Region inklusive Basel-Landschaft: Zürich tickt ja bekanntlich anders, der Jura und das Elsass sind vor unserer Haustür! «Besonders in KMUs ist Französisch deutlich häufiger präsent als Englisch in international tätigen Firmen ist es zum Teil sicher umgekehrt.» Prof. Dr. Georges Lüdi Julian Gysin 1. Klasse Primarschule Naim Abdi 1. KLasse Primarschule 22 23

13 APRENTAS AWARD 2006 hat der Ausbildungsverbund aprentas wieder einen Sonderpreis an Auszubildende verliehen, die sich während der Lehre durch Teamgeist und soziales Engagement auszeichneten und durch ihr Wirken und ihre Persönlichkeit das Image der Berufsbildung förderten. Als Preis durften die Lernenden eine Digitalkamera in Empfang nehmen. Sponsorin des Preises war die Syngenta Crop Protection AG. Der Preis wurde von Dr. Walter Ritter, Leiter HR Schweiz, Syngenta Crop Protection, überreicht. Nina Baur, Biologielaborantin, Novartis Pharma AG, hat die Lehrabschlussprüfung mit Bravour bestanden: Die positive und fröhliche Ausstrahlung, die sie während dreier Lehrjahre verbreitete, wäre allein noch kein Grund, um ihr einen Preis zu verleihen. Sie zeichnet sich noch durch weitere wichtige Eigenschaften aus: Sie ist zuverlässig, kollegial, unterstützt Kolleginnen und Kollegen und setzt sich für die Gemeinschaft ein. Mit ihrem gesunden Humor kann sie auch über sich selbst lachen. Trotz ihres jungen Alters übernimmt sie Verantwortung für sich und die Gemeinschaft. Nina Baur ist eine Mitarbeiterin, wie man sie sich nur wünschen kann. Nicole Battaglia, Chemielaborantin, Novartis Pharma AG, ist eine besonnene und eher ruhige Persönlichkeit. Doch jeder Ausbildner, jede Ausbildnerin von Nicole Battaglia kam, sah und übertrug ihr Verantwortung. Dabei erfüllte sie alle Erwartungen auf hervorragende Weise. Sie versteht viel von Chemie, ist gewissenhaft im Labor und beherrscht auch die Theorie. Neben ihren fachlichen Fähigkeiten zeigte sie grosse Hilfsbereitschaft und starkes soziales Engagement. Immer wieder half sie Kolleginnen und Kollegen, die Probleme mit Aufgaben hatten, geduldig mit ihren kompetenten Erklärungen. Hallac Mevlüt, Chemikant, Valorec Services AG, fiel schon zu Beginn seiner Chemikantenlehre den Ausbildnern und Lehrern durch seine breiten Interessengebiete auf. Sein Wissensdurst war keineswegs nur auf die Chemie ausgerichtet; er zeigte in allen Bereichen, welche im Zusammenhang mit der chemischen Industrie stehen, reges Interesse. Nicht nur in den theoretischen Disziplinen bewies er grosses Durchhaltevermögen: Er erstaunte immer wieder durch rasches Erfassen und Durchschauen von komplexen Produktions- und Infrastrukturanlagen. Sein freundliches und hilfsbereites Auftreten hat in seiner Klasse massgebend zum angenehmen und lernfreundlichen Klima beigetragen. Mikael Esteban, Automatiker, Ciba Spezialitätenchemie AG, hat auf seinem 4-jährigen Weg durch die Lehre seine Spuren hinterlassen. Er fiel als interessierter junger Mann auf, der gute Laune ausstrahlte und auch durch sein Auftreten positiv auffiel. Seine Lehrmeister stellen ihm ein durchweg hervorragendes Zeugnis aus: Er sei ausgeglichen, lernbegierig, hilfsbereit, pünktlich und zuverlässig. Mikael Esteban verfügt über sehr gute Fachkenntnisse, bringt eine gute Arbeitsqualität und arbeitet gerne im Team. Während seiner Lehrzeit hat er unter anderem eine Homepage für Automatiker massgeblich mitgestaltet. Chiara Zarra, Kauffrau, Endress+Hauser, ist es durch ihre ausgeprägte Lernwilligkeit, gepaart mit viel persönlichem Engagement, gelungen, sich als starke Persönlichkeit zu etablieren. Schon bald ist sie den Lehrlingsverantwortlichen wegen ihrer zuvorkommenden, freundlichen Art aufgefallen. Sie akzeptierte auch kritische Feedbacks professionell und überwand heikle Situationen meisterlich. Chiara Zarra hat immer aktiv ihre Ideen eingebracht und ein stets kollegiales Teamverhalten an den Tag gelegt. 25

14 was ist die aufgabe des gymnasiums? Der folgende Text basiert auf einem Referat von Hans-Peter Dreyer, dipl. phys. ETH, Präsident des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer, das am 6. aprentas-forum vom 11. Dezember 2006 vorgetragen wurde. «Wollen wir tiefschürfende Fragestellungen erlauben oder soll es ein Schnelllehrgang sein?» Hans-Peter Dreyer Scheitert HarmoS am Detail Gymnasialdauer? Keineswegs. HarmoS verhält sich zum Gymnasium meiner Ansicht nach wie ein Kursschiff zu 26 Segeljollen. Das heisst nicht, dass es nicht auch Kollisionen geben könnte. Eine derartige ist vorgespurt. Gemäss HarmoS-Planung ist vorgesehen, dass der Übertritt in die Maturitätsschulen nach dem 10. Schuljahr erfolgt, in der Regel. Das heisst, es gibt auch Ausnahmen und diese Ausnahmen gehen auf das gegenwärtig gültige Maturitätsanerkennungsreglement (MAR) zurück: Es sieht ein mindestens vierjähriges Gymnasium vor. Aber die Formulierung lautet: Ein dreijähriger Lehrgang ist möglich, wenn auf der Sekundarstufe I eine gymnasiale Fortbildung erfolgt ist. Diese Formulierung ist eben ausnahmeträchtig, und die Kantone haben diesen Gestaltungsspielraum ausgenützt: Die Begradigung dieses Gestaltungsspielraums durch HarmoS ist konfliktträchtig. Es gibt, etwas simplifiziert gesagt, einen sozialistischen Druck zur Integration möglichst vieler Schülerinnen und Schüler bis in möglichst hohe Schuljahre möglichst in derselben Schule oder im Schulzimmer. Das bedeutet de facto eine Verkürzung des Gymnasiums. 26 Flavio Gambino 2. Klasse OS > Sekundarstufe I Veronica Di Pasquale 2. Klasse OS > Sekundarstufe I

15 Neoliberaler Sparwind Es gibt andererseits auch über dem Bildungssee einen neoliberalen Sparwind. Jüngere Studierende ist ein verbreiteter Slogan, und de facto bedeutet das eine Verkürzung des Gymnasiums. Was ist die Aufgabe des Gymnasiums? Das ist ausführlich dargestellt im Maturitätsanerkennungsreglement. Unsere Kommission Gymnasium/Universität hat das etwas verkürzt zusammengefasst und sagt, das Gymnasium habe zwei Aufgaben. Erstens junge Menschen auf ein wissenschaftliches Studium vorzubereiten. Zweitens geht es darum, dass jungen Menschen eine gute Allgemeinbildung vermittelt wird: Und zwar durch Fachleute, die mit unserer Kultur vertraut sind. Diese zweite Funktion wird immer wichtiger, je stärker unter dem Einfluss der Bologna-Reform schon auf dem Bachelor-Niveau an den Universitäten eine hohe Spezialisierung erfolgt. Das alles ist nicht neu. Schon das Reifezeugnis des berühmtesten Schweizer Maturanden weist eine breite Allgemeinbildung aus. Ganze 13 Noten trugen zu Albert Einsteins Zeugnis bei und auch die Allgemeinbildung wird sichtbar. Zeit und Geld Zeit respektive Geld ist heute knapp. Folgende Frage liegt in der Luft: Soll die Maturität, zum Beispiel nach englischem Vorbild, nur noch eine Fakultätsreife anstreben? Da könnte man natürlich Zeit und Geld gewinnen. Man könnte sich auch andere Fragen stellen, um dann eben passend Zeit respektiv Geld zu sparen. Ist Physik für zukünftige Juristen und Pfarrerinnen überflüssig? Ist Kunstverständnis für angehende Ärztinnen unnötig? Müsste man nicht sagen, dass gymnasiale Allgemeinbildung ein Luxus sei, ein Gut wie die Oper oder die Berglandwirtschaft oder die Grundlagenforschung? Gewisse Politiker finden das und haben uns auch schon gesagt, es habe Luft im Gymnasium. Wir sagen: «Luft ist lebensnotwendig», und wir möchten weiterhin eine allgemeine Studierfähigkeit anstreben. Wir meinen, Luft ermöglichte das Fliegen, geistige Kreativität. Wollen wir tiefschürfende Fragestellungen erlauben oder soll es ein Schnelllehrgang sein? Kurz, brauchen wir Bildung oder «skills», ein gutes oder primär ein billiges Gymnasium? Die Antwort auf diese Fragen ist aus unserer Sicht klar. Wir versuchen deshalb, in der laufenden MAR-Teilrevision den Artikel MAR 6.2 dahingehend zu präzisieren, dass vier Jahre zum Erfüllen dieser Aufgaben nötig sind, und wir möchten den Ausnahmesatz gestrichen haben. Ob wir erfolgreich sind, wird sich ja noch weisen. Meine Bilanz ist kurz, obschon ich, entgegen Einstein, die Zeit nicht rückwärts laufen lassen konnte: Die Zeit für das Gymnasium ist eine langfristige Investition. wie lange soll das gymnasium dauern? Der folgende Text basiert auf einem Referat von lic.iur. Urs Meyer, Mitglied der Geschäftsleitung des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, das am 6. aprentas-forum vom 11. Dezember 2006 vorgetragen wurde. Ich spreche hier aus der Sicht der Berufsbildung. Ich bin nämlich Fan der Berufsbildung. Ich selber habe ein Gymnasium absolviert. In Solothurn. Ich bin Fan des Gymnasiums. Wenn ich die Dauer meiner eigenen Gymnasiumszeit aus heutiger Sicht beurteilen müsste, würde ich sagen: Sie war zu kurz. Als Vater einer Tochter, die im Moment am Gymnasium ist, muss ich aber sagen: Sie ist zu lang Wenn sie kürzer wäre, gäbe es eben etliche Sonntage, an denen ich nicht mit meiner Tochter in einer Turnhalle den Überschlag üben müsste, der jetzt neu mit Noten bewertet wird. Das war bei mir zum Glück noch nicht so. Ich möchte hier ja nicht die Gymnasiumsdauer als solche festlegen oder definieren. Aber eines möchte ich doch fragen: Wo liegt der Startpunkt eines Gymnasiums oder einer gymnasialen Ausbildung? Ich brauche nun die alte Zählweise, also nicht die neue nach HarmoS, sondern die, die wir noch alle kennen. Feststellungen: Die Maturitätsquoten der Schweiz und da spreche ich nur die gymnasialen an gelten in Europa als zu tief. Die Berufsmaturitätsquoten dürften ruhig auch noch etwas höher liegen. Die Schülerzahlen werden sinken. Das zeigt uns die Demografie. Wir haben heute mehr Schulabgänger mit Leistungsproblemen. Das sehen wir auch an den Problemen bei der Lehrstellensuche. Ein Beispiel: Polymechaniker, unbestrittenermassen ein Beruf, der gute Schüler braucht wir haben per rund 1065 unbesetzte Lehrverhältnisse in der Schweiz für Polymechaniker. Die sind nicht unbesetzt, weil wir zu wenig Schüler hätten, die sich darum bemühen, sondern weil sie nicht genügend qualifiziert sind. Denn ohne einen Abschluss der mittleren oder obersten Schulstufe haben sie keine Chance, eine Polymechanikerausbildung zu beenden. 29

16 Jugendliche, die der Berufsbildung fehlen Ich nehme hier nun eine Zusammenstellung aus Zahlen des Bundesamtes für Statistik als Beispiel: Ich habe im Schuljahr 2003/2004 die erste Klasse des MAR-Gymnasiums genommen und habe die zweite Klasse des MAR-Gymnasiums danebengestellt. Ich habe festgestellt: Die Differenz beträgt etwa 7,8 Prozent das sind jene, die das Gymnasium verlassen. Dasselbe kann man auch im zweiten Jahr machen: Im zweiten Jahr verlassen knapp 6 Prozent das Gymnasium. Das sind Jugendliche, die uns dann in der Berufsbildung grösstenteils fehlen gab es eine Auswertung der MAR-Klassen. Da haben nach der Matur 18 Prozent der Jugendlichen angegeben, dass sie nicht wissen, was sie machen wollen: Die haben vier Jahre Gymnasium gemacht und wissen nicht, was sie machen wollen! 17 Prozent wollen an die Universität, aber sie wissen nicht, was sie studieren wollen. Drei Prozent wollen überhaupt nicht studieren und wissen auch nicht, was sie machen wollen. Gibt zusammen 38 Prozent. Das war vor über zehn Jahren. Trotzdem: erschreckend, erschreckend. Gute Schüler fehlen uns in der Berufsbildung. Gute Schüler gehen da einfach in einen Zug und wissen nach sieben Jahren Langzeitgymnasium nicht, was sie machen wollen. Da überlege ich mir, ob sieben Jahre Ausbildung effektiv nicht zu lang sind. Sven Bachmann 2. Klasse Gymnasium > Sekundarstufe II Romana Brueggemann 2. Klasse Gymnasium > Sekundarstufe II «Die Berufsmaturitätsquoten dürften ruhig auch noch etwas höher liegen.» lic. iur. Urs Meyer Frühere Auswertung und Auswahl Deshalb die Forderung der Arbeitgeber: Wir wollen eine Standortbestimmung Ende der siebten, Anfang der achten Klasse; alte Zählweise. Eine Standortbestimmung, damit die Schüler sehen, wo sie stehen. Damit die Schüler entscheiden können, was sie machen wollen. Wir möchten die neunte Klasse zum Aufholen und zum Defizit beseitigen. Wir wollen, und das ist integrativer Bestandteil dieser Standortbestimmung, eine frühere und umfassendere Berufsinformation. Es hat keinen Wert, den guten Schülern einfach zu sagen: Geht ins Gymnasium. Wir müssen sie besser orientieren und eine frühere Auswertung und Auswahl treffen. Und meines Erachtens muss Turnen nicht zwingend ein Maturastoff sein 30 31

17 Ausbildung Labor Ausbildung Produktion 27 Biologie- und 70 Chemielaboranten/-innen sind im vergangenen Schuljahr zur Lehrabschlussprüfung angetreten. Dabei konnten 24 Biologie- und 62 Chemielaboranten/-innen ihre Lehre mit Erfolg abschliessen. Im Schuljahr 2006 haben 28 Biologie- und 70 Chemielaboranten/-innen ihren Einstieg in eine Berufslehre in Angriff genommen. Insgesamt haben wir an der Berufsfachschule 380 und in der Werkschule 260 Lernende ausgebildet. Ein Jahr ist nun vergangen, seit wir in Neuhausen unser neues Lehrlabor eröffnen konnten. Nun ist es an der Zeit, diesen Betrieb rückblickend kritisch zu analysieren. Trotz einer sehr kurzen Zeitspanne für den Aufbau der Ausbildungskonzepte, die Schulung unserer neuen Ausbildner/-innen sowie den Umbau der Laborräumlichkeiten kann dieses Projekt nun als durchschlagender Erfolg verbucht werden. Diese günstige Beurteilung wird auch durch die sehr positiven Feedbacks aus Kundenkreisen klar bestätigt. Unsere Ausbildungskonzepte im Bereich der Werkschule wurden aufgrund zweier Unterrichtsbesuche durch externe Experten des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung (EHB, vormals SIBP) als hervorragend beurteilt. Besonders die methodisch-didaktischen Konzepte überzeugten gemäss den Aussagen der Experten durch eine Vielfalt von Mitteln und Formen der Unterrichtsgestaltung. Der Modelllehrgang für die Ausbildung der Chemielaboranten/-innen wurde als beispielhaft hervorgehoben. In der Berufsfachschule wurde für alle lernenden Biologielaboranten/-innnen des ersten Lehrjahres erstmals ein Leistungskurs zur Erlangung des Sprachenzertifikates First eingeführt: Dies geschah auf spezifischen Kundenwunsch. Mit Spannung erwarten wir die baldige Auswertung der Erfolgsquote dieses anspruchvollen Projekts. Das neue Absenzenkonzept und die damit verbundenen klaren Regelungen haben schliesslich zu einer weiteren Minimierung der Abwesenheiten der Lernenden im Unterricht geführt. Im vergangenen Jahr sind 42 Chemikanten/ -innen sowie fünf Logistikassistenten/-innen zur Lehrabschlussprüfung angetreten: 40 davon konnten ihre Lehre mit Erfolg abschliessen. Im neuen Schuljahr haben 40 Chemikanten/ -innen und fünf Logistikassistenten/-innen mit der Lehre angefangen. Daraus resultiert eine Gesamtzahl von 109 Chemie- und Pharmatechnologielernenden und 15 Lernenden im Bereich Logistikassistenten/-innen. Der budgetierte Personalbestand wurde nicht verändert: Die Gesamtbereichskosten wurden jedoch um ca. 7 Prozent gesenkt. Mit dem im Vorjahr implementierten QS-System (nach ISO ) wurden erste Erfahrungen gesammelt. Die im Januar 2006 in Kraft getretene neue Bildungsverordnung für Chemie- und Pharmatechnologen/-technologinnen machte eine Überprüfung und eine Aktualisierung der Lernziele sowie Lerninhalte nötig. In diesem Zusammenhang wurde eine Ausbildungsdokumentation erstellt. Ab November 2006 erfolgte die Schulung der Berufsbildner/-innen unserer Mitgliederfirmen bezüglich Anwendung dieser Dokumentation. Unser Lehrpilot Mut-913 wurde im Frühjahr einer chemisch-technischen Risikoanalyse unterzogen. Im Sommer wurden die aus dieser Analyse abgeleiteten Massnahmen umgesetzt. Dabei wurden Investitionen von ungefähr CHF getätigt. Mitte Jahr wurde die zweite Umfrage zur Kundenzufriedenheit mit der Ausbildung Chemie- und Pharmatechnologe/-technologin durchgeführt. Dies zur Überprüfung, ob die umgesetzten Massnahmen aus der Umfrage vom September 2003 ihre Wirkung zeigen. Die Konstituierung einer Qualitätssicherungskommission gemäss Bildungsverordnung und die weitere Bekanntmachung der neuen Berufsbezeichnung werden alsbald umgesetzt. Die Rückmeldungen auf die zweite Umfrage zur Kundenzufriedenheit bezüglich der Ausbildung Chemie-und Pharmatechnologe/ -technologin werden analysiert und sodann in einen weiteren Massnahmenkatalog einfliessen. «Der Modelllehrgang für die Ausbildung der Chemielaboranten/-innen wurde als beispielhaft hervorgehoben.» 32

18 ausbildung technische berufe kaufmännische ausbildung Die Ausbildung Technische Berufe (ATB) hat inzwischen 14 Mitgliedfirmen: Damit führt sie für insgesamt 104 Lernende die Grund- und Ergänzungsausbildung durch. Die beteiligten Unternehmen stammen einerseits aus dem technischen Bereich, andererseits aus dem Detailhandel sowie dem Dienstleistungssektor. Die Quantität der Ausbildungen steigerte sich im vergangenen Jahr ein weiteres Mal: dank einem gleich bleibenden Ausbildungsbedarf unserer Mitgliedfirmen sowie Neubeitritten weiterer Lehrfirmen. Dadurch wurde die angestrebte Ausbildungsquantität erzielt: Hundert Lernende werden über vier Lehrjahre betreut. Für unsere Mitgliedfirmen wird sich dieser Zuwachs im kommenden Jahr, hinsichtlich der Ausbildungskosten, positiv auswirken. Damit bei dieser erfreulichen Zunahme der Ausbildungsquantität auch die qualitativen Ansprüche erhalten bleiben können, wurde für die Ausbildungs- und Betreuungsaufgaben im Bereich Automation und Elektrotechnik ein weiterer Mitarbeiter eingestellt. In diesem Jahr konnte die Umsetzung der Modularisierung im Informatikbereich abgeschlossen werden: Die überbetrieblichen Kurse sind nun als fester Bestandteil in die praktische Grundausbildung eingebunden. Die betreffenden Module werden jährlich auf ihre Aktualität hin überprüft und gegebenenfalls überarbeitet. Durch den stetigen Wandel im wirtschaftlichen Umfeld gewann das Projektmanagement verstärkt an Bedeutung. Daraus entstand, seitens der Mitgliedfirmen, das Bedürfnis, die Lernenden während der Grundausbildung hinsichtlich IT Service Management auszubilden. In der Umsetzung wird ATB diesem Bedürfnis Rechnung tragen, die Ausbildung in Sachen IT Service Management wird nun neu in die Grundausbildung einfliessen. Die Erhebung der Kundenzufriedenheit mittels Umfrage bei den Mitgliedfirmen ergab insgesamt einen hohen Zufriedenheitsgrad. Im Jahr 2006 wurde bei der kaufmännischen Ausbildung gefeiert: Bereits zehn Jahre ist es nun nämlich her, seit die Cadolino AG ihre Geschäftstätigkeit aufgenommen hat. Die Cadolino AG ist die Übungsfirma der aprentas, in der die Lernenden des ersten Lehrjahres das kaufmännische Grundhandwerk erlernen und erleben können. Die Lernenden wirken als Mitarbeitende in der Cadolino AG und preisen ihre rund 120 Produkte auf einem weltweiten Markt an: zusammen mit rund anderen Übungsfirmen. Dabei versteht es sich fast von selbst, dass nicht nur in Deutsch, sondern auch in Französisch und Englisch kommuniziert wird: Was in den ersten Wochen der Ausbildungszeit für die Lernenden zum Teil gar nicht so einfach und vereinzelt auch mit Unsicherheiten verbunden ist. Ende November fand die offizielle Jubiläumsfeier statt. Speziell für diesen Anlass wurde der Film «Cadolino AG unsere Übungsfirma» gedreht, der den Gästen gezeigt wurde. Dadurch erhielten sie einen umfassenden Einblick in das florierende Tagesgeschäft unserer Übungsfirma. Etwas weniger lang nämlich seit gut einem Jahr sind wir auch in der modularen Nachholbildung für Erwachsene tätig. Für uns war es eine Herausforderung, einmal Erwachsene als Auszubildende in der Grundbildung zu haben. Dabei zeigte sich, dass wir nach einem ersten Moduldurchgang doch noch einiges optimieren können, um die Ausbildung für die Lernenden noch effizienter zu gestalten. Gut eingespielt sind in der Zwischenzeit die überbetrieblichen Kurse, welche wir für die Branche Chemie und die IGKG beider Basel durchführen. Erfreulich ist hier jeweils die Beteiligung interessierter Berufsbildner und Berufsbildnerinnen der verschiedensten Lehrfirmen, welche sich als kompetente Experten für die Abnahme von Prozesseinheitspräsentationen immer wieder zur Verfügung stellen. Jedes Jahr betreten wir in einem Bereich Neuland. Im Jahr 2006 war dies unsere Mitwirkung an einem Pilotversuch, wo wir den Einführungsblock ins kaufmännische Grundhandwerk für Büroassistenten die Attestauszubildenden im KV-Bereich übernommen haben. 35

19 Weiterbildung Bereich öffentlichkeitsarbeit und dienstleistungen Auch für das Jahr 2006 kann bezüglich des Bereichs aprentas Weiterbildung wiederum von einer positiven Entwicklung gesprochen werden. Als Schwerpunkte konnten dabei eine grössere Diversifizierung sowie eine Zunahme des Kursangebots erzielt werden: Dabei handelt es sich im Einzelnen um spezialisierte Berufsbildnerfortbildungen, eine Förderung der Mitarbeitenden in Sachen Sprache, Schreiben und Computer, einen Grundkurs für Personen, die in Labortierversuche involviert sind, sowie um bedarfsorientierte Kurse für Produktionsmitarbeitende. Der Umsatz an Kursgebühreneinnahmen konnte durch diese erfreulichen Entwicklungen gesteigert werden. Die erhöhten Entwicklungskosten werden dann in den kommenden Jahren amortisiert. Zudem wurde die Sicherstellung der Qualitätsnormen (nach eduqua und ISO 9001:2000) in Zusammenarbeit mit unseren Ausbildenden weiter vertieft und umgesetzt. Erneut ausgebaut wurde im vergangenen Jahr die bereichsübergreifende Zusammenarbeit. In diesem Zusammenhang wurden vermehrt Kurse mit aprentas-auszubildenden durchgeführt: Deren Ertragskosten konnten dann direkt den einzelnen Ausbildungsbereichen gutgeschrieben werden. Bedauerlicherweise musste in einzelnen Kursen zur Weiterbildung zum Eidg. dipl. Laboranten HFP erneut ein Rückgang der Teilnehmerzahlen verzeichnet werden. Dies hatte zur Folge, dass eine Kursgebührenerhöhung unumgänglich wurde. Der Ausbildungsverbund aprentas setzt sich im Auftrag der Mitgliederfirmen für soziale und bildungspolitische Aufgaben ein. Mit zwei innovativen Projekten engagiert sich aprentas für Jugendliche, die keine Lehrstelle finden können. check-in aprentas heisst das neue Bildungsprojekt für Jugendliche und junge Erwachsene mit schwachen schulischen Leistungen. Es wird getragen von der Stiftung ALU Arbeitslosenunterstützung der Arbeitslosenversicherungskasse der Basler Chemischen Betriebe, dem Kanton Basel-Landschaft und dem Staatssekretariat für Wirtschaft (seco). check-in aprentas verfolgt das Ziel, die Arbeitsmarktfähigkeit der Teilnehmenden gezielt zu fördern und damit die Voraussetzungen für eine Ausbildung oder den Einstieg in eine geeignete Arbeitsstelle zu schaffen. Der Schwerpunkt liegt dabei beim Arbeitstraining und bei der Förderung des Verantwortungsbewusstseins für eine auszuführende Arbeit. Das Programm richtet sich nach den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen der Teilnehmenden. Die Jugendlichen können soweit freie Plätze vorhanden sind jederzeit ins Programm eintreten. Im Brückenangebot Vorlehre A aprentas können sich die Schülerinnen und Schüler ein Jahr lang auf eine Berufslehre vorbereiten. Während zweier Tage Schulunterricht arbeiten sie an ihren Defiziten im Deutsch und im Rechnen. Drei Tage sind die Jugendlichen an einem Praktikumsplatz eingesetzt, wo sie ihre Sozialkompetenzen trainieren können, die im späteren Berufsleben wichtig sind. In Sachen Berufsinformation für die Schülerinnen und Schüler ab dem 8. Schuljahr bietet aprentas im Schullabor zur Unterstützung der Berufsfindung Informationsnachmittage und Schnuppertage in den Chemieberufen an. aprentas unterstützt die Mitgliederfirmen auch bei der Suche und der Auswahl von geeignetem Berufsnachwuchs. Für die Rekrutierung der Lernenden, welche wir für die Firmen im Mandat übernehmen, haben wir ein mehrstufiges Auswahlverfahren entwickelt. Dabei legen wir grossen Wert auf die Sozialkompetenzen und die praktischen Fähigkeiten, welche wir durch standardisierte Arbeiten im jeweiligen Beruf abklären. Selbstverständlich gehören auch alle damit verbundenen administrativen Arbeiten bis hin zum Ausfüllen des Lehrvertrages dazu

20 qualitätsmanagement struktur aprentas verpflichtet sich der Qualität Seit der Zertifizierung verpflichten wir uns der Qualität und sind bestrebt, unser Dienstleistungsangebot kontinuierlich zu verbessern. Im Berichtsjahr wurden im Qualitätsmanagement die gesamte Prozessarchitektur sowie die einzelnen Prozesse weiter optimiert, Strukturen und Abläufe transparenter gestaltet. Die intensive Auseinandersetzung der involvierten Mitarbeitenden mit dem Qualitätsmanagementsystem hat bestätigt, dass dessen Sinn und Nutzen auf breiter Basis anerkannt wird. Die gewonnenen Erkenntnisse aus den Systemüberprüfungen und deren Verdichtung im Rahmen der Management-Reviews ergaben eine umfassende Sicht unserer Dienstleistungen und unseres Umfeldes. Auf der Basis strategischer Vorgaben wurden geeignete Massnahmen zur Systementwicklung erarbeitet und umgesetzt. Ein Meilenstein war die Schaffung eines gemeinsamen Führungsverständnisses. Die Führungsgrundsätze unterstützen die nachhaltige Weiterentwicklung aller Mitarbeitenden und somit des gesamten Unternehmens. Mit der zeitgemässen 360 -Beurteilung der Vorgesetzten motivieren wir die Belegschaft zur vertieften Auseinandersetzung mit unserem Unternehmen und seinen Aufgaben; die Selbstreflexion und der gegenseitige Austausch sind Grundsteine für die permanente Optimierung der Leistungen von aprentas. Das Qualitätsmanagementsystem ist ein zentrales Instrument für die Fokussierung unseres Kerngeschäftes auf die Bedürfnisse unserer Kunden. Die Erkenntnisse aus diversen Systemanalysen sind u. a. massgebend für unsere Arbeit und die weitere Ausrichtung unseres Ausbildungsverbundes. Auch in Zukunft ist und bleibt die Förderung der Professionalität und des Qualitätsbewusstseins aller Mitarbeitenden unerlässlich für die Umsetzung unserer Strategie und für die Erreichung der Unternehmensziele. Vorstand Dr. Jürgen Brokatzky-Geiger, Präsident Beat Spitteler Thomas Jakopp Dr. Werner Rutsch Dr. Alain De Mesmaeker Dr. Walter Ritter Niklaus Gruntz Christoph Marbach Dr. Rolf Knechtli Patrizia Born Dr. Johannes R. Randegger Organigramm Mitgliederversammlung Präsident Dr. Jürgen Brokatzky-Geiger Novartis International AG Novartis Pharma AG Ciba Spezialitätenchemie AG Ciba Spezialitätenchemie AG Syngenta Crop Protection AG Syngenta Crop Protection AG Kanton Basel-Landschaft Kanton Basel-Stadt Geschäftsführer Sekretariat Ehrenpräsident Geschäftsführer Dr. Rolf Knechtli «Das Qualitätsmanagementsystem ist ein zentrales Instrument für die Fokussierung unseres Kerngeschäftes auf die Bedürfnisse unserer Kunden.» Verwaltung und Personal Konrad Eberhart Ausbildung Labor Remo Borer Ausbildung Produktion Markus Häner Qualitätsmanagement Konrad Bruttel Ausbildung Technische Berufe Peter Fehlmann Kaufmännische Ausbildung Denise Lanicca Geschäftsleitungssekretariat Patrizia Born Weiterbildung a. i. Markus Häner Öffentlichkeitsarbeit Annemarie Graf-Leuppi 39

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