Deutsche Sprache im 21. Jahrhundert

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1 Der vorliegende Text ist die Schriftfassung eines Vortrags auf der Jahrestagung der Gesellschaft Katholischer Publizisten in Mainz am 20. März Deutsche Sprache im 21. Jahrhundert Inhalt 1. Standortbestimmung: Die Themen Der Zustand des Deutschen: Variation und Wandel Deutsch als Varietätengefüge Anglizismen Der Status des Deutschen: Koexistenzen und Konkurrenzen Weltgeltung des Deutschen Deutsch als Wissenschaftssprache Deutsch in den Institutionen der EU Zusammenfassung Literatur Standortbestimmung: Die Themen Wie steht es um die deutsche Sprache im 21. Jahrhundert? Vor nicht ganz zwei Jahren, am 27. Juni 2013, hat der Deutsche Bundestag einen gemeinsamen Entschließungsantrag der Fraktionen der CDU/CSU und FDP verabschiedet, einen Antrag mit dem Titel Deutsche Sprache fördern und sichern, nachzulesen in der Bundesdrucksache 17/ Die Abstimmung fand spätnachts als Zusatzpunkt 18 der Tagesordnung statt, die zugehörigen Reden wurden lediglich zu Protokoll gegeben. Drei Dinge sind hier bemerkenswert: zum einen, dass der Verabschiedung dieses Antrags keinerlei öffentliche Debatte vorausging; zweitens dass der Antrag auch im parlamentarischen Prozess offenbar nicht sehr prominent behandelt wurde; und schließlich, dass er praktisch folgenlos geblieben ist. Im Folgenden soll kurz skizziert werden, wovon dieser Antrag handelt. Der Text umfasst sechs Seiten und besteht aus drei Abschnitten. Im ersten Teil, auf den ersten drei Seiten, stellt der Bundestag etwas fest; im zweiten Teil, auf etwas mehr als einer Seite, folgt eine Liste von neun unnummerierten Einzelpunkten, die der Bundestag begrüßt; und der dritte Teil schließlich, gut zwei Seiten, umfasst eine Liste von siebzehn einzeln nummerierten Handlungsaufforderungen an die Bundesregierung. Der erste Absatz des Textes lautet wie folgt: 1

2 Sprachen sind Mittel kultureller Selbstvergewisserung, auch über nationale Grenzen hinweg. Jede Sprache ist Trägerin eines kulturellen Gedächtnisses und einer besonderen Ausdrucksfähigkeit. Es ist die kulturelle Bedeutung unserer Sprache, die sie so wertvoll und schützenswert macht. Es folgen Bemerkungen zur Sprache als Identitätsträger, es wird die Vielfalt und Schönheit des Deutschen gelobt und die großen und traditionsreichen Werke der deutschsprachigen Literatur gefeiert, auch die Formel vom Land der Dichter und Denker fehlt nicht. Es wird betont, dass das Deutsche eine alte Sprache sei und einen besonders großen Wortschatz habe offenbar ist das gut, wenn man viele Wörter hat, also: mehr als die anderen ; und es heißt dort: Die Gemeinsamkeit der Sprache ist auch eine Grundlage unseres Nationalstaats. Die gemeinsame Sprache definiert die Nation: eigentlich ist eine Gedankenfigur des 19. Jahrhunderts. Aber auch eine andere Dimension wird genannt. Sprache, so heißt es dort, sei notwendig, um die demokratische Willensbildung zu organisieren und zu artikulieren. Und weiter: Die Beherrschung einer Sprache ist auch die Voraussetzung dafür, an gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungen teilhaben und auf sie einwirken zu können. Es folgen, einigermaßen ungeordnet, Bemerkungen zu Sprecherzahlen verschiedener Sprachen, zur Wirtschaftskraft der deutschen Sprachgemeinschaft, zur Mehrsprachigkeit in der EU und zur Rolle des Deutschen in den europäischen Institutionen, schließlich noch zu Deutsch als Wissenschaftssprache und, sehr ausführlich, zur deutschsprachigen Literaturproduktion und Literaturförderung. Soweit die vom Bundestag beschlossene Zustandsbeschreibung. Von den dann folgenden neun Punkten, die der Bundestag begrüßt, handeln fünf von der Literaturförderung (etwa dass P.E.N.-Zentrum Deutschland einen Bundeszuschuss erhält oder dass die Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften jährlich vom Beauftragten für Kultur und Medien finanziell unterstützt wird) und vier von der Förderung des Sprachunterrichts im Rahmen der Auswärtigen Kulturpolitik, vom allem durch die Goethe-Institute und den DAAD). Im dritten Abschnitt folgen nun siebzehn Forderungen an die Bundesregierung, die sich allerdings nicht sehr harmonisch aus dem bisherigen Text ergeben. Es ist eine ziemlich ungeordnete Liste, und die einzelnen Punkte haben unterschiedliche Bezugsbereiche und sind von sehr unterschiedlicher Granularität. Die Bundesregierung wird also aufgefordert die ersten drei Punkte : 1. in Abstimmung mit den Ländern verbindliche bundesweit vergleichbare Sprachstandtests für alle Kinder im Alter von vier Jahren einzuführen und bei Bedarf verpflichtende gezielte Sprachprogramme vor der Schule sowie solche, die unterrichtsbegleitend während der Schulzeit angeboten werden, anzubieten. [ ] 2

3 Außerdem sind, zweitens, 2. Initiativen zur Förderung der deutschen Sprache vor allem im Bereich der Integration von Migrantinnen und Migranten stärker zu fördern; Im bisherigen Text kamen die Migranten nicht vor, oder allenfalls indirekt, nämlich negativ, indem die Einheit der Nation als Sprachnation beschworen wurde; hier sind sie nun. Die dritte Forderung lautet: 3. in der eigenen Kommunikation die Worte sorgfältig zu wägen, auf Verständlichkeit zu achten und unnötige Anglizismen zu vermeiden. [ ] Seine Worte sorgfältig zu wägen und auf Verständlichkeit zu achten, das ist immer eine gute Idee allenfalls kann man sich fragen, warum der Bundestag meint, die Bundesregierung dazu mahnen zu müssen. Über die unnötigen Anglizismen wird zu reden sein. Nur rasch die restlichen Forderungen: Punkt 4 geht in eine ähnliche Richtung; dort heißt es, Beschilderungen, Leitsysteme und Beschriftungen in öffentlichen Gebäuden sollten auf Deutsch abgefasst sein. Die Forderungen 5, 9, 11, 13, 14, 15 befassen sich in der einen oder anderen Weise mit Deutsch als Wissenschaftssprache; in den Punkten 6, 7, 16 und 17 geht es um Rolle des Deutschen in der Europäischen Union; die Punkte 8 und 10 betreffen die Förderung des Deutschen als Fremdsprache; Nummer 12 schließlich fordert eine sprachpolitische Kooperation mit anderen deutschsprachigen Ländern bzw. Regionen. Soweit dieser vom Bundestag beschlossen Antrag. Was sind also offenbar (jedenfalls für die Legislative) die relevanten Gegenwarts- und Zukunftsfragen in Bezug auf die deutsche Sprache? Die behandelten Themen lassen sich grob zwei Bereichen zuordnen: Das ist zum einen der Blick nach innen, die sprachliche und kulturelle Selbstvergewisserung. Hierher gehört das ausführliche Bekenntnis zur Sprachnation im ersten Abschnitt; außerdem die nachdrückliche Betonung der Bedeutung des Deutschen als großer Literatursprache (als Sprache großer Literatur); und drittens im Text nicht gut motiviert, aber prominent platziert die Frage der Integrität der deutschen Sprache angesichts äußerer, fremder Kultureinflüsse, kurz: das Anglizismenproblem. Der zweite Bereich wendet den Blick sozusagen nach außen; hier geht es um die Stellung des Deutschen in der Welt, und zwar als Lernersprache, als Sprache der Wissenschaft und, auf dem Felde der Politik, als Sprache in den Gremien der Europäischen Union. Interessant ist auch, was nicht vorkommt. Nicht bedient wird beispielsweise der Topos vom Sprachverfall, weder derjenige vom allgemeinen, Sprach-, Bildungs- und Kulturverfall, noch der von der Verwahrlosung der Jugendsprache im allgemeinen sowie unter dem Einfluss sich ändernder medialer Gewohnheiten (wie SMS, Twitter, WhatsApp) im 3

4 besonderen. Auch nicht geklagt wird über die Sprache der Werbung. Und es fehlt der Hinweis auf das Aussterben der Dialekte. Das alles würde in den ersten Bereich gehören. Im zweiten Bereich hätte man noch Überlegungen in Bezug auf Mehrsprachigkeit erwarten können; Migranten kommen im Text zwar vor, aber nur als Personen mit defizitärer Kompetenz im Deutschen. Und die autochthonen Minderheitensprachen in Deutschland Friesisch, Sorbisch, Niederdeutsch, Romani finden gar keine Erwähnung. Um Literatur soll es im Folgenden nicht gehen, und um die Sprachnation auch nicht. Begonnen werden soll mit einigen kurzen Bemerkungen zu dem Themenkomplex Sprachwandel und Varietäten ; ansonsten gilt die Aufmerksamkeit in diesem ersten Bereich der Frage der Anglizismen. Im zweiten Bereich soll es um das Thema Deutsch als Wissenschaftssprache und um das Thema Deutsch in der EU gehen. 2. Der Zustand des Deutschen: Variation und Wandel 2.1. Deutsch als Varietätengefüge Sprache ist darauf weist der Bundestagsantrag zurecht hin ein zentraler Identitätsträger; Sprachdiskurse verhandeln also auch Identitätsfragen. Dabei sind Sprachdiskurse überwiegend Negativdiskurse. Die Annahme, dass es so etwas wie einen Verfall der Sprache gebe, ist vermutlich so alt wie das Nachdenken über Sprache selbst. Dass Sprache sich wandelt, ist eine anthropologische Grundtatsache; dabei ist es ein gut eingeführter Topos, dass dieser Wandel tendenziell als Verfall gelesen wird. Um nur ein (einigermaßen beliebig gewähltes) Beispiel zu zitieren: In seinem Rhetorik-Buch Brutus vergleicht Marcus Tullius Cicero die sprachliche Kompetenz seiner Zeitgenossen mit derjenigen früherer Generationen und kommt zu dem Urteil: aetatis illius ista fuit laus tamquam innocentiae sic Latine loquendi [ ], sed omnes tum fere, qui nec extra urbem hanc vixerant neque eos aliqua barbaries domestica infuscaverat, recte loquebantur. sed hanc certe rem deteriorem vetustas fecit et Romae et in Graecia. (Cic., Brut. 258) 1 Wandel wird tendenziell als Bedrohung und als Verlust wahrgenommen. Dabei steht diese Klage über einen allgemeinen Sprachverfall in einer erkennbaren gedanklichen Nähe zu derjenigen über den Verfall der Sitten und der Kultur überhaupt speziell der jeweils nachfolgenden Generation. Das ist natürlich ein problematisches Argument, denn diejenigen, die am lautesten einen fortwährenden Sprach- und Bildungs- und Kul- 1 [J]ene Zeit besaß den Vorzug ebenso der sittlichen Reinheit wie auch der Reinheit in der lateinischen Sprache. [ ] Aber es pflegten doch dazumal fast alle richtig zu reden, soweit sie nicht außerhalb dieser Stadt lebten beziehungsweise unter einem schlechten familiären Einfluß litten. Doch hat in dieser Hinsicht der Gang der Zeit verschlechternden Einfluß gehabt, zu Rom sowohl wie auch in Griechenland. (Übers. von Bernhard Kytzler; Cicero 1990, S ) 4

5 turverfall beklagen, sind ja, in dieser Logik, selber nur das vorletzte Glied einer langen Kette des Niedergangs. Es gibt in diesem Sprachverfallsdiskurs verschiedene Teildiskurse: da ist zum einen die Klage oder neutraler formuliert: die Reflexion über grammatischen Wandel (etwa über den langfristigen Umbau der deutschen Verbalflexion seit dem Althochdeutschen oder den Umbau des deutschen Kasussystems, der dem Genitiv eine andere Funktion zuweist, indem er ihn vom Objektkasus zum Attributanzeiger macht). Oft allerdings geht es weniger um den Versuch, Variation und Wandel zu verstehen, sondern mehr darum, kodifizierte Normen zu sanktuieren was auch legitim ist. Hierher gehören neben falschen Genitiven auch absurde Apostrophe und diverse orthographische Abenteuerlichkeiten, die die freie Welt so bietet. Es gibt zweitens die Kritik an bestimmten Varietäten des Deutschen. Die Sprache ist kein homogenes Gebilde, sondern sie ist ein komplexes Gefüge aus verschiedenen Teilsystemen, die sich teilweise (und zwar systematisch sogar zum größten Teil) überlappen, aber die natürlich auch divergieren. Alle sozialen Gruppen brauchen Marker zur identitären Absicherung, nach außen wie nach innen. Dass beispielsweise Jugendliche ein in mancher Hinsicht anderes Sprachverhalten haben als Erwachsene, ist sozial zwangsläufig, ebenso zwangsläufig wie die Kritik daran. Würde die Jugendsprache von Erwachsenen nicht kritisiert, dann würde sie ihre soziale Funktion nicht erfüllen. Entsprechendes gilt für bestimmte sprachliche Register, Funktionalstile usw.: die Sprache der Werbebranche, die Sprache der Zeitungsleute, die Sprache des Fernsehens: überall ist die Sprache auch ein Differenzinstrument. Es ist kommunikativ sehr nützlich, dass man Werbetexte relativ leicht als solche identifizieren kann. (Kritisieren kann man sie natürlich trotzdem.) Ein dritter Diskursbereich, bei dem die identitäre Funktion von Sprache besonders sichtbar wird, ist derjenige über regionale Variation. Der Dialekt ist die Nähesprache, üblicherweise die Varietät der Primärsozialisation, und es ist klar, dass Dialektdiskurse daher mit hoher Emotionalität behaftet sind. Meist geht es um die Sorge vor dem Aussterben der Dialekte. Dazu in aller Kürze: ja, in weiten Teilen des deutschen Sprachraums sterben die alten, kleinräumigen Ortsdialekte aus. In großen Gebieten des ehemals niederdeutschen Sprachraums ist dieser Prozess bereits abgeschlossen. Aber, nein: das ist mitnichten das Ende von regionaler Variation. Tatsächlich erleben wir Umgruppierungen in der Dialektlandschaft zu größeren Räumen, Regionalakzenten, die teilweise sogar ausgebaut werden und die Distanz zum Standard noch vergrößern. Die soziale Funktion regionaler Erkennbarkeit bleibt erhalten, nur eben nicht mehr auf Dorfebene, sondern in größeren Bezügen. Der vierte Bereich schließlich betrifft einen durch Einflüsse von außen induzierten sprachlichen Wandel: fremde Wörter, Anglizismen. 5

6 2.2. Anglizismen Es gibt in der öffentlichen Fremdwortdiskussion bestimmte Muster, die sich persistent durch den Diskurs ziehen. Ein Beispiel bietet der folgende kurze Textausschnitt, in dem die Anglisierung Deutschlands kritisiert und lächerlich gemacht wird: In Berlin spricht man gegenwärtig so viel Englisch, daß der Vorwurf, Berlin sei eine Stadt Englands, gar nicht unberechtigt ist. Natürlich sind es nicht reisende Engländer, die hier in Rede stehen, sondern gut deutsche, Berliner Bürger Betritt man heute ein neues Haus, um etwa eine Wohnung zu besichtigen, so wird man, da der neuzeitliche Mensch nicht mehr Treppen steigt, mit einem Aufzug oder Fahrstuhl hinaufbefördert. Dieser Fahrstuhl heißt in Berlin Lift, und der ihn bedienende Pförtner oder Fahrstuhljunge trägt stolz den Aufdruck Liftboy an der Mütze. Echt deutsch In diesen Wohnungen finden wir jetzt außer dem Bratofen, auf dem die deutsche Hausfrau bisher den Gänsebraten oder die Apfelspeise herstellte, einen Grill. Denn der echte Berliner, der in diese Wohnung zieht, ißt zum Frühstück beileibe nicht mehr ein Eisbein oder ein Stück Rindfleisch, sondern ein Beefsteak, ein Rumpsteak, ein Kalbsteak oder sonst ein Steak, und das würde ihm nicht schmecken, wenn es nicht auf dem Grill und womöglich in dem besonderen Grillroom zubereitet worden wäre. Der gute deutsche Mann ißt zudem schon lange keinen Kuchen mehr, sondern behilft sich mit Cakes und statt der gerösteten Brotschnitte nimmt er zum Kaviar Toast, statt der Butterstullen Sandwiches. (Dunger 1909, S.4, zit. n. Spitzmüller 2008, S. 66) Es handelt sich um einen Text aus dem Jahre 1909 von Hermann Dunger mit dem Titel Engländerei in der deutschen Sprache ; Hermann Dunger war eine prominente Figur im Purismus-Diskurs um die vorletzte Jahrhundertwende. Dieser Text ist ziemlich typisch für eine bestimmte Form von Fremdwortkritik, die auch in der Gegenwart sehr geläufig ist; Stil und Argumentation haben sich nicht wesentlich geändert. Die wichtigsten Argumente der Anglizismenkritiker lassen sich wie folgt zusammenfassen (nach Spitzmüller 2008): 1. Die Sprecher verwendeten Anglizismen nur, um sich in besonderer Weise zu profilieren, aus Imponiergehabe, oder, wie Hermann Dunger es formuliert: eitles Prunken mit Sprachkenntnissen (Dunger 1899, Sp. 250). 2. Der Gebrauch von Anglizismen schaffe Verständnisbarrieren; Sprecher, die des Englischen unkundig seien, würden ausgegrenzt. 3. Überhaupt sei der bereitwillige Gebrauch fremder Wörter Zeichen von fehlender Sprachloyalität und damit Ausdruck einer gestörten Nationalidentität. Die Argumente, die wiederum von Purismuskritikern typischerweise angeführt werden, lauten, etwas kondensiert, wie folgt: 6

7 1. Sprachkontakt und Entlehnungen habe es schon immer gegeben: Latein, Französisch, jetzt Englisch; das sei nicht bedenklich. 2. Anglizismen stellten eine semantische Bereicherung dar. 3. Purismus sei nationalistisch. Auf den jeweils letzten Punkt, die Frage von Sprache und Nation, soll hier nicht weiter eingegangen werden; es dürfte jedoch auf der Hand liegen, dass es nicht primär sprachliche Fragen sind, die in diesem Teildiskurs verhandelt werden. Interessant ist hier etwas anderes, und zwar die diesen Argumentationen zugrundeliegenden Sprachkonzepte. Offensichtlich folgen sowohl Anglizismenkritiker als auch Purismuskritiker demselben laienlinguistischen Konzept von Sprache. Kurz gesagt liegen diesem Konzept die folgenden Annahmen zugrunde (vgl. Spitzmüller 2008, S ): 1. Sprache ist dazu da, um Dinge zu benennen. Aus dieser Annahme speist sich der Streit, welche Anglizismen überflüssig seien. Dingen, die schon Wörter haben, (so die Logik) müssen keine neuen Wörter zugewiesen werden. 2. Sprachen sind klar strukturiert, es gibt eindeutige Regeln, es gibt richtig und falsch. Und 3. Sprachen sind homogene, klar definierte Gebilde mit eindeutigen Grenzen. In diesem Sinne sind eben englische Wörter Teil der englischen und nicht Teil der deutschen Sprache. Dieses Konzept ist in der europäischen Geistesgeschichte ziemlich populär, man findet es ziemlich prominent ausgearbeitet schon bei Johann Gottfried Herder. Leider ist daran so ziemlich alles falsch. Natürlich ist Sprache dazu da, um Dinge zu benennen. Aber das ist bei weitem nicht alles. Sie ist auch ganz wesentlich ein Instrument zur sozialen Positionierung, und oft ist diese soziale Funktion sogar bedeutsamer als die Darstellungsund Benennungsfunktion. Bike und Fahrrad sind zwar auf der Ebene des Denotats, das heißt hinsichtlich des benannten Objekts identisch (wobei auch das nicht mal ganz stimmt, denn eigentlich bezeichnet Bike nur eine Teilmenge von Fahrrad ). Sie haben aber eine ganz unterschiedliche sozialsymbolische Aufladung, die vom Sprecher genutzt werden kann und die natürlich auch soziale Kosten in Form von Kritik produzieren kann. Nur muss der Sprecher dazu natürlich eine Auswahl haben. Variation (mit teils nur sehr subtilen Differenzierungen) ist also der Normalfall. In diesem Sinne ist die Formel von den überflüssigen Anglizismen zumindest aus soziolinguistischer Sicht nicht sinnvoll. Kein Sprachzeichen ist überflüssig. Das bedeutet auch, dass der Vorwurf vom Imponiergehabe natürlich zutrifft aber eben nicht trifft: natürlich kann man Anglizismen (Gallizismen, Latinismen) als Angeberei abtun. Aber das trifft niemals die Sprache, sondern nur den Sprecher. Es ist keine sprachliche Frage, sondern eine kulturelle Frage. 7

8 Ein letztes noch, das Abgrenzungsargument: Anglizismen sind keine englischen Wörter, sie sind Teil des Deutschen. Sie folgen spezifischen phonologischen, orthographischen und morphologischen Regeln, die das Deutsche für diesen Wortschatzbereich bereitstellt, sie haben Bedeutungen und unterliegen Verwendungsbedingungen, und weil sie Wörter des Deutschen sind, haben ihre Bedeutung und ihre Verwendungsbedingungen nur zufällig etwas mit ihren englischen Pendants zu tun. Die Frage, was Public viewing oder flat denn in Wirklichkeit heiße, ist falsch gestellt. Der Hinweis, handy heiße aber auf Englisch etwas anderes, geht an der Sache vorbei. Die Beherrschung des Englischen ist für die angemessene Verwendung von Anglizismen nicht nur nicht erforderlich, sondern, wegen der semantischen Differenzen, manchmal sogar störend, genauso wie das analog bei den deutschen Wörtern im französischen oder lateinischen Gewande der Fall ist. Vor anderthalb Jahren ist ein Band erschienen mit dem Titel Reichtum und Armut der deutschen Sprache mit dem Untertitel Erster Bericht zur Lage der deutschen Sprache. Es handelt sich um das Ergebnis eines Projekts der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, für das auf der Grundlage eines eigens zusammengestellten Korpus die deutsche Schriftsprache um 1900, um 1950 und um 2000 untersucht wurde. In diesem Band hat Peter Eisenberg einen Beitrag zu Anglizismen verfasst. er stellt fest, dass sich die Zahl der Anglizismen in den letzten hundert Jahren mehr als verzehnfacht hat. Allerdings weisen sie eine hohe interne Strukturiertheit auf, und vor allem stehen [sie] unter erheblichem Integrationsdruck der Kerngrammatik. Anders als bei den Latinismen, deren Wortgrammatik viele dem Kern fremde Eigenschaften hervorgebracht und konserviert hat, ist der strukturelle Einfluss der Anglizismen marginal (Eisenberg 2013, S. 115). Etwas plakativ formuliert: Von den Anglizismen, auch wenn es viele sind, droht dem Deutschen keine Gefahr. Die grammatische Struktur ist stabil, und die Anglizismen fügen sich auf eine spezifische Weise ins System des Deutschen ein. Eisenberg resümiert wie folgt: Eine Anglizismenkritik ist aus unserer Sicht gerechtfertigt, soweit sie sich auf den Gebrauch und die Generierung solcher Wörter für unakzeptable Zwecke bezieht. Auch in dieser Hinsicht stellen Anglizismen aber keinen Sonderfall dar, denn Wörter fast jeder Art werden auf diese Weise missbraucht. Allerdings legt der Zeitgeist einen Missbrauch von Anglizismen besonders nahe, etwa wo einem prätentiösen Globalismus gehuldigt wird oder wo Texte gezielt unverständlich gemacht werden. Jede Kritik dieser Art wendet sich an die Sprecher, nicht jedoch an die Sprache, schon gar nicht an die deutsche. Untergangsszenarien für und Ab- 8

9 gesänge auf das Deutsche sind nicht nur fehl am Platz, sondern sie untergraben die Loyalität der Sprecher zu ihrer Sprache. Wenn sie überhaupt Wirkung entfalten, dann ausschließlich negative. Das sollte sich jeder vor Augen führen, der sich sprachkritisch über Anglizismen äußert. (Eisenberg 2013, S. 115) Soweit Peter Eisenberg und so viel zu den Anglizismen. 3. Der Status des Deutschen: Koexistenzen und Konkurrenzen Diese Dinge betreffen das Deutsche sozusagen von innen; es betrifft die Frage, wie die Sprecher mit der Mehrgestaltigkeit ihrer Sprache und mit deren Ungleichzeitigkeiten umgehen; es ist dies letztlich ein sprachinterner oder genauer: sprachgemeinschaftsinterner Aushandlungsprozess von Normen auf den verschiedensten Ebenen aber eben ohne die Beteiligung Dritter. Wie aber sieht es aus, wenn man die Perspektive wechselt und diese Dritten mit in den Blick nimmt? In welchem Verhältnis steht das Deutsche im 21. Jahrhundert zu anderen Sprachen bzw. Sprachgemeinschaften? Auch hier muss eine Auswahl getroffen werden; es soll um zwei Themen gehen, nämlich erstens die Rolle des Deutschen als internationale Wissenschaftssprache und zweitens die Frage der Präsenz der deutschen Sprache in den politischen Institutionen der Europäischen Union. Zunächst jedoch einige Bemerkungen zum Status des Deutschen im Weltsprachenkonzert Weltgeltung des Deutschen Es gibt ungefähr bis Sprachen auf der Welt (von denen übrigens in hundert Jahren bestimmt die Hälfte ausgestorben sein dürfte ein Schicksal, das natürlich in erster Linie den nicht oder nur wenig literarisierten Sprachen droht; das Deutsche ist davon sicher nicht betroffen). Was macht eine Sprache zu einer wichtigen Sprache? Ein naheliegendes Kriterium ist die Zahl der Sprecher. In der Tat sind Sprecherzahlen (und damit Reichweiten) der einzelnen Sprachen höchst unterschiedlich: Es gibt sehr viele Sprachen mit sehr wenigen Sprechern und sehr wenige Sprachen, die sehr viele Sprecher haben. Zu den Sprachen mit vielen Sprechern gehört nach wie vor auch das Deutsche. Je nach, dem welche Quellen man befragt, bekommt man leicht unterschiedliche Zahlen; es kommt hier aber nur auf die ungefähren Größenordnungen an, und da liegt das Deutsche meistens so um Platz zehn (vgl. Abb. 1 bzw. Tabelle 1 auf der folgenden Seite). Die meisten Sprecher weltweit hat das Englische, wobei man in der Graphik auch einen weiteren Gesichtspunkt sehen kann. Wichtig ist nämlich nicht nur die absolute Gesamtzahl der Sprecher, sondern auch, ob es sich (nur oder vor allem) um eine Erstsprache handelt oder auch um eine Lernersprache. Man sieht, dass die Zahl derjenigen, die Englisch als Zweit- oder weitere Fremdsprache erworben haben, erheblich höher ist als die Zahl derjenigen, die Englisch als Muttersprache sprechen. In dieser Hinsicht unterscheidet es sich fundamental vom Mandarin-Chinesischen, das hier auf Platz zwei 9

10 steht (vermutlich muss man die Sprecherzahl noch nach oben korrigieren): hier sind die Sprecher zum weit überwiegenden Teil Muttersprachler. Abbildung 1: Sprecherzahlen (gesamt) Muttersprache Insgesamt Englisch Mandarin Hindi Spanisch Französisch Arabisch Russisch Portugiesisch Bengali Deutsch Japanisch Koreanisch Tabelle 1: Sprecherzahlen (gesamt) (in Mio.) Dem Englischen in dieser Hinsicht am ähnlichsten (wenngleich auf deutlich niedrigerem Niveau) ist das Französische, auch hier übersteigt die Zahl der Zweitsprachler diejenige der Muttersprachler erheblich. Bengali wiederum funktioniert wie Chinesisch; und auch Japanisch und Koreanisch spielen als Fremdsprachen praktisch keine Rolle was offenbar auch heißt, dass ökonomischer Erfolg einer Sprachgemeinschaft kein hinreichendes Kriterium dafür ist, dass eine Sprache als Fremdsprache erworben wird. Deutsch schafft es mit rund hundert Millionen Muttersprachlern und ungefähr achtzig Millionen Fremdsprachenlernen gerade noch unter die Top Ten. 10

11 Ein anderes wichtiges Kriterium ist die regionale Verteilung. Tatsächlich ist Deutsch als Erstsprache weltweit verbreitet. Abbildung 2: Deutsch in der Welt 2 Abbildung 2 zeigt eine Karte aus Wikipedia. An einzelnen Punkten kann man Kritik üben; worauf es hier ankommt, ist das Gesamtbild: Deutsch kommt zwar weltweit vor, aber praktisch nur in Form von sehr kleinen Minderheitengebieten, sogenannten Sprachinseln. Deutsch ist auf allen Kontinenten vertreten, auch in Australien (das ist hier nicht eingezeichnet). Doch die meisten dieser Sprachinseln sind inzwischen hochgradig moribund. In vielen der hier eingezeichneten Gebieten gibt es allenfalls noch Sprecher der älteren Generation, und was es nirgends mehr gibt, ist eine deutsche Einsprachigkeit in den Minderheitengebieten. Ganz anders sind die Verhältnisse beim Englischen. Abbildung 3 (auf der nächsten Seite) zeigt eine Karte der britischen Kolonialgebiete; die USA muss man eigentlich noch hinzunehmen. Englisch hat sich entweder als alleinige Erstsprache vollständig durchgesetzt (wie in Nordamerika, Australien, Südafrika), oder es hat sich zumindest als Amts- und Verwaltungssprache und vor allem als Bildungssprache etabliert. Deutsch ist hingegen als Kolonialsprache ohne nennenswerte Verbreitung geblieben

12 Abbildung 3: Britische Kolonialgebiete Das zeigen auch die Sprecherzahlen (vgl. Tabelle 2). Gesamtsprecherzahl davon in Europa davon in Übersee Englisch ,3 (10,7%) 511,7 (89,3%) Spanisch ,4 (11,2%) 312,6 (88,8%) Russisch ,8 (71,4%) 69,2 (28,6%) Portugiesisch 182 9,8 ( 5,4%) 172,2 (94,6%) Französisch ,4 (47,6%) 68,6 (52,4%) Deutsch ,9 (96,0%) 4,1 (4,0%) Tabelle 2: Sprecherzahlen (Erstsprachler) (in Mio.) 3 Englisch und Spanisch sind in dieser Hinsicht erfolgreiche Kolonialsprachen. Fast neunzig Prozent ihrer Sprecher (hier geht es um Muttersprachler) kommen nicht aus Europa. (Diese Zahlen weichen etwas ab von denen in Tabelle 1, aber es kommt hier nur auf die ungefähren Größenordnungen an.) Noch deutlicher ist dieser Effekt beim Portugiesischen; etwas plakativ gesagt: Portugal ist klein, und Brasilien ist groß. Das Deutsche verhält sich genau umgekehrt wie das Portugiesische: Die allermeisten seiner Sprecher kommen aus Europa, und zwar aus einem weitgehend geschlossenen Sprachgebiet. All das zusammengenommen bedeutet: Deutsch ist eine europäische Sprache. Und es bedeutet: Deutsch ist keine Weltsprache Deutsch als Wissenschaftssprache Mit dieser nüchternen Feststellung dass Deutsch keine Weltsprache ist müssen die Überlegungen zur Rolle des Deutschen als Wissenschaftssprache beginnen. Und die zweite, ebenso nüchterne Feststellung lautet: wenn über akademische Mehrsprachigkeit gesprochen wird, geht es in Wirklichkeit gar nicht um Mehrsprachigkeit jedenfalls 3 12

13 nicht in dem Sinne, dass eine balancierte Koexistenz (und im besseren Falle Kooperation) mehrerer Sprachen als hermeneutischer Instrumente im Interesse des Fortschritts der Wissenschaft angestrebt würde, sondern es geht einzig und allein um die Frage, welche Rolle die eigene Sprache neben der übermächtigen Lingua franca Englisch spielen kann. Das ist etwas anderes. Abbildung 4: Auszug aus Zoological Record 1920 (aus: Ammon 2000, S. 62) Es ist nicht so lange her, da waren die Verhältnisse noch andere. Das ganze Mittelalter hindurch und bis weit in die Neuzeit hinein war in ganz Europa die Sprache der Wissenschaft Latein. Mehr noch: Latein war lange Zeit die alleinige Sprache der Alphabetisierung und Literarisierung: Wer in Europa im Mittelalter Lesen und Schreiben gelernt hat, hat es auf Latein gelernt. Erst in der frühen Neuzeit haben sich die großen europäischen Volkssprachen, so auch das Deutsche, als Bildungs- und Wissenschaftssprachen vom Lateinischen emanzipiert. Dieser Sprachwechsel weg von der allgemeinen Lingua franca Latein war Teil eines umfassenden Modernisierungsprozesses der europäischen Gesellschaften, bei dem es im Kern um die Neujustierung der sozialen Verhältnisse ging. Für 13

14 die Wissenschaft stellte diese neue nationale Einsprachigkeit einen großen Gewinn dar, weil sie einen breiteren Zugang zu Bildung, auch zu akademischer Bildung, ermöglichte und dieser damit ihre elitäre Exklusivität nahm; die nationalen Wissenschaftsmärkte wurden größer und damit dynamischer. In der Folge musste sich der Wissenschaftssprachenmarkt neu organisieren; regional und nach Fächern unterschiedlich spielt eine Handvoll Sprachen hier eine gewisse Rolle, wobei eine Reihe von Faktoren ausschlaggebend war. Wissenschaftliche Exzellenz war sicherlich ein wichtiges Kriterium, aber keineswegs das einzige. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte das Deutsche tatsächlich weltweit, auch in den Naturwissenschaften, eine bedeutende, teils dominierende Position. Abbildung 4 (auf der vorigen Seite) zeigt einen Ausschnitt aus dem Zoological Record von 1910, einer britischen biologischen Fachzeitschrift. Man sieht hier (farblich markiert) Belege für die Funktion von Deutsch als Lingua franca: das Deutsche wird genutzt zur Übersetzung russischer, norwegischer und portugiesischer Titel und zwar für englischsprachige Leser. Man muss allerdings klar sehen, dass dies nur ein ganz kurzes Zwischenhoch in der Geschichte des Deutschen als Wissenschaftssprache war. Abbildung 5: Zitatenanteile in chemischen Fachzeitschriften, (aus: Ammon 2000, S. 63) Abbildung 5 zeigt eine Auszählung der Sprachen von Zitaten in wissenschaftlichen Fachzeitschriften im Fach Chemie, in diesem Fall Deutsch, Englisch und Französisch bezogen sich noch rund die Hälfte der Zitate, die in chemischen Fachaufsätzen vorkamen, auf Texte in deutscher Sprache (unabhängig davon, in welcher Sprache der jeweilige Aufsatz geschrieben war), 1990 war es nur noch ein Zehntel. Auch hier kann man über die Validität der Zahlen im Detail diskutieren; es kommt aber auch nicht auf ein paar Prozentpunkte an, sondern auf die Gesamttendenz, und die ist eindeutig: Der Anteil von Deutsch, so formuliert es Ammon, sinkt wie Blei, während der Anteil von Eng- 14

15 lisch wie Helium aufsteigt. Und das sind nur quantitative Angaben, die nichts über die Qualität der Zitate aussagen; für die jüngere Zeit wird man davon auszugehen haben, dass es sich bei vielen der Zitate nur um Klassiker handelt, die von Publikation zu Publikation weitergetragen werden und in Wirklichkeit gar nicht rezipiert worden sein müssen. Inzwischen gehen einige US-amerikanische Zeitschriften man muss sagen: konsequenterweise so weit, Zitate in einer anderen Sprache als Englisch schlicht nicht zu akzeptieren. Anderssprachiges Wissen wird damit einfach inexistent. Ein Hinweis zu diese Graphik ist noch wichtig: Man sieht, dass der Niedergang des Deutschen nicht erst mit dem Jahr 1933 beginnt. Selbstredend hat dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte, als Deutschland (und Österreich) der Zivilisation die Barbarei vorzogen und unter den deutschsprachigen Wissenschaftlern gerade die besten mundtot machten oder ins Exil trieben, der deutschen Wissenschaft schwersten Schaden zugefügt. Aber es ist ein Mythos, dass dies ursächlich gewesen sei für den Bedeutungsverlust des Deutschen als internationaler Wissenschaftssprache. Dieser Bedeutungsverlust war bereits nach dem Ersten Weltkrieg in vollem Gange. Abbildung 6: Anteile der Sprachen an naturwissenschaftlichen Publikationen, (aus: Ammon 2000, S. 65) Abbildung 6 bezieht sich auf die jüngere Zeit; sie hat eine etwas andere Datengrundlage, aber die Tendenz ist dieselbe. Hier geht es um die Anteile der größeren Sprachen an naturwissenschaftlichen Publikationen in den Jahren 1980 bis Man beachte, dass die Ordinate der Abbildung kräftig gestaucht ist. Da der Anteil deutschsprachiger Wissenschaftler an der Gesamtmenge wissenschaftlicher Publikationen nicht erheblich zurückgegangen ist, heißt das, dass deutschsprachige Wissenschaftler nicht mehr in ihrer eigenen, sondern in einer anderen Sprache schreiben, und zwar auf Englisch. Für die Wirt- 15

16 schaftswissenschaften sieht es im Prinzip nicht so viel anders aus, für die Geistes- und Sozialwissenschaften auch nicht, auch wenn die absoluten Zahlen etwas geringer sind. (In den Geistes- und Sozialwissenschaften etwa sind ,6 Prozent der Publikationen auf Englisch geschrieben, 1995 sind es 82,5 Prozent. Im selben Zeitraum sinkt der Anteil von Deutsch von 8,0 Prozent auf 4,1 Prozent; vgl. Ammon 1998, S. 167.) Warum ist das ein Problem? Natürlich ist eine echte Lingua franca ein faszinierendes Konzept. Die Vorteile liegen auf der Hand: wenn alle dieselbe Sprache sprechen, sollte es leicht sein, Einigkeit zu erzielen, alle Kommunikationsbarrieren sind beiseite geschafft, alle damit verbundenen Kosten können eingespart werden, die Primärkosten Sprachausbildung, Dolmetschen, Übersetzen ebenso wie Sekundärkosten, die durch Reibungsverluste und Übersetzungsfehler entstehen. Das alles gilt selbstredend nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für die Kultur allgemein und auch (und vielleicht sogar in erster Linie) für Handel und Wirtschaft. Wer so argumentiert, folgt derselben Sprachideologie, die der Erzählung vom Turmbau zu Babel zugrundeliegt. In diesem Konzept ist Einsprachigkeit der eigentliche Urzustand, der technische Höchstleistungen ermöglicht (und im Falle des Turmbaus zu Babel eben auch der menschlichen Hybris Vorschub leistet: was wir können, tun wir auch), und diesen Urzustand gilt es wiederherzustellen. Mehrsprachigkeit erscheint in diesem Konzept als Strafe, und zwar als Strafe, die den technischen Fortschritt unterbindet. (Übrigens ist natürlich im Grunde genommen die oben angesprochene Gleichung ein Staat eine Sprache prinzipiell nichts anderes, nur eben nicht im globalen, sondern im nationalen Rahmen.) Das Problem ist, dass es diese neue Einsprachigkeit nicht umsonst gibt. Ist sie einmal hergestellt, führt die barrierefreie Kommunikation zu erheblichen Kostenvorteilen. Auf der anderen Seite stehen allerdings gewaltige Investitionskosten, die zunächst einmal erbracht werden müssen, und zwar individuell jedes Mal aufs Neue. Das sind zum einen schlicht die ökonomischen Kosten des Spracherwerbs für diejenigen, die nicht ohnehin der Lingua franca teilhaftig sind; das sind sodann die Kosten, die möglicherweise aus einer hermeneutischen Zugangsbeschränkung resultieren; man kann es auch umgekehrt formulieren: man vergibt sich unter Umständen mit dem Verzicht auf Pluralität eine Chance auf Erkenntnisgewinn. (Das ist sicher ein Problem, das etwa die Mathematik weniger betrifft als die Soziologie; das ist auch kaum zu beziffern.) Der Gebrauch einer Lingua franca mag global ein Vorteil sein, regional erschwert er aber die Möglichkeit zu Teilhabe. Ein wesentlicher Grund für die explosionsartige Dynamisierung der europäischen Wissenschaftswelt in der Neuzeit war ja gerade die Emanzipation vom Latein als alleiniger Wissenschaftssprache. Und natürlich auch das will ich nur erwähnen und nicht weiter diskutieren produziert ein Sprachwechsel immer auch identitäre Kosten. 16

17 Die Kernfrage lautet nun: wie viele Kosten (auch immaterielle) wiegt der mögliche Gewinn auf? Dabei ist natürlich auch über die Frage der Lastenverteilung zu sprechen. Der Vergleich zwischen dem Latein des Mittelalters und der Situation heute ist nämlich in einem ganz entscheidenden Punkt schräg: Während Latein niemandes Muttersprache war und damit die Erwerbskosten im Prinzip gleich verteilt waren, haben heute diejenigen, die Englisch als Erstsprache haben und die vor allem das ist noch wichtiger in der englischen Sprache alphabetisiert und literarisiert werden, einen uneinholbaren Vorteil. Es genügt nämlich nicht, Wortschatz und Grammatik zu beherrschen, sondern es gibt sehr tiefliegende Strukturen der Traditionen des Formulierens, die für Anderssprachige kaum oder gar nicht erreichbar sind. Das hat ganz praktische Folgen. Abbildung 7 zeigt die bewilligten ERC Starting Grant für Abbildung 7: ERC-Starting Grants 2011 Es handelt sich dabei um ein sehr prestigieuses Forschungsförderprogramm des European Research Council der EU-Kommission; die Förderanträge müssen natürlich auf Englisch eingereicht werden. In der Graphik sind die Zuwendungsempfänger nach Ländern aufgeschlüsselt; man sieht auf den ersten Blick, dass das Vereinigte Königreich, gemessen an seiner relativen Größe, deutlich überrepräsentiert ist. Italien etwa, das ungefähr genauso viele Einwohner hat wie Großbritannien, ist mit 28 Grantees wesentlich weniger erfolgreich in der Einwerbung gewesen. Auch Osteuropa ist insgesamt auffällig unterrepräsentiert. Man tut den Briten sicher nicht unrecht, wenn man behauptet, dass diese Verzerrungen sich nicht ausschließlich darauf zurückführen lassen, dass in Großbritannien so exzellente Wissenschaft betrieben wird. Besonders augenfällig ist dieser Effekt in den Social Sciences and Humanities, wo ja die Sprache und vor allem: die 17

18 sprachliche (nicht nur wissenschaftssprachliche, sondern auch allgemeinsprachliche) Sozialisierung eine besondere Rolle spielt Deutsch in den Institutionen der EU Der letzte Abschnitt behandelt die Rolle des Deutschen in den Institutionen der Europäischen Union. Die EU hat 24 Amtssprachen, die formell gleichberechtigt sind. Das ist wichtig für das Selbstverständnis der EU; die allererste Verordnung, die überhaupt von der EWG nach ihrer Gründung 1958 erlassen wurde, behandelte die Sprachenfrage. Jeder Bürger der EU soll alle Dokumente der EU in der Amtssprache seines Landes bekommen können, und jeder Bürger hat das Recht, der Europäischen Kommission zu schreiben und eine Antwort in seiner Sprache zu erhalten. Das ist natürlich nicht ganz unaufwendig. Die Europäische Kommission betreibt einen der größten Übersetzungsdienste weltweit mit 2500 Übersetzern und Dolmetschern. Dabei werden viele der über 500 denkbaren Sprachenkombinationen nicht einmal direkt bedient, sondern über Brückensprachen. Neben diesen 24 Amtssprachen gibt es drei Arbeitssprachen, die zugleich die drei meistgesprochenen und meistgelernten Sprachen sind, nämlich Deutsch, Englisch und Französisch. Faktisch spielt jedoch Deutsch keine große Rolle. In den Anfangsjahren der EU bzw. EG hielten sich die Bundesregierungen stets sehr zurück, was das Einfordern einer sprachlichen Gleichberechtigung anging, aus verschiedenen Gründen, und Substanzielles hat sich daran nicht geändert. Verschoben hat sich allerdings die erste Arbeitssprache: das war früher Französisch, heute dominiert ganz klar Englisch. In regelmäßigen Abständen wird diese Frage in der deutschen Öffentlichkeit immer mal wieder zum Thema; meistens herrscht ein gewisses Unbehagen vor, verbunden mit dem Hinweis, dass Deutsch nach Sprecherzahl, Einwohnerzahl der deutschsprachigen Länder und ihrer Wirtschaftskraft deutlich unterrepräsentiert ist. Das Institut für Deutsche Sprache hat zusammen mit dem Lehrstuhl für Sozialpsychologen der Universität Mannheim unlängst ein Forschungsprojekt zu Spracheinstellungen durchgeführt (vgl. Gärtig/Plewnia/Rothe (2010), Eichinger/Plewnia/Stahlberg/Schoel 2012). Der materielle Kern dieses Projekts ist eine repräsentative Meinungsumfrage zu verschiedensten sprachlichen Fragen: Einstellungen zum Deutschen, zu anderen Sprachen, zu Dialekten, zu Sprachwandel; und eine Frage bezog sich auch auf das Sprachregime der EU (vgl. Abb. 8 auf der folgenden Seite). Die Frage lautete: Bei den Behörden der Europäischen Union wird überwiegend Englisch und Französisch gesprochen und geschrieben. Sollte Ihrer Meinung nach (1=Deutsch dort als dritte alltägliche Arbeitssprache gleichberechtigt verwendet werden, 2=sollte das nicht der Fall sein, 3=ist Ihnen das egal). Das Ergebnis ist ziemlich eindeutig: 61,1 Prozent der Befragten sind dafür, dass Deutsch als dritte alltägliche Arbeitssprache gleichberechtigt verwendet werden sollte. Übrigens wird die Zustimmung desto größer, je älter die Befragten sind. Und die Zustimmung wird desto größer, je niedriger der Bildungsabschluss der Befragten ist. 18

19 Abbildung 8: Deutsch als gleichberechtigte dritte Arbeitssprache in der EU (aus: Gärtig/Plewnia/Rothe 2010, S. 230) Es gibt aber noch eine weitere Dimension des Problems, bei dem die Größe der Sprachgemeinschaft keine Rolle spielt. Im Zusammenhang mit der Wissenschaftssprache war oben davon die Rede, dass native speakers gegenüber Nicht-native speakers einen uneinholbaren Kompetenzvorsprung haben. Das gilt natürlich auch für politische Entscheider. Es geht aber nicht bloß um Sprachkompetenz, also etwa die Fähigkeit zur Differenziertheit im Ausdruck; die Sache ist noch verwickelter. Man kann das mit Hilfe eines Experiments zeigen, das auf dem sogenannten Trolley-Problem basiert. Es handelt sich um ein Gedankenexperiment zu einem moralischen Dilemma. Dabei geht es um Folgendes: Eine Straßenbahn (ein trolley) ist außer Kontrolle geraten und droht, fünf Personen zu überfahren. Das kann verhindert werden, indem eine Weiche umgestellt wird, so dass Straßenbahn auf ein anderes Gleis umgeleitet wird. Unglücklicherweise steht auf diesem Gleis eine andere Person (zum Beispiel ein Gleisarbeiter), der auch nicht mehr gewarnt werden kann. Die Frage ist nun: Darf durch Umlegen der Weiche der Tod einer Person in Kauf genommen werden, um das Leben von fünf Personen zu retten? Das ist ein philosophisches Problem, aber es ist natürlich auch ein juristisches Problem. Abbildung 9 (auf der nächsten Seite) zeigt eine von Judith Jarvis Thomson eingeführte Variante des Trolley-Problems, das sogenannte Fetter-Mann-Problem. Die Straßenbahn ist hier ein Zug (das spielt aber keine Rolle), die fünf Personen sind auf das Gleis gefesselt. Auf einer Brücke über der Bahnlinie sitzt ein unbeteiligter fetter Mann. Der Zug kann zum Stehen gebracht werden, indem dieser Mann von der Brücke herabgestoßen wird. Die Frage lautet nun ein bisschen anders, nämlich: Darf durch Stoßen des Mannes von der Brücke der Tod einer Person aktiv herbeigeführt werden, um das Leben von fünf anderen Personen zu retten? Also darf man (oder muss man sogar) den Einen aktiv opfern für die Fünf? 19

20 Abbildung 9: Das Fetter-Mann-Problem Man kann das utilitaristisch beantworten, dann sind eben fünf Leben mehr wert als eines. Albert Costa (Barcelona) und Kollegen haben diese Variante des Fetter-Mann- Problems Versuchspersonen vorgelegt und um Beurteilung gebeten. Dabei wurde diese Frage einmal den Probanden in deren Muttersprache vorgelegt und ein anderes Mal in einer Fremdsprache (die sie natürlich sehr gut verstehen). Das Ergebnis war: Die utilitaristische Antwort, also den fetten Mann zu opfern, geben nur 18 Prozent der Befragten, wenn sie die Frage in ihrer Muttersprache gestellt bekommen. Wird die Frage in einer Fremdsprache gestellt, sind es 44 Prozent, die den Mann opfern würden (Costa et al. 2014). Das heißt, die Versuchspersonen urteilen in einer Sprache, die nicht ihre Muttersprache ist, moralisch deutlich distanzierter. Natürlich ist das zunächst einmal nur ein Ergebnis einer Versuchsanordnung, und man muss mit Verallgemeinerungen vorsichtig sein. Dennoch ist das Ergebnis so deutlich, dass es nachdenklich stimmen sollte, wenn man sich bewusst macht, dass tagtäglich in Brüssel und Straßburg und anderswo politische Entscheidungen von großer Tragweite getroffen werden, bei denen sowohl die Debatten als auch die zugrundeliegenden Arbeitspapiere faktisch doch nur auf Englisch (und vielleicht Französisch) vorliegen; oder auch die Tatsache, dass der Deutsche Bundestag, weil es immer mal wieder schnell gehen muss in der Rettungspolitik, über Vorlagen abstimmen muss, die ihm nicht in deutscher Sprache vorliegen. Übrigens gilt das natürlich genauso auch für die ökonomische Welt, für internationale Großkonzerne, für die Finanzbranche. Die Europäische Zentralbank spricht ausschließlich Englisch. Und wenn es stimmt, dann stimmt es natürlich nicht nur in Bezug aufs Deutsche, sondern für alle Sprachen, auch für die kleinen. 20

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