Gesicht, aus Scham und aus Wut. Ein Vorfall, der die Unerreichbarkeit Bollettis weiter untermauerte und den Jagdtrieb der männlichen Kollegen um ein

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2 Gesicht, aus Scham und aus Wut. Ein Vorfall, der die Unerreichbarkeit Bollettis weiter untermauerte und den Jagdtrieb der männlichen Kollegen um ein Vielfaches steigerte. Svensson begegnete Bolletti zumeist mit Gleichgültigkeit, fast, als fühle er sich belästigt durch die stete Freundlichkeit und die Hilfsbereitschaft, die sie ihm gegenüber an den Tag legte. In Wahrheit aber war es Svenssons Art, etwas abzuwenden, von dem er glaubte, dass es ihm womöglich nicht gut bekomme oder ihn zumindest in eine gewisse Unsicherheit stürze. Frauen wie Bolletti machten ihn nervös. Sie hatten etwas, das ihn anzog, das ihn, gesetzt den Fall, er würde sich dem stellen, möglicherweise in eine Lage versetzte, die er nicht mehr kontrollieren konnte, und um dies zu vermeiden, wehrte er,

3 einem inneren Instinkt folgend, jeden Versuch einer Annäherung ab, indem er mit höflicher Distanziertheit reagierte. Trotzdem kam es in unregelmäßigen Abständen immer wieder zu der einen oder anderen Verabredung mit Frauen. Svensson selbst trug wenig dazu bei, meistens waren es die Frauen, die auf ihn zugingen und ihn ansprachen. Dabei endeten solche Treffen, wenn sie denn stattfanden, nicht selten auf vollgeschwitzten Laken, neben einem erschöpften, friedlich daliegenden weiblichen Körper. Hin und wieder kam es auch vor, dass er sich mit ein und derselben Frau mehrmals traf, auf ein Abendessen oder sie besuchten ein Konzert. Anschließend aber, als ginge es im Grunde nur um das Eine und alles vorher war Teil eines langen und gut vorbereiteten Vorspiels, küsste er seine

4 Partnerin am Hals, flüsterte ihr etwas ins Ohr, ließ sich küssen und anschließend von ihr verführen. Alles geschah im gegenseitigen Einvernehmen und mit einer gewissen Unverbindlichkeit, nie sollte das Gefühl von zu starker Verbundenheit oder Nähe aufkeimen. Spätestens dann, wenn er spürte, dass die Frau mehr zu empfinden begann, suchte er das Weite. Zu sehr war er seinen geregelten Tagesablauf gewohnt, er fürchtete den Verlust seiner Privatsphäre, war nicht bereit, diese für eine Beziehung aufzugeben. Sein Leben mit jemandem zu teilen oder jemanden an seinem Leben so intensiv teilhaben zu lassen, wollte er sich gar nicht erst vorstellen. Sein Leben, wie es war, sollte sich nicht ändern. Deshalb blieb er auch nie bis zum Morgen, und war das Erlebte auch noch so intensiv oder schön gewesen, wusch

5 er sich anschließend, zog sich an und ging nach Hause, nachdem er die Lippen zu einem Kuss geformt und seinen Mund zum Abschied auf die Wange seiner Begleitung gelegt hatte. Svensson war vor Kurzem in eine Dachgeschosswohnung am Rande der Innsbrucker Altstadt gezogen. Seit einer Woche verbrachte er die Abende damit, die im Wohnzimmer gestapelten Umzugskartons auszuräumen. Er nutzte die Gelegenheit und stöberte in alten Unterlagen, studierte gesammelte Zeitungsartikel, am Boden sitzend, seinen Besitz Karton für Karton einzeln herausnehmend und begutachtend. Die alten Schallplatten stellte er in eine der Ablagen des neu erstandenen Regals, nachdem er die Hüllen vorsichtig mit einem

6 Staubwedel abgewischt hatte. Die neue Wohnung war größer als die alte, weshalb er in einem Möbelhaus im Osten der Stadt ein, zwei neue Einrichtungsgegenstände gekauft hatte, der ganze Rest, darunter eine Steh- und zwei Tischlampen, eine alte Kommode und ein großer, abgetretener Teppich, stammte vom Flohmarkt, der jeden Samstag auf dem Parkplatz eines Veranstaltungszentrums Hunderte Besucher anlockte. Hin und wieder nahm er eine der Platten heraus, legte sie auf den Plattenspieler und führte die Nadel auf die äußerste Rille. Das Kratzen während der Wiedergabe verlieh den Tönen einen ganz eigenen Klang, so real, als käme die Musik nicht aus den Boxen der Anlage, sondern von draußen herein, durch die geöffnete Terrassentür, von einem in unmittelbarer Nähe stattfindenden Konzert.

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