Wer braucht eigentlich noch offene Immobilienfonds? Zukunftsaussichten einer Assetklasse

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1 Begrüßungsrede Dr. Thomas Ledermann Geschäftsführer Börse Hamburg Meine sehr verehrten Damen und Herren, ganz herzlich willkommen in der Börse Hamburg. Schön, dass Sie sich von dem etwas provokanten Titel unserer heutigen Veranstaltung nicht haben abschrecken lassen. Namhafte Referenten und interessante Themen aus der Welt der offenen Immobilienfonds warten auf Sie. Doch bevor wir der Frage nachgehen, wer eigentlich noch offene Immobilienfonds braucht, lassen Sie mich einige Worte zum Finanzplatz Hamburg sagen. Hamburg Stadt der Kaufleute, Reedereien und Standort eines bedeutsamen Hafens sowie einer ebensolchen Flugzeugindustrie. Die Finanzbranche scheint demgegenüber nicht so visibel. Doch das täuscht. Denn in Hamburg arbeiten über Menschen für namhafte Finanzdienstleister; hier haben u.a. die älteste Privatbank, das weltweit älteste Versicherungsunternehmen und die größte deutsche Sparkasse ihren Sitz. Hamburg ist zudem die heimliche Hauptstadt der Emissionshäuser für geschlossene Fonds. Und hier ist mit der Börse Hamburg die älteste existierende Börse Deutschlands ansässig seit Die acht Börsen in Deutschland stehen im starken Wettbewerb zueinander. Für Börsen außerhalb Frankfurts ist es nicht immer leicht, in diesem Wettbewerb zu bestehen. Da bedarf es stets innovativer und manchmal vielleicht auch etwas ungewöhnlicher Ideen, um zu bestehen. In Hamburg sind wir Spezialisten dafür. Seite 1 von 5

2 So waren wir in Deutschland beispielsweise die erste Börse, die mit einer anderen Börse sozusagen fusioniert hat haben die Börsen in Hamburg und Hannover eine gemeinsame Trägergesellschaft die Börsen AG gegründet. Dabei blieben die öffentlich rechtlichen Börsen in Hamburg und Hannover weiterhin bestehen. Die an beiden Plätzen bestehenden Aufgaben - Personal, EDV, Marketing und neue Projekte - werden seitdem gemeinsam durchgeführt. Die weiterhin eigenständigen öffentlich rechtlichen Börsen versetzen uns heute in die Lage, auch ganz unterschiedliche Leistungen anbieten zu können. Innovativ war auch die Etablierung eines funktionsfähigen Zweitmarktes für geschlossene Fonds. Über die Fondsbörse Deutschland, der von den Börsenträgern der Wertpapierbörsen in Hamburg, Hannover und München organisierten Handelsplattform für geschlossene Fonds, können Anleger heute ihre Anteile vor der Ablaufzeit verkaufen oder aber in eine bereits laufende Beteiligung einsteigen. Die Fondsbörse Deutschland ist der einzige initiatorenübergreifend und börsenähnlich organisierte Zweitmarkt in Deutschland. Die zuständige Maklergesellschaft, die Fondsbörse Deutschland Beteiligungsmakler AG, befindet sich ebenfalls in diesem Gebäude und ist heute der Marktführer in Deutschland. Neben dem traditionellen Geschäft, also dem Handel von Aktien und Festverzinslichen Wertpapieren, steht die Börse Hamburg für eine weitere Besonderheit. Als erste Börse in Deutschland haben wir Ende 2002 den Handel mit Investmentfonds aufgenommen. Not amused war noch die harmlosere Variante der anfänglichen sagen wir einmal Skepsis gegenüber dem börslichen Fondshandel. Die Aufregung hat sich weitgehend gelegt und wir weisen allein in diesem Handelssegment Umsätze von rund 2,5 Mrd. Euro pro Jahr auf. Innerhalb unseres börslichen Fondshandels spielen gerade Immobilienfonds eine ganz besondere Rolle. Nicht nur, dass sie zu den ersten Fonds gehörten, mit denen wir unseren Handel begonnen haben. Die Börse Hamburg hat sich als der Handelsplatz herauskristallisiert, wenn es um den Kauf und Verkauf von offenen Immobilienfonds über die Börse geht. Ursprünglich eingeführt um für selbstbestimmte Anleger den Ausgabeaufschlag zu sparen, hat die Branchenkrise Seite 2 von 5

3 die Börse oftmals zu der einzigen Möglichkeit für Anleger werden lassen, um aus eingefrorenen Immobilenfonds auszusteigen. Viele Jahrzehnte gehörten Immobilienfonds zu den soliden und ertragreichen Anlagen, auf die man im wahrsten Sinne des Wortes bauen konnte. Im Laufe der Jahre entwickelte sich diese Anlageklasse zu einer wahren Erfolgsstory. Immer neue Immobilienfonds wurden aufgelegt. Mit dem steigenden Bedarf an (gewerblichen) Immobilien auf Grund des Wirtschaftsbooms, stiegen über die Jahre auch die Immobilienpreise und in Folge die Renditen sowie die Kurse der Fonds. Offene Immobilienfonds schienen eine Art Perpetuum Mobile zu sein: ansehnliche Renditen und sehr liquide bei geringem Risiko. Risiken waren bei Immobilienfonds viele Jahrzehnte eher ein Randthema wenn überhaupt. Doch ein Perpetuum Mobile gibt es bekanntlich nicht. Und so mussten auch Anleger von offenen Immobilienfonds feststellen, dass gut rentierliche Anlagen niemals gänzlich ohne Risiken gibt. Plötzlich erkannte man schmerzlich, dass auch Anteile an Immobilienfonds einem Preisrisiko unterliegen können. Ganz vorn stand nicht etwa das allgemeine wirtschaftliche Risiko, sondern vielmehr das dieser Anlageklasse innewohnende Problem der Fristeninkongruenz. Immobilien lassen sich - anders als etwa Aktien - nicht umgehend, sondern erst im Laufe von Monaten verkaufen. Daher bleibt als Lösung nur die vorübergehende Schließung des Fonds, wenn zu viele Anleger gleichzeitig ihre Fondsanteile verkaufen wollen und die Rückgabe der Anteile die Liquiditätsreserven der KAG s übersteigen. Leerstände und sinkende Mieten ließen Anfang 2009 im Zuge der Finanzkrise bei Anlegern Zweifel aufkommen, wie werthaltig die von den Kapitalanlagegesellschaften berechneten und veröffentlichten Nettoinventarwerte eigentlich waren. Vor allem institutionelle Investoren fürchteten Abwertungsbedarf und zogen kurzfristig angelegte Gelder aus den Fonds ab. Zu viel für einige Fonds, von denen einige Fonds einen Rücknahmestopp für die ausgegebenen Anteile verhängen mußten. Wer in einer solchen Situation auf die Auszahlung seines Geldes angewiesen ist, dem bleibt als einziger Ausweg der Verkauf über die Börse. Nur über die Börse Seite 3 von 5

4 besteht bei einem Rücknahmestopp die Möglichkeit, sich von seinen Anteilen transparent, geregelt und überwacht zu trennen. Mit Blick auf den teilweise deutlichen Wertabschlag bei einigen eingefrorenen Fonds, wird oftmals darüber diskutiert, ob die Börse sich als Marktplatz für den Handel speziell in offenen Immobilienfonds eignet. Ich meine ja. Die Börse ist der Treffpunkt für Angebot und Nachfrage. Wie Auswertungen gezeigt haben, nimmt die Börse häufig schon frühzeitig vorweg, was zu einem späteren Zeitpunkt bei den Kapitalanlagegesellschaften nachvollzogen wird. Aber nicht nur die Anleger, sondern auch die Fondsgesellschaften erhalten durch den Börsenhandel der eingefrorenen Fonds Unterstützung. Er verschafft ihnen Luft bei der Neubewertung ihrer Fonds, indem er - zumindest zu einem Teil - den Druck der Anleger auf Rückgabe ihrer Anteile mindert. Nicht der Börsenhandel von Immobilenfonds ist also das Problem, sondern die - auch nach den gesetzlichen Neuregelungen - weiterhin bestehende Fristeninkongruenz. Solange dieses Problem nicht endgültig gelöst ist, wird die Börse auch weiterhin eine wichtige Brückenfunktion einnehmen. Vor diesem Hintergrund stellt sich für manch einen Anleger die Frage, ob er eigentlich noch offene Immobilenfonds braucht. Ich sage klar ja, denn nicht das eigentliche Produkt ist das Problem, sondern die Ausgestaltung. Die Zukunft von offenen Immobilienfonds sehe ich grundsätzlich positiv. Die Grundidee des offenen Immobilienfonds ist weiterhin gut. Auch wenn es vermutlich die eine oder andere Fondsabwicklung noch geben wird, Immobilien werden auch in Zukunft benötigt. Allerdings dürfte nur ein professionelles Management in der Lage sein, die richtigen Immobilien auszuwählen und zu verwalten. Für den Einzelnen ist dies aus vielerlei Gründen schwer. Doch bevor wieder Ruhe in die Immobilienlandschaft kommt, gilt es Vertrauen bei den Anlegern zurückzugewinnen. Wichtig ist es aber, die Anleger für die spezifischen Seite 4 von 5

5 Risiken dieser Anlageform zu sensibilisieren. Denn auch der klassische Immobilienfonds ist eine Anlage mit Risiken, aber eben auch mit Chancen. Ich freue mich auf interessante Vorträge und eine spannende Diskussionsrunde im Anschluss. Durch den Tag begleitet Sie Herr Björn Drescher. Herr Drescher ist nicht nur ein ausgewiesener Kenner der Fondsszene und Veranstalter des Petersberger Treffen, sondern auch Verleger mehrerer Börsen- bzw. Fondsbriefe. Manch ein Kenner der Fondsszene behauptet sogar von ihm, er höre das Gras wachsen. Seite 5 von 5

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