Predigt Markus 10,17-27: Vor dem Nadelöhr

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1 Predigt Markus 10,17-27: Vor dem Nadelöhr Claude-Mathilde heißt sie. Ich habe von ihrer Geschichte gehört, das ist schon eine Weile her. Claude-Mathilde hat mit Mitte dreißig beim EU-Parlament in Brüssel eine beachtliche Karriere hingelegt. Unabhängig, gut situiert, mit einer gehörigen Portion Charme und Durchsetzungsvermögen hat sie die Wahl zwischen verschiedenen interessanten Job-Angeboten international, auch in den USA. Ein Urlaub in Israel kommt ihr dazwischen. Sie braucht Abstand, geht dafür in ein Benediktinerkloster in Abu-Gosh, nicht weit weg von Jerusalem. Da trifft es sie wie ein Blitz. Im Nachhinein kann sie mit Worten kaum beschreiben, was Gott in den Mess-Gesängen, in der Meditation und in den Gesprächen mit der Äbtissin in ihr bewirkt hat. Sie weiß nur, dass sich ihr Leben von Grund auf ändern wird: Sie reicht ihre Kündigung in Brüssel ein, verkauft ihr schickes Appartement in Paris, ihren Wagen, ihre Business-Klamotten, einfach alles. Den Erlös spendet sie. Zurück bleibt ihr ein Köfferchen mit dem Nötigsten. Ihre Freunde ziehen sich zurück. Die Eltern können es nicht fassen. Ihre Schwester bricht den Kontakt zu ihr ab; sie hat es aufgegeben, ihre Schwester von dieser Laune, wie sie es nennt, abzubringen. Schließlich kehrt Claude-Mathilde zurück nach Israel. Alles ist vorbereitet viel hat sie zurückgelassen. Es ist ihr Weg, sie tritt ihn an als Nonne im Kloster Abu Gosh. Wir hören das Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem Markusevangelium im 10. Kapitel: 17 Und als Jesus hinausging auf den Weg, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll

2 ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? 18 Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als der eine Gott. 19 Du kennst die Gebote:»Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.«20 Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf. 21 Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach! 22 Er aber wurde betrübt über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter. 23 Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! 24 Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist's, ins Reich Gottes zu kommen! 25 Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. 26 Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden? 27 Jesus sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott. Manchmal passiert so etwas. Ein Mensch spürt eine besondere Berufung und ändert sein Leben von Grund auf. Lässt alles zurück, was das bisheriges Leben bestimmt hat und macht sich befreit auf einen neuen Weg begleitet von Bewunderung, Skepsis, Wut und Enttäuschung, Kopfschütteln. Eine Ausnahme, wenn jemand durch's Nadelöhr hindurch schlüpft. Angst. Nicht nur damals, sondern heute auch. Im reichen Europa.

3 Angst davor, die Schäfchen nicht mehr alle ins Trockene zu bringen. Angst loszulassen. Mit leichtem Gepäck zu leben, wäre auch zu einfach. Familie, Freunde, Ziele, Pläne für das Leben. Das Haus, der Garten. Ist doch alles schön. Gibt Sicherheit und hält stabil. Aber grenzt auch ein und hält fest. Das Herz hängt an so vielem. Und manchmal nicht an Gott. Er erkennt, dass er zu mehr bestimmt ist, als allein die Gebote zu befolgen. Eines fehlt dir noch: Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach! Jesus möchte es hervorlocken. Das, was in dem jungen Mann steckt. Er will Freiheit und Unabhängigkeit schenken, von dem, was den Mann gefangen hält. Der reiche Jüngling. Er lebt korrekt. Er erfüllt alle Gebote. Jesus sieht ihn an und er gewinnt ihn lieb. Ein schöner Satz. Jesus sieht nämlich mehr in ihm. Jesus erkennt das Potential des jungen Mannes. Vor dem Nadelöhr stehen... Es ist klein und schmal. Eng und der dicke Wollfaden passt nicht durch. So oft ich ihn auch vorher zwischen den Fingern zusammendrehe. Er passt nicht rein. Ich sehe es vor mir.

4 Das Nadelöhr. Mein Nadelöhr... Wie sieht Ihr Nadelöhr aus? Woran klammern Sie sich? An ein bestimmtes Lebensmuster. An eine ungesunde Beziehung, die nicht gut tut, aber aus Angst sonst allein zu sein, weiter gelebt wird? An den sicheren Job? Was hält gefangen? Der Druck, immer auf jede Nachricht gleich antworten zu müssen? Die Erwartungen in der Schule? Die vielen Stunden vor dem PC? Was kommt, wenn ich loslasse? Vor einiger Zeit schon nahm ich mir vor, endlich meinen Facebook-Account zu löschen. Als Pfarrerin immer und überall gesehen werden zu können, ist nicht immer von Vorteil. Der viel wichtigere Grund für mich war aber einfach die Überfrachtung an Informationen und Nachrichten von anderen Menschen, die ich im normalen Leben gar nicht oder nur sehr selten sehe. Als ich dann vor gut zwei Wochen mein Konto deakitvierte, fiel es mir nicht so leicht, wie gedacht. Werden andere Menschen enttäuscht sein? Was ist mit den Vorteilen immer informiert zu sein? Aber letztendlich verschafft mir diese Entscheidung Freiheit. Ruhe und das Gefühl, es geht auch gut ohne. Freunde und Familie haben meine Nummer, meine Adresse das muss reichen. Den Schritt gehen. Durch das Nadelöhr. Das kann der Reichtum sein, der uns aufhält, Jesus zu folgen. Das kann die Zeit sein, die wir mit Dingen vergeuden, die unwichtiger sind als das Reich Gottes. Wenn ich mich einmal an etwas gewöhnt habe, dann fällt es

5 schwer, sich wieder davon zu lösen. Und der Reichtum ist vielleicht das, woran ein Mensch sich am schnellsten gewöhnt, aber in den seltensten Fällen schnell wieder loslassen kann. Heute ist Sonntag. Heute ist ein Sabbattag. Ein Ruhetag. Heute fragt uns Gott nicht: Was kannst du tun? Heute fragt uns Gott: Was kannst du lassen? Auf was kannst du getrost verzichten? Was muss heute nicht wachsen? Was kannst du loslassen? Um ganz bei Gott zu sein. Radikal ist das. Und alle sind erschrocken darüber. Dass es sich daran festmacht. An diesem Loslassen können. Die Jünger sind erschrocken. Sie vermutlich und ich auch. Und der Jüngling. Denn er ging traurig weg, heißt es. Ein kleiner Blick lohnt sich noch mal in das gesamte Kapitel 10 im Markusevangelium, wie ich finde. Denn genau vor dieser Geschichte mit dem reichen Jüngling, wird erzählt, wie Jesus die Kinder zu sich ruft und segnet. Wir haben diesen Text vorhin während der Taufe gehört. Ob die Kinder auch so gezögert hätten, wenn Jesus sie zur Nachfolge gerufen hätte? Vermutlich nicht. Kinder sind noch freier. Nicht so sehr gebunden. Kindern gehört das Reich Gottes. Weil sie zwar manchmal Angst vor Neuem haben, aber neugierig genug sind, diese Angst zu überwinden. Sie klammern sich nicht an scheinbare Sicherheiten. Sondern wagen Sprünge, die viel zu gefährlich sein könnten. Kinder können Jesus mit reinem Herzen folgen.

6 Und wenn wir nur ein bisschen so werden wie die Kinder, dann wird das auch für uns reiche Erwachsene möglich sein. Im Kindergottesdienst vor über 20 Jahren haben wir auch ein Nadelöhr gehabt. Das sah so aus. Von sich aus, kommt kein Mensch hindurch schon gar kein Reicher, hörte ich damals. Aber Jesus sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott. Amen.

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