Hedley Bull, The Anarchical Society. A Study of Order in World Politics, Basingstoke, London 1977 (2. Aufl., London 1995).

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1 60 Hedley Bull von der Begründung eines Laissez-faire-Staats keine Rede sein kann. Buchanans Gemeinwesen ist mehr als ein Schutzstaat ( protective state ) zur kostenminimalen Verteidigung individueller Rechte, er ist explizit auch ein productive state zur Kollektivgüterproduktion. Literatur: James M. Buchanan, Die Grenzen der Freiheit, Tübingen Dennis C. Mueller, Public Choice III, Cambridge Douglas W. Rae, Decision-Rules and Individual Values in Constitutional Choice, in: American Political Science Review 63 (1969), S André Kaiser Hedley Bull, The Anarchical Society. A Study of Order in World Politics, Basingstoke, London 1977 (2. Aufl., London 1995). Hedley Bull ( ), Professor für Internationale Politik an der Universität von Oxford, gehört der so genannten Englischen Schule an, die sich als eine eigenständige Theorieschule, abseits der US-amerikanisch dominierten Theorienlandschaft, etablieren konnte. The Anarchical Society ist ein Standardwerk im Bereich der Internationalen Beziehungen, das sich gegen den dominierenden wissenschaftlichen Ansatz seiner Zeit richtete. In den 1970er Jahren ging die Debatte um die Frage, mit welcher Methode gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis über die internationalen Beziehungen am besten zu erlangen sei. Die einen folgten einem szientistischen Wissenschaftsverständnis. Demnach sollten Instrumentarien der Naturwissenschaften auf die Sozialwissenschaften und damit auch auf die internationalen Beziehungen übertragen werden. Die andere Seite verfolgte einen geisteswissenschaftlich-hermeneutischen Ansatz. Diese Traditionalisten argumentierten, dass das Politische sich nicht in quantitativen Methoden erschließen lasse und beschreibende Forschung, die historische Kontexte berücksichtige, der Königsweg zur Erkenntnis sei. The Anarchical Society reiht sich in diese Forschungstradition ein.

2 Hedley Bull 61 Ideengeschichtlich lässt sich The Anarchical Society zwischen dem Realismus und dem Idealismus einordnen. Der klassische Realismus geht von einer hobbesianischen Vorstellung ( Hobbes 1651) eines Kampfes Jeder gegen jeden aus und versteht die internationalen Beziehungen als ein System, das sich durch einen permanenten Konflikt zwischen Staaten definiert. Internationale Politik ist demnach ein Nullsummenspiel. Die Interessen des einen Staates schließen die Interessen des anderen Staates aus. Der Idealismus besetzt die Gegenposition und betont im Sinne von Immanuel Kant ( Kant 1795) die universalen, vernunftmäßigen Werte des Individuums. Dessen Ziel sei nicht die Herstellung eines temporären, prinzipiell unsicheren Friedens zwischen Staaten, sondern die Entstehung einer Gemeinschaft von Weltbürgern durch gemeinsames Recht, Kooperation und Ausgleich. Internationale Politik ist demnach ein Nicht-Nullsummenspiel. Bull glaubte weder an das eine noch an das andere Bild von der Welt, sondern entwarf einen dritten Weg, den Menzel als traditionalistischen Institutionalismus (Menzel 2001, S. 85) beschreibt. Ziel seiner Arbeit ist es, Elemente (Institutionen) internationaler Ordnung zu identifizieren und ihre Wirkungsweisen zu beschreiben. Aus dem hobbesianischen Bild eines internationalen (Staaten)systems wird so das Bild einer internationalen Gesellschaft. Bull geht es dabei aber nicht um eine normative Abhandlung darüber, wie eine solche internationale Gesellschaft aussehen sollte. Stattdessen versucht er mittels einer historisch-philosophisch fundierten Analyse zu belegen, dass Elemente von Ordnung in den internationalen Beziehungen per se existieren. Sie tauchen im historischen Verlauf der Menschheitsgeschichte unterschiedlich stark auf, werden vom Realismus jedoch unter- und vom Idealismus überproblematisiert. Bull verdeutlicht Ordnung in den internationalen Beziehungen anhand von drei Schritten: Zunächst diskutiert er den Begriff der Ordnung und seine (historische) Relevanz in den internationalen Beziehungen. Dabei macht er eine erste wichtige Unterscheidung: [I]nternationale Ordnung meint das Verhältnis von Staaten in den internationalen Beziehungen, während Weltordnung umfassender ist und die grenzüberschreitenden Beziehungen zwischen den Individuen mit einschließt. Daraus folgt eine zweite wichtige Unterscheidung: Staatensystem (system of states) versus Staatengesellschaft (society of states). Charakteristisch für ein Staatensystem nach Bull ist, wenn zwei oder mehr Staaten ausreichend Kontakte untereinander vorweisen und Einfluss auf den anderen ausüben, so dass Entscheidungen im Sinne des Partners und zum Wohle des Ganzen getroffen werden (S. 9). Eine Staatengesesellschaft entsteht, wenn eine Gruppe von Staaten mit gemeinsamen Werten und Interessen eine Gesellschaft in dem Sinne bildet,

3 62 Hedley Bull dass sie sich an ein gemeinsames Regelwerk gebunden fühlen und über gemeinsame Institutionen verfügen (S. 13). Beispiele dafür sind das Völkerrecht und internationale Organisationen. Eine Staatengesellschaft ist also mehr als ein Staatensystem. Bull geht allerdings wie die Realisten davon aus, dass Anarchie vorherrscht. Auch in der Staatengesellschaft handeln demnach Akteure nach dem Prinzip der Selbsthilfe und es gibt keine gemeinsame überstaatliche Institution, die ihr Handeln bestimmt. Doch geht er im zweiten Teil seiner Arbeit auf die Institutionen ein, die Anarchie begrenzen: das internationale Recht, das Gleichgewicht zwischen den Großmächten, die Diplomatie und der Krieg als Institutionen, die Ordnung fördern. So betont Bull, dass das internationale Recht sich nach dem Zweiten Weltkrieg ausgebreitet hat und als Subjekt nicht mehr nur die Nation, sondern auch das Individuum kennt. Er nennt die 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossene Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Europäische Menschenrechtskonvention von 1950 als Beispiele. Krieg ist nach Bull ebenfalls eine Institution, die internationale Ordnung gewährleistet. Das klingt zunächst paradox, sind Kriege doch per se eine Quelle für Unordnung. Bull weist jedoch darauf hin, dass vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg die Regierungen zu der Erkenntnis gelangt seien, dass Kriege kostspielig sind und Ziele stattdessen durch andere Instrumentarien erreicht werden können. Die wahrgenommenen negativen Konsequenzen der Institution Krieg führen so zu Ordnung. Andererseits können begrenzte Kriege notwendig sein, um Ordnung, zum Beispiel ein Mächtegleichgewicht, wiederherzustellen oder um internationales Recht zu stärken. In seinem Schlussteil diskutiert Bull Alternativen zu dem, was das internationale System zu seiner Zeit ausmachte. Letzteres zeichnete sich durch die Existenz souveräner Staaten, ein gewisses Maß an Interaktion und einen gewissen Grad an Akzeptanz von gemeinsamen Regeln und Institutionen aus. Anhand dieser Variablen beschreibt Bull drei theoretisch mögliche Typen eines internationalen Systems der Zukunft: 1. ein System, das aus Staaten besteht, in dem es wohl Interaktion, aber keine gemeinsamen Normen und Institutionen gibt, 2. ein System, das aus Staaten besteht, die aber keine Interaktionen aufweisen und damit auch keine gemeinsamen Normen und Institutionen sowie 3. ein System, das einen hohen Interaktionsgrad aufweist, gemeinsame Normen und Institutionen besitzt, aber keine souveränen Staaten. The Anarchical Society hat die Theorienlandschaft der Internationalen Beziehungen bereichert, weil es sich bewusst gegen einen Hauptstrom damaliger Theorieschulen richtete und die Bedeutung von Wesensmerkmalen der

4 Hedley Bull 63 internationalen Beziehungen aufzeigen konnte, die szientistische Ansätze zu jener Zeit vernachlässigten. Dennoch umgibt das Werk ein Hauch von zum Teil selbstverschuldeter Tragik. Das Ziel von Bull bestand darin, eine Theorie von den internationalen Beziehungen zu entwickeln, die weder realistisch noch idealistisch ist und eine Methode zu vertreten, die weder historisch noch naturwissenschaftlich sein sollte (Daase 2003: ). Genau diese Indifferenz war jedoch die Ursache dafür, dass das Werk lange Zeit, vor allem in den USA, unberücksichtigt blieb. Das wesentliche Problem des Werkes wurde darin gesehen, dass Elemente von Ordnung wie das Gleichgewicht zwischen den Mächten, das bei Bull Merkmal des Bildes von der internationalen Gesellschaft ist, bei den (strukturellen) Realisten ein Merkmal des entgegengesetzten Bildes darstellt, nämlich das vom Naturzustand eines Krieges. Darüber hinaus lässt Bull den Leser im Unklaren darüber, woher die internationale Gesellschaft kommt und wann sie entsteht. Ihre Entstehung und die Faktoren, die sie bedingen, bleiben ebenso ungeklärt wie die kritische Masse von Ordnung, derer es bedarf, damit aus einem internationalen System eine internationale Gesellschaft wird. Bis Anfang der 1990er Jahre blieben Bulls Werk und die Englische Schule eine Randerscheinung in der Lehre von den Internationalen Beziehungen. Mit dem Ende des Ost- West-Konflikts und der Lösung des Staates vom Prinzip der Territorialität durch die Globalisierung erfuhr die Englische Schule eine Renaissance. Im Mittelpunkt steht seitdem die Frage, wie aus einer internationalen Gesellschaft à la Bull, in der die Staaten weiterhin die Hauptakteure sind, eine Weltgesellschaft werden kann. Nach Barry Buzan (1993) bildet die internationale Gesellschaft nur eine Zwischenstation auf dem Weg von einem anarchischen Selbsthilfesystem zu einer Weltgesellschaft, in der ein geteiltes Wertesystem und ein gemeinsamer Verständigungshorizont zwischen unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen herrschen, so dass sie zu übergeordneten Leitbildern für das Handeln von Staaten werden. Literatur: Barry Buzan, From International System to International Society: Structural Realism and Regime Theory Meet the English School, in: International Organization 3 (1993), S Christopher Daase, Die Englische Schule, in: Siegfried Schieder/Manuela Spindler (Hrsg.), Theorien der Internationalen Beziehungen, Opladen 2003, S Stanley Hoffmann, Hedley Bull and his Contribution to International Relations, in: International Affairs 62 (1986), S

5 64 Edmund Burke Samuel M. Makinda, Hedley Bull and International Security, Canberra Ulrich Menzel, Zwischen Idealismus und Realismus. Die Lehre von den Theorien Internationaler Beziehungen, Frankfurt a.m J. D. B.Miller/R. J. Vincent (Hrsg.), Order and Violence: Hedley Bull and International Relations, Oxford Antje Wiener, Hedley Norman Bull, in: Gisela Riescher (Hrsg.), Politische Theorie der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Von Adorno bis Young, Stuttgart 2004, S Melanie Morisse-Schilbach Edmund Burke, Reflections on the Revolution in France, London 1790 (DA: Bemerkungen über die französische Revoluzion, Wien 1791; VA: Betrachtungen über die französische Revolution, hrsg. von Ulrich- Frank Planitz, Zürich 1986). Edmund Burkes Betrachtungen über die Französische Revolution gehören unter den großen Texten in der Geschichte des politischen Denkens zu denen, die für den Tag, den Augenblick geschrieben wurden. Die Streitschrift erschien am 1. November 1790, von der Jahreswende 1789/90 an hatte Burke an ihr gearbeitet. Noch war die Französische Revolution in ihrer konstitutionellen, gewaltarmen Phase, aber für Burke hatte sie sich schon in den ersten Monaten als rücksichtslos-gewalttätige Zerstörerin aller hergebrachten Ordnung decouvriert. Man musste Europa, vor allem England, die Bedrohung deutlich machen, die von den Ereignissen in Frankreich ausging. Die Betrachtungen sind ein leidenschaftlicher Warnruf. Burke konnte, als er im 62. Lebensjahr die Betrachtungen niederschrieb, auf ein langes Leben in der Politik zurückblicken. Seit 1765 war er Mitglied des Unterhauses. Er hatte Ruhm erworben als einer der wirkungsvollsten Parlamentsredner seiner Zeit. Er war Gefolgsmann des Marquis von Rockingham, eines der großen Whig-Magnaten. Seine Partei stand in Opposition zu Georg III. und seinen Günstlingen, überzeugt davon, dass es die britische gemischte Verfassung, so wie sie sich seit 1688 entwickelt hatte, gegen einen Monarchen zu verteidigen gelte, der nicht bereit sei, sich in sie einzufügen. Burke hatte also Zeit seines politischen Lebens für eine in der Wahrnehmung seiner Zeit freiheitliche Verfassungstradition gestanden. Als sich Charles-Jean-François Depont, ein junger Franzose aus dem Bekanntenkreis Burkes, im Herbst 1789 mit der Bitte um eine Einschätzung der revolu-

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