Forum International CIUTI-Marché du Travail, Anforderungen an den Übersetzer seitens der Wirtschaft

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1 Karsten Egeberg, Vice President, SAP AG, Vortrag gehalten auf dem Forum International CIUTI-Marché du Travail, May 21 st 2003, Geneva. Anforderungen an den Übersetzer seitens der Wirtschaft Sehr geehrte Zuhörerinnen und Zuhörer! Zunächst ein paar Informationen über die Firma SAP und ihren Übersetzungsbedarf im Allgemeinen. SAP ist der weltweit größte Hersteller von betriebswirtschaftlicher Software. Die Produkte der SAP werden neben Deutsch und Englisch in bis zu 32 Sprachen übersetzt, und die Anzahl übersetzter Wörter pro Jahr beträgt ungefähr 200 Millionen. Unsere Übersetzungsabteilung besteht aus ca. 150 Mitarbeiter, die vor allem in den Bereichen Projektkoordination, Terminologie und Qualitätssicherung tätig sind. Die Mitarbeiter sitzen z.t zentral bei der SAP AG z.t. lokal in den Landesgesellschaften. Um die genannten Übersetzungsmengen zu bewältigen, wurde ein Netzwerk von 60 Übersetzungsagenturen aufgebaut. Im folgenden habe ich versucht, auf Themen zu fokussieren, die nicht bzw. nicht ausreichend in der Ausbildung berücksichtigt werden. Es soll als Bedarfsanalyse und nicht als Kritik aufgefasst werden. Sicherlich gibt es auch Universitäten, wo dieser Bedarf schon abgedeckt wird. Die Rolle des Übersetzers Die Rolle des Übersetzers gewinnt mit der zunehmenden Globalisierung an Wichtigkeit, und ich wage folgende Aussagen: Übersetzung ist das erste Glied in der Wertschöpfungskette Übersetzung ist die erste Voraussetzung der Globalisierung Um einen internationalen Umsatz zu ermöglichen, muss die Software in der Sprache des Marktes, d.h. in der lokalen Sprache verfügbar sein. Man muss hierbei bedenken, dass internationale Produkte oft in direktem Wettbewerb mit nationalen Produkten stehen. Bei der SAP wird deshalb nicht von Übersetzungen sondern von Sprachenprodukten geredet. Die Nachfrage entsteht nicht ausschließlich direkt im lokalen Markt. Durch den Einsatz unserer Software durch global agierende Firmen entsteht eine indirekte Nachfrage bei den Tochtergesellschaften. Um also die Software global einsetzen zu können, ist eine (sowohl funktionale als auch) linguistische Lokalisierung notwendig.

2 Unter dem Strich bedeutet dies, dass Übersetzung in der heutigen globalen Wirtschaft eine immer größere Bedeutung bekommt. Das bedeutet gleichzeitig, dass der Übersetzer eine immer wichtigere Rolle spielt. Erwartungen an die Übersetzung Es wird vom Arbeitgeber (bei firmeninternen Übersetzungsdienstleistungen) bzw. vom Auftraggeber (bei firmenexternen Übersetzungsdienstleistungen) erwartet, dass eine Übersetzung rechtzeitig kostengünstig hochqualitativ geliefert wird. Unter diesen 3 Aspekten möchte ich den Bedarf darstellen. Rechtzeitig Um der Konkurrenz keine Marktanteile zu überlassen spielt Time to Market eine zunehmend wichtigere Rolle. Das bedeutet, dass Übersetzungen in immer kürzeren Zeitfenstern getätigt werden müssen. Ein erfolgreiches Durchführen der oft sehr zeitkritischen Übersetzungsprojekte ist nur möglich, wenn die Projekte gut geplant und zeitnah gemonitored werden, das heißt Projekt-Management ist eine Voraussetzung. Den Studierenden sind u.a. folgende Grundelemente des Projekt-Managements nahe zu legen: Planung von Zeit und Ressourcen Kostenkalkulation Kritische Erfolgskriterien Risikoanalyse Fall-Back Szenarios Team Building Kurse zur Theorie des Projekt-Managements sollten / könnten durch Live-Projekte in Zusammenarbeit mit Agenturen / Firmen praxisorientiert ergänzt werden. Kostengünstig Der wirtschaftliche Erfolg einer Firma ist mehr denn je durch die Gewinnrate bestimmt, d.h. Gewinnmaximierung gehört zu den strategischen Zielen eines Unternehmens. Ein Weg zu Gewinnmaximierung ist selbstverständlich die Kostenminimierung, die u.a. durch eine erhöhte Effizienz erfolgen kann. Um eine Effizienzsteigerung zu erzielen, werden im Bereich der Übersetzung verschiedenartige Tools eingesetzt. Tools werden grundsätzlich aus folgenden Gründen eingesetzt:

3 Um redundante Prozessschritte zu vermeiden (Prozessoptimierung) Um redundante / repetitive Übersetzungen wieder zu verwenden (Reuse) Um definierte Terminologie konsistent zu verwenden (Terminologie) Prozessoptimierung Die Steuerung der einzelnen Prozessschritte erfolgt in erster Linie über das vorher erwähnte Projekt-Management (alle definierten Aktivitäten im Projekt können als einzelne Prozessschritte betrachtet werden). Die Steuerung eines Projektes lässt sich jedoch toolmäßig unterstützen, und zwar mittels Content Management Software (Datei-Handling, Versionierung, Fortschrittanalyse etc.) und Workflow Tools (Aufgabenverteilung, Ressourcenverwaltung etc.). Solche Tools stellen sicher, dass Aktivitäten nicht unnötig mehrfach getätigt werden, bzw. dass Texte nicht unnötig mehrfach angefasst werden. Sie bilden also durch eine Aufwandsreduzierung die erste Grundlage für eine Effizienzsteigerung. In Ergänzung zu diesen Tools wird Software zur maschinellen Übersetzung, kurz MÜ genannt. MÜ liefert aber höchst unterschiedliche Ergebnisse je nach Texttyp oder Software. MÜ ist bei weitem nicht für alle Texttypen geeignet, und es ist deshalb wichtig, den Studierenden über mögliche und nicht mögliche Einsatzbereiche zu informieren. Ferner muss im Unterricht der MÜ-Prozess sowie die mögliche Kombination mit anderen Automatisierungs-Tools (s.u.) erläutert werden. Reuse Die Effizienz lässt sich auch durch den Einsatz von PC-unterstützten Tools (CAT = Computer Assisted Translation Tools) steigern. CAT Tools sind Memory-basierte Werkzeuge, die es ermöglicht, vorhandene Übersetzungen (ganz oder teilweise) wieder zu verwenden. Dieses Verfahren kommt vor allem beim sogenannten Änderungsdienst zu Geltung. Für den Studierenden ist es wichtig die Prozesse und Standardbegriffe, wie etwa Match, fuzzy Match etc. kennen zu lernen. Wichtig ist auch zu lernen, wann die jeweiligen Tools grundsätzlich zum Einsatz kommen sollten, d.h. eine techno-linguistische Analyse machen und verstehen zu können. Hier ist natürlich die Tendenz, dass hoch repetitive Texte unter Einsatz von CAT-tools übersetzt werden. Wenig repetitive Texte dagegen werden MÜ-unterstützt übersetzt (vorausgesetzt der Texttyp ist geeignet). Terminologie

4 Die eigentliche Grundlage des Tool-Einsatzes bildet die Verfügbarkeit korrekt definierter und entsprechend gepflegter Terminologie. Eine gut gepflegte Terminologie-Datenbank bietet u.a. folgende Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung: Schnelles Nachschlagen Terminologische Vorbereitung der CAT und MÜ Tools Schnelle Qualitätssicherung (Konsistenzprüfung, Synonomie-Checks...) Die Beschleunigung des eigentlichen Übersetzungs-Prozesses wird durch die beiden ersten Punkte unterstützt. Der letzte Punkt sieht eine Beschleunigung während der QA-Phase vor. Nicht nur die Qualitätssicherung als solche wird optimiert, sondern auch der Aufwand von Nachkorrekturen wird reduziert, und die gesamte Übersetzungszeit damit verkürzt. Qualität Im Vordergrund der Ausbildung muss nach wie vor der Aufbau von Kompetenzen (Linguistik, Semantik, Kultur etc.) sowohl in der Mutter- als auch in der Fremdsprache stehen. Fachsprachliche Kompetenzen (Texttypisierung, Syntax, sonstige Merkmale...) sollten die reinen Sprachkompetenzen ergänzen, und zusammen bilden die beiden Sprachkompetenzen die erste Voraussetzung einer hohen Qualität. Der nächste Qualitätsfaktor ist (wie oben erwähnt) die korrekt definierte und angewandte Terminologie. Neben der bewährten Methode der kontrastiven (bilingualen) Textanalyse gibt es technologisch unterstützte Suchmethoden im Bereich der Terminologie: Web Das Internet stellt einen sowohl indirekten (Fachtexte) als auch direkten (Terminologie-DBs) Zugang zur Terminologie her. Eine Voraussetzung, diese Möglichkeit der Terminologiesuche zu nutzen, ist natürlich das korrekte Umgehen mit Suchmaschinen etc. Es ist deshalb zwingend, dass die unterschiedlichen Suchstrategien in der Ausbildung beleuchtet werden. Terminologie-Datenbanken Auf Terminologie-DBs als Werkzeug soll auch eingegangen werden. Im Wesentlichen soll dabei einerseits auf bestehende extern angebotenen Term-DBs verwiesen und andererseits über die Vorteile und Möglichkeiten einer eigenen Datenbank informiert werden. Eine eigene Datenbank bietet, wie schon erwähnt, neben der allgemeinen Nachschlagefunktion die eigentliche Grundlage für den vernünftigen Einsatz effizienzsteigender Tools (s.o.).

5 Terminology Mining Terminology Mining (auch Terminology Extraction genannt) ist ein tool-unterstützter Prozess, Term-Kandidaten (vor oder nach / mono- oder bilingual) aus Texten (Quell- / Zieltext) zu extrahieren. Nach der Extraktion werden die Kandidaten ausgewertet und entsprechend in der Terminologie-DB gepflegt. Dieser Prozess verkürzt die Phase der Terminologiedefinition und trägt so zur Effizienzsteigerung bei. Nicht alle vorhandenen Tool sind ausgereift, aber die Technologie sollte auf jeden Fall dem ausgebildeten Übersetzer bekannt sein. Controlled Language Tools (CLT) Um die Qualitätssicherung zu beschleunigen, bzw. um einen einheitlichen Stil, eine korrekte Grammatik, die korrekte Anwendung der Terminologie etc. zu gewährleisten, kann mittels eines CLT-Tools textübergreifende Checks gemacht werden. Diese Checks können sowohl synchron aber auch zeitversetzt zur Texterstellung gemacht werden. CLT-Tools werden häufig bei der Erstellung eines Originaltextes eingesetzt, lassen sich aber auch bei Übersetzungen verwenden. Diese automatisierte textübergreifende Qualitätssicherung macht vor allem bei größeren Projekten mit mehreren Beteiligten Sinn. Ein Einblick in das CLT-Konzept ist interessant aber nicht zwingend. Sonstiges Außer harten Tool- bzw. Projekt-Skills sind folgende sogenannte Soft-Skills wichtig: Kommunikation (für Aufbau eines Human Networks) Präsentation (Ideen verkaufen) Kalkulation (Projekte sind budgetgebunden) Gesetzliches (Urheberrecht (Terminologie), Intellectual Property) Solche Themen sollten zumindest optional angeboten werden. Zusammenfassung Der heutige Übersetzer ist nicht nur Sprachenspezialist, sondern Übersetzungsspezialist, d.h. er: kann Projekte planen und deshalb rechtzeitig liefern kennt verschiedene Übersetzungs-Technologien und kann deshalb effizient übersetzen besitzt die benötigten Sprachen- und Tool-Kompetenzen und kann deshalb hochqualifizierte Übersetzungen liefern

6 Um dies erreichen zu können, muss die Ausbildung adäquat gestaltet werden, d.h. die im Vortrag erwähnten Elemente beinhalten. Danke.

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