Emmerich Kelih (Graz)
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- Mona Geisler
- vor 8 Jahren
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Transkript
1 Emmerich Kelih (Graz) Sprachtypologie : Vokal- Konsonantenanteil als Charakteristikum slawischer Literatursprachen eine Neu-Interpretation von Isačenko (1939/1940) Institut für Slawistik, Universität Graz [Graz Project on Quantitative Text-Analysis] [[email protected]]
2 Welche sprachtypologische Bedeutung hat der Vokal- und Konsonantenanteil? (System vs. Text) 1. Anteil von Vokalen/Konsonanten am Phonem-Inventar 2. Studie von Isačenko (1939/1940): Probleme und Kritik 3. Re-Analyse von Stadnik (1998): Phonemtypologie slawischer Sprachen 4. Methodologisches: Multivariate Varianzanalyse 5. Abschließende Diskussion
3 Anteil von Vokalen/Konsonanten (V/C) am Phoneminventar als sprachtypologisches Merkmal A. Schleicher, A.S. Budilovič, Dikarev (1891/1892) Peškovskij (1925), Čistjakov/Kramarenko (1929), Burlakova et al. (1962), Majewicz (1989), Gil (1990), Sawicka/Grzybowski (1999) u.v.m. Anteil von Vokalen/Konsonanten (V/C) am Phoneminventar als sprachtypologisches Merkmal V/C als das charakteristische einer Sprache Möglichkeit einer typologischen Gliederung von slawischen Sprachen keine systematische Studien zu slawischen Sprachen z.t. Beschränkung auf Intuition ( musikalischer Typus, konsonantenreiches Polnisch usw.) methodologische Schwächen: keine Prozentangaben, kein relativer Anteil... Studie von Isačenko (1939/1940) Versuch einer Typologie der slavischen Sprachen
4 Isačenko (1939/1940: 67) unterscheidet [ ] mit Rücksicht auf die phonologische Belastung, resp. auf ihren prosodischen Überbau [ ] innerhalb der slawischen Sprachen folgende Typen: Bezogen auf das Vokalsystem: 1. polytonische Sprachen (a) mit musikalischer Intonation in kurzen und langen Silben und (b) in langen Silben 2. monotonische Sprachen mir freier Quantität 3. monotonische Sprachen mit einem freien dynamischen Akzent 4. monotonische Sprachen ohne prosodische Belastung Bezogen auf das Konsonantensystem: 1. Sprachen mit Unterscheidung harter und weicher Konsonanten 2. hart/weich nur innerhalb der Dentalgruppe (Schriftslowakisch, Čechisch, Štokavisch) 3. Sprachen ohne weiche Konsonanten (z.b. Ljubljaner Aussprache des Slowenischen)
5 Methodologische Innovation: Berechnung des Prozentsatzes von V bzw. C am Inventar: silbische Konsonanten Summe % der Konsonanten Sprache Konsonanten Vokale Serbokroatisch- 48 Štokavisch Slowenisch Kašubisch ,9 Slowakisch Čechisch ,7 Ukrainisch ,1 Bulgarisch ,1 Ober-Sorbisch ,1 Russisch ,2 Nieder-Sorbisch ,5 Polnisch ,5 RESULTAT nach Isačenko (1939/1940): I. ein radikal vokalischer Typus (Serbokroatisch, Slowenisch, Kaschubisch) II. ein radikal konsonantischer Typus (Ostslawische Sprachen, Bulgarisch) III. dritter Sprachtypus, das Schriftslovakische, welches in der Mitte zwischen den beiden Extremtypen liegt
6 Weitere Rezeption methodologische Weiterentwicklungen durch V. Skalička, J. Krámský, E. Stankiewicz allgemeine Akzeptanz von vokalischen vs. konsonantischen Sprachtypus in Andersen (1978), ähnlich Stadnik (1998) Erklärung: Kompensationsmechanismen ausführliche Kritik durch Kempgen (1991) es werden nur binäre Merkmale benutzt Russisch: freier Akzent, aber morphologisch geregelt Makedonisch: vorletzte Silbe betont, aber mit Ausnahmen = Tendenzen! nur der Umfang der Palatalitätskorrrelation wird beachtet, nicht aber Texthäufigkeit! keine Begründung über Festlegung der Grenzen Mittelstellung des Slowakischen? fehlende Zuordnung des Ukrainischen! linguistische Kriterien für Bestimmung des Phoneminventars ist offen! fehlende Trennung von segmentalen und supra-segmentalen Eigenschaften!
7 Potentielle Merkmale einer phonologischen Typologie (Kempgen 1991) 1. Zahl der Vokale zur Zahl der Phoneme 2. Zahl der Konsonanten zur Zahl der Phoneme 3. Zahl der Sonanten zur Zahl der Phoneme 4. Freier Akzent ja/nein 5. Freie Quantität auf Silben/Morphem/Lexem-Ebene 6. Zahl der Korrelationspaare hart/weich Systematisierung durch Altmann/Lehfeldt (1973) > systemische Eigenschaft > pragmatische E. (Text) > Bezugseinheit: Wort, Morphem, Silbe
8 Neueste Entwicklung: Stadnik, E. (1998): Phonemtypologie slawischer Sprachen und ihre Bedeutung für die Erforschung der diachronen Phonologie, in: Zeitschrift für Slawistik 4, Ziele und Hypothesen Untersuchung von 12 (14) slawischen Standardsprachen Unterschied von vokalischen und konsonantischen Sprachen wird impliziert akzeptiert besondere Aufmerksamkeit auf der Palatalisierungskorrelation Postulieren einer Zwischengruppe > Sprachen mit Abbau von Palatalisierungskorrelation = Sprachen, wie das Polnische, das Niedersorbische (in Abbau begriffen), das Obersorbische (nach Stadnik 1998: 387 bereits abgebaut), > distinktive Vokalquantität (Tschechisch, Slowakisch, Serbokroatisch) > distinktive Tonbewegungen (Slowenisch, Serbokroatisch)
9 Drei Typen von slawischen Sprachen nach Stadnik (1998) distinktive Palatalsierungskorrelation distinktive Vokalquantität und/oder distinktive Tonbewegungen Sprachen ohne die genannten Merkmale Russisch Tschechisch Polnisch (B) Belorussisch Slowakisch Niedersorbisch (B) Ukrainisch Slowenisch (A) Obersorbisch Polnisch (A) Serbokroatisch Bulgarisch Niedersorbisch (A) Makedonisch Slowenisch (B) Bulgarisch und Palatalitätskorrelation? Obersorbisch und Palatalitätskorrelation? Niedersorbisch und Palatalitätskorrelation? Aufrechterhalten einer Zwischengruppe möglich? methodologische Probleme: 1. Verwendung von rein klassifikatorischen Begriffe (Eigenschaften von Objekten) 2. keine komparativen Begriffe 3. keine Quantifizierungen
10 Versuch einer marginalen Quantifizierung 1. Anzahl von Phonemen: Inventarumfang (I): 2. Anzahl von Konsonanten (K) 3. Anzahl von Vokalen (V) 4. Anzahl von Paaren mit Palatalisierungskorrelation (Pal.) Quantitative Re-Interpretation von Stadnik (1998) Sprachen Inventar V K Pal. V-rel. K-rel. Pal.rel. 1 Russisch ,13 0,87 0,36 2 Ukrainisch ,10 0,90 0,43 3 Belorussisch ,12 0,88 0,29 4 Polnisch (A) ,12 0,88 0,20 5 Polnisch (B) ,18 0,82 0,00 6 Obersorbisch ,26 0,74 0,00 7 Niedersorbisch (A) ,16 0,84 0,16 8 Niedersorbisch (B) ,23 0,77 0,00 9 Tschechisch ,17 0,83 0,00 10 Slowakisch ,19 0,81 0,00 11 Bulgarisch ,22 0,78 0,00 12 Serbokroatisch ,17 0,83 0,00 13 Makedonisch ,17 0,83 0,00 14 Slowenisch (A) ,27 0,73 0,00
11 Auswertungen: Vokal-Anteil: Spannweite: 0.10 (Ukrainisch) 0.27 (Slowenisch) Palatalisierungskorrelation 0.43 (Ukrainisch) 0.16 (Niedersorbisch) Sprachen Inventar V K Pal. V-rel. K-rel. Pal.rel. 1 Russisch ,13 0,87 0,36 2 Ukrainisch ,10 0,90 0,43 3 Belorussisch ,12 0,88 0,29 4 Polnisch (A) ,12 0,88 0,20 5 Polnisch (B) ,18 0,82 0,00 6 Obersorbisch ,26 0,74 0,00 7 Niedersorbisch (A) ,16 0,84 0,16 8 Niedersorbisch (B) ,23 0,77 0,00 9 Tschechisch ,17 0,83 0,00 10 Slowakisch ,19 0,81 0,00 11 Bulgarisch ,22 0,78 0,00 12 Serbokroatisch ,17 0,83 0,00 13 Makedonisch ,17 0,83 0,00 14 Slowenisch (A) ,27 0,73 0,00 Gruppe Wo kann man nun Subgruppen feststellen? 2. Wie kann man Sub-Gruppen festsetzen?
12 Statistische Evaluation: Multivariate Diskriminanz-Analyse Quantitativ-qualitative Klassifizierungsprozedur Auf der Basis von Prädikatorvariablen werden die einzelnen Fälle bestimmten Gruppen zugeordnet! RESULTAT: Prozentsatz von korrekten Zuordnungen zu einer Gruppe! Als Prädikatorvariablen Anzahl von Vokalen Anzahl von Konsonanten Anzahl von Palatalisierungspaaren
13 Resultat: 3 Sprachgruppen? Sprachen Gruppe Russisch 1 Ukrainisch 1 Belorussisch 1 Polnisch (A) 1 Polnisch (B) 3 Obersorbisch 3 Niedersorbisch (A) 1 Niedersorbisch (B) 3 Tschechisch 2 Slowakisch 2 Bulgarisch 3 Serbokroatisch 2 Makedonisch 3 Slowenisch (A) 2 Anzahl % Vorhergesagte Gruppenzugehörigkeit konsonantisch vokalisch zwischenstufe Gesamt konsonantisch vokalisch zwischenstufe konsonantisch 100,0,0,0 100,0 vokalisch,0,0 100,0 100,0 zwischenstufe,0,0 100,0 100,0 1. nur 71,4% korrekte Klassifizierung 2. vokalische Gruppe von Stadnik (1998) kann nunmehr nicht bestätigt werden 3. keine einzige Sprache versteht sich als vokalische Sprache
14 Probleme mit dem linguistischen Input? Differenzierung: Vokalsystem segmentale Eigenschaften suprasegmentale Eigenschaften Zählweise von Quantität? = 1 Segment? prosodische Eigenschaften? z.b. Kürze = 1 Segment? Interpretation von Diphtongen? Differenzierung: Konsonantensystem Zählung von Affrikaten? Palatalisierung als 1 Segment? silbenbildende Konsonanten in slawischen Sprachen?
15 1. Slowenisch: /r/ 2. B/K/S: /r/ Silbenbildende Konsonanten als zusätzliches Merkmal 3. Tschechisch /r/ bzw. /l/ 4. Slowakisch: /r/ /l/ 5. Makedonisch /r/ Sprachen Inventar V K Pal. Silb. K 1 Russisch Ukrainisch Belorussisch Polnisch (A) Polnisch (B) Obersorbisch Niedersorbisch (A) Niedersorbisch (B) Tschechisch Slowakisch Bulgarisch Serbokroatisch Makedonisch Slowenisch (A)
16 Diskriminanzanalyse: 3 Gruppen und 4 Merkmale Vorhergesagte Gruppenzugehörigkeit konsonantisch vokalisch zwischenstufe Gesamt konsonantisch vokalisch zwischenstufe konsonantisch 100,0,0,0 100,0 vokalisch,0 100,0,0 100,0 zwischenstufe,0 20,0 80,0 100,0 92,9 % korrekte Klassifizierung Konsonantische Sprachen Vokalische Sprachen Zwischengruppe Russisch Slowenisch Polnisch (B) Ukrainisch Serbokroatisch Obersorbisch Belorussisch Tschechisch Niedersorbisch (B) Polnisch (A) Slowakisch Bulgarisch Niedersorbisch (A) Makedonisch
17 Zusammenfassung Quantifizierung notwendig und sinnvoll Anwendung eines entsprechenden Methodenapparates 3 Gruppen innerhalb der slawischen Sprachen Anzahl von Vokalen Anzahl von Konsonanten zusätzlich notwendig: Anzahl von silbischen Konsonanten Perspektive: Erweiterung auf Text-Stichproben: Häufigkeit in Texten (!)
18 Hvala za vašo pozornost! Danke für Ihre Aufmerksamkeit
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