Kapitel 10 Der Arbeitsmarkt
Arbeitsmarkt Besonders wichtiger Markt in einer Volkswirtschaft Im Schnittpunkt von Mikro- und Makroökonomie Seit längerem starke Anzeichen für ein massives Ungleichgewicht Ursachen werden kontrovers diskutiert Seit 2005 deutliche Verbesserung der Situation am Arbeitsmarkt
Längerfristige Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland Entwicklung der Arbeitslosenzahlen in Deutschland 1921-2007 in Millionen Grosse Depression Dt. Einheit Wirtschaftswunder
6000 5000 4000 3000 2000 1000 0 Entwicklung des Arbeitsmarktes seit Wiedervereinigung Arbeitslose Offene Stellen Hartz-IV 1993-12 1994-08 1995-04 1995-12 1996-08 1997-04 1997-12 1998-08 1999-04 1999-12 2000-08 2001-04 2001-12 2002-08 2003-04 2003-12 2004-08 2005-04 2005-12 2006-08 2007-04 2007-12 2008-08 1991-12 1992-08 1993-04
Was bestimmt Angebot und Nachfrage nach Arbeit? Nachfrage: Unternehmen fragen Arbeitskräfte nach Angebot: Erwerbstätige bieten Arbeit an Preis auf dem Arbeitsmarkt: Lohn genauer: Reallohn Reallohn= Nominallohn/Preisniveau
Was bestimmt die Arbeitsnachfrage der Unternehmen? Grundidee: Je niedriger der Reallohn, desto mehr Arbeitskräfte werden nachgefragt Begründung: Die von einem zusätzlichen Arbeitnehmer pro Stunde erbrachte Leistung ist für einen Wirt umso weniger wert, je mehr Arbeitskräfte bereits bei ihm beschäftigt sind. Zum Beispiel: erster Arbeitnehmer: 11 zweiter Arbeitnehmer: 9 dritter Arbeitnehmer: 7
Fallstudie: Nachfrage eines Wirts nach Aushilfskräften
Was bestimmt das Arbeitsangebot der Arbeitnehmer? Grundidee: Je höher der Reallohn, desto höher ist das Arbeitsangebot Begründung: Je länger die Arbeitszeit, desto höher ist für einen Beschäftigten das Arbeitsleid. Oder: Je höher das Einkommen, desto mehr Güter können konsumiert werden, deren zusätzlicher Nutzen nimmt aber ab (abnehmender Grenznutzen)
Fallstudie: Arbeits-Angebot einer Aushilfskraft
Einkommens- versus Substutionseffekt einer Lohnerhöhung Steigende Arbeitsangebotskurve: mit steigendem Reallohn wird mehr gearbeitet wird, weil die Arbeitnehmer bereit sind, Freizeit gegen Arbeit zu substituieren. Man spricht hier vom Substitutionseffekt der Lohnerhöhung. Denkbar ist auch, dass die Arbeitnehmer bei steigendem Lohn ab einem bestimmten Lohnsatz weniger arbeiten. In diesem Fall spricht man vom Einkommenseffekt der Lohnerhöhung.
Fallstudie: Arbeitsmarkt bei jeweils 10 identischen Anbietern und Nachfragern
Fazit Im Prinzip sorgt der Marktmechanismus auch auf dem Arbeitsmarkt für ein Gleichgewicht von Angebots- und Nachfrageplänen Konkretes Ergebnis bei Fallstudie: Markträumender Lohnsatz beträgt 7 pro Stunde
Wie kann es zu Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt kommen (=Arbeitslosigkeit)? Zwei konkurrierende Erklärungsansätze Makroökonomische Erklärung: Es fehlt an gesamtwirtschaftlicher Nachfrage (Diskussion in Kapitel 16) Mikroökonomische Erklärung: Die Löhne sind zu hoch Anreize zum Nichtstun zu hoch Es bestehen Probleme bei der Koordination von Angebot und Nachfrage (Hartz)
Zum Einfluss der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage auf den Arbeitsmarkt Quelle: Sachverständigenrat, JG 2007/08, Tabelle 52
Mikroökonomische Erklärung Klassische Arbeitslosigkeit Löhne am Arbeitsmarkt werden nicht frei durch den Marktmechanismus ermittelt. In vielen Ländern gibt es Tarifverträge, in denen die Löhne durch Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften festgelegt werden. Häufig sind diese auch für Unternehmer verbindlich, die nicht keinem Arbeitgeberband angehören (Allgemeinverbindlichkeit) Häufig gibt es auch Mindestlöhne als einheitliche Lohnuntergrenze Mögliches Ergebnis: Der dabei festgelegte Lohn ist höher als Gleichgewichtslohn
Spanien Portugal 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 0 Mindestlöhne im Ausland Irland Frankreich Niederlande Großbritannien Belgien Californien Griechenland US National Luxemburg Euro
Länder mit weitgehend allgemeinverbindlichen Tarifverträgen Italien Österreich Skandinavische Länder Niederlande
Branchen-Mindestlöhne über Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen in Deutschland Mindestlohn nach Tarifvertragsgesetz: Der Bundesminister für Arbeit und Soziales kann einen Tarifvertrag für allgemeinverbindlich erklären. Dazu bedarf es eines Einvernehmens mit dem Tarifausschuss, der aus je drei Vertretern der Spitzenorganisationen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer besteht und es müssen die tarifgebundenen Arbeitgeber mindestens 50 vh der unter den Geltungsbereich des Tarifvertrags fallenden Arbeitnehmer beschäftigen. Mindestlohn nach dem Arbeitnehmer-Entsendegesetz: Der Bundesminister für Arbeit und Soziales kann durch eine Rechtsverordnung eine Allgemeinverbindlicherklärung abgeben, also ohne Zustimmung des Tarifausschusses. Dies setzt einen Antrag mindestens einer der Tarifvertragsparteien voraus und dass die tarifgebundenen Arbeitgeber der betreffenden Branche mindestens 50 vh der Arbeitnehmer beschäftigen. Anwendung: Baugewerbe, Gebäudereiniger. Problem bei der Post, ob die 50 vh-grenze gegeben ist. Mindestlohn nach dem Gesetz über die Festsetzung von Mindestarbeitsbedingungen: Dieses Gesetz aus dem Jahr 1952 hat bisher keine praktische Bedeutung erlangt, weil in ihm der Vorrang tarifvertraglicher Bestimmungen vor den Mindestarbeitsbedingungen festgelegt ist
Fallstudie: Mindestlohn von 10 Euro für Aushilfskräfte Lohn 12 11 Mindestlohnarbeitslosigkeit Arbeitsangebot 10 9 8 7 6 5 4 3 Arbeitsnachfrage 2 1 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Stunden
Implikationen des Mindestlohns Zu diesem Lohnsatz besteht ein Angebots- Überschuss: Wirte fragen 10 Stunden nach Aushilfskräfte sind bereit 50 Stunden zu arbeiten Arbeitsmarkt ist im Ungleichgewicht Voraussetzung: Mindestlohn muss für alle Wirte verbindlich sein. Sonst würden Aushilfskräfte stets bereit sein, für weniger als 10 Euro zu arbeiten.
Warum können Gewerkschaften ein Interesse an zu hohen Löhnen haben? Grundansatz: Monopol-Modell. Gewerkschaften als monopolistische Anbieter (oder Kartell) für den Faktor Arbeit Der Lohnsatz durch die Gewerkschaft wird so bestimmt, dass für die Arbeitnehmer eine optimale Produzentenrente erzielt wird
Stilisierte Renten am Arbeitsmarkt bei freier Lohnbildung
Renten am Arbeitsmarkt bei einem Mindestlohn Mindestlohn Arbeitslosigkeit
Implikationen des Mindestlohns Gewerkschaften können durch zu hohe Löhne die Rente der Arbeitnehmer zu Lasten der Rente der Unternehmer erhöhen Probleme: - Wohlfahrtsverlust für Gesellschaft - Arbeitslosigkeit und damit - ein Insider-Outsider-Problem bei Arbeitnehmern
Das Insider-Outsider-Problem am Arbeitsmarkt Insider: Arbeitnehmer, die bei überhöhtem Lohn beschäftigt werden, erzielen höhere Rente als ohne Gewerkschaft Outsider: Arbeitnehmer, die bei überhöhtem Lohn keine Beschäftigung erzielen, verlieren ihre gesamte Rente Annahme: Gewerkschaften denken primär an ihre Mitglieder ( Insider ) und nicht an die Arbeitslosen ( Outsider ). Arbeitnehmer sind dauerhaft entweder Insider oder Outsider
Hohe Dynamik am deutschen Arbeitsmarkt spricht gegen Grundannahme der Insider-Outsider-Modells Arbeitsmarktsituation im Jahr 2006 Arbeitslosenzahl: 4487 000 Zugänge: 6877 000 Abgänge: 7381 000
Relevanz des Ansatzes Keine klare empirische Evidenz, dass Mindestlöhne zu Arbeitslosigkeit führen Literatur: Gesetzliche Mindestlöhne auch in Deutschland? / Gerhard Bosch ; Claudia Weinkopf. - Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung, Abt. Wirtschafts- und Sozialpolitik, [2006]. (www.fes.de/aspol/)
25 20 15 10 5 0 Kein Zusammenhang zwischen Mindestlöhnen und der Arbeitslosigkeit von Geringqualifizierten Irland Vereinigtes Königreich Dänemark Portugal Italien Schweiz Griechenland Schweden Österreich USA Spanien Finnland Belgien Frankreich Deutschland Arbeitslosenrate von Geringqualifizierten (2005), blau=mindestlohn, türkis=allgemeinverbindliche Tarifverträge Niederlande Luxemburg
Niedriglohnland Deutschland 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 0 Friseur Sachsen-A. Friseur Lübeck Gebäudereiniger Sachsen-A. Wachdienst ThüringenMVP Wachdienst MVP Floristik Sachsen-A. Landwirtschaft Rheinland-N. Bewachung Brandenburg Bäckerhandwerk Ost-Berlin Friseur Pfalz Gebäudereiniger Hessen Gartenbau Norddeutschland New York Großbritannien Belgien Irland Niederlande Frankreich Luxemburg Mindestlöhne und Ausland und unterste Tariflöhne in Deutschland Euro/Stunde
USA Durchschnittliche Lohnspreizung im internationalen Vergleich 6 5 4 3 2 1 0 Norway Sweden Finland Switzerland Denmark Netherlands Czech France Australia Japan Germany Neuseeland UK Spain Ireland Canada Poland Hungary Korea Einkommen des 9. Dezils zum 1. Dezil im Jahr 2005
Arbeitsangebot im Niedriglohnbereich Substitutionseffekt steigende Löhne führen zu Höherem Arbeitsangebot Einkommenseffekt sinkende Löhne führen zu Höherem Arbeitsangebot
Mindestlohn sorgt dafür, dass Lohn nicht unter existenzsicherndes Niveau fällt
Auch insgesamt moderate Lohnpolitik in Deutschland 10 8 6 4 2 0-2 Japan Germany Euro area Switzerland Spain Netherlands Austria Italy Belgium Portugal Total OECD France Sweden Finland Korea Luxembourg United States Mexico Denm ark United Kingdom Poland Canada Ireland Norway Australia Greece Czech Republic Hungary Iceland Slovak Republic Durchschnittlicher Anstieg der Nominallöhne in den Jahren 2004 bis 2008
Folge: nahezu stagnierende Inlandsnachfrage 6 5 4 3 2 1 0 Portugal Germany Japan Netherlands Switzerland Italy Austria France Belgium Sweden United Kingdom United States Finland Denmark Hungary Luxembourg Czech Republic Canada Poland Greece Spain New Zealand Slovak Republic Australia Ireland Durchschnittliche Wachstumsrate der realen Binnennachfrage 2001-2007
Sollte man Gewerkschaften abschaffen? Vorteil der zentralen Lohnfindung für Unternehmen: Einsparung von Transaktions- und Informationskosten durch Flächentarifvertrag Sozialer Friede im Unternehmen Vorteil der zentralen Lohnfindung für Arbeitnehmer: Schutz vor lokalem Monopson Problem der asymmetrischen Information wird vermieden
Rückläufige Bedeutung des Flächentarifvertrags in Deutschland West- Deutschland Ost- Deutschland Branchen- Tarifvertrag 63 46 Firmen- Tarifvertrag 7 10 Ohne Tarifvertrag 30 45 Anteil der Beschäftigten im Jahr 2005, für die die entsprechende Regelung gilt