Widerlagernde Mobilisation

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Transkript:

25 Widerlagernde Mobilisation Gerold Mohr.1 Einführung 28.1.1 Verminderung/Korrektur unerwünschter Ausweichmechanismen 28.1.2 Ziele 29.1. Prinzip der widerlagernden Mobilisation 0.1.4 Instruktion 2.1.5 Ausführung 2.1.6 Bewegungstempo 2.1.7 Verschiedene Ausführungsmöglichkeiten.1.8 Zusammenfassung.2 Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks.2.1 Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks in Abduktion/Adduktion 4.2.2 Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks in Flexion/Extension 6.2. Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks in Innen-/Außenrotation 40.2.4 Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks in Innen-/Außenrotation in 90 Flexion 42.2.5 Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks in transversale Abduktion/Adduktion 44. Entlastungsstellungen bzw. entlastende Manipulationen für die Sakroiliakalgelenke 46..1 Entlastende Manipulation für die Sakroiliakalgelenke in frontalen Ebenen 46..2 Entlastende Manipulation für die Sakroiliakalgelenke in sagittalen Ebenen 48.. Entlastende Manipulation für die Sakroiliakalgelenke in transversalen Ebenen 50

.4 Widerlagernde Mobilisation des Kniegelenks 51.4.1 Widerlagernde Mobilisation des Kniegelenks in Flexion/Extension 52.4.2 Widerlagernde Mobilisation des Kniegelenks in Innenrotation/Außenrotation 54.4. Widerlagernde Mobilisation des Kniegelenks in Flexion/Innenrotation und Extension/Außenrotation 56.5 Widerlagernde Mobilisation der Sprung- und Fußgelenke 57.5.1 Widerlagernde Mobilisation des oberen Sprunggelenks in Plantarflexion/Dorsalextension 58.5.2 Widerlagernde Mobilisation des unteren Sprunggelenks in Inversion/Eversion 60.5. Widerlagernde Mobilisation der Chopart- und Lisfranc-Gelenke in Pronation/Supination 62.5.4 Widerlagernde Mobilisation des Zehengrundgelenks in Flexion/Extension 6.6 Widerlagernde Mobilisation des Schultergelenks 64.6.1 Widerlagernde Mobilisation des Schultergelenks in Abduktion/ Adduktion 66.6.2 Widerlagernde Mobilisation des Schultergelenks in Außenrotation/ Innenrotation in 90 Flexion 69.6. Widerlagernde Mobilisation des Schultergelenks in Flexion/Extension 71.6.4 Widerlagernde Mobilisation des Schultergelenks in Außen-/Innenrotation in 90 Abduktion 7.6.5 Widerlagernde Mobilisation des Schultergelenks in transversale Flexion/Extension 74.6.6 Widerlagernde Mobilisation des Schultergelenks in Innen-/Außenrotation aus der Nullstellung 76

.7 Widerlagernde Mobilisation der Ellbogenund der Unterarmgelenke 78.7.1 Widerlagernde Mobilisation der Ellbogen- und der Unterarmgelenke in Flexion/Extension 78.7.2 Widerlagernde Mobilisation der Ellbogen- und der Unterarmgelenke in Pronation/Supination 80.7. Widerlagernde Mobilisation des Ellbogen- und Unterarmgelenks in Flexion mit Supination und Extension mit Pronation 81.8 Widerlagernde Mobilisation des Handgelenks 81.8.1 Widerlagernde Mobilisation des Handgelenks in Palmarflexion/Dorsalextension 82.8.2 Widerlagernde Mobilisation des Handgelenks in Ulnarabduktion/Radialabduktion 8.9 Widerlagernde Mobilisation der Fingergelenke 84.9.1 Widerlagernde Mobilisation der Fingergrundgelenke in Flexion/Extension 84.9.2 Widerlagernde Mobilisation des Daumensattelgelenks in Opposition/Reposition 86

28 Kapitel Widerlagernde Mobilisation 2 4 5 6 7 8 9 10 11 12 1 14 15 16 17 18 19 20.1 Einführung.1.1 Verminderung/Korrektur unerwünschter Ausweichmechanismen»Jede funktionelle oder strukturelle Beeinträchtigung des Bewegungssystems verändert das Bewegungsverhalten.«(Klein-Vogelbach et al. 2000a). Es kommt zu kompensatorischen Ausweichmechanismen. Sinn/Problematik der Ausweichmechanismen Ausweichmechanismen können sehr sinnvoll sein, denn sie schützen eine gestörte Struktur. Sie helfen, Schmerzen zu vermeiden, und begünstigen durch Schonung verletzter oder überlasteter Strukturen deren Heilung (Klein-Vogelbach et al. 2000a). Problematisch können Ausweichmechanismen und unökonomische Belastungen allerdings werden, wenn folgende Faktoren zutreffen: 5 Gesunde Strukturen werden durch Ausweichmechanismen überlastet, und es können je nach Dauer und Intensität der Überlastung neue Symptome auftreten. Da jetzt zusätzlich Strukturen geschont werden müssen, die an sich gesund, aber überlastet sind, verstärken sich bestehende Ausweichmechanismen. 5 Ausweichmechanismen sind dem Patienten nicht bewusst. Die veränderten Bewegungsmuster werden gelernt und automatisiert. Sie können deshalb weiterbestehen, auch wenn die primäre Ursache beseitigt wurde. 5 Auch Angst vor tatsächlich oder vermeintlich schmerzhaften Bewegungen führt dazu, dass sich das Bewegungsverhalten nach Beseitigung der primären Ursache nicht automatisch normalisiert. Behandlung der primären Ursachen von Ausweichmechanismen!»Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Physiotherapeuten, die Ursache der Ausweichbewegungen herauszufinden (Untersuchung) und, wenn möglich, zu behandeln. Zeigt das Untersuchungsergebnis, dass die weitere Schonung einzelner Gelenke nicht mehr notwendig ist oder dass mit reduzierter Belastung in größerem Umfang bewegt werden darf, als der Patient es tut, müssen ihm vorhandene Ausweichmechanismen bewusst gemacht werden.«(klein-vogelbach et al. 2000a) Das Prinzip der widerlagernden Mobilisation ist das gegensinnige Bewegen von zwei Gelenkpartnern. Mit dieser Technik kann der Therapeut die primären Ursachen von Ausweichbewegungen behandeln und die unerwünschten Ausweichbewegungen korrigieren bzw. vermindern (Klein-Vogelbach 2000a).

29.1 Einführung.1.2 Ziele! Ein Ziel der widerlagernden Mobilisation ist es, den Patienten zu lehren, einzelne Bewegungsniveaus selektiv, bewusst und kontrolliert ohne Ausweichmechanismen zu bewegen. Wirkungsweisen Die Anwendung dieser Technik ist nicht auf eine bestimmte Diagnose bezogen, sondern sie ergibt sich aus den Wirkungsweisen, die das Bewegen unter verschiedenen therapeutischen Gesichtspunkten hat (7 Kap. 1). Dazu gehören 5 das Erhalten des derzeitig möglichen Bewegungsausmaßes, 5 das Verbessern der Beweglichkeit, 5 das Abbauen bzw. Verhindern von Ausweichmechanismen, 5 das Lindern von Schmerzen, 5 das Schulen der Koordination und Reaktionsbereitschaft der Muskulatur, 5 das Fördern der selektiven kinästhetischen Wahrnehmung und 5 das Fördern der Selbstkontrolle des Patienten. Die widerlagernde Mobilisation kann grundsätzlich an jedem Gelenk angewendet werden. Differenzierte Bewegungsschulung/ widerlagernde Mobilisation Um einzelne Bewegungsniveaus selektiv und ohne Ausweichmechanismen zu bewegen, muss der Patient durch häufiges Wiederholen üben dieser Lernprozess benötigt Zeit und muss vom Therapeuten gezielt gefördert werden. Für den Patienten ist die Behandlungstechnik der widerlagernden Mobilisation keine passive Maßnahme, sondern auch ein Üben des Bewegungsempfindens (Kinästhetik) und der taktilen Wahrnehmung (Klein-Vogelbach et al. 2000a). Er muss Bewegungen wahrnehmen, zulassen und aktiv ausführen. Da die Wundheilung der Gewebe mehrere Stadien durchläuft, ist es wichtig, dass der Therapeut weiß, in welcher Phase der Wundheilung sich eine verletzte Struktur befindet. Er muss seine Technik entsprechend an die Schmerzen und an die Belastbarkeit der verschiedenen Bindegewebe anpassen. Mit der Behandlung werden spezifische Reize gesetzt, die die Regeneration verletzten Gewebes fördern sollen je optimaler physiologische Reize auf das verletzte Gewebe einwirken, desto besser verläuft die Heilung. Steht z. B. eine Schmerzproblematik im Vordergrund der Behandlung, dann sollte der Therapeut nicht unnötig Beschwerden provozieren und deshalb im schmerzfreien Bereich bewegen. Tritt in einer Bewegungsbahn zu früh ein Widerstand auf oder ist eine Bewegung deutlich eingeschränkt, dann sollte mit Techniken mobilisiert werden, die den Widerstand bzw. die Einschränkung beeinflussen, z. B. mit endgradigen Bewegungsausschlägen.

0 Kapitel Widerlagernde Mobilisation 2 4 5 6 7 8 9 10 11 12 1 14 15 16 17 18 19 20.1. Prinzip der widerlagernden Mobilisation! Die widerlagernde Mobilisation nutzt das Prinzip der Begrenzung einer weiterlaufenden Bewegung durch Gegenbewegung (Klein-Vogelbach et al. 2000a). Die beteiligten Gelenkpartner werden gegensinnig bewegt, d. h., der Therapeut führt die Hebel bzw. Zeiger gleichzeitig oder nacheinander in entgegengesetzte Richtungen. So werden frühzeitig einsetzende weiterlaufende Bewegungen verhindert, und das vorhandene Bewegungsausmaß wird maximal ausgeschöpft. Für die Ausführung der widerlagernden Mobilisation kann der Therapeut zwischen verschiedenen Ausgangsstellungen wählen.! Bei allen im Text beschriebenen und abgebildeten Techniken wird die rechte Seite behandelt. Man unterscheidet widerlagernde Mobilisationen bei Bewegungen vom Scharnier- und vom Rotationstyp: a Scharniertyp! Bei Bewegungen vom Scharniertyp (Klein-Vogelbach et al 2000a) bestimmt der Therapeut an den Gelenkpartnern je einen distalen und proximalen Distanzpunkt. 5 Die Distanzpunkte bewegen sich aufeinander zu, und der Drehpunkt/das Gelenk weicht aus, oder 5 sie entfernen sich voneinander und der Drehpunkt schiebt sich zwischen die Distanzpunkte (. Abb..1a, b). Wenn das Problem des Patienten, die Ausgangsstellung oder die Längenverhältnisse und Gewichte der Hebel dies nicht zulassen, sollten mindestens zwei Punkte bewegt werden. Es ist von Vorteil, wenn einer dieser bewegten Punkte der Drehpunkt ist. Sind zweiund mehrgelenkige Muskeln für Gelenkbewegungen verantwortlich, dann entspricht die Drehpunktverschiebung ohnehin dem normalen Bewegungsverhalten.. Abb..1 a, b Widerlagernde Mobilisation des Schultergelenks in Abduktion. a Ausgangsstellung. b Endstellung. b

1.1 Einführung Rotationstyp! Bei Bewegungen vom Rotationstyp drehen sich beide Gelenkpartner in entgegengesetzte Richtungen. verschoben wird, dann muss die Rotationsachse parallel mitbewegt werden. Auf diese Weise verhindert man die Mobilisation von anderen unerwünschten Bewegungskomponenten im Gelenk (. Abb..1c, d). Kann nur ein Zeiger bewegt werden, dann darf der andere nicht weiterlaufen er muss fixiert sein. Wenn das Gelenk bei der Rotationsbewegung räumlich c d. Abb..1 c,d Widerlagernde Mobilisation des Kniegelenks in Innenrotation. c Ausgangsstellung. d Endstellung.

2 Kapitel Widerlagernde Mobilisation 2 4 5 6 7 8 9 10 11 12 1 14 15 16 17 18 19 20.1.4 Instruktion Der Erfolg der widerlagernden Mobilisation ist abhängig von der verbalen und taktilen Führung des Patienten. Von Anfang an ist die Instruktion des geplanten Bewegungsablaufes ein wichtiger Bestandteil der Behandlung (Klein-Vogelbach et al. 2000a). Dabei nutzt der Therapeut die Orientierungen des Individuums (7 Kap. 1.2.2). Widerlagernde Mobilisation des Schultergelenks in Abduktion:»Die Schulter entfernt sich vom Ohr, und der Ellbogen bewegt sich gleichzeitig zur Seite, weg vom Brustkorb.«(Klein-Vogelbach et al. 2000a). Der Therapeut muss dem Patienten genügend Zeit geben, sich auf die geplante Bewegung zu konzentrieren und auftretende bremsende Muskelaktivitäten abzubauen. Erst danach kann der Patient die Bewegung zulassen..1.5 Ausführung Einleitung der widerlagernden Mobilisation. Der Therapeut informiert den Patienten darüber, in welche Richtung sich die Distanzpunkte bewegen sollen. Einleitend bewegt der Therapeut den proximalen Gelenkpartner. In der gewünschten Endstellung wird dieser dann fixiert und der distale Partner in die entgegengesetzte Richtung bewegt. Widerlagernde Mobilisation. Nach dieser einleitenden Phase werden beide Gelenkteile gegensinnig hin und her bewegt und gleichzeitig der Drehpunkt verschoben. Es ist günstig, mit der Bewegung des proximalen Gelenkpartners zu beginnen, da dieser die geringere Bewegungstoleranz hat. Dadurch wird ein Ausweichmechanismus verhindert, noch bevor er entstehen kann. Der räumliche Weg des distalen Distanzpunktes ist meistens geringer, da beide Gelenkpartner die Bewegung ausführen. Je nach Behandlungsziel kann der Therapeut entscheiden, ob er am Bewegungsende oder in einer submaximalen Gelenkstellung arbeiten möchte. Progression. Als Progression innerhalb der Behandlung, und wenn es der Arbeitsgang erlaubt, können mehrere Bewegungskomponenten/-richtungen kombiniert werden. Beispiel Widerlagernde Mobilisation des Schultergelenkes in Adduktion: Der Arm ist bereits in Extension und Innenrotation eingestellt. Widerlagernde Mobilisation des Kniegelenkes in Flexion: Flexion und Innenrotation werden miteinander kombiniert. Hubfreies/hubarmes Arbeiten Hubfreiheit/Hubarmut ist wichtig, um mit widerlagernder Mobilisation erfolgreich arbeiten zu können. Dazu muss der Therapeut das Gewicht der zu bewegenden Körperteile übernehmen bzw. gut lagern. Treten bremsende muskuläre Aktivitäten gegen die Schwerkraft auf, dann können sie ein Zeichen dafür sein, dass der Patient nicht loslassen kann, weil der Therapeut die Gewichte nicht korrekt übernommen hat bzw. nicht optimal gelagert hat..1.6 Bewegungstempo Zu Beginn ist das Tempo immer langsam. Der Therapeut wählt das Tempo, mit dem er behandeln möchte, in Abhängigkeit 5 vom Problem des Patienten (Pathologie, Belastbarkeit des Bindegewebes, Phase der Wundheilung, Schmerzen etc.), 5 vom Lernziel und 5 vom vorhandenen Bewegungsausmaß. Bei kleiner Bewegungsamplitude kann ein Tempo von 120 Bewegungsausschlägen/min angestrebt werden. Hauptziele sind die Detonisierung der Muskulatur und die Verbesserung der Durchblutung. Durch das schnelle Hin- und Herbewegen sollen beim Patienten bremsende Muskelaktivitäten reduziert bzw. ausgeschaltet werden. Um eine reflektorische Tonuserhöhung zu vermeiden, müssen die Bewegungen schmerzfrei ausgeführt werden (Klein-Vogelbach et al. 2000a, van den Berg 2001).

.2 Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks Techniken am Bewegungsende werden langsamer ausgeführt. Zum Lösen, Dehnen bzw. Verlängern von Strukturen braucht man Zeit. Pro Arbeitsgang werden ca. 10 bis 15 Bewegungsausschläge empfohlen (Klein- Vogelbach et al. 2000a).! Wenn das gegensinnige Bewegen langsam ausgeführt wird, dann können vorhandene Bewegungstoleranzen endgradig ausgeschöpft werden..1.7 Verschiedene Ausführungsmöglichkeiten Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Prinzip der widerlagernden Mobilisation in der Praxis auszuführen: 5 Der Therapeut nimmt die Gewichte ab und bewegt. Der Patient lässt die Bewegung zu. 5 Der Therapeut nimmt die Gewichte ab und unterstützt die Bewegung des Patienten. 5 Um die Koordination zu fördern, soll der Patient selbstständig zunächst hubfrei und dann mit zunehmender Hubbelastung arbeiten. 5 Mit oder ohne Hilfe des Patienten bewegt der Therapeut in die geplante Richtung, der Patient hält die erreichte Endstellung. 5 Der Therapeut gibt in der Endstellung statische Widerstände, um das erreichte Bewegungsausmaß zu stabilisieren. 5 Der Patient stabilisiert bzw. kontrolliert den proximalen Gelenkpartner (z. B. die Skapula) und bewegt den distalen (z. B. den Arm). 5 Der Therapeut gibt Widerstände, gegen die der Patient dynamisch konzentrisch oder dynamisch exzentrisch arbeiten muss. Er setzt gezielt Widerstände, um bestimmte Muskeln über die reziproke Innervation zu hemmen. Endstellung der Abduktion im Schultergelenk: Zur Aktivierung der Adduktoren und Hemmung eines überaktiven bzw. hypertonen Trapezius pars descendens (reziproke Innervation) setzt der Therapeut an der Innenseite des Oberarms einen Widerstand. Gegen diesen leichten Führungswiderstand führt der Patient den Rückweg der Bewegung aus..1.8 Zusammenfassung Ziele der widerlagernden Mobilisation sind die qualitative und quantitative Verbesserung der Beweglichkeit eines Gelenkes und des Bewegungsverhaltens eines Patienten. Um Ausweichbewegungen auszuschalten und vorhandene Bewegungstoleranzen maximal ausschöpfen zu können, wird das Prinzip des gegensinnigen Bewegens der beteiligten Gelenkpartner genutzt. Durch selektives Üben (z. B. die Konzentration der Bewegung auf ein bestimmtes Gelenk) lernt der Patient, einen Bewegungsablauf wieder zu kontrollieren (Klein-Vogelbach et al. 2000a)..2 Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks Patienten mit Hüftgelenksbeschwerden und/oder Bewegungseinschränkungen haben häufig Schwierigkeiten, ihr Hüftgelenk kontrolliert zu bewegen, ohne dass sich das Becken und die LWS frühzeitig mitbewegen. Vermeiden bzw. begrenzen kann man diesen Ausweichmechanismus des Beckens durch widerlagerndes Bewegen von Becken und Bein. Folgende Schritte erleichtern es dem Patienten, das selektive Bewegen des Hüftgelenks zu erlernen: 5 Der Patient bewegt in einer Ausgangsstellung, in der die Muskulatur hubfrei oder hubarm arbeitet. 5 Als Vorbereitung für die widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks kann der Therapeut zunächst die hubfreie Mobilisation der Hüftgelenke und der Lendenwirbelsäule ausführen, um die Bewegungen des proximalen Gelenkpartners Becken anzubahnen (7 Kap. 2).! Bei der widerlagernden Mobilisation des Hüftgelenks muss der Patient aktiv mitarbeiten und den proximalen Gelenkpartner Becken bewegen. Später muss er lernen, den proximalen Gelenkpartner zu stabilisieren (s. oben).

4 Kapitel Widerlagernde Mobilisation 2 4 5 6 7 8 9 10 11 12 1 14 15.2.1 Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks in Abduktion/Adduktion Abduktion Ausgangsstellung Der Patient liegt auf dem Rücken, die Beine sind gestreckt. Bewegungsablauf Der Patient bewegt seine linke Spina iliaca anterior superior nach kranial/medial. Der Therapeut bewegt das rechte Bein nach lateral und unterstützt die Drehpunktverschiebung des rechten Hüftgelenks nach medial/etwas nach kaudal (. Abb..2a, b). In der Lendenwirbelsäule kommt es zu einer linkskonkaven Lateralflexion vom Becken aus. Variante! Die widerlagernde Mobilisation kann auch über die Bewegung des proximalen Gelenkpartners mit Drehpunktverschiebung durchgeführt werden. Der Patient bewegt seine linke Spina nach kranial/medial, der Therapeut unterstützt die Bewegung manuell am Becken und verschiebt das rechte Hüftgelenk nach medial/etwas nach kaudal. Das rechte Bein bleibt dabei ruhig liegen (. Abb..2c, d). Als Progression kann das rechte Bein in Abduktion gelagert werden. 16 17 18 a. Abb..2 a,b Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks in Abduktion. a Ausgangsstellung. b Endstellung. b 19 20

5.2 Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks Adduktion Ausgangsstellung Der Patient liegt in Rückenlage mit ausgestreckten Beinen. Bewegungsablauf Der Patient bewegt seine linke Spina nach kaudal/medial. Der Therapeut führt gleichzeitig das rechte Bein nach medial (. Abb..2e). Dabei verschiebt sich das rechte Hüftgelenk nach kranial/lateral. In der Lendenwirbelsäule kommt es zu einer rechts konkaven Lateralflexion vom Becken aus. i Praxis-Tipp 5 Um den Reibungswiderstand zu vermindern, kann der Therapeut das Bein leicht anheben. 5 Einleitend kann zunächst die hubfreie Mobilisation für das Hüftgelenk in Abduktion/Adduktion und für die Lendenwirbelsäule in Lateralflexion instruiert werden. Der Therapeut unterstützt manuell die Bewegung des proximalen Gelenkpartners Becken (. Abb..2d). Beispielsweise bei einer Fraktur des Oberschenkels oder nach einer Hüftgelenkoperation kann so relativ früh mit Bewegung bzw. Mobilisation begonnen werden, ohne dass das betroffene Bein bewegt werden muss. (Siehe auch»mobilisierende Massage von Lendenwirbelsäule Hüftgelenk«, 7 Kap. 4) c d e. Abb..2 c e Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks in Abduktion. c Ausgangsstellung. d Drehpunktverschiebung nach medial. e Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks in Adduktion, Endstellung.

6 Kapitel Widerlagernde Mobilisation 2 4 5 6 7 8 9.2.2 Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks in Flexion/Extension Flexion Ausgangsstellung Der Patient liegt auf der linken Seite, das untere Bein ist in Hüft- und Kniegelenk leicht angebeugt. Die widerlagernde Mobilisation wird am oben liegenden Bein ausgeführt. Bewegungsablauf Der Therapeut bewegt das Knie nach ventral/kranial, gleichzeitig bewegt der Patient die Spina bzw. den lumbosakralen Übergang nach ventral/kaudal. Dabei verschiebt sich das Hüftgelenk nach dorsal/etwas nach kranial. Durch diese Beckenbewegung wird die Lendenwirbelsäule von kaudal her in Extension eingestellt (. Abb..a, b). 10 11 a. Abb.. a,b Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks in Flexion. a Ausgangsstellung. b Endstellung. b 12 1 14 15 16 17 18 19 20

7.2 Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks Variante Um die Bewegung des proximalen Gelenkpartners Becken mit gleichzeitiger Drehpunktverschiebung durchzuführen, bewegt der Patient die Spina nach ventral/kaudal. Der Therapeut unterstützt die Bewegung des Beckens und verschiebt das Hüftgelenk nach dorsal/etwas nach kranial (. Abb..c, d). c i Praxis-Tipp 5 Durch leichten Druck in die Oberschenkellängsachse wird das Hüftgelenk zentriert und die Verschiebung des Drehpunktes verstärkt. Eine bessere Zentrierung des Hüftgelenkes wirkt sich positiv auf die Flexionsbewegung aus. Sie kann den Widerstand und/oder die Schmerzen beim Bewegen reduzieren. Der Druck wirkt außerdem stimulierend auf die Syntheseaktivität der Knorpelzellen und verbessert die Belastbarkeit des Knorpels. Dies ist v. a. nach längerer Immobilisation wichtig (van den Berg 2001). Wenn der Druck allerdings Schmerzen provoziert, z. B. bei einer fortgeschrittenen Arthrose, dann sollte ohne Kompression bewegt werden. 5 Kann der Patient das Bein nicht mehr in die Sagittalebene einordnen, muss man die Ausgangsstellung entsprechend anpassen und andere Bewegungskomponenten zulassen, z. B. Flexion mit Abduktion und Außenrotation (=Schonhaltung des Hüftgelenkes). d. Abb.. c,d Widerlagernde Mobilisation des Hüftgelenks in Flexion. c Position der Hände des Therapeuten. d Drehpunktverschiebung nach dorsal/kranial.

http://www.springer.com/978--540-4104-2