Albert Wendt DER VOGELKOPP

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Transkript:

Albert Wendt DER VOGELKOPP 1

henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin GmbH 2005 Als unverkäufliches Manuskript vervielfältigt. Alle Rechte am Text, auch einzelner Abschnitte, vorbehalten, insbesondere die der Aufführung durch Berufs- und Laienbühnen, des öffentlichen Vortrags, der Buchpublikation und Übersetzung, der Übertragung, Verfilmung oder Aufzeichnung durch Rundfunk, Fernsehen oder andere audiovisuelle Medien. Das Vervielfältigen, Ausschreiben der Rollen sowie die Weitergabe der Bücher ist untersagt. Eine Verletzung dieser Verpflichtungen verstößt gegen das Urheberrecht und zieht zivil- und strafrechtliche Folgen nach sich. Die Werknutzungsrechte können vertraglich erworben werden von: henschel SCHAUSPIEL Marienburger Straße 28 10405 Berlin Wird das Stück nicht zur Aufführung oder Sendung angenommen, so ist dieses Ansichtsexemplar unverzüglich an den Verlag zurückzusenden. F1 2

PERSONEN Vogelkopp, ehemals Weib Königin Keulenjimmi Fred der Schwinger Guckinsgesicht Spezialist 3

1. Im Wald Schritte im Schnee, Winterstille, Schritte. Hilfe! (Schritte.) Hilfe! Junge Vögel mitten im Winter. Ein volles Vogelnest im Frost. Hilfe! Ruhe! Euch kann keiner helfen. Wer zur falschen Zeit geboren wird, der erfriert. So ist das Leben. Da kann man nichts machen. Wir sind nicht geboren, wir sind geschlüpft. Halbtot, aber streiten. Streite mit uns, dein Hauch ist so warm. Eurer Mutter sollte man den Hintern versohlen. Hier bin ich, hier bin ich. Mach mit mir, was du willst, aber rette meine Kinder. Mädchen, was hast du dir nur dabei gedacht. Legst in den tiefsten Winter hinein grüngesprenkelte Eier und brütest sie auch noch aus. Er hat so schön gesungen, da konnt ich nicht denken. Das alte Lied. Und wo ist er jetzt? Der Vater ist verreist und bringt bestimmt was Schönes mit. In den Süden, vermutlich. An den Titicacasee. Und dort amüsiert er sich mit den Kolibris. 5

Vögel Und den Kolibritinnen. Und ich soll mich mit seiner Brut herumplagen. Du bist ein Mensch, du bist stark, viel stärker als der Winter. Ich bin nur ein, ein Arbeitsmann. Ich schlage Holz und verkaufe es in der feinen Hutziehstraße. Davon leben mein Weib und ich so recht und schlecht. Nimm uns mit, nimm uns unter deine große Mütze. Ja, unter deine schöne warme Mütze. Ach, ihr Dummen. Ihr glaubt, eine Mütze ist zum Wärmen da. Eine Mütze ist dazu da, sie mit Schwung vom Kopf zu reißen, wenn man in der Hutziehstraße feine Leute trifft. Dafür bekommt man nämlich allerhand. Zuerst mal ein Lächeln, das ist nicht zu verachten, dann freundliche Worte, die braucht der Mensch, und vom Königlichen Untersekretär eine Zigarre. Und eine Zigarre am Abend, das ist mein eigentlicher Arbeitslohn. So viel Luxus bekomme ich für das bißchen Mützeziehn. Von uns bekommst du mehr. Viel mehr bekommst du von uns. Ihr jämmerlichen Zwitscherlinge, was könnt ihr mir geben? Einen hellen Kopf können wir dir geben. Unsere Stimmen bringen Licht unter deine Mütze. Die Kinder haben recht. Wir Vögel haben das Licht und die Weite vieler Himmel in unseren Stimmen. Damit wollen wir dich beschenken. Ich bin ein Arbeitsmann, ich nehme nichts geschenkt. Aber wenn das Licht ein guter Lohn ist für meine Plage mit euch, dann nehme ich an. Danke, danke, wir sind gerettet. Vorerst nur auf Probe. So. Ich nehme die Mütze ab, das winzige Nest ins Haar gesetzt. Über dem Mützenschirm reiße ich ein kleines Flugloch für die. Die Mütze vorsichtig aufgesetzt und und Ja. Naja. Ohja. Ihr dürft bleiben. Richtet euch ein, ihr seid zu Hause. 6

2. In der Hutziehstraße Hier, Herr, bring ich Ihnen das bestellte Holz. Es ist gute rote Kiefer, die knackt so schön im Kamin und duftet durch das Haus. (Poltern.) Königlichter Untersekretär Ich danke dir, mein Guter. Schön stark bist du, schleppst mir den halben Wald an. So, jetzt hast du die Hände frei, jetzt zieh die Mütze, wie es sich gehört. Herr, ich habe eine Bitte. Ich möchte von heute an meine Mütze aufbehalten, und mich dafür vor Ihnen verneigen. Königlichter Untersekretär Nein,, das reicht nicht. Lies mir dort das Straßenschild laut vor. Hut-zieh-straße. Hut-zieh-straße. Das ist nicht nur der Straßenname, das ist zugleich unsere schöne Ordnung. Und wir wollen doch nicht etwa gegen unsere schöne Ordnung rebellieren. Wir zwei alten Freunde. Ich habe Vögel unter der Mütze, darum kann ich sie nicht abnehmen. Zuerst verweigerst du mir die gebührende Achtung, und jetzt verspottest du mich auch noch. Habe ich das verdient, war ich nicht immer freundlich zu dir. Aber das scheint deinesgleichen nicht zu bekommen. (Brüllt.) Ich kann auch anders. Warum werden Sie gleich so böse? Wir brauchen doch nur unser Geschäft zu verkleinern und haben wieder schöne Ordnung. Bisher bekam ich für das Holz Geld und für das Mützeziehn eine Zigarre. 7

Ab heute lassen wir das Geschäft mit der Zigarre weg, und Sie bezahlen mich nur für das Holz. Aha. Jetzt weiß ich, womit ich dich kleinkriegen kann. Gut, ich gebe dir das Geld fürs Holz. Aber ich lege es in deine Mütze. Hier ist das Geld. Zieh die Mütze. (Leise.) Wer hätte das gedacht, meine Ergebenheit scheint wichtiger zu sein als meine Arbeit. Sagt, Vögel, was soll ich tun? Du solltest lachen. Ja, Lachen wäre jetzt richtig. Du hast lange nicht gelacht, dabei ist dieser Herr Wichtig doch komisch genug. Wir helfen dir und piepsen etwas quer, wir piepsen andersrum, dann kann man es auch pupsen nennen. (Lacht.) Aufhören, das ist zu komisch, Verzeihung, Herr, es ist einfach zu lächerlich. (Schüttet sich aus vor Lachen.) Du Aufmüpf, du Undank, du Zersetz, du Du Vogelkopp! Ja, Vogelkopp sollst du von jetzt an heißen, und wer dich trifft, soll dich verjagen. Verschwinde, Vogelkopp, und laß dich nie mehr in der Hutziehstraße sehen. Und jetzt laß ich meine Hunde los. Da wird dir das Lachen schon vergehen. 3. Beim Weibe Vogelkopp Weib Vogelkopp Schnell, Weib, die Tür zu und den großen Riegel vor. Geschafft! Jetzt könnt ihr da draußen toben, hier in meiner Stube bestimme ich, was ich mit meiner Mütze mache. Ob ich sie mir aufs linke Ohr setze oder auf die Nase oder die Zehe, darf hier kein vorschreiben. Nimm die Mütze ab! Mein liebes Weib, höre mir ruhig zu, dann wirst du mich verstehen und zu mir halten und nicht so sein wie die anderen. 8