Subjekt und Subjektposition

Ähnliche Dokumente
Subjekt und Subjektpositionen

Subjekt und Subjektposition

Syntax Phrasenstruktur und Satzglieder

Zur Struktur der Verbalphrase

Inhaltsverzeichnis. Abkürzungen... 9 Niveaustufentests Tipps & Tricks Auf einen Blick Auf einen Blick Inhaltsverzeichnis

Einführung in die Sprachwissenschaft des Deutschen. Syntax IV. PD Dr. Alexandra Zepter

Satzstruktur und Wortstellung im Deutschen

Syntax Verb-Zweit. Modul Syntax und Semantik. Universität Leipzig heck. Institut für Linguistik

Passiv und nichtakkusativische Verben

Satzlehre Satzglieder formal und funktional bestimmen: Übung 1

Syntax III. Syntaktische Funktionen von Sätzen Satztypen Eingebettete Sätze

a) Erklären Sie, was eine SOV Sprache ist und was eine V2 Sprache ist. b) Welche Wortstellungsmuster sind eher selten in Sprachen der Welt?

Teil II: Phrasen und Phrasenstruktur

1. Stellen Sie die Konstituentenstruktur der folgenden Sätze als Baumdiagramme dar:

Syntax. Ending Khoerudin Deutschabteilung FPBS UPI

Grammatik des Standarddeutschen III. Michael Schecker

Die Grammatik. sowie ausführlichem Register. Auflage

Das Flexionssystem des Deutschen: Allgemeines

Flexion. Grundkurs Germanistische Linguistik (Plenum) Judith Berman Derivationsmorphem vs. Flexionsmorphem

Einführung in die Sprachwissenschaft Jan Eden

Valenz, Kasus, syntaktische Strukturen

Syntaktische Bäume. Syntaktische Bäume: Prinzipien. Köpfe in Syntax vs. Morphologie CP! C S VP! V CP PP! P NP. S! NP VP VP! V (NP) PP* NP!

Einführung in die Grammatik der deutschen Gegenwartssprache

Flexionsmerkmale und Markiertheit

Das Aktantenpotenzial beschreibt die Möglichkeit eines Verbs andere Wörter an

Grammatikanalyse. Prof. Dr. John Peterson. Sprechstunde: Montags, 14:30-15:30h Raum LS10/Raum 425. Sommersemester 2015 Donnerstags, 14:15h-15:45h

3. Phrasenstruktur und Merkmale 2

1. Verben ohne Präpositionen

Syntax II. Gereon Müller Institut für Linguistik 4. November Typeset by FoilTEX

EINFÜHRUNG IN DIE GERMANISTISCHE LINGUISTIK KAPITEL 4: SYNTAX LÖSUNGEN

Konstituentenstrukturgrammatik

Optimalitätstheoretische Syntax

Phrase vs. Satzglied. 1. Bedeutung der Kapitän hat das Fernrohr:

Gymbasis Deutsch: Grammatik Wortarten Verb: Bestimmung der infiniten Verben Lösung 1 Lösungsansätze Bestimmung der infiniten Verben

Illustrierende Aufgaben zum LehrplanPLUS

Syntax - Das Berechnen syntaktischer Strukturen beim menschlichen Sprachverstehen (Fortsetzung)

atttributive Adjektive das die attributiven Adjektive attributive adjectives das blaue Haus --- ist nicht relevant--

Modulabschlussklausur Einführung in das Studium der Sprachwissenschaft

Dativobjekt! Akkusativobjekt! Genitivobjekt! Präpositionalobjekt! = Ziel der Handlung, Patiens!

Prof. Dr. Peter Gallmann Jena, Winter 2016/17

KAPITEL I EINLEITUNG

Vorwort 1.

Syntax und Phonologie: Prosodische Phrasen

Klausur in zwei Wochen Einführung in die Morphologie Flexion

DGA 33 Themen der Deutschen Syntax Universität Athen, WiSe Winfried Lechner Skriptum, Teil 3 K-KOMMANDO

1 Die Spezifikator-Position

DGY 17 Semantik Universität Athen, SoSe 2009

A Medial Topic Position for German W. Frey 2004

Historische Syntax des Deutschen II

Prof. Dr. Peter Gallmann Jena, Winter 2016/17. [Die Lehrerin] hörte [ [die Schüler] schwatzen ] Person wahrgenommener Sachverhalt

Das Passiv im Deutschen und Italienischen

Tiefenkasus und Kasusrahmen bei Fillmore

Grammatikbingo Anleitung

Einführung Syntaktische Funktionen

Vorkurs Mediencode Die wichtigsten grammatikalischen Termini

Hinweise zur flexionsmorphologischen Glossierung

Fersentalerisch: SVO SOV?

Lies die Sätze und schreibe die entsprechende Zeitform in das Kästchen!

Infinitivkonstruktionen

Handout 1 UE Einführung in die Grammatiktheorie 1

Satzklammer und Felder

LFG-basierter Transfer

Wortarten Merkblatt. Veränderbare Wortarten Unveränderbare Wortarten

Unterrichtsmaterialien in digitaler und in gedruckter Form. Auszug aus: Grammatik zum Anfassen: Die vier Fälle

Deutsche Grammatik Grundfragen und Abriß

Prof. Dr. Peter Gallmann Jena, Winter 2016/17

LEXIKALISCHE SEMANTIK II: GRAMMATISCHE BEDEUTUNG

Wiederholung. Prof. Dr. Peter Gallmann Jena, Winter 2016/17

Wort. nicht flektierbar. flektierbar. nach Person, Numerus, Modus, Tempus, Genus verbi flektiert. nach Genus, Kasus, Numerus flektiert

Grundlagen der Grammatik. Mathilde Hennig

Inhalt.

1 Darstellung von Modalverben in einschlägigen Grammatiken am Beispiel von Eisenberg (1989) und Engel (1988)

Überblick Kasus. NIVEAU NUMMER SPRACHE Anfänger A1_1033G_DE Deutsch

Grundkurs Linguistik - Syntax

Langenscheidt Deutsch-Flip Grammatik

HPSG. Referat zu dem Thema Kongruenz im Englischen Von Anja Nerstheimer

Wortbegriff und Wortarten

Einführung in die Linguistik, Teil 4

Hausaufgaben X-bar Schema Nebensatztypen Wortabfolgetendenzen. Syntax IV. Gerrit Kentner

SATZGLIEDER UND WORTARTEN

Relativsätze, Teil I

Der Nullsubjekt Parameter

Syntax 6: Rektion und Bindung Zwischen dem Kopf und seinen Argumenten besteht ein Abhängigkeitsverhältnis:

Wortarten I: Die Deklinierbaren

Lösungsansätze Bestimmung der finiten Verben

Generative Syntax. PD Dr. Ralf Vogel. 19. Mai 2008

Kasus und semantische Rollen

Expletive Nominalphrasen

UBUNGS- GRAMMATIK DEUTSCH

6. Klasse. Grammatik. Deutsch. Grammatik. in 15 Minuten

Klausur Syntaxseminar, SoSe Musterantworten.

(In-)Finitheit und Argumentstruktur: Sog. Partizipien II im Perfekt und Passiv

Aufgabe 3 (Wortmeldung erforderlich) Nennen Sie in hierarchischer Anordnung vom Großen zum Kleinen fünf grammatische Beschreibungsebenen der Sprache.

Zur Stellung des Subjekts im Deutschen *

Prof. Dr. Peter Gallmann Jena, Winter 2016/17

Seminarmaterial zu den Einheiten 2, 4 und 14 Version vom Deutsche Grammatik verstehen und unterrichten

Seminar Ib Wort, Name, Begriff, Terminus Sommersemester Morphologie. Walther v.hahn. v.hahn Universität Hamburg

Repetitionsprogramm. Deutsche Grammatik. Mein Name:

Transkript:

Peter Gallmann/Stefan Lotze Winter 2017/18 U Subjekt und Subjektposition U 1 Semantische Rolle und Kasus des Subjekts Wie in den vorangehenden Skripts ausgeführt, wird in der wissenschaftlichen Grammatik postuliert, dass Sätze universell als geschichtete Strukturen aus CP, und mit den zugehörigen Kernen C, I und V zu verstehen sind. Verben sind bei diesem Ansatz nicht aus sich selbst heraus finit, sondern ihre Finitheit (oder auch Infinitheit) beruht auf einer Verkettung von V und I. Zur Erinnerung: Die Abkürzung I steht für englisch inflection (= Flexion, gemeint: Verbflexion bzw. Konjugation); in manchen Darstellungen findet sich auch die Etikettierung T (= tense, = Tempus). Darüber hinaus wurde in Skript T 6 dargestellt, dass bei Subjekt-NPs das Verb für die Semantik (thematische Rolle), die Kategorie I aber für den Kasus zuständig ist (Zuweisung des Nominativs an die Subjektposition Spec). Wir formalisieren diese Trennung mit der Metapher der Bewegung: Die Subjekt-NP wird aus der in die Subjektposition bewegt. In der folgenden Grafik (und auch in allen nachstehenden Beispielen des vorliegenden Skripts) zeigen die Pfeile vom Regens auf das Dependens. Wenn man von der Strukturbeziehung c-command ausgeht, müsste man die Pfeilreichtung eigentlich umkehren ( Skript T). Beim Checking-Ansatz der neueren Theorievarianten wären Pfeile in beiden Richtungen angemessen: (1) CP Nominativ (Spec) Agens NP NPx C V I ( ) weil [das Kind]i ti tj lachtej x: Agens Erläuterungen zur Baumgrafik: Die Kategorie I bildet eine Phrase, die außer ihrem Kern I zwei Tochterphrasen enthält: die an ihrer Komplementposition sowie das Subjekt an ihrer Spezifikatorposition (= Subjektposition).

U Subjekt und Subjektposition 2 Die Kategorie I weist sofern sie selbst das Merkmal finit aufweist ihrem Spezifikator den Nominativ zu. Die Vergabe des Nominativs durch I erfolgt automatisch, das heißt quasi blind. Siehe dazu auch den Begriff der strukturellen Kasusvergabe, Skript T 8.1. Finite Verben kongruieren mit dem Subjekt in Person und Numerus ( Person-Numerus-Endungen), außerdem zeigen sie Tempus und Modus an. Zur Semantik des Verbs lachen gehört, dass es einen Aktanten mit semantischer Rolle Agens erfordert. Der Valenzrahmen wird in Kurzform direkt unter der Basisposition des betreffenden Verbs notiert. In älteren Versionen der Generativen Grammatik wurde angenommen, dass die Subjekt-NP direkt an der Subjektposition generiert ( basisgeneriert ) wird. Semantisch bestand bei diesem Konzept eine Fernbeziehung zwischen Subjekt und Verb. In der Fachliteratur wurde das Subjekt daher auch als externer Aktant bzw. als externes Argument im Gegensatz zu den internen Argumenten in der bezeichnet. Diese Begriffe begegnen einem zuweilen auch heute noch zur Unterscheidung entweder nach dem grammatischen Status (Subjekt vs. Objekte) oder nach dem semantischen (ranghohes Argument vs. rangniedrige Argumente). Das folgende Beispiel zeigt ein Verb, in dessen Semantik drei Ergänzungen vorangelegt sind: zwei Aktanten (Agens und Patiens) sowie eine adverbiale Ergänzung. Der entsprechende Valenzrahmen ist unter der Verbform in Kurzform aufgelistet: (2) CP Nom. V Akk. V (Spec) NP NPx NPy PPz C V I dass [Otto]i ti Kerzen auf den Tisch tj stelltj x: Agens y: Patiens z: Adverbiale Die Subjektphrase kann dann noch weiterbewegt werden, etwa ins Vorfeld (= SpecCP). Die Subjekts-NP steht also nicht immer in der Subjektposition Subjektphrase (Subjekts-NP) und Subjektposition sind unbedingt auseinanderzuhalten. Der Grund dafür wird weiter unten ( Abschnitte U 2.2 und U 2.3), aber auch durch später zu behandelnde Konstruktionen ( Skript V 1 und V 2) noch deutlicher.

U Subjekt und Subjektposition 3 Das folgende Beispiel zeigt einen Verbzweitsatz. Eingezeichnet ist diesmal nur die Vergabe des Nominativs an die Subjektposition: (3) CP 1 Nom. 2 (Spec) NP NP NPx NPy PPz C V2 V1 I [Otto]i hatj ti ti Kerzen auf gestellt tj tj den x: Agens Tisch y: Patiens V2 V2 z: Adverbiale Die Subjekts-NP nimmt bei der Bewegung ins Vorfeld den Kasus und die semantische Rolle mit. U 2 Die Position(en) des Subjekts im Deutschen In der Grammatikschreibung hat die folgende Annahme eine lange Tradition: (4) Jeder Satz hat ein Subjekt. Im Modell mit Schichtung CP ist diese Annahme ebenfalls aufgenommen worden: In der Variante des Prinzipien-und-Parameter-Modells kommt sie zum Projektionsprinzip hinzu. (5) Projektionprinzip: Lexikalische Valenzinformationen haben ein Abbild in der Syntax. Dieses Prinzip leistet eigentlich nichts anderes, als sicherzustellen, dass Satzglieder, die vom Verb lexikalisch vorgesehen sind (= Valenz), im Satz auch tatsächlich auftreten. Der Name des Prinzips beruht wieder auf einer Metapher: Die lexikalische Information wird in die Syntax projiziert, das heißt übertragen. Dem Prinzip wurde (4) als zusätzliche Klausel angehängt und ist unter dem Begriff Erweitertes Projektionsprinzip (Extended Projection Principle, EPP) geläufig: (6) Erweitertes Projektionsprinzip: Jeder Satz enthält eine Subjektposition.

U Subjekt und Subjektposition 4 U 2.1 Subjektlose Sätze Ein Problem für die Annahmen (4) bzw. (6) sind deutsche Sätze wie: (7) a. Mich ekelt vor Spinnen. b. Den Kindern war kalt. c. Mir graut vor dem heutigen Abend. d. (Die Kinder freuen sich, ) weil schulfrei ist. e. Heute wird nicht gearbeitet. Bei einigen dieser Konstruktionen gibt es immerhin Varianten mit dem unpersönlichen Subjekt es: (8) b. Den Kindern war [es] kalt. c. Mir graut [es] vor dem heutigen Abend. U 2.2 Linksversetzung im Mittelfeld I: Scrambling Deutsch kennt Linksversetzungen im Mittelfeld; Zweck ist das Anzeigen einer besonderen Informationsstruktur. Solche Bewegungen sind der Grund, dass die Annahme einer besonderen Subjektposition tatsächlich nicht so offensichtlich ist wie im Englischen: (9) a. dass [im Saal] [drei Paare] tanzen. b. weil [dieses Buch] [niemand] [auf den Tisch] gelegt hat. c. weil [solche E-Mails] [nur Idioten] öffnen. Nach links versetzt ist das jeweils erste Satzglied; es steht hier vor der kursiv gesetzten Subjektphrase. In der Grammatiktheorie bezeichnet man dieses sehr regelmäßig auftretende Phänomen, das ganz typisch für SOV-Sprachen zu sein scheint, als Scrambling. Nun könnte man spontan vermuten, dass Linksversetzung bedeutet, dass die betreffende Phrase an eine Position noch vor der Subjektposition bewegt wird. Wahrscheinlicher ist es allerdings, dass die Subjekt-NP hier gar nicht an der Subjektposition steht, sondern dass sie vielmehr unter Umständen auch in ihrer semantischen Grundposition innerhalb der stehen bleiben kann und die hier linksversetzten Satzglieder genau zwischen Spec und Spec stehen. Dafür spricht das im folgenden Punkt vorgestellte Phänomen, das ganz ähnlich zu funktionieren scheint. U 2.3 Linksversetzung im Mittelfeld II: Wackernagel-Bewegung Schwach betonte Personal- und Reflexivpronomen tendieren sehr deutlich zu einer Position am linken Rand des Mittelfelds, genannt Wackernagel-Position (nach dem Indogermanisten Jacob Wackernagel, 1853 1938). Das einzige Satzglied, das noch zwischen C und der Wackernagel-Position stehen kann, aber nicht muss, ist auffallenderweise das Subjekt. Im Beispiel fett gesetzt ist jeweils das Wackernagel-Pronomen: (10) a. weil [es] [Nom der Anwalt] [seinem Mandanten] geraten hatte b. weil [Nom der Anwalt] [es] [seinem Mandanten] geraten hatte Diese Auffälligkeit in der Wortstellung lässt sich zum Beispiel mit einem Dativobjekt vor dem Wackernagel-Pronomen nur sehr schlecht bis überhaupt nicht nachbilden:

U Subjekt und Subjektposition 5 (11) a. weil [es] [der Anwalt] [Dativ seinem Mandanten] geraten hatte b.??? weil [Dativ seinem Mandanten] [es] [der Anwalt] geraten hatte (Für Vertiefendes zur Wackernagel-Bewegung siehe Skript W 4.) U 2.4 Verdeckte Verkettung als Alternative zu offener Bewegung Wackernagel-Bewegung und Scrambling sprechen dafür, dass das Deutsche tatsächlich eine eigene Subjektposition kennt, und zwar genau dort, wo man sie nach dem allgemeinen Bauplan erwarten kann: an Spec. Eine Besonderheit des Deutschen besteht darin, dass die Subjektposition im Gegensatz zum Englischen an der Oberfläche nicht unbedingt auch vom Subjekt besetzt wird. Die offene (sichtbare) Bewegung kann also auch ausbleiben. Das Subjekt steht dann an seiner semantisch erwartbaren Grundposition. Wenn jedoch eine höhere Strukturposition, deren Besetzung man syntaktisch erwarten würde, wie in derartigen Beispielen an der Oberfläche leer ist, kann man nicht mehr mit dem Konzept von Bewegung und Spur arbeiten. Schließlich ist eine c-command- Beziehung vom bewegten Ausdruck zur Spur die Voraussetzung. Bewegung geschieht also grundsätzlich nur in der Struktur nach oben. Die Merkmalverschmelzung muss hier stattdessen mit verdeckter Verkettung dargestellt werden. In (10 a) ist das Agens-Argument [der Anwalt] mit der Subjektposition verdeckt verkettet. Man nutzt zur Koindizierung der Positionen dann auch keine Spur (t, trace ), sondern kennzeichnet die entsprechende Stelle in diesem Fall mit e ( empty ) als leer. So ist zu erkennen, dass der Oberflächenausdruck zwar Eigenschaften und Funktionen der verketteten Position annimmt, dass er aber eben gerade nicht bewegt wurde: (12) CP (Spec) V NP NPx NPy NPz C V I weil ei [es]k [der Anwalt]i [seinem Mandanten] tk tj rietj V

U Subjekt und Subjektposition 6 Erläuterungen zur Baumgrafik: Das Wackernagel-Pronomen [es] wird entsprechend seiner semantischen Rolle an der Komplementposition von V generiert. Dort erhält es auch seinen Kasus, den Akkusativ. Die Phänomene Scrambling und Wackernagel-Bewegung unterscheiden wir strukturell der Zweckdienlichkeit halber nicht und gehen davon aus, dass es sich jeweils um eine Adjunktion an handelt. Im Beispiel wird das Pronomen [es] somit im Anschluss an den Aufbau der in eine -Adjunktposition bewegt, die in der linearen Abfolge zwischen Spec und Spec sichtbar wird. Bisher war es nicht nötig, auf diese Möglichkeit innerhalb des Modells einzugehen, und sie wird in diesen Skripts auch nicht wieder gebraucht. Deshalb in aller Kürze: Nach dem Abschluss einer Projektion (die Grundpositionen sind entsprechend der Semantik besetzt) ist es möglich, eingebettete Phrasen mittels Bewegung umzuordnen. Dazu kann Adjunktion verwendet werden, d. h. der nach oben offene Knotentyp () wird in der Struktur verdoppelt und es entsteht eine Adjunktposition. Die Tochter der oberen -Ebene in der Grafik ist also kein zusätzlicher Spezifikator. Für unsere Zwecke soll diese Art der Modellierung von Wackernagel- und Scrambling-Positionen genügen, denn primär geht es um die reinen Wortstellungsphänomene, die im Sinne eines Sichtbarmachens der Subjektposition im Deutschen interpretiert werden können. Das Subjekt wird nicht bewegt, sondern mit der Subjektposition verdeckt verkettet. Dies symbolisiert das mit dem Subjekt koindizierte e. Die Klammer unter den beiden Positionen (kein Pfeil!) ist eine zusätzliche Möglichkeit der Darstellung. Die Verkettung erklärt den Nominativ und damit die Tatsache, dass die NP [der Anwalt] nicht nur die Agens-Rolle trägt, sondern außerdem die Funktion Subjekt des Satzes übernimmt. (Weitere Fälle, die manchmal mit verdeckter Verkettung analysiert werden müssen, werden in Skript V behandelt.) U 3 Fazit: Subjektphrase vs. Subjektposition Im Deutschen ist zwischen Subjektphrase (= Subjekt-NP; = Aktant im Nominativ) und Subjektposition (= Spec) zu unterscheiden. Auch wenn die Evidenz für eine Subjektposition im Deutschen zunächst nicht die offensichtlichste sein mag, so ist sie auch nicht null. Die Subjektposition kann im Deutschen leer bleiben; das gilt nicht nur für Sätze mit einer Subjektphrase in anderer Position, sondern auch für subjektlose Sätze.