Technik der Strafzumessung

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Transkript:

Technik der Strafzumessung Hans Mathys 16. Juni 2017 Basellandschaftliche Richtervereinigung BLRV Leuenbergtagung

Grundsätzliches Vorgehen der Urteilsfindung Erste Erkenntnisse als Ausgangspunkt Eruierung der möglichen Strafbestimmung(en) Eruierung des benötigten Sachverhalts Eruierung der benötigten Beweismittel Würdigung der Beweismittel Würdigung des Beweises Entscheid, ob der Sachverhalt bewiesen ist Rechtliche Würdigung des Sachverhaltes Entscheid Hans Mathys 2

Strafzumessung als Teil der Urteilsfindung Bisheriger Sachverhalt als Ausgangspunkt Eruierung der denkbaren Strafzumessungskriterien Eruierung des benötigten Sachverhalts Eruierung der benötigten Beweismittel Würdigung der Beweismittel Würdigung des Beweises Entscheid, ob der Sachverhalt bewiesen ist Rechtliche Würdigung des Sachverhaltes Festsetzung der Strafe

Zum benötigten Sachverhalt 1. Subsumtionssachverhalt + personelle, zeitliche und örtliche Angaben = Anklagesachverhalt 2. Zusätzlich benötigter Sachverhalt (für Strafzumessung, Strafvollzug, Massnahme usw.) 1 + 2 = rechtlich relevanter Sachverhalt

Grosses Ermessen des Sachrichters Im Bereich der Strafzumessung kommt dem Sachrichter ein grosses Ermessen zu. Gerade deshalb hat er den Entscheid vollständig und ausreichend zu begründen. Alle wesentlichen Strafzumessungskriterien sind aufzuzählen. Sie sind zu bewerten (gewichten), wobei keine "Prozentrechnungen" vorzunehmen sind.

Grundsätze der Strafzumessung Das Gericht misst die Strafe nach dem Verschulden des Täters zu (StGB 47 Abs. 1). Tatbezogener Umstand (Tatkomponente) Es berücksichtigt das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters (StGB 47 Abs. 1). Täterbezogene Umstände (Täterkomponenten) 6

Tatverschulden (Definition des Verschuldens in Art. 47 Abs. 2 StGB) (Tatverschulden) Das Verschulden hat eine objektive und eine subjektive Seite. In einem ersten Schritt ist die objektive Seite zu eruieren und zu bewerten (sog. objektive Tatschwere). 7

Bewertung der objektiven Tatschwere Art und Weise des Tatvorgehens Skrupelloses, rücksichtsloses, brutales, grausames u.ä. Vorgehen Ausmass der Gewalteinwirkung usw. Ausmass der Verletzung und der Gefährdung Sehr viele Kriterien denkbar Frage: Inwieweit weicht das Vorgehen von dem für die Tatbestandsverwirklichung «Notwendigen» ab? Zu beachten ist stets das Doppelverwertungsverbot. 8

Bewertung der objektiven Tatschwere Zu fragen ist, wie die Tat vom äusseren Ablauf her (Vorgehen, Intensität usw.) im Vergleich mit anderen denkbaren Varianten einzuordnen ist (keine absolute Bewertung). Daraus ergibt sich die Einschätzung der (objektiven) Tatschwere. Sinnvoll ist, dieses objektive Verschulden ausdrücklich zu bezeichnen (z.b. als "sehr schwer", "schwer", "mittelschwer", "leicht", usw.). 9

Massgebendes (subjektives) Verschulden In einem zweiten Schritt ist zunächst zu prüfen, ob und inwieweit dem konkreten Täter die objektive Tatschwere angelastet werden kann. Zu fragen ist sodann, ob subjektive Umstände vorliegen, welche diese anrechenbare Tatschwere erhöhen oder mindern. Diese Umstände sind zu bewerten. Sie führen zur subjektiven Tatschwere (= strafrechtlich relevantes Verschulden). 10

Bewertung des Verschuldens Alle verschuldenserhöhenden und verschuldensmindernden Umstände sind im Urteil aufzulisten. Zudem ist anzugeben, wie stark sie sich auswirken (z.b. "leicht verschuldensmindernd", "erheblich verschuldenserhöhend", usw.). 11

Bewertung des Verschuldens Zentrales Kriterium ist das Motiv des Täters. Das Motiv kann das Verschulden erhöhen (z.b. egoistischer oder verwerflicher Grund) oder reduzieren (z.b. nachvollziehbare Reaktion auf das Verhalten des Geschädigten). Von Bedeutung ist zudem die kriminelle Energie, welche der Beschuldigte bei der Tat offenbart. 12

Bewertung des Verschuldens Der Gesetzgeber selbst hat verschiedene Umstände vorgegeben, die das Verschulden beeinflussen. Einzelne Verschuldensminderungsgründe erachtet er als so bedeutend, dass sie allenfalls erlauben, den ordentlichen Strafrahmen zu unterschreiten (qualifizierte Verschuldensminderungsgründe). 13

Bewertung des Verschuldens Leider unterscheidet das Gesetz terminologisch nicht zwischen Gründen, die das Verschulden betreffen, und Gründen, die unmittelbar die Strafe beeinflussen. Es ist wichtig, diese Unterscheidung im Interesse der Strafzumessung und deren Nachvollziehbarkeit zu machen. 14

Gründe, die das Verschulden von Gesetzes wegen qualifiziert reduzieren können Handeln aus achtenswerten Beweggründen Handeln in schwerer Bedrängnis Handeln unter dem Eindruck einer schweren Drohung Handeln auf Veranlassung einer Person, der der Täter Gehorsam schuldet oder von der er abhängig ist (StGB 48 lit. a Ziff. 1-4). 15

Gründe, die das Verschulden von Gesetzes wegen qualifiziert reduzieren können Der Täter ist durch das Verhalten der verletzten Person ernsthaft in Versuchung geführt worden (StGB 48 lit. b). Der Täter hat in einer nach den Umständen entschuldbaren heftigen Gemütsbewegung oder unter grosser seelischer Belastung gehandelt (StGB 48 lit. c). 16

Gründe, die das Verschulden von Gesetzes wegen qualifiziert reduzieren können Begehen der Tat durch Unterlassen (StGB 11 Abs. 4; fakultativ). Überschreiten der Notwehr (StGB 16 Abs. 1). Überschreiten (der Grenze) des Notstandes, wenn die Preisgabe des gefährdeten Gutes zumutbar ist (StGB 18 Abs. 1). Vermeidbarer Irrtum über die Rechtswidrigkeit (StGB 21). 17

Gründe, die das Verschulden von Gesetzes wegen qualifiziert reduzieren können Rücktritt vom Versuch (StGB 23 Abs. 1; fakultativ) Gehilfenschaft (StGB 25) Teilnahme am Sonderdelikt (StGB 26) Verminderung der Schuldfähigkeit (StGB 19 Abs. 2) (BGE 136 IV 55) 18

Gründe, die das Verschulden von Gesetzes wegen qualifiziert reduzieren können Einzelne dieser Kriterien können (sinngemäss und abgeschwächt) auch berücksichtigt werden, wenn die qualifizierte Voraussetzung fehlt (Beispiel: Bedrängnis ist noch nicht schwer). 19

Zur Verminderung der Schuldfähigkeit Der Schuldvorwurf, der einem nur vermindert schuldfähigen Täter gemacht werden kann, ist verglichen mit einem voll schuldfähigen Täter geringer. Das Schuldprinzip verlangt deshalb nach einer geringeren Strafe. Die geringere Strafe ergibt sich aus dem leichteren Verschulden. 20

Zur Verminderung der Schuldfähigkeit Die Verminderung der Schuldfähigkeit bewirkt eine Verminderung des Verschuldens, die nicht durch Prozente oder Bruchteile ausgedrückt werden kann. Dem Gericht kommt bei der Einschätzung des Verschuldens ein erhebliches Ermessen zu. 21

Zur Verminderung der Schuldfähigkeit Es ist zulässig, ein (objektiv) sehr schweres Verschulden wegen der leichten Verminderung nur noch als schwer bis sehr schwer einzustufen. Bei einer mittelgradigen Verminderung könnte das Verschulden mittelschwer bis schwer sein. Bei einer schweren Verminderung ist denkbar, von einem leichten bis mittelschweren Verschulden auszugehen, usw. 22

Weitere Verschuldensminderungsgründe Eventualvorsatz Unbewusste Fahrlässigkeit Mitwirkung von V-Leuten Kulturkonflikt Alkohol / Drogen Alter Psychische Störungen 23

Zur Terminologie Das Gesetz spricht von Strafmilderung bzw. Strafminderung, unabhängig davon, ob ein verschuldensrelevanter oder ein täterrelevanter Umstand in Frage steht. Geht es um das Verschulden, so bedeutet dies, dass die Strafe aufgrund des geringeren Verschuldens tiefer auszufallen hat. Somit ist nicht eine (bereits festgelegte) Strafe zu reduzieren. 24

Gesamtwürdigung des Verschuldens Die Gesamteinschätzung des Verschuldens ist ausdrücklich zu benennen (BGE 136 IV 55 E. 5.7). Beispiel "Das (Tat)Verschulden wiegt leicht, schwer, sehr schwer, eher leicht, eher schwer, mittelschwer, aussergewöhnlich schwer" usw. 25

Hypothetische verschuldensangemessene Strafe Aufgrund der Verschuldensbewertung kann eine (vorläufige) hypothetische verschuldensangemessene Strafe ermittelt werden. Sie ist Ausgangspunkt für das weitere Vorgehen. 26

Hypothetische verschuldensangemessene Strafe Die Strafe muss dem festgestellten Verschulden entsprechen. Sie muss mit der verfügbaren Abstufung des Unrechtsgehaltes der Straftat innerhalb des Strafrahmens übereinstimmen. Beispiel Bei einem schweren Verschulden ist grundsätzlich eine Strafe am unteren ordentlichen Strafrahmen ausgeschlossen. 27

Vom Verschulden unabhängige Tatkomponente Neben dem Verschulden als wichtigste Tatkomponente ist insbesondere das Ausbleiben des Erfolges beim vollendeten und untauglichen Versuch (strafmildernd) zu berücksichtigen (StGB 22 Abs. 1). Dies verlangt, zunächst eine (hypothetische) Strafe für das vollendete Delikt zu ermitteln. 28

Reduktion der verschuldensangemessenen Strafe Obwohl der Taterfolg ohne Dazutun des Beschuldigten ausgeblieben ist, muss die für das vollendete Delikte angemessene Strafe (zwingend) herabgesetzt werden (BGE 121 IV 49 E. 1). Massgebend für den Umfang der Reduktion sind die Nähe des tatbestandsmässigen Erfolges die tatsächlichen Folgen der Tat (Beispiel: konsumierte Körperverletzung beim vollendeten Tötungsversuch). 29

Hypothetische tatbezogene Strafe Die Herabsetzung der verschuldensangemessenen (hypothetischen) Strafe für das vollendete Delikt führt zur hypothetischen tatbezogenen Strafe für das versuchte Delikt. (Beim vollendeten Delikt ist die tatbezogene mit der verschuldensangemessenen Strafe identisch.) Es empfiehlt sich dringend, die hypothetische Strafe im Urteil ausdrücklich zu benennen. 30

Berücksichtigung der Täterkomponenten Die (hypothetische) verschuldensangemessene bzw. tatangemessene Strafe kann durch Umstände beeinflusst werden, die nicht in der Tat als solche, sondern beim Täter liegen (Täterkomponenten). Dementsprechend gibt es Straferhöhungs- und Strafminderungsgründe. 31

Straferhöhungs- und Strafminderungsgründe Die straferhöhenden und strafmindernden Umstände sind im Urteil aufzulisten. Sie sind zudem zu bewerten. Es ist sprachlich auszudrücken, wie stark sich ein bestimmtes Kriterium auswirkt. Nicht "... wirkt sich straferhöhend aus", sondern: "... wirkt sich leicht straferhöhend aus". Nicht "... ist strafmindernd zu berücksichtigen", sondern: "... ist erheblich strafmindernd zu berücksichtigen". 32

Strafmilderungsgründe Qualifizierte Strafminderungsgründe, die unter Umständen erlauben, den ordentlichen Strafrahmen zu unterschreiten (gesetzliche Strafmilderungsgründe): Betroffenheit durch die Tat (StGB 54) Aufrichtige Reue (StGB 48 lit. d) Zeitablauf (mit Wohlverhalten) (StGB 48 lit. e) Als Strafmilderungsgrund gilt zudem die Verletzung des Beschleunigungsgebotes. 33

Zur Verletzung des Beschleunigungsgebotes Die Beurteilung hängt von den konkreten Umständen ab, die in ihrer Gesamtheit zu würdigen sind. Wesentliche Umstände sind Komplexität des Falles Verhalten der beschuldigten Person Behandlung des Falles durch die Behörde Bedeutung (Zumutbarkeit) für die beschuldigte Person 34

Zur Verletzung des Beschleunigungsgebotes Verfahrensdauer und Verjährung sind auseinanderzuhalten. Verfahrenslänge: Belastung des Betroffenen Verjährung: Strafbedürfnis ist vermindert Verletzung des Beschleunigungsgebotes zwischen Urteilsfällung und Urteilsausfertigung: Art. 84 Abs. 4 StPO (60 bzw. 90 Tage) setzt neue Massstäbe! 35

Terminologisches Es ist zulässig, bei den Täterkomponenten durchgehend von Straferhöhungs- bzw. Strafminderungsgründen zu sprechen (analog den Verschuldensminderungs- und Verschuldenserhöhungsgründen bei den Tatkomponenten). Die qualifizierten Gründe können (entsprechend der gesetzlichen Terminologie) als Strafmilderungs- und Strafschärfungsgründe bezeichnet werden. 36

Weitere Straferhöhungsgründe Vorstrafe Delinquenz während laufender Probezeit Delinquenz während laufender Strafuntersuchung Fehlende Einsicht und Reue (?) 37

Strafminderungsgründe Strafempfindlichkeit (Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters) Geständnis Kooperation Ausserstrafrechtliche Sanktionen Schwierige Jugend Vorverurteilung durch die Presse 38

Strafminderungsgründe Grundsätzlich kein Minderungsgrund: Vorstrafenlosigkeit / Guter Leumund Wohlverhalten seit der Tat 39

Zur Strafempfindlichkeit (Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters) Der Vollzug einer Strafe ist unabdingbar mit erheblichen Einschränkungen für den Verurteilten, aber auch für dessen Umfeld verbunden. Strafmindernd kann sich deshalb nur eine hohe Strafempfindlichkeit auswirken. Eine solche ist nur bei aussergewöhnlichen Umständen zu bejahen. 40

Zum Geständnis Das Geständnis führt nicht zwingend zu einer Strafminderung. Die Strafe ist dagegen stets zu mindern, wenn die Tat ohne das Geständnis nicht hätte aufgeklärt bzw. geahndet werden können. Der Sachrichter hat hier ein grosses Ermessen. Keine Prozent- oder Bruchteilrechnung 41

Festsetzung der angemessenen Strafe Die Gesamtbewertung der Täterkomponenten zeigt, ob die hypothetische verschuldensangemessene (bzw. tatangemessene) Strafe zu erhöhen bzw. zu reduzieren ist oder ob sie unverändert bleibt. Auf jeden Fall ist die (definitive) Strafe am Schluss aufgrund einer Gesamtwürdigung aller tat- und täterbezogenen Umstände festzulegen. 42

Ordentlicher Strafrahmen Die Strafe ist grundsätzlich innerhalb des ordentlichen Strafrahmens festzusetzen. Dieser ist (sofern ein Strafschärfungs- bzw. Strafmilderungsgrund gegeben ist) nur zu verlassen, wenn aussergewöhnliche Umstände vorliegen und die angedrohte Strafe im konkreten Fall zu milde bzw. zu hart erscheint. 43

Unterschreitung des ordentlichen Strafrahmens Der Strafrahmen kann im konkreten Fall unterschritten werden, wenn 1. der Tatvorwurf objektiv leicht ist, und 2. er durch verschuldens- bzw. strafreduzierende Faktoren weiter relativiert wird, und 3. eine Strafe innerhalb des ordentlichen Rahmens dem Rechtsempfinden widerspräche. (BGE 136 IV 55 E. 5.8) 44

Keine automatische Strafrahmenerweiterung Der ordentliche Strafrahmen kann nötigenfalls und in einem bestimmten Mass unterschritten werden. Es gibt keinen theoretisch erweiterten Strafrahmen, innerhalb dessen die Strafe nach den üblichen Kriterien festzusetzen ist. 45

Zitat aus einem Urteil: "Der anzuwendende Strafrahmen reicht somit von 1 Tagessatz Geldstrafe bis zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe. Innerhalb dieses Rahmens ist die Strafe nach dem Verschulden des Täters zu bemessen, wobei das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wirkung der Strafe auf sein Leben zu berücksichtigen sind (Art. 47 Abs. 1 StGB)." (!) 46

Selbst wenn es den gesunden Menschenverstand nicht gibt, darf er ab und zu berücksichtigt werden 47

Konkurrenz und retrospektive Konkurrenz (Art. 49 StGB) Gesamtstrafe und Zusatzstrafe 48

Gesamtstrafe (StGB 49 Abs. 1) Gesamtstrafe ist nur bei gleichartigen Strafen möglich (konkrete Methode; BGE 138 IV 120). Ungleichartige Strafen sind kumulativ zu verhängen. Gesamtstrafe somit auszufällen bei mehreren Geldstrafen mehrfacher gemeinnütziger Arbeit mehreren Freiheitsstrafen mehreren Bussen

Gesamtstrafe Ausgangslage: mehrere Delikte in echter Konkurrenz Zu berücksichtigen sind diejenigen, die konkret mit der gleichartigen Strafe zu sanktionieren sind. Wahl der Strafart bei Strafen im Bereich von 6 Monaten bis 12 Monaten (BGE 134 IV 97 E. 4.2): Zweckmässigkeit Auswirkung auf Täter und Umfeld Präventive Effizienz Grundsatz: Geldstrafe vor Freiheitsstrafe 50

Vorgehen bei der Gesamtstrafenbildung Erster Schritt: Ermittlung der schwersten Straftat anhand der abstrakten Strafdrohung Zweiter Schritt: Bestimmung der Strafe für das schwerste Delikt (Einsatzstrafe) Übliche Strafzumessungsregeln Gewisse Täterkomponenten allenfalls erst bei der Gesamtstrafe zu berücksichtigen Wenn mehrere Straftatbestände mit gleicher Strafandrohung? Konkret höchste Strafe; zeitlich erste Tat; allenfalls obj. Tatschwere 51

Vorgehen bei der Gesamtstrafenbildung Dritter Schritt: Angemessene Erhöhung der Einsatzstrafe (bis höchstens 150 % der angedrohten Strafe; Bindung an Höchstmass der Strafart) Dies setzt voraus, dass die (hypothetischen) Strafen für die weiteren Delikte bekannt sind. Im Interesse der Überprüfbarkeit ist aufzuzeigen, wie jedes einzelne Delikt sanktioniert würde. Nur so ist ersichtlich, welche Anteile der zusätzlichen Strafen in die Erhöhung der Einsatzstrafe einfliessen. 52

Erhöhung der Einsatzstrafe In welchem Umfang ist die Einsatzstrafe wegen der zusätzlichen Straftaten zu erhöhen? Zu beachten: Die einzelnen Straftaten sind innerhalb ihres allenfalls erweiterten Strafrahmens (StGB 49 Abs. 1) zu würdigen. 53

Erhöhung der Einsatzstrafe Praxis des Bundesgerichts Verhältnis der Taten untereinander Zusammenhang der Taten grössere oder geringere Selbständigkeit der Taten Gleichheit oder Verschiedenheit der Rechtsgüter und Begehungsweisen «Gesamtschuldbeitrag» der einzelnen Delikte geringer, wenn sie zeitlich, sachlich und situativ zusammenhängen Gesamtwürdigung 54

Erhöhung der Einsatzstrafe Leitlinien für die Praxis Ein zusätzliches Delikt ohne Bezug zur Haupttat wirkt sich tendenziell stärker straferhöhend aus. Demgegenüber fällt es weniger ins Gewicht, wenn ein enger Bezug zur Haupttat besteht. Werden unterschiedliche Rechtsgüter verletzt, kann dies stärker gewichtet werden. Je mehr Delikte zu sanktionieren sind, desto weniger wirken sie sich aus. Delikte in Idealkonkurrenz fallen grundsätzlicher weniger ins Gewicht. 55

Erhöhung der Einsatzstrafe Ist die Einsatzstrafe wesentlich geringer als die zweite Strafe, muss ein Grossteil der Erhöhungsstrafe angerechnet werden. Bei einer Vielzahl von Tatbeständen ist es zulässig und auch zu empfehlen, Deliktsgruppen zu bilden und deren jeweilige «Gesamtstrafe» als Erhöhungsstrafe zu verwenden. Beispiel: Reihe von Einbruchdiebstählen 3 Deliktsgruppen (Diebstähle, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch) (Vorausgesetzt: gleiche Strafart) Möglich auch, aus den einzelnen Einbruchdiebstählen «Gesamtstrafen» zu bilden. 56

Keine Gesamtstrafe bei Widerruf Trotz Wortlaut von StGB 46 Abs. 1 keine Gesamtstrafe beim Widerruf des bedingten Strafvollzugs, auch wenn beide Strafen gleichartig sind (BGE 134 IV 241). Wie im alten Recht wird die aufgeschobene Strafe vollziehbar. Keine Umwandlung der aufgeschobenen Geldstrafe in eine Freiheitsstrafe (BGE 137 IV 249 E. 3.4.3) Neue (missglückte) Regelung ab 1. Januar 2018 57

Gesamtstrafe bei Rückversetzung in den Strafvollzug (StGB 89 Abs. 6) Sowohl die Reststrafe als auch die neue Freiheitsstrafe müssen vollziehbar, d.h. ein bedingter Vollzug muss ausgeschlossen sein. Gesamtstrafenbildung sui generis (nur analoge Anwendung von StGB 49 Abs. 1)

Gesamtstrafe bei Rückversetzung in den Strafvollzug (StGB 89 Abs. 6) Vorgehen Festlegung der Strafe für die neuen Taten (= Einsatzstrafe) Angemessene Erhöhung mit Blick auf den Vorstrafenrest Die Einsatzstrafe ist in der Urteilsbegründung zwingend zu nennen. (BGE 135 IV 146 E. 2.4)

Zusatzstrafe (StGB 49 Abs. 2) Delikt A Delikt C Delikt B Rechtskräftiges Urteil (Ersturteil/Grundstrafe) Heute zu fällendes Urteil

Zusatzstrafe (StGB 49 Abs. 2) Ob eine Zusatzstrafe auszufällen ist, richtet sich nach dem Datum der ersten Verurteilung im ersten Verfahren (gleichgültig, ob das Urteil rechtskräftig ist). Für die Bemessung der Zusatzstrafe ist das rechtskräftige Urteil im ersten Verfahren massgebend. Wenn das Urteil noch nicht bekannt ist, zwei Möglichkeiten: Abwarten Selbständiges Urteil (ev. nachträgliche Gesamtstrafe; StPO 34 Abs. 3) 61

Zusatzstrafe (StGB 49 Abs. 2) Auch eine Zusatzstrafe ist nur bei gleichartigen Strafen möglich (konkrete Methode). Sie kann nur zu inländischen Urteilen ausgesprochen werden (BGE 142 IV 329; kürzliche Änderung der Rechtsprechung). Die rechtskräftige Grundstrafe (Ersturteil) darf nicht neu beurteilt werden; sie bleibt unabänderlich (BGE 142 IV 265; kürzliche Änderung der Rechtsprechung). 62

Vorgehen bei der Zusatzstrafenbildung 1. Festsetzung der Strafe für das "neue" Delikt (bzw. die Einzelstrafen für die "neuen" Delikte). 2. Entscheid, ob das "neue" (bzw. eines der "neuen" Delikte) die (abstrakt) schwerste Straftat darstellt oder ob diese in der Grundstrafe enthalten ist. 3a. Wenn die schwerste Tat in der Grundstrafe enthalten ist: Erhöhung der Grundstrafe (Einsatzstrafe) durch angemessenen Anteil der "neuen" Strafe(n). Von der so ermittelten hypothetischen Gesamtstrafe ist die Grundstrafe abzuziehen (= Zusatzstrafe). 63

Vorgehen bei der Zusatzstrafenbildung 3b. Wenn das neue Delikt (bzw. eines der neuen Delikte) die (abstrakt) schwerste Straftat darstellt: Erhöhung der Strafe für dieses Delikt (Einsatzstrafe) durch angemessenen Anteil der Grundstrafe und der allfälligen anderen "neuen" Strafen. Von der so ermittelten hypothetischen Gesamtstrafe ist die Grundstrafe abzuziehen (= Zusatzstrafe). 64

Teilweise Zusatzstrafe (StGB 49 Abs. 2) Besonderheit, wenn (mehrere) Taten vor und (mehrere) Taten nach einer Verurteilung zu ahnden sind (teilweise Zusatzstrafe).

Teilweise Zusatzstrafe (StGB 49 Abs. 2) Delikt A Delikt C Delikt D Delikt F Delikt B Delikt E Rechtskräftiges Urteil (Ersturteil/Grundstrafe) Heute zu fällendes Urteil

Teilweise Zusatzstrafe (StGB 49 Abs. 2) Logisches Vorgehen in fünf Schritten: In einem ersten Schritt muss das Gericht eine hypothetische Gesamtstrafe für die nach der rechtskräftigen Verurteilung begangenen Delikte festlegen (= hypothetische Gesamtstrafe 1).

Teilweise Zusatzstrafe (StGB 49 Abs. 2) Delikt A Delikt C Delikt D Delikt F Delikt B Delikt E Rechtskräftiges Urteil/Grundstrafe Heute zu fällendes Urteil

Teilweise Zusatzstrafe (StGB 49 Abs. 2) In einem zweiten Schritt ist eine hypothetische Gesamtstrafe zu bilden aus der Strafe für die vor der ersten Verurteilung begangenen Delikte und der bereits ausgefällten rechtskräftigen Strafe (= hypothetische Gesamtstrafe 2).

Teilweise Zusatzstrafe (StGB 49 Abs. 2) Delikt A Delikt C Delikt D Delikt F Delikt B Delikt E Rechtskräftiges Urteil/Grundstrafe Heute zu fällendes Urteil

Teilweise Zusatzstrafe (StGB 49 Abs. 2) In einem dritten Schritt ist die Zusatzstrafe für die vor der ersten Verurteilung begangenen Delikte zu ermitteln (hypothetische Gesamtstrafe 2 abzüglich bereits ausgefällte rechtskräftige Strafe) (= hypothetische Zusatzstrafe zum Ersturteil/Grundstrafe).

Teilweise Zusatzstrafe (StGB 49 Abs. 2) Delikt A Delikt B Delikt C Zusatzstrafe Delikt D Delikt E Delikt F Rechtskräftiges Urteil Heute zu fällendes Urteil

Teilweise Zusatzstrafe (StGB 49 Abs. 2) Im vierten Schritt ist zu bestimmen, welche der beiden Strafen sich auf das schwerste Delikt bzw. die schwerste Deliktsgruppe bezieht: die hypothetische Gesamtstrafe 1 oder die hypothetische Zusatzstrafe. Die entsprechende Strafe gilt als Einsatzstrafe für die neue Strafe.

Teilweise Zusatzstrafe (StGB 49 Abs. 2) Delikt D Delikt F Delikt A Delikt B Delikt C Zusatzstrafe Delikt E Gesamtstrafe für neue Delikte Rechtskräftiges Urteil Heute zu fällendes Urteil

Teilweise Zusatzstrafe (StGB 49 Abs. 2) Diese Einsatzstrafe ist in einem fünften Schritt wegen der anderen Straftaten im Sinne der Strafschärfung zu erhöhen (= heute auszufällende Strafe). Die Erhöhung darf entsprechend dem Vorgehen bei der Gesamtstrafenbildung nur angemessen sein. Dies bedeutet, dass nur ein Teil der Erhöhungsstrafe zur Einsatzstrafe addiert wird.

Teilweise Zusatzstrafe (StGB 49 Abs. 2) Delikt D Delikt F Delikt A Delikt B Delikt C Zusatzstrafe Delikt E Gesamtstrafe für neue Delikte Heute zu verhängende Strafe (Gesamtstrafe als Einsatzstrafe) Heute zu verhängende Strafe (Zusatzstrafe als Einsatzstrafe) Rechtskräftiges Urteil Heute zu fällendes Urteil

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Nochmals: Strafzumessung ist kein irrationaler, sondern ein rationaler Vorgang!