Wissenschaftstheorie



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Transkript:

Wissenschaftstheorie 2. Vorlesung: Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Perspektiven Andreas Georg Scherer Prof. Dr. Andreas Georg Scherer, Lehrstuhl für Grundlagen der BWL und Theorien der Unternehmung, Universität Zürich 1

"change" sociologies of radical change Radical humanist Radical structuralist subjective objective Interpretive Functionalist/ Positivist sociologies of regulation "status quo" Quelle: Burrell/Morgan 1979, p. 22, modifiziert, vgl. auch Gioia/Pitre 1990, S. 585. Prof. Dr. Andreas Georg Scherer, Lehrstuhl für Grundlagen der BWL und Theorien der Unternehmung, Universität Zürich 2

Die Subjektiv-Objektiv-Dimension bei Burrell und Morgan (1979) Subjektives Paradigma Objektives Paradigma Nominalismus Ontologie Realismus Anti-Positivismus Epistemologie Positivismus Voluntarismus Menschenbild Determinismus Idiographisch Methodologie Nomothetisch Prof. Dr. Andreas Georg Scherer, Lehrstuhl für Grundlagen der BWL und Theorien der Unternehmung, Universität Zürich 3

Die Wandel-Status-Quo-Dimension bei Burrell und Morgan (1979) Paradigma der Wandelsoziologie Wie lässt sich der gegenwärtige Status Quo kritisieren und verbessern? Wie können sich beispielsweise Individuen von strukturellen Zwängen befreien? à Emanzipatorisches Erkenntnisinteresse Paradigma der Ordnungssoziologie Warum haben soziale Einheiten Bestand? Welche Bedingungen sichern den Status Quo? à Technisches Erkenntnisinteresse à Praktisches Erkenntnisinteresse Prof. Dr. Andreas Georg Scherer, Lehrstuhl für Grundlagen der BWL und Theorien der Unternehmung, Universität Zürich 4

Funktionalistisches/Positivistisches Paradigma (Burrell/Morgan 1979, Gioia/Pitre 1990, Scherer 2006) 1. Ontologische Grundannahme Die Organisation, ihre Elemente und ihre Umwelt sind gegebene und separierbare Entitäten. Sie formen eine Struktur aus Elementen und Beziehungen, die unabhängig vom erkennenden Subjekt existieren. 2. Epistemologische Grundannahme Wissen lässt sich in der Form von allgemeinen Aussagen und Theorien formulieren. Durch diese lassen sich die Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen der Wirklichkeit mittels Gesetzmäßigkeiten beschreiben. 3. Methodologische Grundannahmen Die Wirklichkeit lässt sich mit Hilfe der methodologischen Regeln des modernen Positivismus approximativ beschreiben. Hierzu zählen (1) die formale Logik, (2) die hypothetisch-deduktive Logik und (3) das Falsifikationsmodell. Mit Hilfe dieser methodologischen Regeln soll ein Lernprozess in Gang gesetzt werden, der den Wissensstand über Natur und Kultur stetig erhöht und zu einer immer genaueren Beschreibung der Welt führt. 4. Gesellschaftstheorie Dieser Lernprozess führt zu einer rationalen Erweiterung des Wissens und liefert somit die Voraussetzung zum gesellschaftlichen Fortschritt. Die Wissenschaft stellt ein technisches Wissen zur Verfügung, ohne über die normativ-ethische Relevanz von Handlungen begründet urteilen zu können (Werturteilsfreiheit). Implizites Ziel sei damit der Erhalt des Status Quo. Prof. Dr. Andreas Georg Scherer, Lehrstuhl für Grundlagen der BWL und Theorien der Unternehmung, Universität Zürich 5

Interpretatives Paradigma (Burrell/Morgan 1979, Gioia/Pitre 1990, Scherer 2006) 1. Ontologische Grundannahme Die Organisation, ihre Elemente und ihre Umwelt werden durch die Menschen unterschiedlich sozial konstruiert und interpretiert. Sie entstehen erst durch Interpretation. 2. Epistemologische Grundannahme Wahrheit und Logik erlangen immer nur im Rahmen eigener Interpretations- und Sprachsysteme an Geltung. knowledge mirrors the subject more than anything else (Landry 1995: 324). 3. Methodologische Grundannahmen Der Forscher agiert als Teilnehmer und erfragt die subjektiven Sinngehalte der Akteure. Der Fokus liegt hier nicht auf grosszahligen quantitativen Untersuchungen, sondern auf dem Einsatz von Fallstudien. 4. Gesellschaftstheorie Auch der interpretative Forscher möchte das Entstehen und den Bestand sozialer Ordnung ergründen. Im Vordergrund stehen somit nicht soziale Konflikte oder die Legitimierung sozialen Wandels, sondern die Frage, wie über den subjektiven Sinngehalt der Akteure soziale Ordnung entsteht. Prof. Dr. Andreas Georg Scherer, Lehrstuhl für Grundlagen der BWL und Theorien der Unternehmung, Universität Zürich 6

Radikaler Humanismus (Burrell/Morgan 1979, Gioia/Pitre 1990, Scherer 2006) 1. Ontologische Grundannahme Die bestehenden Strukturen sind das Ergebnis sozialer Konstruktion. Soziale Konstruktionen werden allerdings von den Interpretationen der mächtigsten Akteuren beeinflusst. 2. Epistemologische Grundannahme Wahrheit und Logik erlangen immer nur im Rahmen eigener, bestimmter Interpretations- und Sprachsysteme an Geltung. knowledge gained in organization science is severely one-sided and incomplete because the historical and ideological facts have been neglected (Steffy/Grimes 1986: 328) 3. Methodologische Grundannahmen Die Methode orientiert sich am interpretativen Paradigma. Allerdings gehen Forscher nicht bloss der Frage nach, wie soziale Realität konstruiert wird. Vielmehr geht es ihnen primär darum zu ergründen, warum soziale Wirklichkeit auf diese Weise konstruiert wird und welche Rolle die Interessen der beteiligten Akteure dabei spielen. 4. Gesellschaftstheorie Der radikale Humanismus möchte die Mitglieder sozialer Einheiten von Bevormundung, Entfremdung, Ausbeutung und Unterdrückung befreien. Anleitung zu Bildung und Kritik sowie zu sozialen Reformen. Prof. Dr. Andreas Georg Scherer, Lehrstuhl für Grundlagen der BWL und Theorien der Unternehmung, Universität Zürich 7

Radikaler Struktualismus (Burrell/Morgan 1979, Gioia/Pitre 1990, Scherer 2006) 1. Ontologische Grundannahme Die Strukturen der sozialen Wirklichkeit sind objektiv gegeben und historisch bestimmt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt (Karl Marx 1859, Zur Kritik der politischen Ökonomie.) 2. Epistemologische Grundannahme Wissen lässt sich in der Form von allgemeinen Aussagen und Theorien formulieren. Durch diese lassen sich die Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen der Wirklichkeit mittels Gesetzmäßigkeiten beschreiben. 3. Methodologische Grundannahmen Es kommen historische, dialektische und kritische Forschungsmethoden zum Einsatz. Theory building involves the rethinking of data in light of refinement of viewpoints (Gioia/Pitre 1990: 590) 4. Gesellschaftstheorie Es besteht ein Interesse an einem sozialen Wandel. Die objektiv gegebene Strukturen der Welt sollen zu diesem Zweck verstanden, erklärt und kritisiert werden. Sozialer Wandel als Folge von Revolutionen, die durch Widersprüche in den Strukturen ausgelöst werden. Prof. Dr. Andreas Georg Scherer, Lehrstuhl für Grundlagen der BWL und Theorien der Unternehmung, Universität Zürich 8

Dominanz und behandelte Theorien der Paradigmen Kritische Theorie Postmoderne Philosophie Radical humanist Radical structuralist Evolutionstheoretischer Ansatz Interpretive Functionalist/ Positivist naturwiss. Ansatz Rational Choice Ansatz Interpretativer Ansatz Quelle: vgl. Gioia/Pitre 1990, S. 586. Prof. Dr. Andreas Georg Scherer, Lehrstuhl für Grundlagen der BWL und Theorien der Unternehmung, Universität Zürich 9

3. Systematisierung sozialw. Paradigmen: Das Inkommensurabilitätsproblem Umgang mit Theoriepluralismus? (1) Koexistenz (2) Machtkampf (3) Argumentation à Thema von Teil III der Vorlesung Prof. Dr. Andreas Georg Scherer, Lehrstuhl für Grundlagen der BWL und Theorien der Unternehmung, Universität Zürich 10

4. Geschichte der Wissenschaftstheorie der Sozialwissenschaften Drei Perioden der Wissenschaftstheorie der Sozialwissenschaften des 20. Jahrhunderts (vgl. Outhwaite 2000) 1. Epoche konkurrierender Ansätze (ca. 1900-1940) Beispielsweise: - Logischer Empirismus des Wiener Kreises - Neo-Kantianische Ansätze - Phemenologie von Edmund Husserl - orthodoxe und unorthodoxe Marxistische Ansätze - Wissenssoziologie von Max Scheler und Karl Mannheim Prof. Dr. Andreas Georg Scherer, Lehrstuhl für Grundlagen der BWL und Theorien der Unternehmung, Universität Zürich 11

4. Geschichte der Wissenschaftstheorie der Sozialwissenschaften 2. Dominanz des Logischen Empirismus (ca. 1940-1970) Elemente: - Einheitswissenschaft für Natur- und Sozialwissenschaften - Empirischer Überprüfung logischer Sätze - Werturteilsfreiheit der Wissenschaft 3. Weiter- und Neuentwicklung alternativer Ansätze (1970-jetzt) Beispielsweise: - Interpretativer Ansatz - Kritische Theorie - Postmodernismus Prof. Dr. Andreas Georg Scherer, Lehrstuhl für Grundlagen der BWL und Theorien der Unternehmung, Universität Zürich 12