Virtualität und Wissensmanagement. Eine Abhandlung an der Grenze zwischen Philosophie und Wirtschaftswissenschaften

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1 Virtualität und Wissensmanagement. Eine Abhandlung an der Grenze zwischen Philosophie und Wirtschaftswissenschaften Ricarda B.Bouncken (Lüneburg) 1. Einleitung Ein Blick in die pragmatisch wie wissenschaftlich geprägten betriebswirtschaftliche Literatur offenbart ein gestiegenes Interesse am Thema Wissen in Unternehmen. Daneben prägt ein weiterer Begriff die jüngste Diskussion: die virtuelle Organisation, bei der es um die dynamische und flexible Zuordnung von abstrakten Leistungsanforderungen zu Leistungsträgern und dem konkreten Ort der Leistungserbringung geht. Hierdurch angeregt, diskutiert der vorliegende Beitrag organisationales Wissen in virtuellen Unternehmen. 2. Über die virtuelle Unternehmung Geht es um das Management virtueller Unternehmen, so betrifft dies die dynamische und flexible Zuordnung von abstrakten Leistungsanforderungen zu Leistungsträgern und dem konkreten Ort der Leistungserbringung (Klein 1994, S.309). Ziel ist eine Ressourcen- und Leistungssteigerung durch die Vernetzung standortverteilter Organisationseinheiten, die an einem kooperativen, arbeitsteiligen Wertschöpfungsprozess beteiligt sind. Eine ortsgebundene institutionalisierte Unternehmensführung oder-zentrale kann fehlen, ebenso ein starres Vertriebssystem oder ein festgelegter Kundendienst. Häufig handelt es sich um rechtlich selbständige Unternehmen, die ihren Kunden oft ein kundenorientiertes Gesamtangebot anbieten. Die einzelnen Komponenten der Gesamtleistung werden von Modulanbietern erbracht und in ein Gesamtkonzept der Kundenleistung so integriert, dass die Leistung des jeweiligen Modulanbieters verschwimmt (Bleicher 1996, S.281). Virtuelle Unternehmen sind bestimmte Formen von unternehmerischen Netzwerken. Eine virtuelle Unternehmung kann durch die zentrale Stellung eines Brokers gebildet werden, der alle Funktionen eines Netzwerkes koordiniert, die externalisiert sind. Die virtuelle Unternehmung kauft bspw. Ideen auf, delegiert die Produktion und den Vertrieb. Des Weiteren kann die Führung und Koordination des Netzwerkes, die ein Broker ansonsten übernimmt, fallweise erfolgen, indem unterschiedliche Unternehmen der Netzwerkorganisation die Koordi-

2 2 SEKTION 8: COGNITIVE SCIENCE UND WISSENSMANAGEMENT nation übernehmen. Der Problem- und Ressourcenbezug ist somit durch die individuelle Aufgabe gegeben, die zu jedem Zeitpunkt die Struktur der virtuellen Unternehmung bestimmt. 3. Konzept Wissensmanagement Wissen aus konstruktivistischer Auffassung stellt damit nicht ein Abbild der ontologischen Wirklichkeit dar, sondern nur einen möglichen Weg, der nicht das Vorliegen anderer möglicher Wege ausschließt. Das herkömmliche Verhältnis zwischen der Welt als fassbares Erlebnis und der ontologischen Wirklichkeit ersetzt vor allem der radikale Konstruktivismus durch das Konzept Viabilität. Viabel bezeichnet etwas, welches nicht mit etwaigen Beschränkungen oder Hindernissen in Konflikt gerät (Von Glasersfeld 1998, S.19). Was als objektive Wirklichkeit bzw. als Wissen betrachtet wird, entsteht im Regelfall dadurch, dass es über verschiedene Individuen hinweg verglichen, d.h. von anderen bestätigt wird. Immer häufiger wird Wissen als einer der zentralen Wettbewerbs- und Produktionsfaktoren in der heutigen Gesellschaft herangezogen. Vor diesem Hintergrund stellen sich zwei zentrale Fragen: Existiert organisationales Wissen und wie ist es beschaffen? Wie sieht der Selektionsmechanismus aus, der lenkt, welche Informationen und welches Wissen aus der Fülle des zugänglichen Wissens und der Informationen selektiert werden kann und wie wird Wissen entwickelt? Organisationales Wissen geht über die individuelle Ebene hinaus und ermöglicht die Wirkung, Generierung und Speicherung von Wissen, selbst wenn ein Teil der Organisationsmitglieder die Organisation verlässt. Sind die Rezeptoren des Gehirns für die Wahrnehmung des Individuums verantwortlich, kann im Analogieschluss nach den Rezeptoren der Organisation gefragt werden. Dieses sind natürlich zunächst die Individuen, aber auch technisch-technologische Aspekte. 4. Zum organisationalen Wissen in virtuellen Organisationen Das Ziel virtueller Unternehmen liegt in der Möglichkeit, eine höhere Schnelligkeit, Effizienz und Kundenorientierung zu erreichen und erfordert damit eine verbesserte Wissensnutzung im Netzwerk. Sie lässt sich umsetzen, indem ein Wachstum der Wissensbasis forciert und eine beschleunigte Handhabung innerhalb des Netzes mittels meist technischer Unterstützung verwirklicht wird. Gerade die dezentral verteilten Wissensbestände bieten die Möglichkeit, eine fallspezifische Selektionen von Wissen durchzuführen.

3 R.B. BOUNCKEN: VIRTUALITÄT UND WISSENSMANAGEMENT 3 Wird ein Management von organisationalem Wissen angestrebt, so ist sich bewusst zu machen, dass die Art und Weise, was für Wissen in einer Organisation als Wissen angesehen wird, davon abhängt, wie sie Wissen konstruiert. Wissen in Unternehmen ist kontextspezifisch, wird durch Prozesse der Wiederholung und durch verbale- und non-verbale Interaktionen konstruiert. Dabei kann nicht von einem identischen Bedeutungstransfer zwischen Personen oder Subeinheiten ausgegangen werden. Entscheidungen über den Kontext und über Rahmenbedingungen kanalisieren die Konstruktion von Wissen in Unternehmen. Der Prozess der Viabiliätsprüfung ist individuell und organisational unterschiedlich. So kämen in Frage: wahr/unwahr, erfolgreich/nicht erfolgreich, ethisch/nicht ethisch, ästhetisch/nicht ästhetisch, steuerbar/nicht steuerbar, strategisch/kurzfristig usw.. Die Bildung von organisatorischem Wissen stellt sich in virtuellen Unternehmen besonders schwierig dar, denn je loser die Einheiten gekoppelt sind und je geringer der interindividuelle Kontakt ist, desto weniger Möglichkeiten bieten sich, dass gemeinsames Wissen konstruiert wird, d.h. eine gemeinsame Legitimation erzielt wird. Virtuelle Unternehmen können zwei unterschiedliche Wissensstrategien für den Markt verfolgen. Zum einen kann die Wissensübertragung im System in Richtung auf das Leistungsergebnis für den Kunden ein hohes Spezifizierungs- und Individualisierungsniveau umfassen oder zum anderen mittlere bis niedrige Spezifizierungsgrade anstreben. Ein hohes Spezifizierungsniveau wird dann erforderlich sein, wenn eine hohe Marktdynamik und/oder Produktkomplexität und/oder Kundenindividuelle Leistung vorliegt. Außerdem können die Anstöße zur Wissenskonstruktion mittels der Nutzung von personengebundenen oder personenungebundenen Informationsquellen ausgehen. Darüber hinaus bestehen zwei unterschiedliche Formen der Konstruktion des Wissens im Hinblick auf die Grenzen der Subeinheiten der virtuellen Unternehmen. Einerseits kann gemeinsames Wissen über Grenzen die Subeinheiten hinweg konstruiert werden. Andererseits lassen sich Informationen aus anderen Subeinheiten zur isolierten Entwicklung von Wissen verwenden und beeinflussen die Wissenskonstruktion. Bei der ersten Form liegt der Fokus auf der Nutzung von Informationen, die über die virtuelle Organisation verteilt sind. Die Interpretation und Nutzung der Informationen wird dann von einer Subeinheit der virtuellen Unternehmung vorgenommen. Vergleichbar damit ist, wenn nicht nur Informationen, sondern Produkte oder Produktmodule für die Wertschöpfung sozusagen innerhalb des Netzwerkes nachgefragt und dann koordiniert werden, so dass sie für den Kunden als ganzheitliches Leistungsbündel erscheinen. Der Broker kann dabei fest in-

4 4 SEKTION 8: COGNITIVE SCIENCE UND WISSENSMANAGEMENT stitutionalisiert oder fallweise festgelegt werden. Somit stehen bei dieser Form kodifizierte Wissensbasen besser Informationen im Vordergrund, die von der nachfragenden Subeinheit interpretiert und weiterentwickelt werden. Wird personengebundenes Wissen nachgefragt, so muss eine direkte Interaktion zwischen den Individuen der beteiligten Subeinheiten stattfinden. Die Konstruktion von organisatorischem Wissen innerhalb der Subeinheiten erfolgt dann im Wege der kontextspezifischen Wiederholung und Interpretation. Des Weiteren geht es also primär um die Subeinheiten interne Legitimation. Hinsichtlich eines Wissensmanagements steht die Frage, wo welches Wissen existiert, im Vordergrund. Daneben ist es wichtig, dass sich die Mitglieder der jeweiligen Subeinheiten auf das Wissen der anderen Einheiten verlassen können, d.h., die Informationen als Unterschiede ansehen. Dieser Prozess wird primär durch wiederholte Kontakte und eine gute Reputation gefördert. Wissen innerhalb einer virtuellen Unternehmung managen zu können unterstützt das Transactive Memory. Dies beschreibt die Koordination unterschiedlicher kognitiver Prozesse von Individuen; es ist das Wissen, das eine Person über das Wissen einer anderen oder mehrerer anderer Personenen hat. Somit ist dies elementarer Bestandteil des organisationalen Wissens in virtuellen Unternehmen, denn es ermöglicht, auf das Wissen der anderen Person zuzugreifen, ohne selbst über es verfügen zu müssen (Brauner 1999, S.5). Die zweite Form der organisationalen Wissensgenerierung in virtuellen Unternehmen konzentriert sich auf die übergreifende, gemeinsame Konstruktion organisationalen Wissens. Hierzu ist die gemeinsame Interpretation von (kodifizierten) Informationen und individuellen Wissensbeständen erforderlich. Aus konstruktivistischer Sicht wird die Bildung von neuem Wissen durch Wiederholungen und den jeweiligen Kontakt verschiedener Wissensträger unterstützt, die sich in der gemeinsamen Legitimation von Wissen wiederfinden. Insbesondere, wenn in heterogenen Subeinheiten übergreifend Wissen konstruiert werden soll, ist dies schwierig, weil oft sehr unterschiedliche Deutungsmuster, Organisationskulturen und andere Kontextbedingungen die Individuen und somit die Wissenskonstruktion prägen. Ein große Nähe und wiederholte Kontakte erleichtern die Konstruktion und die Bewährung der Modelle. Im Hinblick auf den personengebundenen Wissenstransfer sollte ein Wissensmanagementsystem darüber Auskunft geben, welches Mitglied einer virtuellen Organisation über bestimmte Wissensbestände verfügt. Im Rahmen der Kodifizierung (Auflösung der Personenbindung) muss gewährleistet

5 R.B. BOUNCKEN: VIRTUALITÄT UND WISSENSMANAGEMENT 5 werden, dass Informationen (Wissen) in Dokumente (schriftlich, elektronisch) gespeichert werden und zugänglich sind. Dies hat gegenüber der Personenbindung den Vorteil, dass Wissen der Unternehmung selbst bei Personalwechsel erhalten bleibt. Allerdings können viele Wissensbestandteile nicht kodifiziert werden. 5. Fazit Damit virtuelle Organisationen Vorteile aus einem Wissensmanagement ziehen können, bedarf es der Integration der unterschiedlichen Wissensträger. Herauszuheben sind vor allem zwei Formen der Wissenskonstruktion im virtuellen Unternehmen. Zum einen die Konstruktion von Wissen innerhalb der Subeinheiten, wobei diese auf Wissen anderer Subeinheiten zurückgreifen können und zum anderen die gemeinsame Konstruktion von Wissen über die Grenzen der Subeinheiten hinweg. Besonders förderlich für beide Formen der Wissenskonstruktion ist ein funktionierendes Transactive Memory, das ermöglicht, auf das Wissen anderer Personen oder Subeinheiten Zugriff nehmen zu können, ohne es selbst zu besitzen. Dieses Wissen wird dann in den Konstruktionsprozess eingebettet. Literatur Bleicher, K. (1996): Der Weg zum virtuellen Unternehmen, in: Office Management 1 2, S Brauner, E. (1999): Controlling als transaktives Wissenssystem, Vortrag Kommission Wissenschaftstheorie im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft, , Berlin. Klein, S. (1994): Virtuelle Organisation, in: WiSt-Inforum 6, S Von Glasersfeld, E. (1998): Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität, in: Gumin, H./Meier, H. (Hg.): Einführung in den Konstruktivismus, 4.Aufl., Oldenbourg, S.9 40.

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