Waldorflehrerbildung

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1 Bund der Freien Waldorflehrerbildung im Bologna- Prozess Herausgegeben vom Bund der Freien in Zusammenarbeit mit der Seminarekonferenz der Ausbildungsstätten für Waldorfpädagogik

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3 Bund der Freien Waldorflehrerbildung Herausgegeben vom Bund der Freien in Zusammenarbeit mit der Seminarekonferenz der Ausbildungsstätten für Waldorfpädagogik

4 Bund der Freien Impressum Herausgeber: Bund der Freien e.v. in Zusammenarbeit mit der Seminarekonferenz der Ausbildungsstätten für Waldorfpädagogik Redaktion: Johanna Keller, Cornelie Unger-Leistner, Peter Augustin Grafik-Design und Produktion: StudioLierl GmbH, Fotos: Charlotte Fischer, und andere Kontakt: Bund der Freien e.v. Wagenburgstraße 6, Stuttgart Fon (0711) Fax (711) Hinweis: Der Bund der möchte vornehmlich den Leserinnen versichern, dass in der Publikation die Begriffe Lehrer und Waldorfklassenlehrer ausschließlich als Berufs- und nicht als Geschlechtsbezeichnung zu verstehen sind. Waldorfschule steht für alle Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen. 1. Auflage, 2008 Bologna-Prozess: Benannt nach der Bologna-Erklärung, die 1999 im Rahmen einer Konferenz der Bildungsminister von 29 europäischen Staaten in Bologna verabschiedet wurde, bezeichnet der Begriff Bologna-Prozess die Bestrebungen, bis 2010 einen gemeinsamen Europäischen Hochschulraum zu schaffen. Kernelemente dieser Reformen sind etwa die Förderung von Verständlichkeit und Vergleichbarkeit von Hochschulabschlüssen, die Einführung eines zweistufigen Studiensystems sowie eines Leistungspunktesystems nach dem ECTS- Modell (European Credit Transfer System), Förderung der Zusammenarbeit im Bereich der Qualitätssicherung und Entwicklung eines Qualifikationsrahmens, Förderung der Mobilität der Hochschulangehörigen sowie Förderung der europäischen Dimension in der Hochschulbildung. In Anlehnung daran findet im Rahmen des sogenannten Kopenhagen- Prozesses eine Verstärkung der europäischen Zusammenarbeit in der Berufsbildung statt.

5 Bund der Freien Inhalt 1 Qualifizierung von Waldorflehrern Profil des Unterrichts an Studienfelder und Kompetenzen Lehrerbildungsstätten was sie sind und was sie werden sollen Forschung Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement Ausstattung der Lehrerbildungsstätten Rechtsstruktur und Finanzierung Lehrerbildungsstätten und Seminare Aus dem Transparenzbericht des Bundes der Freien

6 Bund der Freien Waldorflehrerbildung 4

7 Waldorflehrerbildung Bund der Freien Im Mittelpunkt steht der Schüler. In diesem Sinne ist die Waldorfschule eine schülerzentrierte Schule, deren vorrangiges Ziel die Persönlichkeitsförderung durch Freude am Lernen und personalen Bezug zum Lehrer beinhaltet. Auch unter dem Gesichtspunkt einer Erziehung zur Freiheit... steht die Förderung individueller Selbsterkenntis in sozialer Selbstverwirklichung im Zentrum. Damit steht die Waldorfschule zugleich auf dem Boden der grundlegenden Artikel des deutschen Grundgesetzes, indem die Würde des einzelnen Menschen im sozialen Kontext im Mittelpunkt steht Prof. Peter Schneider 5

8 Die 2. Klasse der ersten Waldorfschule für die Arbeiterkinder der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik in Stuttgart, 1919 und die 2. Klasse einer Waldorfschule heute. 6

9 Bund der Freien Die Lehrerbildung Vorwort Die Waldorfschule ist von Anfang an eine Schulform mit einer besonderen Pädagogik, die von ihrem Begründer Rudolf Steiner als Erziehungskunst charakterisiert wurde. Damit ist nicht etwa ein sanfter Weg des Lernens gemeint, man denke nur an den umfangreichen Anteil künstlerisch-praktischer Fächer im Unterrichtsangebot der, den die Waldorfschüler zusätzlich zu den klassischen Fächern auf ihrer Stundentafel vorfinden. Erziehungskunst meint, dass der Waldorfpädagogik als Erziehungswissenschaft eine Anthropologie zugrunde liegt, die mehr sein will als nur eine Erkenntniswissenschaft vom werdenden Menschen. Sie möchte darüber hinaus den Studierenden und den tätigen Lehrern das Wissen an die Hand geben, um die Kinder entsprechend den gesetzmäßigen Besonderheiten ihrer Entwicklung angemessen zu unterrichten. Methodik und Didaktik folgen in der Waldorfpädagogik nicht bestimmten Modellen, sondern sollen sich in der konkreten Beziehung zu den jeweiligen Kindern aktualisieren. So ist es das ureigene Anliegen der Lehrerbildung für die Waldorfschule, bei den künftigen Pädagogen die notwendigen künstlerisch-schöpferischen Gestaltungskräfte zu wecken und sie von Beginn des Studiums an in einer engen Beziehung zur Schulwirklichkeit auszubilden. Eine eigene Lehrerbildung, die dieses Anliegen berücksichtigt, ist damit die unbedingte Voraussetzung, um die Qualität der als Schulen besonderer pädagogischer Prägung zu begründen, zu sichern und zu entwickeln. In ihrer fast 80-jährigen Geschichte haben sich in der eigenen Lehrerbildung der verschiedene Formen entwickelt. Durch den sogenanten Bologna-Prozess sind diese Formen und Strukturen in Bewegung geraten. Die Ausbildungsstätten stehen dabei vor der Aufgabe, neue, modularisierte Studiengänge zu entwickeln und dabei gleichzeitig die spezifischen Anliegen der Waldorfpädagogik zu bewahren. Die vorliegende Broschüre möchte einen ersten Überblick geben über die verschiedenen Studienmöglichkeiten und gleichzeitig Einblicke vermitteln über den Prozess der Umgestaltung, in dem die Erziehungskunst Rudolf Steiners unter Beweis stellen kann, dass sie den pädagogischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen ist. Für den Bund der Freien Walter Riethmüller, Mitglied des Bundesvorstands 7

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11 Bund der Freien Qualifizierung 1 von Waldorflehrern Grundlagen der Lehrerbildung Die Rolle der Kunst Selbstreflexion und Selbstverwaltung als Qualität Zusammenfassung Innovation als Herausforderung für die Lehrerbildung Heilpädagogik als besonderes Konzept Waldorfpädagogik als internationale Bewegung

12 Bund der Freien Waldorflehrerbildung 10 Qualifizierung von Waldorflehrern

13 Waldorflehrerbildung Bund der Freien 1 Qualifizierung von Waldorflehrern Die Reform der Lehrerbildung und die Neugestaltung des Bildungswesens gehören zu den aktuellen bildungspolitischen Herausforderungen in Deutschland. Ergebnisse jüngster internationaler Vergleichsuntersuchungen (z. B. PISA) bestätigen den herausgehobenen Stellenwert dieses Schwerpunktthemas. Der gegenwärtig stattfindende Umstellungsprozess der Studiengänge an den Hochschulen im Zuge des Bologna-Prozesses auf das Bachelor-/Mastersystem soll Studienabschlüsse international vergleichbar machen nicht zuletzt, um den Studierenden auch in anderen europäischen Ländern Beschäftigungsmöglichkeiten zu sichern. Innerhalb der pädagogischen Ansätze freier Schulen bietet die Waldorfpädagogik eine grundständige Lehrerbildung in eigenen Studiengängen an. Sie leiten sich aus dem besonderen Konzept der Waldorfpädagogik ab und sind Grundlage der Bildungs- und Erziehungsarbeit an allen in der Welt. Die Waldorflehrerbildung stellt sich gegenwärtig den Herausforderungen des Bologna-Prozesses (siehe Kap. 4). Gleichzeitig findet die pädagogische Arbeit an den immer stärker das Interesse der universitären Forschung (1). In den vergangenen Jahren sind auch auf internationaler Ebene eine Reihe von empirischen Untersuchungen entstanden, die sich mit Methoden und Ergebnissen der Waldorfpädagogik befassen und diese auch in Bezug setzen zu den Methoden und Ergebnissen denen der Regelschulen. Durch diese Forschungsergebnisse wird der Dialog zwischen allgemeiner Pädagogik und Waldorfpädagogik intensiviert und gewinnt eine neue Qualität. Die Ausbildungsstätten der Waldorfschulbewegung sind offen für diesen wissenschaftlichen Diskurs, der nur zu einer gegenseitigen Befruchtung führen kann. Qualifizierung von Waldorflehrern 11

14 Bund der Freien Waldorflehrerbildung 1.1 Grundlagen der Lehrerbildung Die Lehrerbildung auf der Grundlage der Waldorfpädagogik setzt sich mit den theoretischen und praktischen Grundlagen der allgemeinen Erziehungswissenschaft und der Waldorfpädagogik sowie deren philosophischen, anthropologischen, historischen und wissenschaftstheoretisch- methodischen Hintergründen auseinander. Leitmotiv dabei ist es, durch ein innovatives, an der Entwicklung des Kindes orientiertes Lehrerbildungsmodell Reformen und Entwicklungen in der Schulpraxis anzuregen. Damit leistet sie einen Beitrag zur Entwicklung aller Schulen in freier Trägerschaft, die immer auch Impulsgeber für das öffentliche Schulsystem waren. Viele im staatlichen Schulwesen in jüngerer Zeit realisierten Prinzipien sind traditionell in der Waldorfschule praktiziert worden. Beispiele dafür sind: Fächerübergreifendes Lernen Praktisches Lernen Integrative Lernformen Fremdsprachenunterricht ab der 1. Klasse Neue Formen der Leistungsbewertung Größere Lerneinheiten Überwindung des 45-Minuten-Taktes Kein Sitzenbleiben Ausbildung künstlerisch-schöpferischer Kreativität 12 Qualifizierung von Waldorflehrern

15 Waldorflehrerbildung Bund der Freien Qualifizierung von Waldorflehrern 13

16 Bund der Freien Waldorflehrerbildung Leitprinzip der Waldorfpädagogik ist die individuelle Förderung der Schüler durch eine altersspezifische Didaktik und Unterrichtspraxis ein Prinzip, das neuerdings auch in der Bildungspolitik und der pädagogischen Diskussion wieder an Gewicht gewinnt (1). Ihr besonderes Profil gewinnt die Waldorfschule und damit auch die Lehrerbildung durch das Klassenlehrerprinzip in den Klassen 1 bis 8, das in dieser Form einzigartig ist. Es zeigt, dass in der Waldorfpäda - gogik eine enge und vielschichtige Beziehung zwischen Lehrer und Schüler angestrebt wird. Der Waldorfklassenlehrer begleitet eine Klasse in der Regel acht Jahre lang und unterrichtet sie jeden Tag im sogenannten Hauptunterricht mindestens 90 Minuten. In der heutigen Zeit ist das Leben vieler Kinder durch Brüche und Diskontinuitäten gekennzeichnet, so dass der Waldorfklassenlehrer neben dem dauerhaften Klassenverband Halt und Stabilität in diesen Situationen geben kann. Da der Klassenlehrer für das Verständnis des Studienaufbaus von zentraler Bedeutung ist, werden seine Aufgaben und Funktionen unter 2.1 ausführlicher beschrieben. In der Waldorfpädagogik wurden Studiengänge entwickelt, die die Qualifizierung der Lehrkräfte für die Praxis ermöglichen. Neben den grundlagenorientierten und fachdidaktischen Studieninhalten sind die künstlerische sowie die praktische, unterrichtsnahe Bildung der Studierenden von zentraler Bedeutung. Grundlage des Studiums ist eine pädagogische Anthropologie, die philosophische, entwicklungspsychologische und biologisch-medizinische Aspekte umfasst. Ein besonderer Akzent liegt dabei auf einer erweiterten Sinneslehre, die in das Verständnis von Lernprozessen seit jeher mit einbezogen wird (2). Sie bietet der Waldorfpädagogik viele über das herkömmliche Spektrum hinausgehende Ansatzmöglichkeiten pädagogischen Handelns, die sich zum Beispiel im Umgang mit Schülern, die Verhaltens- oder Lernprobleme aufweisen, bewährt haben. So zeigt auch die neuere Forschung, insbesondere die Neurowissenschaft, in welchem Maße die Sinnesentwicklung Grundlage von Verhalten und kognitivem Lernen ist. Auch in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion wird seit mehr als zwei Jahrzehnten der Verlust der Sinne, die Wiederkehr des Körpers, das Sinnenbewusstsein usw. zum Thema gemacht (3). Auch die Diskussion um Erziehung und Salutogenese weist auf die Notwendigkeit einer umfassenden anthropologischen Grundlegung für die Lehrerbildung hin (4). 14 Qualifizierung von Waldorflehrern

17 Waldorflehrerbildung Bund der Freien Qualifizierung von Waldorflehrern 15

18 Bund der Freien Waldorflehrerbildung 16 Qualifizierung von Waldorflehrern

19 Waldorflehrerbildung Bund der Freien 1.2 Die Rolle der Kunst Das künstlerische Element hat im Studium zum Lehrer an neben der Fachausbildung eine wichtige Stellung; täglich vertiefen sich die Studierenden praktisch übend in eine der folgenden Künste: Sprecherziehung (Sprachgestaltung) und Schauspiel, Malen, Plastizieren, Musik und Eurythmie (5). Dabei erfüllt das künstlerische Üben verschiedene Funktionen, die im Kontext des pädagogischen Handelns als einer Erziehungskunst (6) wesentlich sind: Eine intensive Schulung der Wahrnehmungsund Ausdrucksfähigkeit. Die Sensibilisierung für eine künstlerische Methodik, die zu einer rhythmischen Gestaltung des Schulunterrichts befähigt. Die Vertiefung anthropologischer Erkenntnis, insofern in den künstlerischen Prozessen die generelle Wahrnehmung von Qualitäten erübt wird. Diese rhythmische Gestaltung ermöglicht dem Waldorflehrer im Schulalltag eine lebendige Dramaturgie von Ruhe und Bewegung, Konzentration und Entspannung, von sinnlicher Aufmerksamkeit und intellektueller Tätigkeit. Die Schulung der Wahrnehmung von Qualitäten im Künstlerischen kann er als Fähigkeit umsetzen, um Gestalt, Gang, Bewegungen und Sprache des Kindes als Ausdruck seiner Persönlichkeit zu erfassen. Mit der Einbeziehung des Künstlerischen in die pädagogische Methodik bietet das Studium der Waldorflehrer Anknüpfungspunkte für die aktuelle Diskussion um eine pädagogische Ästhesiologie (7), eine Argumentationslinie, die sich bis zu Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen zurückverfolgen lässt. Qualifizierung von Waldorflehrern 17

20 Bund der Freien Waldorflehrerbildung 1.3 Selbstreflexion und Selbstverwaltung als Qualität Der wissenschaftliche Charakter des Studiums ergibt sich aus der Vermittlung verschiedener erkenntnistheoretischer Grundpositionen sowie methodisch differenzierter Weltzugänge. Es schließt die Fähigkeit zur kritischen Reflexion und Selbstreflexion ein, die im Laufe des Studiums immer wieder aufgegriffen und vertieft wird. Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Erüben der phänomenologischen Erkenntnismethode und die Anleitung zu exemplarischem Lernen. Hier knüpft die Waldorflehrerbildung an Bestrebungen an, die unter dem Stichwort des Erfahrungslernens in den gegenwärtigen Erziehungswissenschaften diskutiert werden (8). Die Waldorfpädagogik fußt seit Anbeginn auf der Weiterqualifikation der Pädagogen durch kontinuierliche Selbstentwicklung und Selbstevaluation der Lehrenden. Die Grundlagen dafür werden im Studium geschaffen durch Lehrveranstaltungen zur Entwicklung allgemeiner individueller und sozialer Kompetenzen wie Konzentrations- und Gedächtnisübungen, zur Entwicklung emotionaler Intelligenz und zur Schulung von Motivation und Willen. Hierdurch verfügt die Waldorfpädagogik über ein breites Instrumentarium zum Umgang mit Belastungen, das unter anderem dabei helfen kann, das unter Lehrerinnen und Lehrern verbreitete Burn-out- Syndrom zu vermeiden. Außerdem wird das Bewusstsein geschärft für die Aufgabe, den Lehrerberuf als einen Entwicklungsweg aufzufassen, der ein lebenslanges Lernen erfordert (9). Für den angehenden Waldorflehrer sind auch in diesem Kontext eigenes Forschen und das Rezipieren aktueller Forschungsergebnisse von weitreichender Bedeutung; Anregungen dazu werden im Studium in verschiedener Weise gegeben (s. Kap. 3 und 6). Eigenständigkeit, Selbstverantwortung und Rechenschaftslegung der einzelnen Schulen bilden international und zunehmend auch in Deutschland ein wichtiges Merkmal der Schulentwicklung. Eltern, Lehrer und Schüler übernehmen gemeinsam die Aufgaben der Schulgestaltung (10). sind freie, autonome Schulen mit einer kollegialen Führungsstruktur. Die für eine solche Selbstverwaltung notwendigen Fähigkeiten wie Gesprächsführung, Konfliktfähigkeit und Einsicht in die Grundgesetze sozialen Handelns werden im Studium vermittelt. 18 Qualifizierung von Waldorflehrern

21 Was braucht der Mitarbeiter? Waldorflehrerbildung Bund der Freien Vereinsrecht Neue Schüler Therapien med. Versorgung Fachdienst M I T G L I E D E R V E R S A M M L U N G V E R S A M M L U N G Tagesgeschäft / Finanzen Heimausfsicht / Behörden T A R B M I allgemeine Konferenz E I T E R Geschäftsführung Tagesstättenleitung Freiwilliges soziales Jahr Schüler - aufnahme Kulturelles Leben M I T G L I Schulleitung L L E E Festkreis E D Therapeutenkreis I I T T U E R N M I Externer Vorstand Eltern G Interner Vorstand S T A K O R B N E R Kinderbesprechung pädagogische Konferenz U F E Pädagogische Grundlagenarbeit N G S K O N F E E I T E D Praktikanten Einstellungs- Kreis R R E E N ELTERN- BEIRAT Qualitätssicherung Fortbildungskreis M I T G L I Neue Mitarbeiter Mitar beiterentwicklung Mitarbeiter- Führung Baukreis Zivildienstleistende E R Z N Z M I T A R B E I T V E R S A M M L U N G E R Anerkennungspraktikanten Fähigkeiten ausbauen Grundlagenarbeit M I T G L I Was braucht die Einrichtung? E D E R V E R S A M M L U N G Bauplanung und Ausführung Was Waldorflehrer auch können müssen: die verantwortungsvolle Selbstverwaltung einer Schule. Hier ein Organigramm der heilpädagogischen Friedel-Eder-Schule in München. E L T E R N & A N G E H Ö R I G E Qualifizierung von Waldorflehrern 19

22 Bund der Freien Waldorflehrerbildung Die eurythmische Umsetzung der Musik in eine Choreographie führt dazu, dass sich auf der Bühne quasi ein zweites Augenpaar entwickeln muss, um zu spüren, was in meinem Rücken passiert. Die Ausbildung dieses Raumgefühls war für mich sowohl auf dem Theater als auch vor der Filmkamera sehr hilfreich. Christian Quadflieg, Schauspieler und Regisseur 20 Qualifizierung von Waldorflehrern

23 Waldorflehrerbildung Bund der Freien 1.4 Zusammenfassung Allgemeines Bildungsziel der Studiengänge ist es, die Studierenden zu befähigen, waldorfpädagogisch erfolgreich tätig zu werden. Dazu gehört die fachliche, künstlerische und unterrichtspraktische Bildung. Der Waldorflehrer erwirbt so die Fähigkeit, in der Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen den individuellen Bedürfnissen in konkreten Situationen gerecht zu werden. Das Studium vermittelt die Bereitschaft zu einem lebenslangen Lernprozess, der die Studierenden zu selbständiger waldorfpädagogischer Unterrichtsgestaltung und zu ihrer eigenen Weiterentwicklung befähigen soll. Begriffliches Denken, wissenschaftliches Arbeiten, künstlerischschöpferische Gestaltungskräfte und die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in pädagogisch verantwortliches Handeln bilden die Grundlage der Waldorflehrerbildung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt in der Verbindung von Kunst und Wissenschaft. Die künstlerische Schulung unterstützt ein qualitatives Verständnis der anthropologischen und psychologischen Bildungsgrundlagen, stärkt die Wahrnehmungsfähigkeit für die individuelle Situation eines jeden Schülers, regt die Phantasie für jeweils angemessene pädagogische Reaktionen an und fördert die Fähigkeit, den Unterricht schöpferisch, phantasievoll und in einem lebendigen Wechselspiel zwischen den Schülern und sich selbst zu gestalten. Qualifizierung von Waldorflehrern 21

24 Bund der Freien Waldorflehrerbildung 1.5 Innovationen als Herausforderung für die Lehrerbildung Die Lehrerbildung in der Waldorfpädagogik steht in ständigem Austausch mit der Unterrichtspraxis. So kann sie auch stets die zahlreichen Innovationen einbeziehen, mit denen die und auch andere Bildungseinrichtungen auf pädagogische Zeitfragen reagieren. Einige Beispiele sind: Das bewegte Klassenzimmer in der Unterstufe ( Bochumer Modell ) Die Interkulturelle Waldorfschule Mannheim Integrative Schulmodelle z. B. in Emmendingen und im Windrather Tal, Velbert Kooperation von Kindergarten und Schule Entwicklung von Bildungshäusern (Erziehung von 0 bis 18 Jahre) Portfolio-Lernen als neue Lernform Einbeziehung berufspraktischer Ausbildungsteile (z. B. Hibernia-Schule Wanne-Eickel, Freie Waldorfschule Kassel, Odilienschule Mannheim) Weitere Ausführungen zu den einzelnen innovativen Modellen oder Prozessen finden sich auf der Homepage des Bundes der Freien unter dem Stichwort Innovation und unter sowie 22 Qualifizierung von Waldorflehrern

25 Waldorflehrerbildung Bund der Freien In den integrativen Schulen sind die Aufgaben eines Lehrers besonders differenziert und verantwortungsvoll. Die Waldorfpädagogik hat hierfür geeignete Ausbildungslehrgänge. Qualifizierung von Waldorflehrern 23

26 Bund der Freien Waldorflehrerbildung 1.6 Heilpädagogik als besonderes Konzept Es gibt in Deutschland gegenwärtig 80, weltweit etwa 250 heilpädagogische Schulen, die auf der Grundlage des anthroposophischen Menschenbildes arbeiten, 29 davon liegen in Baden-Württemberg, das damit einen Schwerpunkt bildet. Vorwiegend sind es Schulen für geistig behinderte Menschen in der anthroposophischen Heilpädagogik wird von seelenpflege-bedürftigen Menschen gesprochen, Schulen für Erziehungshilfe mit den Bildungsgängen Förderschule oder Grund- und Hauptschule sowie Förderschulen. Alle Schulen sind als Ersatzschulen genehmigt oder anerkannt. In Karlsruhe und Mannheim gibt es Schulzentren, die die genannten Schultypen vereint und den Absolventen ein Berufsvorbereitungsjahr bzw. eine Berufsausbildung ermöglichen. Im stationären Bereich existieren etwa 15 Heimsonderschulen bzw. Schulen am Heim. Dies sind vollstationäre Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, die an ihrem Heimatort nicht beschult werden können oder Waisen sind. Aufgenommen werden auch Schüler, die aufgrund von Verhaltensproblemen oder ihrer Behinderung keine Tagesschule besuchen können. Waldorfpädagogik und anthroposophische Heilpädagogik arbeiten nach den gleichen Grundsätzen. Insofern gilt im Unterricht mit Förderschülern das oben für die Waldorfpädagogik Gesagte in besonderem Maße gerade für die heilpädagogischen Schulen: durch die Einbeziehung der erweiterten Sinneslehre sowie durch die konsequente Einzelförderung erzielen sie nicht selten Erfolge gerade bei solchen Schülern, die im öffentlichen Schulsystem nicht mehr gefördert werden konnten. Die Bildungsvoraussetzungen der Lehrer an den heilpädagogischen Schulen sind unter (Bildungsangebote im Teil Mitarbeit ) genauer dargestellt. 24 Qualifizierung von Waldorflehrern

27 Waldorflehrerbildung Bund der Freien Um die eher defizitär wirkenden Bezeichnungen wie geistig behindert, praktisch bildbar oder verhaltensgestört zu überwinden, wird in der anthroposophischen Heilpädagogik von seelenpflege-bedürftigen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gesprochen. Damit können mehrere Ebenen im Verständnis von Behinderung deutlich gemacht werden: Die Abkehr von normalisierten Vorstellungen über das Menschsein hin zur Wertschätzung des individuellen Menschen mit seinen ihm eigenen Begabungen und Behinderungen innerhalb eines Lebenszusammenhangs, den er immer mit anderen Menschen teilt. Von dessen Gestaltung, Werten und Zielen ist es abhängig, ob der einzelne Mensch behindert oder nicht seinen Platz findet oder ausgeschlossen bleibt. Qualifizierung von Waldorflehrern 25

28 Bund der Freien Waldorflehrerbildung 1.7 Waldorfpädagogik als internationale Bewegung Eine der zentralen Herausforderungen der Gegenwart besteht darin, im Kontext interkultureller Pädagogik Konzepte für globales Lernen zu entwickeln. Dabei geht es um die Verknüpfung von vier Bereichen: Entwicklung / Soziale Gerechtigkeit Demokratie / Menschen- und Bürgerrechte Friedens- und Konfliktpädagogik Ökologie / Nachhaltige Entwicklung (11) Als internationale Schulbewegung können die auf diesem Felde anregend wirken. Inzwischen gibt es über weltweit, sie verteilen sich auf 80 Länder in allen Kontinenten und nehmen dabei die Impulse des jeweiligen kulturellen Umfelds in ihre Arbeit mit auf. Sie kooperieren ebenso wie die Lehrerbildungseinrichtungen international. Die Organisationen Freunde der Erziehungskunst und Internationale Assoziation für Waldorfpädagogik in Osteuropa und weiter östlichen Ländern (IAO) sind im internationalen Bereich und der Vernetzung der untereinander tätig. Sie berichten auch von einer verstärkten Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) bei der Unterstützung von Waldorfinitiativen in ärmeren Ländern und bei den Freiwilligendiensten, die junge Menschen aus Deutschland in diese Länder entsenden. Die Waldorfpädagogik bewährt sich dabei weltweit als Konzept der Krisenpädagogik. Auf ihrer Grundlage werden Kinder in den Ghettos der USA, in südamerikanischen Favelas und den Townships Südafrikas unterrichtet. In der Waldorfschule Harduf in Israel lernen palästinensische und israelische Kinder friedlich zusammen in einer Klasse und in der Goodrich Waldorf School in Freetown (Sierra Leone) integrieren Waldorfpädagogen ehemalige Kindersoldaten ins normale Leben. Berichte, Filme und Fotos hierzu findet man auf der Homepage 26 Qualifizierung von Waldorflehrern

29 Waldorflehrerbildung Bund der Freien Anzahl der weltweit Europa (664) Belgien (22) Dänemark (16) Deutschland (212) Finnland (23) Frankreich (14) Großbritannien (31) Irland (2) Island (2) Italien (30) Liechtenstein (1) Luxemburg (1) Niederlande (91) Norwegen (32) Österreich (13) Schweden (41) Schweiz (34) Spanien (6) Estland (5) Kroatien (2) Lettland (3) Litauen (4) Moldawien (1) Polen (5) Rumänien (14) Russland (28) Slowakei (1) Slowenien (2) Tschechische Rep. (12) Ukraine (7) Ungarn (23) Nordamerika (152) Kanada (23) USA (129) Lateinamerika (71) Costa Rica (4) Mexiko (9) Argentinien (10) Brasilien (33) Chile (5) Ecuador (1) Kolumbien (5) Peru (4) Uruguay (1) Afrika (21) Ägypten (1) Kenia (2) Namibia (1) Südafrika (16) Tansania (1) Asien (47) Armenien (1) Georgien (2) Israel (11) Kasachstan (1) Kirgisien (1) Tadschikistan (1) China (1) Indien (7) Japan (9) Nepal (2) Pakistan (1) Philippinen (3) Südkorea (2) Taiwan (3) Thailand (2) Australien / Neuseeland (44) Qualifizierung von Waldorflehrern 27

30 Bund der Freien Waldorflehrerbildung Anmerkungen/Literatur (1) Helsper, Werner/Ullrich, Heiner u. a. (2007) Autorität und Schule Die empirische Rekonstruktion der Klassenlehrer- Schüler-Beziehung an, Wiesbaden Ullrich,Heiner/Idel, Till-Sebastian u. a.(2006) Physikunterricht an Chancen und Grenzen. Qualitative Evaluation einer Physik-Epoche des 10.Schuljahrs, unveröff. Projektbericht Mainz Idel, Till-Sebastian (2006) Waldorfschule und Schülerbiographie. Fallrekonstruktionen zur lebensgeschichtlichen Relevanz anthroposophischer Schulkultur Wiesbaden Barz, Heiner /Randoll, Dirk u. a. (2007), Absolventen von. Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung Wiesbaden, Teilstudie daraus: Berufliche Entwicklung ehemaliger Waldorfschüler Bonhoeffer, Anne/Brater, Michael in Barz/Randoll Woods, Philip/Asley, Martin/Woods, Glenys (2005) Steiner Schools in England. Bristol (University of the West of England Research Report No 645) Dahlin, Bo (2005) A Summary of the Swedisch Waldorf School Evaluation Project, Karlstadt (University) Baldwin, Faith/Gerwin, Douglas/Mitchell David (2005) Research on Waldorf Graduates in North America Wilton, NH. Zum Dialog zwischen Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaft vgl. auch Schieren, Jost (Hg.) Was ist und wie entsteht: Unterrichtsqualität an der Waldorfschule? (Symposion an der Alanus-Hochschule 5/07) München (2) Vgl. z. B. R. Steiner, Allgemeine Menschenkunde, 8. Vortrag vom , Dornach 1992 (3) Vgl. B. Rumpf, Die übergangene Sinnlichkeit. Drei Kapitel über die Schule, München D. Kamper, C. Wulf, (Hg.), Die Wiederkehr des Körpers, Frankfurt/M C. Rittelmeyer, Pädagogische Anthropologie des Leibes. Biologische Voraussetzungen der Erziehung und Bildung, Weinheim u. München 2002) (4) Vgl. A. Antonovsky, Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit, Tübingen 1997 G. Opp, Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz, Basel 1999 Th. Marti, Wie kann Schule die Gesundheit fördern?, Stuttgart 2006 (5) Eine Bewegungskunst (6) Vgl. Fördern und Fordern eine Herausforderung für Bildungspolitik, Eltern, Schule und Lehrkräfte, Gemeinsame Erklärung der Bildungs- und Lehrergewerkschaften und der Kultusministerkonferenz, J. Bauer Lob der Schule, Hamburg 2008 (7) Vgl. E. Jain, Das Prinzip Leben Lebensphilosophie und Ästhetische Erziehung, Frankfurt/M G. Velthaus, Bildung als ästhetische Erziehung, Bad Heilbrunn 2002 M. Seel, Ethisch-ästhetische Studien, Frankfurt/M (8) Vgl. Erfahrungslernen im Unterricht, Pädagogik 6/2006 H. v. Hentig, Bildung. Ein Essay, München/Wien 2004 P. Buck, E.-M. Kranich, Auf der Suche nach dem erlebbaren Zusammenhang, Weinheim u. Basel 1995 (9) Vgl. Standards für die Lehrerbildung: Bildungswissenschaften; Beschluss der Kultusministerkonferenz vom , S. 3, Lehrerinnen und Lehrer entwickeln ihre Kompetenzen ständig weiter. (10) Vgl. P. Daschner u. a., Pädagogik 10/2006 H.G. Rolff, Autonomie als Gestaltungsaufgabe, in: Daschner, Rolff, Stryck (Hg.), Schulautonomie Grenzen und Chancen, Weinheim u. München 1995, S. 36ff Standards für die Lehrerbildung; Bildungswissenschaften, Beschluss der Kultusministerkonferenz vom : Lehrerinnen und Lehrer beteiligen sich an der Schulentwicklung, S. 3 (11) Vgl. A. Holzbrecher, Interkulturelle Pädagogik, Berlin 2004, S. 109 W. Klafki, Epochaltypische Schlüsselprobleme, in: Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritischkonstruktive Didaktik, Weinheim 1996, S. 56ff 28 Qualifizierung von Waldorflehrern

31 Waldorflehrerbildung Bund der Freien Erziehung ist eine Kunst. Sie ist die Kunst, junge Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung zu freier Selbstbestimmung zu fördern. Die Pädagogen müssen die angelegten Fähigkeiten und Talente erkennen und ihnen zur Entfaltung verhelfen. Das, was Sokrates als Mäeutik bezeichnete, kommt dem sehr nahe. Erziehung ist eine Art Geburtshilfe. Sie darf sich nicht auf die Vermittlung von Tradition und Wissen beschränken. Ich halte es für das wichtigste Verdienst der Waldorfpädagogik, unbeirrt von den sich ändernden Anforderungen an junge Menschen daran festzuhalten, dass Erziehung nur gelingen kann, wenn sie das Besondere eines jeden Kindes sieht und fördert. So kann das Kind zur Person werden. Die Waldorfpädagogik blickt auf eine lange Erfolgsgeschichte. Im Herbst 2004 fand die Feier zum 85-jährigen Bestehen der Waldorfpädagogik statt. Als Schirmherr der Aktionswoche der in Deutschland sprach Bundespräsident a. D. Johannes Rau ( ) diese Grußworte. Qualifizierung von Waldorflehrern 29

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