Fallverstehen und Sozialpädagogische Diagnostik

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1 Fallverstehen und Sozialpädagogische Diagnostik in der Jugendhilfe Zugänge Fragen Basisinstrumente für die Fallbearbeitung an (zeitweise) verunsichernden Orten Prof. Dr. Sabine Ader Kath. Hochschule NRW / Abteilung Münster Fachtagung Berlin,

2 Bild: M.C. Escher Belvedere, 1958

3 Die Qualität fachlicher Bewertungen (Diagnosen) ist unzureichend! Zu viel Problembeschreibung und sofortige Problemlösung zu wenig Verstehen, Hypothesenbildung und Bewertung Unzureichend ausgebildete und etablierte Konzepte und Verfahren (vgl. Studien: Fegert; Kindler; Schrapper; Ader) Verkürzung der Bewertungsprozesse auf die Adressat/-innen Sozialer Arbeit Eigenlogiken professionellen Handelns und institutioneller Zusammenhänge als (un-) heimliche Wirkfaktoren für die Beschaffenheit eines Falls

4 Was ist der Fall? Was muss verstanden werden? Familie / soziales Umfeld - Was ist das Problem? - Tragfähigkeit familiärer Beziehungen - Belastungsfähigkeit ( Kinder) - Lern-/Veränderungsbereitschaft ( Eltern) - Lebensumstände Klientensystem Kinder Eltern - Risiken und Gefährdungen Dynamisches Feld Öffentliche Jugendhilfe (Jugendamt; ASD). und kooperierende Handlungsfelder Hilfesystem - Hilfegeschichte Freie Jugendhilfe (sozialpädagogische Einrichtungen und Dienste) - Arbeit der Fachkräfte und Organisationen. Die Veränderung in einem Teil des Feldes beeinflusst bis zu einem gewissen Grade jeden anderen Teil des Feldes.

5 Leitende Einschätzungen (I): Vorrangig bedarf das Fallverstehen in sozialpädagogischen Zusammenhängen einer verstehenden Diagnostik, weniger einer klassifizierenden. ( Warum statt was.) Zentral ist das Verstehen der Funktionen für auffälliges Verhalten und das Einschätzen von Lebensumständen, Entwicklungspotenzialen und Gefährdungsmomenten. Diagnostik mündet in der Formulierung von Hypothesen. Sie ordnen die Vielzahl von Daten, Beobachtungen, (Selbst-) Aussagen, Einschätzungen und fassen sie zu einem Bild zusammen.

6 Leitende Einschätzungen (II): Ein Instrument allein genügt nicht! Die Berücksichtigung aller notwendigen Zugänge zu einem Fall muss über die Auswahl und Kombination von Instrumenten gewährleistet werden. systematisch, theoriegeleitet, dialogisch, selbstreflexiv, verstehend und eigenständig beurteilend! Es bedarf immer auch nachvollziehbarer und institutionell abgestimmter Verfahren der Bewertung (Diagnostik). Dreiklang von Instrumenten, Verfahren und fachlichen Haltungen!

7 Konstitutive Themen und Zugänge sozialpädagogischen Fallverstehens / soz.päd. Diagnostik (1) Lebenslagen und Lebensgeschichten Daten und Fakten Soziale + materielle Situation Kritische Lebensereignisse Beeinträchtigungen und Gefährdungen Ressourcen Aufträge und Erwartungen (2) Sichtweisen und Selbstdeutungen Erfahrungen, Sichtweisen, und Einschätzungen von Mädchen und Jungen, Müttern und Vätern und anderen Schlüsselpersonen aus Familien und Milieu (Erzählungen ermöglichen, kein Abfragen!) (3) Hilfesysteme und Hilfegeschichte Maßnahmen Übergänge, Brüche und Wechsel Diagnosen und Interventionen Kooperationen und Konflikte Erfolge und Misserfolge der Organisationen Dynamiken von Beziehungen und Interaktionen

8 Instrumente und Arbeitsweisen sozialpädagogischer Diagnostik (1) Systematische Informationssammlung und Verarbeitung: tabellarische Gegenüberstellung von Lebensgeschichte und Hilfegeschichte (Chronologie) Genogramm Ressourcen- und Netzwerkkarten Kinderschutzbogen (2) Rekonstruktion biographischer Strategien Muster und Ressourcen: Erstgespräch Hausbesuch Interview Erzählungen Milieuerkundung (4) bündeln und bewerten : Kollegiale Beratung Fallkonsultationen Leitungskontrolle (3) Analyse von Dynamiken in und zwischen Helfersystem und Klientensystem Auswertung der Chronologie Analyse von Kooperationsund Konkurrenzgeschichten Reflexion von Identifikationen, Spiegelung und Gegenübertragung Umsetzung, Fortschreibung, lfd. Kontrolle und Fallabschluss

9 Sechs Perspektiven ein Fall! Standard-Instrumente für ein sozialpädagogisches Verstehen und Durchblicken Genogramm (Fall-) Chronologie Re-Inszenierungen im Helfersystem (szenisches Fallverstehen) Fall Einschätzung der Risiken und Gefährdungen für Leben und Entwicklung der Kinder Netzwerkkarte Ressourcenkarte Schaubild: Chr. Schrapper

10 Die zentralen Fragen für Verstehen und Beurteilen Wer gehört dazu? Was ist passiert? Welche Erfahrungen prägen? Worauf kann man bauen? ( und vertrauen) Ressourcen) Wo liegen die Risiken/ Gefährdungen? (insb. für Kinder / Jugendliche) Wo bin ich verstrickt?

11 Wesentliche Herausforderung: Komplexität balancieren Komplexität der Fakten, Bewertungen und Emotionen muss zuerst entfaltet und erarbeitet werden aus der Irritation nach ordnenden Ideen suchen, zuerst bei den Kindern, dann bei den Erwachsenen zuletzt bei den Helfern; sich der Komplexität schrittweise annähern; Komplexität anschaulich visualisieren (siehe Methoden) und wieder verdichten; und diese dabei als Ambivalenz, Verschiedenheit oder sogar Streit aushalten.

12 Die Schwierigkeiten professioneller Handlungsvollzüge Die Suche nach schnellen Lösungen befördert unterkomplexe Erklärungsversuche und sie verhindert notwendigen Perspektivenwechsel, Irritation und reflexive Schleifen der Profis. (= institutionell gewollte Verunsicherung auf Zeit ) Es benötigt nicht die Erfindung weiterer Methoden und Instrumente. Es geht um die forschende Implementation eines systematischen Verstehens und Beurteilens in Institutionen und ihrer Fallstricke. Was verhindert die Umsetzung dessen, was in Institutionen mehrheitlich als notwendig erachtet wird?

13 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Literatur (Auswahl): Ader, S./Klein, M.: Die organisierte Verantwortungslosigkeit Kooperation von Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie als bleibende Herausforderung. In: Sozial extra. Heft 5/6 2011, S Ader, S.: Fallverstehen und Kollegiale Beratung in schulischen Zusammenhängen: Es könnte so sein, aber auch ganz anders! In: Baier, Florian/Deinet, Ulrich: Praxisbuch Schulsozialarbeit. Methoden, Haltungen und Handlungsorientierungen für eine professionelle Praxis. Opladen 2011, S Ader, S./ Löcherbach, P./ Mennemann, H./ Schrapper, Ch. (2009): Assessment im Case Management und sozialpädagogische Diagnostik. In: Löcherbach,M/ Mennemann, H./ Hermsen, Th. (Hg.): Case Management in der Jugendhilfe, München, Ader, Sabine: Was leitet den Blick? Wahrnehmung-, Deutung und Intervention in der Jugendhilfe. Weinheim/München 2006 Ader, S./Schrapper, C.: Sozialpädagogische Diagnostik als fallverstehende Analyse und Beurteilung Entwicklungslinien, Konzepte und Anforderungen. In: Fegert, Jörg M./Schrapper, Christian (Hg.): Handbuch Jugendhilfe Jugendpsychiatrie interdisziplinäre Kooperation. Weinheim/ München 2004, S Ader, S. (2004): Strukturiertes kollegiales Fallverstehen als Verfahren sozialpädagogischer Analyse und Deutung. In: Heiner, M. (Hrsg.): Diagnostik und Diagnosen in der Sozialen Arbeit Ein Überblick. Deutscher Verein, Frankfurt/Main, Ader, S./ Schrapper, C./ Thiesmeier, M. (Hg.) (2001): Sozialpädagogisches Fallverstehen und sozialpädagogische Diagnostik in Forschung und Praxis. Votum, Münster Henkel, J. / Schnapka, M. / Schrapper, C. (Hg.) (2002): Was tun mit schwierigen Kindern? Sozialpädagogisches Verstehen und Handeln in der Jugendhilfe. Votum, Münster Schrapper, C. (Hg.) (2010): Sozialpädagogische Diagnostik und Fallverstehen in der Jugendhilfe. 2. Aufl. Juventa, Weinheim/ München

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