M I N I S T E R I U M F Ü R W I S S E N S C H A F T, F O R S C H U N G U N D K U N S T B A D E N - W Ü R T T E M B E R G

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1 M I N I S T E R I U M F Ü R W I S S E N S C H A F T, F O R S C H U N G U N D K U N S T B A D E N - W Ü R T T E M B E R G Postfach Stuttgart FAX: Herrn Präsidenten des Landtags von Baden-Württemberg Guido Wolf MdL Haus des Landtags Konrad-Adenauer-Str Stuttgart Stuttgart Durchwahl Aktenzeichen 1. Juli /14/1 (Bitte bei Antwort angeben) nachrichtlich Staatsministerium Antrag der Abg. Sabine Kurtz u. a. CDU Studienabbrecherquoten und Vorbereitungsangebote für das Studium Drucksache 15 / 5312 Ihr Schreiben vom 10. Juni 2014 Sehr geehrter Herr Landtagspräsident, das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst nimmt zu dem Antrag wie folgt Stellung: Der Landtag wolle beschließen, die Landesregierung zu ersuchen zu berichten, 1. wie sich die Studienabbrecherzahlen in Baden-Württemberg in den vergangenen fünf Jahren entwickelt haben (aufgeschlüsselt nach den einzelnen Hochschulen und exemplarischen Studienfächern) und wie sie die aktuelle Situation bewertet;

2 inwiefern ihr bekannt ist, wie sich die Studienabbrecherzahlen in den anderen Bundesländern und im europäischen Ausland darstellen; Die amtliche Hochschulstatistik liefert keine Angaben zur Zahl der Studienabbrecher, da sie die Studienverläufe der einzelnen Studierenden nicht erfasst. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht seit dem Jahr 2010 Erfolgsquoten für ganz Deutschland nach Fächergruppen und Hochschularten sowie als Globalzahl für die Länder. Die Erfolgsquoten des Statistischen Bundesamtes weisen den Anteil der Absolventen an den Studienanfängern eines Studienjahres aus, die ihr Studium erfolgreich abschließen. Erfolg ist dabei als Erwerb eines ersten Hochschulabschlusses definiert. Unberücksichtigt bleibt, wie viel Zeit für den erfolgreichen Abschluss benötigt wird, und mit welcher Note das Studium beendet wurde. Wegen der individuell unterschiedlich langen Studiendauern bis zum Abschluss liegen die Erfolgsquoten des Statistischen Bundesamtes erst mit einem längeren zeitlichen Nachlauf vor. Die aktuellen Ergebnisse beziehen sich auf Studienanfänger mit Ersteinschreibung im Jahr Nach den neuesten Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes (Erfolgsquoten 2011, veröffentlicht im August 2013) hatten in Deutschland im Jahr ,3 % aller Studierenden eines Erststudiums mit Studienbeginn 2003 ihr Studium erfolgreich abgeschlossen. Im Jahr 2010 (Jahr der Ersteinschreibung 2002) waren dies knapp 75,7 %, im Jahr 2008 (Jahr der Ersteinschreibung 2000) 75,0 %. Demnach haben von den Studienanfängern 2003 rund ein Viertel das Studium ohne Abschluss beendet. Für die Universitäten wurde eine Erfolgsquote 2011 von 70,3 % (Vorjahr 71,7 %), für die Fachhochschulen von 81,2 % (Vorjahr 82,6 %) errechnet. Im Ländervergleich konnte sich Baden-Württemberg 2011 mit einer Quote von 80,7 % auf dem Spitzenplatz positionieren, gefolgt von Bayern (78,8 %) und Berlin (77,8 %). Im Vorjahr hatte Baden- Württemberg mit 83,4 % ebenfalls die höchste Erfolgsquote unter den Ländern.

3 - 3 - Erfolgsquoten des Statistischen Bundesamtes für die Jahre der Ersteinschreibung 2000 bis 2003 nach Ländern *) Rang Jahr 2003 Land Erfolgsquote in % nach Jahr der Ersteinschreibung (Berichtsjahr) (2011) (2010) (2009) 2000 (2008) Veränderung 2003 zu 2002 in Prozentpunkten 1 Baden-Württemberg 80,7 83,4 81,6 81,0-2,7 2 Bayern 78,8 80,5 78,0 77,7-1,7 3 Berlin 77,8 79,2 82,3 86,0-1,4 4 Thüringen 75,8 74,2 75,0 77,5 1,6 5 Hessen 73,8 77,7 75,2 72,9-3,9 6 Rheinland-Pfalz 73,5 76,8 77,3 79,1-3,3 7 Brandenburg 73,1 72,6 76,7 77,2 0,5 8 Sachsen 72,3 74,7 73,3 72,3-2,4 9 Bremen 72,0 68,9 67,5 63,5 3,1 10 Niedersachsen 71,9 76,8 76,1 81,9-4,9 11 Sachsen-Anhalt 71,7 68,0 67,8 69,8 3,7 12 Nordrhein-Westfalen 71,4 69,5 68,4 68,0 1,9 13 Schleswig-Holstein 70,3 76,3 72,9 73,9-6,0 14 Mecklenburg- Vorpommern 67,8 67,9 70,8 72,2-0,1 15 Saarland 67,3 69,8 71,4 71,2-2,5 16 Hamburg 60,0 65,8 73,6 67,1-5,8 Deutschland 74,3 75,7 74,9 75,0-1,4 *) für Studierende im Erststudium ohne angestrebten Abschluss Master, Lehramt-Master und sonstiger Abschluss sowie ohne Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung im Ausland. Bezogen auf die Fächergruppen wurden vom Statistischen Bundesamt folgende bundesweiten Erfolgsquoten veröffentlicht:

4 - 4 - Erfolgsquoten des Statistischen Bundesamtes für die Jahre der Ersteinschreibung 2001 bis 2003 nach Hochschularten und Fächergruppen Erfolgsquote in % nach Jahr der Ersteinschreibung (Berichtsjahr) Fächergruppe Universitäten Fachhochschulen (2011) (2010) (2009) (2011) (2010) (2009) Sprach- und Kulturwissenschaften 69,0 71,4 68,9 88,2 85,6 95,6 Sport 80,2 90,7 86, Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften 70,7 69,9 70,1 84,8 87,5 86,4 Mathematik/ Naturwissenschaften 64,7 64,1 64,7 70,8 73,6 72,2 Humanmedzin/ Gesundheitswissenschaften 91,5 98,3 96,5 94,5 89,7 >100 Veterinärmedizin 93,5 92,7 95, Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften 72,6 85,0 75,3 87,0 86,8 86,6 Ingenieurwissenschaften 65,0 69,7 66,9 75,5 74,4 74,8 Kunst/Kunstwissenschaft 79,8 75,8 81,9 >100 >100 >100 Insgesamt 70,3 71,7 71,0 81,2 82,6 82,5 Im internationalen Vergleich zeigt sich auf Basis von Daten der OECD (Bildung auf einen Blick 2013, Tab. A4.1), dass im Tertiärbereich A (ISCED 5A, entspricht den Hochschulen ohne Verwaltungsfachhochschulen) die für Deutschland ermittelte Abbruchquote von 25 % deutlich geringer ist als die OECD-Durchschnittsquote von 30 %. Dieser Wert bezieht sich auf den Absolventenjahrgang Japan weist hier mit lediglich 9 % die geringste Abbrecherquote auf. Im europäischen Vergleich (EU 21- Durchschnitt 31%) weist Deutschland eine höhere Abbrecherquote auf als zum Beispiel Länder wie Dänemark (20 %), Großbritannien (21 %) oder Finnland (24 %), aber eine geringere als beispielsweise die Niederlande (28 %) Frankreich (32 %), Österreich (35 %) oder Norwegen (41 %). Beim Vergleich der OECD-Quoten ist allerdings zu beachten, dass für die Berechnung dieser Werte von den Ländern zum Teil verschiedene Verfahren verwendet werden, weshalb diese Quoten nur eingeschränkt vergleichbar sind.

5 welcher volkswirtschaftliche Schaden dem Land durch vorzeitige Studienabbrüche entsteht; Ein Studienabbruch ist nicht nur für den Betroffenen selbst mit Kosten verbunden, sondern führt auch für die Hochschulen und für eine Volkswirtschaft zu zusätzlichen Kosten. Diese sind umso höher, je später der Studienabbruch des Einzelnen erfolgt und je höher die Abbrecherquoten in einem Studiengang sind. 4. durch welche Gründe bzw. Motive die Studienabbrüche bedingt sind (in der Stellungnahme ist nach Möglichkeit darauf einzugehen, in wie vielen Fällen das Studium gezwungenermaßen [z. B. wegen nicht bestandener Prüfungen] bzw. freiwillig [z. B. da die Studieninhalte nicht den Erwartungen entsprachen] vorzeitig abgebrochen wurde); Die Motive für einen Studienabbruch sind vielfältig. Das geht beispielsweise aus einer Untersuchung der HIS GmbH (heute: DZHW) Ursachen des Studienabbruchs in Bachelor- und in herkömmlichen Studiengängen aus dem Jahr 2010 hervor. Nach der Untersuchung der HIS GmbH, die dafür Studienabbrecher des Studienjahres 2008 an 54 Universitäten und 33 Fachhochschulen in ganz Deutschland zu den Hintergründen ihrer Entscheidung befragte, wird die Entscheidung, ein Studium abzubrechen, in der Regel nicht durch ein Motiv allein bestimmt. Allerdings steht bei den meisten Studienabbrechern ein Grund im Mittelpunkt, der letztlich den Ausschlag für einen Studienabbruch gibt. Drei Motive standen dabei damals im Vordergrund. 20 % aller befragten Studienabbrecher fühlten sich den Anforderungen des Studiums nicht gewachsen und gaben daher Leistungsprobleme als Grund für den Studienabbruch an. Zählt man die 11 % der Studienabbrecher hinzu, die das Nichtbestehen von Prüfungen als Abbruchgrund nannten, so scheiterten 31 % der Studienabbrecher aus Gründen der Überforderung. Probleme der Studienfinanzierung führten für 19 % der Befragten zum Studienabbruch. Dahinter verbargen sich neben finanziellen Schwierigkeiten zunehmende Probleme, eine zur Finanzierung des Lebensunterhaltes notwendige Erwerbstätigkeit und das Studium miteinander zu verbinden. Von ähnlich großer Bedeutung (18 %) war das vorzeitige Beenden des Studiums aufgrund mangelnder Studienmotivation. Diese Studierenden hatten sich mit falschen Erwartungen an die fachlichen Inhalte und die Bedingungen und Anforderungen des Studiums immatrikuliert. Unzureichende Studienbedingungen führten in 12 % der Fälle zu einem

6 - 6 - Studienabbruch, es folgten der Wunsch nach beruflicher Neuorientierung mit 10 %, familiäre Probleme (7 %) und Krankheit (4 %). 5. mit welchen Strategien, Angeboten bzw. Maßnahmen die Hochschulen Studienabbrüchen vorbeugen und inwiefern dabei eine Koordination bzw. Kooperationen zwischen den verschiedenen Hochschulen (z. B. durch die Weitergabe von Best-Practice-Beispielen) stattfinden; Bereits über eine frühzeitige und möglichst umfassende Studieninformation an den Schulen des Landes wird späteren Studienabbrüchen vorgebeugt. Die Landesregierung unterstützt die Hochschulen mit unterschiedlichen Landesprogrammen (Studienmodelle unterschiedlicher Geschwindigkeit, Willkommen in der Wissenschaft, Zentren für Beratung), um verschiedene Angebote und Maßnahmen zu etablieren, die Studienabbrüchen vorbeugen. Exemplarisch seien hier folgende Angebote genannt, die auch einen bundesweiten Modellcharakter haben: Das MINT-Kolleg der Universität Stuttgart und des KIT. Bildungsberatungszentrum Ulm: Kooperation der Universität Ulm, der Hochschule Ulm und der Agentur für Arbeit. Ferner bieten die Hochschulen neben ihren Einzelberatungen u.a. auch gezielt Kurse für Studienabbrecher an. Diese Kurse werden auf den Homepages der jeweiligen Hochschulen, aber auch unter dem Studieninformationsportal des Landes, kommuniziert. Zudem werden Maßnahmen entwickelt, bei denen mehrere Hochschulen eng mit Arbeitsagenturen und Kammern zusammenarbeiten, um Studienabbrechern Alternativen zum Studium aufzuzeigen. 6. wie sich die vorhandenen Angebote und Maßnahmen wie z. B. die Kampagne Gscheit studiert oder das Programm Willkommen in der Wissenschaft bewährt haben; Gscheit studiert und Willkommen in der Wissenschaft haben beide zum Ziel, die Studienerfolgsquote zu steigern. Gscheit studiert setzt dabei vor dem Studium an, Willkommen in der Wissenschaft zu Beginn des Studiums. Insofern haben beide Programme einen präventiven Charakter.

7 - 7 - Um Schüler/innen durch Studieninformation zu einer fundierten, sinnvollen und vor allem passenden Studienwahl zu bringen, gibt es die Informationskampagne Gscheit studiert. Junge Menschen sollen dabei auf der Basis ausgewählter und neutraler Studieninformation ihre Studienwahl treffen, damit ein Studium gut und erfolgreich abgeschlossen werden kann. Das Programm Willkommen in der Wissenschaft fördert ( ) komplementär zum Programm Studienmodelle individueller Geschwindigkeit an 23 Hochschulen des Landes mit sechs Mio. EUR inhaltliche Innovationen in der Lehre. Dazu gehört das forschende Lernen, aber auch das projektorientierte Lernen in Teamarbeit sowie das problem- und praxisorientierte Lehren und Lernen. Das soll die Motivation der Studienanfängerinnen und Studienanfänger gerade in der schwierigen Anfangs- und Umbruchphase des Studiums stärken, die ein Studienstart für jeden Einzelnen bedeutet. Auf diese Weise soll ein Beitrag zum nachhaltigen Studienerfolg geleistet und Studienabbrüche vermieden werden, da die Abbruchquote bis zum 3. Semester am höchsten ist. 7. inwiefern sie es als notwendig erachtet, zusätzliche Maßnahmen (ggf. welche, konkrete Schritte) gegen Studienabbrüche zu ergreifen; Die derzeit aufgelegten Programme werden auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse ständig weiterentwickelt, beispielsweise durch Studien über Abbrecher sowie deren Verteilung auf Studienfächer und Hochschularten, um künftig Umstiege weiter zu erleichtern. 8. wie sie den Studienführerschein an der Hochschule Bremerhaven, den Studienanfänger z. B. durch Vorbereitungskurse und Workshops über Zeitmanagement, Lernstrategien und Persönlichkeitstraining erwerben können, nach ihrer Kenntnis bewertet und ob es ähnliche Angebote auch in Baden-Württemberg gibt; Die in der Fragestellung aufgelisteten Maßnahmen wie Vorbereitungskurse, Workshops über Zeitmanagement, Lernstrategien und Persönlichkeitstrainings werden in ähnlicher Form auch an baden-württembergischen Hochschulen bspw. im Rahmen der Schlüsselqualifikationen in den grundständigen Studiengängen angeboten.

8 - 8 - Organisiert und angeboten werden diese Veranstaltungen an den Hochschulen von den Zentren für Schlüsselqualifikationen und den Fachbereichen. 9. wie sie das Vorhaben der nordrhein-westfälischen Landesregierung, die Hochschulen durch ein Hochschulzukunftsgesetz zu einem Qualitätsmanagement und zu Strategien gegen Studienabbrüche zu verpflichten, nach ihrer Kenntnis beurteilt; Die Hochschulen in Baden-Württemberg sind gemäß 5 Abs. 1 LHG bereits heute verpflichtet, ein Qualitätsmanagementsystem zur Sicherung einer hohen Qualität und Leistungsfähigkeit einzurichten. 10. wie sie den Vorschlag der Bundeswissenschaftsministerin bewertet, Studienabbrechern den Weg zu einer betrieblichen Ausbildung zu erleichtern, u. a. indem Leistungen aus dem Studium für eine Lehre anerkannt werden. Der Vorschlag der Bundeswissenschaftsministerin stellt für Baden-Württemberg keine Neuerung dar. Das Wissenschaftsministerium arbeitet daran, die Wechselmöglichkeiten vom Studium in die berufliche Bildung zu erleichtern. Aus Studienabbrüchen sollen An-schlüsse werden, die Studierenden neue Optionen eröffnen. Gemeinsam mit Kammern, Wirtschaftsverbänden und dem Wirtschaftsministerium erarbeitet das Wissenschaftsministerium ein Konzept, das intensivere Beratung für potenzielle Studienabbrecher an den Hochschulen etabliert. Mit freundlichen Grüßen gez. Theresia Bauer MdL Ministerin

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