Leitungswasser im Test

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1 R ü c k s c h a u : T r i n k w a s s e r e i n e s a u b e r e S a c h e? ( SR) Wasser aus dem Hahn gilt als der beste und billigste Durstlöscher. Zumal viele Stadtwerke mit der Qualität ihres Trinkwassers werben. Doch sie sind nur bis zum Übergabepunkt zuständig, nicht für die Leitungen im Haus. Was ins Glas sprudelt, ist deshalb mitunter gar nicht hygienisch sauber. Leitungswasser: so sauber und nährstoffreich, dass das kühle Nass aus dem Hahn in manchen Regionen Deutschlands mit Mineralwasser bestens konkurrieren kann. In den Wasserwerken wird die Qualität ständig kontrolliert; aber wie kommt das Wasser bei uns an? Wie gut ist die Qualität unseres Trinkwassers? (Foto:dpa) Zu Hause kann jeder seine Leitungen überprüfen und reinigen, aber was ist unterwegs, beispielsweise an Bahnhöfen, bei Behördengängen oder auch im Krankenhaus? Wir haben es getestet. Leitungswasser im Test Plusminus und der TÜV Rheinland waren unterwegs - inkognito. In Aachen, Berlin, Bonn, Düsseldorf, Essen, Frankfurt am Main, Köln, Hannover, Nürnberg und Saarbrücken jeweils am Bahnhof, im Rathaus, an der Uni, in einem Seniorenheim und einem Krankenhaus haben wir Wasser abgezapft, so wie es aus der Leitung kommt. Gut gekühlt kamen die fünfzig Proben ins Labor des TÜV Rheinland. Dort wurden sie auf Bakterien untersucht. Viele Bakterien auf einmal In einem Milliliter Leitungswasser dürfen höchstens 100 Erreger-Kolonien schwimmen. Aber viele unserer Proben lagen deutlich darüber, bis zu acht Mal. Und selbst bei Wasserhähnen mit Bewegungssensor, also denen, die ohne Anfassen funktionieren, fanden die Forscher viele Bakterien. Walter Dormagen vom TÜV Rheinland vermutet, dass das daran liegt, dass diese kontaktlosen Wasserspender nur geringe Mengen Wasser abgeben - und das bei geringer Durchflussgeschwindigkeit. Deshalb stehe das Wasser länger in der Leitung, was den Keimen erlaube sich leichter anzusiedeln. Coliforme Bakterien In sechs der fünfzig Proben fanden die Forscher E.coli- oder Coliforme Bakterien, die normalerweise im Darm vorkommen und nicht ins Trinkwasser gehören, meint Dormagen. Es handele sich hier um Fäkalkeime. Das seien "Indikatororganismen, die also darauf hinweisen, dass Verschleppungen aus

2 dem Sanitärbereich, aus dem Fäkalbereich, erfolgt sind, was im Körper zu entzündlichen Reaktionen führen kann." Auch Magen-Darm-Beschwerden bis zu Erbrechen könnten die Folge sein. Resistente Pseudomonaden Gegen andere Keime gibt es kaum wirksame Gegenmittel: Pseudomonaden. Diese fanden die Forscher in zwei der Proben. Sie sind besonders schwierig zu bekämpfen, wenn sie sich einmal in Leitungen fest gesetzt haben, weil sie eine Art Schleim, einen Biofilm, um sich herum bilden. Gefährlich für den Menschen sind sie einerseits, weil sie Wundheilungen verzögern können und entzündliche Prozesse auslösen können bis hin zur Lungenentzündung, erklärt Dormagen. Andererseits sind sie auch gegen die meisten Antibiotika resistent. Legionellen Außerdem entdeckten die Laboranten in vier Proben Legionellen an den Entnahmestellen sollte sofort das Wasser nachkontrolliert werden, denn Legionellen können sich auch über die Luft verbreiten und vor allem für geschwächte Menschen ein Gesundheitsrisiko darstellen. Legionellen fühlen sich wohl in Warmwasser und gelangen auch in die Luft. Sie können in Form von Aerosolen aufgenommen werden und "können dann bis in die Lunge wandern und dort zu Lungenentzündungen führen", warnt Dormagen, die dann zum Tode führen können. 50 Prozent Verkeimung Insgesamt war die Hälfte der Proben mit besonders vielen oder gefährlichen Keimen belastet. Das Fazit von TÜV-Experten Walter Dormagen: "Die Häufigkeit hat mich schon überrascht, auch die Spezies, die wir gefunden haben." Nach den Testergebnissen würde er, wenn er selbst in solchen Bereichen unterwegs wäre, sich schon "mit gewisser Vorsicht" die Hände mit Leitungswasser waschen, doch "als Trinkwasser würde ich das Wasser dort sicher nicht gebrauchen." Die gesetzlichen Vorgaben Verantwortlich für die Qualität des Wassers wie es aus dem Hahn kommt, sind die Betreiber, also die Eigentümer oder Verwalter der Gebäude. Die Trinkwasserverordnung schreibt vor: Nur einmal pro Jahr müssen die Gesundheitsämter Leitungswasser in öffentlichen Gebäuden auf Legionellen- Befall untersuchen, auf andere Bakterien wird das Wasser dabei nicht zwingend überprüft. Bei Norm-Kontrollen werden die Hähne abgeflammt, das tötet Bakterien ab. Besucher von Bahnhöfen, Rathäusern oder Kliniken haben aber eher selten einen Bunsenbrenner zur Hand, wenn sie sich die Hände waschen. Strengere Vorgaben Angesichts unseres Testergebnisses sieht der TÜV Rheinland durchaus Handlungsbedarf auch auf Seiten der Politik, meint Walter Dormagen: "Wir haben sicherlich jetzt einen Zustand, wo auch zu selten geprüft wird. In brisanten Bereichen wie Kindergärten und Schulen geht es, aber in vielen anderen öffentlichen Bereichen wird relativ selten geprüft. Wir müssten in Form der Trinkwasserverordnung viel striktere Vorgaben haben, was wie oft geprüft werden muss, und wir benötigen auch eine genauere Festlegung der Grenzwerte, bei deren Überschreitung auch gehandelt wird und das Trinkwassersystem saniert wird." Tipps f ür Betreiber und Verbraucher

3 Betreiber und Verbraucher sollten in Sachen Leitungswasser folgende Ratschläge im Hinterkopf behalten: Eine Rolle bei der Wasserhygiene spielt die Durchflussgeschwindigkeit und der Wasserdruck. Haben die Leitungen beispielsweise einen großen Durchmesser, es fließt aber nur wenig Wasser langsam hindurch, kann das das Keimwachstum begünstigen. Insgesamt gilt: lieber etwas mehr Wasser durch die Leitungen laufen lassen als zu wenig. Und: Wasserinstallationen immer von Fachleuten einbauen und warten lassen. Hilfe gegen Coli -Bakterien Coli-Bakterien können durch mangelnde Hygiene im Trinkwasser landen. Wer sich schützen will, sollte also Armaturen und Perlatoren oft und gründlich reinigen. Ein anderer Grund können undichte Stellen in den unterirdischen Zuleitungen sein, durch die Verschmutzungen in die Rohre gelangen. Um das herauszufinden, müssten die Leitungen von Experten der örtlichen Wasserversorger untersucht werden. Kampf gegen Legionellen Legionellen können sich besonders gut bei Temperaturen zwischen 20 und 60 Grad ausbreiten, bzw. in Leitungen, die nicht oft genutzt werden, sogenannten Totleitungen. Deshalb sollten Sie in Ihrem Gebäude überprüfen, ob es Anschlüsse gibt, die nicht mehr gebraucht werden, und ob Sie diese vom Netz abkoppeln können, damit Keime nicht von dort in die übrigen Rohre wandern können. Außerdem sollten Sie sicher stellen, dass der Heißwasserkessel auf mindestens 60 Grad eingestellt ist, und regelmäßig alle Hähne mit heißem Wasser aufdrehen. Richtig t r i n k e n Bevor Sie aus dem Hahn trinken: Erst eine Weile das Wasser laufen lassen, vor allem wenn das Wasser mehr als vier Stunden in den Leitungen stand, also der betreffende Hahn nicht aufgedreht wurde das empfiehlt das Umweltbundesamt. Wundbehandlung Auch bei kleineren Unfällen wie Schnitte im Finger oder Verletzungen der Haut: keine offenen Wunden in nicht-sterilem Leitungswasser reinigen. Abtrocknen ist wichtig Es ist nicht nur angenehmer, sondern auch gesünder: Nach dem Händewaschen die Hände immer gut abtrocknen, das entfernt viele Keime. Siegel f ü r Armaturen Beim Kauf von Armaturen und Schläuchen auf Prüfsiegel wie das des Deutschen Gas und Wasserfaches (DVGW) achten, es garantiert unter anderem, dass die verarbeiteten Materialien Keimen wenig Nährboden bieten. Wassertests Sie können Ihr Leitungswasser auf Bakterien, Schwermetalle und andere Inhaltsstoffe testen lassen. Gerade wenn Kinder in Ihrem Haushalt leben, kann das sinnvoll sein. Ihr örtliches Gesundheitsamt kann Ihnen zertifizierte Labore in Ihrer Nähe nennen. Hintergrundinformationen gibt es auch beim Umweltbundesamt. Eine gesunde Delikatesse Und dann: genießen, denn bei richtig gewarteten Leitungen ist Leitungswasser in den meisten Gebieten in Deutschland eine gesunde Delikatesse. Stellungnahme der plusminus-redaktion: Liebe Zuschauer und User,

4 unser Wassertest in Kooperation mit dem TÜV Rheinland hat bereits vor der Ausstrahlung einige "Wellen geschlagen" und für Diskussionen unter Experten gesorgt. Deshalb noch ein paar kurze Erklärungen: plusminus-thema "Trinkwasserqualität(Foto: SR/dpa) 1. Dass Experten bei einem Thema zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen, ist keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Deshalb sollte man sich immer alle Meinungen anhören und seine eigenen Schlüsse daraus ziehen. 2. Das Trinkwasser in Deutschland so wie es von den Wasserwerken geliefert wird hat prinzipiell eine hervorragende Qualität, die oft der von teuren Mineralwässern in nichts nachsteht. Allerdings können die Wasserwerke die Qualität nur bis zum Übergabepunkt am Haus kontrollieren. Für den Rest der Leitung bis zum Hahn ist es Sache der Eigentümer und Betreiber, die Hygiene sicherzustellen. Das haben wir in unserem Film auch erklärt. 3. Es ging uns keinesfalls darum, Unruhe zu verbreiten. Sondern darum, für ein Problem zu sensibilisieren und konkrete Tipps zu geben, wie man jede auch nur potenzielle Gefahr minimieren kann. Deshalb haben wir keine einzelnen Entnahmestellen benannt auch aus dem Grund, dass solche Zufalls-Stichproben an einem einzelnen Wasserhahn an unterschiedlichen Tagen sehr unterschiedliche Ergebnisse haben könnten, je nachdem, ob er z.b. gerade gereinigt wurde oder gerade von jemandem mit nicht gewaschenen Händen angefasst wurde. 4. Alle betroffenen Behörden und Betreiber wurden vor unserer Sendung über das Test-Ergebnis informiert, um möglichst rasch Gegenmaßnahmen einleiten zu können. 5. Das grundsätzliche Resultat unseres Tests Beanstandungen bei 25 von 50 Stellen hat aber durchaus eine klare Aussagekraft. 6. Beim offiziellen Prüfverfahren werden die Wasserhähne zunächst abgeflammt. Das haben wir in Übereinstimmung mit dem TÜV Rheinland bewusst nicht getan, denn wir gehen davon aus, dass der normale Besucher einer öffentlichen Toilette das ebenfalls nicht tut. 7. Es gab eine Diskussion darüber, ob Legionellen schon bei Wassertemperaturen von über 50 oder erst bei über 60 Grad abgetötet werden. Wir haben 60 Grad empfohlen, um auf der sicheren Seite zu sein. 8. Auch wenn die Experten um die Interpretation der Ergebnisse streiten: Sicher ist sicher. Das sieht wohl auch die Bundesregierung so. Dr. Roland Jopp vom Kommunikationsstabsreferat des Bundesministeriums für Gesundheit hat uns mitgeteilt, dass zum 1. November 2011 eine einschlägige Änderung der Trinkwasserverordnung in Kraft treten wird. Das spricht für sich und wird von uns begrüßt. Wolfgang Wirtz-Nentwig Programmgruppenleiter Wirtschaft, Soziales und Umwelt FS Saarländischer Rundfunk

5 66100 Saarbrücken Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt. Sendung vom Di, :50 Uhr

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