Wissenswert. Erich Kästner Klassischer Autor und politischer Mensch. Von Joachim Meissner. Sendung: , Uhr, hr2-kultur

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1 Hessischer Rundfunk hr2-kultur Redaktion: Dr. Arne Kapitza Wissenswert Erich Kästner Klassischer Autor und politischer Mensch Von Joachim Meissner Sendung: , Uhr, hr2-kultur COPYRIGHT Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Der Empfänger darf es nur zu privaten Zwecken benutzen. Jede andere Verwendung (z.b. Mitteilung, Vortrag oder Aufführung in der Öffentlichkeit, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verteilung oder Zuverfügungstellung in elektronischen Medien, Übersetzung) ist nur mit zustimmung des Autors/der Autoren zulässig. Die Verwendung zu Rundfunkzwecken bedarf der Genehmigung des Hessischen Rundfunks 1

2 O-Ton Kästner (Rede 1958 in Hamburg gegen die Bücherverbrennung) Meine Damen und Herren... Hass (Regie: ab ca darunter abblenden) Hamburg am 10. Mai Erich Kästner erinnert in einer Tagungsrede an die Bücherverbrennungen 25 Jahre zuvor. Er wußte, wovon er sprach. Ohnmächtig hatte er im Mai 1933 zusehen müssen, wie seine Bücher in Berlin von den Nazis verbrannt wurden. Sein Name folgte unmittelbar denen von Marx und Kautsky. Auf einer schwarzen Liste im Berliner Börsen-Courier lautete die Parole kurz und bündig: Zitator: Alles, außer Emil Emil, das war die Hauptfigur aus einem seiner berühmtesten Romane: Emil und die Detektive. Und mit ihm bringt man den Namen Erich Kästner bis heute in Verbindung. Und mit Kinder- und Jugendbüchern wie Das doppelte Lottchen, Das fliegende Klassenzimmer oder Pünktchen und Anton allesamt durch ihren Erfolg auch auf der Kinoleinwand einem Millionenpublikum bekannt. Wer aber weiß schon, daß Kästner ein kritischer Feuilletonist, ein sozialliberaler Gesellschaftskritiker und ein republikanisch gesinnter Aufklärer war? Und das nicht erst in der Bundesrepublik. Schon zu Weimarer Zeiten wandte er sich vehement gegen Militarismus und Diktatur. Er forderte eine Erziehung der Jugend zur Demokratie, plädierte für humanistische Bildung und lehnte das reine Pauken von Fakten ab, besonders wenn es um zweifelhaftes nationales Heldengedenken zum Jahrestag militärischer Schlachten ging. Zitator 2

3 Was wird unsere Jugend, wenn sie einst Deutschlands Zukunft sichern muß, nötiger haben? Großes Wissen oder freies Urteil? Enormes Gedächtnis oder äußerste Entschlossenheit? Hinter diesen Äußerungen stand eine Haltung, die auch sein Freund und Schriftstellerkollege Herman Kesting teilte, der schrieb: Zitator: Wir waren beide radikal und keine Marxisten Wir schlossen uns keiner politischen Partei an und ergriffen Partei, politisch und literarisch, wo es um Gerechtigkeit ging, um die Freiheit und gegen alle soziale Unterdrückung, gegen Militarismus, Chauvinismus und Unmenschlichkeit. Kästner sah sich selbst - wie er einmal sagte - als Urenkel der deutschen Aufklärung, als Nachfahren Lessings, den er als unseren kritischsten Geist bezeichnete. Wie dieser trat Kästner für Gedanken- und Religionsfreiheit ein, stand aber jeder ideologischen Lehre äußerst kritisch gegenüber. Lessing selbst hatte gesagt: Der Mensch ist nicht zum Vernünfteln da, sondern zum Handeln. Und so lehnte Kästner religiöse und ideologische Dogmen ab. Ihm ging es um die Verwirklichung ethischer Lehren im Leben, um die Praxis. Auf gut Kästnerisch heißt das dann: Zitator: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Seine mangelnde politische Festlegung, sein Ausharren im Deutschland der Nazizeit und seine phasenweise berufliche Tätigkeit während dieser Zeit ließen ihn so 3

4 manchem als Opportunisten erscheinen: den Linken war er zu liberal und den Rechten zu links. Kästner, so lautet ein verbreitetes Urteil, wisse zwar immer, wogegen er sei, aber nicht wofür er stehe. Kästnerexperte Klaus Doderer aber liest aus dessen essayistischem und literarischem Werk ein Plädoyer für Aufklärung, republikanischen Gemeinsinn und bürgerliche Freiheit heraus: O-Ton Doderer: Also erstens mal setzt er voraus einen aufgeklärten Bürger. Der frei ist und sich kritisch in die Sozialität, d.h. also in das Gemeinwesen einschalten kann. ( ) Insofern ist er gegen jegliche Diktatur und für ein demokratisches Gemeinwesen, aber das insofern republikanisch ist, als es voraussetzt, dass der Einzelne ein ganz freier Bürger ist. Freiheit in der Republik bedeutete für Kästner aber keinesfalls rücksichtslosen Individualismus, dessen Tugenden sich in einem egoistischen Bereicherungswillen auf Kosten anderer erschöpfen. Sein Idealbürger lebt im Spannungsfeld zwischen individueller Freiheit und den Belangen der Gesellschaft. Er handelt eben nur dann wirklich vernünftig, wenn er in sein individuelles Handeln immer auch die Folgen für die Gemeinschaft einbezieht und berücksichtigt. O-Ton Doderer: Er würde sozusagen nur ein halber Bürger sein, wenn er zum Egoisten sich entwickelte, nicht wahr. Er ist ein voller Bürger, wenn er in der Kommunität sich beweist und dort seinen seine Stelle einnimmt, auch für den anderen gewissermaßen sorgt. Oder in seiner Kritikfähigkeit dazu verhilft, dass ein anderer dem es schlecht geht, dass der nicht aus der Kommunität herausfällt. Also insofern ist der soziale Bezug da ( ) 4

5 Der Glaube an Aufklärung und Verstandeskräfte eines jeden Einzelnen, das mutige Eintreten für die Rechte aller und das Üben von Solidarität als unverzichtbare Wertebestandteile eines republikanischen und menschlichen Gemeinwesens zeigen sich nicht nur in Kästners Schriften für Erwachsene entstand die Konferenz der Tiere ein Kinder- und Familienbuch. O-Ton: Konferenz der Tiere Also, hört zu... abhalten Da die Menschen nichts als Kriege, Streiks und Revolutionen hinbekommen, müssen es die Tiere richten. Sie treffen sich zu ihrer Konferenz am selben Tag, an dem Staatschefs und Regierungen im fernen Südafrika zusammenkommen. Ihr Ziel ist es, einen Weltstaat zu errichten, Grenzen und Militärs, Waffen und Kriege abzuschaffen. O-Ton: Konferenz der Tiere Heute fordern... müssen fallen Die Forderung nach einem Weltstaat hatte schon Lessing erhoben. Aktuell wurde der Ruf wieder am 22. November 1948 als der US-amerikanische Friedensaktivist Garry Davis zusammen mit Gesinnungsfreunden die Vollversammlung der Vereinten Nationen unterbrach. Im UNO-Gebäude zerrissen sie ihre Pässe, um zu zeigen, daß sie Weltbürger seien. Namhafte Intellektuelle bildeten daraufhin ein Unterstützungskomitee, darunter Albert Camus und André Breton. Zu einer großen Versammlung in Paris erschienen Teilnehmer. Dieser Vorfall zeigte Kästner, dass er mit seinen politischen Ansichten, auch wenn sie als naiv belächelt wurden, zumindest nicht alleine dastand. Und er mag ihn bei der Ausarbeitung der Konferenz der Tiere inspiriert haben. 5

6 O-Ton: Konferenz der Tiere Wir verlesen... höchste und schwerste Aufgabe Es geht um die Kinder!, heißt das immer wieder vorgetragene Motto. Kästner versteht sich damit nicht nur als Vertreter eines allgemeinen Humanismus, sondern auch als politischer Pädagoge, der in den Kindern eine Quelle sieht, die er mit dem Republikanismus teilt. Kinder sind für ihn politiktheoretisch gesprochen die soziomoralische Ressource einer republikanischen Gesellschaft: Die Kinder können dieses Ideal einnehmen, weil sie in ihrer Welt gute Bürger sind, weil sie gleichsam naturgegeben über ein hinreichendes Set von Werten verfügen, das für den Bestand einer Republik unerläßlich ist. Schon in seinem ersten Kinderroman spiegeln sich diese Ideen. O-Ton Doderer: Bleiben wir bei diesem Weltepos, dem Emil und die Detektive, übersetzt in alle Sprachen. Da ist es doch das, dass der Junge, der in der Bahn sitzt, zwar mal einschläft, aber dann merkt und merkt, dass er bestohlen ist und dann aber jetzt auf die Fährte sich setzt aufgrund seiner Verstandeskräfte. Wer war das. Und jetzt kommt das zweite, die Solidarität d.h. also ich habe dann auch noch Menschen um mich herum, wie gesagt hier Kinder, die mir helfen. ( ) Und ( ) die ganze Kindergruppe überlegt sich ganz genau, was sie tun kann, um diesem Jungen zu helfen. ( ) Nicht dass die aus Sympathie oder Empathie handeln, ( ) die Solidarität ist eine Vernunftsolidarität und nicht eine ( ) sympathische oder eine psychische Solidarität, weil Du mir gefällst oder so etwas, das spielt keine Rolle, sondern nein weil es vernünftig ist, Dir zu helfen. Deshalb helfe ich Dir. Um das Gute zu erreichen. 6

7 Der Optimismus Kästners gründet auf dem Mythos vom einsichtigen, hilfsbereiten, vernünftigen, sozial handelnden Kind, der eine realistische Sicht auf die Vielfalt des Lebens geradezu verhindert. Das hat schon Fred Rodrian 1960 in einem Aufsatz in der Neuen deutschen Literatur klar kritisiert. Zitator: Kästner zweiteilt die Welt in eine schlechte, hoffnungslos-reale Welt der Erwachsenen ( ) und in eine integre, einzig gute Welt der Kinder, in der das Böse nur als Demonstrationsobjekt für das Gute existiert. ( ) Und diese Welt der Zweiteilung ist der große Irrtum von Erich Kästner. Der grundgescheite Zeitkritiker hat übersehen oder übersehen wollen, daß die Kinder nicht nur von ihrer individuellen, sondern auch von ihrer gesellschaftlichen Umwelt abhängen. Das gilt sowohl für die sozialen und wirtschaftlichen Faktoren, die auf das Leben der Menschen Einfluß nehmen. Das gilt aber auch für die seelischen und psychischen Faktoren, worauf der Direktor des Frankfurter Kinder- und Jugendbuchinstituts Hans-Heino Ewers hinweist. O-Ton Ewers Was was mir nur, das Problem bei Kästner ist, dass es ihm nach meiner Auffassung nicht gelingt, diese intellektuelle moralische an die Aufklärung gebundene Ebene sozusagen zu vermitteln mit den sozialen, sozialpsychologischen Problemlagen der Gesellschaft. ( ) Ich finde ihn als Moralisten dann streckenweise ( ) naiv, indem er ( ) sagen würde reiß Dich zusammen, denk mal vernünftig, und komm mir jetzt wieder nicht mit Deiner Mutterbindung, das kannst Du jetzt mal an die Seite stellen, und jetzt denkst du mal vernünftig. 7

8 Ewers Vorwurf an Kästner: er stelle zu wenig in Rechnungen, dass Handlungen von Menschen auch stark von Gefühlen, Prägungen sozialer oder auch psychischer Art geleitet werden. Und dies obwohl ständig in den Kinderromanen Kästners schwierige psychische Verhältnisse einfließen, wie das stereotype Bild der armen, alleinerziehenden Mutter, die sich stets auf ihren treuen, verantwortungsbewußten und vernünftigen Sohn verlassen kann. Der allerdings scheint in unseren heutigen Augen beinahe unter der Bürde, Partnerersatz zu sein, zusammenzubrechen. O-Ton Ewers ( ) denken Sie nur an diese dramatische Szene, wo Anton den Geburtstag seiner Mutter vergißt. ( ) für jeden Psychoanalytiker ist das eine urdramatische Situation. Und die beschädigt ( ) die Entwicklung des Kindes zu einem unbeschwerten, freien, selbstbewußten Menschen. Politisch wird die von Ewers beschriebene sozial-psychologische Komponente dann, wenn man akzeptiert, daß für die Bewahrung und die Weiterentwicklung der Republik freie, selbstbewußte und kritische Bürger gebraucht werden und nicht servile Untertanen. Eine werkgetreue Rezeption der Kästnerschen Stoffe, wie von so manchen Sachwaltern Kästners gefordert, scheint da allerdings eher hinderlich zu sein. O-Ton Ewers: Es kommt auch darauf an, dass wir in Kästner-Texten etwas Neues, etwas Anderes entdecken ( ) als die 60er Jahre und als die frühen 70er oder die 80er. Das ist wichtig. ( ) Ich meine, die Verfilmungen sind eine Verlagerung einer ähnlich gearteten Figuren- und Handlungskonstellation in ein entschieden modernes Milieu, gegenwärtiges Milieu. Und alle Verschiebungen, die sich daraus ergeben, sind nicht nur in Kauf genommen, sondern ganz bewußt gemacht. 8

9 O-Ton-Ausschnitt aus Emil und die Detektive (2001), Regie: Franziska Buch Ich bin ein superguter Detektiv... Verstärkung [10 sec.; dann blenden] Neuverfilmungen wie der 2001 entstandene Film Emil und die Detektive von Franziska Buch versuchen das, indem gleich mehrere gesellschaftskritische Stränge nebeneinander präsentiert werden: Emil ist nun der Sohn eines alleinerziehenden Vaters, der Dieb Grundeis ist tätowiert und trägt Springerstiefel, Pony Hütchen ist nun lautstarke und selbstbewußte Anführerin einer multikulturellen Kindergruppe. O-Ton-Ausschnitt aus Emil und die Detektive (2001), Regie: Franziska Buch (Atmo / Musik) Das ist Kebab... supercooler Typ [5 sec., dann blenden) Der Film thematisiert aktuelle Probleme moderner Gesellschaften: den multikulturellen Hintergrund, hohe Scheidungsraten, das Leben in Patchworkfamilien, schulischen Druck, Armut und emotionale Verwahrlosung. Dabei offenbart sich, wie hoch die Integrationszumutungen und Anpassungsforderungen an die Kinder sind, die ihnen abverlangt werden. Der Pädagoge Erich Kästner wird uns hierauf heute kaum mehr überzeugende Antworten geben können. Als Gesellschaftskritiker hingegen bleibt er aktuell. Selbst wenn man mit vielen seiner politischen Antworten nicht konform geht, so trifft er mit seiner sich durch sein gesamtes politisches Denken ziehenden Frage den Nerv unserer Zeit: Woher nimmt die Republik ihre kritischen, freien und engagierten Bürger? Daß von der Beantwortung dieser Frage viel abhängt, das machte Kästner schon 1958 in seiner Rede gegen die Bücherverbrennung deutlich. O-Ton Kästner Ende der Rede 1958 in Hamburg gegen die Bücherverbrennung 9

10 Regie: darunter abblenden Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. ( ) Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muß den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat. ( ) Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben. Es ist eine Angelegenheit des Terminkalenders, nicht des Heroismus. 10

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