Die ökonomische Bedeutung der Fußballweltmeisterschaft 2006: Sportliche Werbung für Deutschland, jedoch ohne nachhaltige Belebung der Konjunktur

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1 Rudolf Hickel Die ökonomische Bedeutung der Fußballweltmeisterschaft 2006: Sportliche Werbung für Deutschland, jedoch ohne nachhaltige Belebung der Konjunktur Weltweit sind die Erwartungen an das Megaevent Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland riesig. Dabei konzentriert sich die Spannung im Austragungsland der WM auf das Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft. In 12 Städten sind vom 9. Juni bis zum 9. Juli 64 Spiele angesetzt. In den Städten mit den größten Stadien (Berlin, Dortmund, München, Stuttgart) werden jeweils sechs Spiele durchgeführt. Wären alle Stadien voll belegt, dann gäbe es allein schon 3,3 Millionen Besucher unter der Annahme eines einmaligen Spielbesuchs. Erwartet werden nach Angaben der FIFA über eine Millionen Touristen. Über die unmittelbaren Stadien hinaus werden Arenen eingerichtet und öffentliche Plätze zur Übertragung der Spiele genutzt. Auch auf die Gastronomie werden sich Zuschauer konzentrieren. Hinzukommt eine Vielzahl von kulturellen Ereignissen. Damit ist jetzt schon klar, diese WM ist ein sportliches, aber auch kulturelles Megaevent. Die Chancen einer weltweiten Werbung für Deutschland sind groß. Trotz des Frusts über die Kartenvergabe sowie das restriktiv wirkende Sponsoring der FIFA etwa bei der Vergabe des Schankrechts für Bier - die mit diesem Megaevent verbundenen Chancen sollten unbedingt genutzt werden. Was bringt die WM ökonomisch? Im Mittelpunkt der Bewertung der Fußballweltmeisterschaft steht zu Recht auch die Frage nach den ökonomischen Auswirkungen. Welche Bedeutung hat sie für den ökonomischen Wohlstand, das Wirtschaftswachstum, bestimmte Branchen wie den Tourismus und den Dienstleistungssektor? Zur Beantwortung werden komplizierte Modelle eingesetzt, die selbst Experten kaum nachvollziehen können. Erfahrungen liegen mit früheren Weltmeisterschaften und vor allem der letzten Olympiade in Griechenland vor. Bei den Kosten zählen vor allem die durch die Weltmeisterschaft bedingten Kosten für die Investitionen in die Stadien und die Verkehrsinfrastruktur. Auch der entgangene Nutzen durch den Verzicht auf die Verwendung der Investitionen etwa für Schulen wird abzuschätzen versucht. Hinzu kommen nicht messbare Kosten, wie etwa die Belastung der Verkehrssysteme sowie die mögliche Randale um die Stadien und in den Innenstädten. Dagegen steht der aus der WM 2006 zu gewinnende Nutzen. Die bereits verausgabte Milliarde an Investitionen ist schon von der Bauwirtschaft und Stahlindustrie genutzt worden. Über den Ausgabenimpuls vervielfachen sich die Wachstumsgewinne durch die ausgelösten Konsumausgaben (Multiplikator) und induzierte Investitionen (Akzelerator). Allerdings müssen auch indirekte Nutzenverluste gegen gerechnet werden. Die mit über einer Million geschätzten WM-Touristen verdrängen in dieser Zeit Geschäftsreisende, aber auch

2 Touristen, die normalerweise in Deutschland reisen. Die aus Differenz zwischen Nutzen und Kosten ermittelten Wohlfahrtsgewinne verteilen sich wiederum auf die Phasen: vor, während und nach der WM. Bereits mit dem Bewerbungsbulletin für die WM bei der FIFA ist eine Kosten-Nutzen- Analyse, die sog. Rahmann-Studie, beigefügt worden. Abzüglich der Kosten wurde in dieser makroökonomischen Studie der volkswirtschaftliche Nutzen auf insgesamt 2,5 Mrd. geschätzt. Jedoch erst ab 2008 liegt der ökonomischen Nutzen über den Kosten. In einer Studie der Postbank AG wird der gesamtwirtschaftliche Nettogewinn mit 9-10 Mrd. sehr hoch ausgewiesen (allein 3 Mrd. Konsumzuwachs bei den einheimischen Besuchern). Malte Heyne ermittelt in seiner Dissertation am Lehrstuhl Finanzwissenschaft im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Universität Bremen unter Berücksichtigung der Multiplikatoreffekte für den Nettonutzen den plausiblen Wert von 6 Mrd.. Dabei korrigiert er die übertriebene Erwartung auf einen Anstieg des privaten Konsums nach unten. In der Diskussion um den Nutzen der Fußball WM hat ein jüngst veröffentlichte Zahl für Überraschung gesorgt. Auf der Grundlage seiner Dissertation im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Universität Bremen hat Malte Heynes zusammen mit Bernd Süssmuth (TU München): Im Durchschnitt ist den befragten Deutschen die Weltmeisterschaft 3,15 Wert. Hochgerechnet ergeben sich 260 Mio.. Der Betrag ist allerdings allein gegenüber den öffentlichen Investitionen in die Stadien und das Verkehrssystem mit über 1 Mrd. auffällig niedrig. Dieses Ergebnis ergibt sich aus einer Analyse der individuellen Zahlungsbereitschaft. Erfragt wird der nicht monetär messbare Nutzen beispielsweise dieser FußballWM. Dazu gehören der Imagegewinn im Ausland, der gesellschaftliche Zusammenhalt, Freizeit- und Lebensfreude (sog. Feelgood-Faktoren). Zur Ermittlung der Zahlungsbereitschaft, mit der öffentliche Subventionen begründet werden, wird folgendes Schreckensszenario unterstellt: Die WM muss, wenn nicht massiv Gelder für die erhöhte Sicherheit bereitgestellt werden, in die Schweiz verlegt werden. Was sind die Befragten bereit, zur Vermeidung der Verlegung für die höhere Sicherheit zu bezahlen. Das per Stichprobe ermittelte Ergebnis liegt mit 3,15 recht niedrig. Zusätzliche Belastungen im Verkehr an den Austragungsorten, Lärm, mediales Überangebot und vieles mehr schmälern die Zahlungsbereitschaft. Joachim Weimann und Steffen Rätzel haben 2004 ebenfalls versucht, die Zahlungsbereicht zu ermitteln. Sie haben danach gefragt, wie viel die Befragten für die Übertragung von WM-Spielen im Fernsehen zahlen würden, wenn die Spiele nicht kostenlos zu empfangen wären. Dabei wurde zwischen Spielen mit und ohne deutsche Beteiligung unterschieden. Für die Übertragung der Spiele ohne Beteiligung der deutschen Mannschaft wären die befragten Zuschauer bereit, 789 Mio. aufzuwenden. Insgesamt beträgt also

3 die Zahlungsbereitschaft 750 Mio. Gegenüber den Kosten für die Investitionen fällt die Summe jedoch gering aus. WM kein Konjunkturprogramm, aber Gewinner ist die Dienstleistungsproduktion Megaevent Die ersten Studien, die für die Bewerbung um die Austragung der FIFA vorgelegt worden sind und vor allem der Werbung zur Finanzierung der Investitionen in der Öffentlichkeit dienten, weisen vergleichsweise hohe ökonomische Wohlstandsgewinne nach Abzug der Kosten aus. Nach heutigen Kenntnissen ist mit nachhaltigen, ökonomisch positiven Effekten kaum zu rechnen. Die WM wird weder eine Sonderkonjunktur, noch nachhaltig das Wirtschaftswachstum stärken noch zum Rückgang der Arbeitslosigkeit beitragen. In diesem Jahr wird mit einem Wirtschaftswachstum von 1,8% gerechnet, während im kommenden Jahr bereits der Rückgang auf 1,2% prognostiziert wird. Hier ist der Einfluss der ab dem vorgesehenen Erhöhung des Normalsteuersatzes bei der Mehrwertsteuer erheblich größer. Zu den wichtigen Determinanten lässt sich feststellen: 1. Die für das Wirtschaftswachstum entscheidende Triebkraft sind die Güterexporte. In diesem Jahr wird mit einem Zuwachs um 8,2% gerechnet. Dieser seit Jahren typische Exportanstieg wird nicht durch die WM beeinflusst. Die Exportexpansion ist Folge der preislichen Wettbewerbsvorteile vor alle durch vergleichsweise niedrige Lohnstückkosten. 2. Die WM-bedingten Investitionen in Stadien und Verkehrsinfrastruktur, die allein auf über 1 Mrd. geschätzt werden, sind längstens abgeschlossen worden. Deren Einfluss auf die gesamtwirtschaftlichen Investitionen war in der Phase der Realisierung jedoch recht schwach. 3. Mit einem durch die WM ausgelösten, nachhaltigen Anstieg des privaten Konsums ist ebenfalls nicht zu rechnen. Der insgesamt noch niedrige Zuwachs um 1,5% in diesem Jahr wird von den leicht erhöhten Arbeitseinkommen sowie dem Rückgang der Bildung von Ersparnissen getragen. Während des Verlaufs der WM ist mit einem allerdings zeitlich befristeten Impuls zu rechnen. 4. Allerdings werden spezifische Branchen, vor allem im Bereich elektronischer Produkte (Flachbildschirme) sowie Sport- und Geschenkartikel von der WM (vorübergehend) profitieren. 5. Die Auswirkungen auf die Tourismusbranche sind nicht eindeutig. Die FIFA erwartet einen Strom ausländischer Touristen im Umfang von 1 Mill. Gegenzurechnen sind die Touristen und Geschäftsleute, die während der WM Reisen und Hotelübernachtungen wegen der Überfüllung meiden. 6. Die für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung wichtigen Investitionen in die Ausrüstung werden mit über 5% in diesem und im kommenden Jahr zunehmen. Einflüsse durch

4 die WM sind kaum zu erkennen. Vielmehr bestimmen die verbesserten Gewinnerwartungen sowie der Nachholbedarf aufgeschobener Investitionen diese Expansion. 7. Ebenfalls ist ein nachhaltiger Abbau der Arbeitslosigkeit nicht zu erwarten. Die Schätzung von zusätzlich Dauerarbeitsplätzen in der Studie der Post AG ist schlichtweg viel zu optimistisch. Während der Dauer der WM werden lediglich zeitlich befristet etliche an Teilzeitarbeitsplätzen im Niedriglohnbereich eingerichtet werden. 8. Im Unterschied zur letzten FussballWM in Korea/Japan ist mit einer massiven Störung der Produktion durch Arbeitsausfall wegen der versetzten Zeiten dieses Mal nicht zu rechnen. Die hohe Arbeitszeitflexibilisierung wird dafür sorgen, dass, Arbeitsunterbrechungen am Ende die Produktivität der Arbeit durch die WM nicht belasten. 9. Nach dem spekulativen Motto, Ökonomie sei zu 50% Psychologie wird die Erwartung eines für die Gesamtwirtschaft positiven Stimmungswechsels durch die WM in Deutschland beschworen. Studien zu früheren sportlichen Megaevents sowie Befragungen zur WM 2006 belegen einen Stimmungseinfluss in der Wirtschaft nicht. Allerdings könnte das Abschneiden der eigenen Mannschaft die Erwartungsbildung prägen. Alex Edmans u.a. haben unter dem Titel sportliche Gefühle und Aktiengewinn für die Zeit von 1989 bis 2004 herausgefunden: In durch den Fußball begeisterten Ländern verbessern Siege ihrer Mannschaft die Entwicklung der Aktienkurse zwar nicht. Niederlagen führen dagegen zu allerdings geringfügigen Kursverlusten. Der Schluss, die sich über Monate durchsetzenden Kursgewinne an den deutschen Börsen seien Ausdruck der Erwartung, die deutsche Mannschaft würde bei den Spielen weit vorankommen, ja die WM gewinnen, ist (leider) durch nichts belegt. - Ein Gewinner der WM 2006 steht allerdings jetzt schon fest: Das ist die wachsende Bedeutung der Eventproduktion innerhalb des Dienstleistungssektors. Sportliche Megaevents, wie die Olympiaden und Weltmeisterschaften, schaffen in den Organisationsbüros Arbeitsplätze. Viele Städte rücken bereits die Eventisierung des Sports beispielsweise durch Marathon oder Radrennen in den Mittelpunkt. Dazu gehören jedoch auch die neuen Dienstleistungspakete, die etwa zum Einstein- oder Mozartjahr geschnürt werden. Die Produktion dieser Dienstleistungen mit komplexen logistischen Anforderungen schafft neue Arbeitslätze in dieser postindustriellen Phase. Zweifellos ist die FussballWM ein sportliches und kulturelles Megaevent. Allein schon deshalb verdient dieses Projekt Erfolg. Die WM wird jedoch im Widerspruch zu voreiligen ökonomischen Siegesmeldungen einen Konjunkturaufschwung sowie den Abbau der Arbeitslosigkeit nicht bewirken. Diese realistische ökonomische Bewertung kann jedoch die Bedeutung der WM für bei der weltweiten Werbung für Deutschland nicht schmälern. Wenn dann noch die Organisation gelingt und gewaltfreie Spiele mit hoher Attraktivität gesichert werden, dann gehen davon durchaus positive Langzeiteffekte

5 aus, die sich allerdings quantitativ nicht belegen lassen. Mit einer erfolgreichen, gewaltfreien WM lässt sich der Tourismus auf längere Zeit stärken aber auch das Made in Germany zugunsten der Exporte aufpolieren.

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