Lauren Oliver. Liesl & Mo und der mächtigste Zauber der Welt

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1 Lauren Oliver

2 erzählendes Programm Kinderbuch i Erfolgsautorin Lauren Oliver hat mit Liesl & Mo ein bezauberndes, fantasievolles Kinderbuch vorgelegt, das das Zeug zum modernen Klassiker hat. Liesl lebt in einer Dachkammer, weggesperrt von ihrer bösen Stiefmutter. Ihre einzigen Freunde sind die Schatten bis eines Nachts ein Geist namens Mo aus der Dunkelheit tritt. In derselben Nacht unterläuft Will, dem jungen Gehilfen des Alchemisten, ein folgenreicher Fehler: Er vertauscht zwei Schatullen, eine mit dem mächtigsten Zauber der Welt, die andere mit der Asche von Liesls verstorbenem Vater. Es wird der Auftakt einer ungewöhnlichen Reise, die Liesl, Mo und Will zusammenführt, ihnen neue Hoffnung schenkt und der Welt Zauber und Licht.»Dieses Buch bringt die Seele zum Klingen.«Kirkus Reviews (starred review)

3 Lauren Oliver 1 Drei Tage nachdem ihr Vater gestorben war, sah Liesl nachts den Geist. Sie lag in der gleichförmig grauen Dunkelheit ihres kleinen Dachzimmers im Bett, als die Schatten in einer Ecke sich zu wellen oder zu kräuseln schienen, und plötzlich stand neben ihrem wackeligen Schreibtisch und dem dreibeinigen Stuhl eine Gestalt, die ungefähr so groß war wie sie. Als wäre die Dunkelheit ein ausgerollter Plätzchenteig und jemand hätte gerade eine Kinderform ausgestochen. Liesl setzte sich erschrocken auf.»wer bist du?«, flüsterte sie in die Dunkelheit, obwohl sie wusste, dass es ein Geist war. Normale Menschen tauchen nicht aus der Dunkelheit auf oder sehen aus, als bestünden sie aus flüssigem Schatten. Außerdem hatte sie von Geistern gelesen. Sie las eine Menge in ihrem kleinen Dachzimmer. Dort gab es sonst nicht viel zu tun.»mo«, sagte der Geist.»Ich heiße Mo.Woher kommst du?«, fragte Liesl.»Von der Anderen Seite«, sagte der Geist, als wäre das offensichtlich, als würde er sagen»von unten«oder»aus

4 erzählendes Programm Kinderbuch dem Eichenweg«oder von irgendeinem anderen Ort, den sie kannte.»bist du ein Junge oder ein Mädchen?«Liesl trug schon seit Dienstag, als ihr Vater gestorben war, dasselbe dünne Nachthemd und dachte, wenn der Geist ein Junge wäre, sollte sie sich vielleicht bedecken.»weder noch«, entgegnete der Geist. Liesl war überrascht.»du musst doch eins von beidem sein.ich muss gar nichts«, erwiderte der Geist und klang verärgert.»ich bin, was ich bin, und damit basta. Auf der Anderen Seite ist alles anders. Alles ist unschärfer.aber was warst du früher?«, hakte Liesl nach.»du weißt schon vorher?«mo sah Liesl eine Weile an. Zumindest hatte sie den Eindruck, als sähe der Geist sie an. Er hatte eigentlich keine richtigen Augen. Nur zwei etwas dunklere Falten an der Stelle, wo seine Augen hätten sein können.»ich weiß es nicht mehr«, erklärte er schließlich.»oh«, sagte Liesl. Neben Mo schien sich ein kleinerer dunkler Fleck zu wellen und zu kräuseln und dann ertönte ein Geräusch aus der Ecke, eine Mischung aus dem Miauen einer Katze und dem Kläffen eines kleinen Hundes.»Und wer ist das?«, fragte Liesl. Mo warf einen Blick auf die Stelle, wo früher mal seine Füße gewesen waren.»das ist Büschel.«Liesl beugte sich vor. Sie hatte nie ein Haustier gehabt, nicht einmal als ihr Vater noch am Leben und gesund gewesen war, was eine Ewigkeit zurücklag, bevor er Augusta, Liesls Stiefmutter, kennengelernt hatte.»gehört er dir?«

5 Lauren Oliver»Auf der Anderen Seite gehört niemandem etwas«, sagte Mo. Liesl fand, dass der Geist ganz schön überheblich klang. Dann fügte Mo hinzu:»aber Büschel folgt mir überallhin.ist er ein Hund oder eine Katze?«Aus der Kehle des kleinen Geister-Haustiers drang jetzt ein schnurrendes Geräusch. Es schlich leise durchs Zimmer und blickte zu Liesl hoch. Sie konnte gerade so einen zotteligen Kopf aus ausgefranstem Schatten erkennen, zwei dunkle Spitzen, die möglicherweise Ohren waren, und zwei Streifen blassen, silbrigen Mondlichts, die wie Augen aussahen.»wie gesagt«, antwortete Mo,»weder noch. Er ist einfach Büschel. Auf der Anderen Seite ist alles unschärfer, ich weiß«, unterbrach Liesl ihn. Sie schwieg einen Moment, dann fiel ihr etwas ein.»bist du zum Spuken hier?natürlich nicht«, sagte Mo.»Sei nicht albern. Wir haben Besseres zu tun.«mo hasste das Bild, das sich lebende Menschen von Geistern machten. Er hasste ihre Vorstellung, dass Geister nichts Besseres zu tun hatten, als in Kellern und verlassenen Lagerhallen herumzulungern und Leute zu erschrecken. Die Andere Seite war ein geschäftiger Ort genauso geschäftig wie die Seite der Lebenden, wenn nicht sogar geschäftiger. Sie verliefen parallel, die beiden Welten, wie zwei gegenüberliegende Spiegel, aber normalerweise war sich Mo der Seite der Lebenden nur undeutlich bewusst. Es war ein Wirbel aus Farben links von ihm; plötzlich aufbrandende Geräusche rechts von ihm; ein undeutlicher Eindruck von Wärme und Bewegung. Sicher, Mo konnte zwischen den beiden Seiten hin und

6 erzählendes Programm Kinderbuch her wechseln, aber das tat er nur selten. In der ganzen Zeit seit seinem Tod war Mo nur ein- oder zweimal zurückgekehrt. Warum sollte er auch öfter auf die Seite der Lebenden hinüber? Die Andere Seite war voll von herumhuschenden und sich balgenden Gespenstern und Schatten, es gab endlose Flüsse mit dunklem Wasser, in denen man schwimmen konnte, weitläufige Tiefen wolkenlosen Nachthimmels, durch die man fliegen konnte, und schwarze Sterne, die zu anderen Teilen des Universums führten.

7 Lauren Oliver

8 erzählendes Programm Kinderbuch»Was machst du dann in meinem Zimmer?«, wollte Liesl wissen und verschränkte die Arme. Es ärgerte sie, dass der Geist sie»albern«genannt hatte. Wenn Mo unfreundlich war, konnte sie auch unfreundlich sein. Ehrlich gesagt wusste Mo gar nicht genau, warum er in Liesls Zimmer aufgetaucht war. (Büschel war natürlich dort, weil er Mo überallhin folgte.) In den letzten paar Monaten hatte Mo jede Nacht zur selben Zeit ein schwaches Licht am Rand seines Bewusstseins aufscheinen sehen, und neben diesem Licht saß eine Lebende, ein Mädchen, das im Schein dieses Lichts zeichnete. Und dann war das Licht drei Nächte lang nicht aufgetaucht, genauso wenig wie der Schein oder die Zeichnungen, und Mo hatte sich gerade gefragt, woran das wohl lag, als er plopp! aus der Anderen Seite geschleudert wurde wie ein Korken, der aus einer Flasche schießt.»warum hast du aufgehört zu zeichnen?«, fragte Mo. Liesl war kurzzeitig von den Gedanken an ihren Vater abgelenkt gewesen. Aber jetzt fiel er ihr wieder ein, Traurigkeit überkam sie und sie legte sich hin.»mir war nicht danach«, antwortete sie. Mo stand plötzlich neben ihrem Bett, nur ein weiterer Schatten, der durch ihr Zimmer huschte.»warum nicht?«liesl seufzte.»mein Vater ist gestorben.«mo sagte nichts. Liesl fuhr fort:»er war schon lange krank. Er lag im Krankenhaus.«Mo sagte immer noch nichts. Büschel erhob sich auf seine beiden Schattenhinterbeine und schien Liesl mit seinen Mondlichtaugen anzusehen.

9 Lauren Oliver Liesl fügte hinzu:»meine Stiefmutter hat mich nicht zu ihm gelassen. Sie hat mir gesagt Sie hat mir gesagt, er wolle nicht, dass ich ihn so sehe, so krank. Aber es hätte mir nichts ausgemacht. Ich wollte mich doch nur von ihm verabschieden. Aber ich konnte nicht und habe es nicht getan, und jetzt werde ich ihn nie wiedersehen.«

10 erzählendes Programm kinderbuch Lauren Oliver Aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier Umschlag- und Innenillustrationen: Kei Acedera Ca. 320 Seiten Ab 10 Jahren 14 x 22 cm, gebunden mit Leinenrücken ISBN Ca. 14,99 (D) / 15,50 (A) / sfr 21,90 Erscheint im September 2015 book

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