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1 Digitale Ökonomie E 11. Februar 2003 Nr. 36 Digitale Ökonomie und struktureller Wandel Maschinenbau und Autoindustrie virtuelle Marktplätze auf dem Vormarsch? Editor Hans-Joachim Frank Publikationsassistenz Astrid Petter Frankfurt am Main Deutschland Internet: Fax: Managing Director Norbert Walter Für den Maschinenbau sind horizontale und vertikale Marktplätze von zunehmender Bedeutung. So nutzen Maschinenbauer horizontale Marktplätze für den Handel mit indirekten, branchenunabhängigen Gütern, und zwar zur Beschaffung von sog. MRO-Gütern (Maintenance, Repair, Operations) und Büroartikeln. Durch die Einschaltung horizontaler Marktplätze kommt es zu einem Einsparpotenzial bei den Prozesskosten von 10 bis 30%. Vertikaler Marktplätze bedient sich der Maschinenbau für den Handel mit direkten und branchenspezifischen Gütern. Schätzungen zufolge ermöglichen vertikale Marktplätze ein Einsparpotenzial bei den Produktkosten direkter Güter bis zu 10%. Dabei ist zu beachten, dass 10% niedrigere Produktkosten, je nach Unternehmen, zu einer Senkung der Gesamtkosten um bis zu 6% führen. Grundsätzlich sind die Serien- bzw. Massenprodukte des Maschinenbaus (z.b. einfache Kugellager, Pumpen oder Werkzeuge) besser für virtuelle Marktplätze geeignet als komplizierte Spezialmaschinen (u.a. High-Tech-Textil-, Papier- oder Druckmaschinen). Die Automobilindustrie zählt zu den Branchen, in denen sich der elektronische Handel zwischen Unternehmen recht erfolgreich etabliert hat. Maßgeblich dafür ist die im Vergleich zu anderen Branchen oligopolistische Marktstruktur in der Automobilindustrie, welche die Gründung von branchenspezifischen Marktplätzen begünstigt. Ein weiterer Grund für ihre relativ hohe Bedeutung ist die Tatsache, dass die elektronische Vernetzung zwischen Zulieferern (darunter auch aus dem Maschinenbau) und Autofirmen schon vor dem Internet-Hype sehr stark ausgeprägt war. Der Kostendruck wird durch den Einsatz von elektronischen Marktplätzen in der sehr wettbewerbsintensiven Automobilindustrie noch verschärft vor allem bei standardisierten Gütern. Beispielsweise lassen sich durch Online- Auktionen die Einkaufspreise um bis zu 15% reduzieren. Dagegen steht bei komplexeren Produkten, die gegebenenfalls gemeinsam entwickelt werden, die Partnerschaft zwischen den beteiligten Unternehmen stärker im Vordergrund. Ferner spielen bei komplexeren Gütern für die Auswahl des Lieferanten auch andere als preisliche Aspekte eine Rolle. Dazu zählen vor allem Qualitätsniveau, Innovationsfähigkeit, Termintreue sowie der After-Sales-Service der Unternehmen. Josef Auer Eric Heymann

2 Maschinenbau und Autoindustrie virtuelle Marktplätze auf dem Vormarsch? Maschinenbau: heterogenes Produktspektrum Herausforderung für Marktplatzbetreiber Kennzeichnend für moderne Industriegesellschaften ist die Verwendung von Maschinen für die Produktion von so unterschiedlichen Erzeugnissen wie Nahrungsmitteln, Kleidung, Zeitschriften, Pharmazeutika, Flugzeugen, Kraftwerken oder Immobilien. Aus der Schlüsselrolle des Maschinenbaus in der Fertigung resultiert eine im Vergleich zu anderen Industriebranchen wesentlich breitere Kundenstruktur. Das Verarbeitende Gewerbe nimmt fast drei Viertel der Maschinenbaufertigung ab. Handel und Dienstleistungen kommen immerhin auf knapp 12%. Der bedeutendste Kunde des Maschinenbaus ist der Maschinenbau selbst (Anteil 23%). Mit Abstand folgt der Straßenfahrzeugbau (rd. 10%). Auf der Lieferantenseite zeigt sich ein ähnlich heterogenes Bild: 61% der Käufe des Maschinenbaus betreffen das Verarbeitende Gewerbe, wobei Lieferungen aus dem Maschinenbau (Anteil 25%) dominieren gefolgt von der Elektrotechnik (11%). Virtuelle Marktplätze spielen im Maschinenbau eine zunehmend wichtige Rolle. Da das typische Maschinenbauunternehmen sowohl auf der Abnehmer- als auch auf der Lieferantenseite in erster Linie anderen Maschinenbauern gegenübersteht, liegt es nahe, virtuelle Maschinenbau-Marktplätze zu betrachten. Darüber hinaus erscheint es aufgrund der Heterogenität der Kundenstruktur innerhalb der Industrie vielversprechend, die Bedeutung derartiger Marktplätze für den Maschinenbau im Bereich des Zusammentreffens mit anderen Industriezweigen insbesondere den Investitionsgüter-Marktplätzen zu analysieren. Marktplätze senken Produkt- und Prozesskosten Für den Maschinenbau spielen ähnlich wie in fast allen anderen Industriebranchen horizontale und vertikale Marktplätze eine Rolle. So nutzen Maschinenbauer horizontale Marktplätze für den Handel mit indirekten, branchenunabhängigen und C-Gütern, die vor allem die Beschaffung von sog. MRO-Gütern (Maintenance, Repair, Operations) und Büroartikeln umfasst. Eine Untersuchung von KPMG unter deutschen Maschinenbau-Unternehmen ergab, dass vom Zeitbudget der Einkaufsabteilungen rd. 80% auf die Beschaffung relativ unbedeutender Büromaterialien bzw. C-Güter entfallen, die aber nur einen Anteil am Beschaffungsvolumen von 20% haben. Ein typischer traditioneller Beschaffungsvorgang verursacht Prozesskosten von rd. EUR 100. Eine Diebold-Studie für die Investitionsgüterindustrie, die in Zusammenarbeit mit dem VDMA erstellt wurde, kommt dank der Einschaltung horizontaler Marktplätze zu einem Einsparpotenzial bei den Prozesskosten von 10 bis 30%. Vertikaler Marktplätze bedient sich der Maschinenbau für den Handel mit direkten und branchenspezifischen Gütern. Nach Diebold entfallen auf direkte Güter, die unmittelbar in die Fertigung eingehen, zwar nur 20% aller Bestellungen, aber 80% des gesamten Bestellvolumens. Aufgrund der im Unterschied zu indirekten Gütern höheren Werthaltigkeit direkter Güter steht die Senkung der Produktkosten im Vorder- Umsatz im Online-B2B-Handel 2001 Fahrzeugbau Maschinenbau Elektrotechnik Logistik Quelle: Forrester Research, 2002 Maschinenbau*) % gg. Vj *) Umsatzentwicklung im europäischen B2B-Handel Quelle: Forrester Research, 2002 Elektrotechnik*) Mrd. EUR % gg. Vj *) Umsatzentwicklung im europäischen B2B-Handel Quelle: Forrester Research, E

3 grund. Laut Diebold ermöglichen vertikale Marktplätze ein Einsparpotenzial bei den Produktkosten direkter Güter in Höhe von 0,5 bis 10%. Dabei sei zu beachten, dass 10% niedrigere Produktkosten - je nach Unternehmen - eine Senkung der Gesamtkosten um bis zu 6% ermöglichen. Grundsätzlich sind die Serien- bzw. Massenprodukte des Maschinenbaus (z.b. einfache Kugellager, Pumpen oder Werkzeuge) besser für virtuelle Marktplätze geeignet als komplizierte Spezialmaschinen (u.a. High-Tech-Textil-, Papier- oder Druckmaschinen). Wichtige horizontale und vertikale Marktplätze Als horizontaler Marktplatz findet T-Mart Beachtung, der auf die Beschaffung geringwertiger Verbrauchsgüter wie Büro- und Wartungsmaterial sowie MRO-Produkte spezialisiert ist. Der Marktplatz ermöglicht den eher mittelständisch strukturierten Maschinenbauunternehmen neben den sonstigen Vorteilen horizontaler Marktplätze wie Reduktion von Prozesskosten, Laufzeiten und Einkaufs-Ineffizienzen den Einstieg in eine internationale Beschaffung; er verfügt über eine attraktive Verbindung zu vielen virtuellen Marktplätzen in der ganzen Welt. Da der Straßenfahrzeugbau direkt ein Zehntel und indirekt weitaus mehr der Maschinenbauprodukte abnimmt und damit außerhalb des Maschinenbaus größter Industrieabnehmer ist, spielen auch seine Marktplätze eine wichtige Rolle. Dazu zählen (vertikale) Marktplätze wie COVISINT und SupplyOn, der Marktplatz von Zulieferern für Zulieferer, aber auch die Marktplätze einzelner Automobilhersteller wie der von VW. Aus Sicht des Maschinenbaus bedeutsame vertikale Marktplätze sind ec4ec und Componet, denn hier treffen die Maschinenbauer ihre Zulieferer für direkte Materialien. Der Marktplatz ec4ec (E-Commerce for Engineered Components) hat den Schwerpunkt Maschinen- und Anlagenbau. Er gestattet Unternehmen die vollständige Abdeckung der Sourcing- und Collaborative Engineering-Aktivitäten. Das nicht zuletzt im ingenieurintensiven Maschinenbau besonders zukunftsträchtige Collaborative Engineering bedeutet die gemeinsame Entwicklung und Planung von Anbietern und Zulieferern z.b. Optimierung von CAD- Planungen. Ec4ec offeriert eine Kombination aus Ausschreibung und freier Verhandlungsmöglichkeit. So können im Rahmen eines käufergetriebenen Beschaffungsprozesses potenziellen Zulieferern technische Unterlagen, Zeichnungen und Lastenhefte zugeschickt und diese zur Abgabe von Angeboten aufgefordert werden. Die Lieferanten haben dann die Möglichkeit, die Unterlagen in ihr Netzwerk herunterzuladen und zu bearbeiten. Gegebenenfalls resultiert daraus eine enge Entwicklungszusammenarbeit und ein Konzeptwettbewerb. Im Anschluss an den technischen Klärungsprozess erfolgt die Angebotsabgabe des Lieferanten, die nur für den Einkäufer zugänglich ist. Mithin sind Marktplätze mehr als ein virtueller Ort für den Handel von Gütern; sie eröffnen auch Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Der Marktplatz Componet zielt auf die technische Zuliefererindustrie ab. Das Spektrum umfasst u.a. Produkte und Dienstleistungen der Bereiche Maschinenbau, Elektrotechnik, MSR-Technik sowie Automobil- und Fahrzeugbau. Der Effektivität der Verhandlungsphase dienen Tools wie Auktionen, Ausschreibungen und Online-Bestellungen. Im Falle der Auktionen führen elektronische Agenten zu einer Automatisierung des Bietens; permanente virtuelle Anwesenheit ist damit nicht mehr notwendig. Die Abwicklungsphase wird von einem Spezialisten für Logistik- und Speditionsdienstleistungen sowie einer Bank (Finanzdienstleistungen) unterstützt. Horizontaler Marktplatz T-Mart Hauptabnehmer Straßenfahrzeugbau Vertikale Marktplätze ec4ec und Componet E 3

4 Branchenspezifische Maschinenbau-Marktplätze Der Internet-Marktplatz VDMA-e-market bietet über Branchen-Portale einen direkten Weg zu den Unternehmen, Produkten und Dienstleistungen führender Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus des jeweiligen Fachverbands. Gerade im Maschinenbau ist der Faktor Dienstleistungen nicht zu unterschätzen, denn im Pre- und After-Sales- Service liegen entscheidende Differenzierungs- und Gewinnmöglichkeiten. Derzeit stehen sechs Fach-Marktplätze online zur Verfügung, und zwar für Antriebstechnik, Dichtungen, Drucklufttechnik, Kraftmaschinen, Pumpen und Präzisionswerkzeuge. In der Pilotphase sind Fach- Marktplätze für Fluidtechnik, industrielle Bildverarbeitung, Montageund Handhabungstechnik, Robotik sowie Sensorik. Im Aufbau befinden sich überdies spezialisierte Marktplätze für Fördertechnik und Productronic. Die herstellerübergreifenden Branchen-Plattformen, die den VDMA-Mitgliedsunternehmen zur Verfügung stehen, sollen vor allem die Suche verkürzen und damit indirekt ähnlich wie in anderen Branchen zur Kostensenkung und Effizienzverbesserung beitragen. Allerdings finden Rahmenverträge (die Grundzüge wie Volumina, nicht aber Details wie exakte Mengen und Artikelnummern enthalten) oder die im B2B-Bereich sonst übliche dynamische Preisgestaltung keine Berücksichtigung. Besonderes Online-Potenzial weist auch der Bereich Gebrauchtmaschinen auf; so werden mittlerweile gebrauchte Baumaschinen über die Gebrauchtmaschinenbörse bcee im Internet gehandelt. Der Maschinenbau nutzt also horizontale und vertikale Marktplätze. Gemessen am Bestellvolumen dominieren vertikale Marktplätze für den Handel mit direkten Gütern. Grundsätzlich sind die Serien- und Massenprodukte des Maschinenbaus besser für virtuelle Marktplätze geeignet als kompliziertere Spezialmaschinen. Für den ingenieurintensiven Maschinenbau ist Collaborative Engineering besonders aussichtsreich. Automobilindustrie: Marktplätze als Einkaufsplattform bereits etabliert Auch die Automobilindustrie zählt zu den Branchen, in denen sich der elektronische Handel zwischen Unternehmen recht erfolgreich etabliert hat. Zwar war die Startphase des elektronischen Handels auch hier durch eine Vielzahl von zumeist unabhängigen Marktplatzbetreibern gekennzeichnet, die in das neue Marktsegment vordrangen, aber nach kurzer Zeit wegen ausbleibendem geschäftlichem Erfolg wieder verschwanden; dieser Prozess der Konsolidierung ist bis heute noch nicht abgeschlossen. Allerdings kristallisieren sich einige Marktplätze heraus, deren Bestehen auch langfristig gesichert sein dürfte. Maßgeblich für die schon heute recht große Bedeutung der elektronischen Marktplätze ist die im Vergleich zu anderen Branchen oligopolistische Marktstruktur in der Automobilindustrie. Auf der Abnehmerseite also bei den Automobilherstellern existieren weltweit nur sehr wenige unabhängige Unternehmen, was die Gründung von branchenspezifischen Marktplätzen begünstigt, wie das Beispiel COVISINT zeigt. Ein weiterer Grund für die recht hohe Bedeutung des elektronischen Handels in der Automobilindustrie ist die Tatsache, dass die elektronische Vernetzung zwischen Zulieferern und Herstellern schon vor dem Internet-Hype sehr stark ausgeprägt war (z.b. über automatisch versendete Bestellungen beim Erreichen bestimmter Lagermengen). In diesem Sinne ist der elektronische Handel zwischen Automobilherstellern und Fahrzeugbau*) % gg. Vj *) Umsatzentwicklung im europäischen B2B-Handel Quelle: Forrester R esearch Logistik*) % gg. Vj *) Umsatzentwicklung im europäischen B2B-Handel Quelle: Forrester R esearch E

5 -zulieferern nichts Neues. Gleichwohl haben branchenspezifische elektronische Marktplätze die Zuliefer-Abnehmer-Beziehungen in der Automobilindustrie erheblich verändert. Die dominierenden Funktionen elektronischer Marktplätze sind bislang Katalogmanagement-Systeme sowie die Möglichkeit, Angebote elektronisch einzuholen und Online-Auktionen durchzuführen. Bekanntermaßen stehen dabei Zeit- und Kostenersparnisse im Vordergrund. Viele Hersteller haben hiermit schon positive Erfahrungen gemacht. Beispielsweise konnte VW durch den Einkauf über das Internet bei ausgewählten Gütern die Zeit pro Bestellvorgang um 95% reduzieren. Auch bei Online-Auktionen lässt sich die notwendige Zeit im Vergleich zu traditionellen Verfahren erheblich verkürzen. Was früher über Ausschreibungen oftmals mehrere Monate in Anspruch genommen hatte, kann nun teilweise innerhalb weniger Tage abgewickelt werden. Ein großer Vorteil für die beteiligten Unternehmen ist dann gegeben, wenn die Abnehmer ihren Bedarf an zugelieferten Teilen rechtzeitig auf den Marktplätzen öffentlich machen. Dank dieser Visualisierung der Nachfrage ist es den Lieferanten möglich, ihre Produktion besser zu planen. Dadurch lassen sich die Lagerbestände reduzieren. 15% Kostensenkungen durch Online-Auktionen Neben Zeitersparnissen tragen Auktionen grundsätzlich auch dazu bei, die Einkaufspreise zu reduzieren. Erfahrungen zeigen, dass die Preise, die aus einer Online-Auktion resultieren, im Schnitt um etwa 10 bis 15% unter den Preisen liegen, die bei herkömmlichen Verhandlungen erzielt werden. Laut Schätzungen der Unternehmensberatung Cap Gemini Ernst & Young können die Herstellungskosten pro Fahrzeug durch den Einsatz der Internet-Funktionen um bis zu EUR 800 gesenkt werden. Online-Auktionen müssen natürlich intensiv vorbereitet werden. Der zeitliche Vorlauf dafür ist nicht zu unterschätzen. Denn die zu beschaffenden Güter müssen je nach Komplexitätsgrad detailliert beschrieben, die Auktionsteilnehmer rechtzeitig informiert, das Auktionsverfahren transparent gemacht und die eigene Strategie während der Auktion besprochen werden. Dies sind die Voraussetzungen dafür, dass die gewünschten Erfolge auch erreicht werden. Collaborative Engineering ist Zukunftsvision Wie auch in anderen Branchen werden bislang in erster Linie MRO- Güter, standardisierte Katalogteile, einfache Zukaufteile sowie nicht produktive Güter (z.b. Büroartikel) über elektronische Marktplätze bezogen; dabei sind die genannten Auktionen das gängige Instrument. Für komplexere Module, Komponenten oder Systeme ist die klassische Auktion weniger gut geeignet. Hier haben elektronische Marktplätze auch noch eine geringere Bedeutung. Künftig dürften aber auch diese Produkte mehr und mehr über das Internet geordert werden. Dabei ist eine Zusammenarbeit zwischen Zulieferer und Abnehmer schon in der Entwicklungsphase - also die gemeinschaftliche Entwicklung von Produkten über einen Marktplatz - möglich; sie verkürzt im Idealfall auch die Entwicklungszeiten. Dieses sogenannte Collaborative Engineering steckt heute noch in den Kinderschuhen. Ähnliches gilt für die Vernetzung der gesamten Lieferkette über das Internet (virtuelles Supply Chain Management) oder Konzeptwettbewerbe, bei denen die Zulieferer aufgefordert werden, Lösungen für ein spezifiziertes Problem zu entwickeln. Derartigen Modellen gehört allerdings die Zukunft. Zeit- und Kostenersparnisse dank Online-Auktionen Aufwand für Vorbereitung der Online- Auktionen nicht unterschätzen Auktionen für komplexe Module und Systeme weniger geeignet E 5

6 Wettbewerb wird schärfer Der Kostendruck wird sich durch den Einsatz von elektronischen Marktplätzen in der sehr wettbewerbsintensiven Automobilindustrie noch verschärfen. Dies gilt vor allem für standardisierte Güter, denn hier dürfte das Ziel der Abnehmer, den Einkaufspreis zu drücken, oberstes Ziel sein. Dagegen steht bei komplexeren Produkten, die gegebenenfalls gemeinsam entwickelt werden, die Partnerschaft zwischen den beteiligten Unternehmen stärker im Vordergrund. Hier kann man daher auch eher von einer Win-Win-Situation sprechen, d.h. bei diesem Konzept profitieren grundsätzlich beide Seiten. Ferner spielen bei komplexeren Gütern für die Auswahl des Lieferanten auch andere als preisliche Aspekte eine Rolle. Dazu zählen vor allem Innovationsfähigkeit, Qualität, Termintreue sowie der After-Sales-Service der Unternehmen. Bei Auktionen von standardisierten Gütern sind die Automobilhersteller dagegen eindeutig die Gewinner, während die Rendite der Zulieferer tendenziell geschmälert wird. Der erhöhte Druck auf die Verkaufspreise ist wohl auch der entscheidende Grund dafür, dass eine Reihe von Zulieferern dem neuen Beschaffungsinstrument skeptisch gegenübersteht. Außerdem ist das Internet ein gutes Disziplinierungsinstrument in der Hand der Autohersteller, können sie doch über Marktplätze leichter alternative Lieferanten ausfindig machen und haben damit ein gewisses Drohpotenzial gegenüber ihren bisherigen Geschäftspartnern. Insgesamt ist in der Branche unbestritten, dass es sich künftig kaum noch ein Unternehmen leisten kann, nicht über elektronische Marktplätze mit seinen Kunden in Kontakt zu treten. Immer mehr Abnehmer sehen dies als eine Voraussetzung dafür an, einen Betrieb überhaupt als Lieferanten zu akzeptieren. Hemmnisse für elektronische Marktplätze Einer intensiveren Nutzung elektronischer Marktplätze in der Automobilindustrie stehen derzeit noch einige Restriktionen im Wege. Von besonderer Relevanz ist das in vielen Fällen fehlende Vertrauen in einen nicht oder nur wenig bekannten Online-Geschäftspartner. Darüber hinaus sind technische Probleme wie Inkompatibilitäten bei der Software noch immer ein Hindernis. Dies trifft besonders dann zu, wenn Zulieferer auf mehreren elektronischen Marktplätzen mit unterschiedlichen Software-Lösungen präsent sein müssen, um die Anforderungen ihrer Abnehmer zu erfüllen. In diesen Fällen ist für die Zulieferer auch das Kosten-Nutzen-Verhältnis unklar. Belastend wirken auch die Befürchtungen der beteiligten Unternehmen, durch Online-Aktivitäten Wettbewerbs- und Wissensvorteile gegenüber ihren Konkurrenten aufzugeben, da z.b. durch Online-Auktionen, aber auch beim Collaborative Engineering die Transparenz im Beschaffungswesen deutlich erhöht wird. Gerade in der forschungsintensiven Automobilindustrie (Stichwort: Fahrzeugelektronik) ist diese Gefahr nicht zu unterschätzen. Schließlich befürchten die Zulieferer, dass die Autohersteller eine höhere Kostentransparenz erzwingen wollen, um den Einfluss auf die Preisgestaltung zu erhöhen. Konsolidierung programmiert Es ist zu erwarten, dass sich in der Automobilindustrie eine im Vergleich zu anderen Branchen geringere Zahl an elektronischen Marktplätzen herauskristallisieren wird. Ein weiterer Rückgang in den kommenden Jahren ist daher programmiert. Dafür spricht vor allem die erwähnte oligopolistische Angebotsstruktur im Autosektor. Es hat in Marktplätze tragen zur Erhöhung des Preisdrucks bei Fehlendes Vertrauen als wichtigstes Hemmnis Nur wenige Marktplätze werden überleben 6 E

7 einer Branche mit nur sehr wenigen Endkunden wegen zu hoher Transaktionskosten kaum Sinn, übermäßig viele Marktplätze zu etablieren. Darüber hinaus dürften die Autohersteller primär über jene Marktplätze Geschäfte abwickeln, die sie selbst initiiert haben. Nicht zuletzt brauchen die Handelsplattformen wie auch in anderen Sektoren eine gewisse kritische Größe, um finanziell überleben zu können. Der wohl bedeutendste Marktplatz in der Automobilindustrie ist CO- VISINT, der auf eine Initiative von General Motors, DaimlerChrysler und Ford zurückgeht und dem sich inzwischen Renault, Nissan und die PSA- Gruppe angeschlossen haben. Als Technologiepartner fungieren Commerce One und Oracle. Die Zahlen dieses öffentlichen Marktplatzes sind durchaus beeindruckend: Mehr als registrierte Unternehmen und fast Online-Geschäfte mit einem Transaktionsvolumen von gut USD 82 Mrd. in den letzten beiden Jahren sprechen eine deutliche Sprache. Auf nationaler Ebene ist SupplyOn erwähnenswert. Die Anteilseigner an diesem ebenfalls öffentlichen Marktplatz sind u.a. die Automobilzulieferer Bosch, Continental, ZF Friedrichshafen und Siemens VDO, die signifikante Teile ihres Einkaufs über dieses Portal abwickeln (Einkaufsvolumen insgesamt: ca. EUR 30 Mrd). Ein bedeutender privater Marktplatz ist VW Supply Group.com, die Lieferantenplattform, über die alle acht Konzernmarken des VW-Konzerns nach eigenen Angaben nahezu das gesamte Einkaufsvolumen von über EUR 50 Mrd. tätigen. Im abgelaufenen Jahr fanden über Transaktionen über diesen Marktplatz statt; Lieferanten waren daran beteiligt. Ein wesentlicher Vorteil dieser Marktplätze besteht darin, dass die Anteilseigner als finanzkräftige Unternehmen in der Lage sind, die in der Anlaufphase anfallenden Kosten zu tragen. Außerdem signalisieren die oben genannten Zahlen eine schon heute recht große Bedeutung für die jeweils beteiligten Unternehmen. Die Überlebenschancen dieser Marktplätze sind also erheblich besser als die unabhängiger Marktplätze, hinter denen keine großen Unternehmen aus der Automobilbranche stehen. Stürmisches B2B-Marktwachstum zu erwarten Eine aktuelle Forrester-Studie über die Zukunft des europäischen B2B- Handels prognostiziert ein stürmisches Wachstum in den kommenden Jahren. Die Untersuchung basiert auf einer Befragung von Unternehmen aus 15 europäischen Ländern und 13 Branchen. In Europa wurden 2001 noch EUR 77,9 Mrd. Umsatzvolumen oder weniger als 1% des Handels zwischen den Unternehmen online abgewickelt. Für 2004 wird bereits ein Niveau von EUR 945,6 Mrd. (Anteil: 10%) erwartet. Bis 2006 ist dann mit einer weiteren Expansion auf EUR 2,2 Bill. zu rechnen; damit würden 22% des gesamten Handels zwischen Unternehmen in Europa über das Internet stattfinden. 1 Anteil des Online-B2B-Handels am gesamtem Handelsvolumen in 2006 (Prognose) Elektrotechnik Logistik Chemie u. Kunststoff Energie u.utilities Fahrzeugbau Metallindustrie Maschinenbau Konsumgüterindustrie Ernährungsgewerbe Unternehmensnahe DL Textil und Bekleidung Holz, Papier u. Pappe Bauwirtschaft Verarbeitendes Gewerbe Quelle: Forrester Research % Das in der Forrester-Studie genannte absolute Umsatzvolumen ist nicht kompatibel mit den Werten, die von den Marktplätzen in der Automobilindustrie genannt werden; die Forrester-Zahlen sind niedriger. Dies ist v.a. auf Unterschiede bei der statistischen Abgrenzung zurückzuführen, die sowohl regionaler als auch inhaltlicher Art sind. Forrester beruft sich auf Primärdaten von Eurostat sowie auf Umfragen bei Unternehmen aus den jeweiligen Branchen und den nationalen Statistischen Ämtern. Die Abweichungen verdeutlichen jedoch auch die grundsätzlichen Schwierigkeiten mit der Datenlage im elektronischen Handel. E 7

8 Die traditionellen Industriebranchen Maschinenbau und Fahrzeugbau entwickeln sich ähnlich dynamisch wie der Durchschnitt der betrachteten Branchen. Der Anteil des Internethandels im Maschinenbau und der Automobilindustrie wird 2004 ebenfalls etwa ein Zehntel des jeweiligen B2B-Handels erreichen soll der B2B-Anteil im Maschinenbau etwa 22% und in der Autoindustrie sogar 27% betragen. Die Branchenexperten des VDMA halten nur die Hälfte der von Forrester prognostizierten Expansion in ihrer Branche für realistisch. Generell haben sich die zur Hochzeit der New Economy erstellten Prognosen über die Zukunftsaussichten der elektronischen Marktplätze im Nachhinein als zu optimistisch erwiesen. Mit dem Platzen der Internet-Bubble sind auch die Vorhersagen auf ein merklich niedrigeres Niveau korrigiert worden. Ein weiteres Wachstum des gesamten B2B- Geschäfts ist unseres Erachtens zwar unumstritten; gleichwohl erwarten wir, dass der Anstieg der erwarteten trendmäßigen Wachstumskurve etwas flacher ausfallen dürfte als heute vermutet wird. Nach unserer Einschätzung dürfte ein Anstieg des B2B-Anteils am gesamten Handel auf etwa ein Zehntel bis 2006 realistisch sein. Josef Auer, Eric Heymann, Unsere Publikationen finden Sie kostenfrei auf unserer Internetseite Dort können Sie sich auch als regelmäßiger Empfänger unserer Publikationen per eintragen. Für die Print-Version wenden Sie sich bitte an: Marketing Frankfurt am Main Fax: Deutsche Bank AG, DB Research, D Frankfurt am Main, Bundesrepublik Deutschland (Selbstverlag). Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe gebeten. Die in dieser Veröffentlichung enthaltenen Informationen beruhen auf öffentlich zugänglichen Quellen, die wir für zuverlässig halten. Eine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Angaben können wir nicht übernehmen, und keine Aussage in diesem Bericht ist als solche Garantie zu verstehen. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Verfassers/der Verfasser wieder und stellen nicht notwendigerweise die Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen dar. Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Meinungen können sich ohne vorherige Ankündigung ändern. Weder die Deutsche Bank AG noch ihre assoziierten Unternehmen übernehmen irgendeine Art von Haftung für die Verwendung dieser Publikation oder deren Inhalt. Die Deutsche Banc Alex Brown Inc. hat unter Anwendung der gültigen Vorschriften die Verantwortung für die Verteilung dieses Berichts in den Vereinigten Staaten übernommen. Die Deutsche Bank AG London, die mit ihren Handelsaktivitäten im Vereinigten Königreich der Aufsicht durch die Securities and Futures Authority untersteht, hat unter Anwendung der gültigen Vorschriften die Verantwortung für die Verteilung dieses Berichts im Vereinigten Königreich übernommen. Die Deutsche Bank AG, Filiale Sydney, hat unter Anwendung der gültigen Vorschriften die Verantwortung für die Verteilung dieses Berichts in Australien übernommen. Druck: HST Offsetdruck Schadt & Tetzlaff GbR, Dieburg. Print: ISSN / Internet: ISSN E

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