Tiere in der psychiatrischen Gesundheits- und Krankenpflege

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1 Zentrale Akademie für Berufe im Gesundheitswesen ZAB GmbH Kurs F12A 3. Ausbildungsjahr FACHARBEIT zur Lerneinheit IV.01: Pflege psychisch Kranker/ Abhängiger Tiere in der psychiatrischen Gesundheits- und Krankenpflege Verfasser: Tim Kerstingaufderheide Dozent: Herr Ammann Bearbeitungszeit: 7 Wochen Abgabetermin:

2 2 Inhalt 1 Einleitung Allgemeine Anforderungen an die psychiatrische Pflege Spezifische Qualifikationen/Grundhaltungen für Pflege in der Psychiatrie Aufgabenspektrum und Pflegeziele in der Psychiatrie Beziehungsgestaltung und Kommunikation Milieugestaltung in der Psychiatrie Reflexion der pflegerischen Arbeit Tiere in der psychiatrischen Pflege Tiere als Partner und Therapeuten Möglichkeiten und Grenzen der Tiergestützten Therapie in der Psychiatrie Tiergestützte Therapien Aufgaben und Rolle des Gesundheits- und Krankenpflegepersonal Kontraindikationen zu Tiergestützter Therapie Physiologische Wirkmechanismen der Tiertherapie unter Einbeziehung der AEDL s Aspekte der Tierhaltung/-pflege Psychiatrie- und Tiergestützte Therapie-Erfahrenen Interview Methode Kernaussagen Auswertung und Ausblick Auswertung Ausblick Literatur- und Quellverzeichnis Anhang Erklärung... 21

3 3 1 Einleitung Die Pflege psychisch kranker Menschen gewinnt aufgrund ständig aktualisierter Erkenntnisse in der Medizin und veränderter gesellschaftlicher Umstände seit langer Zeit einen immer größeren Stellenwert, auch und insbesondere in der Gesundheits- und Krankenpflege [17]. Die individuelle Betreuung und Förderung von Patienten mit psychischen Erkrankungen, bedarf viel Zeit und Geduld, was einen entsprechend hohen Schlüssel an Betreuungs-/Pflegepersonen bedingt. Um Symptome zu lindern oder die ursächliche Erkrankung zu heilen, sind heute viele Therapien und pflegerischen Maßnahmen bekannt, mit denen gezielt individuelle Probleme behandelt werden können. Ein besonderer Ansatz dabei ist die Tiergestützte Therapie. Im Rahmen dieser Maßnahme werden Patienten je nach Diagnose oder Pflegeproblem, sowie dem individuellen Ziel mit Tieren konfrontiert. Populäre Beispiele dafür sind Hunde, Pferde und Delfine. Aufgrund meines persönlichen Interesses für Tiere, sowie der Tatsache, dass ich meinen zukünftigen Tätigkeitsbereich hauptsächlich in der psychiatrischen Pflege sehe und ich mir auch sehr gut vorstellen kann die Thematik im Beruf anzugehen, habe ich mich für dieses Facharbeitsthema entschieden. Forschungsthese der Arbeit soll sein, dass der Einsatz von Tieren den Therapieverlauf bei indizierten Patienten positiv beeinflussen, den Beziehungsaufbau zum Patienten erleichtern kann und in Einzelfällen der Schlüssel zum Therapieerfolg sein kann. In der Methode werde ich mich primär auf Auswertung vorhandener Fachliteratur zum Thema beschränken. Dabei möchte ich zunächst auf die allgemeinen Anforderungen der psychiatrischen Pflege eingehen und mich danach mit Möglichkeiten und Grenzen der Therapie mit Tieren beschäftigen, sowie einen kurzen Einblick in die physiologischen Hintergründe anhand der Literatur geben. Auch die Tierhaltung und Pflege wird angesprochen. Ergänzend wird ein Interview mit einer Psychiatrie-erfahrenen Person geführt, um einen Einblick in subjektive Erfahrungen mit der Thematik zu geben und individuelle Fragen zu klären. Abschließend werden die Ergebnisse der Arbeit ausgewertet.

4 4 2 Allgemeine Anforderungen an die psychiatrische Pflege 2.1 Spezifische Qualifikationen/Grundhaltungen für Pflege in der Psychiatrie Zwar sind die notwendigen Qualifikationen, die Gesundheits- und Krankenpflege im Allgemeinen und psychiatrische Pflege im Besonderen erfordern größtenteils kongruent, es lassen sich aber einige Qualifikationen als von stärkerer Bedeutung klassifizieren. Die Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie (DGSP) benennt allgemeine Arbeitshaltung, theoretischfachliche-kenntnisse und deren konsequente Anwendung, sowie arbeiten im multiprofessionellen Team als Fachspezifisch [2, S. 13]. Von besonderer Bedeutung ist aber ein hohes Maß an Empathiefähigkeit gegenüber dem Patienten, der in seiner Person als Ganzes von einer psychiatrischen Erkrankung betroffen ist [2, S. 14]. Diesen zu achten und wertzuschätzen, seine Gefühle (und Gedanken) ernst zu nehmen und sich kritisch mit gesellschafts- und sozialpolitischen Gegebenheiten auseinanderzusetzen, sind spezifische Grundhaltungen der psychiatrischen Pflege [2, S. 14]. 2.2 Aufgabenspektrum und Pflegeziele in der Psychiatrie Aufgrund der Menge und Diversität verschiedener Krankheitsbilder in der Psychiatrie, gilt es allgemein jeden Patienten individuell zu betrachten. Trotzdem lassen sich grundlegende Standards/Aufgaben die in jeder Psychiatrie bzw. psychiatrischen Behandlung gelten, finden. Die Psychiatrie-Personalverordnung gibt neben der medizinischen Grundversorgung, die Gestaltung des therapeutischen Milieus und die Ausrichtung auf Wiedereingliederung als wesentliche Aufgaben der Behandlung [1, S. 17] an. Nach Kunze und Kaltenbach ist, ausgehend von einem mehrdimensionalen Krankheitskonzept, die Behandlung durch ein Multiprofessionelles Team erforderlich, um dem Patienten ein Höchstmaß an Selbstständigkeit im Alltagsleben zu ermöglichen [1, S. 17]. Stockwell erweitert das Ziel um den Faktor, das maximale physische und psychische Wohlbefinden des Patienten zu erreichen und zu sichern [1, S. 18]. Selbstständigkeit soll insbesondere in der Alltagsgestaltung, die in den meisten Fällen krankheitsbedingt fehlgeleitet ist, erreicht werden [1, S. 18 (Kistner 1997)]. Patienten unter Berücksichtigung ihrer individuellen Probleme dabei zu motivieren und zu begleiten, um vorhandene Defizite zu kompensieren, ist eine der Hauptaufgaben in der psychiatrischen Pflege.

5 5 Um dies zu erreichen, sind der Aspekt der Beziehungsgestaltung und die damit einhergehende Kommunikation/Interaktion von zentraler Bedeutung. Aktive Beziehungsgestaltung, sowieso gezielte Interaktion und Reflexion dieser sind übergeordnet, essentielle Faktoren der psychiatrischen Gesundheits- und Krankenpflege [1, S. 18]. Auch der Krankenbeobachtung kommt mit spezifischen Schwerpunkten, wie z.b. zwischenmenschlicher Interaktion, Wahrnehmung, Motivation und Beschäftigung eine besondere Bedeutung in der psychiatrischen Pflege zu. Sie ist mehrdimensional und erfasst sowohl die Defizite des Patienten, als auch seine Ressourcen [1, S. 102]. Weitere Ziele beziehen sich auf das Erkennen und Bewältigen von Krisen. Murray und Huelskoetter empfehlen: immediate aid during crisis, und The minimal goal of therapy is ( ) restoration of coping mechanisms ( ). Crisis work involves reinstating earlier stressreducing behavior or developing new adaptive techniques. [3, S. 220]. Genau, wie in den anderen Disziplinen der Gesundheits- und Krankenpflege stellt der Pflegeprozess, dessen mögliche Aspekte oben beschrieben werden ein grundsätzliches Handlungsprinzip (Arbeitsmethode, Problemlösungsmodell) ( ) dar, um den Patienten aktiv und gleichberechtigt in die Pflege einzubinden und ermöglicht so, die notwendige Qualität besonders in Hinsicht auf Prozess und Ergebnis zu erreichen [4, S. 298] Beziehungsgestaltung und Kommunikation Grundlegend für die Beziehungsarbeit in der Psychiatrie ist die Bezugspflege. Der Patient soll in der Bezugspflegeperson einen verlässlichen Partner finden, der als feste Vertrauensperson fungiert und dem Patienten einen erleichterten Beziehungsaufbau ermöglicht [4, S. 1343]. Eine professionelle Beziehung zeichnet sich dadurch aus, dass sowohl Pflegender, als auch Patient jeweils eigene Anteile im ( ) gemeinschaftlichen Arbeiten einbringen können [2, S. 100]. Die Pflegeperson übernimmt hierbei am Anfang in der Regel die Funktion des Motors [2, S. 100]. Eine aktive Gestaltung erfordert dabei die wechselseitige Definition des Beziehungsgegenstandes, der Art und der Grenzen (zeitlich, inhaltlich, persönlich) [2, S. 101]. Auf Seite der Pflegeperson erfordert die Beziehung (in Anlehnung an Carl Rogers) Authentizität und Transparenz, Akzeptanz und Empathie [2, S. 101]. Dabei gilt es stets ein professionelles Maß an Nähe und Distanz zu bewahren [2, S. 101]. Ein besonders wichtiger Aspekt der Beziehungsgestaltung ist die Kommunikation. Fachspezifische Kompetenz bedeutet Hindernisse für Kommunikation auszuräumen und Bedingungen für gelungene Kommunikation schaffen [2, S. 102]. Kommunikationsformen (verbal, nonverbal, paraverbal) müssen reflektiert angewendet werden und die Kommunikationsebene muss an den Patienten angepasst sein. Murray und Huelskoetter formulieren: ( ) use simple, clear words geared to the level of intelligence and experience. Develope a well-modulated tone of voice ( ). [3, S. 149].

6 Milieugestaltung in der Psychiatrie Die psychiatrische Behandlung verlangt, dass Individualität und Lebenskontext, also das persönliche Milieu des Patienten, bzw. dessen Reaktion auf das veränderte Milieu im Krankenhaus mit in die Gesamttherapie aufgenommen werden [1, S. 122]. Die Begriffe Orientierung und Atmosphäre prägen dabei die Milieugestaltung im Krankenhaus [1, S. 122]. Die Pflegeperson muss ihre Aufgabe als Orientierungshelfer wahrnehmen, um dem Patienten ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln [1, S. 122]. Orientierung zu geben bedeutet zum Beispiel transparent Inhalte und Konsequenzen über das auf der Station vorhandene therapeutische Pflichtprogramm zu vermitteln [1, S. 122]. Authentizität erfordert, dass Pflegenden eine Vorbildrolle zukommt, die strikt eingehalten werden muss und so dem Patienten eine weitere Orientierung ermöglicht [1, S. 122]. Farbliche Gestaltung, Sauberkeit und Freundlichkeit auf einer Station können eine warme und vertrauenserweckende Grundstimmung vermitteln [1, S. 123] und so zu einer positiven Atmosphäre auf der Station beitragen. Gerade Beziehungs- und Milieugestaltung könnten zentrale Aufgabe/ Bestandteil der tiergestützten Therapie sein Reflexion der pflegerischen Arbeit Das hohe Maß an emotionaler Auseinandersetzung mit dem Patienten, sowie die Notwendigkeit der ständigen Evaluation der eigenen Arbeit und Arbeit im multiprofessionellen Team, erfordern einen hohen Anspruch an Verfahren zur Reflexion und zur Konfliktbewältigung in der Psychiatrie, wie z.b. Fallbesprechungen, Supervisionen, Coachings, etc. [2, S. 150].

7 7 3 Tiere in der psychiatrischen Pflege 3.1 Tiere als Partner und Therapeuten Die Beziehung zwischen Mensch und Tier mit gegenseitigem Nutzen stammt bereits aus der Altsteinzeit [5, S. 20]. Bis heute ist beispielsweise die tatsächliche Ursache der Domestikation des Hundes, ob wirtschaftlicher Nutzen oder seine Gefährtenschaft, weitgehend ungeklärt [5, S. 20]. Nachweisbar ist der Einsatz von Tieren zu therapeutischen Zwecken seit dem 8. Jahrhundert [5, S. 14]. Wissenschaftlich bekam das Thema ab den 1960 er Jahren, geprägt durch den Begriff pet faciliated therapy eine Bedeutung. Der positive Effekt von Therapie-Tieren in Altenund Pflegeheimen, Krankenhäusern oder psychiatrischen Anstalten konnte eindeutig nachgewiesen werden [5, S. 15]. Der amerikanische Psychiater Aaron Katcher formulierte 1983 den Satz: Ich behaupte, das Zusammenleben von Menschen und Tieren einen bedeutenden Einfluss auf unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit ausübt [5, S. 30]. Er und seine Kollegen Lynch und Friedmann fanden in systematischen Experimenten zum Effekt von Tieren auf den menschlichen Organismus heraus, dass nicht nur Streicheln, sondern die bloße Präsenz eines Tieres blutdrucksenkende und stressreduzierende Wirkungen hat [5, S. 33]. Gerade der Beziehungsaufbau zu einem Tier fällt häufig leichter, da er nicht durch die in menschlicher Gesellschaft vorhandenen Normen und Anstandsregeln geprägt ist. Tiere sind frei von Stereotypen gegenüber Menschen, sie lassen sich ungefragt ansprechen, reagieren nicht mit offensichtlicher Ablehnung und können sich als perfekte Zuhörer erweisen [5, S. 40]. Eine stimmige Kommunikation ( ) zwischen Menschen und Tieren ( ) hilft auch, dass eine Person sich selbst einfach und wahr erfahren kann und sich einfach und wahr mit ihrem Gegenüber austauschen kann [6, S. 87]. Die Kommunikation ist dabei primär von nicht-verbalen Faktoren bestimmt. Tiere können intuitiv die Stimmung (ihrer) menschlichen Partner spüren [5, S. 45]. Das Konzept der Biophilie ( biologisch fundiert Affinität zum Leben und zur Natur ) greift unter anderem die ästhetische Perspektive der Mensch-Tier-Beziehung auf. Ein brüllender Löwe, ein spielender Papagei, oder niedliche Hundewelpen ergreifen uns und lösen ein (besonderes) Erleben aus [6, S. 69/71].

8 8 3.2 Möglichkeiten und Grenzen der Tiergestützten Therapie in der Psychiatrie Tiergestützte Therapien Die Auswahl der Tiere und die Form der Tiergestützten Therapie orientiert sich an dem Verhalten und der Persönlichkeit, sowie der Problematik der betroffenen Person [7, S. 51]. Nach Stress- und Notsituation (Unfälle, Katastrophen, Verluste, etc.) beispielsweise, kann die beruhigende Anwesenheit eines Tieres (häufig Hunde), das zuhört und Anteil nimmt den Zugang ( Eisbrecher [6, S. 149]) in Gesprächen mit Therapeuten besonders bei traumatisierten Kindern und Jugendlichen deutlich erleichtern [7, S. 54]. Delfine eignen sich aufgrund ihrer hohen Intelligenz und ausgeprägten kognitiven Eigenschaften besonders gut als Therapeuten. Im verhaltenstherapeutisch orientierten vorgehen dürfen Patienten (meist schwerbehinderte Kinder) nach Bewältigung einer gestellten Aufgabe als Belohnung mit einem Delfin spielen [6, S. 147]. Beim Interaktionssetting kann der Patient nach einer Einführung, eine Interaktionen auswählen und dann selbständig über das Ausmaß des Kontaktes zum Delfin bestimmen [6, S. 147]. Bei psychosomatischen Erkrankungen konnte man insbesondere mit Hilfe von Pferden ( ) im Rahmen des heilpädagogischen Reitens positive Effekte erzielen [7, S. 89]. Durch ihr artspezifisches Verhalten unterstützen ausgebildete Pferde die Psychomotorik, das Sozialverhalten und die Persönlichkeitsentwicklung [7, S. 153]. Dabei soll Vertrauen, in diesem Fall zum Pferd aufgebaut, und über diesen Kontakt das eigene Selbstvertrauen gestärkt werden [7, S. 89 f]. Darüber hinaus ist die Therapie geeignet für den Umgang mit Ängsten, Abbau von Aggressivität, Erfahren von ( ) Selbstvertrauen und Erlernen angemessener Selbsteinschätzung [7, S. 154]. Bei Phobiepatienten, die panisch auf den Anblick von z.b. Hunden, oder Spinnen reagieren und dadurch im Alltag stark eingeschränkt werden, sind vor dem Kontakt mit dem echten Tier, der Exposition zwei weitere Schritte notwendig. Zunächst findet anhand vielfältigen Materials (Bücher, Videos usw.) eine Sensibilisierung des (Patienten) in Bezug auf den phobischen Reiz (Spinne, Hund, etc.) statt [6, S. 142]. Währenddessen lernt der Patient in der Psychoedukation zwischen physiologischer und pathologischer Angst zu differenzieren und dass sich diese durch Vermeidungsverhalten verstärkt und nur durch Konfrontation mit dem phobieauslösenden Reiz abschwächt [6, S. 142]. Sobald der Patient bereit ist, kann schrittweise der letzte Schritt, die Exposition stattfinden. Dabei wird häufig bewusst auf die Kooperation mit Tierheimen gesetzt. Im Vergleich zum professionellen Therapiehund hat dieses den Vorteil der Alltagsrelevanz, da

9 9 der Patient in der Realität auch auf Hunde mit verschiedener Persönlichkeit und Verhalten trifft [6, S. 143] belegte eine Studie auch den positiven Effekt von Hunden auf Patienten mit Depressionen. Dabei wurden diese einer Gruppe mit Hunden und einer Kontrollgruppe ohne Hunde zugeteilt. Die erste Gruppe erhielt parallel zur herkömmlichen Psychotherapie, Ergotherapie und medikamentösen Behandlung regelmäßige Therapieeinheiten mit Hunden, in denen nach anfänglicher Beziehungsherstellung zweimal wöchentlich Übungen und Parcours mit Hindernissen durchgeführt wurden [8]. Der Vergleiche der Auswertung des Assessmentinstrument Beck-Depressions-Inventar (BDI), das der Erfassung des Ausmaß der Depression sowie von Suizidgedanken dient, ergab, dass der Todeswunsche der Patienten unter hundegestützter Therapie schneller nachließ [8]. Gerade bei Patienten mit depressiver Symptomatik können Tiere antriebssteigernd und motivierend wirken. Auch bei Erkrankungen des schizophrenen Formenkreis, gibt es trotz weniger internationaler Publikationen Erfahrungen mit Tiergestützter Therapie. Schuhmayer beschreibt den Fall eines 23-jährigen Studenten, mit einer schizoaffektiven Psychose. Er teilt dem Tier (in diesem Fall Alpakas) die Rolle eines Kommunikations- und Sozialpartners ( und) Träger einer wichtigen Symbolfunktion auf dem Weg zu einer verbesserten Sozialkompetenz zu [14]. Ziel der Therapie war vor allem eine Verbesserung der Fähigkeit der aktiven Kontaktaufnahme [14]. Im Wechsel von Gespräch und tiergestützter Therapie, erlernte der Patient insbesondere das aktive Zugehen auf charakterlich sehr unterschiedliche Tiere, was zu einer Steigerung des Selbstwertgefühls und bald auch zur Umsetzung der neuen Fähigkeit im Umgang mit Menschen führte [14]. Als besonders positiv und überraschend stellte sich heraus, dass die Therapie auch erhebliche Erfolge in Bezug auf das Stimmenhören des Patienten brachte, da es nicht möglich war die stark abwertenden, demütigenden Stimmen medikamentös ausreichend zu behandeln [14]. In der Gerontopsychiatrie spielt die tiergestützte Therapie besonders bei dementiell erkrankten Menschen eine Rolle. Tiere fühlen sich nicht durch ständige Wiederholungen, oder Worte, die unverständlich sind, oder keinen Sinn ergeben, gestört [9]. Sie können für den Patienten eine wertvolle Ressource darstellen, da sie dessen immer noch vorhandene Bedürfnisse nach Nähe, Wärme, Kontakt, Anerkennung und Sinnfindung erfüllen [9]. Auch bei verhaltensauffälligen Personen im Straf- und Maßregelvollzug lassen sich Beispiele für Tiere, die einen therapeutischen Effekt haben, finden. Ein Gefängnis in Australien etwa betreibt einen eigenen Tierpark. Häftlingen, die auch schwerste Straftaten begangen haben, berichteten dort von Erfahrungen mit veränderten Gefühlen und Verhaltensweisen nach dem Umgang mit den Tieren [7, S. 52]. In allen genannten Gebieten, bzw. Erkrankungen spielt die tiergestützte Therapie eine adjuvante, den Patienten unterstützende Rolle mit größeren oder kleineren Anteilen [14]. Im

10 10 Zentrum steht dabei vor allem Spaß zu haben, bzw. zu entwickeln, Kommunikation/Interaktion zu erlauben, oder zu erlernen, Nähe bekommen, oder lernen diese zu zulassen. Gatterer definiert die Tiergestützte Therapie als gezielten Einsatz eines Tieres (mit welchem) positive Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten von Menschen erzielt werden sollen [16]. Sie kann in vielen Fällen der Schlüssel zur erfolgreichen Behandlung sein, ist aber immer nur als Teil des Gesamttherapiekonzeptes zu verstehen Aufgaben und Rolle des Gesundheits- und Krankenpflegepersonal Fast alle oben genannten Therapien und Konzepte können nach entsprechender Zusatzqualifikation auch von Gesundheits- und Krankenpflegern betreut oder durchgeführt werden. Im multiprofessionellen Team kann sich das Pflegepersonal grundsätzlich assistierend beteiligen. Als eigenständiger Bereich hat sich die tiergestützte Humanpflege entwickelt, welche sich als Konzept versteht, das im Rahmenmodell des ganzheitlich- fördernden Pflegeprozesses seinen Platz findet [10]. Es sieht vor, dass Pflegekräfte Tiere als Pflegebegleiter [11] besonders im Rahmen der Gesundheitsprävention und aktivierenden Pflege einsetzen [10]. Die tiergestützte Humanpflege geht davon aus, das die Pflege aufgrund der Tatsache, dass sie als einzige Berufsgruppe rund um die Uhr für den Patienten da ist, die Tiergestützte Therapie besonders gut in den Patientenalltag integrieren kann [10] Kontraindikationen zu Tiergestützter Therapie Natürlich kann das Konzept der Tiergestützten Therapie nicht bei jedem Patienten und nicht unter jeder Bedingung stattfinden. Besondere Bedeutung haben dabei vor allem die Aspekte Hygiene, Abneigung, oder Angst gegenüber Tieren, sowie die Sicherheit des Tieres. Im somatischen Bereich, der häufig durch ein erhöhtes Infektionsrisiko, aufgrund von akuten Erkrankungen, Immunsuppression oder offenen Wunden, gekennzeichnet ist, ist die Gefahr von Zoonosen, also Krankheiten, die durch Krankheitserreger tierischen Ursprungs auf Menschen übertragen werden, erhöht [5, S. 210]. Tiere verfügen nicht über die in der Somatik erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten zur Hygiene. Tatsächlich besteht aber nach Robert-Koch-Institut, aufgrund der eigenen Feststellung, dass der positive Einfluss der Heimtierhaltung auf Menschen die mögliche Gefährdung übersteigt, die Möglichkeit für Pflegeheime und Kliniken, die ihren hauseigenen Hygieneplan für Tierbesuchsdienste und Tiere als therapeutische Begleiter erweitern wollen zur Konsultation eines amtlichen Hygienegutachters [7, S. 125]. Eine besondere Bedeutung haben hier auch Blindenführhunde. Diese ermöglichen dem Halter ein weitestgehend unabhängiges und selbständiges Leben unter dem Aspekt der Barrierefreiheit

11 11 und sind nach 33 Sozialgesetzbuch (fünftes Buch) als medizinisches Hilfsmittel anerkannt [18]. Auch laut Deutscher Krankenhausgesellschaft bestehen aus hygienischer Sicht keine Einwände gegen die Mitnahme von Blindenführhunden ins Krankenhaus [19]. Eine generelle Ausnahme bildet aber die stationäre Intensivmedizin, die grundsätzlich keine Anwesenheit von Tieren zulässt. Für den häuslichen Bereich hat die American Veterinary Medical Association (AVMA) 1995 Richtlinien zur Tierhaltung durch Menschen mit Immunschwäche veröffentlicht [5, S. 231]. Tierspezifische Allergien stellen i.d.r. ebenfalls eine Kontraindikation zur tiergestützten Therapie dar, da mittlere bis schwere allergische Reaktionen eine Konzentration auf die Therapie unmöglich machen [12]. Bei der Planung von tiergestützten Maßnahmen ist zu bedenken, dass nicht alle Menschen mit Tieren sympathisieren. Viele lehnen den direkten Kontakt zu Tieren ab, oder haben sogar Angst vor ihnen. Sofern es nicht das Therapieziel ist, diesen Zustand zu ändern (s.o.), machen tiergestützte Maßnahmen bei diesen Patienten keinen Sinn [12]. Ist die Sicherheit und das Wohlergehen des Tieres, durch Patienten, die den Hund (das Tier) verletzen oder extrem bedrängen könnten gefährdet, muss ebenfalls bis auf weiteres von einer tiergestützten Therapie abgesehen werden [12].

12 Physiologische Wirkmechanismen der Tiertherapie unter Einbeziehung der AEDL s Die physiologischen Ursachen für die positiven Effekte der Tiergestützten Therapie sind vielfältig. Pflegerisch lassen sie sich im Besonderen auf die AEDL s (nach Krohwinkel [4, S. 102]) sich bewegen, vitale Funktionen des Lebens aufrechterhalten und sich beschäftigen beziehen und beeinflussen diese bei einer erfolgreichen Therapie positiv [13, S. 90/92]. Wird die zu erstellende Pflegeplanung zum Beispiel nach den AEDL s strukturiert, lassen sich Maßnahmen der tiergestützten Therapie entsprechend planen. Der Kontakt zu Tieren führt (bei geeigneten Patienten) zunächst zu einer Herabsetzung des Muskeltonus und damit zu einer allgemeinen Körperentspannung. Das Herz-Kreislauf-System reagiert mit der Senkung von Blutdruck und Puls, sowie einer allgemeinen Kreislaufstabilisierung. Die durch die Aktivität mit dem Tier hervorgerufene Freisetzung von Endorphinen hat zugleich analgesierende, als auch euphorisierende Effekte. Spielerische Aktivitäten mit dem Tier an der freien Luft sind besonders gesundheitswirksam und dienen bei regelmäßiger Durchführung auch als Prophylaxe. Die allgemeine motorische Aktivierung fördert die Atmung durch vertiefte Einatmung und erhöhte Ventilation, der Kreislauf wird durch Bewegung und verbesserte Atmung angeregt, die gesamte Skelettmuskulatur wird durch vielfältige Bewegungen aktiviert und trainiert. Die Bewegung fördert zusätzlich die mit der Verdauung zusammenhängenden Körperfunktionen, wie etwa die Aktivität der glatten Muskulatur des Verdauungstraktes, den Appetit und die Aufnahme von Flüssigkeit und Elektrolyten [6, S. 66]. Der Aufenthalt am Tageslicht fördert zudem die Produktion von Vitamin-D in der Haut, das für viele psychische und physische Körperfunktionen notwendig ist [15]. Darüber hinaus geben regelmäßige Aktivitäten eine Tagesstruktur und sorgen für Ablenkung [6, S. 66]. Bei der Hippotherapie, einem Teilgebiet des therapeutischen Reitens etwa bewirken dreidimensionale, rhythmische Schwingungen, die in der Gangart Schritt vom Pferderücken ausgehen ( ) eine gezielte Regulierung des Muskeltonus und ein gezieltes Training der Haltungs-, Gleichgewichts- und Stützreaktionen [7, S. 152]. Dazu werden Sensomotorik, sowie Koordination gefördert [7, S. 152/153].

13 Aspekte der Tierhaltung/-pflege Die Integration der Tiergestützten Therapie in das therapeutische Konzept/ Milieu erfordert eine Reihe von Maßnahmen, in deren Zentrum neben der Therapie an sich der Schutz und das Wohlergehen des beteiligten Tieres stehen. Alle Beteiligten müssen die Würde des Tieres anerkennen und dürfen keine Leistungen verlangen, welche das Tier allgemein, oder situativ nicht erbringen kann [6, S. 115]. Nur gesunde Tiere, die an den Menschen gewöhnt sind und Spaß an ihrer Arbeit haben, können ihren Zweck in der tiergestützten Therapie erfüllen [5, S. 233]. Dabei sollten sich Mensch und Tier auf Augenhöhe begegnen. Grundsätzlich muss die Einrichtung über eine entsprechend fortgebildete Betreuungsperson für das jeweilige Tier besitzen, darüber hinaus muss das gesamte therapeutische Personal über die Anforderungen/ Bedürfnisse des Tieres aufgeklärt sein [6, S. 114]. Wenn notwendig müssen lückenlose Dokumente zu Gesundheit und Versicherung des Tieres vorliegen [6, S. 113]. Je nach Tier, Therapie und Kapazitäten der Einrichtung ist der Lebensmittelpunkt des Tieres innerhalb, oder außerhalb der Einrichtung. Innerhalb der Einrichtung ist zum Beispiel die Haltung von Kleinvögeln, oder Fischen denkbar. Dabei muss die Haltung des Tieres die höchsten Anforderungen an artgerechte Haltung erfüllen und durch Experten bestätigt werden. Übernehmen Patienten die tierpflegerischen Tätigkeiten, müssen diese durch das Pflegepersonal überprüft werden. Hunde etwa benötigen als Rudeltiere feste Sozialstrukturen und leben daher i. d. R. bei der Betreuungsperson, die das Rudel ersetzen und dem Tier seine Platz in der Rangordnung zuweisen muss [5, S. 236]. Sozialer Kontakt mit rudelfremden Individuen außerhalb der Therapie ist für den Hund ebenfalls sehr wichtig. Die erfolgreiche Ausbildung zum Therapiehund erfordert von der Bezugsperson, das Verhalten und den Gemütszustand des Hundes unmittelbar erkennen und auf die Therapiefähigkeit überprüfen zu können. Anzeichen für Schmerzen oder auch psychische Störungen können Schmerzlaute, tonloses Stöhnen, Lahmheit, Unruhe, Lecken und Kratzen an Körperstellen, Gewichtsabnahme, struppiges Fell, Fluch oder Fluchtversuche, Aggression und Apathie sein und erfordern die sofortige Therapieunterbrechung [5, S. 234]. Die Betreuungsperson ist auch für den Schutz des Tieres vor möglichen Übergriffen von Patienten verantwortlich.

14 14 4 Psychiatrie- und Tiergestützte Therapie-Erfahrenen Interview 4.1 Methode Für das Interview zu Erfahrungen mit Tiergestützter Therapie hat sich eine Person aus dem Bekanntenkreis des Autors bereit erklärt. Im Rahmen einer Langzeitpsychotherapie, aufgrund einer mittleren bis schweren Depression und einer differenzierten Panikstörung, bekam die Person das Angebot am therapeutischen Reiten (Hippotherapie) teilzunehmen. Das Interview orientiert sich an vorformulierten Leitfragen und soll subjektiv die Erfahrungen, die die Person mit der Therapie gemacht hat darstellen. Die Leitfragen wurden der Person per geschickt und auch mittels beantwortet. Das vollständige Interview ist mit Zeilennummerierung dem Anhang beigefügt. 4.2 Kernaussagen Ziel der Therapie sei eine höhere Selbstsicherheit, eine bessere Selbsteinschätzung der Angst, sowie Verantwortung zu erlernen, gewesen (Z. 17f). Zwar habe sie sich auf die Therapie gefreut, aber gleichzeitig auch Angst vor dem notwendigen Übernehmen einer Führungsrolle gehabt (Z. 27f). Aufgrund des allgemein schlechten psychischen Zustandes sei der erste Kontakt zur Therapie kompliziert verlaufen (Z. 33f). Den richtigen Sitz zu finden sei zunächst schwierig gewesen und habe sich nur langsam verbessert (Z. 40). In der Regel seien zwei Patienten gleichzeitig von einer Reittherapeutin sowie deren Assistenz betreut worden (Z. 56f.). In den späteren Therapiestunden ginge es darum auf das Pferd zu reagieren, es zu leiten und verschieden Übungen auszuprobieren (Z. 63ff). Trotz des Gewinns an Sicherheit und Fertigkeit, habe sie sich nach den Therapiestunden bedingt durch die Führungsart der Therapeutin meistens unwohler gefühlt (Z. 79ff). Aufgrund des Wechsels der Therapiepferde habe sie keine wirkliche Entwicklung in der Beziehung zum Tier gespürt (Z. 93f). Insgesamt seien die Ziele aber in großen Teilen erreicht worden (Z. 138f). Das Konzept Tiergestützter Therapie im Allgemeinen bewertet sie als positiv. Tiere reagierten auf Signale, die man sich selbst dadurch auch wieder bewusster machen könne. Der Umgang mit anderen Spezies könne wie ein Schlüssel zur eigenen "Echtheit" wirken oder zu einer klareren Selbstdefinition führen (Z. 143ff).

15 15 5 Auswertung und Ausblick 5.1 Auswertung Diese Arbeit soll als kleiner Einblick in das Gebiet der Tiergestützten Therapie verstanden werden und kann bei weitem nicht alle Aspekte des Themas aufgreifen. Die zusammengetragenen Fakten belegen aber eindeutig den in der Arbeitsthese vermuteten positiven Zusammenhang zwischen Gesundheitsentwicklung und Kontakt zu Tieren. Tiere können im Rahmen eines therapeutischen Konzeptes auf vielfältige Art und Weise kurativ, oder palliativ auf die Problematik von psychisch erkrankten Menschen einwirken. Insbesondere in der Beziehungsarbeit können sie Menschen helfen Beziehungen zu andere Menschen (leichter) zu zulassen, oder auf zubauen. Es konnte nachgewiesen werden, dass in einzelnen Fällen nur der Kontakt zu einem bestimmten Tier zum Therapieerfolg führt. Dabei darf das Tier nicht als Therapeut sondern viel mehr als Partner, der mit seinen speziellen Ressourcen unterstützend in einer schwierigen Lebensphase begleitet, verstanden werden. Die Erkenntnisse zeigen auch, dass die tiergestützte Therapie nicht grenzenlos einsetzbar ist und auch zu teilweise negativen Erfahrungen führen kann. Genau wie alle anderen Therapien unterliegt auch sie einer strengen Indikation. 5.2 Ausblick Ein Problem der tiergestützten Therapie ist, dass sie zurzeit in Deutschland noch kein geschützter Begriff ist [16]. Daran gilt es zu arbeiten, da die Chancen vermutlich immens sind. Voraussetzung für die Umsetzung der tiergestützten Therapie in der Psychiatrie/ psychiatrischen Pflege ist ein durch wissenschaftliche Expertise fundiertes, in der jeweiligen Institution implementiertes Konzept, dass sowohl das Wohlergehen des Patienten, als auch das des Tieres und des therapeutischen Teams sicherstellt. Der Autor wird das Thema in Zukunft auf jeden Fall weiter verfolgen.

16 16 6 Literatur- und Quellverzeichnis 1. Amberger, S.; Roll, S. C. (2010): Psychiatriepflege und Psychotherapie. 1. Aufl., Stuttgart: Thieme 2. Schädle-Deininger, H. (2010): Fachpflege Psychiatrie. 1. Aufl., Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag 3. Murray, R. B.; Huelskoetter, M. M. W. (1991): Psychiatric/ Mental Health Nursing- Giving Emotional Care. 3. Aufl., East Norwalk: Appleton & Lange 4. Menche, N. (2007): Pflege Heute. 4. Aufl., München: Urban & Fischer 5. Greiffenhagen, S.; Buck-Werner, O. N. (2007): Tiere als Therapie Neue Wege in Erziehung und Heilung. 1. Aufl., Mürlenbach: Kynos 6. Olbrich, E.; Otterstedt, C. (2003): Menschen brauchen Tiere - Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie. 1. Aufl., Stuttgart: Kosmos 7. Ottestedt, C. (2001): Tiere als therapeutische Begleiter Gesundheit und Lebensfreude durch Tiere-eine praktische Anleitung 1. Aufl., Stuttgart: Kosmos Doenges, M. E.; Moorhouse, M. F.; Geissler-Murr, A. C. (2002): Pflegediagnosen und Maßnahmen 3. Aufl., Bern: Verlag Hans Huber

17 17 7 Anhang Interview Aufgrund welcher Erkrankung bist du psychiatrisch behandelt worden? Eine mittel bis schwere Depression und differenzierte Panikstörung. Es gab noch andere Einschätzungen. Aber auf diese wurde ich erstmal behandelt. Wieso und in welcher Phase der Therapie hat man dir das therapeutische Reiten empfohlen? Als ich mich für die Langzeitpsychotherapie entschieden habe und dort angekommen bin, wurde das angesprochen. Gleich beim Aufnahmegespräch mit dem behandelnden Psychiater wurde diskutiert, welche Therapieform für mich in frage käme. Zwar hat er das in seinem Team entschieden, aber er hat da schon abgeklopft, wofür ich generell offen bin. In der Eingewöhnungsphase hatte ich noch keine Hippotherapie. Erst als ich bei Gruppengesprächen dabei war und sich meine Situation für die Therapeuten besser einschätzen lies, wurde dann richtig entschieden, dass ich d zur Förderung der Selbstsicherheit und besseren Selbsteinschätzung bezüglich meiner Angststörung, sowie um Verantwortung zu lernen, die Hippotherapie ausprobieren sollte. Welche Erwartungen bzw. Befürchtungen hattest du vor Beginn der Therapie? Ich habe mich im Vorfeld schon darauf gefreut, mein letztes Reiterlebnis war mehrere Jahre her. Ich habe keine Angst vor Pferden, aber ich reite an sich trotzdem nicht gerne, so wie ich anderen nur ungern sag, was sie zu tun haben. Ich hatte schon Angst mit anderen Leuten so eine Erfahrung zu machen, aber darum ging es auch. Dort war ich quasi in der Pflicht in eine Führungsrolle zu schlüpfe und gleichzeitig konnte ich mich nicht dem entziehen, dass andere evtl. meine Fehler sehen und sie Beurteilen. Wie verlief der Erste Kontakt zu den Pferden und welche Emotionen hattest du dabei? Recht schwierig natürlich, eben ziemlich vorsichtig, meiner Verfassung, meiner massiven Angst nichts nachholen zu können und der mangelnden Vorkenntnis entsprechend. Aber ich mag den Geruch von Pferden, erinnerte auch an zu Hause vor vielen Jahren. Wir sind von einer Plattform aus auf unsere Pferde geklettert, um dann erstmal den Sitz und Rhythmus zu finden. Ich saß auf einer Stute mit ziemlich breitem rücken, das tat weh und ich bin ewig herumgerutscht. Mein Sitz hat sich nur langsam verbessert und war mal wieder schlechter, hat wohl auch ein bisschen meine Grundverfassung gespiegelt.

18 Beim erstkontakt hab ich das Pferd nur zaghaft berührt. Diese Therapiepferde sind ja geduldig, ich saß auch lieber auf den stürmischeren, die ihren eigenen Kopf hatten. Das lenke war trotzdem nicht schwer. Aber die Bahnführung kam auch erst später. Erstmal wurde geschaut, ob es passt. Nach dem ersten treffen hatte ich davor immer ein gewisses Unbehagen vor der Reittherapeutin, die ziemlich auf ihre Pferdedressur stand. Mir macht sowas immer noch Angst. Ich wurde ja aber auch nicht erfolgreich austherapiert. Wie sah eine typische Therapiestunde aus und von wem wurdest du dabei betreut? Wir sind in einer kleinen Gruppe aus verschiedenen Stationen auf einen ein paar Kilometer entfernten Hof gefahren. Dort waren Ställe, Reithalle und Koppeln. Wir durften zum Teil selbst entscheiden in welcher Reihenfolge wir dran waren, manchmal wurden wir auch aufgerufen. Es wurden meist nur zwei Patienten gleichzeitig betreut, weil nur wenige Therapiepferde zur Verfügung standen. Die Plätze waren also auch sehr begehrt und pro Stationen auf 2 Personen beschränkt. Jeder hatte ca. 20 Minuten mit dem Pferd. Die ganze Zeit waren da eine feste Reittherapeutin, die auch im Physiotherapeutenteam des Klinikums integriert war, und einer ihrer Assistenten, entweder vom Reiterhof selbst oder Leute, die noch in dieser Ausbildung waren. Am Anfang ging es eher darum einen guten Sitz und Rhythmus mit dem Pferd zu finden, womit man manchmal die ganze Zeit verbracht hat. Dann wurden verschiedene Reitgeschwindigkeiten "ausprobiert", wo es schon eher darum ging auf das Pferd zu reagieren und einzugehen. Auch mussten wir die Pferde in bestimmte Richtungen lenken lernen. Und es gab verschiede "Figuren" die wir an bzw. auf dem Pferd währenddessen praktizieren sollten, z.b. auf dem Pferd knien oder stehen, von einer Seite des Pferdes zur anderen schwingen. Es wurde schon auch darauf eingegangen was wir uns zutrauten, aber probieren sollten wir alles. Im Grunde hat die Reittherapeutin die ganze Zeit geredet, das hat mich anfangs irritiert. Sie hat viel von ihren Dressurpferden erzählt, über die Tageskondition der Therapie-Pferde, aber fast nichts davon schien direkt für die Therapie relevant zu sein. Sie hat zwar Bemerkungen zu Beobachtungen unserer Fort- oder Rückschritte abgegeben, aber es schien nur um den Kontakt Patient-Pferd zu gehen. Wie hast du dich nach den Therapiestunden gefühlt, gab es regelmäßig Erfolge oder auch Rückschritte? Ich habe mich danach meist unsicherer und unwohler gefühlt als vorher. Wenn ich mal nicht richtig in den Sitz kam, hat mich das sehr runtergezogen. Wenn die Reittherapeutin die Regungen des Pferdes vor mir bemerkte, und ihren quasi "Heimvorteil" hervorgehoben hat, hat mich das sehr runtergezogen. Ich habe dieses Unerfahrenheitsgefühl und die scheinbare "Dominanzlust" der Therapeutin empfindlicher aufgenommen, als die Kommunikation mit dem Pferd. Darum kann ich auch nicht von einem bewussten Fortschritt reden. Ich habe zwar an Sicherheit und Fertigkeit gewonnen, aber ich hatte ja auch noch nie Angst vor Pferden. Wie vorher schon erwähnt gab es auch Rückschritte, Tage an denen ich unsicherer wurde, was sich allerdings auch einordnen lies in meine Gesamtverfassung.

19 Gab es eine Entwicklung in der Beziehung zum Pferd und wie hast du das Pferd wahrgenommen? Da man auch auf unterschiedlichen Pferden saß, lässt sich das nicht gut beurteilen, noch weniger da diese Pferde darauf dressiert sind viel auszuhalten und auf bestimmte Motetten nicht einzugehen. Ich habe einen sichereren Umgang in der Reittechnik und etwas Gespür zur Führung des Pferdes bekommen. Ich habe zwar das Pferd als Hauptbestandteil meiner Therapie verstanden, aber es gab keine spürbare Verbindung bzw. Entwicklung, zumindest nichts was ich wahrnehmen konnte. Es war mehr ein sehr geduldiges Testobjekt, ich kam nicht dazu Dinge zu tun, die dem Pferd guttun, oder seine Tagesstimmung einzuschätzen. Eigentlich waren da der Zeitfaktor, die Art der Therapie bzw. der Fokus der Therapie die mich nicht zu einem bewussten Ziel geführt haben. Ich hielt den Aufbau auch da schon für optimierungsbedürftig. Wann und mit welcher therapeutischen Beurteilung endete die Therapie? Es gab keinen ergebnisgezielten Abschluss meiner Reittherapie. Mit Beendigung meines Aufenthalts in der Klinik hörte auch die Reittherapie einfach auf. Ich hätte auch noch mehr Expertise im Umgang mit den Pferden bekommen können. Aber das eigentliche Ziel, eine Rückgewinnung von Selbstsicherheit und Vertrauen auf die eigene Wahrnehmung, auch das Sammeln von Erfolgserlebnissen, wurde im gesamttherapeutischen Verlauf, trotz notweniger Weiterbehandlung, schon auch erreicht. Ich kann nicht genau sagen, welchen Anteil die Reittherapie daran hatte. Es waren wie gesagt auch viele Negativ-Erlebnisse dabei, aber die sind es ja meistens die uns formen und stark machen, uns klarer machen. Es gab ein Verabschiedungsgespräch, bei dem die Reittherapeutin einen Erfolg im Umgang mit den Pferden herausgestellt hat. Ich selbst war nicht so zufrieden. Wie beurteilst du die Therapie im Nachhinein hat sie dir etwas gebracht? Zur Zeit der Therapie war ich im Grunde noch viel zu sehr hinter dichten Nebelmauern, um das Potential einer solchen Möglichkeit auszuschöpfen. Ich wollte zwar alles probieren, was mir helfen könnte, aber ohne die Kraft, alles gezielt umsetzen zu können. Aber darum ging es auch nicht, die Erfolge der Therapie in alles andere umsetzen zu können, auch wenn mich das da verwirrt und erstmal runtergezogen hat. Wichtig war vieles daran, das Gegenüber mit Pferden ist ein ganz anderes als mit Menschen. Egal ob man Pferde liebt oder nicht, ob man sie für dumm hält oder nicht, Sie reagieren auf Signale, die man sich selbst dadurch auch wieder bewusster machen kann. Die Therapie fordert eine Willensbildung, eine Durchsetzung der eigenen "Signale". Menschen mit Depressionen, verschwinden langsam in ihrer Signalarmut, es fällt einem schwerer Entscheidungen zu treffen und seinen Willen zu formulieren, überhaupt seinen eigenen Willen anzuerkennen. Aber auch das, den eigenen "Unwillen", kann man in dieser Therapie bewusster umsetzen, sehen was passiert. Es ist wichtig das auch außerhalb der gewohnten Gruppe und Umgebung zu tun. Man stellt fest, dass man auch anderswo existiert, und wenn man an einen Therapieerfolg glaubt, stellt man vielleicht auch fest wie man sich selbst dadurch verändert oder verändern kann. Den meisten in meiner

20 Gruppe haben die Reittherapiestunden schneller und konkreter geholfen als mir, aber mir wurde irgendwann bewusst dass es sich trotzdem auch für mich gelohnt hat. Was hältst du allgemein von tiergestützter Therapie? Eine Super Sache, wenn man die Bedingungen für die Tiere optimal gestaltet! Es kann da ja um vieles gehen für die Patienten, Selbstsicherheit erlangen, Gefühl von Nähe und Erfolge, Willensbildung und Kommunikation, Selbstkontrolle, einen sensiblen Umgang mit anderen Lebewesen lernen. Ich finde das spielt sich oft auf einer existenziellen Ebene ab - Menschen sind ja meistens unter sich, sie leben wenn dann mit Haus- oder Nutztieren. Wenn man in einer ungesunden Verfassung ist und sich selbst fremd fühlt, fühlt man sich meist auch unwohl in der Nähe anderer Menschen, aus vielen verschiedenen Gründen. Dann ist der Umgang mit anderen Spezies wie ein Schlüssel zur eigenen "Echtheit" oder zu einer klareren Selbstdefinition. Da sind die Unterschiede erkennbarer, markant, und doch gibt es Kommunikation, Kommunikation die dann leichter zu bewältigen sein kann als die zu anderen Menschen, die dann auch emotional besser greifen kann, was ungemein wichtig ist. Man sollte auch sehr darauf achten, dass, auch wenn der Fokus auf der Beziehungsgestaltung von Patient und Tier ist, der Therapeut sensibel auf die individuelle Situation des Patienten eingehen kann. Ich glaube es besteht die Gefahr, dass beide sich auf das Tier konzentrieren ohne eine adäquate gemeinsame Ebene zu finden. Im Idealfall ist es ein gegenseitiges Stützen. Wenn das der Fall ist, kann man dabei erstaunliche Erfolgserlebnisse erzielen, denke ich.

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