Peter Knauer SJ DER GLAUBE KOMMT VOM HÖREN. Ökumenische Fundamentaltheologie

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1 Peter Knauer SJ DER GLAUBE KOMMT VOM HÖREN Ökumenische Fundamentaltheologie

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3 Peter Knauer SJ DER GLAUBE KOMMT VOM HÖREN Ökumenische Fundamentaltheologie Herder Freiburg Basel Wien

4 IMPRIMI POTEST Coloniae, Rolf D. Pfahl SJ Praep. Prov. Germ. Sept. CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek: Knauer, Peter: Der Glaube kommt vom Hören: Ökumenische Fundamentaltheologie / Peter Knauer. 6., neubearb. und erw. Aufl. Freiburg (im Breisgau); Basel; Wien: Herder, 1991 ISBN X Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany Verlag Herder Freiburg im Breisgau 1991 ISBN X

5 INHALTSVERZEICHNIS Vorwort...[9] 9 Abkürzungen... [11] 11 Einleitung: Begriff, Methode und Aufbau einer Ökumenischen Fundamentaltheologie... [15] Zum Begriff... [15] Zur Methode... [17] Zum Aufbau... [20] 20 ERSTER HAUPTTEIL: DER INHALT DER CHRISTLICHEN BOTSCHAFT... [22] Die Bedeutung des Wortes»Gott«... [26] Der Begriff der Geschöpflichkeit... [30] Aufweis der Geschöpflichkeit... [43] Vergleich mit den herkömmlichen Gottesbeweisen... [56] Weitere Entfaltung des Begriffs der Geschöpflichkeit... [61] Zu anderen Auffassungen und Einwänden... [71] Die Bedeutung von»wort Gottes«... [83] »Gesetz«als Wort Gottes im»uneigentlichen«sinn... [91] »Evangelium«als Wort Gottes im»eigentlichen«sinn... [113] Das trinitarische Gottesverständnis... [114] Menschwerdung des Sohnes... [130] Die Mitteilung des Heiligen Geistes... [154] Der auf das Wort Gottes gerichtete Glaube... [159] Der»anonyme Glaube«... [159] Der»christliche Glaube«... [162] Zur Begriffsbestimmung von Glaube... [164] Der Glaube als Handeln Gottes am Menschen... [168] Der Glaube als des Menschen eigener Glaube... [188] Das Gebet als Vollzug des Glaubens... [198] Das Handeln des Menschen aus Glauben... [204] Ergebnis: Gott Wort Glaube... [208] Die Vollmacht der christlichen Botschaft... [209] Die Unfehlbarkeit des Glaubens... [212] Die Übereinstimmung aller Glaubenden im Glauben... [216] 212

6 6 Inhaltsverzeichnis ZWEITER HAUPTTEIL: DIE STRUKTUREN DER WEITERGABE DER CHRISTLICHEN BOTSCHAFT... [227] Die Begegnungsweise der christlichen Botschaft... [227] Die christliche Botschaft als»zeugnis«... [229] Die»Sakramentalität«der christlichen Botschaft... [240] Die Normen für die Begegnung mit dem»wort Gottes«... [255] Die»Heilige Schrift«... [259] Die Unterscheidung von»altem«und»neuem Testament«[259] Die Autorität der Heiligen Schrift: ihre»inspiration«und ihre»irrtumslosigkeit«... [270] Der Kanon der Heiligen Schrift... [279] Die»Überlieferung«... [287] Das Verhältnis von Schrift und Überlieferung... [287] »Schrift und Überlieferung«oder»die Schrift allein«?... [291] Das»lebendige Lehramt«... [297] Das»gemeinsame«und das»besondere Lehramt«... [298] Die»ordentliche«und die»außerordentliche«wahrnehmung des»besonderen Lehramts«... [306] Die Autorität des»besonderen Lehramtsin Dingen des Glaubens und der Sitten«... [310] Luthers Infragestellung des»besonderen Lehramts«... [333] Ergebnis: Gegen ein positivistisches Mißverständnis der Normen des christlichen Glaubens... [337] 330

7 Inhaltsverzeichnis 7 DRITTER HAUPTTEIL: DIE VERANTWORTBARKEIT DER GLAUBENSZUSTIMMUNG ZUR CHRISTLICHEN BOTSCHAFT... [342] Voraussetzungen des Glaubens... [343] Das»Wort Gottes«als Voraussetzung des Glaubens... [345] Der Mensch als Voraussetzung des Glaubens... [348] Die Glaubens-Würdigkeit der Glaubensverkündigung... [352] Die Alternative von Glaube und Unglaube... [353] Die verschiedene Verstehbarkeit der Glaubensverkündigung im voraus zur Glaubenszustimmung und in der Glaubenszustimmung selbst... [358] Glaubensbegründung durch»weissagungen«und»wunder«[367] Der Ausschluß von Rationalismus und Fideismus... [384] Das Verhältnis der Glaubenszustimmung zu anderen Lebensvollzügen... [393] Glaube und Denken... [394] Das allgemeine Verhältnis von Glaube und Vernunft... [394] Das Verhältnis von Glaube und Wissenschaft: Theologie... [401] Glaube und Machtausübung... [407] Ergebnis: Die Kirchlichkeit dieses Glaubensverständnisses... [412] 403 Zusammenfassende Thesen... [421] 412 Verzeichnis von Rezensionen und Stellungnahmen... [431] 423 Register... [435] Bibelstellen... [435] Denzingerstellen (DS)... [437] Texte des II. Vatikanums... [437] Namen... [438] Sachen... [441]

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9 9 VORWORT Dieses theologische Lehrbuch soll über den christlichen Glauben Rechenschaft geben. Es handelt sich um einen»grundkurs«im Sinn des Vorschlags von KARL RAHNER, Schriften zur Theologie VI, Einsiedeln-Zürich-Köln 1965, 149ff. Gegenüber Rahners eigenem Grundkurs (Freiburg-Basel-Wien 1976) soll die Worthaftigkeit der Offenbarung stärker zur Geltung gebracht werden. Gemeinschaft mit Gott kann man nicht an der Welt ablesen, sondern muß sie gesagt bekommen und kann sie nur im Glauben als wahr erkennen. In vielfacher Hinsicht bin ich für diesen Ansatz dem Werk Gerhard Ebelings verpflichtet. Als theologischer Grundkurs hat das Buch den Charakter einer»grammatik«für die Sprache des Glaubens. Es weist von sich weg auf die Fülle der Glaubensüberlieferung selbst, die mit gegenwärtiger Erfahrung in Beziehung gesetzt werden will. Dazu ist es notwendig, in der Gemeinschaft der Glaubenden mit der Heiligen Schrift vertraut zu werden. Der christliche Glaube läßt sich nicht in das mitgebrachte menschliche Vorverständnis einordnen, sondern geht seinerseits auf dieses Vorverständnis kritisch und umwandelnd ein. Erst in einer relationalen Ontologie wird man im Denken den Aussagen der christlichen Botschaft gerecht. Mit Hilfe der Kategorien einer neu entfalteten relationalen Ontologie kann dieses Buch dann ausgehend von der katholischen Lehre zwischen den verschiedenen theologischen Sprachen dolmetschen lehren und so der Verständigung zwischen katholischer und reformatorischer, insbesondere lutherischer Theologie dienen. Es läßt sich zeigen, daß die vermeintlichen Glaubensdifferenzen auf Sprachdifferenzen beruhen. Nur fundamental werden auch die Anliegen der Ostkirchen aufgenommen durch die Rückführung des Glaubens auf seine trinitarisch-inkarnatorisch-pneumatologische Struktur und durch die Hinweise zum Thema der Communio in der»übereinstimmung aller Glaubenden im Glauben«. In einem fachtheologischen Lehrbuch ist es notwendig, auch in die manchmal komplizierte und nicht immer sehr geeignete Begrifflichkeit vergangener Zeiten einzuführen und ihren richtigen Sinn zu erläutern. Zwischen den Zeiten dolmetschen zu lernen, könnte Einübung in eine dem christlichen Glauben gemäße Gesprächskultur sein und so überhaupt der Verständigung unter den Menschen dienen. Nach den einzelnen Kapiteln stehen Verständnisfragen zur Selbstkontrolle für die Studierenden. Auch die zusammenfassenden Thesen am Schluß des Buches sollen eine kritische Auseinandersetzung mit der dargestellten Sicht erleichtern. Ebenfalls der kritischen Auseinandersetzung dienen in den Fußnoten manche

10 10 Vorwort Zitate aus bisherigen Rezensionen und der Versuch einer Antwort. Der Autor wünscht sich genaue Leser. Die erste Auflage dieses Buches war 1978 im Verlag Styria (Graz-Wien- Köln) erschienen. Dort wären damals die Kosten für den erforderlichen Neusatz der überarbeiteten zweiten Auflage sehr hoch gewesen; das Buch wäre für Studenten fast unerschwinglich geworden. Ich habe mir deshalb die Verlagsrechte zurückgeben lassen. Die zweite (1981) bis fünfte Auflage (1986) wurden vom Schreibmaschinenmanuskript im Foto-Offset-Verfahren gedruckt. Ab der dritten Auflage wurde das Buch vom Verlag Schadel (Bamberg) übernommen. Zur Neubearbeitung für die sechste Auflage nunmehr bei Herder (Freiburg im Breisgau) wurde das Textsystem WordPerfect 5.0 benutzt; meine Laservorlage wird wieder im Foto-Offset-Verfahren gedruckt. Für die Eingabe des ursprünglichen Textes in den Computer danke ich Gabi Hövelmann sowie Hans Clausen und Markus Poltermann, für Korrekturlesen Herbert Rieger und Andreas Leblang, für die Betreuung im Verlag Peter Suchla. Besonderer Dank gilt allen, welche die Entstehung dieser Fundamentaltheologie seit 1969 in Vorlesungen und Seminaren an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main mit kritischem Interesse und mancher Ermutigung begleitet haben. Für seine Verbreitung wird dieses Buch weiterhin vor allem auf die Empfehlung derer angewiesen sein, die es als hilfreich für ihr eigenes Glaubensverständnis erfahren haben. Der theologische Ansatz dieses Buches liegt in einfacherer Form auch vor in PETER KNAUER,»Unseren Glauben verstehen«, Echter, Würzburg 1986, (ISBN ); spanisch»para comprender nuestra fe«, Universidad Iberoamericana / Librería Parroquial de Clavería, México, D. F., 1989 (ISBN ); portugiesisch»para compreender nossa Fé«, Edicões Loyola, São Paolo 1989 (ISBN X). Frankfurt am Main,

11 11 ABKÜRZUNGEN ZEITSCHRIFTEN, SAMMELWERKE, HANDBÜCHER AAS Acta Apostolicae Sedis (Roma) AHC Annuarium historiae conciliorum (Paderborn) AHSJ Archivum historicum Societatis Jesu (Roma) ADCOV.P Acta et Documenta Concilio Oecumenico Vaticano II apparando, Series II (Praeparatoria) (Roma) ASSCOV Acta Synodalia Sacrosancti Concilii Oecumenici Vaticani II (Roma) Bijdr. Bijdragen (Nijmegen) BiLe Bibel und Leben (Düsseldorf) BSLK Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, hrsg. v. Deutschen Evangelischen Kirchenausschuß (Göttingen ) Cath(M) Catholica (Münster) CChr.SL Corpus Christianorum, Series Latina (Turnhout) CIC Codex Iuris Canonici CivCatt La Civiltà Cattolica (Roma) Conc(D) Concilium, Internationale Zeitschrift für Theologie (Einsiedeln) CT Concilium Tridentinum, Diariorum, Actorum, Epistularum, Tractatuum nova Collectio, edidit Societas Goerresiana (Freiburg 1901ff) DBS Dictionnaire de la Bible, Supplément (Paris) DS H. DENZINGER, A.SCHÖNMETZER, Enchiridion Symbolorum, Definitionum et Declarationum de rebus fidei et morum (Barcelona ) DtPfrBl Deutsches Pfarrerblatt (Stuttgart) EK Evangelische Kommentare (Stuttgart) EnchB Enchiridion biblicum Documenta ecclesiastica Sacram Scripturam spectantia (Roma ) EThL Ephemerides Theologicae Lovanienses (Leuven) EvTh Evangelische Theologie (München) FZPhTh Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie (Freiburg / Schweiz) GuL Geist und Leben (Würzburg) HerKorr Herder-Korrespondenz (Freiburg) HFTh Handbuch der Fundamentaltheologie, hrsg. v. Walter Kern, Hermann Josef Pottmeyer, Max Seckler, 4 Bde. (Freiburg ) HThR The Harvard Theological Revue (Cambridge, Mass.) JES Journal of Ecumenical Studies (Philadelphia) KuD Kerygma und Dogma (Göttingen) KuM Kerygma und Mythos, hrsg. v. Hans Werner Bartsch (Hamburg-Volksdorf) LebZeug Lebendiges Zeugnis (Paderborn)

12 12 Abkürzungen LThK 2 Lexikon für Theologie und Kirche, 2. Auflage (Freiburg 1957ff) LM Lutherische Monatshefte (Hamburg) Mansi J. D. MANSI, Sacrorum conciliorum nova et amplissima collectio, Neudr. u. Forts. hrsg. v. L. PETIT u. J. B. MARTIN (Paris 1899ff) MHSJ Monumenta historica Societatis Jesu (Madrid, Roma) MThZ Münchener Theologische Zeitschrift (München) MySal Mysterium Salutis, Grundriß einer heilsgeschichtlichen Dogmatik, hrsg. v. J. FEINER u. M. LÖHRER (Einsiedeln 1965ff) NHThG Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe, hrsg. v. PETER EICHER, 4 Bde. (München 1984f) NRTh Nouvelle Revue Théologique (Tournai) NTS New Testament Studies (Cambridge) ÖR Ökumenische Rundschau (Stuttgart) Orient. Orientierung (Zürich) PG Patrologiae cursus completus, Series graeca, accurante J. P. MIGNE (Paris 1844ff) PHJ Philosophisches Jahrbuch der Görres-Gesellschaft (Freiburg-München) PL Patrologiae cursus completus, Series latina, accurante J. P. MIGNE (Paris 1844ff) PRMCL Periodica de re morali, canonica, liturgica (Roma) RevSR Revue des Sciences Religieuses (Strasbourg) RGG 3 Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Auflage (Tübingen 1957ff) RSR Recherches de Science Religieuse (Paris) RTL Revue Théologique de Louvain (Louvain-la-Neuve) Sal Salesianum (Torino) Schol Scholastik (Freiburg) SHAW.PH Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (Heidelberg) SM(D) Sacramentum Mundi, Theologisches Lexikon für die Praxis (Freiburg 1967ff) StZ Stimmen der Zeit (Freiburg) TGA theologie der gegenwart (Frankfurt) ThAk Theologische Akademie (Frankfurt) ThGl Theologie und Glaube (Paderborn) ThLZ Theologische Literaturzeitung (Leipzig) ThPh Theologie und Philosophie (Freiburg) ThPQ Theologisch-praktische Quartalschrift (Linz) ThPr Theologia Practica (Hamburg) ThQ Theologische Quartalschrift (Tübingen) ThRv Theologische Revue (Münster)

13 Abkürzungen 13 TS TTh TThZ WA WA.DB ZEE ZKTh ZThK ZZ Theological Studies (Woodstock, Md.) Tijdschrift voor Theologie (Nijmegen) Trierer Theologische Zeitschrift (Trier) M. LUTHER, Werke, Kritische Gesamtausgabe (»Weimarer Ausgabe«) (Weimar 1883ff) dasselbe, Deutsche Bibel Zeitschrift für evangelische Ethik (Gütersloh) Zeitschrift für Katholische Theologie (Wien) Zeitschrift für Theologie und Kirche (Tübingen) Zwischen den Zeiten (München) TEXTE DES I. UND II. VATIKANUMS AA Dekret über das Laienapostolat (Apostolicam actuositatem) DF Dogmatische Konstitution»Dei Filius«über den katholischen Glauben DH Erklärung über die Religionsfreiheit (Dignitatis humanae) DV Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung (Dei Verbum) GS Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute (Gaudium et spes) LG Dogmatische Konstitution über die Kirche (Lumen gentium) NA Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen (Nostra aetate) PA Erste dogmatische Konstitution»Pastor aeternus«über die Kirche Christi UR Dekret über den Ökumenismus (Unitatis redintegratio)

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15 15 EINLEITUNG: BEGRIFF, METHODE UND AUFBAU EINER ÖKUMENISCHEN FUNDAMENTALTHEOLOGIE 1. ZUM BEGRIFF: Glauben im Sinn der christlichen Botschaft bedeutet: zu Jesus Christus gehören und von seinem Heiligen Geist erfüllt sein (vgl. Hebr 3,14 und 6,4), d. h. sich so in Gottes Liebe geborgen wissen, daß man nicht mehr aus der Angst um sich selbst leben muß. Dieser Glaube will an jedermann weitergegeben werden (vgl. Mt 28,19; Apg 4,20; Röm 10,10). Deshalb gehört zum Glauben die Bereitschaft, über ihn Rechenschaft zu geben (vgl. 1 Petr 3,15). Wenn es aber überhaupt möglich ist, den christlichen Glauben zu verantworten, dann muß dies daraufhin auch in wissenschaftlicher Weise geschehen können. Unter Theologie ist das Bemühen zu verstehen, den christlichen Glauben wissenschaftlich zu verantworten. In methodisch geordneter Weise soll der Glaube im Zusammenhang mit dem gesamten Wirklichkeitsbewußtsein bedacht werden. Die Aufgabe der Theologie ist historisch und systematisch. Sie muß feststellen, was die historisch begegnende christliche Botschaft wirklich sagt, und sie muß fragen, wie diese Botschaft sich im Sinn des Glaubens konsistent verstehen läßt. Historisch geht es darum, was die christliche Botschaft behauptet; systematisch geht es um die Wahrheit dieser Behauptung. Zur Wissenschaftlichkeit der Theologie gehört vor allem, daß sie sich den Anfragen und Einwänden anderer Wissenschaften auf deren eigenem Feld stellt. Deshalb muß Theologie auch auf die Fachsprachen anderer Wissenschaften eingehen können. Dennoch wird sie selbst um so wissenschaftlicher sein, je mehr es ihr gelingt, ihre eigenen Aussagen nicht nur fachsprachlich, sondern auch allgemeinverständlich und in schlichter Alltagssprache zu formulieren; sie müssen nur jede noch so kritische Prüfung aushalten können. Gerade um der gegenwärtigen Verantwortung des Glaubens willen gehört es ferner zur theologischen Bildung, die Begrifflichkeit früherer Glaubensverantwortung zu kennen und übersetzen zu können. Ziel wissenschaftlicher Verantwortung des Glaubens ist es letztlich, einer klareren heutigen Verkündigung zu dienen. Den einzelnen Gläubigen soll dabei nicht von den Theologen die eigene Verantwortung des Glaubens abgenommen werden, wohl aber sollen ihnen Umwege und Mißverständnisse erspart werden. Fundamentaltheologie fragt nach dem Fundament des christlichen Glaubens. Worum geht es beim Glauben im Grunde? Wie verhalten sich Glaubensinhalt und Glaubensakt zueinander, d. h. was macht es für das Verständnis des Glaubensinhaltes aus, daß er als wahr nur in einer vom Heiligen Geist getragenen Erkenntnis erfaßt werden kann? Welcher Art ist die Gewißheit des Glaubens, und worauf gründet er sie? Was setzt der Glaube als seinen Anknüpfungspunkt

16 16 Einleitung im Menschen voraus? Welche Voraussetzungen des Glaubens sind nur innerhalb des Glaubens selbst zugänglich, und welche können auch abgesehen von der Glaubenszustimmung erkannt werden? Welche vermeintlichen Selbstverständlichkeiten erschweren das Verständnis des Glaubens, und mit welchen Argumenten ist ihnen zu begegnen? Worin bestehen weiter die Auswirkungen des Glaubens auf das menschliche Verhalten? Und wie kann schließlich der Glaube nicht nur gegenüber bereits Glaubenden, sondern vor jedem Menschen verantwortet werden? Wie ist also Glaube von Aberglauben zu unterscheiden? Woran ist umgekehrt zu erkennen, daß etwas keinen Glauben verdient, ja im christlichen Verständnis gar nicht geglaubt werden kann? Die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Vernunft stellt nicht erst eine neuzeitliche Errungenschaft dar, sondern ist von Anfang an mit dem Wesen des Glaubens selbst mitgegeben, wenn er allgemein verkündbar sein soll. In einem weiteren Reflexionsgang fragt Fundamentaltheologie auch nach der Theologie im ganzen und nach dem Verhältnis ihrer einzelnen Fächer zueinander. Worin besteht die Einheit der Theologie, und welcher Art ist ihre Wissenschaftlichkeit? Die Christenheit erscheint im Verständnis des Glaubens gespalten. Diese Tatsache steht einer allgemeinverständlichen Verantwortung des Glaubens hindernd entgegen. Es ist deshalb notwendig, auch diesen Verstehensdifferenzen auf den Grund zu gehen. Es soll aber nicht an die Stelle der verschiedenen Sprachen desselben Glaubens eine einzige Sprache treten. Vielmehr ist nur zu zeigen, wie die verschiedenen Sprachen des Glaubens ineinander zu übersetzen sind. Für eine Verständigung zwischen den Christen kann man sich allerdings nicht auf einen neutralen Standpunkt jenseits der Verschiedenheiten stellen. Die jeweilige Glaubensgemeinschaft gehört selbst zu dem Glauben, der zu verantworten ist. Im Folgenden soll eine Ökumenische Fundamentaltheologie 1 aus katholischer Sicht vorgelegt werden. Nach dem offiziellen Verständnis der katholischen 1 HARALD WAGNER, Einführung in die Fundamentaltheologie, Darmstadt 1981, 45, meint, das Wort»ökumenisch«im Titel des vorliegenden Werkes sei»etwas irreführend. Gemeint ist nach Auskunft der,einleitung, daß sich dieses Buch auch anderen Theologen, solchen außerhalb des katholischen Raumes, verpflichtet weiß«. In Wirklichkeit ist gemeint, daß der relational-ontologische Ansatz dieses Buches die konfessionellen Differenzen insbesondere zwischen den reformatorischen und der katholischen Kirche, aber auch zwischen dieser und den orthodoxen Kirchen von der Wurzel her verständlich machen und zwischen ihnen dolmetschen will. Zum Verständnis des Anliegens reformatorischer Theologie ist die Einsicht entscheidend, daß keine geschaffene Qualität Gemeinschaft mit Gott begründen kann; gegenüber orthodoxer Theologie ist darauf zu verweisen, daß Gemeinschaft mit Gott nur im Heiligen Geist möglich ist, der Personen miteinander verbindet.

17 Einleitung 17 Kirche besteht zwischen allen, die an Jesus Christus glauben, eine»wahre Verbindung im Heiligen Geist«2. Damit scheint eine bereits bestehende Einheit aller Glaubenden ausgesagt zu sein, die durch die Verständigungsbemühung nicht überboten werden kann, sondern nur ausdrücklich nachzuvollziehen ist. Deshalb wird eine katholische Fundamentaltheologie bereit sein müssen, von anderen Theologien zu lernen 3. Sie wird wesentlich ökumenisch sein und der Verständigung mit den anderen christlichen Kirchen zu dienen suchen. In der Tat hat das aus dem Griechischen stammende Wort»katholisch [καθολικος = καθ ολην την γην = über die ganze Erde hin]«dem Wortsinn nach dieselbe Bedeutung wie»ökumenisch (= den bewohnten [οικουµενη] Erdkreis betreffend)«. Es bedeutet»das Ganze betreffend«,»allumfassend«,»allgemein«. Deshalb ist das Wort»katholisch«nicht nur als faktische Selbstbezeichnung unserer Kirche, sondern als Normbegriff für sie zu verstehen: Der Anspruch einer Kirche auf»katholizität«ist durch eine allgemeinverständliche und allgemeinverbindliche, also alle angehende Verkündigung einzulösen. Es muß deutlich werden, daß der christliche Glaube nicht aus nur partikulären Gründen wie Kultur und Rassenzugehörigkeit notwendig ist, sosehr er auch für jede einzelne Kultur als sie betreffend aussagbar sein muß. Welche Bedeutung kommt dem christlichen Glauben für das Menschsein des Menschen und damit für jeden Menschen zu? 2. ZUR METHODE: Für gewöhnlich wird es als die Aufgabe der Fundamentaltheologie angesehen, die christliche Botschaft vor der Vernunft»plausibel«zu machen. Unsere Methode ist dieser herrschenden Auffassung genau entgegengesetzt. Ausgehend von der Begegnung mit der christlichen Botschaft suchen wir zunächst zu zeigen, daß ihr Anspruch,»Wort Gottes«zu sein, sich keineswegs problemlos mit der Bedeutung des Wortes»Gott«vereinbaren läßt. Angesichts der fundamentalen Nichtselbstverständlichkeit dieses Anspruchs befragen wir sodann die christliche Botschaft erneut, ob sie darauf antworten kann. Sie wird sich als die einzige Botschaft erweisen, die durch ihren Inhalt in der Lage ist, den an sich höchst problematischen Anspruch,»Wort Gottes«zu sein, verständlich zu machen. Die Methode der Fundamentaltheologie ist letztlich vom Anspruch der christlichen Botschaft selbst her zu bestimmen. Auf seiten der Vernunft wird nur vorausgesetzt, daß keine logischen Widersprüche zugelassen werden dürfen. Denn die Zulassung logischer Widersprüche in irgendeinem Bereich ließe das Denken insgesamt der Beliebigkeit und Willkür anheimfallen 4. 2 II. Vatikanum, LG Vgl. II. Vatikanum, UR 4,9. 4 Aus einem logischen Widerspruch folgt jede beliebige Aussage; denn»a und Nicht-A

18 18 Einleitung Die christliche Botschaft versteht sich selbst als göttliche Offenbarung und damit als das letzte Wort über alle Wirklichkeit. Deshalb wollen Glaubensaussagen immer in einem unüberbietbaren Sinn verstanden werden. Aussagen in bezug auf Gott sind nur als unüberbietbare Aussagen sinnvoll 5. Sie lassen keine Stufung, weder Abschwächung noch weitere Steigerung zu. Die einzelnen Glaubensaussagen verhalten sich daher auch nicht additiv ergänzend zueinander, sondern wollen immer als Entfaltung ein und derselben Grundwirklichkeit, nämlich der Selbstmitteilung Gottes in mitmenschlichem Wort verstanden werden. Doch wie läßt sich die unverfälschte christliche Botschaft und ihr wirklicher Sinn erheben? Formal ist für die Christlichkeit von Glaubensaussagen ihre Bindung an ihren historischen Ursprung konstitutiv. Dementsprechend lautet für den christlichen Glauben ein umfassender Grund-Satz, dem man nicht genug nachdenken kann:»der Glaube kommt vom Hören, das Hören aber vom Wort Christi.«(Röm 10,17) Wenn man die Begriffe»Glauben«und»Hören«in diesem Satz aufeinanderzu interpretiert, gewinnt er seine kritische Bedeutung, die es erlaubt, eventuelle Verfälschungen und Mißverständnisse auszufiltern. Auf der einen Seite kann im christlichen Sinn nichts geglaubt werden, wofür man nicht darauf angewiesen ist, es von anderen Menschen gesagt zu bekommen. Dinge, auf die man von sich aus verfällt, kommen als Glaubensgegenstand nicht in Frage. Man kann den christlichen Glauben nur aus einer Überlieferung empfangen, die aller eigenen Initiative bereits vorgegeben ist. Andererseits kann aber für christliches Glauben auch nur eine solche Überlieferung verbindlich sein, deren Wahrheit jedenfalls anders als im Glauben nicht zugänglich ist. Überlieferungen, denen man auch anders als in der Weise des Glaubens gerecht werden kann, scheiden als Glaubensgegenstand aus. Als impliziert B«ergibt sich aufgrund der logischen Kontrapositionsregel aus»nicht-a und Nicht-B impliziert Nicht-A«. Vgl. PAUL LORENZEN, Formale Logik, Berlin 1970, 37. Sehr anschaulich ist die Darstellung von THEODOR G. BUCHER, Das Prinzip der Widerspruchsfreiheit als Grenze der Toleranz, in: ZKTh 99 (1977) Dies ist eine theologische Denkform, die am deutlichsten von ANSELM VON CANTERBURY ( ) entfaltet worden ist. Für ihn ist Gott»etwas, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann [aliquid quo nihil maius cogitari possit]«(proslogion 2 [I, 101, 5]); ja er formuliert in einem Gebet:»Herr, du bist also nicht nur das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, sondern du bist etwas Größeres als gedacht werden kann [Ergo Domine, non solum es quo maius cogitari nequit, sed es quiddam maius quam cogitari possit]«(proslogion 15 [I, 112, 14]). GERHARD GÄDE, Eine andere Barmherzigkeit Zum Verständnis der Erlösungslehre Anselms von Canterbury, Würzburg 1989, hat überzeugend nachgewiesen, daß die Denkform der Unüberbietbarkeit nicht nur die Gotteslehre Anselms, sondern auch seine Erlösungslehre prägt, die nur von daher richtig interpretiert werden kann.

19 Einleitung 19 christlicher Glaubensgegenstand kommt nur das in Frage, was man außerhalb des Glaubens weder begründen noch widerlegen kann und demgegenüber man auch nicht mit nachweisbarem Recht definitiv unentschieden bleiben kann. Ein wirklicher Glaubensgegenstand darf zwar nicht auf dem Feld der Vernunft entscheidbar sein; aber es muß mit Vernunftargumenten bestritten werden können, daß man ihn deshalb für überhaupt unentscheidbar halten dürfe. Durch das Filter dieser gegenseitigen Zuordnung von Glauben und Hören gelangt nur die unverfälschte christliche Botschaft. Sie führt selbst dieses Kriterium mit sich und läßt sich dadurch rein erhalten. Damit kann ein häufig anzutreffender Einwand beantwortet werden: Das Christentum begegne in so verschiedenen und zum Teil gegensätzlichen Formen und unter den Theologen selbst bestehe solche Uneinigkeit, daß sich der Laie in dem Wirrwarr ohnehin nicht zurechtfinden könne. Muß man also erst die kompliziertesten historischen Untersuchungen durchgeführt haben, um den wirklichen Sinn der Bibel oder der Konzilsaussagen ausmachen zu können? Solche Untersuchungen würden nur die Richtigkeit des genannten Kriteriums bestätigen, das eine unmittelbare Identifizierung der christlichen Botschaft und ihres genauen Sinns erlaubt. Zwar wird in der katholischen Lehre und Theologie beansprucht, es komme dem kirchlichen Lehramt zu, die Glaubensverkündigung rein zu erhalten. Aber dann muß angebbar sein, welchem Kriterium die Inhaber des Lehramts dabei folgen. Es kommt letztlich kein anderes als das genannte Kriterium in Frage. Sogar die Existenz des Lehramts selbst muß auf dieses Kriterium zurückgeführt werden können, nämlich daß auch der Glaube aller zusammen, der ganzen Gemeinde, noch immer nur vom Hören kommen kann. Inhaltlich sind die Aussagen der christlichen Botschaft immer die Entfaltung einer einzigen Grundwirklichkeit, nämlich der Selbstmitteilung Gottes in dem mitmenschlichen Wort der Weitergabe des Glaubens: Der christliche Glaube ist das Anteilhaben am Gottesverhältnis Jesu. An Jesus Christus als den Sohn Gottes glauben heißt, sich aufgrund seines Wortes von Gott mit der Liebe angenommen zu wissen, in der Gott ihm von Ewigkeit her zugewandt ist und die an nichts Geschöpflichem ihr Maß hat, sondern als die Liebe des Vaters zum Sohn der Heilige Geist ist. Der Glaube als das Erfülltsein von diesem Heiligen Geist entmachtet die Angst des Menschen um sich selbst, die sonst immer wieder der Grund aller Unmenschlichkeit ist. Es wird nicht möglich sein, die Wahrheit der christlichen Botschaft in dem Sinn plausibel zu machen, daß sie sich in das einordnen läßt, was man von selber versteht. In diesem Sinn ist»wort Gottes«gerade nicht selbstverständlich, sondern stellt sich als unmöglich heraus. Die wahre Selbstverständlichkeit des»wortes Gottes«besteht vielmehr darin, daß nur es selbst sich durch seinen Inhalt dennoch als»wort Gottes«verständlich machen kann. Als das letzte

20 20 Einleitung Wort über alle Wirklichkeit läßt es sich nicht selber einordnen, sondern ordnet alles andere ein. 3. ZUM AUFBAU: In der Ausführung soll in dieser Reihenfolge vorangegangen werden: Zuerst soll der Inhalt der christlichen Botschaft, dann ihre Weitergabe und schließlich ihre Annahme im Glauben dargestellt werden. Doch handelt es sich in diesen drei Hauptteilen der Untersuchung nicht um drei von einander trennbare Sachverhalte. Bereits der Inhalt der christlichen Botschaft erläutert, worin ihre Weitergabe zur Annahme im Glauben besteht: Die Weitergabe des Glaubens ist die Mitteilung des Heiligen Geistes, und die glaubende Annahme der Botschaft ist das Erfülltsein vom Heiligen Geist. Dies gilt wenigstens dann, wenn der Glaubensbegriff in seinem erfülltesten Sinn als die auf dem Wort Gottes gründende Hingabe an Gott verstanden wird. So geht es bereits im ersten Hauptteil, der den Inhalt der christlichen Botschaft darstellt, um das Zueinander von Gott, Wort Gottes und Glauben. Im zweiten Hauptteil ist dann die Weitergabe des Glaubens unter der besonderen Rücksicht zu behandeln, daß sie durch die gegenseitige Zuordnung von Schrift, Überlieferung und Lehramt bestimmt wird. Die Strukturen der Weitergabe des Glaubens und die Kriterien für den sachgemäßen Umgang mit ihnen sind also aus dem Wesen des Glaubens selbst zu entfalten. Der dritte Hauptteil untersucht die Annahme des Glaubens in bezug auf ihre Verantwortbarkeit vor der Vernunft. Die Frage nach der Vernunftgemäßheit des christlichen Glaubens kann erst beantwortet werden, nachdem zuvor dargestellt worden ist, worum es in diesem Glauben selbst geht und auf welche Weise man ihm begegnet ist. Insgesamt ist eine solche Fundamentaltheologie nur so etwas wie eine Grammatik für die Sprache des Glaubens. Sie bietet gleichsam einen Schlüssel, mit dem man sich dann der ganzen Breite der christlichen Überlieferung selbst zuwenden und sie sachgemäß verstehen kann. Die eigentliche Aufgabe besteht dann darin, mit allen Weisen des Wortes Gottes vertraut zu werden. FRAGEN a) Warum ist eine Verantwortung des Glaubens nicht nur gegenüber bereits Glaubenden, sondern auch gegenüber nicht Glaubenden notwendig? b) Was ist unter»theologie«zu verstehen, und wie verhält sie sich zu den anderen Wissenschaften? Wann erreicht Theologie ihre höchstmögliche Wissenschaftlichkeit? c) Welche Grundfragen stellt die Fundamentaltheologie? d) Was bedeutet das Wort»katholisch«als Normbegriff?

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