Alle stimmten dem Vorschlag des Sportlehrers zu. Auch Nadeshda hielt das für eine gute Idee. Auf diese Weise würde ihre Unschuld ruck, zuck bewiesen

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2 Alle stimmten dem Vorschlag des Sportlehrers zu. Auch Nadeshda hielt das für eine gute Idee. Auf diese Weise würde ihre Unschuld ruck, zuck bewiesen sein! Damit ihnen auch ja kein Klingelton entging, schlug einer vor, sämtliche Türen innerhalb der Turnhalle zu öffnen: die zu den Umkleideräumen, die zu den Toiletten und die zum Vorraum. Nachdem das erledigt war, stellten sich alle, deren Handy in der Tüte gewesen war, hintereinander in einer Reihe auf. Selma hatte es irgendwie geschafft, die Erste zu sein, die dem Sportlehrer ihre Handynummer nennen durfte. Mit hochrotem Kopf begann sie, ihm die Ziffern zu diktieren.»pfff, was will Selma denn?«, trötete Kröte.»Die hat doch gar kein Handy!«Anscheinend hatte Kröte, weil er die letzten beiden Tage in der Schule gefehlt hatte, als Einziger noch nicht mitbekommen, dass sich das inzwischen gründlich geändert hatte. Am Mittwoch hatte Selma ihr neues Handy zum ersten Mal mit in die Schule gebracht. Und seit Mittwoch hatte sie es pausenlos stolz herumgezeigt. Und jedem hatte sie ihre Handynummer gegeben, egal ob er sie haben wollte oder nicht. Sogar an die Tafel hatte sie die Nummer geschrieben. Und ununterbrochen hatte sie ihren Klingelton vorgeführt, so lange, bis ihn keiner mehr hören konnte. Nun aber lauschten alle angespannt, als der Sportlehrer Selmas Nummer wählte.»hey«, rief Kröte plötzlich in die Stille hinein. Er 19

3 grinste zu Nadeshda hinüber.»eigentlich gar nicht schlecht, dass mein Handy jetzt weg ist. Ich wollte nämlich sowieso ein neues haben. Jetzt müssen meine Eltern mir endlich eins kaufen!pssst«, zischte es genervt von allen Seiten.»Mann, halt doch mal die Klappe, Kröte!Ja, ja, ist ja schon gut!«, maulte dieser. Endlich war Ruhe. Nadeshda horchte so angestrengt, dass es in ihren Ohren rauschte. Doch alles blieb still. Und so blieb es auch weiterhin: bei Selmas Nummer, bei Angis Nummer, bei Krötes Nummer, bei Hugos Nummer Nicht der leiseste Klingelton ertönte. Nirgendwo.»Immer nur die Mailbox«, erklärte der Sportlehrer nach jeder gewählten Nummer irgendwann achselzuckend. Trotzdem lauschten auch nach der Eingabe der neunten Handynummer noch alle hoch konzentriert. Nadeshdas Blick fiel auf Joran. Der hatte sich nicht in die Schlange beim Sportlehrer eingereiht, sondern hockte in seiner viel zu großen, ausgeblichenen Kapuzenjacke, die er wahrscheinlich von seinem älteren Bruder geerbt hatte, etwas abseits allein auf einer Bank. Daraus, dass er nicht mit bei den anderen in der Schlange stand, schloss Nadeshda, dass Joran, so wie sie, einer der wenigen aus der Klasse war, die kein Handy besaßen. Aber so finster wie Joran dreinschaute, hätte man meinen können, es wären ihm gerade 20

4 mindestens zehn Handys geklaut worden. Nadeshda überlegte, ob sie zu ihm gehen und ihn fragen sollte, was mit ihm los sei. Doch sie traute sich nicht. Joran war erst seit zwei Wochen in ihrer Klasse. Und er redete nicht viel. Bislang war es keinem aus der Klasse gelungen, aus ihm herauszubekommen, weshalb er mitten im Schuljahr die Schule gewechselt hatte. Bevor der Sportlehrer die nächste Nummer wählen konnte, hörten sie, wie die Turnhallentür von außen aufgeschlossen wurde. Kurz darauf schaute der Hausmeister, genannt»der grüne Drache«, um die Ecke. Wie immer trug er einen drachengrünen Wollpullover und schaute griesgrämig drein.»was ist denn hier los?!«, blaffte er los, als er die gesamte Klasse samt Sportlehrer noch in der Halle stehen sah. Ungeduldig klimperte er mit seinem großen Schlüsselbund und deutete auf die große Uhr über dem Lehrerumkleideraum.»Nun aber Tempo! Die Pause ist gleich zu Ende. Die nächste Klasse wartet schon draußen vor der Tür.«Der Sportlehrer setzte an, dem Hausmeister zu erklären, was passiert war.»eine Tüte ist verschwunden «Der Hausmeister stutzte.»eine Tüte?«, fragte er stirnrunzelnd.»was denn für eine Tüte?«, wollte er wissen.»so eine blau-weiße!aus Plastik!So eine von Aldi«, bekam er von mehreren Seiten zur Antwort. Der Hausmeister hustete.»ah, ja eine Alditüte, so, so. Und und deshalb muss jetzt hier die ganze Turn- 21

5 halle blockiert werden, was?!«er schaute fragend in die Runde.»Und, wer von euch vermisst so eine Tüte?«Bevor sich allgemeiner Tumult breitmachte, versuchte der Sportlehrer noch einmal, dem Hausmeister zu erklären, dass es sich hier nicht etwa um eine x-beliebige Plastiktüte mit alten Socken, stinkenden Turnschuhen oder verschwitzten Sportsachen handelte.»eine ganze Alditüte voller Handys ist es gewesen!«, rief Kröte, der in letzter Zeit erstaunlich ruhig gewesen war, dazwischen.»mindestens zwanzig Handys!Hä Handys?! Na so was!«, bemerkte der Hausmeister und schien ehrlich verblüfft zu sein.»wohl die Handys der ganzen Klasse, was?«er grinste kaum merklich. Der Hausmeister war allgemein dafür bekannt, dass er Handys nicht sonderlich schätzte. Als er jedoch die bösen Blicke der Umstehenden bemerkte, kratzte er sich schnell am Kopf und schien angestrengt nachzudenken.»tja, das ist ja sehr ärgerlich«, sagte er dann.»da wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben: Wir werden die Polizei holen müssen.«in diesem Moment klingelte es erneut. Die Pause war zu Ende. Eigentlich hätten sie in der letzten Stunde noch Musik gehabt. Daran war jetzt natürlich nicht zu denken. Der Sportlehrer wählte die Nummer der Polizei. Den Schülerinnen und Schülern befahl er, in die Umkleideräume zu gehen, sich umzuziehen und dann umgehend wieder zu ihm zurück in die Halle zu kommen. Der Hausmeister ging hinaus, um die vor 22

6 der Turnhalle wartende Klasse in ihren Klassenraum zurückzuschicken. Im Mädchenumkleideraum redeten alle durcheinander über das, was passiert war. Aber niemand sprach mit Nadeshda. Die wäre am liebsten auf der Stelle zu ihrem Freund Gogo aus der Nachbarklasse gerannt, um ihm ihr Herz auszuschütten. Aber das ging natürlich nicht. Sie konnte jetzt nicht einfach abhauen. Außerdem hatte es bereits zur Stunde geklingelt. Selbst wenn sie sich heimlich fortschleichen könnte, bis sie bei Gogos Klassenraum angelangt wäre, würde Gogo längst im Unterricht sein. Nadeshda fühlte sich entsetzlich einsam. Alle um sie herum zogen sich rasch um. Besonders Selma schien es eilig zu haben. Dabei war sie normalerweise nicht gerade dafür bekannt, dass sie besonders fix war. Eher im Gegenteil. Weil Selma so schneckenlangsam war, war keiner aus der Klasse sonderlich erpicht darauf, im Unterricht mit ihr zusammenzuarbeiten oder sie beim Sport mit in seiner Mannschaft zu haben. Heute war Selma jedoch superfix. Nadeshda stellte fest, dass sie sich gar nicht richtig umzog, sondern sich nur ihr zeltähnliches Kleid über ihre Sportsachen warf. Nicht einmal ihre Schuhe wechselte sie. Nadeshda hätte später nicht mit Sicherheit sagen können, wohin Selma so plötzlich verschwunden war. Sie hatte sich auf der Suche nach einem Taschentuch 23

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