Wohlfühlen mit Insulin Insuline, Pens und Insulininjektion

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1 Wohlfühlen mit Insulin Insuline, Pens und Insulininjektion Leitfaden zur Schulung von Menschen mit Diabetes mellitus

2 Inhaltsverzeichnis Zuckerstoffwechsel und Diabetes... 3 Möglichkeiten der Insulintherapie... 4 Basisinsulintherapie in Kombination mit blutzuckersenkenden Tabletten (BOT)... 4 Konventionelle Therapie (CT)... 4 Supplementäre Insulintherapie (SIT)... 4 Insulintherapie bei Typ 2 Diabetes... 5 Insuline... 6 Kurz wirksames Insulin... 6 Verzögerungsinsulin (Basisinsulin)... 7 Mischinsulin (Kombinationsinsulin)... 8 Farbcodierung der Insuline... 9 Insulineinheiten... 9 Insulinkonzentrationen: U 40 und U Lagerung von Insulin Lagerung auf Vorrat Lagerung von Insulin im Gebrauch Möglichkeiten der Lagerung von Insulin auf Reisen Weitere Hinweise zu Auslands- und Flugreisen Injektionsgeräte (Pens) Unterschiede bei den einzelnen Pens Handhabung eines Pens Fertigpens Injektionsnadeln Kompatibilität mit Pens Nadelwechsel Nadellänge Injektion Vorbereitung der Insulininjektion und Injektionstechnik Injektionsstellen Psychologische Aspekte Mögliche Fehlerquellen bei der Insulininjektion Rechtliche Aspekte Delegation ärztlicher Tätigkeit Desinfektion der Hände und Haut Mehrfachverwendung von Einmalartikeln (z. B. Injektionsnadeln) Hypoglykämie (Unterzuckerung) Ursachen Symptome Behandlung Tipps für die Patientenschulung bei der Ersteinstellung auf Insulin Allgemeine Hinweise zur Patientenschulung bei Diabetes mellitus Weiterführende Informationen Checkliste für die Patientenschulung zur Insulininjektion... 23

3 Zuckerstoffwechsel und Diabetes Bei Menschen mit Diabetes mellitus, im Volksmund auch Zucker krankheit genannt, liegt eine Stoff wech sel stö rung vor, die den Blutzuckerwert über die Norm hinaus ansteigen lässt. Ursache ist ein Insulinmangel oder eine ab geschwächte Wirkung von Insulin, dem Schlüsselhormon für die Zucker ver wer tung im Körper. Insulin ist ein Eiweiß, das in der Bauchspeichel drüse (Pankreas) gebildet wird und aus 51 Amino säuren besteht. Bei gesunden Menschen gibt die Bauchspeicheldrüse je nach Tageszeit eine unterschiedliche Insulingrund menge ( Basis ) ab. Bei körperlicher Anstrengung wird weniger Insulin ausgeschüttet, weil Bewegung die Aufnahme der Glucose, also des in der Nahrung enthaltenen Zuckers, in die Körperzellen verbessert. Zu den Mahl zeiten wird vom Körper zusätzliches Insulin bedarfsgerecht ins Blut abgegeben ( Bolus ). Der Blutzucker beim Gesunden wird so in engen Grenzen gehalten. Er liegt nüchtern bei ca mg/dl (3,3 5,6 mmol/l) und steigt nach dem Essen bis zu 120 mg/dl (6,7 mmol/l) an. Fehlt die Insulinwirkung, kann der Zucker nicht mehr aus dem Blut in die Körperzellen transportiert und dort zur Energiegewinnung genutzt werden. Einer seits leiden die Betroffenen dadurch unter Müdigkeit und Ab ge spanntheit. Andererseits reichert sich der Zucker im Blut an. Erst wenn der Blutzucker über ca. 180 mg/dl (10 mmol/l) ansteigt, wird der überschüssige Zucker über die Niere ausgeschwemmt man verspürt verstärkten Harndrang. Der Wasserentzug ruft starken Durst hervor und kann zu vorübergehenden Seh störungen führen, da es neben einer Änderung des Zuckergehaltes zu Flüssigkeitsverschiebungen in den Augen kommt. Ziel jeder Diabetestherapie sollte sein, sich an der Insulinausschüttung des Gesunden zu orientieren und diese so gut wie möglich nachzuahmen (= physiolo gische Therapie). Dies hilft, akute Beschwerden zu be seitigen, Wohlbefinden zu erreichen und Folge schäden zu vermeiden. Daher sollten die Nüchternblutzucker werte eines Menschen mit Diabetes nach den Leitlinien der IDF (International Diabetes Federation, 2008) nicht über 100 mg/dl (5,5 mmol/l) liegen und nach dem Essen nicht über 140 mg/dl (7,8 mmol/l) ansteigen. Für die langfristige Diabetes überwachung wird im Labor der HbA 1c -Wert be stimmt, der den Durch schnitt der Blutzuckerwerte der letzten 8 12 Wochen abbildet. Der HbA 1c -Wert sollte 6,5 % liegen. Bei Typ 1 Diabetes liegt durch Zerstörung der Insulin produzierenden Zellen ein absoluter Insulinmangel vor, der meist im Kindes- oder Jugendalter beginnt und nur durch Spritzen von Insulin behandelt werden kann. Im Gegensatz dazu kann die Bauchspeicheldrüse bei Typ 2 Diabetes noch Insulin ausschütten. Allerdings besteht sowohl eine mehr oder minder ausgeprägte Störung der Insulinproduktion als auch eine verminderte Wirkung des Insulins an den Zielzellen (Insulinresistenz). Damit kann der Insu lin be darf nur unzureichend gedeckt werden (relativer In sulinmangel). Aus lösende Faktoren sind neben einer vererbten Veranla gung vor allem Übergewicht und zu wenig körperliche Bewegung. Die Therapie setzt daher zunächst auf gesunde Ernährung, vermehrte Bewegung und blut zuckersenkende Tabletten. Im nächsten Schritt können so genannte Inkretinmimetika (GLP-1-Agonisten) eingesetzt werden, die wie Insulin gespritzt werden. Sie wirken sich günstig auf das Körpergewicht aus und weisen ein sehr geringes Risiko für Unterzuckerungen auf. Außerdem haben sie günstige Effekte auf Blutdruck und Gewicht. Wenn diese Maßnahmen bei Typ 2 Diabetes zur guten Stoffwechseleinstellung nicht ausreichen, muss rechtzeitig mit einer Insulintherapie begonnen werden, um Folgeschäden möglichst zu vermeiden oder erst sehr spät entstehen zu lassen. Insulinspiegel Insulinbedarf beim Gesunden 7:00 13:00 19:00 23:00 3:00 7:00 Uhrzeit Schematische Darstellungen 3

4 Möglichkeiten der Insulintherapie Mit Insulin kann der Blutzucker noch stärker gesenkt werden als mit GLP-1-Agonisten, die einen einfachen und sicheren Einstieg in die Injektionstherapie ermöglichen. Allerdings müssen die Insulinzufuhr, die Aufnahme von Kohlenhydraten (BE) und körperliche Aktivitäten aufeinander abgestimmt werden, um Unterzuckerungen zu vermeiden. Jede Form der Insulintherapie hat gewisse Vor- und Nachteile. Es gilt je nach Bedarf und Lebensumständen zusammen mit dem Patienten ein umsetzbares Konzept zu wählen, das langfristig eine Blutzuckereinstellung im Zielbereich (siehe S. 3) ermöglicht. Aufgrund der erhaltenen Restinsulinsekretion kann bei Menschen mit Typ 2 Diabetes meist schrittweise mit der Insulintherapie begonnen werden, gegebenen falls in Kombination mit blutzuckersenkenden Tabletten (oralen Antidiabetika, OAD). Basisinsulintherapie in Kombination mit blutzucker senkenden Tabletten (BOT) Das Hinzufügen einer 1-mal täglichen Insulingabe zur bestehenden Therapie mit blutzuckersenkenden Tabletten ist eine einfache Möglichkeit zum Beginn der Insulintherapie bei Typ 2 Diabetes. Meist wird das Basisinsulin in fixer Dosierung zum Abendessen oder zur Nacht gespritzt. In der Einstellungsphase werden die Nüchternblutzuckerwerte regelmäßig kontrolliert, danach reichen meist gelegentliche Blutzuckermessungen und eine vierteljährliche HbA 1c -Kontrolle aus. Mit dieser Therapieform verbessert sich die Stoffwechseleinstellung für einige Zeit, bei weiter nachlassender Insulinsekretion bzw. erhöhten Blutzuckerwerten nach dem Essen (postprandial) sollte die Therapie jedoch langfristig durch Mahlzeiteninsulin (siehe unten, SIT) ergänzt oder durch eine Mischinsulintherapie (CT) ersetzt werden. Konventionelle Therapie (CT) Die konventionelle Insulintherapie ist relativ einfach durchzuführen. Meist wird nur zweimal täglich ein Mischinsulin gespritzt, was allerdings gleichmäßige Essenszeiten sowie eine ähnliche Zusammensetzung der Nahrung von Tag zu Tag voraussetzt, um Blut zucker schwankungen in Grenzen zu halten. Oft sind Zwischen mahl zeiten notwendig, um Unterzucke run gen zu vermeiden. Einige Menschen mit geregeltem Tages ablauf können mit dieser Therapie gute Blut zucker werte erreichen. Flexible Dosisanpassungen und Korrekturen sind mit Mischinsulin allein jedoch nicht möglich. Zur Therapie kontrolle reichen oft gelegent liche Blutzucker messungen sowie eine HbA 1c -Kontrolle alle 3 Monate aus. Supplementäre Insulintherapie (SIT) Bei der SIT wird gezielt kurz wirksames Insulin zum Essen gespritzt (Bolus). Damit wird nur das ersetzt, was die Restinsulinsekretion nicht mehr leisten kann. Bei nur geringen Unterschieden in der täglich aufgenommenen Kohlenhydratmenge ist in der Regel die Festlegung von fixen Insulindosen möglich. Es hat sich bewährt, nach der Einstellungsphase 1 2 Blut zucker tagesprofile pro Woche sowie eine HbA 1c -Bestim mung alle 3 Monate durchzuführen. Für Patien ten mit einem flexiblen Tages ablauf (Sport, ausgelassene bzw. sehr kohlenhydratreiche Mahlzeiten etc.) besteht nach einer erweiterten Schulung die Mög lichkeit der Dosis anpassung und der Korrektur zu jeder Mahl zeit. Bei erhöhten morgendlichen Nüchternblutzucker werten sollte das Mahl zeiteninsulin durch ein Basisinsulin über Nacht ergänzt werden. Die supplementäre Insulintherapie eignet sich gut zur effektiven Intensivierung anderer Insulintherapieformen, wenn die Therapieziele im Verlauf nicht mehr erreicht werden. Im Unterschied zur Behandlung des Typ 2 Diabetes muss bei Menschen mit Typ 1 der komplette Insulin bedarf ersetzt werden. Dies bedingt eine individualisierte Therapie mit sehr flexiblen Dosisanpassungs möglichkeiten sowie mehrmals täglichen Blutzucker messungen. Hier kommen meist intensivierte Basis-Bolus-Therapien wie die intensivierte konventionelle Insulintherapie (ICT) oder die Insulinpumpen therapie (CSII) zum Einsatz. Bei Patienten mit Typ 1 Diabetes empfiehlt sich die (Mit-)Betreuung durch einen versierten Diabetologen. WICHTIG: Jede Therapieform setzt eine umfassende Schulung des Patienten und regelmäßige Blutzucker-Selbstkon trol len voraus. 4

5 Insulintherapie bei Typ 2 Diabetes Basisinsulintherapie in Kombination mit blutzuckersenkenden Tabletten (* je nach Wirkstoff werden Tabletten i. d. R. 1- bis 3-mal täglich eingenommen) Insulinspiegel Insulinbedarf Lang wirksames Insulin Orales Antidiabetikum* 7:00 13:00 19:00 23:00 3:00 7:00 Uhrzeit Insulinspiegel Insulinbedarf Mischinsulin Konventionelle Insulintherapie (CT) 7:00 13:00 19:00 23:00 3:00 7:00 Uhrzeit Supplementäre Insulintherapie (SIT) Insulinspiegel Insulinbedarf Kurz wirksames Insulin 7:00 13:00 19:00 23:00 3:00 7:00 Uhrzeit Insulinspiegel Insulinbedarf Kurz wirksames Insulin Lang wirksames Insulin Supplementäre Insulintherapie (SIT) im Verlauf weiter nachlassender Restsekretion 7:00 13:00 19:00 23:00 3:00 7:00 Uhrzeit Schematische Darstellungen 5

6 Insuline Für die Therapie mit subkutan (ins Unterhautfettgewebe) gespritzten Insulinen stehen verschiedene Insulinarten zur Verfügung. Sie unterscheiden sich nach Wirkbeginn, Wirkmaximum und Wirkdauer; dementsprechend werden sie bei unterschiedlichen Therapiestrategien eingesetzt. Die Insulinwirkung ist individuell verschieden und beispielsweise auch abhängig von der Blutzuckeraus gangslage, der Menge des injizierten Insulins und der Injektionsstelle. Die im Folgenden angegebenen Zeiten (angelehnt an die Angaben der Insulinhersteller und die Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft [DDG]) für Wirkbeginn, Wirkmaximum und Wirkdauer sind daher nur als Orientierungshilfe zu verstehen. Kurz wirksames Insulin Kurz wirksames Insulin wird als Bolusinsulin zu den Mahlzeiten bzw. zur raschen Blutzuckerkorrektur gespritzt. Kurz wirksames Humaninsulin Humaninsulin wird so genannt, weil es in seiner Struktur dem menschlichen Insulin entspricht, das beim Gesunden von der Bauchspeicheldrüse pro duziert wird. Früher wurde Humaninsulin auch als Normal- oder Alt insulin bezeichnet. Dabei wird Humaninsulin un natür lich langsam in den Blutkreislauf aufgenommen, wenn es ins Fett gewebe gespritzt wird. Dies wird dadurch berücksichtigt, dass meist ein Spritz-Ess-Abstand (SEA) empfohlen wird. In Abhängigkeit von Blutzuckerhöhe und verschiedenen anderen Faktoren beträgt er meistens Minuten. Hohe Insulindosen können eine verlängerte Wir kdauer bedingen, dies kann Zwischen mahl zeiten notwendig machen. Schnell und kurz wirksames modernes Insulin Moderne Insuline, so genannte Analoginsuline, sind den in der Natur vorkommen den Insulinen ähnlich, jedoch nicht identisch (analog = ähnlich). Die Abfolge der einzelnen Amino säuren ist dabei so verändert, dass moderne Insuline wesentlich schneller als Humaninsulin in die Blutbahn aufgenommen werden und höhere Insulin spiegel erreichen. Dadurch wird die Insulin aus schüttung des gesunden Menschen besser imitiert als es mit Humaninsulin möglich ist. Wirkbeginn: Wirkmaximum: Wirkdauer: ca. 15 Minuten ca. 1 Stunde ca. 2 5 Stunden Wirkbeginn: Wirkmaximum: Wirkdauer: ca. 30 Minuten ca. 2 Stunden ca. 4 8 Stunden Daher kann ein schnell und kurz wirksames modernes Insulin direkt zur oder sogar nach der Mahlzeit injiziert werden (kein Spritz-Ess-Abstand nötig). Zwischen mahl zeiten sind oft nicht erforderlich, was die Gewichts kontrolle erleichtert. Werden Zwischenmahlzeiten ge wünscht, müssen diese gegebenenfalls extra abgedeckt werden. Insulinspiegel Insulinbedarf Humaninsulin Insulinspiegel Insulinbedarf Schnell und kurz wirksames modernes Insulin 7:00 13:00 19:00 23:00 3:00 7:00 7:00 13:00 19:00 23:00 3:00 7:00 Uhrzeit Uhrzeit Kurz wirksames Humaninsulin Schnell und kurz wirksames modernes Insulin Schematische Darstellungen 6

7 Verzögerungsinsulin (Basisinsulin) Verzögerungsinsulin wird zur Deckung des Insulingrundbedarfs gespritzt. NPH-Insulin Humaninsulin kann u. a. durch Bindung an Prota min verzögert werden. Das sogenannte NPH-Insulin (NPH = Neutrales Protamin Hagedorn) bewirkt im Unterhautfettgewebe eine langsame Freisetzung und damit eine längere Wirkdauer. NPH-Insulin kann mit kurz wirksamen Humaninsulin oder schnell und kurz wirksamem modernem Insulin unter Erhalt der charakteristischen Wirkeigenschaften beider Insuline gemischt werden. Wirkbeginn: Wirkmaximum: Wirkdauer: ca. 1 2 Stunden ca. 4 6 Stunden ca Stunden Lang wirksames modernes Insulin Modernes Verzögerungsinsulin ist gegenüber Humaninsulin so verändert, dass es länger als NPH-Insulin wirkt. Aufgrund der längeren Wirkdauer ist bei Typ 2 Diabetes oft eine 1-mal tägliche Gabe ausreichend. Das gegenüber NPH-Insulin geringer ausgeprägte Wirk maximum verringert die Gefahr (nächtlicher) Unterzuckerungen. Wirkbeginn: Wirkmaximum: Wirkdauer: ca. 3 4 Stunden ca Stunden ca Stunden Im Gegensatz zu NPH-Insulin sind lang wirksame moderne Insuline klare Lösungen. Sie müssen vor der Injektion nicht geschwenkt werden. Da sich die Verzögerungsstoffe leicht absetzen, muss NPH-Insulin vor der Injektion mindestens 20-mal langsam geschwenkt (nicht geschüttelt!) werden, bis die Lösung gleichmäßig trüb aussieht. Insulinspiegel Insulinbedarf NPH-Insulin Insulinspiegel Insulinbedarf Lang wirksames modernes Insulin 7:00 13:00 19:00 23:00 3:00 7:00 Uhrzeit 7:00 13:00 19:00 23:00 3:00 7:00 Uhrzeit NPH-Insulin Lang wirksames modernes Insulin Schematische Darstellungen 7

8 Mischinsulin (Kombinationsinsulin) Kombinationsinsuline bestehen aus einer Mischung von kurz wirksamem Insulin und Verzögerungsinsulin und werden im Rahmen der konventionellen Insulin therapie (CT) eingesetzt. Die Eigenschaften dieser festen Mischungen ergeben sich aus den einzelnen Insulinkomponenten. Der Anteil an kurz wirksamem Insulin liegt je nach Präparat zwischen %. In der Regel wird dieser Wert durch die Zahl bzw. die erste Zahl (z. B. bei 30/70) im deutschen Handels namen des Mischinsulins bezeichnet. Humanes Kombinationsinsulin (NPH-Mischinsulin) Gebräuchlich ist die Mischung aus 30 % kurz wirk samem Humaninsulin und 70 % NPH-Insulin. Wirkbeginn: Wirkmaxima: Wirkdauer: ca. 30 Minuten ca. 2 sowie 4 6 Stunden ca Stunden Humanes Mischinsulin muss vor der Injektion mindes tens 20-mal langsam geschwenkt werden (nicht schütteln!) bis die Lösung gleichmäßig trüb aussieht. Nach dem Spritzen wird meist ein Abstand von mindestens ca Minuten zum Essen empfohlen. In Situationen, in denen der Zeitpunkt der Mahlzeit nicht genau abgeschätzt werden kann (z. B. Restaurant besuch), kann es jedoch im Einzelfall sinnvoll sein, auf den Spritz-Ess-Abstand zu verzichten, um eine Unterzuckerung zu vermeiden. Besonders bei hohen Insulindosen sind durch die verlängerte Wirkung oft Zwischenmahlzeiten nötig, vor allem vor dem Mittagessen und spät abends. Modernes Kombinationsinsulin (Mischinsulinanalogon) Bei den modernen Kombinationsinsulinen handelt es sich um Mischungen aus einem schnell und kurz wirksamen Insulinanteil und einem speziellen protaminverzögerten Insulinanteil. Wirkbeginn: Wirkmaxima: Wirkdauer: ca. 15 Minuten ca. 1 sowie 4 6 Stunden ca Stunden Auch modernes Kombinationsinsulin muss vor der Injektion mindestens 20-mal geschwenkt werden bis die Lösung gleichmäßig trüb ist. Der Spritz-Ess-Abstand kann in der Regel entfallen, auch eine Injektion nach der Mahlzeit ist möglich. Vormittags ist meist keine Zwischenmahlzeit erforderlich. Insulinspiegel Insulinbedarf Humanes Mischinsulin Insulinspiegel Insulinbedarf Modernes Mischinsulin 7:00 13:00 19:00 23:00 3:00 7:00 Uhrzeit 7:00 13:00 19:00 23:00 3:00 7:00 Uhrzeit Humanes Mischinsulin Modernes Mischinsulin Schematische Darstellungen 8

9 Farbcodierung der Insuline Um die unterschiedlichen Insulinarten leichter zu erkennen und die Verwechslungsgefahr zu minimieren, haben die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Insulinhersteller den Insulinen bestimmte Farben zugeordnet. Bitte beachten Sie, dass es durchaus je nach Hersteller auch unterschiedliche Farbcodierungen einer Wirkgruppe geben kann. Kurz wirksames Humaninsulin Schnell und kurz wirksames modernes Insulin NPH-Insulin Lang wirksames modernes Insulin gelb orange (Novo Nordisk) burgund (Lilly, Berlin-Chemie) blau (Sanofi-Aventis) grün türkis (Novo Nordisk) hell-violett (Sanofi-Aventis) Insulinkonzentrationen: U 40 und U 100 (40 bzw. 100 Einheiten pro Milliliter) Insulin ist in Deutschland noch in Konzentrationen zu 40 und 100 Einheiten pro ml erhältlich. Durchstechflaschen mit modernen Insulinen und Insulinampullen enthalten U 100-Insulin (1 ml Insulin = 100 Insulin-Ein heiten). Damit ist U 100-Insulin 2,5-mal konzen trierter als U 40-Insulin. Falls die Injektion mit einer Spritze durchgeführt wird, muss daher unbedingt die zur Konzen tration passende Spritze verwendet werden, da es sonst zu gefährlichen Fehldosierungen kommen kann. U 40-Spritzen haben meistens eine rote Kappe, U 100-Spritzen eine orange Kappe. rot: U 40 Injektionsspritzen orange: U 100 Humanes Mischinsulin 30/70 Humanes Mischinsulin 50/50 braun grau Insulinampullen (meist 3 ml) sind länglich und schmal, Insulindurchstechflaschen (10 ml) sind kleiner und breiter. Die Konzentration ist jeweils aufgedruckt. Modernes dunkelblau Mischinsulin 30/70 (Novo Nordisk) (25/75, 50/50): gelb (Lilly) rot (Lilly) Farbcodierung Insulineinheiten Insulin wird nach Einheiten dosiert. Dabei spricht man bei Humaninsulin von Internationalen Einheiten (I. E.) und bei modernen Insulinen von Einheiten (E). Die Wirkstärke (blutzuckersenkende Wirkung) ist jeweils gleich. Insulinampulle ( Patrone ) und Durchstechflasche 9

10 Lagerung von Insulin Insulin ist ein Eiweißstoff und daher nur begrenzt haltbar. Folgende Anforderungen sind an die Lage rung gestellt: Lagerung auf Vorrat Das Verwendbarkeitsdatum auf den Durchstechflaschen oder Insulinampullen bezieht sich auf die vorschriftsmäßige Lagerung von + 2 bis + 8 Celsius. Insulin darf auf keinen Fall kälter als + 2 Celsius aufbewahrt wer den, da ein eventuelles Einfrieren zum Wirkungs ver lust führt. Die Insulinvorräte (Durchstechflaschen, Insulinampullen, Einwegpens) sollten im Kühlschrank z. B. im Butterfach (= Innenfach) gelagert werden, nicht jedoch an der Rückwand oder in der Nähe des Tiefkühlelements. Lagerung von Insulin im Gebrauch In Gebrauch befindliches Insulin kann bei Zimmertem peratur (bis 25 C, manche Insuline bis 30 C) über einen Zeitraum von 4 (teilweise bis zu 6) Wochen aufbewahrt werden. Höhere Temperaturen, direktes Sonnenlicht, direkte Heizungswirkung und Frost müssen bei der Lagerung vermieden werden. Wenn sich das Insulin verfärbt, der Inhalt Schlieren zeigt, ausflockt oder gefroren ist, darf es nicht mehr verwendet werden. Ein in Gebrauch befindlicher Insulinpen sollte nicht im Kühlschrank aufbewahrt werden. Er kann am Körper getragen oder bei Raumtem peratur auf bewahrt werden. Zu kaltes Insulin direkt aus dem Kühlschrank kann bei der Injektion schmerzhaft sein. Möglichkeiten der Lagerung von Insulin auf Reisen Auch auf Reisen sollte das Insulin kühl und gegen Licht und Stoß geschützt aufbewahrt werden. Dafür gibt es folgende Empfehlungen: Bei Hitze: Kühltasche (das Insulin darf nicht mit Kühlakkus oder Eiswürfeln in Berührung kommen), in Styropor, zwischen Kleidungsstücken oder in der Thermoskanne Bei Kälte: In der Jackeninnen- oder Hemdtasche bzw. unter dem Pullover Bei Flugreisen: Zur Sicherheit die Insulinvorräte aufteilen, z. B. in das Handgepäck des Patienten und des Reise partners. Bei einer Reise sollte immer eine Sicherheitsreserve an Insulin, Injektionsnadeln, Teststreifen, Trauben zucker usw. mitgenommen werden. Weitere Hinweise zu Auslands- und Flugreisen Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen im Flugverkehr betreffen auch Menschen mit Diabetes. Für Flüge wird ein ärztliches Attest empfohlen, um den medizinischen Bedarf (Spritzen, Pumpen usw.) mit an Bord nehmen zu können. Für Flüge innerhalb der USA sind Originalverpackungen für den Therapiebedarf vorgeschrieben. Um Probleme bei der Zollkontrolle wegen der Einfuhr von Injektionszubehör und Lebensmitteln zu vermeiden, sollte der Arzt eine Liste der benötigten Therapie utensilien unterschreiben. Hilfreich ist auch eine mehrsprachige ärztliche Bescheinigung, die z. B. beim Deutschen Diabetiker Bund erhältlich ist. Darüber hinaus empfiehlt sich, immer einen mehrsprachigen Diabetiker-Notfallausweis (ebenfalls erhältlich z. B. über den Deutschen Diabetiker Bund) mitzuführen. Für Langzeitaufenthalte im Ausland sollte man zusätzlich den Gesundheitspass Diabetes mitnehmen und sich bereits vor Abreise beim Insulin hersteller nach der Verfügbarkeit der benötigten Pro dukte im jeweiligen Land erkundigen. 10

11 Injektionsgeräte (Pens) Ein Insulinpen ist die Weiterentwicklung von Insulinspritzen. Die meisten Insulinpens haben eine gewisse Ähnlichkeit zu Kugelschreibern oder Füllfederhaltern (engl. = pen) bezüglich Größe und Form. Vielen Menschen mit Diabetes fällt das Spritzen mit dem Pen leichter. Der große Vorteil besteht darin, dass keine Spritze aufgezogen und vorbereitet werden muss. Je nach der zu spritzenden täglichen Insulindosis ist eine Insulinampulle oder ein Fertigpen nach durchschnittlich 7 10 Tagen verbraucht. Die Handhabung eines Pens ist sehr einfach. Das Spritzen des Insulins erfolgt schnell und unauffällig, so dass es in der Öffentlichkeit kaum bemerkt wird was für viele sicherlich einen nicht zu unterschätzenden Vorteil darstellt. Untersuchungen haben ergeben, dass insbesondere das Aufziehen von Insulin bzw. Herstellen von Insulinmischungen mit einer hohen Fehlerrate behaftet ist. Diese Gefahr ist bei Benutzung eines Pens ganz erheblich gemindert. Letztendlich führt die Option einen Pen zu benutzen bei vielen Patienten zu einer größeren Bereit schaft, eine Insulin therapie zur besseren Einstellung des Blutzuckers durchzuführen. Bei der Behandlung mit zwei verschiedenen Insulinen sollten zwei Injektionsgeräte verwendet werden, je eines für jede Insulinart. Unterschiede bei den einzelnen Pens Neben Farbe und Form unterscheiden sich Insulinpens auch in zahlreichen Details, z. B.: Anzahl der maximal pro Insulininjektion einstellbaren Insulineinheiten Schrittweite beim Einstellen und bei der Abgabe der Insulindosis (0,5 oder 1 oder 2 Einheiten) Anzeige der Dosisvorwahl: Zahlenskala am Gehäuse Es gibt Injektionshilfen, die für Menschen mit Sehschwäche, Arthrose u. ä. besonders geeignet sind Einige Insulinpens sind wiederverwendbar, d. h. dass die Insulinampulle ausgetauscht werden kann (jeder Pen hat seine eigene passende Insulinampulle, nur diese sollte auch benutzt werden) Unterschiedliche Handhabung beim Wechsel der Insulinampulle (nur bei wiederverwendbaren Pens) Bei Fertigpens entfällt der Patronenwechsel Die Vielzahl der Injektionshilfen ermöglicht es, den Pen entsprechend den individuellen Bedürfnissen und Wünschen auszuwählen und so die Akzeptanz und Mitarbeit der Patien ten zu fördern. 11

12 Injektionsgeräte (Pens) Handhabung eines Pens Aufgrund der Unterschiede der einzelnen Pens ist für deren Handhabung eine Schulung und das Lesen der Gebrauchsanweisung nötig. Einige Grundregeln lassen sich jedoch für alle Pens festlegen: Bevor man mit dem Pen Insulin injiziert, sollte man immer 1 2 Probeeinheiten abgeben, um zu überprüfen, ob der Pen funktionsfähig ist. Eine Insulinampulle, die in den Pen eingelegt wird, sollte Zimmertemperatur haben. Kalte Insulinampullen sollten nicht verwendet werden, weil es sonst schneller zur Bildung von Luftblasen in der Patrone kommt. Wird NPH-Insulin oder Mischinsulin verwendet, muss der Pen vor Abgabe der Probeeinheiten mindes tens 20-mal hin- und hergeschwenkt werden, um das Insulin mit den Verzögerungsstoffen gut zu mischen. Nach dem Schwenken sollte sofort injiziert werden. Nach der Insulininjektion mit dem Pen sollte man langsam bis 10 zählen (mindestens aber 6 Sekun den warten), um dem Pen damit genügend Zeit zu geben, die komplette Insulinmenge in das Unterhautfett gewebe abzugeben und eine gewisse Verteilung des Insulins im Injektionsgebiet zu ermöglichen. Insulin könnte bei sofortigem Herausziehen der Injektionsnadel aus der Injek tions stelle austreten und somit eine unzureichende Wirkung haben. Es sollten nur die vom Hersteller angegebenen Insulinampullen für den jeweiligen Pen verwendet werden. Nur dann ist eine zuverlässige Insulindosierung gesichert. Fertigpens Bei Fertigpens ist die Insulinampulle bereits fest eingebaut, d. h. das Einsetzen und Wechseln der Insulinpatrone entfällt. Wenn das Insulin aufgebraucht ist, wird der Fertigpen entsorgt und ein neuer verwendet. Für die Handhabung bei der Injek tion gelten die gleichen Grundregeln wie für wiederverwendbare Mehrwegpens. Mehrwegpen (z. B. NovoPen 4) Fertigpen (z. B. FlexPen ) Verschlusskappe Insulinbehälter mit Restmengenskala Dosisanzeige Auslöseknopf Dosierknopf Aufbau eines Fertigpens (FlexPen ) 12

13 Injektionsnadeln Die Nadeln zur Insulininjektion sind heutzutage sehr kurz und dünn, so dass die Injektion in das mit nur wenigen Nervenenden besetzte Unterhautfettgewebe fast schmerzfrei ist. Im Allgemeinen wird die Insulin injektion als wesentlich sanfter als das Stechen in die Fingerkuppen zur Blutzuckermessung empfunden. Kompatibilität mit Pens Zu den verschiedenen Insulinpens gehören entsprechende Injektionsnadeln. Es sollten nur mit den jeweiligen Pen kompatible Injektionsnadeln verwendet werden. Nur dann wird für die zuverlässige Funktion garantiert. Nadelwechsel Injektionsnadeln sind Einmalartikel und sollten daher auch im häuslichen Bereich nicht mehrfach verwendet werden. Der Hauptgrund ist eine möglichst schmerzarme Injektion. Drei Aspekte haben Einfluss auf den Schmerz: Der Anschliff bzw. die Schärfe der Nadelspitze Die Oberflächenbeschichtung, die ein gutes Hineinrutschen in die Haut ermöglicht Die Dicke der Nadel Bei der Herstellung von Injektionsnadeln ist dies be rück sichtigt worden. Die Nadeln sind sehr dünn (0,23 0,36 mm Durchmesser), sie haben einen sehr scharfen An schliff und sind mit einem Gleitfilm beschichtet, um einen sanften Einstich zu gewähr leisten. Mikros ko pi sche Untersuchungen belegen, dass bereits nach einmaligem Gebrauch Schädigungen an der Nadelspitze vorliegen, welche zu kleinsten Verletzungen der Haut führen können. Diese Mikro traumen können auch eine Ursache für Fettgewebs veränderungen (Lipodystrophien) sein. Neue Injektionsnadel Mehrfach verwendete Nadeln sind oft auch Ursache für Ungenauigkeiten in der Insulindosierung. Insulin kristallisiert nach einiger Zeit aus und kann zur Ver stop fung der feinen Injektionsnadeln führen, wenn diese länge re Zeit auf dem Pen aufgeschraubt sind. Deshalb sollte die Nadel auch erst direkt vor der Injektion auf geschraubt werden, denn schon beim Durch ste chen der Ampullenmembran kann etwas Insulin in die Injektionsnadel gelangen. Nach der Injektion sollte die Nadel gleich wieder abgeschraubt werden, da sonst kleinste Insulinmengen aus- und Luft im Gegenzug eintreten kann. Auch dies führt möglicherweise zu einer Unterdosierung. Die ge brauchten Injektionsnadeln sollten in einem bruchsicheren, wieder verschließbaren Gefäß im Hausmüll entsorgt werden. Für die Insulininjektion von Fremdpersonen (z. B. im Krankenhaus oder Pflegedienst) gibt es auch eine spezielle Nadel, die nach dem Gebrauch so geschützt wird, dass das Risiko von Nadelstichverletzungen minimiert wird. Diese Nadeln geben nicht nur mehr Sicherheit, sie haben auch den Vorteil, dass Patienten mit Angst vor der Injektion die Nadel nicht sehen müssen. WICHTIG: Injektionsnadeln immer nur 1-mal verwenden! Nadellänge Die Oberhaut eines Erwachsenen ist 1 2 mm, die darunter liegende Lederhaut 2 4 mm dick. Es gibt Injektionsnadeln in einer Länge von 5 12,7 mm, so dass alle diese Nadeln das darunter liegende subkutane Fett ge we be erreichen können. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass als Stan dard länge für Erwachse ne eine Nadellänge von 6 8 mm ausreichend ist. Bei Kindern sollten 6 mm oder kürzere Nadeln verwendet werden. Mehrfach gebrauchte Injektionsnadel Elektronenmikroskopische Aufnahmen von Dr. K. Strauß, BD Medical 13

14 Injektion Vorbereitung der Insulininjektion und Injektionstechnik Mischinsuline und NPH-Insuline sind Suspensionen und müssen vor der Injektion unbedingt ge schwenkt werden. Das Mischen des Insulins wird in der Praxis sehr unterschied lich gehandhabt. Richtig ist, die Insulinampulle mindestens 20-mal langsam mit großen Arm bewe gungen zu schwenken. Jetzt erst ist gewährleistet, dass das Insulin ausreichend ge mischt wurde und richtig wirkt. Das Insulin darf nicht geschüttelt werden, da dies die Eiweißstruktur zerstören würde. Zu einer guten Vorbereitung der Insulininjektion gehört die Beherrschung einer korrekten Injektions technik. In jedem Fall muss ins Unterhautfettgewebe (Subkutangewebe, s. c.) injiziert werden. Deshalb wird den Patienten geraten, sanft mit Daumen, Zeige finger und Mittelfinger eine Hautfalte zu bilden. So werden die Ober- und Lederhaut mit dem Unter hautfettgewebe ohne Beteiligung der darunter liegenden Muskulatur abgehoben. Die Injektion selbst wird in einem Winkel von 90 vorgenommen. Damit sich das Insulin vollständig verteilen kann, muss die Injektionsnadel nach der Injektion mindestens für 6 Sekunden unverändert im Fettgewebe belassen werden. Anschließend wird die Hautfalte gelöst und die Injektionsnadel gerade herausgezogen. Injektionsstellen Bauch, Oberschenkel und Gesäß sind die Injektionsstellen, die von den Patienten zur Selbstinjektion ge wählt werden können. Die Entscheidung, in welche Körperregion injiziert wird, hat Auswirkungen auf die Aufnahmegeschwin digkeit und damit den Stoffwechsel. Je stärker die Durchblutung an der Spritzstelle ist, desto schneller wird das Insulin vom Subkutangewebe in den Blutkreislauf transportiert. Die gewünschte rasche Aufnahme des Mahlzeiteninsulins wird so z. B. durch Injektion in den Bauch erreicht, das Basisinsulin sollte dagegen zur Unterstützung des Verzögerungs effektes in den Oberschenkel oder das Gesäß injiziert werden. Mischinsulin kann je nach gewünschtem Effekt in den Bauch oder in den Oberschenkel/Gesäß gespritzt werden. Wärme (z. B. durch Bewegung, Sauna) beschleunigt die Insulinaufnahme (Resorption). Injektion in den Bauch Diese Stelle wird von vielen Menschen bevorzugt. Da das subkutane Fettgewebe bei den meisten Men schen hier stark ausgebildet ist, ist es in der Regel gut möglich, eine Hautfalte zu bilden. 2 Zentimeter rund um den Bauchnabel sollte man nicht spritzen. Hautfalte bilden und senkrecht zur Hautoberfläche einstechen Haut Unterhaut-Fettgewebe Muskulatur 14

15 Injektion in den Oberschenkel Die Insulininjektion sollte in die Ober- und Außenseite des Oberschenkels durchgeführt werden. Da das Un ter hautfettgewebe hier in der Regel nur relativ dünn ist, muss in jedem Fall eine Hautfalte gebildet werden, um nicht in den Muskel zu gelangen. Dies wird erleichtert, wenn die Patienten auf der Stuhl kante sitzen und das Bein locker ausstrecken, um die Mus ku latur zu entspannen. Injektion ins Gesäß Selbst bei schlanken Menschen und Kindern ist das Unterhautfettgewebe am seitlichen Gesäß recht großzügig vorhanden. Eine versehentliche intramuskuläre Injektion ist kaum möglich. Wichtig: keine Insulininjektion in den Oberarm! Ohne fremde Hilfe ist es kaum möglich, mit Bildung einer Hautfalte subkutan in den Oberarm zu injizie ren. Hier ist das Unterhaut fett gewebe besonders dünn. Wechsel der Einstichstellen Ein Wechsel der Einstichstellen im Bereich des Spritz areals ist immer notwendig, um Verhärtungen und Verdickungen zu vermeiden. Diese Fettgewebs ver änderungen (Lipodystrophien) an den Einstichstellen sehen nicht nur unschön aus, sondern beeinträchtigen auch die Aufnahme des Insulins in die Blutbahn und können so Ursache einer Stoffwechselverschlechterung sein. Keine Injektion durch Kleidungsstücke, denn es kann zu Blutungen oder zu unbemerktem Insulinrückfluss kommen die Injektionsnadel kann verbiegen oder aus dem Stichkanal herausrutschen die Injektionsnadel kann beschädigt werden die Injektionsnadel ist nicht mehr steril Kleidungsbestandteile und Gewebereste können ins subkutane Gewebe gelangen die Bildung einer Hautfalte ist mit Bekleidung kaum möglich Psychologische Aspekte Das Injizieren des Insulins ist für die Patienten fast immer eine Angelegenheit, die zunächst mit Angst und nega ti ven Gefühlen besetzt ist. Es ist eine sehr persönliche Situation, da man teilweise entkleidet, nervös und unsicher ist. Hierbei sollte die beratende Person jede Frage und jedes Problem der Patienten ernst nehmen und gemeinsam mit ihnen nach Lösungs möglich keiten suchen. Die erste Injek tion sollte immer in einem nicht einsehbaren Raum erfolgen. So können die Patienten ihre ersten eigenen Erfahrungen mit Insulin in ruhiger Atmosphäre machen und selbst entdecken, dass Dank der heutzutage verwendeten Nadeln die Injektion bei weitem nicht so schmerz haft wie oft befürchtet ist. Die Einstichstellen sollten ca. 3 4 cm bzw. 2 Finger breit auseinander liegen. In Narben gewebe (von Opera tionen), Schwanger schafts streifen, blaue Flecke und andere Verände run gen sollte nicht injiziert werden, da die gewünschte Insulinaufnahme hier nicht gewährleistet ist. Schnellere Insulinaufnahme Langsamere Insulinaufnahme Der Pfeil zeigt auf eine Fettgewebsveränderung (Lipodystrophie) am Oberschenkel. 15

16 Mögliche Fehlerquellen bei der Insulininjektion Problem: Es tritt kein Insulin aus der Injektionsnadel aus. Mögliche Ursache Die Injektionsnadel ist verstopft Die Injektionsnadel hat die Gummimembran auf der Insulinampulle nicht durchstochen Die Dosis ist noch nicht eingestellt Der Auslöseknopf ist noch nicht eingedrückt Es befindet sich eine große Luftblase in der Insulinampulle Die Insulinampulle ist leer Die Insulinampulle hat einen kleinen Riss, das Insulin tritt seitlich aus Der Auslöseknopf lässt sich nach Dosiseinstellung herunterdrücken, ohne dass Insulin aus der Nadel fließt Maßnahme Injektionsnadel wechseln Überprüfung, ob die Injektionsnadel richtig sitzt. Verwendung einer neuen Injektionsnadel Dosis einstellen Auslöseknopf drücken Weitestgehendes Entfernen der Luftblase, indem der Pen senkrecht nach oben gehalten und die Luftblase vorsichtig in Richtung Injektionsnadel geklopft wird. Danach Einheiten einstellen und abgeben, bis Insulin aus der Injek tionsnadel austritt. Insulinampulle wechseln bzw. neuen Fertigpen benutzen Insulinampulle wechseln bzw. neuen Fertigpen benutzen Solange 1 2 Probeeinheiten abgeben, bis Insulin aus der Nadel austritt Nur bei Mehrwegpens: Es wurde keine Insulinampulle eingesetzt Der Pen ist nach dem Wechsel der Insulinampulle noch nicht spritzbereit, da der Kolben noch nicht am Gummistopfen anstößt Insulinampulle einsetzen Solange Einheiten einstellen und abgeben, bis Insulin aus der Injektionsnadel tropft 16

17 Rechtliche Aspekte Delegation ärztlicher Tätigkeit Aus dem Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient folgt zunächst, dass eine Injektion vom Einverständnis des Patienten abhängt. Eine Injektion ohne Einwilligung des Patienten stellt nach Strafgesetzbuch eine Körperverletzung dar. Die Delegation einer Injektion führt zu einer Übertragung von Tätig keiten vom zuständigen Arzt auf Dritte (z. B. auf eine Krankenschwester oder Diabetesberaterin) und bedarf stets einer entsprechenden Weisung, die in jedem Fall dokumentiert werden sollte. Desinfektion der Hände und Haut Das Keimspek trum zu Hause ist in der Regel weniger gefährlich als die Mikro organis men, die man im Krankenhaus vorfindet. Eine Desinfektion der Haut an der Injektions stelle ist zu Hause daher nicht mehr erforderlich. Dem Insulin sind Des infektions- und Konservierungsstoffe wie Cresol und Phenol beige geben, die sehr wirksam gegen verschiedenste Keime sind. Wichtig ist allerdings, dass Sie dem Patienten vermitteln, sich ausreichend lang und intensiv die Hände zu waschen, entsprechend der Vorgabe einer Blut zucker bestimmung. Zuhause ist eine Händedesinfek tion mit entsprechenden Desinfektionsmitteln ebenfalls nicht notwendig. Eine andere Situation besteht jedoch im Kranken haus bzw. Pflegeheim u. ä. Einrichtungen und/oder bei der Injektion durch Dritte (Krankenhauspersonal, ambulanter Pflegedienst usw.). Sowohl aus mikrobiologisch-hygienischen als auch aus juristischen Gründen ist hier die Hautdesinfektion vor einer Insulininjektion angeraten. Mehrfachverwendung von Einmal artikeln (z. B. Injektionsnadeln) Die Hersteller von Einmalartikeln garantieren nur bei einer einmaligen Verwendung für Sterilität und Funktion. Rechtlich gibt es keine Eingrenzung, dass eine Privat person diese Einmalgegenstände mehrfach benutzt. Allerdings sollte auf das Risiko einer Verschmutzung, Beschädigung oder fehlerhaften Applikation hingewiesen werden. Ebenso können bei Mehrfachnutzung keine Ansprüche gegenüber dem Hersteller geltend gemacht werden. Im stationären Bereich bzw. bei der Injektion durch Dritte wird ein Wechsel der Nadel nach jeder Injektion sowohl aus mikrobiologisch-hygienischen als auch aus juristischen Gründen empfohlen. 17

18 Hypoglykämie (Unterzuckerung) Der Blut zucker eines Menschen ohne Diabetes schwankt im Tages ver lauf zwischen ca mg/dl (3,3 6,7 mmol/l). Dies geschieht aufgrund einer ständigen vermehrten oder verminderten Abgabe von Hormonen wie Insulin und Glukagon (beide werden in der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) gebildet). Blutzuckersenkende Tabletten oder injiziertes Insulin dagegen wirken so lange, wie das Wirk profil es bestimmt. Wenn es dann zu einem Ungleich gewicht zwi schen körperlicher Bewegung, verwert baren Kohlenhydraten und Tabletten/Insulin kommt, schwan ken die Blutzuckerwerte stärker es kann zur Über- oder Unterzuckerung kommen. Eine Hypo gly kämie bezeichnet den Abfall des Blutzuckers unter 50 mg/dl (2,8 mmol/l) und/ oder das Auftreten von Unterzuckerungssymptomen. Ursachen Es wirkt mehr Insulin als der Körper zu diesem Zeitpunkt benötigt, weil zu viel Insulin gespritzt wurde oder zu viele blutzuckersenkende Tabletten eingenommen wurden. zu wenig oder zu spät Kohlenhydrate gegessen wurden. mehr körperliche Bewegung (Arbeit, Sport, Einkaufen usw.) als gewöhnlich/geplant durchgeführt wurde. eine größere Menge Alkohol getrunken wurde. Symptome Anzeichen einer Unterzuckerung sind individuell unterschiedlich und können u. a. sein: Heißhunger Zittern Schweißausbrüche Blasse Gesichtsfarbe Kribbeln in den Lippen Herzrasen Unruhe Konzentrationsmangel Kopfschmerzen Einige dieser Symptome werden durch Stresshormone ver ursacht. Der Betroffene ist meistens in seiner Handlungsfähigkeit noch nicht eingeschränkt und kann sich selbst helfen. Wenn der Betroffene jetzt nicht reagiert und schnell aufnehmbare Kohlenhydrate zuführt, sinkt der Blutzucker weiter ab und es kommt schließlich zu einem Zuckermangel im Gehirn. Anzeichen davon können u. a. sein: Verlangsamung, Verwirrt heit, Sprachstörungen, Sehstörungen, schwankender Gang, Aggressivität, Albern heit. Fallen die Blutzuckerwerte weiter ab, kann es zu Bewusstlosigkeit und sogar zu Krampf anfällen kommen. Ist der Betroffene durch den niedrigen Blut zuckerwert in seiner Konzentrations- und Handlungs fähigkeit eingeschränkt, benötigt er Fremdhilfe. Man spricht dann von einer schweren Unterzuckerung. Ungeplante körperliche Aktivitäten können zur Unterzuckerung führen, wenn die Insulindosis vorher nicht reduziert wurde. 18

19 Behandlung Nach dem Grundsatz Erst essen, dann messen sollten sofort schnell aufnehmbare Kohlenhydrate (10 12 g Kohlenhydrate = 1 Berechnungseinheit BE) zugeführt werden: Traubenzucker (2 4 Plättchen) oder ein Glas Cola/Saft (200 ml) Anschließend Blutzucker messen Dann je nach gemessenem Blutzuckerwert gegebenenfalls noch eine weitere langsame BE (z. B. Obst, Brot) essen Ursache der Unterzuckerung herausfinden Wichtig ist, eine mögliche Unterzuckerung bei deutlichen Symptomen möglichst frühzeitig zu behandeln. Bei welchen Blutzuckerwerten Unter zucke rungs symp tome auftreten und wahrgenommen werden, ist individuell verschieden. Die Blutzuckermessung klärt, ob die bemerkten Anzeichen auch tatsächlich auf eine Unterzuckerung zurückzuführen sind. Bei Patienten, die an sehr hohe Blutzuckerwerte gewöhnt sind, können auch schon bei Blutzuckerwerten über dem Norm bereich eines Stoffwechselgesunden Unterzucke rungs symptome auftreten (Pseudohypoglykämie). Als Faustregel wird geraten, bei einem Blut zucker abfall auf unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l) schnell resor bierbare Kohlenhydrate zuzuführen. Bei Typ 2 Diabetes kommt es aufgrund der ver blie benen Restinsulinsekretion viel seltener als bei Typ 1 Diabetes zu einer schweren Unterzuckerung mit Bewusstlosig keit. Bei einer Hypoglykämie mit Bewusstlosigkeit muss der Betroffene in eine stabile Seitenlage gebracht und ein Arzt gerufen werden. Als Gegenmittel kann Glukagon von Fachpersonal und geschulten Angehörigen ge spritzt werden. Auf keinen Fall darf einem bewusstlosen Patienten etwas zu Essen oder zu Trinken verabreicht werden (Erstickungsgefahr)! WICHTIG: Erst essen, dann messen! Bei Unterzuckerungszeichen sofort g schnell aufnehmbare Kohlenhydrate (= 1 2 schnelle BE ) zuführen 19

20 Tipps für die Patientenschulung bei Ersteinstellung auf Insulin Der Beginn einer Insulintherapie ist bei vielen Patien ten mit Ängsten und Vorurteilen, manchmal auch mit Schuldgefühlen besetzt. Nehmen Sie sich Zeit für das persönliche Gespräch und eine ausführliche Bera tung des Patienten und gegebenenfalls auch seiner Ange hörigen. Dies sollte nicht im Rahmen einer Gruppenschulung erfolgen! Besonders wichtig ist die erste Injektion. Nehmen Sie die Angst der Patienten ernst und beschwich tigen Sie diese nicht mit allgemeinen Worthülsen! Vergewissern Sie sich, dass der Patient Sie verstanden hat (vorzeigen, selber machen lassen, Ablauf der Insulininjektion notieren: Injektionszeitpunkt, Insulindosen, Spritzstellen). Zeigen Sie dem Patienten die Traubenzucker menge, die er bei sich führen und im Falle von Unterzucke rungsanzeichen essen soll (2 4 Plättchen). Besprechen Sie mit ihm den Speiseplan der nächsten Tage, damit Sie sich vergewissern, dass er die Kohlenhydrate über den Tag verteilt isst (z. B. Brot, Brötchen, Kartoffeln, Reis, Nudeln, Pfann kuchen, Obst und Joghurt). Durch eine rasche Verbesserung der Blutzuckereinstellung unter Insulin kann es vorübergehend zu Sehstörungen kommen. Bei Führerscheininhabern kann die Fahrtüchtigkeit dadurch zeitweise eingeschränkt sein. Besprechen Sie mit dem Patienten seinen Alltag. Schwere körperliche Anstrengung und Autofahren sollte in den ersten Tagen vermieden werden. Mit stark erhöhten Blutzuckerwerten entgleiste Diabetespatienten können über die Nieren viele Kalorien und Flüssigkeit verlieren, was sich durch einen deutlichen Gewichtsverlust bemerkbar machen kann. Bereiten Sie solche Patienten darauf vor, dass sie nach Beginn der Insulintherapie und Verbesse rung der Blutzuckerwerte eventuell rasch wieder einige Kilogramm zunehmen, wenn nicht durch eine Ernährungsumstellung gegengesteuert wird. Schreiben Sie mit dem Patienten gemeinsam die ersten Blutzuckermesswerte und Insulindosen in sein Diabetes- Tagebuch. Geben Sie dem Patienten die Telefonnummer eines Ansprechpartners, falls Probleme bei den ersten Injektionen auftreten. Vereinbaren Sie einen weiteren Termin innerhalb der nächsten Woche. Fragen Sie den Patienten beim nächsten Termin auch einmal, wie er sich seit Beginn der Insulintherapie fühlt! Viele Patienten berichten, dass es ihnen nach einer kurzen Eingewöhnung unter Insulintherapie besser geht als zuvor, dass sie sich also z. B. nicht mehr so müde und schlapp fühlen oder besser konzentrieren können. 20

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