Einführung in die Geschichte der islamischen Länder II. Das 18. Jahrhundert im Osmanischen Reich. Gliederung

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1 Einführung in die Geschichte der islamischen Länder II Das 18. Jahrhundert im Osmanischen Reich Gliederung 1 Allgemeine Schwäche der islamischen Länder im 18. Jahrhundert 2 Das Osmanische Reich im 18. Jahrhundert 2.1 Chronologie 2.2 Heereswesen und Finanzen 2.3 Das 18. Jahrhundert Jahrhundert der Notablen 2.4 Reaktionen 3 Handelswege, Kapitulationen 1 Allgemeine Schwäche der islamischen Länder im 18. Jahrhundert Der Wohlstand und die Macht der drei zentralen islamischen Länder der Frühen Neuzeit, des Osmanischen Reichs, des safawidischen Iran und Indiens unter den Timuriden, hatte sich im 16. Jahrhundert herausgebildet. Diese Periode war durch eine Anpassung der Staatlichkeit an die Ressourcen und Technologien der frühneuzeitlichen Welt gekennzeichnet daher der Begriff Gunpowder Empires. Die Grundlage der Wirtschaft blieb agrarisch, und das Wesen der Staatsverwaltung bestand im patrimonialen Prinzip der Orientierung auf die Person des Herrschers im engeren Sinn das Zentrum des Staates war auch in räumlicher Hinsicht im Grunde die Privatwohnung des Herrschers. Neben diesem innersten Bereich konzentrieren sich die Ringe der Herrschaftsausübung um den Palast und die Hauptstadt. Der höfische Glanz dieser Zeit ist bis heute in den Baudenkmälern, der Literatur, der Malerei und in vielen anderen Zeugnissen erhalten. Die drei großen Reiche bauten einerseits auf der Vereinheitlichung der jeweiligen Wirtschaftsräume auf (etwa durch Vereinheitlichung des Münzwesens und anderer Maßnahmen), konsolidierten aber im Gegenzug diese Wirtschaftsräume durch die über längere Zeit stabilen inneren Verhältnisse und äußeren Grenzen. Das 18. Jahrhundert zeigt eine völlig andere Situation. In allen drei Regionen bzw. staatlich zusammengefassten Großregionen scheint die Staatlichkeit geschwächt, die militärische Situation entwickelt sich zu Ungunsten der entsprechenden Staaten und somit zu Gunsten der Europäer, die entweder direkt benachbart sind wie beim Osmanischen Reich oder aber aus der Ferne bis in die Region gelangt sind wie im Fall Indiens; die Europäer beginnen im 1

2 18. Jahrhundert zur großen kolonialen Durchdringung der Alten Welt anzusetzen, die dann im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht. Auch andere Regionen der Welt, Westeuropa ausgenommen, erlebten in dieser Zeit eher eine Stagnation als eine stürmische Entwicklung, China und Japan insbesondere wären zu nennen. Auch in den peripheren Gebieten der islamischen Welt, etwa in Mittelasien, den kasachischen Steppenregionen oder auch in Afrika südlich der Sahara, macht sich die zunehmende Stärke europäischer Mächte immer mehr bemerkbar. Das 18. Jahrhundert ist vor allem durch die enorme Verschiebung der Gewichte auf den Märkten der Welt gekennzeichnet. Hatten Fernhandelsunternehmen bis dahin in allen Ländern einen wichtigen Platz (einige davon, etwa die auf Isfahan zentrierten Netzwerke der Armenier oder indischen Verbindungen nach Russland und Iran, aber auch die Routen über den Indischen Ozean zwischen Afrika, der Arabischen Halbinsel und dem Subkontinent, sind in den vorigen Teilen erwähnt worden), so erobern europäische Unternehmen zunehmend auch die Märkte außerhalb Europas, und sie sind es, die den Transport von immer stärker nachgefragten europäischen Gütern in andere Teile der Welt, darunter auch in die islamischen Länder, vornehmen. Bis dahin hatte es eine multi-zentrische Handelswelt gegeben, nun entsteht eine mono-zentrische: Westeuropa mit seinen Handelsmetropolen wird zum einzigen wirklichen Zentrum des Welthandels. Das 18. Jahrhundert sieht in allen wichtigen Teilen der islamischen Welt, vor allem eben in den genannten drei wichtigsten Reichen, auch einen Rückgang der Kontrolle des Staates über das von ihm beanspruchte Territorium (Verlust der inneren Souveränität ). Lokale Gouverneure, nicht selten in erblicher Position, werden immer weiter unabhängig, und sie beginnen, lokale Fehden in inter-provinzielle Kämpfe auszudehnen. Die Steuereintreibung beschränkt sich auf gelegentliche Tribute, die sie der Zentrale geben. Die Kontrolle der Zentrale über die militärischen Potenziale innerhalb der Gesellschaft sinkt entsprechend schnell. Kein Wunder, dass ab der 2. Hälfte des Jahrhunderts in Indien und im Osmanischen Reich der entsprechende Rückgang fast erdrutschartige Ausmaße und ein ebensolches Tempo annimmt. Das 18. Jahrhundert ist daher ein Achsenjahrhundert für die Geschichte der islamischen Länder. Aber noch immer ist gerade dieses Jahrhundert sehr schlecht erforscht. Das hat eine Reihe von Gründen. Das erste, und am ehesten nachvollziehbar, ist eine durch die Schwäche der zentralen Regierungen bedingte geringe Dichte der Archive, vor allem der osmanischen, die für das 16. Jahrhundert besser bestückt sind als für das 18. Das zweite, was ich nennen möchte, ist eine etwas komplexere Problematik. Um das 18. Jahrhundert herum wechselt die orientbezogene historische Forschung die Blickrichtung. Bis dahin überwiegen die aus der Innensicht der islamischen Länder unternommenen Forschungen, für die spätere Zeit scheint sich die Forschung nicht zuletzt für die Entwicklung der 2

3 europäisch-orientalischen Beziehungen zu interessieren. Dies ist seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine klar erkennbare Tendenz. Der Fokus der Betrachtungen wird somit von den Hauptstädten der islamischen Länder, von Istanbul, Kairo, Isfahan und Delhi weg auf diejenigen Westeuropas verlegt. Dazu tragen zwei Umstände bei: Einmal gewinnen in dieser Zeit neue Quellen eine wichtige Bedeutung, nämlich die Berichte und Dokumente europäischer Diplomaten und Handelsgesellschaften, die nun in vielen Teilen der islamischen Welt tätig sind. Zum anderen spielen die europäischen Mächte in der Tat einen aktiven Part in der Entwicklung der islamischen Länder, sie mischen sich zunehmend ein, und daher kann die Geschichte nicht mehr so geschrieben werden wie für die früheren Perioden. Aber in diesen Wechsel der Perspektive mischt sich noch etwas anderes. Die europäische Überlegenheit wird nicht einfach konstatiert, sie wird oft auch bewertet. Die europäische Entwicklung ist nun der Maßstab, die orientalische Entwicklung ist der Hintergrund, vor dem die europäische (Erfolgs-) Geschichte um so klarer hervortritt. In manchen Fällen geht das so weit, dass, um den Siegeszug der europäischen Länder hervorzustreichen und auch, um die spätere koloniale Durchdringung zu rechtfertigen, in der europäischen Rede über den Orient der Schwerpunkt auf die Verkommenheit, den sittlichen Tiefstand, die Barbarei und Dekadenz der orientalischen Gesellschaften gelegt wird. Immer mehr wird Europa zum aktiven, progressiven, maßgeblichen Part der Geschichte, der Orient zum passiven, stagnierenden, weniger wichtigen Part. Europa beginnt in dieser Zeit, den Orient zu orientalisieren. 2 Das Osmanische Reich im 18. Jahrhundert Im 18. Jahrhundert ändert sich das Kräfteverhältnis zwischen dem Osmanischen Reich und seinen europäischen Nachbarn grundlegend. Zwischen dem Osmanischen Reich und Iran kommt es deswegen zu keiner Änderung des Kräfteverhältnisses, weil beide Nachbarländer und Iran wohl noch stärker als das Osmanische Reich dem skizzierten Wandel unterliegen. 2.1 Chronologie Die Niederlagen des Osmanischen Reichs, die sich in militärischer und politischer Hinsicht beschleunigt einstellten, begannen mit der vergeblichen Belagerung von Wien im Jahr 1683, aber noch bis ca konnte das Osmanische Reich sich teilweise erfolgreich verteidigen. Erst seither lag die militärische Initiative auf dem Balkan und am Schwarzen Meer eindeutig bei den europäischen Gegnern des Osmanischen Reichs, der Habsburger Dynastie und Russland. Die osmanische Niederlage vor Wien brachte die Habsburger zunächst in die Offensive, sie konnten bis Belgrad vordringen, auch Ungarn ging für die Osmanen verloren, und zwar 3

4 endgültig. Venedig konnte Dalmatien und die griechische Halbinsel Morea gewinnen. Dies waren die ersten bedeutenden Geländegewinne europäischer Mächte gegenüber dem Osmanischen Reich seit dessen Ausgreifen nach Europa am Ende des 14. / Anfang des 15. Jahrhunderts; eine Periode von drei Jahrhunderten fast ununterbrochener Expansion des Osmanischen Reiches war zu Ende. Der Friede von Karlowitz (1699) dokumentierte die osmanische Niederlage: Das Osmanische Reich musste den Verlust Ungarns zugestehen. Die Osmanen konnten am Anfang des 18. Jahrhunderts einen Teil der Verluste wieder wettmachen. Im Frieden von Passarowitz 1718 wurde ihnen die Morea wieder zugesprochen ansonsten wurden die Ergebnisse von Karlowitz bestätigt. Bis 1739 konnten die Osmanen große Teile Serbiens einschließlich der Stadt Belgrad zurückgewinnen; die Grenze zu Habsburg verlief nun entlang der Donau und der Save, was im Vertrag von Belgrad auch anerkannt wurde. (Man sieht, dass anders als zuvor die militärischen Auseinandersetzungen nach den Regeln der Diplomatie, wie sie sich im absolutistischen Europa herausgebildet hatten, beendet wurden; die unterschiedliche Religion der Krieg führenden Parteien spielte dabei keine Rolle. Auch in dieser Hinsicht ist das Osmanische Reich eine europäische Macht.) Ein neuer Gegner für das Osmanische Reich war Russland. Noch am Anfang des 18. Jahrhunderts, zur Zeit Peters I., konnte das Osmanische Reich das Vordringen der Russen in Richtung Schwarzes Meer eindämmen, über Azov kamen die Russen in dieser Zeit nicht hinaus. Auch wenn die Russen damals erstmalig mit eigenen Kriegsschiffen auf dem Schwarzen Meer präsent waren, so hatte dies doch zunächst keine tiefer gehenden Konsequenzen. Allerdings verschob sich das Kräfteverhältnis in den ukrainischen Steppenregionen immer mehr zu Gunsten der für Russland oder Polen oder auf eigene Rechnung kämpfenden Kosakenverbände. Aber erst mit Katharina II. gelang Russland der Durchbruch (russisch-osmanischer Krieg Russland besetzte außer der Krim auch Rumänien). Mit dem Frieden von Küçük Kaynarca wurde das Khanat der Krim ein osmanischer Vasallenstaat zunächst unabhängig, die Region wurde aber 1779/83 von Russland annektiert. Das Schwarze Meer, bis dahin ein osmanisches Binnenmeer, stand nun auch den Russen offen. Weitere russische Vorstöße zielten auf die westliche Schwarzmeerküste bis an den Dniestr, und Russland konnte Georgien zu seinem Protektorat machen. Quelle: Auszug aus dem Friedensvertrag von Küçük Kaynarca In diesem Vertrag wird erstmalig die Protektion der jeweiligen religiösen Minderheiten geregelt denn dieser Vertrag regelt eine Niederlage, in der das Osmanische Reich eine massiv muslimisch bevölkerte Region an eine nicht-muslimische Macht abtreten musste. In den an Habsburg verlorenen Regionen Ungarns und Serbiens lebten auch Muslime; in diesen Regionen kam es beim Rückzug der Osmanen zu einer massiven Fluchtbewegung 4

5 der Muslime, die Zurückbleibenden wurden zum Teil Opfer von Massakern. Der Anteil der Muslime, die sich in dieser Situation taufen ließen, muss gering gewesen sein. Die Habsburger hatten in dieser Zeit noch keine Politik entwickelt, die es ihnen erlaubt hätte, muslimische Untertanen anzuerkennen. Das war in Russland schon lange anders: Seit der Eroberung der tatarischen Khanate von Kazan, Astrachan und Sibir lebten viele muslimische Untertanen im Verband des russischen Reichs, und es gab nur selten harten Druck auf sie, dass sie sich taufen lassen sollten. So ist es also kein Zufall, dass diese Regelung in einem Vertrag zwischen dem Osmanischen Reich und Russland, nicht etwa Habsburg, steht. Der Vertrag regelt, dass der osmanische Sultan in seiner Eigenschaft als Kalif zu einer Art Schutzherrn der tatarischen Muslime auf der Krim gemacht wird. Im weiteren Verlauf werden die osmanischen Sultane bestrebt sein, diese Funktion auf alle russländischen Muslime auszudehnen. Die osmanischen Sultane hatten bislang auf den Titel Kalif wohl Wert gelegt, für die praktische Politik war er aber bedeutungslos gewesen. Das begann sich nun zu ändern. Der Sultan ist nun als Sultan Herrscher weltlicher Herrscher über einen muslimischen Territorialstaat; als Kalif ist er ohne politische Machtstellung eine Art geistige Größe. Auch dies ist ein weiterer Schritt des Osmanischen Reiches in das System der Territorialstaaten (noch nicht Nationalstaaten, das sind weder das Russländische Reich noch das Osmanische Reich je geworden), das sich inzwischen herausgebildet hatte. Im Gegenzug mussten die Osmanen den russischen Zaren bzw. die Zarin als Patron über die orthodoxen Christen im Osmanischen Reich anerkennen, was in der Folge den Anlass zu zahlreichen Einmischungen bot. Natürlich konnte der osmanische Sultan auch wegen wirklicher oder vermeintlicher Benachteiligung oder Misshandlung von Muslimen im russländischen Reich vorstellig werden, aber das Kräfteverhältnis sah nun einmal so aus, dass diese Regelung zu einem Hebel der Machtpolitik Russlands wurde. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte also erstmalig eine bis dahin dem Osmanischen Reich klar unterlegene europäische Macht, die noch gar nicht richtig zu den europäischen Großmächten gehörte (die beschriebenen Siege über die Osmanen waren für Russland ein wichtiger Schritt dahin), dem Osmanischen Reich eine deutliche Niederlage beibringen können. Im weiteren Verlauf sollte es hauptsächlich Russland sein, das gegen die benachbarten muslimischen Staaten das Osmanische Reich, Iran, die mittelasiatischen Staaten, also diejenigen der Kasachen in der Steppe und diejenigen der Usbeken in den Oasenregionen militärisch vorging. Hauptgegner des Osmanischen Reiches war von nun an Russland; sogar Habsburg verlor demgegenüber an Bedeutung. An seiner Ostgrenze versuchte das Osmanische Reich, aus der unübersichtlichen Lage während und nach der afghanischen Eroberung Isfahans und dem Sturz der Safawiden (1721) Profit zu schlagen, konnte aber nichts Nennenswertes ausrichten. Territorial blieb 5

6 alles beim Alten, und auch die Episode Nādir Šāh änderte daran nichts. Beide Staaten waren nicht stark genug, um sich von einer kriegerischen Auseinandersetzung Vorteile versprechen zu können. Nādir aber trug mit seinen Zügen nach Mittelasien und Indien viel zur weiteren Schwächung der dortigen Staaten bei. 2.2 Heereswesen und Finanzen Die Unterschiede zwischen der europäischen und der osmanischen Kriegführung waren in den Feldzügen selbst bis Mitte des 18. Jahrhunderts nicht sehr deutlich. Die Osmanen konnten mit den technologischen und taktisch-strategischen Entwicklungen gut mithalten. Die Effizienz der osmanischen Logistik lag immer noch weit über derjenigen etwa der russischen (das war der ganz wunde Punkt in der petrinischen Zeit, daran konnten auch die berühmten Reformen zunächst nur wenig ändern). Unterschiede machten sich zunehmend und mit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in katastrophaler Weise in zwei wesentlichen Feldern bemerkbar: 1. der Professionalität der Soldaten und 2. der Finanzierung der Kriegsanstrengungen. Zum ersten Punkt: Professionalität der Soldaten. In der Bedeutung der Janitscharen (yeni çeri) als kämpfender Truppe traten folgende Änderungen ein: Von einer stehenden Armee, die regelmäßig (und relativ gut) bezahlt wurde, zu der demzufolge der Zugang streng geregelt war die Ausbildung war entsprechend intensiv, und das Ganze hatte durchaus auch elitäre Züge wurden die Yeni Çeri zu einer nahezu unbezahlten Miliz, die sich aus kleinen Gewerbetreibenden zusammensetzte, deren hauptsächlicher Bonus für die Verfügbarkeit für militärische Zwecke in der Befreiung von verschiedenen Steuern bestand. Das hatte mit der nachlassenden Kontrolle über den Zugang zur Truppe zu tun: Man hatte schon im 17. Jahrhundert zunehmend schlecht oder gar nicht ausgebildete Leute in die Yeni Çeri aufgenommen (oft Verwandte von bereits dienenden Männern), und statt ihnen Lohn zu geben (was finanziell nicht möglich war), hatte man ihnen eben das Recht eingeräumt, ein Gewerbe zu betreiben. Natürlich durften die Soldaten nun auch Familien gründen. Volksaufstände in Istanbul, die zweimal (1703 und 1730) zum Sturz des herrschenden Sultans führten, wurden sowohl von den unteren Volksschichten getragen, worunter oft ein Kern von Zuwanderern war (etwa Albaner), aber auch Yeni Çeri beteiligten sich an ihnen, was den Sultan schutzlos ließ. Die zweite Stütze der früheren osmanischen Armee, die aus Timarioten bestehende Kavallerie, hatte schon lange nicht mehr die gleiche Bedeutung wie in der Expansionszeit. Im Grunde waren die Yeni Çeri ja als Überlagerung der timariotischen Sipahi gedacht gewesen. Ihren Tiefpunkt erlebte die timariotische Reiterei im Krieg gegen Russland , als nur noch einige Tausend von ihnen dem Aufgebot Folge leisteten. Die Finanzierung der Kriegsanstrengungen erfolge in Europa seit Beginn der Neuzeit über Kredit. Daher konnten die europäischen Mächte ihre Kriege auch dann fortsetzen, wenn die 6

7 Staatskassen leer waren: Sie liehen sich Geld, gaben Steuereinnahmen oder Zölle als Sicherheit. Um dann die Kredite zurückzuzahlen, waren allerdings große fiskalische Anstrengungen erforderlich. Diese Krieg-Kredit-Fiskus-Schraube hat in Westeuropa, so eine gängige Auffassung, ganz wesentlich zur Herausbildung der modernen Staaten beigetragen (mit vielen Zwischenschritten, zu denen auch das Landsknechtswesen gehört, eine Form der Privatisierung der Kriegsführung zu Privatisierung gleich noch). Das Osmanische Reich hat im 18. und weit bis ins 19. Jahrhundert hinein keine Kredite aufgenommen, es gab keine Staatsverschuldung, weder gegenüber inländischen noch gegenüber ausländischen Gläubigern. Damit waren die finanziellen Spielräume grade im militärischen Bereich viel enger als für die europäischen Mächte, vor allem Habsburg, aber auch Russland. Aus diesem Grunde auch haben die osmanischen Regierungen das 18. Jahrhundert hindurch als hauptsächliche Politik verfolgt, für die kommenden Kriege Rücklagen zu bilden. Da aber die Kriege nicht mehr auf Initiative der Osmanen geführt wurden man führte nun defensive Kriege, keine offensiven mehr konnten die Kriege nicht aus den möglichen Ergebnissen, d.h. neu gewonnenen Provinzen und damit Steuerquellen oder auch aus Beute finanziert werden. Sie waren insgesamt ein Verlustgeschäft. Auf die Dauer verschob sich damit die Ausgabenstruktur des Reiches: In den Provinzen konnte immer weniger Geld ausgegeben werden, die Ausbeutung der Provinzen (vor allem Anatoliens, aber auch der arabischen Regionen) durch das Zentrum wurde fühlbarer. Es waren ja auch bereits einige der reichsten Provinzen verloren gegangen (z.b. in Ungarn). Die Finanzverwaltung beruhte zunehmend auf Steuerpacht, das konnte ganze Provinzen umfassen. Die Notablen dazu gleich betätigten sich oft auch als Steuerpächter. Während des 17. Jahrhunderts hatte sich das osmanische Steuerwesen ganz weitgehend monetarisiert, auch Abgaben von bäuerlichen Wirtschaften wurden zunehmend in Geld eingezogen. Die Bauern mussten daher ihre Wirtschaften marktmäßig organisieren, damit sie in den Besitz von Geld kamen. Andere Typen von Steuern und Abgaben (die von Nicht- Muslimen erhobene Kopfsteuer ǧizya, Zölle, Handelssteuern, besonders auf Tabak und Kaffee, Gildengebühren) waren von vornherein flüssiger, und als Regel kann gelten, dass der relative Wert einer Steuer bei einer Steuerpacht-Auktion steigt, je flüssiger, also je geldförmiger sie ist. Bis zur Finanzkrise, die durch den langen Krieg hervorgerufen wurde, wurden die Steuerpachtverträge in der Regel kurzfristig abgeschlossen trat in dieser Hinsicht eine Änderung ein, die tiefgreifende Konsequenzen hatte. Erstmalig gestattete die osmanische Zentralregierung den Abschluss von Steuerpachtverträgen auf Lebenszeit (nämlich des Pächters). Der Anlass war, dass es schwer geworden war, zuverlässige Pächter für die kurzfristigen Verträge zu finden: Den entsprechend zahlungskräftigen Leuten erschienen die angebotenen Kontrakte nicht mehr lukrativ genug. Auf den Auktionen wurden 7

8 von nun an zwei Parameter verhandelt: Einmal eine Vorauszahlung (ar. und osm. muʾaǧǧala, wörtlich: eilige Zahlung ), um die es den osmanischen Finanzleuten in der Hauptsache ging, und eine jährliche Zahlung (osm. māl-i mīrī). Durch die Vorauszahlung hoffte die osmanische Finanzverwaltung den aktuellen Geldbedarf zu decken; durch die entsprechend niedrigere Jahreszahlung hoffte der Steuerpächter einen Gewinn zu erzielen. Allerdings waren die Vorauszahlungen oft so hoch, dass die Käufer der Kontrakte sie nicht ohne Aufnahme von Krediten zahlen konnten. Die Kredite wurden von Istanbuler Bankiers gewährt, die oft Nicht- Muslime waren, z.b. Armenier oder Juden; vor allem die Armenier fungierten oft auch als private Finanzberater und agenten der höheren Regierungsbeamten. Denn die Kontrakte gingen in erster Linie an Mitglieder der Regierung und andere staatsnahe Mitglieder der Elite, darunter auch zentrale ʿulamāʾ (die islamischen Gelehrten ʿulamāʾ waren im Osmanischen Reich eine staatlich gesteuerte Gruppe mit geregelten Karrieren innerhalb der ihnen zugewiesenen Laufbahn, ʿilmīye osm. Wissenschaftliche, die neben der militärischen saifīye und der administrativen qalamīye bestand). Ähnliche Verfahren fanden auch in den Provinzen statt, wo allerdings weniger wichtige und daher auch weniger einträgliche Verträge versteigert wurden. Dort kamen dann auch die in der jeweiligen Provinz entscheidenden Familien, eben die Notablengeschlechter, zum Zug. Dies System führte zu besitzähnlicher Verfügung der Steuerpächter über die jeweiligen Gebiete. Es wird daher osm. malikāne besitzähnlich genannt, es war ein wichtiges Instrument, weitere Schichten in das osmanische Herrschaftssystem einzubinden. Entgegen der allgemein geäußerten Vermutung, das System habe zu einem Ausverkauf staatlicher Ressourcen geführt, kann Salzmann (s. Literatur) glaubhaft machen, dass die Zentralregierung dabei durchaus auf ihre Kosten kam. Gefördert wurde der relative Erfolg des Systems durch das deutliche Wirtschaftswachstum in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts (ein europaweites Phänomen). Es scheint, dass das Steueraufkommen des Osmanischen Reiches bis zum russisch-osmanischen Krieg von durchaus gestiegen ist. Erst die militärischen Niederlagen d.h. nicht zuletzt das Versäumnis, die Atempause zwischen 1739 und 1768 für eine Heeresreform zu nutzen brachten das System in eine tiefe Krise, von der es sich nicht mehr erholen konnte. Im 19. Jahrhundert wird demzufolge ein Systemwechsel erforderlich. Die Krise verschärfte sich am Ende des 18. Jahrhunderts durch den einsetzenden Schrumpfungsprozess der Weltwirtschaft zu diesem Zeitpunkt, danach durch die Französische Revolution und die nachfolgende napoleonische Zeit Frankreich war seit dem 16. Jahrhundert der wichtigste europäische Handelspartner und oft auch militärischer Verbündeter des Osmanischen Reiches gewesen und fiel nun weitgehend aus. 8

9 2.3 Das 18. Jahrhundert Jahrhundert der Notablen Die Finanzierung der Provinzverwaltungen, d.h. der Gouverneure und ihres Gefolges, darunter auch der provinziellen Truppen, wurde zu einem der wichtigsten Probleme. Das versuchte man zu lösen, indem man den Gouverneuren, die immer schnell ausgewechselt wurden (in der Regel betrug ihre Amtszeit nicht mehr als ein Jahr) örtliche Fachleute zur Seite gab. Diese sollten die Sondersteuern auf Provinzebene eintreiben helfen, wobei immer ein Teil der Einnahmen in ihren Taschen hängen blieb. Dieser Personenkreis setzte sich nicht zuletzt aus den örtlichen Notabelngeschlechtern zusammen, oft zusätzlich mit einem Hintergrund als islamische Gelehrte (ʿulamāʾ). Diese Notablen nennt man (ar. und osm.) aʿyān, es gibt noch andere Bezeichnungen. Das 18. Jahrhundert wird gelegentlich als ein Jahrhundert der Notablen dargestellt. Die Begrifflichkeit geht auf Albert Hourani zurück (s. Literaturliste). Exkurs zu Politics of Notables Albert Hourani: Ottoman Reform and the Politics of Notables. Zitiert nach: Hourani et al., ed.: The Modern Middle East. A Reader. London 1993, (Achtung: Seitenzahlen nicht mit der Originalausgabe 1968 identisch) 89 Who were the notables? Dies ist ein politisches Konzept und kein soziologisches. We mean by it those who can play a certain political role as intermediaries between government and people, and within certain limits as leaders of the urban population. But in different circumstances it is different groups which can play this role, groups with different kinds of social power. In the Arab provinces there were three such groups. Alles bezieht sich auf die Periode von , die Auswirkungen der Tanzimat-Reformen auf die Notablen-Politik sind ja Thema des Aufsatzes. Die drei genannten Gruppen sind: 1. die ʿUlamāʾ, 2. die Chefs der örtlichen Garnisonen (seit der Lokalisierung der Yeni çeri eine wichtige Gruppe im örtlichen Kontext), 3. secular notables oder aʿyān, Familien, deren Macht auf politische oder militärische Faktoren zurückgeht, oft sehr alt, bei vielen dieser Familien kommt die Kontrolle über landwirtschaftliche, besonders Ackerbauressourcen hinzu, mit deren Hilfe man die Weizenversorgung der Städte beeinflussen kann. Diese Kontrolle muss nicht immer Eigentum bedeuten, es kann sich um Waqf oder malikāne-verfügung (dazu s. u.) handeln. Wichtig für die Position der Notablen ist: sie müssen Zugang zur Regierung in welcher Form auch immer haben. Andererseits ist ihre Zustimmung zur Regierungsposition mehr oder weniger unverzichtbar, weil die Regierung ohne sie zu schwach wäre, um irgend etwas durchzusetzen. Bedingung für den Begriff Notable ist auch, dass sie eine eigenständige Machtposition haben (Ressourcen usw.), die nicht von der Regierung verliehen sind, und um die herum sie Koalitionen aufbauen können, die am Ende das politische Geschehen in der Stadt bestimmen. 9

10 Besonders deutlich ist die Position der Notablen in den arabischen Provinzen, wobei Syrien noch einmal eine Sonderrolle einnimmt. Aleppo ist neben Damaskus, aber auch den libanesischen Städten ein Paradefall für Notablen-Politik (S. 93-4). 94: But the notables not only had access to the governor, they also were in a position to make it impossible for him to rule without them. They controlled the sources of power in the city, not only the wealthy and established classes but the populace. Neben der Stärkung der Notablen in den Städten (auch solchen, die fest unter osmanischer Kontrolle bleiben) gibt es Tendenzen zur Regionalisierung, die am Ende des 18. Jahrhunderts große Teile des Osmanischen Reichs erfasst haben und zur Bildung von staatlichen oder fast-staatlichen Gebilden innerhalb des Reiches führen. Den Fall Ägypten werden wir noch gesondert behandeln. Hier seien einige der wichtigen Regional- Herrschaften genannt diese hatten sich nicht ganz und gar vom Osmanischen Reich gelöst, unterstanden der Zentrale in Istanbul aber auch nicht mehr wirklich. Die Sippe der Karaosmanoğulları dominierte das südwestliche Anatolien, die Çapanoğulları das zentralanatolische Plateau, die Paşaoğulları den Nordosten. Der Regionalfürst Tepedelenli Ali Paşa ( ) hatte sein Zentrum in Ioannina in Nordgriechenland, sein Einflussgebiet erstreckte sich auf die Region Epiros und Teile Albaniens. Osman Pasvanoğlu ( ) herrschte über das westliche Bulgarien, Teile von Serbien und Rumänien. Es gab auf dem Balkan noch weitere solche Regionalfürsten. In der arabischen Welt außer Ägypten waren die Nachfahren Ḥasan Pašas in Bagdad praktisch unabhängig (von 1704 bis in die 1830er Jahre), in Mossul hatte die arabische Familie Ǧalīlī eine ähnliche Position: Sie stellten den Gouverneur ohne nennenswerte Unterbrechungen von 1726 bis In Damaskus ist die Familie ʿAzm zu nennen (noch heute ein gewichtiger Name dort), sie kontrollierten die Stadt von 1724 bis In Palästina gab es eine Reihe kurzlebiger praktisch unabhängiger Herrschaften, und auch im Libanon konnten sich lokale Fürstentümer etablieren. In anderen Teilen der arabisch-osmanischen Welt, besonders im Fruchtbaren Halbmond, hatten die Osmanen es mit arabischen Beduinen zu tun, die nun wieder stärker wurden, auch kurdische und turkmenische Stämme traten mächtiger auf. Auf der Arabischen Halbinsel bildet sich 1744 die Koalition zwischen den Stammesführern der Āl Saʿūd und den islamischen Reformen um Muḥammad b. ʿAbd al-wahhāb (dazu noch in einer späteren Vorlesung). Auch in Nordafrika Tunesien und Algerien, später auch Tripolitanien bildeten sich Regionalfürstentümer heraus, die Deis von Algier, Tunis und Tripolis (in Libyen). Hier handelte es sich um selbständig gewordene Anführer der lokalen Truppen (daher der Titel, eigentlich Onkel ). Im ostanatolischen Bergland insbesondere, aber auch anderswo, sind die Regionalherrschaften kleinräumiger, man spricht von Talfürsten (tü. derebey). Diese waren für die örtliche Bevölkerung die Herrschaft der Sultan war weit weg. 10

11 2.4 Reaktionen Seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts gibt es im Osmanischen Reich Autoren, die sich kritisch mit dem Zustand des Reichs auseinandersetzen und dem Sultan Rat geben, wie die Verhältnisse so zu ändern seien, dass das Reich wieder zu seiner alten Größe und Macht zurückfinden könne. Dabei werden sowohl alte Muster der Fürstenspiegel -Literatur aufgenommen als auch neuere Wege eingeschlagen. Ein Markstein unter diesen Schriften ist das Sendschreiben des Wesirs Muṣṭafā Koçubey (verfasst 1631), worin der Autor dem Sultan anrät, zur direkten Regierung über die Provinzen zurückzukehren, den Großwesir wieder stark zu machen, die tīmār genannten Soldlehen wieder einzurichten und Parteienstreitigkeiten zu unterbinden. Einer der bedeutendsten osmanischen Historiker, Naʿīmā ( ) riet dazu, im Haushalt zu einem Ausgleich zwischen Einnahmen und Ausgaben zu kommen, die Armee regelmäßig zu besolden und gleichzeitig unfähige Elemente aus der Armee zu entfernen. In diesen Schriften also etwa bis ins frühe 18. Jahrhundert überwiegt in den Reaktionen der Ruf nach Rückkehr zu den guten alten Verfahren der Zeit, in der das Osmanische Reich unangefochten die größte Macht in der Region war. Erst seit dem Frieden von Karlowitz (1699), in dem das Osmanische Reich erstmals Territorien abtreten musste (die zurückzuerobern auch nicht mehr gelingen sollte) ändert sich die Stoßrichtung der politischen Autoren. Die Fortschritte der Europäer in Militärwesen, Wirtschaft und Handel hatten nun erkennbar ein Ausmaß erreicht, das für das Osmanische Reich eine Bedrohung war; ein einfaches Zurück zu Mehmet Fatih und Kanuni Süleyman war nun kaum noch vorstellbar. Zögernd begann man, europäische Fachleute als Ausbilder für das osmanische Heer einzuladen (de Bonneval und Baron de Tott, zwei Franzosen), besonders für die Artillerie. Besonders erwähnenswert ist die erste osmanische Buchdruckerei, diese wurde von einem ungarischen Renegaten namens Müteferriqa begründet und nahm 1719 ihren Betrieb auf. Hierbei handelt es sich um die erste Buchdruckerei in der islamischen Welt überhaupt. Allerdings wurde der Buchdruck 1748 wieder verboten, auf Druck religiöser Kreise, erst Anfang des 19. Jahrhunderts beginnt die kontinuierliche Buchdruck-Tradition im Osmanischen Reich. Gedruckt wurden zu Beginn in der Hauptsache solche Titel, die für die Zivilverwaltung und das Militär von Nutzen sein konnten, also zunächst keine spezifisch islamischen Bücher. Die osmanische Kultur setzte sich seit Beginn des 18. Jahrhunderts stärker mit Europa auseinander. Es gibt Baustile, die sehr deutlich vom europäischen Barock beeinflusst sind, später macht die osmanische Baukunst auch die dekorativen Stile mit, die in Europa Rokoko heißen. Französisches Theater, französische Gartenkunst usw. standen hoch in Kurs. Für all dies ist die Tulpenzeit (tü. lale devri) unter Sultan Ahmet III. ( ) ein erster Kristallisationspunkt. In Frankreich gibt es im 18. Jahrhundert spiegelgetreu eine Manie für 11

12 Osmanisches und generell eine Exotisierung der Stile; dies ist in Europa erst möglich, seit die militärische Gefahr durch die Osmanen nicht mehr gegeben ist. 3 Handelswege Der Rückgang bei den islamischen Mächten zeigte sich am deutlichsten in den Zentren der Macht, in der Übernahme von Gütern und Moden westlichen Ursprungs. Zunächst konnte es scheinen, als gehe dies nicht über die Vorlieben für exotische Güter hinaus, die es immer gegeben hatte, chinesische Seide und chinesisches Porzellan, Pelze aus Osteuropa, Bernstein aus dem Norden, Sklavinnen aus Indien, Sklaven aus Afrika und was derlei Luxusgüter mehr sind. Aber es gab doch eine neue Situation, und zwar insofern die Luxusgüter nunmehr überwiegend aus nur noch einer Region kamen, nämlich aus Westeuropa, und nicht mehr wie bisher aus vielen. Man bezog nun hochwertige Handwerksund Industrieprodukte zunehmend aus Europa, angefangen bei Standuhren bis hin zu Stoffen und Waffen, sogar Möbel. Nicht unbedingt, weil sie billiger waren, sondern weil sie mehr Prestige brachten. Das führte zu einer Ausdünnung der Qualitäts-Skala in der heimischen Produktion: Wenn die teuersten und qualitativ am höchsten stehenden Produkte seltener gefragt und hergestellt werden, hört die Tradition allmählich auf. Dies betrifft z.b. die Silberschmiede in Isfahan und die Hersteller von hochpreisigen Textilien fast überall. Dieser Trend ging so weit, dass am Ende des 18. Jahrhunderts sogar diejenigen Waren, die aus dem osmanischen Syrien und Ägypten weiter nach Osten und Süden transportiert bzw. exportiert wurden, in der Hauptsache europäisch hergestellt waren. Dabei stieg das 18. Jahrhundert das Handelsvolumen des osmanischen Außenhandels durchaus, etwa verfünffachte sich der Handel zwischen Aleppo und Frankreich zwischen 1700 und 1789, und auch die Handelsstrukturen selbst änderten sich, von Rohstoffexporten zu Exporten von Fertigwaren. Gleichzeitig aber ging der Anteil der osmanischen Wirtschaft am Welthandel dramatisch zurück: Der Handel mit nahöstlichen Städten betrug um 1780 nur noch 5% des französischen Außenhandels, während das um 1580 noch 50% gewesen waren. Im Falle Englands sind die Zahlen nicht weniger beeindruckend: 1780 machte der Handel mit nahöstlichen Städten nur 1% des englischen Außenhandels aus, nach einem Anteil von 10% im Jahr Tabelle Französischer Außenhandel Anteil des Handels mit nahöstlichen Städten: % % Englischer Außenhandel Anteil des Handels mit nahöstlichen Städten: % % 12

13 Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts setzt in Europa die Industrielle Revolutionein, die fabrikmäßige Herstellung wichtiger Waren, und die Eiserne Jenny ersetzt den Handwebstuhl. Der Verdrängungsprozess dauert bekanntlich auch in Europa einige Jahrzehnte, aber er ist doch relativ schnell, und er führt zu einer radikalen Umstrukturierung der nichtindustrialisierten Ökonomien in Indien, Iran und dem Osmanischen Reich. Gerade dort werden die traditionellen Gewerbe durch die industriell gefertigten Waren aus dem Markt gedrängt. Die Europäer bekamen im 18. Jahrhundert auch endgültig die Kontrolle über die Handelsrouten weltweit. Bis dahin hatten jedenfalls im Verkehr zwischen Ägypten und Indien oder Afrika und Indien muslimische Kaufleute das Bild bestimmt. Das änderte sich mit dem Vordringen der Niederländer und Briten auch im Indischen Ozean und auch im Mittelmeer, wo schon vorher Franzosen, Italiener und Katalanen die arabischen und osmanischen Schiffe verdrängt hatten. (Der Trend zur Vorherrschaft europäischer Reedereien auf dem Mittelmeer geht bis in die Kreuzfahrerzeit zurück und wurde nur zwischenzeitlich noch einmal zurückgedrängt.) Eine zunehmende Ungleichheit und auch wohl ein unterschiedliches Verständnis in den Handelsbeziehungen zeigt sich auch in den als Kapitulationen bekannten Verträgen zwischen dem Osmanischen Reich und europäischen Mächten. Diese haben ihren Namen von dem lat. capitula, Abschnitte, in die sie untergliedert waren; die Bezeichnung hat also mit Unterwerfung nichts zu tun. Der ar. Begriff ist imtiyāzāt, Privilegien. Solche Verträge gibt es seit dem 16. Jahrhundert, als die Osmanen erstmalig solche Privilegien einräumten, und zwar Frankreich, als Gegenleistung für deren Bündnis gegen die Habsburger. Im 18. Jahrhundert nehmen diese Verträge, die dann auch außer mit Frankreich mit weiteren Mächten bestanden, etwa mit England und Venedig, bestanden, einen anderen Charakter an. Sie begünstigten die Exporte und Importe der Europäer durch niedrige Zollraten, während die Osmanen hohe Zölle zahlen mussten. Das hat auch mit dem osmanischen Verständnis von Außenhandel zu tun: Man wollte nicht, dass Güter, welche den Reichtum des Landes ausmachen, außer Landes gebracht werden. Durch diese Zollquoten wird das Vordringen europäischer Waren auf den osmanischen Märkten erleichtert. Außerdem regeln die Kapitulationen den Status, die Rechte der Europäer, die sich nun mehr oder weniger ständig im Osmanischen Reich aufhalten. Sie werden in gewisser Weise als eine eigene Gruppe religiös-ethnischen Zuschnitts (osm. millet) organisiert, so wie die nichtmuslimischen Minderheiten auch. Diese genossen eine gewisse Autonomie innerhalb des osmanischen Staatsverbandes, sie hatten ihre eigene Hierarchie und Jurisdiktion; Verträge, vor allem Privatverträge, wurden durch die Rabbiner, Bischöfe, Patriarchen beurkundet, die privatrechtlichen Angelegenheiten wurden nach dem Recht der jeweiligen Gruppe geregelt. Das Osmanische Reich hatte also in dieser Zeit nicht den Anspruch, ein einheitliches Recht 13

14 für alle seine Untertanen zu entwickeln und durchzusetzen. In Analogie zu diesen Verhältnissen wurden für die jeweiligen europäischen Nationen Konsuln bestätigt, die für die Verträge und andere Angelegenheiten der jeweiligen Gruppe zuständig waren. Im Lauf der Zeit hat sich dann so etwas wie ein Extraterritorialitäts-Prinzip durchgesetzt: Die Anwesen, in denen die Konsuln residierten, unterlagen nicht mehr der normalen osmanischen Staatsverwaltung und Rechtsprechung, sondern waren abgegrenzt. Weiter erhielten die europäischen Nationen und damit ihre Konsuln das Recht, ein Protektorat über einzelne Bürger oder Gruppen von osmanischen Untertanen auszuüben. Das führte bald dazu, dass sich alle diejenigen, die überhaupt im internationalen Handel tätig waren, ob osmanische Untertanen oder nicht, sich unter die Jurisdiktion eines europäischen Konsuls stellten. Hinzu kommt, wie wir oben gesehen haben, dass zunehmend europäische Mächte als Schutzmacht für einzelne Konfessionen auftraten, beginnend mit dem russischen Patronat über die Orthodoxie. 14

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