oekom Corporate Responsibility Review 2011 Nachhaltigkeit in Unternehmensführung und Kapitalanlagen eine Bestandsaufnahme

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1 oekom Corporate Responsibility Review 2011 Nachhaltigkeit in Unternehmensführung und Kapitalanlagen eine Bestandsaufnahme

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3 Inhaltsverzeichnis Grußwort... 2 Dr. Norbert Röttgen, Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Editorial... 3 Robert Haßler, CEO oekom research AG Auf den Punkt gebracht: Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse... 4 Socially Responsible Investment in Asia... 6 Eiichiro Adachi, Japan Research Institute 1. Entwicklung des nachhaltigen Investments Zahlen und Fakten Aktuelle Marktentwicklungen in verschiedenen Märkten Deutschsprachiger Raum Europa Nachhaltige Investments weltweit Performance von nachhaltigen Kapitalanlagen Nachhaltigkeit bei alternativen Investments Rohstoffe Emissionsrechte Mikrofinanz Ausblick: Masse und Klasse Wie viel Kommerzialisierung der Mikrofinanz verträgt das ethische Investment? Thorsten Nilges, Steffen Ulrich, Bischöfliches Hilfswerk Misereor e.v. 2. Corporate Responsibility Stand und Trends Basis der Analysen: das oekom Universe Corporate Responsibility: Gesamtperformance Unternehmen mit oekom Prime Status Die Branchensieger Corporate Responsibility in ausgewählten Branchen Corporate Responsibility in ausgewählten Themenbereichen Korruption, Bilanzfälschung und andere Wirtschaftsdelikte Vergütungsstrukturen und Nachhaltigkeitsperformance Arbeits- und Menschenrechte Umgang mit Kundendaten Schutz der Wälder Nachgehakt: Follow-up zum oekom Corporate Responsibility Review Ausblick: Sherpas und Scouts Cancún legt Grundlagen für eine Aufwärtsspirale im internationalen Klimaschutz Christoph Bals, Germanwatch e.v. oekom Inside...50 Anhang: Methodik, Glossar, Quellen und Publikationen Impressum...55 oekom research AG Seite 1 oekom CR Review 2011

4 Grußwort Dr. Norbert Röttgen, Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Die Zukunftsverantwortung der Unternehmen: Den sozialen Zusammenhalt stärken, neue Märkte nutzen Von dem berühmten Theoretiker der neoliberalen Schule Milton Friedman stammt der Satz: Die soziale Verantwortung eines Unternehmens ist es, den Profit zu erhöhen. Wer wollte das bestreiten? Aber genügt das? Nach den Erfahrungen der letzten Jahre und insbesondere der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise genügt das immer weniger. Die Öffentlichkeit, die Verbraucher und die Akteure auf den Finanzmärkten fragen nicht mehr nur danach, wie hoch Gewinne sind und was Unternehmen mit ihren Gewinnen machen, sondern vor allem, wie sie ihre Gewinne erzielen. Sie wollen, dass die Unternehmen ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden. Sie wissen, dass soziale Verantwortung für die soziale Marktwirtschaft elementar ist. Denn die soziale Marktwirtschaft lebt von Werten, die sie selbst nicht schaffen kann. Der Markt allein schafft keine Solidarität. Für die Väter der sozialen Marktwirtschaft lagen die Erfolgsbedingungen des Marktes jenseits von Angebot und Nachfrage. Ihnen war klar, dass wirtschaftlicher Erfolg immer soziale Verantwortung verlangt. Sie ist der Kitt, der die Gesellschaft zusammen hält. Die Unternehmen wissen um diese gesellschaftliche Verantwortung und nehmen sie engagiert wahr gerade die vielen Familienunternehmen im Mittelstand, die der Rückhalt unserer Wirtschaft sind. In einer Studie von 2006 gaben 96 Prozent der deutschen Unternehmen an, sie seien freiwillig gesellschaftlich engagiert sei es durch Geldoder Sachspenden, durch Stiftungen, durch die Unterstützung des ehrenamtlichen Engagements ihrer Mitarbeiter oder durch direkte Dienstleistungen. Und in vier von fünf Unternehmen gehört nach Aussage der Befragten das gesellschaftliche Engagement zum Selbstverständnis. Das ist eine beeindruckende Bilanz, die zeigt, dass die Unternehmen um ihre Verantwortung wissen. Entscheidend ist, dass sie diese Verantwortung auch im härter werdenden weltweiten Konkurrenzkampf bewahren. Und ich bin sicher: Sie werden das auch leisten, denn sie erkennen immer mehr, dass Corporate Social Responsibility auch ein zentrales strategisches Instrument ist, um ihre Zukunftsfähigkeit zu sichern. Sie verbindet sich mit neuen Unternehmensstrategien der Nachhaltigkeit, die immer wichtiger werden. Das bedeutet Investitionen in nachhaltige Strukturen. Es bedeutet aber vor allem auch Investitionen in die neuen Märkte der effizienzsteigernden und ressourcenschonenden Technologien. Diese Märkte für Umwelttechnologien sind der größte Wachstumstreiber für die Wirtschaft im 21. Jahrhundert, darin sind sich die meisten Experten einig. Schon heute liegt das Weltmarktvolumen der Umwelttechnologie bei rund 1,5 Billionen Euro. Schon in zehn Jahren wird es sich nach Schätzungen verdoppelt haben. Gerade Deutschland hat die besten Chancen, von diesem Wachstumsmarkt besonders zu profitieren. Deutschland hat den relativ größten Weltmarktanteil an Umwelttechnologien mit 16 Prozent, das ist ein Volumen von umgerechnet 224 Milliarden Euro. Und was mir besonders wichtig ist: Hier liegen die Arbeitsplätze der Zukunft. Heute haben wir schon 1,8 Millionen Arbeitsplätze auf dem Feld der Umwelttechnologien, davon allein im Bereich der erneuerbaren Energien. Schätzungen rechnen bis 2020 für grüne Dienstleistungen mit rund und bei der Energieeffizienz mit ca neuen Arbeitsplätzen. Diese Wachstumschancen müssen wir voll nutzen. Wir müssen alles dafür tun, dass Deutschland diese Chance weiter ausbaut. Die Politik hilft dabei, wo sie kann und das nicht nur durch finanzielle Anschubförderung von Umwelttechnologien, durch Gesetze oder Verordnungen. Die Bundesregierung hat darüber hinaus eine nationale CSR-Strategie ins Leben gerufen und macht unternehmerische Verantwortung in ihrem Aktionsplan national und international zum Thema. Wenn wir alle an einem Strang ziehen, können wir die Rolle der deutschen Unternehmen als weltweites Vorbild stärken als Vorbild sowohl für soziale Verantwortung als auch für das nachhaltige Wirtschaften der Zukunft. Ich baue auf Ihre Unterstützung! Mit herzlichen Grüßen Ihr oekom research AG Seite 2 oekom CR Review 2011

5 Editorial Robert Haßler, CEO oekom research AG Von der breiten Öffentlichkeit leider weitgehend unbemerkt haben wir 2010 das UN-Jahr der Biodiversität begangen. Die Vereinten Nationen wollten damit auf die Folgen des Artensterbens und der Zerstörung der Ökosysteme aufmerksam machen. Wie dramatisch die Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft sind, zeigen eindrucksvoll verschiedene Studien, die im Vorfeld des Weltbiodiversitätsgipfels im japanischen Nagoya im Oktober 2010 veröffentlicht wurden. So hat die Finanzinitiative des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP FI) errechnet, dass die weltweit größten Unternehmen mehr als 50 Prozent ihres Gewinns oder gut sieben Prozent ihres Umsatzes aufwenden müssten, wenn ihnen die durch sie verursachten Schäden an Umwelt und Arten in Rechnung gestellt werden würden. Diese werden auf 2,15 Billionen Euro pro Jahr geschätzt. Der Gipfel selbst hat nach Einschätzung von Experten wichtige Fortschritte beim Schutz der Arten und Ökosysteme gebracht. Japan ist offensichtlich ein gutes Pflaster für globale Umweltschutzabkommen, auch wenn die aktuellen Beschlüsse zum Artenschutz nicht ganz die gleiche Bedeutung haben wie das Kyoto-Protokoll. Immerhin: Eine Art behauptet sich hartnäckig der schwarze Schwan. Nach wie vor gibt es Vertreter der These, dass der Zusammenbruch des Immobilienmarktes und die daraus folgende globale Finanz- und Wirtschaftskrise nicht vorhersehbar waren. Der Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb hat hierfür den Begriff schwarzer Schwan eingeführt. Der schwarze Schwan beschreibt dabei ein Ereignis, das es eigentlich nicht geben kann (so wie eben schwarze Schwäne, bis man sie in Australien entdeckt hat). Der Ökonom Nouriel Roubini hat diese tierische These eindrucksvoll widerlegt und auf die zyklischen Krisen der Marktwirtschaft hingewiesen. Bei klarem, von kurzfristigem Profitund Bonusstreben unbeeinflusstem Blick, so seine Analyse, hätte man die Krise kommen sehen können. Und so wie die Finanzkrise kein unvorhersehbares Ereignis war, sind auch der Klimawandel und das Artensterben keine schwarzen Schwäne. Die wissenschaftlichen Studien des Weltklimarates zeigen in ihrer Summe eindrücklich die Dynamik des Klimawandels und seine Risiken. Daran können auch die im vergangenen Jahr bekannt gewordenen Ungereimtheiten im wissenschaftlichen Netzwerk des IPCC nichts ändern. Der Weltklimagipfel in Cancún im Dezember 2010 war eine unerwartet erfolgreiche Zwischenstation auf dem Weg zu einem Post-Kyoto- Abkommen in Südafrika müssen nun Nägel mit Köpfen gemacht werden. Schließlich gibt es auch bei der Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung auf Unternehmensebene keine schwarzen Schwäne. Wer als IT-Unternehmen in China produzieren lässt oder als Handyhersteller seltene Erden aus dem Kongo bezieht, kann und muss wissen, dass er es dort mit problematischen Arbeitsbedingungen und häufig mit Menschenrechtsverletzungen zu tun hat. Und wer Erdöl auf dem Meer aus mehreren tausend Metern Tiefe fördert, muss die Risiken kennen und auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Der oekom Corporate Responsibility Review erscheint nunmehr zum dritten Mal und die Themen gehen uns nicht aus: Nach wie vor ist die Mehrheit der Unternehmen weit entfernt von einer nachhaltigen Wirtschaftsweise. Hier wollen wir Defizite und Fehlentwicklungen aufzeigen, die Risiken für die Unternehmen und damit auch für die Investoren mit sich bringen können. Genauso wichtig ist es uns aber, positive Beispiele hervorzuheben und Lösungsansätze aufzuzeigen. Die Situation der Arbeits- und Menschenrechte ist dabei einer der Aspekte, die wir im Rahmen des Corporate Responsibility Reviews näher betrachten. Weitere Schwerpunktthemen sind die Verbreitung von Korruption und Wettbewerbsbeschränkungen, die zunehmende Bedeutung von Nachhaltigkeitskriterien bei der Zahlung von Gehältern und Boni, der Umgang mit Kundendaten sowie Zustand und Schutz der Wälder. Auch in diesem Jahr werden wir von drei Gastautoren unterstützt. Wir danken Eiichiro Adachi vom Japan Research Institute, Christoph Bals von Germanwatch sowie Thorsten Nilges und Steffen Ulrich von Misereor ganz herzlich für ihre Beiträge. Eine interessante und aufschlussreiche Lektüre wünscht Ihnen Ihr oekom research AG Seite 3 oekom CR Review 2011

6 Auf den Punkt gebracht: Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse Entwicklung des nachhaltigen Investments Zahlen und Fakten Nachhaltige Kapitalanlagen konnten Marktanteil und Volumen in der Finanz- und Wirtschaftskrise insgesamt weiter ausbauen. Weltweit werden rund acht Billionen Euro unter Berücksichtigung von sozialen, umwelt- und governancebezogenen Kriterien angelegt, davon allein fünf Billionen Euro in Europa. Im deutschsprachigen Raum waren per Ende Publikumsfonds mit einem Gesamtvolumen von rund 34 Milliarden Euro zum Vertrieb zugelassen. Bei der Anzahl konnte damit ein neuer Höchststand verzeichnet werden, das Volumen erreichte wieder das Vorkrisenniveau. Bei den Publikumsfonds in Europa konnten sowohl Anzahl als auch Volumen neue Rekordmarken erzielen. 897 Fonds mit einem Volumen von 75,3 Milliarden Euro waren per zum Vertrieb zugelassen. Frankreich ist dabei der mit Abstand größte Markt. Im Zuge der Rückführung der Aktienquoten bei vielen institutionellen Investoren als Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise und der Umschichtung in Richtung Geldmarkt und Renten ist das Interesse an der Berücksichtigung von ESG-Kriterien bei festverzinslichen Kapitalanlagen in den vergangenen zwei Jahren deutlich gestiegen. Immer mehr private und institutionelle Anleger berücksichtigen auch beim Kauf einer Unternehmens- oder Staatsanleihe soziale und umweltbezogene Kriterien. Insgesamt sind die nachhaltigen Kapitalanlagen in Europa nach Angaben einer Studie des europäischen Branchenverbandes Eurosif per Ende 2009 gegenüber Ende 2007 um 87 Prozent auf nunmehr rund 5 Billionen Euro gewachsen. Ihr Marktanteil beträgt damit nach Berechnungen von Eurosif rund 47 Prozent. Der überwiegende Anteil dieses Kapitals wird allerdings nach eher weichen Nachhaltigkeitskriterien verwaltet. Hinter dem starken Wachstum des Marktes steht vor allem ein gestiegenes Engagement institutioneller Investoren. Indiz für das weiter wachsende Interesse von institutionellen Anlegern ist die steigende Zahl der Unterzeichner der UN Principles for Responsible Investment (UN PRI). Ihre Zahl hat zwischen Mitte 2009 und Mitte 2010 um 30 Prozent auf über 850 zugelegt. Nach wie vor unterrepräsentiert sind Unterzeichner aus Deutschland. Eine Analyse des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) für die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) zeigt, dass nachhaltige Kapitalanlagen in der Krise keine Performancenachteile gegenüber konventionellen Anlagen zu verzeichnen hatten. Ein interessantes Detail: Die Performance der nachhaltigen Anlageprodukte war umso besser, je strenger die definierten Nachhaltigkeitskriterien waren. Nicht nur Rentenanlagen, sondern auch alternative Investments sind angesichts weltweiter Krisen- und Inflationsängste stärker in den Fokus nachhaltigkeitsorientierter Anleger gerückt. Während dabei einige Bereiche, z. B. Mikrofinanz und Forst, schon länger auch unter Nachhaltigkeitskriterien betrachtet werden, fängt die Diskussion um das ob und wie nachhaltiger Anlagen bei anderen Anlagen, insbesondere bei Rohstoffen, gerade erst an. Im Fokus der zukünftigen Entwicklung des nachhaltigen Investments muss nach Einschätzung von oekom research unter dem Motto Masse und Klasse neben dem weiteren Ausbau des Volumens und des Marktanteils die qualitative Vertiefung der verschiedenen SRI-Anlagestrategien stehen. Insbesondere die so genannten weiten SRI-Ansätze wie Engagement und Integration müssen systematisch weiterentwickelt werden, um das Kernanliegen des nachhaltigen Investments zu erreichen: die Umsteuerung der Unternehmen in Richtung einer nachhaltigen Wirtschaftsweise. S. 9ff. S. 10 S. 11 S. 11 S. 12f. S. 15 S. 15 S. 16ff. S. 20 oekom research AG Seite 4 oekom CR Review 2011

7 Corporate Responsibility Stand und Trends oekom research bewertet regelmäßig rund Unternehmen aus mehr als 45 Branchen und aus über 50 Staaten. Abgedeckt werden damit internationale Indizes wie der MSCI World, der MSCI Emerging Markets, der Stoxx 600 sowie wichtige nationale Indizes wie der österreichische ATX, der französische CAC40, die deutsche DAX-Familie und der Schweizer SMI. Insgesamt 550 der Unternehmen, also rund ein Sechstel, erfüllen mit Stand vom die Voraussetzungen für den oekom Prime Status. Ein weiteres Viertel aller bewerteten Unternehmen hat zumindest eine Basis für ein systematisches Nachhaltigkeitsmanagement gelegt, deutlich mehr als die Hälfte der Unternehmen zeigt eine unzureichende Nachhaltigkeitsleistung. In den Emerging Markets gibt es eine Reihe von Unternehmen, die in Sachen CSR den Vergleich mit den Unternehmen aus den Industrieländern nicht scheuen müssen. Auf der von 0 (sehr schlechte Nachhaltigkeitsperformance) bis 100 (sehr gute Nachhaltigkeitsperformance) reichenden Skala schneiden die Computerhersteller mit einer Durchschnittsbewertung von 47,8 noch am besten ab. Auf den weiteren Plätzen folgen die Produzenten von Haushaltsprodukten (45,6) und die Automobilhersteller (42,7). Korruption und Bestechung auf Unternehmensebene sind in einigen Branchen nach wie vor weit verbreitet. Wie im Vorjahr nehmen hier die Baubranche (15,3 Prozent der Unternehmen), die Luftfahrt- und Rüstungsindustrie, die Hersteller von Unterhaltungselektronik und von Kommunikationsgeräten sowie die Tourismus- und Freizeitindustrie (jeweils 12,5 Prozent) die unrühmlichen vorderen Plätze ein. Noch schlimmer ist die Lage bei Kartellrechtsverstößen. Hier stellen die Hersteller von Unterhaltungselektronik einen traurigen Rekord auf: Drei Viertel der Unternehmen dieser Branche sind nachweislich in Wettbewerbsvergehen involviert. Auch unter den Herstellern von Haushalts- und Chemieprodukten sowie Baumaterial ist mehr als die Hälfte der Unternehmen bei entsprechenden Beschränkungen des Wettbewerbs aktiv. Immer mehr Unternehmen verändern ihre Anreizstrukturen in Richtung Langfristigkeit und Nachhaltigkeit. Dazu zählen als zeitliche Komponente die Streckung der Auszahlung von variablen Gehaltsbestandteilen über mehrere Jahre und als inhaltliche Komponente die Verknüpfung der Boni mit der Erreichung von ESG-Zielen. Verstöße gegen Arbeits- und Menschenrechte sind in einigen Branchen weiterhin weit verbreitet. Jeder zweite Hersteller von Unterhaltungselektronik und von Computern verstößt selbst oder in seiner Zulieferkette gegen anerkannte Arbeitsstandards. In der Textilbranche ist noch immer mehr als jedes dritte Unternehmen betroffen. In Menschenrechtsverletzungen sind vor allem Unternehmen der Bergbaubranche involviert. Die oekom Weltkarte der Menschenrechtsverletzungen gibt einen Überblick über entsprechende Verstöße auch in weiteren Branchen. Kunden und Bürger gehen trotz zahlreicher Warnungen oft sorglos mit ihren Daten um. Gleichzeitig ist die Inanspruchnahme von Dienstleistungen für die Kunden häufig an die Bedingung geknüpft, den Unternehmen umfangreiche Daten zur Verfügung zu stellen. Unternehmen sind daher besonders in der Verantwortung, die Kundendaten sensibel zu nutzen. Im Handel und bei den Internet- und Softwareunternehmen zeigen sich hier Licht und Schatten. S. 24 S. 29 S. 30 S. 31f. S. 33 S. 34f. S. 35ff. S. 40f. Der nachhaltigen Waldwirtschaft und der Nutzung von Holz aus legalen Quellen kommt angesichts der fortschreitenden Rodung der Wälder große Bedeutung zu. Sowohl in der Medien- als auch in der Baubranche gibt es erste Unternehmen, die mehrheitlich oder gar ausschließlich FSC-zertifiziertes Holz verwenden. Auch hier stehen den positiven Beispielen aber zahlreiche Unternehmen gegenüber, die kein oder kaum Engagement zum Schutz der Wälder erkennen lassen. S. 42ff. oekom research AG Seite 5 oekom CR Review 2011

8 Socially Responsible Investment in Asia Eiichiro Adachi, Japan Research Institute For many Asian countries, the concept of socially responsible investment (SRI), though originally imported from Western countries, is now here to stay. In this article, a tour around the region reveals many of the latest SRI developments in Asia. Japan Japan leads the way in Asia with regard to SRI. The first environmentally-screened mutual fund was launched here twelve years ago, in The current volume of assets in the SRI market, including both retail products and institutional products, stands at more than 7 billion US-Dollar. The Japanese SRI market has characteristically depended mainly on retail products rather than on institutional products, but in recent times, the first signs of a shift from retail to institutional products have become evident. On 16th December 2010, RENGO, the Japanese Trade Union Confederation, which has 6.75 million members and is a major supporter of the incumbent ruling party, the Democratic Party of Japan, released a set of guidelines which focus on ESG investment, and in particular on employment aspects. It exerts a strong influence on a number of public and corporate pension funds through its union members and in recent years has been advocating a responsible investment. In 2008, after the global financial crisis, it published a paper entitled A RENGO Perspective on the Corporate Legal Framework and Investment Fund Regulation. RENGO s aim was to strengthen the influence of the trade unions on the management of workers capital (reserves contributed by workers), such as pension funds, and to prevent investment in funds having adverse effects on employment and society as a whole. To this end, it formulated a set of guidelines based on the United Nations Principles for Responsible Investment. As a trades union body, it previously paid little attention to the way its capital was managed, but now it is concerned that its money could be used for violations of workers rights and might not be used to invest in green innovation and technology to regenerate growth. Japanese public pension funds, such as the National Public Service Personnel Pension Fund and the Local Government Officials Pension Fund, have been paying greater attention to responsible investment in recent times. And it is also understood that discussions are taking place within the Government Pension Fund of Japan, the world s largest pension plan with assets of 1.3 trillion US-Dollar, about responsible investment issues. Korea Korea ranks second in Asia in terms of SRI. According to the Korea Sustainability Investment Forum (Kosif), the total amount invested in Korean-domiciled SRI funds has risen to 3.3 billion US-Dollar. The National Pension Service is a major supporter of SRI, accounting for 1.1 billion US-Dollar of these invested assets. On September 14, 2009, the Korea Exchange (KRX) launched its Socially Responsible Investment Index ( SRI Index ), composed of outstanding companies that demonstrate excellence in corporate sustainability assessments of their performance, including their environmental, social and corporate governance from the extra-financial perspective. The SRI Index provided by KRX is a market capitalization-weighted (freefloat adjusted) index comprising 70 constituent companies demonstrating outstanding SRI performance, as of January 2, China For the Chinese capital market, SRI is a completely new phenomenon. There are still only a few mutual funds which take ESG criteria into account when investing in companies. However, the term corporate social responsibility has become widespread, promoted by the central government, which has been keen to build a harmonious society, avoiding the distortions produced by high levels of economic growth. The Shanghai and Shenzhen stock exchanges have played an important role with regard to SRI. Firstly, in 2006, the Shenzhen stock exchange issued its CSR Guidelines for Listed Companies, which called upon listed companies to assume responsibility for social development, protect the natural environment and other resources and commit to advancing the interests of shareholders, creditors, employees, customers, consumers and others involved in their businesses. These guidelines also urged companies to evaluate their performance regularly and to issue voluntary disclosures about the results. In May 2008, the Shanghai Exchange issued a Notice on Strengthening Listed Companies Assumption of Social Responsibility (Shanghai CSR Notice) and the Guidelines on Listed Companies oekom research AG Seite 6 oekom CR Review 2011

9 Environmental Information Disclosure (Shanghai Environmental Disclosure Guidelines). According to these documents, Shanghai Exchange-listed companies should fulfil their social responsibilities, address the interests of their stakeholders and commit themselves to promoting sustainable economic and social development. In August 2009, the Shanghai Exchange and China Securities Index Company Limited officially launched the SSE Social Responsibility Index. The constituent components of the index, the base day of which is June 30, 2009, are 100 SSE-listed stocks exhibiting good performance in the area of social responsibility. The CSI ECPI China ESG 40 Equity Index, launched in September 2010 and comprising 40 companies in mainland China, is a collaboration between Chinese Securities Index Company, an index provider backed by the Shanghai and Shenzhen stock exchanges, and ECPI, a European ESG research and indices company. Under these circumstances, a boom in SRI is predicted in China in the near future. And this will not be restricted to retail mutual funds. A statement by an official from the National Council for Social Security Fund indicated that this large-scale pension fund might consider SRI for its future investments. In September 2007, he said that the social security fund would promote a style of investment based on longterm value, taking corporate governance and socially responsible investment into account. Malaysia Malaysia is another country where many investors are paying attention to ESG issues. Bursa Malaysia, the stock exchange in Malaysia, began publishing CSR guidance for companies in September Since that time, Bursa Malaysia has been closely monitoring and evaluating the quality of CSR reporting in Malaysia. The exchange has also worked closely with Malaysia s regulators and policy-makers to initiate a carefully-paced transition toward mandatory CSR reporting by listed companies. Malaysian companies are now required to include in their annual reports a description of their CSR activities and practices or, if there are none, a statement to this effect. This requirement is also incorporated into Bursa Malaysia s listing rules. Singapore As a member of the Commonwealth of Nations, Singapore has a comparatively long history of involvement in SRI. Furthermore, in recent times, the Singapore Exchange (SGX) has recognized that more and more investors are paying attention to environmental, social and governance (ESG) issues and on August 28, 2010, it released a Proposed Policy Statement and Guide to Sustainability Reporting for Listed Companies. SGX s policy proposal was under public review until October 29, Though the jury is still out on this, SGX might well become the first securities exchange in Asia to require listed companies to introduce sustainability reporting. Indonesia On June 8, 2009, Indonesia Stock Exchange (IDX), in collaboration with Yayasan Keanekaragaman Hayati Indonesia (the Indonesian Biodiversity Foundation KEHATI), launched a new index, the SRI-KEHATI Index, based on sustainable and responsible investment (SRI) practices. The new index is expected to enhance the exposure of listed companies that have met their environmental and social responsibilities as well as showing good corporate governance. The SRI-KEHATI Index consists of 25 stocks. Thailand The Stock Exchange of Thailand (SET) has taken a different approach to raising CSR awareness and standards. In 2007, SET established the Corporate Social Responsibility Institute (CSRI), which encourages listed companies to become more involved with ESG issues and to promote CSR concepts and practices. SET organises annual CSR awards to reward listed companies for exceptional contributions to society. Substantive measures have also been taken to raise corporate governance standards. Hong Kong On July 7, 2010, Hang Seng Indexes Company Limited announced the launch of the Hang Seng Corporate Sustainability Index Series, the first index series to focus exclusively on Hong Kong and the Chinese mainland. The Hang Seng Corporate Sustainability Index and the Hang Seng (China A) Corporate Sustainability Index include 30 Hong-Kong-listed and 15 mainlandlisted corporate sustainability leaders, respectively. The Hang Seng (Mainland and HK) Corporate Sustainability Index is a cross-market index combining the constituent stocks of the other two indexes, in which the number of constituent companies represented will vary but at launch will be 39. oekom research AG Seite 7 oekom CR Review 2011

10 Taiwan Finally, in Taiwan, Fubon Financial Holding began using corporate social responsibility as an investment standard for funds in March Similarly, Taiwan s labour retirement pension fund has integrated corporate social responsibility and ethics into the operational principles of its fund investments. In February 2010, the Taiwan Stock Exchange (TSE) and GreTai Securities Market (GTSM) announced CSR Guidelines for listed companies as soft law to encourage companies to make forward progress in this area. The Guidelines, drafted by BCSD- Taiwan and CSR Taiwan, are regarded as a milestone in the linking of CSR to the capital market. They are also seen as the new driving force in both CSR performance disclosure and responsible investment, providing guidance to assist listed companies in implementing CSR in the environmental, social and corporate governance (ESG) field. Without doubt, Asia remains the most economically dynamic region on earth. However, this does not necessarily mean that Asia focuses solely on development through economic growth. Asian companies are subject to constant external pressure, both domestically and internationally. Choosing the path of sustainable development will automatically lead to the emergence of SRI in Asia. This will also generate opportunities of great benefit to global investors. Eiichiro Adachi is the head of the ESG research centre at the Japan Research Institute Limited (JRI) in Tokio, which is a wholly-owned subsidiary of Sumitomo Mitsui Financial Group, Inc. He received his bachelor s degree in economics from Hitotsubashi University in Japan in He is currently engaged in the CSR screening of listed Japanese companies for Sumitomo Trust and Banking Co. Ltd, STB Asset Management Co. Ltd, Daiwa Asset Management Co. Ltd and others. He is also the project manager for research studies on environmental finance and CSR commissioned by a number of ministries. He is the author of The Introduction to Corporate Environmental Management (2009, Nikkei Publishing Inc.), Social Finance (2006, Kinzai) and the co-author of several books, such as Corporate Social Responsibility Management and Socially Responsible Investment (2004, Kinzai). He has been a working group member of the Committee for the Promotion of CSR Management at KEIZAI DOYUKAI (Japan Association of Corporate Executives), a member of the CSR study group set up by the Ministry of Health, Labour and Welfare, and, until May 2009, was one of the experts in the Japanese delegation to the ISO / Social Responsibility Standards (ISO26000) Working Group. JRI s research covers approximately 2,000 companies in 33 sectors of the economy in Japan. JRI currently has 7 ESG analysts, including 3 analysts covering Asia. JRI plans to expand its research coverage of Asian countries. oekom research AG Seite 8 oekom CR Review 2011

11 1. Entwicklung des nachhaltigen Investments Zahlen und Fakten Fünf Billionen Euro waren nach einer Studie von Eurosif, dem europäischen Branchenverband für nachhaltiges Investment, zum Jahresende 2009 in Europa unter Berücksichtigung von sozialen, umwelt- und governancebezogenen (ESG) Kriterien investiert. In den Krisenjahren 2008 und 2009 ist das Volumen damit um 87 Prozent gestiegen. Auch bei Anzahl und Volumen der nachhaltigen Publikumsfonds wurden in Europa neue Höchststände erreicht. Dabei sind Rentenpapiere stärker in den Fokus gerückt, nachdem sie in der öffentlichen Diskussion über das nachhaltige Investment lange im Schatten der Aktien gestanden haben. Gleichzeitig ist das Interesse nachhaltiger Investoren an alternativen Anlagen, z. B. Wald und Rohstoffen, spürbar gestiegen. Diese und weitere interessante Entwicklungen im nachhaltigen Investment werden auf den folgenden Seiten dokumentiert. 1.1 Aktuelle Marktentwicklungen in verschiedenen Märkten Deutschsprachiger Raum Das Interesse an nachhaltigen Kapitalanlagen ist sowohl bei privaten als auch bei institutionellen Investoren weiter gestiegen, wie eine Reihe von Studien zeigt, die im Jahr 2010 veröffentlicht wurden. So finden beispielsweise 32 Prozent der 500 von der Union Investment befragten Finanzentscheider in deutschen Privathaushalten nachhaltige Geldanlagen attraktiv. Am besten kommen nachhaltige Geldanlagen gemäß Union Investment bei jungen Anlegern zwischen 20 und 29 Jahren an. Die Zahl der privaten Anleger, die ihr Geld bereits nach ökologischen Nachhaltigkeitskriterien angelegt haben, ist nach einer Studie der DZ Bank von 22 Prozent im Jahr 2009 auf 29 Prozent im Jahr 2010 gestiegen. Befragt wurden rund Anleger in Deutschland. Gut zwei Drittel (68 Prozent) der institutionellen Investoren in Deutschland waren nach einer weiteren Studie der Union Investment aus dem Frühjahr 2010, bei der 242 deutsche Großanleger wie Versicherungen, Pensionskassen und kirchliche Investoren mit einem Anlagevolumen von insgesamt 920 Milliarden Euro befragt wurden, in ökologisch, sozial oder ethisch ausgerichtete Anlageprodukte investiert. Ein Jahr zuvor waren es 64 Prozent. Auf Sicht von fünf Jahren erwartet die Mehrheit der Großanleger (55 Prozent) eine positive Marktentwicklung bei nachhaltigen Anlageprodukten. Nachhaltige Publikumsfonds in Deutschland Das in den oben zitierten Umfragen zum Ausdruck kommende gestiegene Interesse privater Anleger spiegelt sich auch in der Entwicklung der Anzahl und des Volumens nachhaltiger Publikumsfonds wider. So haben die in Deutschland zum Vertrieb zugelassenen Publikumsfonds laut einer Studie von ECOreporter im Jahr 2010 ein neues Rekordvolumen erreicht: Insgesamt 32,42 Milliarden Euro hatten Anleger zum hier investiert. Ein Jahr zuvor hatte das Volumen noch bei 30,08 Milliarden Euro gelegen. Mittlerweile können die Anleger zwischen 304 in Deutschland zugelassenen Fonds aus den Bereichen Nachhaltigkeit, Ethik und Erneuerbare Energien auswählen. Ende 2009 waren es erst 279 dieser Fonds. Zu den Fonds zählen Aktien-, Renten-, Misch- und Dachfonds, Mikrofinanzfonds und Exchange Traded Funds (ETFs). Die beste Performance zeigte dabei ein Aktienfonds, der ein Jahresplus von 38,2 Prozent verbuchte. Die ECOreporter-Untersuchung dokumentiert weitere 161 nachhaltige Aktienfonds, die im Jahr 2010 positiv liefen. Nur sechs der Aktienfonds verloren an Wert wobei der Verlust maximal 2,3 Prozent betrug. Der beste nachhaltige Mischfonds legte 26,3 Prozent zu, der beste nachhaltige Rentenfonds 18,5 Prozent. Schlusslicht war ein Erneuerbare-Energien-Fonds, der 29,4 Prozent verlor. oekom research AG Seite 9 oekom CR Review 2011

12 Nachhaltige Zertifikate in Deutschland Bei den in Deutschland zugelassenen nachhaltigen Anlagezertifikaten hat sich der Konsolidierungsprozess fortgesetzt. Nach einem starken Wachstum in den Jahren 2006 und 2007 ist die Zahl entsprechender Zertifikate seit 2008 relativ konstant geblieben. Per Ende 2010 waren in Deutschland 247 Zertifikate mit einem Emissionsvolumen von 6,99 Milliarden Euro auf dem Markt. Interessant erscheint, dass im zweiten Halbjahr 2010 einige Zertifikate von den Emittenten gekündigt wurden, obwohl diese eigentlich als open-end-papiere konstruiert waren. Anzahl nachhaltiger Zertifikate in Deutschland; Stand ; Quelle: Stefan Schneider / ecofin Verbund (2011) Nachhaltige Publikumsfonds im deutschsprachigen Raum Im deutschsprachigen Raum mit seinen drei Teilmärkten Deutschland, Österreich und Schweiz waren nach Berechnungen des Sustainable Business Institute (SBI) per insgesamt 354 nachhaltige Publikumsfonds zum Vertrieb zugelassen. Sie waren zu diesem Zeitpunkt mit rund 34 Milliarden Euro investiert. Damit hat sich das Wachstum der Anzahl der nachhaltigen Publikumsfonds im Jahr 2010 fortgesetzt. Ende 2009 registrierte das SBI 313 Fonds. Beim Volumen wurde das Vorkrisenniveau von 2007 wieder erreicht. 25 Fonds mit einem Volumen von ca. 700 Millionen Euro sind 2010 neu aufgelegt worden: neun Aktien-, elf Misch-, drei Renten- sowie ein Mikrofinanzfonds und ein Exchange Traded Funds (ETF). Darüber hinaus sind gegenüber Ende Fonds mit einem Volumen von ca. zwei Milliarden Euro hinzugekommen, die entweder bereits in anderen Ländern zugelassen waren oder neuerdings Nachhaltigkeitskriterien berücksich- tigen. 18 Fonds wurden im Jahr 2010 geschlossen oder mit anderen Fonds zusammengelegt. Volumen nachhaltiger Publikumsfonds im deutschsprachigen Raum; Stand ; in Mrd. Euro; Quelle: SBI (2011) oekom research AG Seite 10 oekom CR Review 2011

13 Gesamtmarkt für nachhaltige Kapitalanlagen im deutschsprachigen Raum Das Gesamtvolumen der nachhaltigen Assets under Management in Deutschland, Österreich und der Schweiz lag nach einer Studie des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG) per Ende 2009 bei knapp 38 Milliarden Euro. Dies ist ein Anstieg von 67 Prozent gegenüber dem Jahresende In Deutschland stieg das Volumen nach Berechnungen des FNG um 68 Prozent auf knapp 13 Milliarden Euro, in der Schweiz um 63 Prozent auf 23 Milliarden und in Österreich um 200 Prozent auf rund zwei Milliarden Euro. In die Studie einbezogen wurden sowohl Publikumsfonds als auch nachhaltige Mandate. 40 Kapitalanlagegesellschaften, Banken und institutionelle Investoren haben sich an der Befragung des FNG beteiligt. Auf deutlich andere Werte kommt eine Marktanalyse der Beratungsgesellschaft Work. Sie hat für eine Netzwerkanalyse aus einer Grundgesamtheit von über institutionellen Investoren aus dem deutschsprachigen Raum 100 aktiv nachhaltige Anleger identifiziert, die nach eigenen Angaben insgesamt 355 Milliarden Euro unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien verwalten oder verwalten lassen. Dies entspricht knapp über 50 Prozent ihrer gesamten Kapitalanlagen. Der deutliche Unterschied zwischen beiden Studien bei der Volumenberechnung beruht auf der unterschiedlichen Abgrenzung der einbezogenen Kapitalanlagen und der Differenz bei der Anzahl der berücksichtigten Investoren Europa Nachhaltige Publikumsfonds In Europa konnten die nachhaltigen Publikumsfonds sowohl bei ihrer Anzahl als auch beim Volumen zulegen. Nach Angaben von Vigeo Italia waren per in Europa 897 entsprechende Fonds zum Vertrieb zugelassen, ihr Volumen betrug insgesamt 75,3 Milliarden Euro. Dies entspricht einem Zuwachs von über 40 Prozent verglichen mit Stand ten Kapitalanlagen um 92 Prozent auf 26,5 Milliarden Euro. Frankreich ist damit vor Großbritannien der mit deutlichem Abstand größte Markt für nachhaltige Publikumsfonds in Europa. Der Anteil der in Renten- und Geldmarktfonds investierten Gelder ist trotz der Erholung an den Aktienmärkten im Jahr 2010 weiter gestiegen. Nach 33 Prozent im Jahr 2009 lag der Anteil nachhaltiger Renten- und Geldmarktfonds im Jahr 2010 bei 38 Prozent. Etwas mehr als die Hälfte des Kapitals (51 Prozent) war in Aktienfonds angelegt, die Mischfonds haben weiter an Bedeutung verloren. Mit 211 Millionen Euro war das durchschnittliche Volumen bei den Renten- und Geldmarktfonds am höchsten, die Aktienfonds kamen auf ein Durchschnittsvolumen von 83 Millionen Euro, die Mischfonds auf 63 Millionen Euro. Volumen nachhaltiger Publikumsfonds in Europa; Stand ; in Mrd. Euro; Quelle: Vigeo Italia (2010) per Ende Juni Damit wurden sowohl bei der Anzahl von nachhaltigen Publikumsfonds als auch beim Volumen neue Höchststände markiert. Belgien (227), Frankreich (215), Großbritannien (98) und die Schweiz (91) vereinen zusammen 72 Prozent aller in der Studie erfassten Fonds. In Frankreich ist im Jahresvergleich das stärkste Wachstum beim Volumen zu verzeichnen, hier stiegen die in Fonds investier- Aufteilung der in Europa zugelassenen SRI-Publikumsfonds nach Assetklassen; Stand ; in %; Quelle: Vigeo Italia (2010) oekom research AG Seite 11 oekom CR Review 2011

14 Logo? Na Logo! Im Jahr 2010 hat sich die Diskussion um die Frage, ob man gerade die privaten Anleger bei der Suche nach geeigneten Nachhaltigkeitsfonds durch entsprechende Kennzeichnungen unterstützen soll, angesichts der wachsenden Zahl entsprechender Produkte noch einmal intensiviert. Mit dem Transparenz-Logo von Eurosif, dem SRI-Label der französischen SRI-Organisation Novethic und dem österreichischen Umweltzeichen gibt es bereits drei wenn auch sehr unterschiedliche Ansätze. Das Eurosif-Logo erhalten Fonds, die bestimmte Anforderungen an die Transparenz des Investmentprozesses und der dabei genutzten Kriterien erfüllen. Eine inhaltliche Bewertung des Konzepts wird nicht vorgenommen. Einen Schritt weiter geht das Novethic-Logo, das auch inhaltliche Anforderungen an die Fonds definiert. Die Fonds müssen vier Kriterien erfüllen, um ausgezeichnet zu werden: die Berücksichtigung von ESG-Faktoren im Anlageprozess, ein Extra Financial Reporting, Transparenz hinsichtlich der SRI-Anlagestrategie und die vollständige Publikation aller Positionen in den Portfolios. Das Logo wird derzeit nur an in Frankreich zugelassene Fonds vergeben. Fonds, die das österreichische Umweltzeichen tragen, müssen Transparenz- und Qualitätskriterien erfüllen und nachweisen, dass bestimmte Positiv- und Ausschlusskriterien eingehalten werden. oekom research befürwortet die Entwicklung von Kennzeichnungen für nachhaltige Anlageprodukte. Je vielfältiger und heterogener das Produktangebot ist und je stärker sich auch Anleger dafür interessieren, die sich noch nicht intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt haben, desto größer ist der Bedarf an Orientierung. Ein Logo sollte vor diesem Hintergrund über reine Transparenzkriterien hinausgehen und den Anlegern auch einen Eindruck von der inhaltlichen Qualität der Produkte vermitteln. Dabei sollte es vor allem darum gehen, den Anlegern einen fundierten Hinweis auf Umfang und Strenge der genutzten Nachhaltigkeitskriterien sowie die Qualität der dahinterstehenden Researchprozesse zu geben. Die finale Entscheidung, ob ein Produkt den eigenen Vorstellungen von Nachhaltigkeit entspricht, kann man dem Anleger aber nicht abnehmen. Gesamtmarkt für nachhaltige Kapitalanlagen in Europa Mit großem Interesse wurden die alle zwei Jahre von Eurosif erhobenen Daten für den Gesamtmarkt erwartet, schließlich war man gespannt, wie das nachhaltige Investment durch die Krise der Jahre 2008 und 2009 gekommen ist. Mit der Veröffentlichung der Zahlen am war klar: gut ist es durchgekommen. Einen Anstieg von 87 Prozent gegenüber dem Stand per Ende 2007 konnte Eurosif zum Jahresende 2009 verzeichnen. Insgesamt waren zu diesem Zeitpunkt fünf Billionen Euro unter Berücksichtigung von ESG-Kriterien angelegt. Der Marktanteil nachhaltiger Kapitalanlagen lag bei Zugrundelegung der Daten aus der Eurosif-Studie bei rund 47 Prozent, nach etwa 17 Prozent per Ende Die Studie unterscheidet dabei einen strengen ( Core SRI ) und einen weiten ( Broad SRI ) Nachhaltigkeitsansatz. Die Detailanalyse zeigt, dass rund drei Viertel der nachhaltigen Anlagen dem weiten Ansatz zugeordnet wer- den können, bei dem wiederum die Integration - Strategie den Löwenanteil ausmacht. Dabei geht es um die Berücksichtigung von ESG-Kriterien in der konventionellen Finanzanalyse. Die Studie macht keine Angaben über Art und Umfang der entsprechenden Kriterien, die hier genutzt werden. Die Spannbreite reicht aber nach Volumen nachhaltiger Kapitalanlagen in Europa; Stand jeweils ; in Mrd. Euro; Quelle: Eurosif (2010) oekom research AG Seite 12 oekom CR Review 2011

15 Erfahrungen von oekom research von der fallweisen Berücksichtigung einzelner Kriterien, z. B. zum Klimawandel, bis hin zur systematischen Integration kompletter ESG-Kriterienkataloge. Allein diese Anlagestrategie steht für mehr als die Hälfte aller nachhaltigen Kapitalanlagen (56,6 Prozent) in Europa. Die Nutzung von Ausschlusskriterien sowie das aktive Aktionärstum (englisch: Engagement) sind nach Volumen die zweitbzw. drittwichtigste SRI-Anlagestrategie, während der Best-in-Class-Ansatz relativ bescheidene drei Prozent Marktanteil erreicht. Im Hinblick auf die Verbreitung von Core bzw. Broad SRI-Strategien gibt es dabei aber interessante nationale Unterschiede. So dominieren im deutschsprachigen Raum mit Marktanteilen von rund 95 Prozent (DE) bzw. 100 Prozent (AT, CH) strenge Ansätze, während beispielsweise in Großbritannien, Italien, Frankreich und Spanien die weiten Ansätze über 90 Prozent des Marktes ausmachen. Strategische Ansätze im nachhaltigen Investment; Stand: ; in Mrd. Euro; Quelle: Eurosif (2010) Mit der Interpretation der Ergebnisse der Eurosif-Studie beschäftigt sich der Ausblick Masse und Klasse (Kapitel 1.3). Motive institutioneller Investoren sind sehr unterschiedlich Die Motive und Strategien nachhaltig anlegender institutioneller Investoren zeigen deutliche nationale Unterschiede. Das ist ein Kernergebnis der Befragung von 251 europäischen Asset Ownern durch die französische SRI-Organisation Novethic. So steht der Schutz der eigenen Reputation bei finnischen und dänischen Investoren mit jeweils über 40 Prozent Zustimmung weit oben, während nur elf Prozent der französischen Investoren diesem Thema hohes Gewicht beimessen und es von britischen Häusern gar nicht erwähnt wurde. Umgekehrt steht für 57 Prozent der britischen Investoren der Beitrag von ESG-Kriterien zur finanziellen Performance der Kapitalanlagen im Vordergrund. 59 Prozent der französischen und sogar 68 Prozent der deutschen institutionellen Investoren wollen durch die Integration von ESG-Kriterien in ihre Kapitalanlagen eine nachhaltige Entwicklung aktiv unterstützen Nachhaltige Investments weltweit Die rasante Entwicklung bei den nachhaltigen Kapitalanlagen ist nicht auf Europa beschränkt. Auch außerhalb Europas hat sich das Wachstum bei den nachhaltigen Kapitalanlagen weiter fortgesetzt, wie einige aktuelle Marktstudien zeigen: USA Nach dem Report on Socially Responsible Investing Trends in the United States des Social Investment Forum (SIF) ist der nachhaltige Anlagemarkt in den USA auf 3,07 Billionen US-Dollar angewachsen. Dies entspricht einer Zunahme um 13 Prozent im Vergleich zu Mit 2,3 Billionen US-Dollar dominieren die institutionellen Anleger den SRI-Markt. Die insgesamt 250 in den USA zugelassenen nachhaltigen Publikumsfonds haben ein Volumen von 316 Milliarden US-Dollar. Quelle: oekom research AG Seite 13 oekom CR Review 2011

16 Australien Auch in Australien hat der Markt für nachhaltiges Investment zugelegt, wie der Report Responsible Investment 2010 der Responsible Investment Association Australasia (RIAA) zeigt. Das strenge Marktsegment Core SRI ist um 13 Prozent gewachsen: von 15,4 Milliarden US-Dollar (2009) auf 17,7 Milliarden US-Dollar. Der breiter gefasste Ansatz Broad SRI (Integration von ESG-Kriterien, Corporate Engagement, Shareholder Activism) kann sogar einen Anstieg von 25 Prozent vorweisen und umfasst damit 72,6 Milliarden US-Dollar. Quelle: Asien Ein umfassendes Bild der Entwicklungen in Asien zeichnet der Gastbeitrag von Eiichiro Adachi vom Japan Research Institute (siehe Seite 6ff.). Die Bank Vontobel rechnet in ihrer Studie Sustainable Investing in Asia Uncovering Opportunities and Risks mit einem starken Wachstum nachhaltiger Anlagen in Asien (ex Japan) und hält eine Vervielfachung des Volumens von aktuell 20 auf bis zu Milliarden US-Dollar bis 2015 für möglich. Quelle: Bankhaus Vontobel Emerging Markets Für die Emerging Markets (ex Asien) liegt keine aktuelle und umfassende Marktanalyse vor. Auffällig ist aber, dass die Zahl der Nachhaltigkeitsindizes in diesen Ländern deutlich gestiegen ist. Bereits eingeführt sind unter anderem folgende Indizes: Brasilien: Índice de Sustentabilidade Empresarial (ISE) Mexiko: Bolsa Mexicana de Valores (BMV) Sustainability Index Türkei: Istanbul Stock Exchange Sustainability Index (ISESI) Die wachsende Zahl von Nachhaltigkeitsindizes kann als Beleg für das steigende Interesse von Investoren an dieser Anlageklasse interpretiert werden. Gleichzeitig führen Nachhaltigkeitsindizes und strengere Listungsvoraussetzungen der Börsen dazu, dass sich die Unternehmen in diesen Ländern intensiver mit den Herausforderungen einer nachhaltigen Wirtschaftsweise auseinandersetzen. Die nachhaltigkeitsorientierten Pionierunternehmen aus den Schwellenländern können dabei heute schon mit den Vorreitern in den Industrieländern mithalten (vgl. Kapitel 2.2.1). Global Unter Berücksichtigung der oben genannten Studien summiert sich das Volumen nachhaltiger Kapitalanlagen global auf rund acht Billionen Euro. Davon sind über 62 Prozent in Europa investiert, die USA stellen den weltweit zweitgrößten SRI-Markt dar. In Asien besteht gemessen an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit noch deutlicher Nachholbedarf. Bei der Interpretation der Daten ist zu berücksichtigen, dass sich die Definition und Abgrenzung der Kapitalanlagen, die dem nachhaltigen Investment zugerechnet werden, in den einzelnen Studien und Erhebungen unterscheidet. Durch die Berücksichtigung des Integration -Ansatzes hat die zitierte Eurosif- Studie hier einen besonders weiten Ansatz gewählt. Eine Übertragung dieses Ansatzes auf die anderen Märkte würde nach Einschätzung von oekom research dazu führen, dass das Gesamtvolumen der nachhaltigen Kapitalanlagen deutlich über den hier errechneten knapp acht Billionen Euro läge. Region Bezugsdatum Volumen EU Mrd. USA Mrd. Kanada Mrd. Australien Mrd. Asien Mrd. Global ca Mrd. Volumen des unter Berücksichtigung von ESG-Kriterien investierten Kapitals in verschiedenen Regionen; in Euro; Quellen: ASrIA, Bank Vontobel, Eurosif, Japan Research Institute, Social Investment Forum, Social Investment Organisation, Responsible Investment Association Australasia oekom research AG Seite 14 oekom CR Review 2011

17 Mehr Unterzeichner bei den UN Principles for Responsible Investment Die Anzahl der Unterzeichner der UN Principles for Responsible Investment (PRI) hat zwischen Mitte 2009 und Mitte 2010 um über 30 Prozent zugenommen ein Zeichen dafür, dass institutionelle Investoren zunehmend erkennen, wie wichtig es ist, ESG-Themen bei Investitionsentscheidungen mit einzubeziehen. Mehr als 850 Asset Owner und Asset Manager haben die UN PRI formal anerkannt, ihr Anlagevolumen beträgt insgesamt rund 25 Billionen US-Dollar. Zu den Unterzeichnern gehören institutionelle Investoren aus 45 Ländern. Sie verpflichten sich unter anderem, ESG-Kriterien bei Investitionsentscheidungen zu berücksichtigen sowie bei der weiteren Verbreitung der Prinzipien zusammenzuarbeiten. Nach wie vor unterrepräsentiert sind hier Unterzeichner aus Deutschland. oekom research gehört zu den Unterzeichnern der UN PRI in der Rubrik Service Provider Performance von nachhaltigen Kapitalanlagen Die Konkurrenzfähigkeit nachhaltiger Kapitalanlagen im Hinblick auf Rendite und Risiko wird nach wie vor kritisch hinterfragt und das trotz einer inzwischen beachtlich hohen Anzahl von Studien und statistischen Analysen, die die Konkurrenzfähigkeit von nachhaltigen Kapitalanlagen belegen. Die Kernaussage dieser Studien fasst Michael Dittrich von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) in seinem Fazit zu einer Analyse zusammen, die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) 2010 für die DBU durchgeführt hat: Eigentlich gibt es damit keinen Grund mehr, sich nicht mit Fragen der Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage zu beschäftigen. Gerade Non-Profit-Organisationen können so auch in der Vermögensanlage ihre gemeinnützigen Ziele berücksichtigen, ohne deshalb geringere Erträge zu erzielen. Die ZEW-Studie zeigt, dass marktbreit gestreute nachhaltige Kapitalanlagen auch in der Finanzkrise 2007 bis 2009 im Vergleich zu herkömmlichen Anlagen keine schlechteren Ergebnisse erzielt haben. Ein interessantes Detail: Je strenger die Nachhaltigkeitskriterien sind, die bei der Auswahl der Titel angelegt werden, desto besser ist die Performance der entsprechenden Anlageprodukte. Diese Einschätzung spiegelt sich unter anderem in der Entwicklung des Global Challenges Index wider, der besonders strenge Anforderungen an die gelisteten Unternehmen definiert. Je stärker nachhaltige Werte selektiert werden, desto besser werden sogar die Ergebnisse im Vergleich. Dr. Michael Schröder, Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Beispiel: Global Challenges Index Der Global Challenges Index (GCX) konnte zu seinem dritten Geburtstag Anfang September 2010 eine insgesamt positive Bilanz ziehen. Obwohl oder gerade weil die Titel ausschließlich auf Basis sehr strenger sozialer und ökologischer Kriterien in den Index aufgenommen werden, zeigt der GCX seit seinem Launch eine bessere Performance als vergleichbare konventionelle Aktienindizes. Auch im Jahr 2010 hat er unter anderem den MSCI World hinter sich gelassen. ( Performance des GCX (dunkle Linie) im Zeitraum bis im Vergleich zum MSCI World (helle Linie); Quelle: oekom research AG Seite 15 oekom CR Review 2011

18 1.2 Nachhaltigkeit bei alternativen Investments Nicht nur Rentenanlagen sind stärker in den Fokus nachhaltigkeitsorientierter Anleger gerückt, auch alternative Investments fanden angesichts weltweiter Krisen- und Inflationsängste steigende Beachtung. Während dabei einige Bereiche, z. B. Mikrofinanz und Holz, schon länger auch unter Nachhaltigkeitskriterien betrachtet werden, fängt die Diskussion um das ob und wie nachhaltiger Investitionen bei anderen Anlagen, insbesondere bei Rohstoffen, gerade erst an Rohstoffe Nicht nur die Gold-Hausse der Goldpreis erreichte im Herbst 2010 mit über US-Dollar je Feinunze einen historischen Höchststand hat die Aufmerksamkeit der Anleger für Investments in Rohstoffe im abgelaufenen Jahr noch einmal deutlich erhöht. Verstärkt beschäftigen sich auch nachhaltigkeitsorientierte Investoren mit der Frage, ob unter Beachtung sozialer und umweltbezogener Kriterien ein Investment in Rohstoffe möglich ist. Während für die Anlageentscheidung beim Kauf von Aktien der Rohstoffunternehmen auf Nachhaltigkeitsratings zurückgegriffen werden kann, stellt sich die Situation bei Anlagen, die sich direkt auf Rohstoffe beziehen, komplexer dar. Hier müssen nach Einschätzung von oekom research grundsätzlich zwei Dimensionen unterschieden werden: zum einen die soziale und ökologische Qualität der Rohstoffe, in die investiert werden soll, zum anderen die Auswirkungen der Spekulation auf die Preisentwicklung bei Rohstoffen, insbesondere auf Höhe und Volatilität der Preise. Die soziale und ökologische Qualität der Rohstoffe wird hier durch die Bedingungen des Anbaus bzw. der Gewinnung und der Verarbeitung der Rohstoffe bestimmt. Diese hängen zum einen von den jeweiligen Umwelt- und Sozialstandards des Landes ab, in dem der Rohstoff gewonnen wird, zum anderen von der Qualität des Nachhaltigkeitsmanagements des Unternehmens, das den Rohstoff gewinnt. Dabei sind insbesondere die Standards beim An- bzw. Abbau der Rohstoffe von Bedeutung. Wenn Herkunft und Produzenten von Rohstoffen bekannt sind, können entsprechende Aspekte bei der Investmententscheidung berücksichtigt werden. Hier besteht die Möglichkeit, auf Basis spezialisierter Länder- und Unternehmensbewertungen gezielt in Rohstoffe zu investieren, die unter hinreichend guten sozialen und ökologischen Bedingungen gefördert oder erzeugt wurden. Bei so genannten standar- disierten Produkten wie Kakao oder Öl, bei denen eine direkte Zuordnung zu einzelnen Produzenten bisher nicht möglich ist, müssen Konzepte zur Nachverfolgbarkeit ( Traceability ), wie sie aus dem Holzbereich oder dem Kimberley-Prozess für Diamanten bekannt sind, weiterentwickelt werden. Nachhaltigkeitsorientierte Investoren sollten nach Einschätzung von oekom research kritisch prüfen, ob sie in Rohstoffe investieren, bei denen bekannt ist, dass der An- bzw. Abbau mit extremen sozialen und umweltbezogenen Problemen verbunden ist. Alternativ zu einem kompletten Verzicht auf solche Investments kann auch bei Rohstoffinvestments Engagement betrieben werden, um die Bedingungen der Rohstoffgewinnung positiv zu beeinflussen. Ziel können hier sowohl die Unternehmen als auch die Staaten sein. Für Investments in Rohstoffe gibt es grundsätzlich verschiedene Varianten: Kauf von Aktien von Unternehmen, die im Rohstoffsektor tätig sind, z. B. aus den Bereichen Bergbau und Metalle, Öl- und Gas sowie Landwirtschaft. Kauf von Rohstofffonds und anderen Rohstoffderivaten, z. B. Zertifikaten, Futures und Optionen sowie ETFs auf Rohstoffindizes. Kauf von physischen Rohstoffen, die vom Investor gelagert werden. Diese bei Edelmetallen durchaus gängige Praxis wird von Rohstoffanlegern zunehmend auch auf andere Rohstoffe angewendet. Prominentestes Beispiel war hier im Jahr 2010 der Kauf und die Einlagerung von großen Teilen der weltweiten Kakaoernte durch den Hedgefonds-Investor Anthony Ward ( Mr. Choc Finger ). oekom research AG Seite 16 oekom CR Review 2011

19 Die Bedeutung der zweiten Dimension, der Spekulation mit Rohstoffen, ergibt sich aus den Auswirkungen auf die Rohstoffpreise (Höhe und Volatilität). Nichtmarktgerechte Preise und damit verbundene falsche Marktsignale können auf Produzenten- bzw. Abnehmerseite zu negativen sozialen und umweltbezogenen Auswirkungen führen. Dazu zählen z. B. die Umstellung der landwirtschaftlichen Produktion auf eine vermeintlich steigende Nachfrage nach bestimmten Produkten (z. B. Energiepflanzen), die Erschließung neuer Minen mit all den damit verbundenen sozialen und ökologischen Auswirkungen oder die Gefährdung der Nahrungsmittelversorgung ärmerer Bevölkerungsschichten durch steigende Nahrungsmittelpreise. Spekulative Rohstoffinvestments, die negative soziale und ökologische Auswirkungen nach sich ziehen oder verstärken, sind nach Einschätzung von oekom research kein nachhaltiges Investment. Derivate auf Nahrungsmittel, die keinen realwirtschaftlichen Hintergrund haben, also der Absicherung der Verkaufs- bzw. Einkaufspreise durch Landwirte bzw. Nahrungsmittelproduzenten dienen, sind dabei besonders kritisch zu betrachten, da die direkten und indirekten Auswirkungen auf Produzenten und Konsumenten insbesondere in Schwellen- und Entwicklungsländern kaum vollständig zu antizipieren bzw. zu bewerten sind. Die Perspektive für Finanzanlagen in Rohstoffe ist ein Fair Trade hoch 2 mit klaren sozialen und umweltbezogenen Regeln für die Gewinnung von, den Handel mit und die Spekulation auf geeignete Rohstoffe. Hier besteht noch großer Forschungsbedarf im Hinblick auf die Analyse der sozialen und umweltbezogenen Auswirkungen von Rohstoffinvestments und die Entwicklung von Methoden zur Bewertung von deren ESG-Qualität. Problematisch sind vor allem Investments in physische Rohstoffe, wo der Investor direkt in den Preismechanismus eingreift und knappe Ressourcen hortet und damit der Wirtschaft entzieht. Nachhaltigkeitsorientierte Investoren sollten sich für einen Durchbruch von globalen Standards und traceability Ansätzen für die Produktion von Rohstoffen einsetzen, mit dem Ziel, dass diese in Zukunft auf Rohstoff-Investments angewendet werden. Ivo Knoepfel, Managing Director onvalues Ltd.; Autor der Studie Responsible investment in commodities the issues at stake and a potential role for institutional investors (2011) Emissionsrechte Carbon Credit Funds oder CO2-Fonds waren ursprünglich dazu gedacht, den Bedarf an Emissionsrechten zu decken, den Staaten und Unternehmen mit Reduktionsverpflichtungen z. B. im Rahmen des Europäischen Emissionshandels (EU ETS) haben. Dazu erwirbt der Fonds mit dem eingesammelten Kapital Emissionsrechte, vorrangig aus Clean Delevopment Mechanism (CDM) oder Joint Implementation (JI) Projekten, und leitet diese bei Bedarf an die Investoren weiter. Dieser Fondstyp ist sowohl für Staaten als auch für emissionshandelspflichtige Unternehmen, die die Zertifikate zur Erfüllung ihrer Verpflichtungen aus dem Kyoto- Protokoll bzw. dem EU ETS nutzen, interessant. Parallel dazu haben sich in den vergangenen Jahren Carbon Credit Funds als Finanzanlage etabliert. Investoren spekulieren hier vor dem Hintergrund der Verknappung der Emissionsrechte auf einen steigenden CO2-Preis sowie auf Preisunterschiede im internationalen Emissionshandel. Sie kaufen beispielsweise Emissionsrechte aus CDM-Projekten von den Projektentwicklern und verkaufen sie an Unternehmen und Staaten mit Reduktionsverpflichtungen, die diese dann im Rahmen des EU ETS oder vergleichbarer Cap & Trade-Systeme einsetzen können. Dabei gilt, dass die Einkaufspreise für Zertifikate aus CDM- bzw. JI-Projekten umso günstiger sind, je frühzeitiger eine Kaufvereinbarung im Rahmen der Entwicklung entsprechender Projekte getroffen wird. Solche Vereinbarungen werden daher teilweise bereits getroffen, bevor die Projekte offiziell von den zuständigen Gremien bei der United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) genehmigt sind. Dieses Vorgehen ist allerdings mit Risiken behaftet, etwa der Ablehnung des Projektes durch das UNFCCC. Die Preisentwicklung bei Emissionsrechten ist dabei grundsätzlich von verschiedenen Faktoren abhängig. Dazu zählen politische Faktoren wie die Gestaltung der nationalen Allokationspläne, konjunkturelle und wetterbedingte Einflüsse insbesondere auf den Energieverbrauch, der Ölpreis und die oekom research AG Seite 17 oekom CR Review 2011

20 Kohle-Gas-Preisdifferenz. Während es für Privatanleger bisher kaum entsprechende Anlageprodukte gibt, etwa in Form von Delta-1-Zertifikaten (Anlagezertifikate, die direkt an einen Basiswert gekoppelt sind) auf Futures auf Emissionsrechte aus dem europäischen Emissionshandel (sog. EU-Allowances) oder von KG-Anteilen auf Primärmarktfonds, sind für institutionelle Investoren bereits verschiedene Vehikel verfügbar. Hier dominieren solche Fonds, deren Geschäftszweck auf die Beschaffung und Verteilung von Emissionsrechten für emissionshandelspflichtige Unternehmen gerichtet ist. Als Vorteil von CO2-Investments wurde lange die vergleichsweise geringe Korrelation zu traditionellen Anlagen angesehen. Erfahrungen in der jüngeren Vergangenheit haben aber gezeigt, dass es eine klare Korrelation zu den makro-ökonomischen Rahmenbedingungen gibt, die auch die Entwicklung der Aktien- und Rentenmärkte beeinflussen. oe-ton Das große Volumen der ausgegebenen Emissionsrechte im EU ETS hat zu sehr niedrigen CO2-Preisen und damit falschen Marktsignalen geführt. Für die EU gilt es daher, die bestehenden Mängel jetzt schnellstmöglich und konsequent zu beheben, damit in der dritten Handelsperiode ab 2013 deutliche Emissionsreduktionen realisiert werden. Kristina Rüter, Research Director bei oekom research Über Hintergründe und Funktionsweise des europäischen und internationalen Handels mit Emissionszertifikaten informiert das oekom Position Paper Emissionshandel Mikrofinanz Im Herbst 2010 gab es eine ganze Reihe von erschreckenden Berichten über Selbstmorde in Indien, die in Zusammenhang mit der Überschuldung von Mikrokreditnehmern und aggressiver Krediteintreibung durch die Mikrofinanzinstitute (MFI) gebracht wurden. Insgesamt kann man feststellen, dass Mikrofinanzierungen nicht mehr per se als positiv bewertet werden, sondern Fragen nach dem Geschäftsmodell der MFI sowie den konkreten sozialen und umweltbezogenen Wirkungen der Mikrofinanzierungen in den Zielländern an Bedeutung gewinnen. Gleichwohl gibt es nach wie vor einen immensen Kapitalbedarf für den Mikrofinanzsektor. Die Grameen-Stiftung schätzt diesen auf weltweit 400 Milliarden US-Dollar. Die Finanzierung von Entwicklungsarbeit und MFI erfolgt bisher hauptsächlich durch Mittel öffentlicher Geber und (supra-)nationaler Organisationen wie der Weltbank und der deutschen KfW. Daneben gibt es bereits seit einigen Jahren Bemühungen, die Mittel privater und institutioneller Investoren in Richtung Mikrofinanzierungen zu lenken. Einer der Pioniere in diesem Bereich ist die international tätige Genossenschaft Oikocredit. In jüngerer Vergangenheit ist das Angebot an entsprechenden Fonds für institutionelle und pri- vate Anleger deutlich gestiegen. Diese Fonds können mit den Geldern, die sie bei institutionellen und privaten Investoren einsammeln, Darlehen an MFI vergeben. Das wachsende Engagement gerade von institutionellen Investoren wird durch öffentliche Institutionen unterstützt, die dabei häufig eine so genannte Geländerfunktion erfüllen, indem sie beispielsweise Garantien abgeben oder eine First-Loss- Es ist im Interesse der Anleger und Anbieter von Mikrofinanzanlageprodukten, wenn freiwillige und gesetzliche Regulierungen für Kundenschutz und Transparenz im Mikrofinanzmarkt sorgen. Steffen Ulrich, Bischöfliches Hilfswerk Misereor e. V. Tranche mit öffentlichen Mitteln ausstatten. Solche Tranchen werden im Ernstfall als erstes herangezogen, um mögliche Verluste abzufedern. Die Bonität der MFI als Empfänger der Mittel aus den Fonds überprüfen spezialisierte Ratingagenturen wie Microrate, Microfinanzas oder M-CRIL. Diese bewerten unter anderem die Strategie der MFI, die Eigentümer- und Corporate Governance-Struktur, die Qualität des Kreditportfolios und die Marktposition. oekom research AG Seite 18 oekom CR Review 2011

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