Die Steiermark nach dem 2. Weltkrieg

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1 WISSEN : VERNETZEN : PUBLIZIEREN Manfred Hammerl Die Steiermark nach dem 2. Weltkrieg Bakkalaureatsarbeit 2004 Downloaden und kommentieren unter Der gemeinnützige Verein textfeld setzt sich für die Online-Publikation akademischer Texte ein. Mehrmals monatlich läßt textfeld von den interessantesten Beiträgen Rezensionen erstellt, die auf stark frequentierten Online-Medien publiziert werden. Die eigenen Texte können unter kostenfrei publiziert werden.

2 Bakkalaureatsarbeit über das Thema Die Steiermark nach dem 2. Weltkrieg im Rahmen der Lehrveranstaltung Wirtschafts- und Sozialgeschichte (PS) am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Graz Eingereicht von Manfred Hammerl Graz, im Jänner 2004

3 Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung und Fragestellung 1 2 Chronologie der Ereignisse von 1945 bis Das Ende des Krieges und die Besatzungszeit in Karten 3 3 Eine Zusammenfassung der Rahmenbedingungen der Nachkriegszeit in der Steiermark Die Besatzungsmächte Die politische Situation Die wirtschaftliche Situation 12 4 Methoden qualitativer Forschung Interview Transkription Analyse Validität Verallgemeinerungen und Vergleiche 16 5 Erlebnisse von 2 Jugendlichen im Bezirk Feldbach im Jahre 1945 und in der unmittelbaren Nachkriegszeit Erlebnisse eines 15jährigen auf einem Bauernhof zwischen Riegersburg und Feldbach Kurzbiographie des Befragten Zusammenfassung des Interviews Erinnerungen an die sowjetische Armee Erlebnisse einer 13jährigen in der Nähe von Riegersburg Kurzbiographie der Befragten Zusammenfassung des Interviews Erinnerungen an die sowjetische Armee 29 6 Zusammenfassung 32 Abbildungsverzeichnis 33 Literaturverzeichnis 33 Anhang Interview Interview 37 I

4 1 Einleitung und Fragestellung Bald sind es 60 Jahre, die zwischen uns und dem Ende des 2. Weltkrieges im Jahr 1945 liegen. Die Generationen, welche den Krieg bewusst miterlebten, verließen uns in den letzten Jahrzehnten. Heute gehören jene, welche damals das Ende des Krieges als Kinder und Jugendlichen erlebten, zu unseren ältesten Mitbürgern. Zeitzeugen sind nicht mehr leicht zu finden, besonders wenn man den Anspruch stellt, umfassende und genaue Schilderungen vom damaligen Geschehen haben zu wollen. Leute, die sich entsprechend gut an das Kriegsende erinnern können, sind nun bereits 70 Jahre alt oder älter. Man kann sich daher vorstellen, dass die Zahl derer, die wertvolle Zeitdokumente in Form von Berichten über damals erlebtes kontinuierlich geringer wird. Grund genug, sich noch rechzeitig mit diesem Thema auseinander zu setzen und nach solchen Zeitzeugen zu suchen um sie zu bitten, ihre Erfahrungen mitzuteilen. Geschichtsbücher über den 2. Weltkrieg gibt es, auch sind Ton- und Filmdokumente sowie zahlreiche Schriftstücke vorhanden. Doch auch Erzählungen von Zeitzeugen, die, jede für sich, einen kleinen Teil der Wirklichkeit schildert, sind höchst interessante Quellen für die Forschung. Sie schildern nicht die großen gesellschaftlichen oder politischen Ereignisse sondern gewähren Einblick in das tägliche Leben der Befragten. Jeder Zeitzeuge von damals hätte seine eigene Geschichte über das Kriegsende zu berichten und jede dieser Geschichten würde Geschichts-, Sozial-, Wirtschafts- und Politikwissenschaftlern besseren Einblick in ein großes Thema gewähren. Überhaupt sind solche Berichte für viele Menschen interessant, gerade weil der Krieg schon so lange zurückliegt und man nur allzu schnell vergisst, dass es auch Zeiten gab, in denen Strom, Telefon und Waschmaschinen Luxus waren und man sich nicht absolut frei innerhalb von Österreich bewegen konnte. So wird nun in dieser Arbeit versucht, anhand eines Interviews mit 2 Zeitzeugen, einige Momente dieser Zeit nachzustellen. Es soll hierbei untersucht werden, wie die sowjetische Armee von der einfachen Bevölkerung tatsächlich erlebt wurde. Dabei werden nicht nur Erlebnisse wiedergegeben, wie es in Büchern über diese Zeit (zb Dorner 1995, Karrer & Praßl 1995, Grasmug, Praßl & Schober 1996, Praßl 1996) üblich ist, sondern es werden die Erlebnisse auch interpretiert. Nicht die Überprüfung von Hypothesen steht hier an, sondern eher im Sinn einer explorativen Untersuchung sollen verschiedene Erlebnisse der Befragten analysiert werden. Zuvor wird allerdings noch ein Überblick über die Ereignisse in der 1

5 Steiermark nach dem 2. Weltkrieg gegeben um die Erzählungen der beiden interviewten Personen besser einordnen zu können. 2 Chronologie der Ereignisse von 1945 bis 1955 Zu Beginn soll ein Überblick zur besseren zeitlichen Orientierung gegeben werden. Es werden einige entscheidende Momente für die Endphase des 2. Weltkrieges sowie die unmittelbare Nachkriegszeit mit besonderer Berücksichtigung der Steiermark (und der Wohnumgebung der beiden interviewten Personen) aufgelistet (aus: Hirschfeld & Renz 1995, S , Schöpfer & Teibenbacher 1995, S. 6-60, Karrer & Praßl 1995, S. I-VI) US-Luftangriffe auf Bahnanlagen in Fehring und Umgebung. März 1945 Alliierte Luftverbände fliegen Tag- und Nachtangriffe gegen deutsche Städte. Erfolgreicher Vorstoß der Alliierten an allen Frontabschnitten Luftangriffe auf Bahnanlagen in Feldbach Vorstoß der sowjetischen Armee aus Ungarn über das Südburgenland bis nach Bad Gleichenberg und Fehring. April 1945 Zusammenbruch der deutschen Fronten im Westen, Osten und Süden. Alliierte Luftangriffe halten mit großer Intensität an. Völlige Erosion der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im Reich Die sowjetische Armee nimmt Fehring und Feldbach ein und dringt bis Kirchberg/Raab vor Tagesangriffe der US-Luftwaffe gegen St. Pölten, Graz und Krems Die sowjetische Armee besetzt Riegersburg Die sowjetische Armee tritt zum Großangriff auf Wien an Sowjetische Truppen dringen in die Außenbezirke von Wien ein Sowjetische Verbände besetzen das Parlament und das Rathaus in Wien Sowjetische Großoffensive in der Süd-Ost-Steiermark. Heftige Kämpfe im Raum Feldbach und Fürstenfeld Die sowjetische Armee stellt mit der Einnahme von St. Pölten den weiteren Vormarsch in Österreich ein Amerikanische Truppen erreichen österreichisches Gebiet. Wiedererrichtung der Republik Österreich in Wien Die Amerikaner erreichen Seefeld in Tirol Das KZ Mauthausen (Oberösterreich) wird von den Amerikanern befreit Letzte Kämpfe in Burgau (Oststeiermark) Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands tritt in Kraft. Die Rote Armee rückt in Graz ein Britische Truppen lösen die Rote Armee in Graz ab. 2

6 Erste Wahlen in Österreich (Nationalrat: ÖVP 85, SPÖ 76, KPÖ 4 Mandate; Steirischer Landtag: ÖVP 26, SPÖ 20, KPÖ 2 Mandate) Große Währungsreform in Österreich (Wiedereinführung des Schillings als Währung, Umtausch im Verhältnis 1:1, jedoch max. 150 Reichsmark pro Person) Beschluss des 1. Verstaatlichungsgesetzes in Österreich (Verstaatlichung der Schwerindustrie und führender Banken. Später wurde auch die Elektrizitätswirtschaft verstaatlicht) Währungsreform (Umtausch von Altschillingen in Neuschillinge bis 150,- 1:1, darüber hinaus im Verhältnis 3:1) Es tritt eine Amnestie für minderbelastete Nationalsozialisten in Kraft Österreich und die USA unterzeichnen das Marshallplan-Hilfe-Abkommen. Bis 1953 erhält Österreich Hilfe im Wert von rund 1 Milliarde Dollar Wahlen in Österreich (Nationalrat: ÖVP 77, SPÖ 67, WdU 16, KPÖ 5 Mandate; Steirischer Landtag: ÖVP 22, SPÖ 18, WdU 7, KPÖ 1 Mandat) Jugoslawien hebt offiziell den Kriegszustand mit Österreich auf Die erste Volkswahl des österreichischen Bundespräsidenten findet statt (nach einer Stichwahl am wird Theodor Körner Bundespräsident) Wahlen in Österreich (Nationalrat: ÖVP 74, SPÖ 73, WdU 14, KPÖ 4 Mandate; Steirischer Landtag: ÖVP 21, SPÖ 20, WdU 6, KPÖ 1 Mandat). August 1953 Die Sowjetunion verzichtet auf die Bezahlung der Besatzungskosten (kurz darauf verzichten auch Großbritannien und Frankreich. Die USA hatten bereits 1947 verzichtet) Die Briten geben ihre militärische Präsenz in Graz auf. Jänner 1954 Die USA spenden für bedürftige Steirer Geschenkpakete. Oktober 1954 Der höchste Beschäftigtenstand seit Kriegsende in der Steiermark ist erreicht (rund Personen) In Wien wird der Staatsvertrag unterzeichnet Die erste offizielle Fernsehsendung Österreichs wird ausgestrahlt Der letzte britische Soldat verlässt die Steiermark. 2.1 Das Ende des Krieges und die Besatzungszeit in Karten Zur besseren Darstellung der obigen Daten werden in diesem Kapitel einige Karten zum Verlauf der letzten Kriegswochen und der Besatzungszeit abgebildet. Abb. 1 bis 3 zeigen die Vorstöße der alliierten Armeen im Frühjahr 1945 sowie den Frontverlauf bei Kriegsende (vgl. obige Zeittafel) 3

7 Abbildung 1: Der Frontverlauf in Europa am 28./29. März 1945 (Quelle: Portisch 1985, S. 503) 4

8 Abbildung 2: Der Frontverlauf in Europa am 27. April 1945 (Quelle: Portisch 1985, S. 507) 5

9 Abbildung 3: Der Frontverlauf in Europa am 8./9. Mai 1945 (Waffenstillstand) (Quelle: Portisch 1985, S. 509) Abb. 4 zeigt die Gebietsaufeilung unter den Besatzungsmächten in der Steiermark unmittelbar nach dem Krieg. Man erkennt, dass ein Großteil der Steiermark von der sowjetischen Armee 6

10 kontrolliert wurde. Der Gebietswechsel der Besatzungsmächte in der Steiermark im Sommer 1945 ist in Abb. 5 dargestellt. Der überwiegende Teil der Steiermark wurde somit britisch. Abbildung 4: Die 'zerissene' Steiermark ( bis ) (Quelle: Portisch 1985, S. 508) 7

11 Abbildung 5: Der Zonentausch im Juli 1945 (Quelle: Portisch 1985, S. 511) Dass die Steiermark von den Briten besetzt wurde, war nicht von Anfang an beschlossene Sache. Wie in Abb. 6 ersichtlich, gab es bereits in den letzten Jahren des Krieges mehrere unterschiedliche Aufteilungspläne. In einer Version wäre ein Teil der Steiermark unter sowjetisches Aufsichtsgebiet gefallen. Die endgültige Aufteilung Österreichs in die 4 Besatzungszonen sowie eine Übersicht der besetzten Nachbarländer Österreichs zeigen die Abb. 7 und 8. 8

12 Abbildung 6: Zonenpläne für Österreich (Quelle: Portisch 1985, S. 510) 9

13 Abbildung 7: Die allierten Besatzungszonen in Österreich (Quelle: Portisch 1986, S. 540) Abbildung 8: Wirtschaftliche Ausrichtung der Besatzungszonen 1945/46 (Quelle: Portisch 1986, S. 540) 10

14 3 Eine Zusammenfassung der Rahmenbedingungen der Nachkriegszeit in der Steiermark Wie bereits einleitend erwähnt und wie auch von Milena Grobbauer in ihrer Diplomarbeit (2001, S ) festgestellt wurde, war die Zeit nach dem 2. Weltkrieg nicht nur eine Zeit des Aufatmens sondern auch eine Zeit voller Probleme. Zahlreiche Erzählungen von Zeitzeugen (siehe Literaturverzeichnis) geben Auskunft über die damalige Situation. Einen Überblick über die politische und wirtschaftliche Situation nach 1945 gibt dieses Kapitel (nach: Karner 2000, S ). 3.1 Die Besatzungsmächte Nach Kriegsende war ein Großteil der Steiermark von der sowjetischen Armee besetzt worden. Die Russen führten von Beginn an ein strenges Kommando. Neben der Verfolgung von ehemaligen Nationalsozialisten kam es auch immer wieder zu Übergriffen gegen die normale Bevölkerung. Dazu zählten Vergewaltigungen, Plünderungen, Verschleppungen und Demontage von Produktionsanlagen. Ein Befreiungsgefühl kam somit unter der steirischen Bevölkerung nicht auf. Besonders die Frauen hatten unter den russischen Soldaten zu leiden ob der zahlreich vorkommenden Vergewaltigungen. Beinahe als Paradoxon kann im Vergleich dazu der Umstand bewertet werden, dass die Russen allgemein als kinderfreundlich bekannt waren. Auch kam es häufig zu Verhaftungen und Verschleppungen, weil man Anhänger des NSDAP war oder einfach nur, weil man sich nicht ausweisen konnte. Plünderungen waren an der Tagesordnung. Vor allem Uhren, Fahrräder, Schmuck und ähnliches wurden, obwohl von der sowjetischen Armeeführung bestraft, immer wieder gestohlen. Viele Wohnungen und Häuser wurden damals geplündert von russischen Soldaten geplündert. Beinahe auch alle Fabriken in der Besatzungszone hatten Verluste durch die Demontage von Maschinen und Anlagen zu beklagen. Diese wurden oft in die UdSSR zur weiteren Verwendung abtransportiert. Selbst russische Landsleute (zb Kriegsgefangene) wurden oftmals gegen ihren Willen zurück in die Sowjetunion geschickt. Im Juli 1945 wurden die Russen in der Steiermark von den Briten als Besatzungsmacht abgelöst. 3 Hauptanliegen wurden von den Briten verfolgt: 1.) Gesetz, Ordnung und Sicherheit zu unterhalten. 2.) Hilfeleistung zur Behebung der schlimmsten Not und 3.) Die Ausrottung aller Spuren des 11

15 Nationalsozialismus. Die Bevölkerung hoffte nun auf ein Ende der Verhaftungen, Vergewaltigungen und Plünderungen, welche unter der russischen Besatzung so zahlreich stattgefunden hatten. 3.2 Die politische Situation Noch am 1. Tag ihrer Besatzung begannen die Briten damit, Gespräche mit steirischen Politikern zu führen. Die Versorgung der Bevölkerung und der Aufbau einer zivilen Verwaltung und der Infrastruktur waren die dringendsten Aufgaben. Bald wurde auch mit der Entnazifizierung durch die Briten begonnen. Das hatte allerdings zur Folge, dass ein Personalmangel in der öffentlichen Verwaltung eintrat (viele Beschäftigte waren ehemalige Parteimitglieder). Bei den ersten Wahlen 1945 waren ehemalige NSDAP Mitglieder nicht wahlberechtigt. Zusammen mit dem Umstand, dass viele Männer gefallen oder noch in Kriegsgefangenschaft waren, ergab dies eine geringe Anzahl an Wahlberechtigen (rund Personen). Die 3 wahlwerbenden Parteien waren die ÖVP, die SPÖ und die KPÖ (die als einzige den 2. Weltkrieg überdauert hatte, die beiden anderen wurden neu gegründet). Der Wahlkampf war kurz und stark beschränkt durch die Zensur der Besatzungsmächte und die Knappheit von Ressourcen. Die KPÖ verlor viele Stimmen während die ÖVP in der Landbevölkerung und die SPÖ in der Stadtbevölkerung eine Wählerschicht gefunden hatten. Vor allem innerhalb der ÖVP kam es in dieser Zeit auch zu einigen Machtkämpfen. Der Grenzkonflikt mit Jugoslawien und die Entnazifizierung (mit Prozessen vor den sogenannten Volksgerichten und britischen Militärgerichten) zählen zu den wichtigen politischen Feldern jener Zeit wurde schließlich der VdU gegründet, der sich als ein Sammelbecken für ehemalige Nationalsozialisten entpuppte und sich als das 3. Lager präsentierte. Bei den Wahlen 1949 und 1953 verbuchte der VdU Gewinne für sich und schwächte somit die Macht der beiden Großparteien, die KPÖ blieb weiterhin unter ihren Erwartungen. 3.3 Die wirtschaftliche Situation Die Nachkriegswirtschaft war zunächst durch die Ressourcenknappheit und die Kriegsschäden sowie die Demontage in den Fabriken durch die Russen stark beeinträchtigt. Die Einführung des Schillings und die Verstaatlichung (um Unternehmen vor dem Zugriff der Sowjetunion zu schützen) von Schwerindustrie, 3 großen Banken und dem Großteil der 12

16 Elektrizitätswirtschaft waren Eckpunkte der Wirtschaftspolitik dieser Zeit. Durch die finanzielle Hilfe der UNO und der USA im Rahmen des European Recovery Programm gelang es der Steiermark gegen Ende der Besatzungszeit wieder über eine einigermaßen gut funktionierende Wirtschaft zu verfügen. Vor allem die verstaatlichte Industrie (VOEST Alpine) stach hervor. Eine Umstellung nach Kriegsende musste in den zahlreichen Unternehmen erfolgen, die während des Krieges für die Rüstungsindustrie tätig waren (zb Puch-Werke, wo diese Umstellung gut gelang). Die Landwirtschaft spielte aufgrund der Lebensmittelknappheit nach dem Krieg eine entscheidende Rolle, doch konnte sie nicht genug produzieren, da schlechte Ernten und Mangel an Maschinen und Saatgut eine ausreichende Leistung verhinderten. Aufgrund diverser Verbesserungen stieg der Ertrag aber mit den Jahren. Weiterbildungsprogramme die Wiederbelebung der Genossenschaften sollten die Strukturschwäche der Landwirtschaft beheben. Auch die Infrastruktur (Energieversorgung, Verkehr) wies nach dem Krieg erhebliche Defizite auf. Zu wenige Kraftwerke und ein Mangel an Fahrzeugen waren bezeichnend für die ersten Jahre nach Der zunehmende Bedarf an Energie konnte aber bald gedeckt werden und auch der Bahnverkehr funktioniert bald wieder. 4 Methoden qualitativer Forschung An dieser Stelle soll ein kurzer Überblick über die qualitativen Verfahren gegeben werden, die in dieser Arbeit im Rahmen der Erstellung und Analyse der Interviews Verwendung finden. 4.1 Interview Bei dem für diese Arbeit durchgeführten Interview handelt es sich um ein episodisches Interview (Flick 2002, S ). Diese Interviewtechnik versucht einerseits durch Erzählungen und andererseits durch konkrete, zielgerichtete Fragen zum Ergebnis zu kommen. Augenmerk wird auf Erlebnisse und Erfahrungen des Interviewten gelegt, welcher nach subjektiver Einschätzung eine relevante Darstellung derselben gibt. Zentrales Merkmal dieser Interviewtechnik ist es, dass regelmäßig zum Erzählen aufgefordert wird, wobei für den Interviewer zur Orientierung ein Interviewleitfaden bereitliegt, um nicht vom Thema des Interviews abzukommen. Ein Problem bei allen Interviewformen ist, dass es Menschen unter 13

17 Umständen schwer fällt, frei zu erzählen. Dieses Problem wird hier entschärft, da nur begrenzte Episoden oder Erlebnisse abgefragt werden und immer wieder vom Interviewer eingegriffen werden kann bzw. eine Aufforderung zum Erzählen eines anderen Erlebnisses stattfinden kann. Das episodische Interview verbindet also die Vorteile des narrativen Interviews und des Leitfadeninterviews durch die Kombination von Erzählung und Frage- Antwort-Sequenzen. Diese Technik eignet sich besonders gut um Ereignisse aus der Sicht des Beteiligten (Interviewte Person) zu rekonstruieren. 4.2 Transkription Um mit aufgezeichneten Interviews arbeiten zu können, müssen sich in eine schriftliche Form gebracht werden. Es gibt unterschiedliche, teils umfangreiche, Transkriptionssysteme, jedoch keinen einheitlichen Standard (Flick 2002, S ). Ziel einer guten Transkription ist ein Höchstmaß an Genauigkeit aber auch ein vernünftiges Verhältnis von Aufwand für die Transkription und Ergebnis. Alle Sprecherwechsel, Äußerungen, Pausen, Unterbrechungen, usw. sollen berücksichtigt werden. Nach der Transkription sollte das Transkript nochmals kontrolliert werden. Zusammenfassend gilt: Es soll einfach zu schreiben und zu lesen sein. 4.3 Analyse Nun stellt sich die Frage, auf welche Weise ein Interview analysiert wird. In dieser Arbeit wird die Technik der qualitativen Inhaltsanalyse angewandt (Flick 2002, S ). Hauptmerkmal dieses Ansatzes ist die Reduktion des vorhandenen Textmaterials (eines Interviews). Folgende Schritte sind zu beachten: 1.) Festlegung des für die Analyse in Frage kommenden Materials. 2.) Analyse der Erhebungssituation. 3.) Formale Charakterisierung des Materials. 4.) Festlegung dessen, was man eigentlich herausinterpretieren möchte. Die Fragestellung der Analyse muss klar sein. 5.) Festlegung der Analysetechnik. 6.) Durchführung der Analyse. 7.) Interpretation der Ergebnisse. Zu Punkt 5 ist zu erwähnen, dass es 3 verschieden Analysetechniken gibt, in dieser Arbeit aber nur die Technik der zusammenfassenden Inhaltsanalyse angewendet wird. Durch eine Paraphrasierung des Materials, werden die Sätze des Interviews auf ihre relevantesten Aussagen reduziert. Dieser ersten Reduktion kann auch eine zweite Reduktion folgen, in der ähnliche Paraphrasen zusammengefasst werden. Durch all diese Regeln lässt sich die qualitative Inhaltsanalyse gut 14

18 handhaben. Die Methode eignet sich für die Analyse subjektiver Sichtweisen und somit für diese Arbeit. Bernart & Krapp (1998, S ) schlagen 3 Ebenen der Interpretation vor. Ebene 1 umfasst das Erstellen einer Kurzbiographie (objektive Gegebenheiten zur besseren Einordnung des Interviewten) und eine paraphrasierende Sequenzanalyse, mittels derer die Fakten festgestellt werden. Ebene 2 schließt eine Detailanalyse an. Hier wird eine Rekonstruktion der Faktendarstellung vorgenommen. Es werden Inkonsistenzen aufgespürt und typische Argumentationsmuster herausgearbeitet. Wichtige Fragen in diesem Schritt der Analyse sind (Fischer-Rosenthal & Rosenthal 1997, in: Bernart & Krapp 1998, S ): Weshalb wird ein Thema an einer bestimmten Stelle eingeführt? Weshalb wird ein Thema in einer bestimmten Ausführlichkeit oder Kürze dargestellt? In welches thematische Feld lässt sich ein bestimmtes Thema einfügen? Welche Themen bzw. Lebensbereiche werden angesprochen? Ebene 3 schließlich beinhaltet die Bildung von Typen zur weiteren wissenschaftlichen Verwendung. Lt. Rosenthal (1995, S ) ist bei solchen Interviews besonders auf Auslassungen von Erinnerungen und auf Einfügungen in die Geschichte zu achten. Auslassungen resultieren meist aus Verleugnung von Erlebtem, Peinlichkeit oder Scham, weil sie vom Erzähler als inkonsistent erlebt werden oder weil er glaubt, sie gehören nicht zum aktuellen Thema. Plötzliche Themenwechsel, Brüche in der Erzählung oder Inkonsistenzen weisen den Interpreten des Interviews auf solche Auslassungen hin. Einfügungen hingegen werden vom Erzähler vorgenommen, wenn er Lücken in seiner Geschichte bemerkt oder einfach nur Hintergründe genauer erläutern möchte. Oft werden hier Fremderzählungen eingebaut. Man muß als Interpret einerseits die Fremderzählung vom selbst Erlebten trennen und andererseits analysieren, warum dies vom Erzähler gemacht wurde. 4.4 Validität Wie bei quantitativen Forschungen stellt sich auch bei qualitativen die Frage nach der Gültigkeit der Ergebnisse. Jedenfalls sollte die Interviewsituation einer gründlichen Analyse unterzogen werden (Flick 2002, S ). Dh, könnte es aufgrund der Interviewsituation zu Verzerrungen oder Verfälschungen von Seiten des Interviewten gekommen sein? Bei der Interpretation der Ergebnisse ist dies zu berücksichtigen. Auch ist es ratsam, die eigene Interpretation auch von anderen lesen zu lassen, was in dieser Arbeit geschieht, durch einen 15

19 Kollegen und den Leiter der Lehrveranstaltung. Prinzipiell aber ist die Überprüfung der Validität in der qualitativen Forschung ein schwieriges Unterfangen. Rosenthal (1995, S ) weist auf die Schwierigkeiten bei solchen Analysen hin. So gibt es bei der Oral History das Problem, dass die Erlebnisse oft schon weit zurückreichen und daher nicht mehr in allen Details erinnert werden können. Zudem erinnert man sich oft nur mehr an herausragende Ereignisse und schildert alltägliche, zur Routine gewordene Dinge (wie zb Bombenalarm in deutschen Großstädten) nur mehr ganz allgemein. Auch werden Erlebnisse in der Vergangenheit oft durch andere Erlebnisse uminterpretiert bzw. erlangen neue Bedeutungen. Man verknüpft verschiedene Erlebnisse innerlich, sodass das Erzählte oft nur im Kontext mit anderen Erlebnissen zu verstehen ist. Ein weiterer Punkt ist die Tatsache, dass die Erzähler nicht nur auf das selbst Erlebte zurückgreifen sondern sich auch auf Dinge bezieht, die andere erlebt oder erzählt haben und dieses mit der Zeit in seine eigene Geschichte einbaut. Rosenthal fasst zusammen, dass nicht alles erzählt wird, was erinnert wird und dass Erzählungen oft auf Fremderzählungen basieren können. Für diese Arbeit wurde jeweils 1 Tag vor dem Interview mit den interviewten Personen über den Fragebogen gesprochen um sie auf das Interview vorzubereiten und ihnen Gelegenheit zu geben, sich an die Zeit nach dem 2. Weltkrieg zu erinnern. 4.5 Verallgemeinerungen und Vergleiche Die Frage des Geltungsbereiches von Ergebnissen qualitativer Studien und einer Möglichkeit der Verallgemeinerung der Ergebnisse stellt sich natürlich auch (Flick 2002, S ). Mit der oft kleinen Zahl von analysierten Fällen treten hier Probleme auf. In dieser Arbeit wird keine Verallgemeinerung angestrebt sondern nur ein Vergleich von Ereignissen einer Kategorie (Erlebnisse mit der sowjetischen Armee), obwohl man auch für jeden Einzelfall einen Typ bilden könnte (Bernart & Krapp 1998, S ) 16

20 5 Erlebnisse von 2 Jugendlichen im Bezirk Feldbach im Jahre 1945 und in der unmittelbaren Nachkriegszeit Die beiden Interviews, aus denen die nachfolgend angeführten Erlebnisse stammen, sind im Anhang komplett abgedruckt (mit Einzelheiten zur Interviewsituation). Zur Einordnung der Wohnumgebung der beiden Befragten ist Abb. 9 hilfreich. 17

21 Abbildung 9: Der Vorstoß der sowjetischen Armeen in der Oststeiermark 1945 (Quelle: Dorner 1995, S. 19) 18

22 5.1 Erlebnisse eines 15jährigen auf einem Bauernhof zwischen Riegersburg und Feldbach Kurzbiographie des Befragten Der Befragte war Jahre alt und half während des Kriegsendes am elterlichen Bauernhof mit. In den letzten Kriegswochen erlebte er direkt beim Haus einen Kampf zwischen deutschen und sowjetischen Soldaten mit. Einige Monate nach Kriegsende kehrte ein Bruder von ihm und ein Onkel aus der Kriegsgefangenschaft heim, sein Vater und ein weiterer Bruder verstarben aber in Gefangenschaft, wie er Jahre später schriftlich erfuhr. Während der harten Wiederaufbauzeit musste er, wie andere Jugendliche auch, bei allen möglichen Arbeiten helfen. Sein Interesse für Geschichte begann sich einige Jahre nach dem Krieg zu entwickeln, als er erstmals Bücher über den 2. Weltkrieg las Zusammenfassung des Interviews wir sind gut davongekommen In den letzten Kriegswochen war der damals 15jährige am heimatlichen Bauernhof tätig. Die Arbeit wurde getan wie sie eben durchzuführen war. Und das, obwohl die russische Front nur noch 30 km entfernt war. Man hat das Vieh gefüttert und auch sonst die anfallende Arbeit erledigt, war aber gespannt und neugierig auf das, was da alles auf uns zu kommt. Man habe ja ohnehin keinen Einfluss auf die Geschehnisse gehabt. man hat ja gar nichts machen können Die letzten Kriegswochen sind relativ normal verlaufen. Nur den Schutt, der durch die Kriegshandlungen angefallen ist, hätte man wegräumen müssen. Damit gab es allerdings Probleme, weil keine Leute da waren. Es wurden somit nur die notwendigsten Arbeiten getan. Größere Aufräumarbeiten wurden aufgeschoben, man hat warten müssen, bis wieder einmal mehr Leute heimgekommen sind. die SS hat hingeschossen, die Russen haben zurückgeschossen 19

23 Als besonderes Erlebnis aus den letzten Kriegstagen ist ihm ein Kampf in unmittelbarer Umgebung des Bauernhofes in Erinnerung. 200 m vorm Haus haben die Russen eine Stellung gebaut, welche allerdings erst bemerkt wurde, als eine Gruppe deutscher Soldaten am Haus vorbeikam und sich auch nach dem Aufenthaltsort von Russen erkundigte. Als diese Deutschen wieder vom Haus abzogen, begann der Kampf. Wir haben uns dann versteckt im Schutzraum, in einem Stall, wo der Ausgang des Kampfes abgewartet wurde. Auch das Haus bekam einige Treffer ab. Die Bewohner blieben alle unverletzt. 30 min und dann war es aus und die deutschen Soldaten zogen sich zurück. Einen Tag später zogen auch die Russen aus ihrer Stellung nahe des Hauses wieder ab. Das Vieh und alles haben wir noch retten können durch die geschützte Lage des Stalles. Tags darauf gab es noch ein Aufeinandertreffen mit den Russen auf einer Weide. Diese Soldaten beachteten den Befragten aber nicht weiter sondern marschierten weiter, und wir sind halt wieder retour mit dem Vieh. man hat ein Befreiungsgefühl gehabt Die erste Zeit nach dem Krieg war durch den russischen Abzug geprägt. Da war alles unter Spannung, weil er viele negative Erfahrungen mit der russischen Besatzungsmacht machte. Die russischen Soldaten waren unberechenbar, anders als die Engländer. Da war automatisch eine ganz andere Stimmung, ein Gefühl von Freiheit. Es kam bereits eine Art Aufbruchstimmung auf, auch wenn die Leute, die eingerückt waren, noch nicht daheim angekommen waren. Zum Zeitpunkt der ersten Nationalratswahl im November 1945 kehrte sein Bruder zurück aus der Kriegsgefangenschaft. Trotz der Aufbruchsstimmung herrschte eine gewisse Ratlosigkeit. 3 Leute haben gefehlt, der Vater und 2 Brüder. Man wusste nichts über ihr Schicksal. Einige Verwandte kehrten dann noch zurück, jedoch erfuhr man Jahre später, dass einige Familienmitglieder die Gefangenschaft nicht überlebt hatten. wo Offiziere in der Nähe waren... hat man sich sicherer gefühlt Mit den einfachen russischen Soldaten machte man oft negative Erfahrungen. Es kam zu Vergewaltigungen oder Plünderungen, was in der Nähe der Offiziere nicht so war. Einmal, abends, kam ein Russe zum Keller, wo der Befragte sich aufhielt. Man ging in die Küche, wo sich bereits mehrere Russen aufhielten. Diese Soldaten waren ganz freundlich und super. Eine gute Stunde saß der 15jährige mit den Soldaten in der Küche bis diese schlafen gingen. 20

24 Mit einem Offizier, welcher gut Deutsch konnte, saß er dann die ganze Nacht bei Tisch und unterhielt sich. Diese Soldaten zogen dann am nächsten Tag weiter zu einem anderen Einsatzort. Größere Verbände folgten aber bereits Stunden später. Die haben dann nur mehr die Türen aufgetreten und ganz brutal waren die halt. Die Frauen versteckten sich und der Befragte blieb alleine zurück. Nach einigen Tagen zogen diese Verbände ab und die Deutschen kehrte zurück in das Gebiet für die restlichen 4 Wochen bis Kriegsende. Mit diesen Soldaten verstand man sich gut, es waren klasse Burschen. Mit der britischen Besatzung gab es nie Erlebnisse dieser Art. Es sind einmal etliche gekommen, aber die waren ganz freundlich. da hat es wahrscheinlich schon eine Liste gegeben An politische Säuberungen unter ehemaligen Anhängern des Nationalsozialismus kann er sich zunächst nicht erinnern. Dann bezieht er sich auf die Verfolgungen während des Krieges durch das Regime. Es ist alles erst nach dem Krieg aufgekommen, da hat man das erfahren, weil ja alle Medien vom Regime kontrolliert wurden. Nach dem Krieg hätte man erfahren, welche Grausamkeiten in den KZs passiert sind. Ein jeder war wie vom Schlag getroffen, als die Wahrheit bekannt wurde. Nur vom KZ Dachau hat man gewusst. Landläufig erzählte man sich, wenn du schlimm bist... ja dann kommst nach Dachau. Sogar die ehemalige österreichische Regierung sei in Dachau inhaftiert gewesen. Das hat man ja alles erst nach dem Krieg erfahren. Vor hat man so etwas gar nicht wissen können. Dann geht er doch auf die Verfolgung von Nationalsozialisten nach Kriegsende ein. Die Gendarmerie ist da beauftragt worden, um bekannte ehemalige Parteigenossen (NSDAP) abzuholen und zum Verhör nach Wolfsberg zu bringen. So mancher sei allerdings schon nach wenigen Tagen wieder zurückgekehrt, denn, wenn nichts vorgelegen ist, dann sind sie wieder heimgeschickt worden. die Kommunisten haben sich viel erwartet Zur Zeit der ersten Nationalratswahlen, meint er, war ich eigentlich zu jung, um das eigentlich begreifen zu können. Er erinnert sich daran, dass englische Soldaten die Wahlzellen in Feldbach und Riegersburg kontrolliert haben. Ansonsten hat sich vor den Wahlen nichts abgespielt. Es ist alles ruhig verlaufen. Man habe sich Gedanken gemacht, was denn nun kommen wird. Für die Kommunisten ging die Wahl nicht besonders positiv 21

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