Syntax III: Generative Grammatik Eine Sprachtheorie
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- Irma Lenz
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1 Vorlesung Syntax des Deutschen, Herbstsemester 2011, Claudia Bucheli Berger, Dr., Universität Fribourg CH Syntax III: Generative Grammatik Eine Sprachtheorie A. Konzeptuelle Grundlagen (1) Was ist die Funktion einer Theorie? -Eine Theorie ist ein Modell, das einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit simuliert. -Das Modell ist dann erfolgreich, wenn es Voraussagen erzeugt, die sich mit den Beobachtungen decken. -Eine Theorie führt eine potenziell unendliche Menge von Einzelbeobachtungen auf eine begrenzte (möglichst geringe) Anzahl allgemeiner Prinzipien zurück. (2) Generative Grammatik ist eine Theorie über die Sprachkompetenz. Das impliziert Antworten auf folgende Fragen: -Was ist das (verborgene) Wissen eines kompetenten Sprechers einer bestimmten Sprache? -Wie ist dieses Wissen beschaffen, damit aufgrund einer begrenzten Anzahl Prinzipien eine unendliche Menge wohlgeformter Sätze produziert werden kann? -Wie ist die allgemeine Sprachfähigkeit von Homo sapiens beschaffen? (3) Sprachkompetenz ist ein komplexes Phänomen, welches aufgrund des Zusammenwirkens unterschiedlicher Einzelkompetenzen zustande kommt. Sprachkompetenz involviert kommunikative, soziale, politische, emotionale usw. Aspekte. Die kommunikative Funktion von Äusserungen erklärt uns nicht, wie sie strukturell beschaffen sind, und schon gar nicht, warum. Autonomie der Syntax. Alte Information Neue Information [Peter] hat heute seine Freundin den Eltern vorgestellt [seine Freundin] hat Peter heute den Eltern vorgestellt [seine Freundin den Eltern vorgestellt] hat Peter heute *[Peter] [seine Freundin] hat den Eltern heute vorgestellt usw. (4) Die Antworten der Generativen Grammatik auf diese Fragen sind die folgenden: - Homo sapiens hat eine spezialisierte genetische Ausstattung, die es ihm ermöglicht, Sprachen zu lernen ( Sprachinstinkt, Universalgrammatik UG). - Die UG muss so restriktiv sein, dass sie dem Lerner die richtigen Generalisierungen ermöglicht, und gleichzeitig so allgemein, dass er jede Sprache lernen kann. - Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der natürlichen Sprachen sind reduzierbar auf eine beschränkte Menge von Prinzipien, die eine beschränkte Menge von Parametrisierungen zulassen. - Die UG muss so beschaffen sein, dass sie die Menge der natürlichen Sprachen der Welt generieren kann, aber ausschliesst, was auf der Welt nicht vorkommt. 1
2 Beispiel: Im Deutschen muss ein Interrogativum nach links verschoben werden: Wo wohnen Sie? Im Französischen kann das Interrogativum nach links verschoben werden: Où habitez-vous? Vous habitez où? Aber in keiner Sprache kann oder muss das Interrogativum nach rechts verschoben werden! (5) Poverty of stimulus: Die Inputdaten für den Spracherwerb reichen nicht aus, die Grammatik zu erwerben. Die Inputdaten sind häufig defekt, zu wenige, und v.a. fehlt die negative Evidenz (der Lerner hat keine Anhaltspunkte in den Daten, welche ihm bestimmte falsche Generalisierungen verunmöglichen): Beispiel (Fanselow/Felix I: ): John gave the book to Alice. John gave Alice the book. We reported the accident to the police. *We reported the police the accident. Zwei mögliche Generalisierungen sind denkbar, aber nur eine wird erworben: (a) Es gibt eine Regel, dative movement, die to-phrasen in NPs umformt. Im Lexikoneintrag von report muss dann stehen, dass die Regel nicht angewendet werden kann. (b) give kommt in folgender struktureller Umgebung vor: NP + give + NP + to NP, oder NP + give + NP + NP report kommt in folgender struktureller Umgebung vor: NP + report + NP + to NP eat kommt in folgender struktureller Umgebung vor: NP + eat + NP, oder NP + eat (6) Mögliche Struktur der Universalgrammatik: -eine beschränkte Menge von Prinzipien = universelle Gemeinsamkeiten -beschränkte Menge von Parametern = Unterschiede zwischen den Sprachen => die Grammatik einer Einzelsprache ist die parametrisierte Version der UG -die UG ist Teil der menschlichen Kognition -modelliert die Sprachfähigkeit des Menschen dar, die Kompetenz 2
3 B. Technische Grundlagen (1) Es braucht eine formal strenge Methode, um den Algorithmus so zu modellieren, dass er das tut, was er soll. Gesunder Menschenverstand reicht dafür nicht.in der Prinzipien & Parameter-Version der Generativen Grammatik setzt sich die Grammatik aus interagierenden und einzelsprachlich parametrisierten Modulen zusammen. (2) Wir kennen schon Konstituenten, Phrasen und Köpfe (z.b. NP N). Man kann Phrasenstrukturen als Regeln darstellen, in denen links vom Pfeil Phrasen und rechts Köpfe oder andere Phrasen stehen: NP N NP Det Adj N NP Det N PP PP P N Tulpen die schönen Tulpen Tulpen aus Amsterdam aus Amsterdam, etc. In dieser Form sind aber Phrasenstrukturregeln viel zu wenig restriktiv: Sie können Dinge, die sie nicht können sollten. Eine restriktive Theorie der Phrasenstruktur muss Konfigurationen wie die folgenden ausschliessen: PP V NP N N NP PP (3) Eine restriktive Theorie der Phrasenstruktur ist die X'-Theorie ( X-bar ): Prinzipien: Kopfprinzip: Jede Phrase XP hat genau einen Kopf X. Vererbungsprinzip: Die morphosyntaktischen Merkmale einer Phrase werden am Kopf der Phrase realisiert. Bzw.: Die Merkmale des Kopfs werden hochprojiziert. Maximale Projektion: Die Phrase ist eine maximale Projektion, d.h., die Merkmale von Köpfen werden nicht höher als die Phrasenebene projiziert. Binaritätsprinzip: Knoten verzweigen binär. Kopf-Parameter: Links- vs. Rechtsköpfigkeit. Im Englischen sind VP und PP linksköpfig: Hasan [ VP bought an ox] [ PP with Hasan] Im Türkischen sind VP und PP rechtsköpfig: Hasan [ VP bir öküz aldi] Hasan ein Ochse kaufte [ PP Hasan ile] Hasan mit Spezifikator Komplement YP maximale Projektion XP Kopf X' ZP X 3
4 (4) Die Positionen und ihre Funktionen im Einzelnen: Die Komplementposition ist der Schwesterknoten von X. In Komplementposition stehen die Argumente ( Ergänzungen ) von X : VP PP P' NP V P NP fangen mit N' Fischen N Fische Bei mehreren Argumenten ist der X'-Knoten verdoppelt: VP NP ich habe der Katze NP V verfüttert die Fische In der Spezifikatorposition stehen Determinatoren (in der NP) oder Gradausdrücke (in der AP oder PP): AP PP NP A' AdvP P' 1 Zentner A kurz P NP schwer vor der Abreise (5) Die Parametrisierung des Deutschen ist wegen der Wortstellung eine besondere Herausforderung Aufgabe: Sie unterrichten Deutsch für Fremdsprachige. Erklären Sie Ihren Schülern, welche Wortstellungsmöglichkeiten es gibt und wann sie gebraucht werden. Sie verwenden die folgenden Elemente, um Beispielsätze zu formen: Peter = Subjekt, beobachtet = Prädikat, zwei Frauen = Akkusativobjekt; Präsens und Präteritum Verbletztstellung: Verberststellung: Verbzweitstellung: (6) Topologisches Modell des Deutschen 4
5 Vorfeld Linke Satzklammer Mittelfeld Rechte Satzklammer Verbletzt: dass Anna ihm das Auto geliehen hat Verberst: hat Anna ihm das Auto geliehen Verbzweit: Anna hat ihm das Auto geliehen das Auto hat Anna ihm geliehen ihm hat Anna das Auto geliehen ihm das Auto geliehen hat Anna Die linke Satzklammer muss besetzt sein. Wenn der Satz durch eine subordinierende Konjunktion eingeleitet wird, ist nur Verbletztstellung möglich. Wenn keine subordinierende Konjunktion vorkommt, ist Verberst- oder Verbzweitstellung möglich. Das Vorfeld kann nur durch eine Konstituente besetzt werden. Ziel einer generativen Analyse ist nun, die drei Stellungsmöglichkeiten aus einer Grundwortstellung abzuleiten. Die Analyse soll mit allgemeinen Prinzipien vereinbar sein, und die oben stehenden Generalisierungen sollen aus ihr folgen. (7) Move-: Sätze werden zunächst als D-Struktur basisgeneriert. Die Positionen auf D- Struktur legen die syntaktische Funktion von Konstituenten fest (Argument von welchem Regens etc.). Konstituenten können aus ihrer basisgenerierten Position woanders hin bewegt werden. Das Resultat der Bewegungen nennen wir S-Struktur. Es gibt im Deutschen drei Arten von Bewegung: Finitumvoranstellung: Hat Anna am MIT diese Analyse erzählt? wh-bewegung: Was hat Anna am MIT erzählt? Topikalisierung: diese Analyse hat Anna am MIT erzählt Anna hat am MIT diese Analyse erzählt am MIT hat Anna diese Analyse erzählt diese Analyse erzählt hat Anna am MIT Beschränkungen für Bewegung: (a) Bewegung ist nur in leere Positionen möglich. Über IP steht die Projektion CP, welche die beiden Positionen C und TOP (=Spezifikator der CP) zur Verfügung stellt. C ist die Position von subordinierenden Konjunktionen ( Complementizers ). Wenn keine subordinierende Konjunktion da ist, steht die C -Position zur Verfügung (im Deutschen muss sie auf S-Struktur besetzt sein): 5
6 CP TOP C' C IP (b) X s müssen an X -Positionen, XPs an XP-Positionen (dazu zählt man auch TOP) bewegt werden (I darf nach C, aber nicht nach TOP; NP darf nach TOP, aber nicht nach C ). (c) Bewegungen hinterlassen Spuren. Eine Spur muss von der Landeposition c- kommandiert sein ( Spurenbindung ): weil Fritz glaubt, der Satz sei wahr *weil Fritz, der Satz glaubt wahr sei (d) Subjazenz: UG: Es darf nicht über mehr als einen Grenzknoten bewegt werden. Parametrisch: PP ist ein Grenzknoten im Deutschen, aber nicht im Englischen: Who are you talking with? *Wem redest du mit? (8) Zusammenfassung: Unser Modell: Lexikon Phrasenstrukturregeln (X') Valenzeigenschaften, Θ-Raster, Morphologie move-, Spurenbindung, Subjazenz D-Struktur Kasusfilter Kopf-, Vererbungs-, Binaritäts-, Phrasenprinzip, Kopfparameter, Argument-, Spezifikator-, Adjunktpositionen, Landeplätze S-Struktur Anwendung phonologischer Regeln Anwendung semantischer Regeln Phonologische Form Logische Form 6
7 C. Zur Struktur eines Lexikoneintrags (1) Auf D-Struktur werden syntaktische Wörter per X'-Schema verknüpft, wobei ihre Valenzeigenschaften respektiert werden müssen. Das vom Lexikon zur Verfügung gestellte Wissen über die Form bringst beinhaltet folgende Angaben (Θ-Rolle = semantische Rolle, die das Argument im Geschehen ausübt): Lautform /b{inst/ Bedeutung BRINGEN <1.Argument, 2.Argument, (3.Argument)> Wortklasse V/I Person 2. Numerus SG Tempus Präsens 1. Argument Kategorie NP Kasus Nominativ Position VP-extern Θ-Rolle AGENS 2. Argument Kategorie NP Kasus Akkusativ Position VP-intern Θ-Rolle PATIENS (3. Argument) Kategorie NP oder Kategorie PP Kasus Dativ Position VP-intern Position VP-intern Θ-Rolle DIREKTIONAL Θ-Rolle REZIPIENT (2) Beispiel: Alle oben stehenden Anforderungen werden durch folgende D-Struktur erfüllt. Gleichzeitig erfüllt sie die folgenden allgemeinen Anforderungen: V vergibt Kasus nach links Der Kasus des Subjekts wird von I zugewiesen (ebenfalls nach links) IP NP I' Peter VP I hat NP seiner Frau NP V gebracht Blumen 7
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