1 Risiken der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung Im Rahmen der regelmäßigen Konjunkturumfrage wurden von den Industrie- und Handelskammern in Niedersachsen seit Herbst 2010 Fragen zu den Risiken der wirtschaftlichen Entwicklung für die Unternehmen gestellt. Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 sollte untersucht werden, ob es besondere Risiken gibt, die von der Wirtschaftspolitik berücksichtigt werden müssen. Bei den Antwortalternativen gab es sowohl allgemeine, volkswirtschaftliche Antworten wie Inlandsnachfrage, Auslandsnachfrage, Wechselkurs und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen als auch eher betriebsspezifische Faktoren wie Energie- und Rohstoffpreise, Fachkräftemangel, Arbeitskosten und Finanzierung. Die Antworten Inlandsnachfrage und Auslandsnachfrage spiegeln dabei die Konjunktur im In- und Ausland wider, die Antwort Rahmenbedingungen eher ein Unzufriedenheit bei der allgemeinen Wirtschafts- und Steuerpolitik. Die unspezifische Antwort wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen wurde in dieser Untersuchung vernachlässigt. Energie- & Rohstoffpreise sind Sorgenkind Nummer 1 Ein großes Risiko aus Sicht der Unternehmen sind die hohen Energie- und Rohstoffpreise (Herbst 2012: 52 %). Sie sind ein erheblicher Kostenfaktor für die Unternehmen und binden die Kaufkraft der Verbraucher. Im Herbst 2012 wird mit der wieder zunehmenden konjunkturellen Unsicherheit allerdings erstmalig das Risiko Inlandsnachfrage mit 54 Prozent etwas stärker gewichtet als das Risiko der Energie- und Rohstoffpreise. Die Auslandsnachfrage wird dagegen nur von knapp jedem vierten Unternehmen als Risiko eingeschätzt. Die geringere Gewichtung der Auslandsnachfrage erklärt sich aus der Tatsache, dass ein Teil der Unternehmen, insbesondere Baugewerbe, Handel und Dienstleistungen, überhaupt kein Auslandsgeschäft hat. Betrachtet man allein die Industrie, so ist der Anteil der Unternehmen, die in der Auslandsnachfrage ein Risiko sehen, mit 43 Prozent fast doppelt so groß wie bei allen Unternehmen (23 %).
2 Risiken der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung Herbst 2012 Inlandsnachfrage Energie- & Rohstoffpreise 52 54 Fachkräftemangel 33 Arbeistkosten 30 Auslandsnachfrage 23 Wechselkurs Finanzierung 11 11 0 10 20 30 40 50 60 Seit dem Start der Sonderfragen zu den erwarteten Risiken ab Herbst 2010 wird in den Energie- und Rohstoffpreisen insgesamt der größte Risikofaktor gesehen. Jeweils mehr als 50 Prozent aller Unternehmen gaben an, dass sie in den Rohstoffpreisen ein großes Risiko sehen. Auf den Plätzen zwei bis fünf folgten die Inlandsnachfrage, die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, der Fachkräftemangel, die Arbeitskosten und die Auslandsnachfrage. Die anderen Antwortalternativen Finanzierung und Wechselkurse landeten nur mit Abstand auf den hinteren Rängen. Von besonderem Interesse ist die Entwicklung der gegebenen Antwortalternativen im Zeitablauf. Die Betrachtung der Umfrageergebnisse der letzten zwei Jahre zeigt vor allem zwei Trends auf: Zum einen hat sich die Beurteilung der Energieund Rohstoffpreise mit der Preisentwicklung bei Energie und Rohstoffen erhöht, zum anderen ist umfrageübergreifend die Bedeutung des Fachkräftemangels kontinuierlich gestiegen. Beide Trends sollen abschließend im Detail aufgegriffen werden.
H 2010 H 2010 H 2010 3 70 Risiken der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung Herbst 2010 - Herbst 2012 60 50 40 30 20 10 0 Inlandsnachf. Auslandsnachf. Finanzierung Arbeistkosten Fachkräfte-mangel Wechselkurs Energie- & Rohstoffpreise J Jahresbeginn F Frühling H Herbst Mit der Finanzkrise 2009 wurde vielfach vermutet, dass die Finanzierung von Unternehmen zunehmend schwieriger werden könnte. In den Umfragen der IHK- Organisation findt sich für diese Vermutung kein Beleg. Auch die Entwicklung der Wechselkurse stellt nur für etwa jedes zehnte Unternehmen ein Risiko dar. Dabei haben sich die Umfrageergebnisse für die niedersächsischen Unternehmen sowohl bei der Frage nach der Finanzierung als nach der Bedeutung der Wechselkurse über die letzten zwei Jahre kaum verändert.
4 Die Bedeutung der Energie- und Rohstoffpreise in den Branchen Die große Bedeutung der Energie- und Rohstoffpreise für die Unternehmen erklärt sich vor dem Hintergrund, dass im Jahre 2008 die Rohstoffpreise, und hier vor allem Rohöl, historische Höchststände erreicht hatten. Mit der Wirtschaftskrise 2009 waren auch die Rohstoffpreise kräftig zurückgegangen. Rohstoffpreise sind in erster Linie für das Verarbeitende Gewerbe, sprich: Industrie, relevant. Auch für das Verkehrsgewerbe, das einen hohen Anteil an Kraftstoffkosten hat, sind die Energiepreise von außerordentlicher Bedeutung. Über die Verflechtungen mit anderen Branchen leiden aber auch das Baugewerbe und schließlich der Handel und die Dienstleister. Banken und Versicherungen sind von Energie- und Rohstoffpreisen dagegen kaum direkt betroffen. In der Umfrage Herbst 2012 gaben aktuell 66 Prozent der Industrieunternehmen und sogar 74 Prozent der Verkehrsunternehmen an, dass sie in den Energie- und Rohstoffpreisen ein Risiko für die Entwicklung sehen. Verglichen mit den vorigen Umfragewerten spiegelt sich der Wiederanstieg der Energie- und Rohstoffpreise der letzten beiden Jahre in den Umfrageergebnissen wider. Risiko Energie- und Rohstoffpreise Herbst 2012 Verkehrsgewerbe 74 Industrie 66 Baugewerbe 62 Handel 49 Dienstleistungen 31 Banken 10 0 10 20 30 40 50 60 70 80
5 Fachkräftemangel: Bedeutung nimmt zu Der Fachkräftemangel wird in Deutschland oft gleichgesetzt mit einem Mangel an Ingenieuren und ausgebildeten Fachkräften. Dies ist zweifelsohne ein zentraler Aspekt des Problems. Die Umfragen belegen darüber hinaus, dass in Niedersachsen aus Unternehmenssicht auch in anderen Branchen Fachkräfte fehlen. Allen voran im Baugewerbe (58 %) sehen die Unternehmen sich im Herbst 2012 einem Fachkräftemangel gegenüber. Fast ebenso berichtet auch das Verkehrsgewerbe (54 %) von einem Mangel an Fachkräften, vor allem bei LKW-Fahrern. Nicht zuletzt sehen sich auch Banken fehlenden Fachkräften wie Spezialisten und IT- Kräften gegenüber. Auch jedes zweite Dienstleistungsunternehmen in Niedersachsen sieht den Fachkräftemangel als Risikofaktor. Der Fachkräftemangel ist damit in weiten Teilen der niedersächsischen Wirtschaft Realität. Fachkräftemangel nach Branchen Herbst 2012 Baugewerbe 58 Verkehrsgewerbe 54 Dienstleistungen 47 Banken 29 Industrie 27 Handel 25 0 10 20 30 40 50 60 70 Zur Umfrage Im Rahmen der vierteljährlichen Konjunkturumfrage wurden seit 2010 jeweils im Herbst, zu Jahresbeginn und im Frühling Fragen zu Risiken der wirtschaftlichen Entwicklung gestellt. Basis dieser Sonderauswertung sind jeweils rund 1.500 Unternehmensantworten aus Niedersachsen. Dr. Martin Knufinke 18.10.2012