Achillessehnenruptur

Ähnliche Dokumente
Achillessehnenruptur

Mediale Schenkelhalsfraktur

Epicondylopathia radialis humeri

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie und des Berufsverbandes der Ärzte für Orthopädie

Sprunggelenkfrakturen

Frische und alte vordere Kreuzbandruptur

Patellarsehnenruptur

Definition. Typische Ursachen

Definition. Zeichnung: Hella Maren Thun, Grafik-Designerin

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) und des Berufsverbandes der Ärzte für Orthopädie (BVO)

Wie ist der Verletzungsmechanismus bei der VKB- Ruptur?

DEFINITION/ENTSTEHUNG SYMPTOME UNTERSUCHUNG

Sportorthopädie Sporttraumatologie Sprunggelenk - Fuß. V. Schöffl

ACHILLODYNIE/ACHILLESSEHNENREIZUNG

Die häufigen Fussprobleme. Dr. med. Linas Jankauskas Facharzt FMH für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates OKL

Symptomatik. Diagnostik. Zeichnung: Hella Maren Thun, Grafik-Designerin Typische Ursachen

Definition. Entsprechend der Anatomie des Oberarms kann der Bruch folgende vier Knochenanteile betreffen: = Schultergelenkanteil des Oberarms

Orthopädengemeinschaft Amberg. VKB-Ruptur. Riss des vorderen Kreuzbandes

Themen FUSS und HÜFTE beim Erwachsenen

- 1 - Achillessehnenriss

Auszug OP Broschüre. Achillessehnenprobleme

Degenerative Gelenkerkrankungen und Endoprothetik

Durch chronische Belastung und besonders bei Dreh- Scherbewegungen kann es zu degenerativen Veränderungen und Einrissen kommen.

Die schmerzende Hüfte

Hauptvorlesung Unfallchirurgie SS 2005

Klausur Unfall- und Wiederherstellungschirurgie. WS 2006/2007, 2. Februar 2007

Hauptvorlesung Chirurgie Unfallchirurgischer Abschnitt Obere Extremität 1

Typische Ursachen. Symptomatik

OSG - Distorsionen Kinderärzte-Fortbildung 26. Juni 2018

Seminarunterricht Allgemeinchirurgie. Modul 6.1

Fall jährige Patientin mit Fehlstellung des rechten Beines Welche Verletzungen kommen differenzialdiagnostisch in Frage?

Schwischei H ν Anamnese. ν Inspektion. ν Palpation und Bewegungsanalyse. ν Verschiedene Tests. ν Röntgen.

Arthroskopie an Sprunggelenk und Fuß

Die Verletzungen und Brüche des Oberarmes

Definition. Typische Ursachen. Symptomatik

Scheuermann-Krankheit = Morbus Scheuermann = Adolsezentenkyphose

Sönke Drischmann. Facharzt für Orthopädie/Rheumatologie. Orthopädie Zentrum Altona Paul-Nevermann-Platz Hamburg

Was ist der Karpaltunnel?

Aus der Universitätsklinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie der Martin-Luther-Universität Halle Direktor: Prof. Dr. med. habil. W.

Pathophysiologie 3 Möglichkeiten werden diskutiert: 1. Entzündung Dolor Rubor Tumor Calor Schmerz Rötung Schwellung Wärme 2. Sympathische Störungen

Gelenkergüsse entstehen, wenn die verletzten Bänder in das Gelenk bluten.

LMU München. Fuß- und Sprunggelenkchirurgie. Nachbehandlung der akuten Achillessehnenruptur nach offener Naht. Evidenzbasierte Behandlungsempfehlung

PATIENTENLEITFADEN Fuss

Medizin im Vortrag. Herausgeber: Prof. Dr. med. Christoph Frank Dietrich. Koronare Herzkrankheit

GEFÄSSZENTRUM HILFE BEI KRAMPFADERN UND DURCHBLUTUNGSSTÖRUNGEN DER BEINE

Definition. Zeichnung: Hella Maren Thun, Grafik-Designerin Typische Ursachen

DR. ARZT MUSTER Facharzt für Orthopädie

Link zum Titel: Krämer, Wirbelsäule und Sport, Deutscher Ärzte-Verlag Einleitung... 1

Therapie. Klinik. Grundlage der RA Therapie ist die konservative Behandlung

Management der frühen rheumatoiden Arthritis

OSTEOCHONDRALE LÄSIONEN AM TALUS

Wirbelsäule und Sport

Thermische und chemische Verletzungen

Beugesehnenverletzung. Behandlungsstandard. Version 1.2

Arthrose / Arthritis

Arthrose Ursache, Prävention und Diagnostik

Die Simssee Klinik Klinik für konservative orthopädische Akutbehandlung

Voruntersuchungen. Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin

Leitlinien. Anna Skibniewski Angelika Untiedt Jonathan Vaassen Cathrin Vietmeier Frauke Weber

Die Sprunggelenksverstauchung - eine Banalität?

Struktur der Fortbildungsartikel und Fragen zur Lernerfolgskontrolle am Beispiel der Zeitschriften Der Orthopäde und Der Unfallchirurg

Allgemeines zum Thema Schmerz und Schmerztherapie 1

Hand-Out chirurgische Aufklärung im Rahmen des CHIP

Bewegung, Training und Ergonomie in der Rehabilitation

Die Gelenkspiegelung (=Arthroskopie)

Erste Hilfe bei Sportverletzungen. Ursachen PECH-Regel Prävention

Lohnt es sich noch? Orthopädische Behandlungen beim älteren Patienten

Schultergelenk, Rotatorenmanschette, Instabilität, Arthrose, Rotatorenmanschettenrekonstruktion, Muskelschwenklappenplastik

Fußchirurgie. Für die unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten im Rahmen der Fußchirurgie bieten wir eine Fußsprechstunde an.

Rotatorenmanschetten Riss

Genetisch bedingte Stoffwechselerkrankungen

Spezialgebiet Wirbelsäule

Epiphyseolysis capitis femoris

Mobilität ist Lebensqualität.

Physiologische (normale) Gelenkbeweglichkeit:

Leitlinie Kreuzschmerzen

Anatomischer Aufbau der Wirbelsäule Bandscheibenvorfall

Aus der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie der DRK-Kliniken-Köpenick, akademisches Lehrkrankenhaus der Charité Universität Berlin DISSERTATION

Die hintere Kreuzbandläsion Indikationen zur konservativen und operativen Therapie

Evidenzbasierte Suchtmedizin

INSTABILITÄT GLENOHUMERALGELENK SCHMERZ SUBACROMIALRAUM. F. Kralinger/M.Wambacher

Univ.-Prof. Dr. med. Christoph Gutenbrunner

6. Patiententag Arthrose Deutsche Rheuma-Liga. Rückenschmerz heilen es geht auch ohne Messer und Schneiden. Bernd Kladny Fachklinik Herzogenaurach

Medizin im Vortrag. Herausgeber: Prof. Dr. med. Christoph Frank Dietrich. Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pavk)

Anhang 2: Schnittstellenkommunikation: ORTHOPÄDE HAUSARZT Befundbericht. HAUSARZT ORTHOPÄDE Begleitschreiben

HALLUX VALGUS. Fußchirurgie im König-Ludwig-Haus. Orthopädische Klinik König-Ludwig-Haus Würzburg

ARTHROSE OBERES SPRUNGGELENK

Kindlicher Knick-Senkfuß

Exzentrisches Training bei Achillessehnenreizung und Fersensporn

In guten Händen. Orthopädie. Damit Sie immer in Bewegung bleiben.

ARTHROSE OBERES SPRUNGGELENK

Diabetischen Fuss: Wunden und Ulcera

Transkript:

AWMF online Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie und des Berufsverbandes der Ärzte für Orthopädie AWMF-Leitlinien-Register Nr. 033/011 Entwicklungsstufe: 1 Zitierbare Quelle: Dt. Ges. f. Orthopädie und orthopäd. Chirurgie + BV d. Ärzte f. Orthopädie (Hrsg.) Leitlinien der Orthopädie. Dt. Ärzte-Verlag, 2. Auflage, Köln 2002 Synonyme: Achillessehnenruptur Achillessehnenruptur, Achillessehnenriss, Sehnenruptur Achillessehne Schlüsselwörter: Achillessehne, Achillessehnenruptur, Achillessehnennaht Definition Die Achillessehnenruptur ist die teilweise oder vollständige Kontinuitätstrennung der Achillessehne in unterschiedlicher Höhe durch direkte oder indirekte äußere Gewalteinwirkung bzw. durch eine plötzliche körpereigene Kraftanstrengung. Ätiologie, Pathogenese, Pathophysiologie Die Achillessehnenruptur tritt auf, wenn durch indirektes, seltener direktes Trauma die mechanische Belastbarkeit des Sehnengewebes überschritten wird. Die normale Belastbarkeit der Achillessehne, die kurzfristig bis zum 25fachen des Körpergewichtes betragen kann, ist meist durch Vorschädigungen vermindert (Diabetes mellitus, familiäre Hypercholesterinämie mit Xanthomatose, Ehlers-Danlos-Syndrom, rezidivierende Mikrotraumata), die eine Ruptur des Sehnengewebes begünstigen. Intra- und paratendinöse Injektionen (u.a. Steroide), längere Immobilisation und altersassoziierte Veränderungen der extrazellulären Kollagenstruktur können ebenfalls die mechanische Belastbarkeit der Sehne verringern. Durch eine plötzliche, extreme und unkoordinierte Muskelkontraktion können die Kräfte in der Sehne so stark ansteigen, dass die Ruptur meist in Verbindung mit, aber auch ohne Vorschaden eintreten

kann. Klassifikation Klassifikation einer Achillessehnenruptur nach Lokalisation: proximal, mittleres Drittel, distal. Medizinische Schlüsselsysteme ICD-10 M76.6Tendinitis der AchillessehneM67.0Achillessehnenverkürzung (erworben)m66.4spontanruptur sonstiger SehnenM66.5Spontanruptur von nicht näher bezeichneten Sehnen, Ruptur der Muskel-Sehnen-Verbindung, nichttraumatisch Anamnese Spezielle Anamnese Unfallanamnese: direkte, indirekte Gewalteinwirkung, körpereigene Kraftanstrengung Schmerzen: Lokalisation, Ausstrahlung Kraftverlust der Fußsenker Allgemeinerkrankungen und Risikofaktoren Skelett- oder Bindegewebserkrankungen Stoffwechselerkrankungen Sportliche oder berufliche Belastungen Diagnostik Klinische Diagnostik Beurteilung der Achillessehne durch Inspektion und Palpation Beurteilung von Bewegungsschmerz, Bewegungsumfang, Belastbarkeit, Muskelkraft (Zehenstand einbeinig); Thomson-Test: Kompression der Wade des betroffenen Beines führt nicht zum Spitzfuß Beurteilung von Durchblutung, Motorik, Sensibilität und Achillessehnenreflex Apparative Diagnostik Notwendige apparative Untersuchungen Röntgen OSG mit Rückfuß in 2 Ebenen Sonographie der Achillessehne Im Einzelfall nützliche apparative Untersuchungen

Röntgen benachbarter Gelenke Klinisch-chemisches Labor (zur Diagnostik von Risikofaktoren) Häufige Differentialdiagnosen Muskel(faser)riss Achillodynie Paratenonitis achillea Klinische Scores Zur Zeit liegt kein validierter Score speziell zum Outcome nach Achillessehnenruptur vor. Therapie Ziel ist die Wiederherstellung einer kraftvollen Funktion im oberen Sprunggelenk. Konservative Therapie Prinzip Mehrwöchige Spitzfußstellung zur narbigen Ausheilung durch Annäherung der Sehnenenden. Beratung Aufklärung über die Verletzung und die mit der konservativen Behandlung verbundenen Sekundärkomplikationen (z.b. Thrombose, Immobilisationsschäden, Reruptur) bzw. der Gefahr einer unvollständigen funktionellen Wiederherstellung. Medikamentöse Therapie Analgetika bei Bedarf Antiphlogistika Thromboseprophylaxe Physikalische Therapie Akutbehandlung: Kryotherapie Physiotherapie zeitlich gestaffelt, Kraft- und Koordinationstraining Orthopädietechnik Unterarmgehstützen Gips, Orthesen, Spezialschuhe Schuhabsatzerhöhung Operative Therapie Ziel sind die optimale Adaptation der Sehnenenden und deren Sicherung durch Naht sowie die Wiederherstellung der Achillessehnenlänge und -funktion.

Allgemeine Indikationskriterien Alter, Allgemeinzustand, Begleiterkrankungen Begleitverletzungen Funktionelle Ansprüche, Compliance Häufige Operationsverfahren Achillessehnennaht: Durch eine entlastende Naht auf Distanz wird die Rissstelle mechanisch geschützt. Zusätzlich wird eine Reorientierung der einzelnen Faserbündel vorgenommen, z.b. durch feine Nähte. Rekonstruktion der Gleitschicht. Achillessehnenplastik: Bei veralteten Rupturen können plastische Eingriffe zur Verlängerung der Sehne (VY-Plastik, Griffelschachtelplastik) notwendig werden. Mögliche Folgen und Komplikationen Allgemeine Risiken und Komplikationen: Hämatom, Wundheilungsstörung, Wundinfekt, tiefe Beinvenenthrombose, Embolie, Gefäßverletzung, Nervenverletzung Spezielle Folgen: Bewegungseinschränkung, meist vorübergehende Kraftminderung, Keloidbildung Komplikationen: Reruptur, sekundäre Dehiszenz Postoperative Maßnahmen Entlastende Ruhigstellung in Gips oder Orthese Thromboseprophylaxe Individuelle postoperative Physiotherapie Frühzeitige Mobilisierung des Patienten Befundabhängiger Belastungsaufbau und Mobilisierung des Sprunggelenkes Stufenschema Therapeutisches Vorgehen Orientierungskriterien Gesicherte Ruptur, Begleitverletzungen, Begleiterkrankungen, Alter, Compliance des Patienten Prognose Stufe 1 stationär/ambulant Konservative Therapie Stufe 2 stationär Achillessehnennaht Achillessehnenplastik Eine wissenschaftlich begründete Prognose kann im Einzelfall nicht gegeben werden. Der Heilungsverlauf ist durch zahlreiche einzelne Faktoren geprägt. Bei konservativer Therapie sind die Wahrscheinlichkeit persistierender Kraftminderung der Plantarflexion und die Zahl der

Rerupturen größer als beim operativen Vorgehen. Nach operativer Therapie ist die Wahrscheinlichkeit, die ursprüngliche Sportfähigkeit wiederzuerlangen, höher. Die Häufigkeit von Beschwerden, Bewegungseinschränkung und einer Wadenatrophie ist geringer. Bei operativer Versorgung wird etwa ein Drittel der Patienten vollkommen beschwerdefrei, ein Drittel klagt über Schwellneigung, leichtere Ermüdbarkeit des Beines oder Narbenschmerzen. Insbesondere bei verzögerter Versorgung oder plastischer Defektüberbrückung klagt etwa ein Viertel der Patienten über dauernde Beschwerden. Prävention Primär: Adäquates Trainingsprogramm, adäquate Sportausübung, adäquate Behandlung bekannter Stoffwechselstörungen Perspektiven, Ausblick Indikationskriterien zur konservativen Therapie sowie neuere operative Verfahren (z.b. perkutane Rahmennaht) müssen in Studien noch validiert werden. Literatur: Verfahren zur Konsensbildung: Expertengruppe der Dt. Ges. f. Orthopädie und orthopädische Chirurgie und des Berufsverbands der Ärzte für Orthopädie Autoren: R. Schulz D. von Salomon L. Zichner Koautoren: D. Jungmichel K. Steinbrück Erstellungsdatum: 20. Mai 1998 Überarbeitung: 01. April 2002 Überprüfung geplant: Zurück zum Index Leitlinien Orthopädie Zurück zur Liste der Leitlinien Zurück zur AWMF-Leitseite