Demenz und Alzheimer. Krankheit des Vergessens. 1 Demenz und Alzheimer

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Transkript:

Demenz und Alzheimer Krankheit des Vergessens 1 Demenz und Alzheimer

Inhalt Was versteht man unter Demenz? Symptome und Krankheitsverlauf Formen von Demenz Demenz - Diagnostik Folgen von Demenz Risikofaktoren und Prophylaxe Wichtige Fakten über Demenz Häufige Fragen zu Demenz 2 Demenz und Alzheimer

Prominente Betroffene Ronald Reagan (1911-2004): Offener Brief an die Nation zur Bekanntgabe seiner Alzheimer-Erkrankung (November 1994) Ich beginne nun die Reise, die mich zum Sonnenuntergang meines Lebens führt. Künstler Carolus Horn (1921 1992): Seine Werke veranschaulichen den Verlauf der Demenz auf plastische Weise Bilder: Konrad u. Ulrike Maurer: Alzheimer und Kunst, Wie aus Wolken Spiegeleier werden, Novartis Verlag Nürnberg 3 Demenz und Alzheimer Geschichtliches Im Jahr 1901 begegnete der deutsche Psychiater und Neuropathologe Alois Alzheimer der Patientin, die ihn später berühmt machen sollte: Auguste Deter. Sie litt an zeitlicher und örtlicher Desorientierung, Stimmungsschwankungen und ausgeprägten Verhaltensstörungen. Nach ihrem Tod 1906 untersuchte Alzheimer ihr Gehirn und berichtete erstmals von den Zusammenhängen zwischen Gewebeveränderungen und Verhaltensauffälligkeiten. Wenig später wurde die Krankheit nach ihm benannt. Obwohl das Krankheitsbild der Demenz also bereits seit über 100 Jahren bekannt ist, besteht erst seit den 90er Jahren eine einheitliche Einteilung der verschiedenen Formen. Zeitgleich wurden erste Hypothesen zur Krankheitsentwicklung sowie erste therapeutische Ansätze beschrieben. Prominente Beispiele von Demenz-Erkrankten Noch heute schämen sich viele Betroffene, ihre Erkrankung dem Umfeld mitzuteilen. Prominente haben das Tabu in der letzten Zeit jedoch gebrochen. Einer der ersten war der frühere US-Präsident Ronald Reagan, der sein Leiden Ende 1994 in einem Brief an die amerikanische Bevölkerung öffentlich machte. Im Juni 2004 verstarb er mit 93 Jahren. Durch sein Bekenntnis zur Erkrankung erhielt die Demenz-Forschung große finanzielle Unterstützung. Besonders plastisch zeigt sich der Verlauf einer Demenz-Erkrankung, wenn Künstler betroffen sind. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist der Grafiker Carolus Horn. In seinen Bildern geht zunächst das Dreidimensionale verloren, einzelne Bildelemente werden schematisiert. Langsam verschwinden realistische Details. Die naive Farbwahl mündet schließlich in einem grafikartigen Design mit wiederholten Ornamenten. (Bsp. Rialto-Brücke Venedig)

Was ist Demenz? Erworbene Störung verschiedener geistiger, emotionaler und sozialer Fähigkeiten, die über die Altersnorm hinausgeht: - Gedächtnis-, Orientierungs- und Sprachstörungen - Verändertes Gefühlserleben - Störungen der Persönlichkeit und des Sozialverhaltens Meist durch eine chronische hirnorganische Erkrankung Beeinträchtigt zunehmend Leistungsfähigkeit und Alltagsaktivitäten (Progredientes Demenzsyndrom) Symptome halten mindestens 6 Monate an 4 Demenz und Alzheimer Definition von Demenz Der Begriff Demenz stammt vom lat. Mens (Verstand) und de (abnehmend). Demenz bedeutet also im wörtlichen Sinn abnehmender Verstand. Unabhängig von der Ursache versteht man unter Demenz eine über die Altersnorm hinausgehende, erworbene Störung des Denkvermögens und Empfindens in verschiedenen Bereichen, z.b. Gedächtnis (Leitsymptom), Orientierung, Auffassung, Lernfähigkeit, Sprache, Gefühlserleben. Hinzu kommen bei einigen Demenz-Formen auch Persönlichkeitsveränderungen. Die Sinnesorgane dagegen funktionieren lange im für den Betroffenen üblichen Rahmen. Demenz ist die Folge einer meist chronischen hirnorganischen Erkrankung mit unterschiedlicher Entstehung, z.b. Schädel-Hirn-Trauma, Gefäßverschlüsse, Eiweißablagerungen. Sind die Veränderungen im Gehirn so ausgeprägt, dass sich das gewohnte Leistungsniveau des Betroffenen verschlechtert und der berufliche und private Alltag deutlich in Mitleidenschaft gezogen wird, spricht man von einem Demenzsyndrom. Die Bezeichnung beschreibt das Zusammentreffen verschiedener Einzelsymptome. Das Demenzsyndrom ist in den meisten Fällen progredient, d.h. fortschreitend. Das Ausmaß der Progredienz variiert jedoch stark und hängt von der jeweiligen Krankheitsursache ab. Für die Diagnose einer Demenz muss die Störung der geistigen Leistungen mindestens seit 6 Monaten bestehen und nicht etwa nur im Rahmen eines Delirs ( = akuter Verwirrtheitszustand).

Wie oft tritt Demenz auf? Häufigste psychische Störung in der Altersgruppe der über 60-Jährigen Derzeit zwischen 900.000 und 1,2 Mio. Demenz-Erkrankte im mittelschweren bis schweren Stadium Pro Jahr ca. 200.000 Neuerkrankungen in Deutschland Mehr als 75 % der Betroffenen sind Frauen Im höheren Lebensalter ist Demenz die häufigste Ursache von Pflegebedürftigkeit 5 Demenz und Alzheimer Häufigkeit dementieller Erkrankungen Noch vor der Diagnose Depression, wahnhafte Störungen sowie Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit ist die Demenz die häufigste psychische Störung im höheren Lebensalter (Altersgruppe über 60 Jahre). Dementielle Syndrome nehmen mit zunehmendem Alter exponentiell zu: Der Anteil der Erkrankten wird bei den 65- bis 70-Jährigen mit 3 bis 5 % angegeben, bei den 90- bis 95- Jährigen bereits mit 30 Prozent. Momentan leben in Deutschland zwischen 900.000 und 1,2 Millionen Demenzerkrankte im mittelschweren bis schweren Stadium. Verschiedene epidemiologische Studien gehen aufgrund der steigenden Lebenserwartung in den kommenden Jahren von einem zunehmenden Anteil Demenzerkrankter in der Bevölkerung aus. Doch auch das immer frühere Erkennen der Erkrankung führt zu erhöhten Absolutzahlen. Dass mehr als 75 % der Betroffenen weiblich sind, liegt zum einen am hohen Anteil von Frauen in der Altersgruppe der über 60-Jährigen. Zum anderen haben Frauen anscheinend auch ein leicht erhöhtes Erkrankungsrisiko: Das Risiko einer 65-jährigen Frau, in der noch verbleibenden Lebenszeit an Demenz zu erkranken, liegt bei 34,5 %, das einen gleichaltrigen Mannes bei 16 %. Demenzerkrankungen sind daher im höheren Lebensalter die häufigste Ursache von Pflegebedürftigkeit. Siehe auch gesonderten Vortrag Pflege von Demenzkranken!

Demenz - Symptome Gruppen von Demenzsymptomen: Grundlage für die Diagnose: Genaue Symptombeschreibung im richtigen zeitlichen Zusammenhang Neben organischen Veränderungen spielen biografische, psychische, genetische und soziale Faktoren eine Rolle Körperliche Symptome Kognitive Symptome Verhaltensänderungen Demenz- Syndrom Psychische Symptome 6 Demenz und Alzheimer Symptome der Demenz Das typische Symptom einer Demenz ist sicher die Gedächtnisstörung. Es spielen jedoch vielfältige Veränderungen eine Rolle. Erst die genaue Symptombeschreibung im richtigen zeitlichen Zusammenhang ermöglicht eine stimmige Diagnose und gibt Hinweise auf Pflege und Therapie der Erkrankung. Die verschiedenen Symptome werden in Gruppen unterteilt ( siehe folgende Folien), welche man den Demenz-Stadien zuordnen kann ( siehe Folie 11). Zusatzinformationen: Checkliste von klassischen Anfangssignalen einer frühen Demenz: u.a. Verabredungen vergessen, Schlüssel etc. verlieren, stets die gleiche Frage stellen Vereinfachter Sprachgebrauch, unkorrekte Sätze, Wortfindungsprobleme Stimmungsschwankungen, die nicht von äußeren Geschehnissen abhängen Sich von anderen zurückziehen, Apathie, Konzentrationsstörungen Unvorhersehbares Verhalten, Reizbarkeit, mangelnde Spontanität, Zögern Veränderungen im äußeren Erscheinungsbild, z.b. Kleidung falsch anziehen Häufung von Zwischenfällen im Haushalt, z.b. Essen anbrennen lassen, verirren Unterschiede zwischen normalem Altern und einer beginnenden Demenz: u.a. Konzentration: Gelegentliche Aufmerksamkeitsdefizite regelmäßige Verwirrung und Konzentrationsprobleme bei komplexeren Gesprächen Gedächtnis: Gelegentliches Vergessen häufiges Vergessen auch von Wichtigem Stimmung und Verhalten: Vorübergehende Traurigkeit, wechselnde Interessen Depressionen, unvorhersagbare Stimmungsschwankungen, Interessensverlust Sprache: etwas langsamer, hin und wieder Wortfindungsprobleme reduzierte Sprache, unkorrekte und unvollendete Sätze, starke Wortfindungsprobleme Bewegung und Koordination: vorsichtigere Bewegungen, langsamere Reaktion stark eingeschränkte Bewegungsfähigkeit und Koordination, stockender Gang

Symptomgruppe 1 Kognitive Symptome Sind bereits im Frühstadium erkennbar und bei allen Demenz-Erkrankungen progredient (fortschreitend) Treten zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf Beispiele: - Störungen von Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Orientierung - Sprachstörungen (Aphasie) - Störungen der Handlungsfähigkeit (Apraxie) - Störungen des Wiedererkennens (Agnosie) 7 Demenz und Alzheimer Symptomgruppe 1: Kognitive Symptome ( = Störungen der Denkfähigkeit) Störungen der allgemeinen Denkprozesse sind die bedeutendsten Kennzeichen einer Demenzerkrankung. Meistens treten sie bereits im frühen Stadium auf. Nicht alle kognitiven Symptome kommen gleichzeitig vor, sie entwickeln sich abhängig vom jeweiligen Demenz-Stadium zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Anfangs können beispielsweise verstärkt Schwierigkeiten der Merkfähigkeit stehen, während Orientierungsstörungen erst später dazukommen. Alle Demenzerkrankungen haben jedoch gemeinsam, dass sich die kognitiven Störungen fortwährend (progredient) verschlechtern. Aphasien ( = Sprachstörungen): - Sind bereits sehr früh zu beobachten. - Beginnen mit Wortfindungsstörungen: Die Betroffenen finden nicht den richtigen Begriff und verwenden Oberbegriffe oder Umschreibungen. - Mit zunehmender Erkrankung kommt es zu grammatikalischen Veränderungen und Störungen des Sprachverständnisses mit Wortneuschöpfungen. - In späten Stadien der Demenz verlieren die Erkrankten immer mehr ihre Sprache, bis sie schließlich ganz verstummen. Apraxie ( = Werkzeugstörungen): - Apraxie ist eine frühe Störung von Handlungsabläufen, die nicht auf motorischen Fähigkeiten beruht, z.b. beim Gebrauch von Besteck und Geschirr. Agnosie ( = Störung des Wiedererkennens) - Der Demenzkranke begreift bestimmte Gegenstände oder Personen nicht mehr als bekannt, obwohl seine Sinnesorgane uneingeschränkt funktionieren. - Agnosie kann in unterschiedlichsten Formen auftreten.

Symptomgruppe 2 Psychische Symptome Treten regelmäßig bei Demenz-Erkrankungen auf Verstärken sich nicht zwingend mit fortschreitender Krankheit Beispiele: - Unspezifische Angstgefühle - Depressive Verstimmungen - Verkennungen und Halluzinationen 8 Demenz und Alzheimer Symptomgruppe 2: Psychische Symptome Bei Demenz-Erkrankungen treten in aller Regel psychische Veränderungen auf. Im Gegensatz zu den kognitiven Symptomen verstärken sie sich allerdings nicht zwangsläufig, d.h. sie können sich durchaus verändern und wieder rückbilden. Da die vielfältigen Symptome auch bei anderen psychischen Erkrankungen auftreten können, ist eine Abgrenzung der einzelnen Krankheitsbilder oft problematisch. Andererseits können psychische Beschwerden auch auf eine bestimmte Diagnose hindeuten, z.b. optische Halluzinationen auf eine Lewy-Körperchen-Demenz. Angstgefühle: - Die bei einer Demenz auftretenden Ängste sind meist recht unspezifisch, z.b. Angst vor der Dunkelheit, vor großen Räumen, vor dem Alleinsein. - Sie hängen oft mit der Lebensgeschichte des Patienten zusammen. Depressionen: - Bei depressiven Verstimmungen muss man unterscheiden, ob sie als Symptom einer organischen Erkrankung, als Reaktion auf die Lebenssituation oder als eigenständige depressive Erkrankungen ausgelöst werden. - Gerade im Demenz-Frühstadium tritt oft eine erhöhte Selbstmordneigung auf. Verkennungen ( = Fehlidentifikationen) und Halluzinationen: - Verkennungen treten häufig in der Abenddämmerung oder bei schlechter Beleuchtung auf sowie bei Erkrankten, deren Sinneswahrnehmungen beschränkt sind. Beispiel: Im Raum werden Schatten als fremde Personen wahrgenommen. - Halluzinationen entstehen durch kognitive Fehlleistungen und münden oft in Anschuldigungen gegen das nähere Umfeld (Angehörige, Pflegende). Beispiel: Ein Patient verlegt einen Gegenstand und versteift sich im Wahn, ein Angehöriger habe ihn bestohlen, um das eigene Selbstwertgefühl zu erhalten.

Symptomgruppe 3 Verhaltensänderungen Kennzeichnen akute Verwirrtheitszustände und mittelschwere Demenzstadien Wichtig ist, erklärbare Auslösersituationen von plötzlichen Verhaltensänderungen ohne äußere Ursache zu trennen Beispiele: - Unruhe und Rastlosigkeit - Aggressivität - Sammeln und Verstecken von Gegenständen ( Hamstern ) 9 Demenz und Alzheimer Symptomgruppe 3: Verhaltensänderungen Verhaltensstörungen treten nur im Einzelfall bereits im Frühstadium auf. Vielmehr kennzeichnen sie akute Verwirrtheit und mittelschwere Demenzstadien. Ähnlich wie z.b. bei depressiven Verstimmungen muss man bei Verhaltensänderungen unterscheiden, ob sie primär, d.h. ohne erkennbare äußere Ursache, auftreten oder als Reaktion auf erklärbare Auslösersituationen (z.b. aggressives Verhalten im Umgang mit dem Patienten). Unruhe und Rastlosigkeit (Agitiertheit): - In Altenpflegeheimen ist Unruhe das mit am häufigsten zu beobachtende Symptom Demenzerkrankter. Oft versucht man, die Betroffenen medikamentös ruhig zu stellen, was selten erfolgreich ist und zu Stürzen usw. führt. - Formen der Unruhe: z.b. Rufen, Umherwandern, Weglaufen, Herumräumen - Ursachen für Unruhe: z.b. Frustration, Einsamkeit, Mitbewohner - Gefahren des Umherwanderns: z.b. Verletzungen, Straßenverkehr, Konflikte Aggressivität: - Hauptauslöser für aggressives Verhalten eines Demenzerkrankten sind z.b. emotionale Instabilität, Überreizung, Überforderung, mangelnde Kontrolle. - Der Patient möchte dadurch meist den Wunsch ausdrücken, in Ruhe gelassen zu werden. Gezielte, geplante Aggressivität kommt nur selten vor. Sammeln und Verstecken von Gegenständen - Beispiele: Aufheben von Essenresten, Sammeln von Besteck, Kleidung, Müll - Das Ansammeln von Besitztümern und Nahrung kann als zwanghaft angesehen werden. Sofern nicht das Eigentum anderer Personen betroffen ist, sollte man das Verhalten akzeptieren, da es den Erkrankten Sicherheit bietet. Weitere Beispiele: schlechte Körperpflege, Verweigern von Nahrung, Wandern

Symptomgruppe 4 Körperliche Symptome Treten je nach Art der Demenz im Früh- oder Spätstadium auf; leiten meist die schwere Krankheitsphase ein Ziel der Pflege ist die Stabilisierung des Ist-Zustandes Neben Aggressivität und Unruhe sind körperliche Symptome häufigster Grund für eine Übersiedlung in ein Pflegeheim Beispiele: - Schluck- und Essbeschwerden - Schlafstörungen - Mobilitätseinschränkungen 10 Demenz und Alzheimer Symptomgruppe 4: Körperliche Symptome Gerade bei den häufigen Demenz-Formen leitet das Auftreten von körperlichen Beschwerden meist die schwere Phase der Erkrankung ein. Da eine Symptomfreiheit oder gar vollständige Heilung nicht erreicht werden können, ist das vorrangige Pflege-Ziel eine Stabilisierung des Ist-Zustands. Körperliche Beschwerden erschweren die Pflege-Situation stark und überfordern oft die Pflegenden. Daher sind sie neben Aggressivität und Unruhe inzwischen der häufigste Grund für die Übersiedlung in ein Pflegeheim. Siehe auch gesonderten Vortrag Pflege von Demenzkranken! Schluck- und Essstörungen: - Ursachen für gestörtes Essverhalten: z.b. physische Beeinträchtigung (Besteck festhalten), physiologische Veränderungen (Appetitverlust), emotionale/kognitive Veränderungen (Abgelenkt-Sein, Essen vergessen) - Schluckstörungen zeigen sich u.a. an einem erhöhten Zeitbedarf beim Essen oder Trinken, Hustenanfällen, belegter Stimme und Gewichtsabnahme. Gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus/Schlafstörungen: - Schlafstörungen bei Demenzerkrankten können ganz unterschiedlich sein. Die Betroffenen leiden z.b. unter wiederholten Schlafunterbrechungen, einem verringerten oder erhöhtem Schlafbedürfnis sowie unter Albträumen. - Ursachen für Schlafstörungen sind u.a. biologisch (Störungen der inneren Uhr im Gehirn) bedingt, kognitiv (fehlende Wahrnehmung äußerer Zeitgeber wie dem Sonnenlicht) oder liegen an der Inaktivität des Patienten. Mobilitätseinschränkungen: - Mobilitätseinschränkungen entstehen durch Substanzveränderungen im Gehirn und müssen von Parkinson-Syndromen unterschieden werden. - Beispiele sind Unsicherheiten beim Gehen, Schlurfen, Rutschen beim Sitzen.

Was sind frühe Demenz- Warnhinweise? Vergesslichkeit Schwierigkeiten mit gewohnten Handlungen (dadurch Zwischenfälle im Haushalt, z. B. Essen anbrennen lassen) Sprachprobleme (z. B. Wortfindungsprobleme, unkorrekter Satzbau, Verwendung einfacher Füllwörter) Räumliche und zeitliche Desorientierung (z. B. sich verirren) Probleme mit abstraktem Denken Stimmungs- und Verhaltensänderungen (z. B. Apathie) Veränderungen im äußeren Erscheinungsbild (z. B. Kleidung verkehrt herum anziehen) 11 Demenz und Alzheimer Checkliste von klassischen Anfangssignalen einer frühen Demenz: u.a. Verabredungen vergessen, Schlüssel etc. verlieren, stets die gleiche Frage stellen Häufung von Zwischenfällen im Haushalt, z.b. Essen anbrennen lassen, verirren Vereinfachter Sprachgebrauch, unkorrekte Sätze, Wortfindungsprobleme Räumliche und zeitliche Orientierungsprobleme Probleme mit abstraktem Denken Stimmungsschwankungen, die nicht von äußeren Geschehnissen abhängen Sich von anderen zurückziehen, Apathie, Konzentrationsstörungen Unvorhersehbares Verhalten, Reizbarkeit, mangelnde Spontanität, Zögern Veränderungen im äußeren Erscheinungsbild, z.b. Kleidung falsch anziehen Zusatzinformation: Unterschiede zwischen normalem Altern und einer beginnenden Demenz: u.a. Konzentration: Gelegentliche Aufmerksamkeitsdefizite regelmäßige Verwirrung und Konzentrationsprobleme bei komplexeren Gesprächen Gedächtnis: Gelegentliches Vergessen häufiges Vergessen auch von Wichtigem Stimmung und Verhalten: Vorübergehende Traurigkeit, wechselnde Interessen Depressionen, unvorhersagbare Stimmungsschwankungen, Interessensverlust Sprache: etwas langsamer, hin und wieder Wortfindungsprobleme reduzierte Sprache, unkorrekte und unvollendete Sätze, starke Wortfindungsprobleme Bewegung und Koordination: vorsichtigere Bewegungen, langsamere Reaktion stark eingeschränkte Bewegungsfähigkeit und Koordination, stockender Gang

Formen von Demenzerkrankungen (1) Primäre Formen Primäre Demenzen Degenerative Formen (80%) Nicht-degenerative Formen 1) Alzheimer-Krankheit 2) Vaskuläre (gefäßbedingte) Demenz 3) Frontotemporale Demenz (FTD) 4) Lewy-Körperchen-Demenz (LBD) Mögliche Ursachen: - Hirntumor - Schädel-Hirn-Trauma - Gefäßentzündungen Sekundäre Formen 12 Demenz und Alzheimer Formen von Demenz Das Demenzsyndrom wird in primäre und sekundäre Formen unterschieden. Bevor man versucht, die Form einer primären Demenz durch Differentialdiagnosen genau zu bestimmen, muss zunächst eine sekundäre Demenz ausgeschlossen werden. ( Sekundäre Demenzformen siehe Folie 21) Die primären Demenzformen kann man weiter in degenerative (fortschreitende) und nicht-degenerative (nicht-fortschreitende) Formen einteilen. Das Hauptkriterium hierfür ist, ob sich der Abbauprozess im Gehirn stetig fortsetzt oder ob der Demenz eine einmalige Schädigung des Gehirns zugrunde liegt. Die degenerativen Formen machen etwa 80% aller Demenzerkrankungen aus. siehe nachfolgende Folien Werden die Ursachen von nicht-degenerativen Demenzformen rechtzeitig festgestellt, so können sie teilweise geheilt werden oder schreiten zumindest nicht weiter voran. Beispiele: Hirntumor, Schädel-Hirn-Trauma, Gefäßentzündungen Zusatzinformationen: Weitere Möglichkeiten, Demenzformen zu klassifizieren: Demenz vom Alzheimer-Typ oder Nicht-Alzheimer-Demenz ( = alle übrigen degenerativen Formen) Irreversibel (unumkehrbar) oder potentiell reversibel (umkehrbar) - Einige Stoffwechselstörungen, bestimmte Toxine sowie gewisse strukturelle Gehirnveränderungen lösen Demenzen aus, welche jedoch durch entsprechende Behandlung wieder verschwinden können. - Beispiele: Vitamin B12-Mangel, Bleivergiftungen, Wasserkopf Häufiges oder seltenes Auftreten der Demenzform

Formen von Demenzerkrankungen (2) Einteilung degenerativer Demenz-Formen nach der Häufigkeit 20% 10% 70% Alzheimer-Krankheit Vaskuläre Demenz Weitere Demenz-Formen (LBD, FTD) 13 Demenz und Alzheimer Einteilung degenerativer Demenz-Formen nach der Häufigkeit Mit einer Prävalenz zwischen 60 und 70 % ist Alzheimer die häufigste Form aller Demenzen. Dabei erkranken Frauen ca. doppelt so häufig wie Männer. Die vaskuläre Demenz ist mit 15 bis 20 % Prävalenz die zweithäufigste Form. Oft treten auch Mischformen von Alzheimer-Krankheit und vaskulärer Demenz auf, vor allem in fortgeschrittenen Stadien. Weitere Demenzformen wie die Frontotemporale Demenz (FTD) und die Lewy-Körperchen-Demenz (LBD) weisen eine Prävalenz zwischen 5 und 15 % auf. Mehrere Studien belegen, dass sowohl FTD als auch LBD statistisch bei Männern ca. doppelt so häufig vorkommen wie bei Frauen.

1) Alzheimer-Krankheit Häufigste Form der Demenz (60 70 %) 1906 erstmals von Alois Alzheimer beschrieben 2 Typen: früher oder später Beginn (Grenze: 65) Kennzeichen der Alzheimer-Demenz Langsam schleichender Krankheitsverlauf Beginn mit Merkfähigkeits- und Wortfindungsstörungen, später psychische und körperliche Beeinträchtigung Wichtigster Risikofaktor: Alter Symptome treten erst im letzten Drittel der Erkrankung auf 14 Demenz und Alzheimer Die Alzheimer-Krankheit Mit einer Prävalenz zwischen 60 und 70 % ist Alzheimer die häufigste Form aller Demenzen. Dabei erkranken Frauen ca. doppelt so häufig wie Männer. Im Jahr 1906 beschrieb der deutsche Psychiater und Neuropathologe Alois Alzheimer erstmals die Symptome und stellte Zusammenhänge zwischen Verhaltensauffälligkeit und Gehirnveränderungen der verstorbenen Patientin Auguste Deter fest. Bald wurde die Krankheit nach ihm benannt. ( siehe Folie 3) Zunächst verstand man darunter eine Demenz-Form, die unter 65 Jahren auftritt und schnell verläuft (5 7 Jahre). Mittlerweile hat man erkannt, dass die Krankheit in einen Typ mit frühem Beginn (unter 65 Jahren) und einen Typ mit spätem Beginn (über 65) und langsamerem Verlauf unterteilt werden muss. In der Entstehung der Erkrankung werden seit Jahren verschiedene Risikofaktoren diskutiert ( siehe Folie 27). Dabei scheint das Alter die wichtigste Rolle zu spielen. So beträgt die Wahrscheinlichkeit zu erkranken laut Studien- Daten für 65 74-Jährige etwa 1,7 %, für 75 84-Jährige etwa 11 % und für Personen über 84 Jahren etwa 30 %. Bis auf die allgemeine Prophylaxe ( siehe Folie 28) konnte aber noch keine ursächliche Therapie entwickelt werden. Siehe auch Vortrag Demenz und Alzheimer Therapiemöglichkeiten! Da sich die Erkrankung immer in der gleichen Weise entwickelt, kommt es zu einem typischen Symptomverlauf ( siehe Folien 11 bis 13). Dabei werden erste Symptome oft erst im letzten Drittel der bereits fortgeschrittenen Krankheit erkannt (bis zu 20 Jahre nach Ausbruch). Unabhängig vom Verlauf kann man die Alzheimer-Beschwerden nach der sog. ABC-Regel zusammenfassen: - A = Beeinträchtigung von Alltags-Aktivitäten - B = abnormales Verhalten (engl. behaviour) von Patienten - C = Verlust kognitiver Fähigkeiten (engl. cognitive abilities)

Alzheimer-Krankheit (2) Ursachen der Alzheimer-Demenz Exakte Ursachen noch nicht genau erforscht Typische strukturelle Veränderungen im Gehirn: - Eiweißablagerungen (β-amyloide Plaques) - Bildung fibrillärer Nervenbündel (Tangles aus Tau-Protein) Gestörtes Gleichgewicht bestimmter Botenstoffe im Gehirn (Acetylcholin, Glutamat) Genetische Faktoren (Apo ε4-gen, Präsenilin-1 und 2) Fortschreitender Nervenzelltod, Gehirnatrophie 15 Demenz und Alzheimer Ursachen der Alzheimer-Krankheit Bis heute sind die Ursachen der Erkrankung noch nicht genau erforscht. Als sicher gilt, dass die klinischen Symptome der Alzheimer-Krankheit durch einen fortschreitenden Untergang von Nervenzellen hervorgerufen werden. In der Folge schrumpft das Gehirn um ca. 20 % (Gehirnatrophie). Dabei sterben nicht nur Nerven der Hirnrinde ab, sondern auch in tieferen Regionen. Auf neurobiologischer Ebene sind zwei strukturelle Veränderungen im Gehirn absolut typisch für eine Demenz vom Alzheimer-Typ: - Das Absterben von Nervenzellen hängt mit der Bildung von krankhaft veränderten Eiweißbruchstücken zusammen. Diese sog. β-amyloid-plaques lagern sich an Nervenzellen und Blutgefäßen ab. Dadurch werden Informationsverarbeitung sowie Sauerstoff- und Energieversorgung massiv gestört. - Die zweite für die Alzheimer-Krankheit typisch krankhafte Eiweißablagerung sind Knäuel aus sog. Tau-Protein, einem normalen Bestandteil des Zellskeletts. Bei Alzheimer wird dieses Tau-Protein jedoch übermäßig mit Phosphatgruppen beladen und lagert sich zu fibrillären Nervenbündeln zusammen. Dadurch kommt es zu Störungen von Stabilisierungs- und Transportprozessen in der Zelle, was am Ende zum Zelltod führt. Daneben hat man festgestellt, dass bei einer Alzheimer-Demenz das Gleichgewicht der Botenstoffe Acetylcholin und Glutamat im Gehirn gestört ist. Familiär gehäuft auftretende Fälle der Alzheimer-Krankheit führten zu der Annahme, dass es auch genetische Ursachen geben könnten. Obwohl ihre genaue Bedeutung noch weitgehend unerforscht ist, stehen ein bestimmter Gen-Typ des Proteins Apo ε4 (Protein im Cholesterol-Transport) sowie die beiden Gene Präsenilin-1 und 2 zur Diskussion, Alzheimer durch Mutation zu begünstigen.

Krankheitsverlauf bei Alzheimer Stadium 1 1. Leichte Alzheimer-Demenz Kognitive Phase Leichte Demenz: Verminderte Merkfähigkeit Kognitive Phase Verlegen vertrauter Dinge Wortfindungsstörungen Vergessen von Terminen Stimmungsschwankungen Beeinträchtigungen werden nur im intensiven Gespräch deutlich Betroffene ziehen sich emotional zurück Fähigkeiten Zeit 16 Demenz und Alzheimer Krankheitsverlauf Schweregrade dementieller Erkrankungen Je nach Krankheitsbild treten die Demenzsymptome zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in unterschiedlichen Schweregraden auf. Innerhalb eines bestimmten Krankheitsbildes herrscht jedoch oft eine regelmäßige Abfolge der einzelnen Symptome, so dass man verschiedene Erkrankungsstadien differenzieren kann. Da die Demenz vom Alzheimer-Typ die häufigste Form darstellt ( siehe auch Folie 14 ff), wird deren Verlauf beispielhaft in 3 Stadien dargestellt. Die ersten Symptome der Alzheimer-Erkrankung fallen meistens nicht dem Betroffenen selbst, sondern den nahestehenden Angehörigen auf. Sie werden oft als normaler Alterungsprozess angesehen, so dass viele erst spät zum Arzt gehen. Die Erkrankten dagegen ignorieren meist ihre Beschwerden und versuchen, die Defizite zu vertuschen. Einerseits schützen sie sich so vor Ängsten und Depression, andererseits können sie ihre Lage gar nicht richtig einschätzen. Stadium 1: Leichte Alzheimer-Demenz Kognitive Phase ( Stadium des Vergessens ) Zu Beginn der Erkrankung ziehen sich die Erkrankten meist zurück, meiden Gesellschaft und leugnen alle Symptome. Grund: Sie bemerken erste kognitive Störungen und versuchen, sie möglichst gut vor anderen zu verbergen. Insgeheim fürchten sie jedoch, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Zuhause bemerken Angehörige jedoch erste Fehlhandlungen z.b. das Verlegen von Gegenständen oder die fehlerhafte Bearbeitung von Rechnungen. Im Gespräch fallen Wortfindungsstörungen auf sowie die Tatsache, dass sich die Betroffenen viel besser an Vergangenes erinnern können als an Aktuelles.

Krankheitsverlauf bei Alzheimer Stadium 2 2. Mittelschwere Alzheimer-Demenz Verhaltensänderungen Psychische Symptome, z.b. Wahn, Angstzustände Vernachlässigung der Körperpflege Falsche Wortwahl Erste Verhaltensstörungen, z.b. Unruhe, Umherwandern Alltägliche Aufgaben können nicht mehr allein bewältigt werden 17 Demenz und Alzheimer Fähigkeiten Mittelschwere Demenz: Störungen im Alltag Zeit Stadium 2: Mittelschwere Alzheimer-Demenz Verhaltensstörungen im Alltag ( Stadium der Verwirrtheit ) Das mittelschwere Stadium der Alzheimer-Krankheit beginnt mit verstärkten psychischen Symptomen, z.b. Wahn, Angstzustände oder Halluzinationen. Der Alzheimer-Patient ist zeitlich, örtlich und situativ verwirrt, bleibt aber körperlich noch vergleichsweise fit. In dieser Phase treten auch deutliche Verhaltensänderungen des Erkrankten auf, die den Alltag stören. Dazu gehören z.b. ungeduldiges Umherwandern, veränderte Schlafgewohnheiten, Erfinden von angeblich erlebten Geschichten oder ständiges Wiederholen von Sätzen. Der Betroffene versucht dadurch, zu retten, was noch zu retten ist, und sucht nach Halt in einer Welt, in der er sich ständig verirrt. Die Alzheimer-Patienten sind leicht reizbar, während sich Familienmitglieder von der neuen Situation überfordert fühlen. Sie werden sich bewusst, dass der Betroffene immer mehr Hilfe benötigt, z.b. beim Anziehen, Essen oder auf der Toilette. Teilweise aggressive Auseinandersetzungen sind die häufige Folge.

Krankheitsverlauf bei Alzheimer Stadium 3 3. Schwere Alzheimer-Demenz Körperliche Beeinträchtigung Starke Störungen der Denkfähigkeit Der Demenzerkrankte kann nicht mehr alleine essen, sich waschen oder ankleiden Zunehmender Sprachverlust Harn- und Stuhlinkontinenz Schwere Gangstörungen bis hin zur Bettlägerigkeit Fähigkeiten Schwere Demenz: Körperliche Störungen Zeit 18 Demenz und Alzheimer Stadium 3: Schwere Alzheimer-Demenz Schwere körperliche Beeinträchtigung ( Stadium der fortgeschrittenen Hilflosigkeit ) Typisch für das dritte und letzte Stadium der Alzheimer-Krankheit sind schwere körperlich-neurologische Symptome ( siehe Folie 10), wie z.b. Schluck- und Essstörungen oder starke Mobilitätseinschränkungen (siehe auch unten). Die Demenzerkrankten sprechen oft nur noch in Einwort-Sätzen, wiederholen dabei einzelne Bruchstücke und verstummen schließlich ganz. Als Kommunikationsmittel mit ihrer Umgebung sind nur noch Körperkontakt sowie verstärkt emotionale Zuwendung möglich. Die Betroffenen leiden unter schweren Gangstörungen und stürzen oft. Schließlich fällt auch das Sitzen schwer, am Ende kommt es zur Bettlägerigkeit. Neben einer verminderten Nahrungsaufnahme aufgrund von Wahrnehmungsund Schluckstörungen führt nicht zuletzt Inkontinenz zu einer Rundum Pflegesituation. Der Erkrankte ist komplett abhängig von anderen. Die Übersiedlung in ein Pflegeheim ist nun oft unumgänglich. Siehe auch gesonderten Vortrag Pflege von Demenzkranken!

2) Vaskuläre Demenz Zweithäufigste Form der Demenz (15 20 %) Gefäßbedingte Gehirnschädigungen Kennzeichen der vaskulären Demenz Meist plötzlicher Beginn und stufenhafter Verlauf Oft zeitlicher Zusammenhang mit einem Schlaganfall Risikofaktoren: Bluthochdruck, Diabetes mellitus Häufig treten Mischformen aus Alzheimer- und vaskulärer Demenz auf (10 20 %) 19 Demenz und Alzheimer Vaskuläre (gefäßbedingte) Demenz Bei einer vaskulären Demenz, mit 15 bis 20 % Prävalenz die zweithäufigste Form, kommt es infolge vom Durchblutungsstörungen des Gehirns zum Absterben von Nervenzellen. In der Regel entsteht durch eine Wandverdickung in kleinen Blutgefäßen zu einer Sauerstoffunterversorgung des Gehirns (Ischämie). Bei schließlich vollständigem Gefäßverschluss ist ein Schlaganfall die Folge, der häufig zur dauerhaften Schädigung des Gehirns führt. Hauptrisikofaktor für vaskuläre Ereignisse ist Bluthochdruck und alle damit verbundenen Aspekte (hoher Cholesterinspiegel, Übergewicht, Bewegungsmangel etc.). Dementsprechend ist durch eine rechtzeitige Behandlung dieser Risikofaktoren prinzipiell eine Vorbeugung der vaskulären Demenz möglich. Aber auch längerfristig entstehende Gefäßschäden, wie z.b. bei Diabetes mellitus, können eine dementielle Symptomatik hervorrufen. Anhand der zugrundliegenden Schädigung des Gehirns lassen sich verschiedene Formen der vaskulären Demenz unterscheiden. Beispiele: Multi-Infarkt-Demenz (viele kleine Schlaganfälle), zerebrale Blutungen, strategische Infarkte (einzelne Infarkte mit weitreichender Auswirkung). Oft treten auch Mischformen von Alzheimer-Krankheit und vaskulärer Demenz auf, vor allem in fortgeschrittenen Stadien: Mit 10 bis 20 % Prävalenz bilden sie die dritthäufigste Demenz-Form. Andererseits ist es wichtig, hinsichtlich Punkten wie Verlauf, Symptomatik usw. zwischen den reinen Formen von Alzheimer und vaskulärer Demenz zu differenzieren. siehe nächste Folie

Vergleich: Alzheimer und vaskuläre Demenz Beginn Alzheimer- Krankheit Schleichend Vaskuläre Demenz Plötzlich Kognition Verlauf Progredient Stufenhaft Gedächtnis Neurologie und Neuropsychiatrie Gangbild Kardiovaskuläre Vorgeschichte Früh, schwer beeinträchtigt Lange stabil, unauffällig Lange normal Keine bzw. unauffällig Leicht beeinträchtigt Verlangsamt, labil Früh gestört Risikofaktoren, Schlaganfall Zeit Alzheimer-Demenz Vaskuläre Demenz 20 Demenz und Alzheimer Differenzierung von Alzheimer- und vaskulärer Demenz Im Gegensatz zur Alzheimer-Krankheit beginnt die vaskuläre Demenz meist plötzlich, oft nach einem Schlaganfall. Hier kommt es also nicht zur Hirnatrophie, sondern zu Infarkten. Der weitere Verlauf ist durch eine stufenhafte Verschlechterung mit weiteren gefäßbedingten Ereignissen charakterisiert. Das heißt, der Blutfluss im Gehirn wird erneut unterbrochen, z.b. durch einen weiteren Schlaganfall, was die Demenzsymptome abrupt verstärkt. Andererseits kann der Zustand des Patienten lange stabil bleiben oder sich gar bessern. Während bei der Demenz vom Alzheimer-Typ die kognitiven Störungen früh auftreten (z.b. Verlust der Merkfähigkeit, Orientierungsprobleme), stehen bei der vaskulären Demenz anfangs eher neurologische und neuropsychiatrische Defizite im Vordergrund (z.b. Verlangsamung, Stimmungsschwankungen). Die Funktion des Gedächtnisses bleibt hier länger erhalten. Wortfindungsstörungen sind nicht durchgehend, sondern v.a. nach Schlaganfällen erkennbar. Körperliche Symptome wie Mobilitätsstörungen im Gangbild oder Harninkontinenz leiten bekannterweise die schwere Phase der Alzheimer-Krankheit ein. Bei der vaskulären Demenz sind sie früher und häufiger zu beobachten. Häufig erkranken Personen, die unter einem unregelmäßigen Herzryhthmus (vor allem Vorhofflimmern) leiden oder deren Blutgefäße verengt sind (Arteriosklerose). Bluthochdruck und Schlaganfall sind typische kardiovaskulären Risikofaktoren für eine gefäßbedingte Demenz. Bei der Alzheimer Demenz spielen diese keine entscheidende Rolle. Daneben sind statistisch betrachtet von Alzheimer mehr Frauen über 70 Jahre betroffen, von vaskulärer Demenz hingegen mehr Männer zwischen 50 und 70 Jahren. Alzheimer-Patienten zeigen oft keine Einsicht und leugnen lange ihre Erkrankungen, während die Betroffenen von vaskulärer Demenz einsichtig sind und daher häufig unter Depressionen leiden.

3) Frontotemporale Demenz (FTD) Abbau von Nervenzellen im Vorderhirnbereich (frontotemporaler Lappen: Stirn, Schläfen) Unterschiedliche Ursachen Kennzeichen der FTD Schleichender Beginn zwischen 50 und 60 Heftige Verhaltensänderungen (z.b. Aggressivität, Maßlosigkeit, Enthemmung) noch vor kognitiven Störungen Oft Verwechslung mit anderen psychischen Erkrankungen Sehr schwierige Pflegesituation 21 Demenz und Alzheimer Frontotemporale Demenz (FTD) ( Stirnhirndemenz ) (Prävalenz: 5 10 %) Bei der FTD findet der fortschreitende Abbau von Nervenzellen zunächst vorwiegend im Stirn- und Schläfenbereich statt (frontotemporaler Lappen). Von hier aus werden u.a. das Sozialverhalten eines Menschen oder seine Emotionen kontrolliert. Daher bezeichnet man die FTD auch als Stirnhirndemenz. Die zugrundeliegenden Ursachen für den Nervenzelltod können ganz unterschiedlich sein, z.b. Hirntumore, Durchblutungsstörungen, Entzündungen. Die FTD tritt früher auf als die Alzheimer-Krankheit, meistens bereits zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr oder noch eher. Ihr Verlauf ist schleichend. Mehrere Studien belegen, dass die FTD statistisch bei Männern doppelt so häufig vorkommt wie bei Frauen. Absolut typisch für eine FTD im Gegensatz zu Alzheimer sind die früh auftretenden psychischen Veränderungen, die die eigene Persönlichkeit des Erkrankten, aber auch seine zwischenmenschlichen Kontakte beeinträchtigen: Es kommt z.b. zu aggressiven Ausbrüchen, Taktlosigkeit, maßlosem Essen oder mangelndem Schamgefühl. Kognitive Symptome wie Gedächtnisstörungen sind zu Beginn dagegen selten und auch lange nicht so stark ausgeprägt wie bei der Alzheimer-Demenz. Aufgrund dieser Symptomatik ist die Abgrenzung von anderen psychischen Störungen, wie z.b. Depression, Schizophrenie oder Manie, oft problematisch. Da die Betroffenen in der Regel kaum Krankheitseinsicht oder Therapiemotivation zeigen, durch ihr Verhalten jedoch schwere Konflikte auslösen, bedeutet ihre Pflege für die Angehörigen eine große Belastung. Oft ist eine stationäre psychiatrische Behandlung unumgänglich. Siehe auch gesonderten Vortrag Pflege von Demenzkranken!

4) Lewy-Körperchen-Demenz (LBD) Spezifische strukturelle Veränderungen im Gehirn (Ablagerung von α-synuclein-körperchen, sog. Lewy-Bodies), ähnlich wie bei der Alzheimer-Krankheit Kennzeichen der LBD Schwankungen der geistigen Leistung Oft detaillreiche optische Halluzinationen Leichte Parkinson-Symptomatik (Zittern der Hände, Stürze unklarer Ursache, steife Gelenke) Unverträglichkeit von Antipsychotika (Neuroleptika) 22 Demenz und Alzheimer Lewy-Körperchen-Demenz (engl. Lewy-Body-Demenz, LBD) (Prävalenz: 10 15 %) Die LBD ähnelt der Alzheimer-Erkrankung sehr stark, deshalb sind sie oft schwer zu unterscheiden. Auf neurobiologischer Ebene kommt es auch hier zu vermehrten Eiweißablagerungen im Gehirn, den sog. α-synuclein-körperchen, und damit zur Beeinträchtigung der geistigen Funktion. Jedoch fluktuiert der Verlauf einer LBD sehr stark, d.h. das Auftreten der Beschwerden und die geistige Leistungsfähigkeit allgemein schwanken von Tag zu Tag enorm. Insgesamt sind die Denkfunktionen, v.a. das Kurzzeitgedächtnis, bei LBD-Patienten jedoch nicht so stark beeinträchtigt wie bei Alzheimer. Für die LBD typisch sind Berichte Betroffener über szenische Halluzinationen, die sie detailliert visualisieren. Infolge einer Fehldiagnose müssen die Patienten daraufhin oft Antipsychotika einnehmen, die die scheinbare Psychose dämpfen sollen (sog. Neuroleptika). Darauf reagieren LBD-Erkrankte allerdings bereits in niedrigen Dosen überempfindlich mit starken motorischen Nebenwirkungen. Ohnehin steht die LBD dem Morbus Parkinson nahe: Die Erkrankten zeigen früh Parkinsonsymptome wie Zittern, steife Gelenke, schleppenden Gang und Stürze. Umgekehrt muss man jedoch festhalten, dass die Parkinson-Erkrankung nicht zwangsläufig mit einer Demenz einhergeht: 60 bis 70 % der Parkinson- Patienten werden nicht dement. Und der restliche Teil ist normalerweise erst nach vielen Jahren von Demenz betroffen, während bei einer LBD kognitive Probleme sehr schnell auftreten. Neben dem klinischen Befund kann man Parkinson und LBD daher auch an der zeitlichen Symptom-Abfolge unterscheiden. Während an der Alzheimer-Krankheit statistisch mehr Frauen erkranken, ist es bei der LBD genau umgekehrt (ca. doppelt so viele Männer wie Frauen).

Sekundäre Demenzformen Entstehen durch außerhalb des Gehirns liegende Erkrankungen oder Schädigungen Meist behandelbar Früherkennung wichtig Ursachen von sekundären Demenzen Vergiftungen: Medikamente, Alkohol Stoffwechselerkrankungen Entzündungen 23 Demenz und Alzheimer Sekundäre Demenzformen Alle Formen der Demenz, deren Ursache nicht primär im Gehirn zu finden sind, werden als sekundäre oder nicht-hirnorganische Demenzformen bezeichnet. Da viele dieser Ursachen grundsätzlich behandelbar sind, ist die Früherkennung bei sekundären Demenzformen von besonderer Bedeutung. Deshalb sollten die Betroffenen statt eines Nervenarztes zunächst ihren Hausarzt oder einen Internisten konsultieren. Medikamentenvergiftungen: - Viele Medikamente können allein, in Kombination oder auch dosisabhängig kognitive Veränderungen im Ausmaß einer Demenz auslösen. Diese bilden sich jedoch meist nach Dosisänderung oder Absetzen des Wirkstoffs wieder zurück. - Beispiele: Schmerzmittel (Analgetika), Schlafmittel (Benzodiazepine), Antidepressiva (v.a. klassische), Antikonvulsiva bei Epilepsien Alkoholdemenzen: - Durch die toxische Wirkung von Alkohol kann es zu kognitiven Störungen kommen. Typische Folgen sind Störungen der Handlungsausführung (Exekutivfunktionen). - Betroffen sind meist jüngere Personen mit einer Suchtvorgeschichte. Stoffwechselerkrankungen: - Beispiele: Schilddrüsenüber- und unterfunktion, Vitamin-B-Mangel, Unterzucker Entzündungen: - Beispiele: Enzephalitis (Gehirnentzündung), Neurosyphilis, Wundinfektionen

Differentialdiagnosen der Demenz Diagnosestellung in 3 Schritten: Demenz Diagnose 1. Symptommuster 2. Identifikation der Demenz-Form 3. Behandlungsplan Schritt 1: Erkennen des typischen Symptommusters Schritt 2: Identifizieren des spezifischen Krankheitsbildes, Ausschluss anderer Erkrankungen (z.b. Depression) Schritt 3: Erfassen von individuellen Problemen und erhaltenen Fähigkeiten 24 Demenz und Alzheimer Differentialdiagnosen der Demenz Die Diagnose einer bestimmten dementiellen Erkrankung lässt sich oft mit einfachen Mitteln und relativ sicher stellen. Der Arzt muss den Patienten sorgfältig untersuchen, um möglicherweise behebbare Ursachen einer Demenz ausschließen, einen individuellen Behandlungsplan aufstellen sowie die Erkrankten und ihre Angehörigen beraten zu können. Diagnosemethoden siehe folgende Folien Erster Schritt in der Diagnostik ist das Erkennen des Demenzsyndroms. Das heißt, typische Symptommuster müssen erfasst und dokumentiert werden. Anschließend versucht der Arzt, spezifische Krankheitsbilder zu identifizieren. Dabei muss zunächst eine sekundäre Demenz ausgeschlossen werden, also alle Formen, die zwar die Symptome einer primären Demenz aufweisen, deren Ursache aber nicht in einer hirnorganischen Störung zu finden ist. Auch muss eine dementielle von anderen psychischen Erkrankungen (z.b. Depressionen, Angststörungen, Delir) unterschieden werden. Diese sog. Differentialdiagnosen sind sehr wichtig, da in der Regel behandelbar ( siehe Folie 21). Im dritten Schritt stellt der Arzt einen Behandlungsplan auf, der die individuellen Probleme des Kranken, aber auch die noch erhaltenen Fähigkeiten miteinbezieht. So entstehen eine angemessene Therapie- und Pflegesituation. Siehe auch gesonderte Vorträge Pflege von Demenzkranken sowie Demenz und Alzheimer Therapiemöglichkeiten! Wichtigste Informationsquelle für solch eine Differentialdiagnose sind aufmerksame Angehörige und Bezugspersonen eines Erkrankten. Denn die Betroffenen selbst bagatellisieren ihre Störungen häufig oder können sie krankheitsbedingt nicht erkennen. Die Sicherheit kann mit speziellen Diagnose-Methoden erhöht werden ( siehe folgende Folien).

Demenz Diagnostik (1) Diagnostik einer Demenz Fremd- und Eigenanamnese Internistische und neurologische Untersuchungen Laboruntersuchungen, Biomarker Psychologische Leistungstests Bildgebung des Gehirns Bildgebung Psychologische Tests Neurologie Anamnese Diagnose Labor 25 Demenz und Alzheimer Demenz-Diagnostik (1) Fremd- und Eigenanamnese: Wie bereits erwähnt ( siehe Folie 22) stellen Angehörige die wichtigste Informationsquelle für die ärztliche Beurteilung von Symptomatik und Schweregrad einer Demenz dar. Mithilfe ihrer Befragung sowie der Einschätzung des Patienten selbst kann die Krankheitsgeschichte (Anamnese) erstellt werden. Internistisch-neurologische Untersuchungen: Der Arzt konzentriert sich auf typische Symptome bestimmter Demenz-Formen. Beispiele: Anosmie (Verlust des Geruchssinns), Myoklonien (Muskelzuckungen), Augenbewegungsstörungen, Gangstörungen, Kopfschmerzen Laboruntersuchungen und Biomarker: Derzeit gibt es keinen Einzeltest zur Untersuchung des Vorliegens einer bestimmten Demenz-Form, v.a. keinen Alzheimer-Test. Blutlabor- und Urinuntersuchung dienen vorwiegend dazu, sekundäre Krankheitsbilder auszuschließen. Bsp.: - Blutbild: Hinweis auf eine Anämie - Kreatinin: Nierenschädigung, Leberenzyme: Leberschädigung - Blutzucker: Diabetes mellitus - TSH: Schilddrüsenerkrankung Die Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) kann einerseits neurologische Krankheitsbilder erkennen, durch den Nachweis bestimmter Eiweißablagerungen (sog. Biomarker) aber auch auf primäre Demenzen hinweisen. Bsp. Alzheimer: - β-amyloid (erniedrigt bei Alzheimer) - Tau-Protein (erhöht bei Alzheimer) ( vergleiche auch Folie 16) Wichtig dabei ist, dass die Biomarker die Diagnose Alzheimer bestärken oder entkräften können. Als alleiniges Diagnose-Kriterium sind sie jedoch nicht geeignet!

Demenz Diagnostik (2) Psychologische Leistungstests: - 3 Arten: auf kognitive Störungen, Alltagskompetenz, psychische Begleitsymptome/Verhaltensstörungen - Verschiedene Skalen und Fragebögen - Wichtig für Kognition: MMST (Mini Mental Status Test) Bildgebende Verfahren: - Nachweis von Gehirnatrophien, Durchblutungsstörungen und Tumoren - Wichtigste Methoden: CCT, MRT, PET, SPECT 26 Demenz und Alzheimer Psychologische Leistungstests: - Um normales Altern von Demenz zu unterscheiden, nutzt man psychometrische Tests. Dabei unterscheidet man Tests, die kognitive Störungen nachweisen, Skalen zur Beurteilung der Alltagskompetenz sowie Instrumente, die psychische Veränderungen und Verhaltensstörungen erfassen. - Es gibt verschiedenste Skalen und Fragebögen, die persönliche Gespräche mit Betroffenen und Angehörigen zwar nicht ersetzen, jedoch als Leitfaden dafür dienen können. Die Tests sind dem jeweiligen Stadium angepasst. - Das wichtigste und am häufigsten eingesetzte Verfahren ist der sog. Mini Mental Status Test (MMST) nach Folstein, der 11 Fragen umfasst und die vier wesentlichen kognitiven Aspekte Orientierung, Aufmerksamkeit, Konzentration und Kurzzeitgedächtnis überprüft. Je nach Einschätzung bekommt der Patient Punkte, wobei Werte unter 25 auf eine kognitive Beeinträchtigung hinweisen. Bedeutsam ist der MMST für die Verlaufsuntersuchung. Bildgebende Verfahren: - Der Schwerpunkt der Bildgebung liegt auf der Funktionsdiagnostik, d.h. die Aktivierung bestimmter Hirnareale zu erkennen. So kann man Atrophien (Gewebeveränderungen), Durchblutungsstörungen oder Blutungen sehen. - Der Nachweis von Strukturveränderungen und gefäßbedingter Störungen im Gehirn ist die Stärke der CCT (kraniale Computer-Tomographie). Ebenfalls wichtig v.a. für die Frühdiagnostik ist die sensitivere MRT (Magnetresonanztomographie). Eine weitere Möglichkeit sind Verfahren wie die PET (Positronen-Emissions-Tomographie) oder die SPECT (Single- Photon-Emmission-Computed-Tomography), mit denen Stoffwechselaktivitäten von Organen und Geweben als dreidimensionales Bild dargestellt werden können. Dabei spritzt man dem Patienten vor der Untersuchung bestimmte radioaktive Substanzen (bei Demenz: Zucker-ähnliche Substanzen).

Warum eine frühzeitige Diagnose? Gründe für eine frühzeitige Demenz-Diagnose Möglicherweise andere, behandelbare Ursache für die Beschwerden Zeit für alle Betroffenen - sich auf Veränderungen einzustellen - Unterstützung und Hilfe anzunehmen - an Entscheidungsprozessen aktiv mitzuwirken Effektivere Therapie bei frühzeitig bekannter Form der Demenzerkrankung verbesserte Lebensqualität 27 Demenz und Alzheimer Warum ist eine frühzeitige Diagnose der Demenz-Erkrankung sinnvoll? Möglicherweise gibt es für die Beschwerden eine andere Ursache als Demenz und es handelt sich um eine heilbare Krankheit, wie z.b. ein Schilddrüsenleiden, Vitamin-Mangel oder eine Medikamentenvergiftung. Je früher dann die richtige Diagnose gestellt wird, umso besser lässt sich die Grunderkrankung therapieren. Eine frühe Diagnose bietet allen Betroffenen die Chance, sich auf die kommenden Veränderungen vorzubereiten. Das bedeutet, sich mit der Diagnose Demenz auseinanderzusetzen und darüber zu informieren. In der Folge gelingt es den Angehörigen oft besser, den Erkrankten zu verstehen und auf sein Verhalten zu reagieren. Die Angehörigen sollten daher den Betroffenen zum Arztbesuch ermutigen. Natürlich spielt die frühe Diagnose auch eine entscheidende Rolle für den Patienten selbst: Viele Menschen reagieren verständnisvoller, wenn sie die Ursache für dessen plötzlich verändertes Verhalten kennen. Damit ist er nicht allein mit seinen Sorgen und kann die angebotene Unterstützung für sich annehmen. Darüber hinaus müssen nach der Diagnose Demenz wichtige Entscheidungen getroffen werden, wie z.b. bezüglich der Betreuungssituation oder juristischer Angelegenheiten. Bei früher Diagnose kann der Patient selbst aktiv mitwirken. Nicht zu vergessen ist die Tatsache, dass es im Hinblick auf die passende Therapie von wesentlicher Bedeutung ist, die jeweilige Form der dementiellen Erkrankung zu kennen. Nur dann kann man effektiv z.b. von Medikamenten profitieren. Siehe auch Vortrag Demenz und Alzheimer Therapiemöglichkeiten!

Den Patienten informieren? Sollen Demenz-Patienten ihre Diagnose erfahren? Umgang mit der Diagnose Demenz für alle Betroffenen schwierig Sensible Vermittlung durch den Arzt und die Angehörigen sinnvoll Der Patient kann sein Recht auf Wissen einfordern oder auch ablehnen 28 Demenz und Alzheimer Sollen Demenz-Patienten ihre Diagnose erfahren? Sowohl für die Angehörigen als auch für den behandelnden Arzt ist es sicher schwierig, dem Patienten die Diagnose Demenz mitzuteilen. Früher argumentierte man damit, das Wissen um die Diagnose würde dem Betroffenen schaden und ihm Hoffnung nehmen. Heute hat man erkannt, dass die Kenntnis über die Erkrankung langfristig keinerlei psychische Schäden beim Patienten anrichtet. Ganz im Gegenteil kann Nichtwissen noch viel schlimmer sein, besonders weil viele Erkrankte ohnehin ahnen, dass etwas nicht mit ihnen stimmt. Im vertrauensvollen Gespräch mit dem Arzt sollte daher geklärt werden, ob und wie viel der Patient von seiner Krankheit erfahren möchte. Auf jeden Fall können eine sensible ärztliche Vermittlung in verständlicher Sprache und die Begleitung durch Angehörige eine wichtige Hilfe für die weitere Lebensplanung sein. Grundsätzlich hat ein Erkrankter als mündiger Mensch den Anspruch darauf, über die Diagnose aufgeklärt zu werden. Er kann dieses Recht auf Wissen aber auch ablehnen.

Folgen von Demenz Für den Patienten Psychische Folgen Körperliche Folgen Soziale Folgen Für Pflegende Für die Angehörigen Angst und Unsicherheit Objektive Überlastung Subjektive Überlastung Für die Gesellschaft Zwiespalt zwischen Beziehungspflege und rechtlichen Anforderungen Oft Überlastung 29 Demenz und Alzheimer Bewusstsein für die Erkrankung Finanzielle Aspekte Welche Folgen kann Demenz haben? Für den Demenz-Patienten: - Psychische Folgen: z.b. Verlust des Gedächtnisses, Depressionen, Apathie, Wahn; oft aber auch zunehmende Unbeschwertheit und Emotionalität - Körperliche Folgen: z.b. Ess- und Schluckstörungen mit Gewichtsabnahme, Austrocknung, erhöhte Thromboseneigung, Verlust praktischer Fähigkeiten - Soziale Folgen: z.b. Vereinsamung, zunehmende Abhängigkeit von anderen Für die Angehörigen: -Die Stärke der Überlastungen, die Angehörige erfahren, wird meist in dieser Folge wiedergegeben: zeitliche, emotionale, familiäre und gesundheitliche. - Unter objektiver Überlastung versteht man z.b. mangelnde Information über Schwere der Demenz und Dauer der Pflegesituation, Bewältigung neuer Rollen (Pflegender-Gepflegter) sowie soziale Nachteile (weniger Freizeit etc.). - Subjektive Überlastung von Angehörigen äußert sich dagegen z.b. im Gefühl, alleine zuständig oder nicht anerkannt zu sein, in Beziehungskrisen oder emotionaler Erschöpfung ausgelöst durch Schuldgefühl, Entscheidungsangst usw. Für berufliche Pflegende: - Auch professionelle Pfleger können von der Situation überlastet sein., z.b. wenn die äußeren Bedingungen nicht stimmen: Es besteht oft ein Konflikt zwischen den eigenen Vorstellungen von einer optimalen Beziehungspflege, denen der Angehörigen sowie der rechtlich geforderten funktionalen Versorgung eines Patienten. siehe Vortrag Pflege von Demenzerkrankungen Für die Gesellschaft: - Mit der zunehmenden Prävalenz steigt auch das gesellschaftliche Bewusstsein für Demenz. Informationen werden verfügbar, neue Therapieansätze erforscht. - Auch stellt die Pflege von Demenz-Erkrankten einen sozialpolitischen Faktor für das Gesundheitssystem dar.