HOLLY MICHELLE ECKERT Der Schuld entwachsen REIHE KOMMUNIKATION Gewaltfreie Kommunikation In sechs Schritten Schuldgefühle bewältigen und das Leben zurückgewinnen Junfermann V e r l a g
14 Der Schuld entwachsen Schritt 4: Nehmen Sie die mit den unerfüllten Bedürfnissen verbundenen Gefühle wahr Welche Gefühle mit den unerfüllten Bedürfnissen verbunden sind, beginnen wir wahrzunehmen, wenn wir einfach die in Schritt 3 erstellte Bedürfnisliste laut lesen. Es ist wichtig, nach dem Lesen jedes Bedürfnisses kurz innezuhalten, um es auf das Bewusstsein wirken zu lassen. Erlauben Sie Ihren Gefühlen, an die Oberfläche zu dringen, während Sie Kontakt mit den unerfüllten Bedürfnissen aufnehmen. Vielleicht fühlen Sie sich noch immer schuldig. Möglicherweise tauchen auch andere Gefühle auf. Ich las Jenny die Liste mit den unerfüllten Bedürfnissen vor. Mit jedem vorgelesenen Wort Fürsorge, Pflege, Verbundenheit und Vertrauen wurde sie ruhiger und horchte noch tiefer in sich hinein. Nachdem ich die gesamte Liste vorgelesen hatte, fragte ich sie, wie sie sich fühle. Ich mache mir Sorgen um meinen Hund, antwortete Jenny und fügte nach einer Pause hinzu: Und ich bin traurig, weil ich weiß, dass er mich braucht. Sie saß mit diesen beiden Gefühlen ein paar Augenblicke lang still da, dann kehrte ihr Unbehagen wieder zurück und sie sagte: Und ich fühle mich immer noch SCHULDIG!! Verweilen Sie bei diesen Gefühlen so lange wie nötig, um sie voll und ganz zu erleben. Das kann eine Minute oder auch zwanzig Minuten dauern. Wenn Sie mehrere Centering Buddies haben, legen Sie das herzförmige Säcken auf Ihr Herz und spüren Sie sein Gewicht auf Ihrer Brust. Sollten Sie anfangen zu weinen, lassen Sie die Tränen fließen. Es ist wichtig, die hochkommenden Gefühle auch tatsächlich zu spüren. Wird das Durchlaufen des Prozesses zu einer rein mentalen Übung, werden Sie die eigentlichen Veränderungen, die Sie von Ihrer Schuld befreien, wohl kaum erleben. Der Zweck von Schritt 4 ist der, zu trauern das Bedauern und die Traurigkeit zu spüren, die Sie bereits in sich tragen (die vielleicht jedoch von Ihren Schuldgefühlen zugedeckt wurden). Mit diesem Schritt bringen Sie sich selbst in die Gegenwart, indem Sie die unterdrückten ungefühlten Emotionen der Vergangenheit an die Oberfläche kommen lassen. Die Konzentration auf die Bedürfnisse (Schritt 3) statt auf die Urteile (Schritt 2) führt Sie normalerweise weg von den Schuldgefühlen und hin zu Gefühlen der Traurigkeit oder Angst oder auch beidem. Sollten Ihre Schuldgefühle zu diesem Zeitpunkt jedoch immer noch überwiegen, ist das völlig in Ordnung. Sie haben noch mehrere Schritte vor sich, während derer die Schuldgefühle umgewandelt werden können.
Einleitung: Sechs Schritte zur Freiheit 15 Schritt 5: Erkennen Sie die positiven Beweggründe Schritt 5 ist der Zeitpunkt, um zu prüfen, welche möglichen positiven Beweggründe Ihre Entscheidung beeinflusst haben. Der GFK-Philosophie zufolge liegt jedem Handeln ein positives Bedürfnis zugrunde. Mit anderen Worten: Was immer die Menschen sagen oder tun, sie versuchen, ein Bedürfnis zu erfüllen. Selbst wenn der bewusste Beweggrund eines Menschen darin besteht, einen anderen Menschen zu verletzen, wird man immer auf einen positiven Beweggrund treffen, wenn man in tiefere Ebenen vordringt. Nehmen wir z. B. eine Ehefrau, die ihrem Mann das Auto mit einem so leeren Tank übergibt, dass die Tankanzeige schon auf Reserve steht, damit ihr Mann weiß, wie sehr sie leidet, wenn er ihr dasselbe antut. Selbst wenn ihr bewusster Beweggrund Rache ist, müssen wir ihr nur die Frage stellen: Wenn Sie Ihre Rache gehabt haben, welches Bedürfnis wird dann erfüllt sein? Ihre Antwort könnte so lauten: Dann weiß er, welche Auswirkungen sein Handeln für mich hat, und damit ihre Bedürfnisse nach Empathie und Verständnis verraten. Schritt 5 führt Sie zu der Erkenntnis, dass Ihre Beweggründe rein waren und dass es einige sehr gute Gründe für Ihre Entscheidung gab (selbst wenn dies letztlich zur Folge hatte, dass einige Ihrer eigenen Bedürfnisse oder der Bedürfnisse anderer nicht erfüllt wurden). Dies ebnet den Weg für Selbstvergebung. Wenn Sie Probleme haben, Ihre positiven Beweggründe zu erkennen, sehen Sie sich noch einmal die Bedürfnisliste an. Es ist oft aufschlussreich, die bei Schritt 3 gefundenen (unerfüllten) Bedürfnisse mit den bei Schritt 5 gefundenen Bedürfnissen zu vergleichen (den positiven Beweggründen). Beachten Sie, dass Jenny auf dem Arbeitsblatt am Ende dieses Kapitels unter beiden Schritten Verbundenheit aufführt. Das zeigt, dass Verbundenheit für sie zu den größten Prioritäten in dieser Situation gehört (siehe auch Kapitel 9, Zur Unabhängigkeit finden ). Jenny war beunruhigt, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt noch immer schuldig fühlte, aber ich bat sie, sich erneut auf den Prozess zu fokussieren und nachzuempfinden, warum sie zu diesem Seminar gekommen ist. Sie sagte, sie hoffe auf eine bessere Verbundenheit mit ihrer Familie und ein Gefühl der Harmonie. Beweggründe waren auch der Wunsch nach mehr Freiheit und Integrität sowie das Bedürfnis, authentisch zu leben. Die Erkenntnis ihrer positiven Beweggründe Verbundenheit, Harmonie, Freiheit, Integrität und Authentizität bewirkte ein gewisses Gefühl der Erleichterung, löste die Schuldgefühle aber nicht vollständig auf.
16 Der Schuld entwachsen Schritt 6: Überprüfen Sie Ihre Fortschritte und formulieren Sie eine Bitte Schritt 6 ist die Zeit des Überprüfens und Handelns. Hier erfahren wir, ob wir uns von unseren Schuldgefühlen befreit haben. Ist dies der Fall, können wir von einem Ort der Klarheit aus handeln. Die Überprüfung besteht aus den vier Komponenten des Modells der Gewaltfreien Kommunikation. 3 l Beobachtungen: Beobachten Sie das Verhalten, das die Schuldgefühle ausgelöst hat. Der Prozess, unserer Schuld zu entwachsen, beginnt damit, dass wir uns daran erinnern, was geschehen ist. Zum Beispiel: Ich erinnere mich, dass ich die Tür abgeschlossen habe, selbst nachdem mein Sohn mir sagte, er könne den Schlüssel nicht finden, oder: Ich erinnere mich, dass ich Mary gesagt habe, ich glaubte nicht, dass sie für den Job geeignet sei. l Gefühle: Sprechen Sie aus, wie Sie sich in diesem Moment bei der Erinnerung an Ihr Verhalten fühlen. Zum Beispiel: Ich bin traurig und mutlos, oder: Ich fühle mich noch immer schuldig. In manchen Fällen werden Sie sich bereits von Ihren Schuldgefühlen befreit haben und vielleicht sagen: Ich fühle mich ruhig und zufrieden. l Bedürfnisse: Nehmen Sie wahr, welches Bedürfnis / welche Bedürfnisse hinter diesen gerade ausgesprochenen Gefühlen steht / stehen. Zum Beispiel: Ich bin traurig, weil ich mir mein Bedürfnis, zur Bereicherung des Lebens beizutragen, nicht erfüllt habe, oder: Ich bin zufrieden, weil ich mir meine Bedürfnisse nach Authentizität und Integrität erfüllt habe. Handelt es sich um ein Gefühl der Traurigkeit, des Ärgers, der Angst oder Schuld, werden Sie ein unerfülltes Bedürfnis aussprechen. Fühlen Sie sich erleichtert, zufrieden oder froh, identifizieren Sie ein erfülltes Bedürfnis. l Bitten: Formulieren Sie, worum Sie sich selbst im Zusammenhang mit dieser Situation bitten möchten. Bei dieser Bitte sollte es sich um eine konkrete Handlung (z. B. kleb eine Notiz an den Badezimmerspiegel und die Haustür ) im Gegensatz zu einem allgemeinen Ziel handeln (z. B. gib dir mehr Mühe, an bestimmte Sachen zu denken ). Jenny begann mit ihrer Überprüfung: Wenn ich zum Seminar komme und weiß, dass mein Hund zu Hause auf sein Futter wartet, fühle ich mich schuldig, weil mein Handeln dazu geführt hat, dass meine Bedürfnisse nach Verantwortlichkeit und Fürsorge nicht erfüllt wurden. Sehen Sie, ich fühle mich immer noch schuldig! 3 Zu einer eingehenderen Beschäftigung mit dem Modell der Gewaltfreien Kommunikation siehe: Marshall B. Rosenberg, Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Paderborn 2010.
Einleitung: Sechs Schritte zur Freiheit 17 Ja, das tun Sie, antwortete ich, und ich bin froh, dass Sie dies ehrlich äußern. Schritt 6 beinhaltet jedoch noch einen weiteren Aspekt: Was könnten Sie unternehmen, um sich Ihre Bedürfnisse nach Verantwortlichkeit und Fürsorge besser zu erfüllen? Jenny schaute verblüfft drein und verfiel wieder in Schweigen. Nach wenigen Augenblicken breitete sich auf ihrem Gesicht ein Strahlen aus: Wenn ich das nächste Mal abends ausgehe, könnte ich meine Nachbarin bitten, den Hund zu füttern!, sagte sie. Diesen Vorschlag hätte ihr natürlich jeder der Seminarteilnehmer von Anfang an machen können. Jenny selbst konnte die Lösung nicht sehen, weil sie in ihren Urteilen und ihren Schuldgefühlen gefangen war. Indem sie sich durch den Prozess der Befreiung von Schuldgefühlen durchgearbeitet hatte, war sie zu einem tieferen Verständnis der Situation gelangt und konnte dann eine selbstbestimmte Bitte an sich selbst formulieren. Wie steht es jetzt um Ihre Schuldgefühle?, fragte ich. Jenny schwieg einen Moment lang und horchte noch einmal in sich hinein. Dann grinste sie von einem Ohr zum anderen und sagte: Wissen Sie was? Sie sind völlig verschwunden! Nach diesen sechs Schritten werden Sie sich in der Regel leichter und freier fühlen und Ihre Mitte gefunden haben. Sollten Sie sich auch nach Schritt 6 noch immer schuldig fühlen, kehren Sie zurück zu Schritt 2 und wählen Sie eine andere der schriftlich festgehaltenen Sollaussagen aus oder überlegen Sie sich weitere. Wiederholen Sie dann Schritt 3 bis 6 mit der neuen Sollaussage, bis Sie die Erleichterung und Freiheit spüren, die mit der Befreiung von Schuldgefühlen einhergehen.
18 Der Schuld entwachsen Arbeitsblatt: Sechs Schritte zur Freiheit Weshalb fühlen Sie sich schuldig? Weil ich meinen Hund hungrig allein zu Hause gelassen habe. Was sollten Sie Ihrer Meinung nach tun oder nicht tun? Ich sollte meinen Hund nicht hungern lassen. Ich sollte nicht so egoistisch sein. Ich hätte nicht zum Seminar kommen sollen. Ich sollte eine verantwortungsvolle Hundebesitzerin sein. 4 Welche Bedürfnisse werden durch Ihre Entscheidung nicht erfüllt? Interdependenz Fürsorge Pflege Verbundenheit Vertrauen Verantwortlichkeit Integrität Nahrung innerer Frieden Fokussierung Wie fühlen Sie sich, wenn Sie diese unerfüllten Bedürfnisse wahrnehmen? besorgt traurig schuldig 4 Diese Aussage machte der Teilnehmerin am meisten zu schaffen oder berührte sie am meisten.