SharedDecision Making & Risikokommunikation

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Transkript:

SharedDecision Making & Risikokommunikation Implementierung in der ärztlichen Praxis Matthias Lenz - Universität Hamburg

1. SharedDecisionMaking 2. Risikokommunikation 2

Frau Weber hat Typ2 Diabetes 3

Nicht rauchen Vitamine Statine Körperliche Aktivität Blutdruckmedikamente Körpergewicht! HbA1c! Diät! 4

Decision making Paternalistic Meinung, Empfehlung EBPI* Informed EBPI* Shared Präferenzen, Position * EBPI = evidenzbasierte Patienteninformationen 5

Evidenzbasierte Patienteninformationen Behandler/ Berater Natürlicher Verlauf Verfügbare Optionen Möglichkeit nicht zu intervenieren Aufwand für eine Intervention Relevante Ergebnis-parameter (Outcome) Wahrscheinlichkeiten für Erfolg, Misserfolg und Schaden Mögliche Falsch-positive und Falschnegative Ergebnisse (Diagnose/Prognose) Fehlende Evidenz Patient 6

Patienteneinbeziehung Die Ärztin/der Arzt bzw. die Beraterin/der Berater 1. lenkt die Aufmerksamkeit auf ein erkanntes Problem, das einen Entscheidungsfindungsprozess erfordert. 2. stellt fest, dass es mehr als eine Möglichkeit gibt, mit dem Problem umzugehen = equipoise und 3. benennt die möglichen Optionen, einschließlich keine Maßnahme zu ergreifen. 4. erklärt dem Patienten Nutzen / Schaden der Optionen 5. exploriert die Erwartungen, Vorstellungen, Sorgen und Ängste des Patienten. 6. prüft, ob der Patient die Informationen verstanden hat. 7. bietet dem Patienten explizit Möglichkeiten an, Fragen zu stellen. 8. bringt das vom Patienten gewünschte Ausmaß an Beteiligung in Erfahrung. 9. initiiert die gemeinsame Entscheidung * Extrahiert u.a. aus OPTION-Skala - observing patient involvement(elwyn 2005) 7

Kostet das alles nicht zu viel Zeit und Aufwand? 8

1. SharedDecisionMaking 2. Risikokommunikation 9

Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale Versorgungsleitlinie Therapie des Typ-2-Diabetes Langfassung, 1. Auflage. Version 3. 2013, zuletzt geändert: April 2014. http://www.versorgungsleitlinien.de/themen/diabetes2/dm2_therapie 10

1. SharedDecisionMaking 2. Risikokommunikation Risiko & Unsicherheit Tools zur Visualisierung 11

Sie haben ein Zehnjahresrisiko für Herzinfarkt von 20% Was bedeutet das für mich? Von 1000 Menschen mit den gleichen Risikofaktoren wie bei Ihnen, erleiden 200 innerhalb der nächsten 10 Jahre wahrscheinlich einen Herzinfarkt. 12

Sie haben ein Zehnjahresrisiko für Herzinfarkt von 20% Was bedeutet das für mich? Von 1000 Menschen mit den gleichen Risikofaktoren wie bei Ihnen, haben200 innerhalb von 10 Jahren einen Herzinfarkt erlitten. Risikoprognosen basieren auf Studienbeobachtungen. Keiner kann in die Zukunft schauen. Übrigens haben 800 keinen Infarkt erlitten... 13

Eine Vergleichsstudie 1000 Patienten Präventive Medikation 1000 Patienten Placebo (Kontrollgruppe) 25% Risikoreduktion am Herzinfarkt zu versterben. Wie viele haben einen Nutzen von der Prävention? 14

25% Risikoreduktion am Herzinfarkt zu versterben a) 50weniger sterben b) 100 weniger sterben c) 200weniger sterben Placebo 200 400 800 Prävention 150 300 600 Differenz 50 100 200 Relative Risikoreduktion 50/200 = 0.25 25 % 100/400 = 0.25 25 % 200/800 = 0.25 25 % Absolute Risikoreduktion 2,5% 5% 10% 15

Wie sicher können wir uns über die Zukunft sein? Risiko/ Wahrscheinlichkeit 0% 50% 100% 50:50 Sicherheit 100% 0% 100% Unsicherheit Limitiertes Wissen 16

Frau Weber Ich bin 55 Jahre alt, habe hohe Cholesterinwerte und Bluthochdruck. Ich rauche mehr als 4 Zigaretten pro Tag. Risikoschätzung: ARRIBA? PROCAM? 17

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Mein Infarktrisiko liegt also bei etwa 23%. Was bedeutet die Prognose für mich? Ärztin Ihre Prognose ist aus Daten abgeleitet, die auf Studienbeobachtungen an Gruppen von Menschen beruhen. Ihre persönliche Zukunft bleibt ungewiss. Stellen Sie sich 100 Frauen mit Ihren Risikofaktoren vor. 23 von denen hatten in der Beobachtungsstudie innerhalb von10 Jahren einen Infarkt. Niemand kann Ihnen aber sagen, ob Sie eher zu den den 23 gehören oder zu den 77, die keinen Infarkt erlitten haben. 20

1. SharedDecisionMaking 2. Risikokommunikation Risiko & Unsicherheit Tools zur Visualisierung 21

Tools Visualisierung von 1. Größen / Zahlen 2. Proportionen 3. Wahrscheinlichkeitsverteilungen 4. Perspektiven 5. Unsicherheiten 22

Balkendiagramme 10 yearheartrisk 100 90 80 70 % 60 50 40 30 20 10 0 Placebo Statin 23

Data framing 10 Jahres-Risiko 10 Jahres-Risiko 12 100 % 11 10 9 8 7 6 % 90 80 70 60 50 5 4 3 2 1 0 Placebo Statin 40 30 20 10 0 Placebo Statin 24

Tortendiagramme 10 yearheartrisk Placebo Statin 25

www.npc.nhs.uk Paling J et al. BMJ 2003 26

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Tools Vermittlung und Visualisierung von 1. Größen, Zahlen 2. Proportionen 3. Wahrscheinlichkeitsverteilungen 4. Perspektiven 5. Unsicherheiten 28

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1. SharedDecisionMaking 2. Risikokommunikation Risiko & Unsicherheit Tools zur Visualisierung Ein Praxisbeispiel 31