Invalidität in der Schweiz Einflussfaktoren und zukünftige Entwicklung

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1 Präsentation der Invaliditätsstudie der PKRück in Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen Invalidität in der Schweiz Einflussfaktoren und zukünftige Entwicklung Zürich, 16. Januar 2014

2 Agenda 1. Einleitung Dr. Hanspeter Tobler 2. Rechtliche Grundlagen zur Invalidität Prof. Dr. Ueli Kieser 3. Risiko Invalidität für die 2. Säule Dr. Hanspeter Tobler 4. Zukünftige Entwicklung und Einflussfaktoren Prof. Dr. Hato Schmeiser Seite 2

3 Referenten Prof. Dr. Ueli Kieser Direktor des Instituts für Rechtswissenschaft und Rechtspraxis an der Uni St. Gallen und Lehrbeauftragter an der Universität Bern Prof. Dr. Hato Schmeiser Geschäftsführender Direktor des Instituts für Versicherungswirtschaft an der Uni St. Gallen Lehrstuhl für Risikomanagement und Versicherungswirtschaft Dr. Hanspeter Tobler CEO der PKRück AG und Präsident der Schweizerischen Aktuarvereinigung Seite 3

4 Die Gesellschaftsidee der PKRück Umfeld während der Gründung (2004) der Gesellschaft: Stark steigende IV-Neurentenzahl Kontinuierliche Prämienerhöhungen für die Vorsorgeeinrichtungen Massiver Anstieg des administrativen Aufwands Idee: Schaffung eines Versicherungspools für Risikoleistungen, der Pensionskassen und Sammelstiftungen offen steht Versicherung der Risikoleistungen zu risikogerechten Prämien und partnerschaftlichen Konditionen Aufbau eines Kompetenzzentrums für Invaliditätsfälle Konzentration auf das Invaliditätsrisiko von Pensionskassen Seite 4

5 PKRück ist stark engagiert in der Versicherung, Prävention und Vermeidung von Invaliditätsfällen proaktiv reaktiv aktiv Leistungsfall verhindern Prävention Leistungsfall verwalten Rentenverwaltung Leistungsfall verhindern Reintegration durch Case Management Seite 5

6 Entwicklung Anzahl IV-Neurenten in der Schweiz Anzahl der krankheitsbedingten Invaliditäts-Neuberentungen, 2000 bis '000 23'000 21'000 19'000 17'000 15'000 13'000 11'000 9'000 7'000 5' Quelle: IV-Statistik 2012 Seite 6

7 Studie zur Invalidität: Motivation, Ziel, Methode Sicherstellung eines vertieften Verständnisses des Invaliditätsrisikos, der Ermittlung der Gründe der historischen Entwicklung zwecks Erlangung der Fähigkeit zu prospektiven Einschätzungen Durchgeführt mit dem Institut für Versicherungswirtschaft und dem Institut für Rechtswissenschaft und Rechtspraxis der Universität St. Gallen Zentraler Anspruch der Studie ist die Risikoanalyse für das Invaliditätsrisiko der 2. Säule. Methode: Analyse der wichtigsten Treiber für das Invaliditätsrisiko; Blick in den Rückspiegel durch retrospektive Datenanalyse und zukunftsgerichtete Expertenbefragungen Seite 7

8 Dank Allen die bereit waren, mit der Bereitstellung von Daten die Studie zu unterstützen: Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) Bundesamt für Statistik (BFS) Grosse Vorsorgeeinrichtungen und Lebensversicherer Sponsoren: Seite 8

9 Agenda 1. Einleitung Dr. Hanspeter Tobler 2. Rechtliche Grundlagen zur Invalidität Prof. Dr. Ueli Kieser 3. Risiko Invalidität für die 2. Säule Dr. Hanspeter Tobler 4. Zukünftige Entwicklung und Einflussfaktoren Prof. Dr. Hato Schmeiser Seite 9

10 Rechtliche Grundlagen Was sind die Themen? Definition von Invalidität/Risiko Invalidität Invaliditätsrisiko in den Sozialversicherungen, insbesondere in der beruflichen Vorsorge Invalidität: Besonderheiten in Rechtsetzung und Rechtsprechung Seite 10

11 Was ist Invalidität und welches sind Auswirkungen im Versicherungsrecht? Invalidität drei Elemente: Anerkannte gesundheitliche Einbusse: Umstritten: unklare Beschwerdebilder (Schmerzstörung etc.) Ausgeschlossen: Burn-out (gilt nicht als gesundheitliche Einbusse) Auswirkung der Einbusse auf Fähigkeit, Einkommen zu erzielen: Abgrenzen gegenüber psychosozialen und soziokulturellen Einflüssen (Beispiel: Überlastung durch Pflege von Angehörigen), welche ebenfalls Einkommensverluste bewirken können Invaliditätsgrad durch Vergleich des Valideneinkommens mit dem Invalideneinkommen. Beispiel: - Valideneinkommen: CHF 100'000 - Invalideneinkommen: CHF 30'000 Seite 11

12 Invalidenrenten das schweizerische System Invalidenrenten sind in mehreren Versicherungssystemen vorgesehen: IV, Unfallversicherung, berufliche Vorsorge, Militärversicherung Invalidenrenten können von mehreren Systemen gleichzeitig bezogen werden. Beispiel: Verkehrsunfall mit Invalidität führt bei Angestellten zu Rentenansprüchen gegenüber IV, Unfallversicherung und Pensionskasse. Problem der Koordination und der Überentschädigung Problem: Wer bestimmt Invalidität? Seite 12

13 Invalidität in der beruflichen Vorsorge die zentralen Punkte Unterscheidung zwischen Obligatorium (gesetzlich geregelt; BVG) und Überobligatorium (Reglement) Versichertenkreis: Unselbstständigerwerbende; obligatorisch versichert für Löhne zwischen CHF 21'060 und CHF 84'240 (Grenzwerte 2013; 2012: CHF 20'880 und CHF 83'520); überobligatorisch nach Reglement Abgrenzung und Abhängigkeit von der 1. Säule: Bindung der Pensionskasse im Obligatorium an IV-Rentenentscheid; Freiheit im Überobligatorium Seite 13

14 Rechtsetzung und Rechtsprechung was ist der Stellenwert aus der Sicht der beruflichen Vorsorge? Berufliche Vorsorge als Stiefkind, als fünftes Rad am Wagen Einbezug der beruflichen Vorsorge in Rechtsetzung zuweilen ungenügend Rechtsprechung: Zuweilen Kenntnis der beruflichen Vorsorge bei Gerichten knapp oder ungenügend Seite 14

15 Rechtsetzung wann beschäftigt sie sich mit Invaliditäten? Invalidität als Thema in der Rechtsetzung nicht besonders zentral; Risiko Alter im Vordergrund (Stichwort: Altersvorsorge 2020) Rechtsetzung oft nur reaktiv Antwort auf bereits eingetretene Entwicklungen (z. B. deutliche Zunahme der Renten wegen psychischen Gesundheitsbeeinträchtigungen) oder auf Entwicklungen in der Rechtsprechung (z. B. lebenslängliche Invalidenrente) Wenn Entwicklungen in der Rechtsetzung, dann nicht mit Fokus auf berufliche Vorsorge (Beispiel: 1. UVG-Revision berufliche Vorsorge ging «vergessen») Ergebnis: Gesetzliche Definition nur knapp Gestaltungsraum im Reglement und in der Rechtsanwendung Seite 15

16 Aktuelles Beispiel Invaliditäten bei unklaren Beschwerdebildern Früher: Bei unklaren Beschwerdebildern (Schmerzstörung, chronic fatigue syndrome, HWS-Distorsion) entstand Anspruch auf Invalidenrenten der IV und der beruflichen Vorsorge Korrektur durch Rechtsprechung: Bei unklaren Beschwerdebildern wird vermutet, dass die gesundheitlichen Einschränkungen überwindbar sind Auswirkung: Deutlicher Rückgang bei der Neuzusprache von IV-Renten = Rückgang der Renten in der beruflichen Vorsorge Was bringt die zukünftige Rechtsprechung zu den unklaren Beschwerdebildern? Seite 16

17 Invalidität wer legt sie fest? Ausgangspunkt: Bindung der Pensionskassen an IV-Entscheid Vorteil oder Nachteil? Vorteil: Kein eigener Abklärungsaufwand der Pensionskassen. Nachteil: Kaum Einflussmöglichkeiten auf Festlegung der Invalidität Bindungswirkung gilt nur im Obligatorium, wird aber von den Pensionskassen praktisch regelmässig auch für das Überobligatorium hingenommen Im Überobligatorium würde ein erheblicher Gestaltungsraum der Pensionskassen bestehen: Case Management Eingliederungsangebote Brückenangebote Seite 17

18 Einige Feststellungen Rechtssetzung: Zwingende Mitberücksichtigung der beruflichen Vorsorge in der Rechtsetzung: Pensionskassen sollen mit ihrer Fachkenntnis aktiv einwirken auf Rechtsetzung; Parlament muss sich bei allen Entscheiden zur Invalidität bewusst machen, welches die Auswirkungen auf die berufliche Vorsorge sind Rechtsprechung: Regelmässig wird über Invaliditäten nur im Bereich der IV entschieden. Gerichte müssen sich bewusst machen, dass in aller Regel auch die berufliche Vorsorge betroffen ist Seite 18

19 Agenda 1. Einleitung Dr. Hanspeter Tobler 2. Rechtliche Grundlagen zur Invalidität Prof. Dr. Ueli Kieser 3. Risiko Invalidität für die 2. Säule Dr. Hanspeter Tobler 4. Zukünftige Entwicklung und Einflussfaktoren Prof. Dr. Hato Schmeiser Seite 19

20 Risikoanalyse Invalidität für die 2. Säule Die Tatsache, dass mit der 1. und 2. Säule zwei Finanzierungsparteien bestehen, aber faktisch nur eine, die 1. Säule, bestimmt, hat weitreichende, insbesondere finanzielle, Konsequenzen für die 2. Säule. Für die 2. Säule, bei welcher die Höhe der Leistungen stärker lohnabhängig festgelegt wird, stellt sich insbesondere die Frage, ob die allgemeine Entwicklung in der 1. Säule auch Rückschlüsse auf die finanziellen Leistungen der Vorsorgeeinrichtungen gibt. Die Studie beabsichtigte auch eine Risikoanalyse für das Invaliditätsrisiko der 2. Säule. Eine Grundannahme war dabei, dass die Versicherer/ Vorsorgeeinrichtungen der 2. Säule aufgrund des versicherten Personenkreises, des unterschiedlichen Risikos und der konkreten rechtlichen Rahmenbedingungen abweichende Handlungsoptionen im Vergleich zu denen der IV-Stellen zur Verfügung haben. Seite 20

21 Studienmethodik Besonderheiten des Invaliditätsrisikos für die 2. Säule Statistische Auswertung von historischen Daten Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) Bundesamt für Statistik (BFS) Daten der PKRück AG 160'000 Versicherte Daten von weiteren Schweizer Lebensversicherungen Daten von grösseren Schweizer Vorsorgeeinrichtungen Pensionskassengrundlagen (BVG 2010) Seite 21

22 Entwicklung Anzahl IV-Neurenten in der Schweiz Anzahl der krankheitsbedingten Invaliditäts-Neuberentungen, 2000 bis '000 23'000 21'000 19'000 17'000 15'000 13'000 11'000 9'000 7'000 5' Quelle: IV-Statistik 2012 Seite 22

23 Invalidität Krankheitsbilder verändern sich % 27% 34% 34% 20% 45% 21% 49% 31% 31% 8% 8% 26% 9% 17% 13% Psychische Krankheiten Nervensystem Knochen und Bewegungsorgane Andere Krankheiten Quelle: IV-Statistik 2012 Seite 23

24 Vergleich Versichertenzahlen 1. Säule vs. 2. Säule Anzahl der 2012 in der Schweiz für das Invaliditätsrisiko in der 1. und in der 2. Säule versicherten Personen, Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (SAKE) des BFS 8'000' Mio. 7'000' Mio. 6'000'000 5'000'000 4'000' Mio Mio. In der 2. Säule versicherte Personen mit Einkommen > CHF In der 2. Säule versicherte Personen mit Einkommen CHF bis CHF '000'000 2'000'000 1'000' Mio. 4.6 Mio. 2.3 Mio. 1. Säule 2. Säule Nichterwerbspersonen Erwerbspersonen, die nicht in der Schweiz leben: Grenzgänger und weitere Erwerbspersonen, die in der Schweiz leben inkl. Selbständigerwerbende Seite 24

25 Einkommensverteilung nach BVG-Grenzwerten Verteilung Bruttoeinkommen 2012 nach BVG-Grenzwerten Finanzielles Risiko 2. Säule > 1. Säule 56% Überobligatorisch = 33% 23% 11% 10% Einkommen < BVG min. BVG min. < Einkommen < BVG max. BVG max. < Einkommen < CHF Einkommen > CHF CHF Kumulierter Anteil der Arbeitnehmenden Seite 25

26 Entwicklung der Anzahl Arbeitnehmenden in der 2. Säule Anzahl Arbeitnehmende (in 1 000), Einkommen 2003 bis 2012 nach BVG Grenzwerten (Hochrechnung aus SAKE Mikrodaten) 3'500 3'000 2'500 2'000 1'500 1' Einkommen>CHF 130'000 BVG max<einkommen<chf 130'000 BVG min< Einkommen<BVG max Einkommen<BVG min Keine Angabe Seite 26

27 Entwicklung IV-Neurenten in Abhängigkeit vom Einkommen Entwicklung der IV-Neurenten 2003 bis 2012, indexiert 2003 = CHF pro Jahr oder mehr Von CHF bis CHF pro Jahr Von CHF bis CHF pro Jahr Bis CHF pro Jahr Quelle: IV-Statistik 2012 Seite 27

28 Invalidität Neurentenquote ist stark abhängig vom Alter im BVG-Obligatorium Neurentenquoten in Abhängigkeit von Altersgruppen im Einkommensbereich des BVG-Obligatoriums, % 0.062% 0.225% 0.510% 0.988% Datenbasis: Mikrodaten der IV-Statistik des BSV sowie der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) des BFS für das Jahr 2012 Alter Alter Alter Alter Alter Ab einem Alter von 30 Jahren verdoppelt sich die Invalidisierungswahrscheinlichkeit im BVG-Obligatorium in etwa von einer Altersgruppe zur nächsten. Im Überobligatorium ist die Wahrscheinlichkeit zwar geringer, sie erhöht sich aber von der dritten bis zur letzten Gruppe um den Faktor 12 bzw. 13. Seite 28

29 Fazit Wesentliche Implikationen für die 2. Säule Die vermehrt psychischen Krankheitsbilder bedürfen einer neuen Herangehensweise durch die Pensionskassen. Die Invalidenrente aus der 2. Säule ist bereits bei Einkommen über CHF 78'400 höher als die Rente aus der 1. Säule. Grösster Zuwachs an Arbeitnehmenden im Lohnsegment (> CHF 130'000 p.a.) in den letzten Jahren. Hier ist die Abnahme der Neuberentungen am wenigsten ausgeprägt. Invalidisierungswahrscheinlichkeit stark altersabhängig Vorsorgeeinrichtungen haben das grösste Interesse, dem Invaliditätsrisiko in Zusammenarbeit mit ihren Kunden, den Arbeitgebern, aktiv begegnen. Vorsorgeeinrichtungen wären gut beraten, sich im politischen Meinungsbildungsprozess verstärkt einzubringen. Seite 29

30 Agenda 1. Einleitung Dr. Hanspeter Tobler 2. Rechtliche Grundlagen zur Invalidität Prof. Dr. Ueli Kieser 3. Risiko Invalidität für die 2. Säule Dr. Hanspeter Tobler 4. Zukünftige Entwicklung und Einflussfaktoren Prof. Dr. Hato Schmeiser Seite 30

31 Prospektive Einschätzung der Invaliditätsentwicklung Kernelement der Studie: Prospektive Einschätzung der Invaliditätsentwicklung mittels der Identifikation und Analyse der zukünftig massgeblich relevanten Einflussfaktoren Seite 31

32 Studienmethodik Standardisierte Befragung eines Fachgremiums 422 Fachpersonen aus Wissenschaft und Praxis gaben im Rahmen einer umfassenden standardisierten Befragung ihre Einschätzung und Beurteilung ab: Beurteilung zu den Gründen für die historische Entwicklung Beurteilung der allgemeinen zukünftigen Entwicklung Beurteilung der zukünftig relevanten Einflussfaktoren Seite 32

33 Studienteilnehmer Herkunft der Teilnehmer Perspektive der Teilnehmer Position der Teilnehmer 15% 28% 20% 41% 85% 6% 14% 52% 39% Deutschsprachige Schweiz Französischsprachige Schweiz Pensionskasse / Sammelstiftung Obligatorische IV Lebensversicherer Andere Kaderfunktion Geschäftsleitung Mitarbeiter Seite 33

34 Gründe für die aktuelle Invaliditätsentwicklung Restriktivere Praxis bei Neuberentung? stimme voll und ganz zu 76% stimme teilweise zu 22% stimme gar nicht zu 2% Einführung geregelter einheitlicher ärztlicher Beurteilungen mit der 4. IV-Revision? stimme voll und ganz zu 30% stimme teilweise zu 64% stimme gar nicht zu 6% Erfolg von Wiedereingliederung? stimme voll und ganz zu 29% stimme teilweise zu 60% stimme gar nicht zu 11% Weniger Anmeldungen für Gesuche? stimme voll und ganz zu 4% stimme teilweise zu 47% stimme gar nicht zu 49% Seite 34

35 Prognostizierte Entwicklung der IV-Neurenten in den kommenden fünf Jahren 33% 41% 24% 1% 1% Starke Senkung: unter Leichte Senkung: zwischen und Stabilisierung um etwa Leichte Steigung: zwischen und Starke Steigung: mehr als Seite 35

36 Zukünftig relevante Einflussfaktoren Beurteilung der zukünftig relevanten Einflussfaktoren des Invaliditätsrisikos und Einschätzung über deren Entwicklung Wirtschaftliche und gesellschaftliche Faktoren berufliche und betriebliche Faktoren Rechtsetzung und Rechtsprechung medizinische Faktoren sowie Wiedereingliederung und Case Management. Seite 36

37 Wirtschaftlich und gesellschaftliche Faktoren Globalisierung und der damit verbundenen Trend zur Rationalisierung prägen Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig. Auch in der Schweiz steigt der Wettbewerb am Arbeitsmarkt und Arbeitnehmer sehen sich in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft unter hohem Leistungsdruck. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Faktoren haben einen erheblichen Einfluss auf das Invaliditätsrisiko und müssen daher berücksichtigt und wo immer möglich aktiv gestaltet werden. Seite 37

38 Relevanz und Einfluss wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Faktoren auf die Anzahl an IV-Neurenten Wettbewerb im Arbeitsmarkt? stark erhöhend 42% erhöhend 55% mindernd 3% stark mindernd <1% nicht relevant <1% Höherer Leistungsdruck? stark erhöhend 36% erhöhend 59% mindernd 2% stark mindernd <1% nicht relevant 3% Wirtschaftskrisen / Finanzkrisen? stark erhöhend 31% erhöhend 62% mindernd 2% stark mindernd 1% nicht relevant 4% Seite 38

39 Relevanz und Einfluss wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Faktoren auf die Anzahl an IV-Neurenten Arbeitslosigkeit / Sozialhilfe? stark erhöhend 32% erhöhend 55% mindernd 8% stark mindernd <1% nicht relevant 5% Finanzielle Vorteilhaftigkeit? stark erhöhend 7% erhöhend 31% mindernd 32% stark mindernd 9% nicht relevant 21% Seite 39

40 Demografische Faktoren Aufgrund der demografischen Entwicklung in Verbindung mit der erhöhten Lebenserwartung wird in der Politik eine Erhöhung des ordentlichen AHV-Rentenalters diskutiert. Die Invalidisierungswahrscheinlichkeit ist in der Altersgruppe zwischen 60 und 65 Jahren am höchsten. Sie liegt mit 2.247% etwa zehn Mal höher als in der Altersgruppe zwischen 30 und 39 Jahren. Weitere Teilaspekte des demografischen Wandels sind die Migration und der erhöhte Frauenanteil in der Erwerbstätigkeit. Seite 40

41 Relevanz und Einfluss des demografischen Wandels auf die zukünftige Anzahl an IV-Neurenten Alterung der Gesellschaft? stark erhöhend 7% erhöhend 50% mindernd 20% stark mindernd <1% nicht relevant 23% Erhöhung des ordentlichen AHV-Alters? stark erhöhend 23% erhöhend 61% mindernd 6% stark mindernd 1% nicht relevant 9% Migration? stark erhöhend 16% erhöhend 56% mindernd 18% stark mindernd 1% nicht relevant 9% Seite 41

42 Relevanz und Einfluss des demografischen Wandels auf die zukünftige Anzahl an IV-Neurenten Höherer Frauenanteil in Erwerbstätigkeit? stark erhöhend 2% erhöhend 27% mindernd 34% stark mindernd 3% nicht relevant 34% Seite 42

43 Demografische Faktoren Erhöhung des AHV-Alters Vorhergesagte Auswirkung des demographischen Wandels auf die Anzahl an IV-Neurenten ' '200 Bei sonst unveränderten Rahmenbedingungen prognostizieren die Befragten in den kommenden zehn Jahren einen Anstieg der IV-Neurenten um 10,9 % im Vergleich zum Stand von Damit würde die Zahl der IV-Neurenten wieder ungefähr auf das Niveau von vor der Umsetzung der 5. IV-Revision ansteigen. Künftig werden die Arbeitgeber und die Gesellschaft gefordert sein, ein aktives «Altersmanagement» zu betreiben und passende Arbeitsmodelle anzubieten. Seite 43

44 Berufliche und betriebliche Faktoren Das berufliche und betriebliche Umfeld hat einen prägenden Einfluss auf das körperliche, geistige und soziale Wohlbefinden. Viele Arbeitnehmende fühlen sich in der heutigen Leistungsgesellschaft zunehmend unter Druck gesetzt. Diese Umstände wirken umso gravierender, wenn Betroffene zusätzlich mit medizinischen Problemen zu kämpfen haben. Folglich kommt den Unternehmen die zentrale Rolle zu, optimale Rahmenbedingungen für den Arbeitsalltag ihrer Angestellten zu bieten beispielsweise in Form von flexiblen Zeit- und Betriebsstrukturen. Seite 44

45 Relevanz und Einfluss beruflicher und betrieblicher Faktoren auf die Anzahl an IV-Neurenten Stress / Burn-out? stark erhöhend 48% erhöhend 49% mindernd <1% stark mindernd <1% nicht relevant 3% Leistungsdruck / Zeitdruck am Arbeitsplatz? stark erhöhend 31% erhöhend 65% mindernd 1% stark mindernd <1% nicht relevant 3% Sorgen um Arbeitsplatz? stark erhöhend 15% erhöhend 69% mindernd 7% stark mindernd <1% nicht relevant 9% Seite 45

46 Relevanz und Einfluss beruflicher und betrieblicher Faktoren auf die Anzahl an IV-Neurenten Flexible Arbeitszeitmodelle? stark erhöhend 1% erhöhend 5% mindernd 55% stark mindernd 35% nicht relevant 4% Betriebliches Gesundheitsmanagement? stark erhöhend <1% erhöhend 4% mindernd 62% stark mindernd 27% nicht relevant 7% Seite 46

47 Juristische Faktoren Das Bundesgesetz über die Invalidenversicherung wurde seit dem Inkrafttreten 1959 bereits mehrfach grundlegenden Veränderungen und Anpassungen unterzogen. Insbesondere im Rahmen der 5. und 6. IV-Revision wurden intensive Bestrebungen zur verstärkten Reintegration von Betroffenen deutlich und durch neue Ansätze und Konkretisierungen der bestehenden Gesetzestexte forciert. Die Veränderungen können allerdings aus Sicht der Betroffenen auch Hürden bergen, denn restriktivere Definitionen des Invaliditätsbegriffs sowie Verschärfungen der Anspruchsberechtigungskriterien erschweren oftmals die Zusprechung einer IV-Rente. Seite 47

48 Relevanz und Einfluss juristischer Faktoren auf die Anzahl an IV-Neurenten IV-Revisionen? stark erhöhend 2% erhöhend 6% mindernd 72% stark mindernd 18% nicht relevant 2% Genauere / strengere Anwendung bestehender Gesetze durch Gerichte? stark erhöhend 2% erhöhend 7% mindernd 62% stark mindernd 25% nicht relevant 4% Genauere / strengere Anwendung bestehender Gesetze durch Organe (z.b. BSV, IV)? stark erhöhend 2% erhöhend 6% mindernd 64% stark mindernd 23% nicht relevant 5% Seite 48

49 Relevanz und Einfluss juristischer Faktoren auf die Anzahl an IV-Neurenten Präzisierung von Anwendungsrichtlinien bei der Zusprechung von IV-Renten? stark erhöhend 3% erhöhend 7% mindernd 68% stark mindernd 12% nicht relevant 10% Veränderung von Gesetzestexten? stark erhöhend 2% erhöhend 8% mindernd 69% stark mindernd 12% nicht relevant 9% Rechtlicher Umgang mit mehreren sich überlagernden Krankheitsbildern? stark erhöhend 4% erhöhend 23% mindernd 53% stark mindernd 8% nicht relevant 12% Seite 49

50 Strengere Praxis bei der Rechtsprechung Vorhergesagte Auswirkung einer strengeren Praxis bei der Rentensprechung auf die Anzahl an IV-Neurenten ' '300 Bei sonst unveränderten Rahmenbedingungen wird in den kommenden Jahren ein Rückgang der IV-Neurenten um 3.9 % im Vergleich zum Stand von 2012 prognostiziert. Gleichzeitig tauchen immer neue Erkrankungen und Krankheitsformen auf, die anerkannt werden bzw. es entwickeln sich komplexere Krankheitsbilder, was eine breitere Grundlage für mögliche IV-Rentenfälle schafft. Seite 50

51 Medizinische Faktoren Zweifelsohne haben Fortschritte in Medizin und Diagnostik einen substanziellen Einfluss auf das Invaliditätsrisiko jedes Einzelnen. Die Einschätzungen der Studienteilnehmenden, inwiefern sich die teils gegensätzlichen Auswirkungen der Entwicklung neuer Heilungsmethoden einerseits und die Anerkennung immer neuer Krankheitsformen andererseits auswirken, sind ambivalent. Eines der zentralen Instrumente im Kampf um die Reduktion des Invaliditätsrisikos liegt im Erkenntnisgewinn des medizinischen Fortschritts. Im Rahmen der Forschung werden stets neue Behandlungs- und Heilungsmethoden entwickelt oder bestehende optimiert. Seite 51

52 Relevanz und Einfluss medizinischer Faktoren auf die Anzahl an IV-Neurenten Neue Behandlungs- / Heilungsmethoden? stark erhöhend <1% erhöhend 7% mindernd 68% stark mindernd 9% nicht relevant 16% Weiterentwicklung von sich überlagernden Krankheitsbildern nach Rentenverweigerung? stark erhöhend 8% erhöhend 62% mindernd 21% stark mindernd 2% nicht relevant 7% Entwicklung von Krankheuten nach Rentensprechung? stark erhöhend 2% erhöhend 47% mindernd 26% stark mindernd 3% nicht relevant 22% Seite 52

53 Relevanz und Einfluss medizinischer Faktoren auf die Anzahl an IV-Neurenten Medizinischer Umgang mit mehreren sich überlagernden Krankheitsbildern (Multimorbilitäten)? stark erhöhend <1 8% erhöhend 48% mindernd 31% stark mindernd 3% nicht relevant 10% Akzeptanz / Anerkennung von medizinischen Diagnosen? stark erhöhend 5% erhöhend 33% mindernd 42% stark mindernd 4% nicht relevant 16% Seite 53

54 Medizinische Fortschritt: moderater Einfluss Vorhergesagte Auswirkung des medizinischen Fortschritts auf die Anzahl der IV-Neurenten in den kommenden zehn Jahren ' '200 Die Mehrheit der Befragten sieht in der Entwicklung von neuen Behandlungs- und Heilungsmethoden eine Chance, die Invalidisierungswahrscheinlichkeit in Zukunft zu reduzieren. Sie zeigen sich allerdings zurückhaltend mit Blick auf das effektive Einsparungspotenzial durch den medizinischen Fortschritt. Sie erwarten einen Rückgang der IV-Neurentenzahlen um 4,7 % in den kommenden zehn Jahren im Vergleich zum Stand von Seite 54

55 Wiedereingliederung und Case Management Mit Inkrafttreten des ersten Massnahmenpakets der 6. IV-Revision wurde erneut das Vorhaben einer raschen, erfolgreichen Wiedereingliederung von gesundheitlich eingeschränkten Personen in das Arbeitsleben bestärkt. Persönliche Beratung und individuelle Planung der geeigneten Vorgehensweise sowie die Schaffung von Schutzmechanismen wie beispielsweise der Besitzstand der Rente oder die Koordination mit anderen Versicherungen sollen den Betroffenen den Wiedereinstieg in den Beruf erleichtern. Eine entscheidende Rolle spielen beispielsweise die fachliche Kompetenz der beteiligten Institutionen und Dienstleister, die persönliche Bereitschaft und Motivation der Betroffenen sowie die Bemühungen seitens der Wirtschaft, entsprechende Arbeitsstellen und -konditionen zu schaffen und zu nutzen. Seite 55

56 Relevanz und Einfluss der Wiedereingliederung und des Case Managements auf die Anzahl an IV-Neurenten Akzeptanz und Anerkennung von Reintegration? stark erhöhend 3% erhöhend 5% mindernd 62% stark mindernd 29% nicht relevant 1% Zusammenarbeit verschiedener Parteien (Arbeitgeber, IV, BV, Arzt)? stark erhöhend 4% erhöhend 4% mindernd 57% stark mindernd 33% nicht relevant 2% Zeitnahes Einleiten von Massnahmen? stark erhöhend 5% erhöhend 4% mindernd 35% stark mindernd 55% nicht relevant 1% Seite 56

57 Relevanz und Einfluss der Wiedereingliederung und des Case Managements auf die Anzahl an IV-Neurenten Triage / Erkennung des Potenzials für Wiedereingliederung? stark erhöhend 2% erhöhend 6% mindernd 59% stark mindernd 31% nicht relevant 2% Motivation versicherte Person? stark erhöhend 5% erhöhend 5% mindernd 31% stark mindernd 57% nicht relevant 2% Auswahl des passenden Case Managements Partners? stark erhöhend 3% erhöhend 6% mindernd 55% stark mindernd 28% nicht relevant 8% Seite 57

58 Erfolgreiche Wiedereingliederung: Grosses Potenzial Vorhergesagte Auswirkung des Erfolgs von Wiedereingliederungsmassnahmen auf die Anzahl der IV-Neurenten in den kommenden zehn Jahren ' '800 Die grosse Bedeutung der Wiedereingliederung wird von einem Grossteil der Studienteilnehmenden bestätigt. Sie erwarten, dass die Anzahl der IV-Neurenten dadurch in den kommenden zehn Jahren um 7,8 % sinken wird. Die Institutionen der 2. Säule sollten die Wiedereingliederung nicht alleine der IV überlassen, sondern aktiv daran teilnehmen. Letztendlich haben sie meist die grössere Nähe zu den Betroffenen und tragen die finanzielle Hauptlast einer Invalidität. Seite 58

59 Fazit Die relevanten Einflussfaktoren weisen auf eine wieder steigende Anzahl Neurenten hin. Insbesondere wird der potenziellen Erhöhung des AHV-Alters eine stark erhöhende Wirkung beigemessen. Dass die Mehrheit der Experten dennoch von einer stabilen Entwicklung ausgehen, wird dahingehend gedeutet, dass die juristischen Faktoren diesen Effekt abfangen können. Es besteht Vertrauen, dass die juristischen Rahmenbedingungen derart gestaltet werden, dass eine Erhöhung der Invaliditätsentwicklung bzw. eine weitere Finanzierungslücke bei der IV unterbunden werden kann. Seite 59

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