Fachkräftesicherung durch Zuwanderung Eine Zehn-Jahres-Bilanz

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1 Pressekonferenz, 5. Juli 2012, Berlin Fachkräftesicherung durch Zuwanderung Eine Zehn-Jahres-Bilanz Statement Prof. Dr. Michael Hüther Direktor Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) Es gilt das gesprochene Wort

2 Fachkräftemangel erfordert Zuwanderung Ab dem 1. August 2012 werden ausländische Fachkräfte leichter Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt haben. Mit der Einführung der Blauen Karte EU können Akademiker aus Nicht-EU-Staaten in Zukunft zum Arbeiten nach Deutschland kommen, wenn Sie hier ein Einkommen von Euro im Jahr erzielen. Bisher waren in der Regel Euro im Jahr nötig. Für Zuwanderer mit Qualifikationen in Engpassbereichen derzeit sind das Akademiker mit Abschlüssen in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, kurz MINT, und Mediziner ist sogar nur ein Einkommen von Euro notwendig. Zudem wird ein neuer Aufenthaltstitel zur Arbeitsuche eingeführt, der ausländischen Fachkräften die Suche nach einer Stelle in Deutschland erleichtert und auch für Ausländer, die in Deutschland studiert haben, wird es einfacher hier zu bleiben. Diese stärkere Öffnung gegenüber ausländischen Fachkräften ist sehr zu begrüßen, denn am deutschen Arbeitsmarkt herrschen bekanntermaßen Fachkräfteengpässe. Besonders betroffen sind derzeit der naturwissenschaftlich-technische Bereich und die Gesundheitsberufe (Tabelle 1). Insbesondere fehlen Maschinen- und Fahrzeugbauingenieure, Elektroingenieure und Ärzte. So benötigen Arbeitgeber im Schnitt 146 Tage, um eine offene Arztstelle zu besetzen, 110 Tage, um einen Elektroingenieur einzustellen und 106 Tage für einen Maschinen- oder Fahrzeugbauingenieur. Allerdings kann die Zuwanderung nur dann wirksam zur Fachkräfte- Pressestatement, 5. Juli 2012, Fachkräftesicherung durch Zuwanderung 2

3 sicherung beitragen, wenn es gelingt, vor allem jene Menschen ins Land zu holen, die die entsprechenden Qualifikationen mitbringen. Um die Frage zu beantworten, inwieweit Zuwanderer bereits heute einen Beitrag zu Fachkräftesicherung leisten, hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln die Qualifikationsstruktur und Arbeitsmarktbeteiligung von den Personen untersucht, die in den letzten Jahren zugewandert sind. Zuwanderer damals und heute Die bisherigen Studien zu diesem Thema haben in der Regel alle Personen einbezogen, die einen ausländischen Pass haben oder nicht in Deutschland geboren wurden. Damit lässt sich zwar viel über die Bevölkerung mit Migrationshintergrund sagen, jedoch wenig über die heutige Zuwanderung. Ein Blick in die Geschichte macht dies deutlich: Zwischen 1955 und 1973 sind vorwiegend junge, relativ niedrig qualifizierte Gastarbeiter aus Südeuropa und der Türkei nach Deutschland gekommen. Zwischen 1990 und 2000 bestand der größte Teil der Zuwandererfamilien aus Spätaussiedlern, die aufgrund ihrer kulturellen Wurzeln und weniger wegen der Arbeitsmarktperspektiven nach Deutschland gekommen sind. Im vergangenen Jahrzehnt wiederum war die Nettozuwanderung nach Deutschland sehr gering, 2008 und 2009 kam es sogar zu leichten Abwanderungen. Erst in den vergangenen Pressestatement, 5. Juli 2012, Fachkräftesicherung durch Zuwanderung 3

4 zwei Jahren ist die Nettozuwanderung wieder gestiegen, auf zuletzt Personen im Jahr Insgesamt leben gut 60 Prozent aller Zuwanderer bereits länger als 15 Jahre in Deutschland. Wenn wir also die gesamte Gruppe der Zuwanderer in den Blick nehmen, betrachten wir vorwiegend Personen, die bereits lange und unter anderen Rahmenbedingungen in Deutschland leben als jene Zuwanderer, die erst in jüngster Zeit gekommen sind. Da sich auf dieser Basis keine sinnvolle Aussage darüber treffen lässt, welchen Beitrag Zuwanderung heute zur Fachkräftesicherung leistet, konzentrieren wir uns in dieser Analyse auf Zuwanderer, die erst in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind genau gesagt: zwischen 1999 und Das Jahr 2009 verwenden wir als Bezugsjahr, weil sich die aktuellsten für die Wissenschaft zugänglichen Mikrozensusdaten darauf beziehen. Den Mikrozensus haben wir als Datenbasis gewählt, weil er für unsere Fragestellung sehr geeignet ist. Als großangelegte Haushaltsbefragung und Teil der offiziellen Statistik ermöglicht er auch für relativ kleine Bevölkerungsgruppen wie die Neuzugewanderten verlässliche Aussagen. Und er erlaubt differenzierte Angaben zu Qualifikationen und Arbeitsmarktbeteiligung. Pressestatement, 5. Juli 2012, Fachkräftesicherung durch Zuwanderung 4

5 Zuwanderer sind jung und häufig gut ausgebildet Im Schnitt sind die Zuwanderer, die zwischen 1999 und 2009 gekommen sind, rund 33 Jahre alt und damit deutlich jünger als die Gesamtbevölkerung, die gut 10 Jahre älter ist. Fast 70 Prozent der Zuwanderer aber nur 55 Prozent der Gesamtbevölkerung sind zwischen 25 und 65 Jahre alt, stehen also dem deutschen Arbeitsmarkt potenziell zur Verfügung (Tabelle 2). Mehr als ein Drittel der Neuzuwanderer aber nur 12 Prozent der Gesamtbevölkerung ist zwischen 25 und 35 Jahre alt, ist also in dem Alter, in dem junge Menschen ihre Bildungslaufbahn in der Regel abgeschlossen und den größten Teil des Erwerbslebens noch vor sich haben. Die Altersstruktur zeigt, dass die Zuwanderer ein großes und vergleichsweise junges Arbeitskräftepotenzial darstellen. Betrachtet man den Bildungsstand, so zeigt sich ein ambivalentes Bild. Einerseits verfügen derzeit 27 Prozent der Neuzuwanderer im Alter zwischen 25 und 64 Jahren über einen Hochschulabschluss. Andererseits haben aber auch 41 Prozent keinen berufsqualifizierenden Abschluss. In der gesamten Bevölkerung liegen diese Anteile jeweils bei 18 Prozent (Abbildung 1). Allerdings hat sich die Qualifikationsstruktur der Neuzugewanderten in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Zwischen 2000 und 2009 ist der Akademikeranteil um 11 Prozentpunkte gestiegen, gleichzeitig ist der Anteil der Pressestatement, 5. Juli 2012, Fachkräftesicherung durch Zuwanderung 5

6 Personen ohne berufsqualifizierenden Abschluss um 9 Punkte zurückgegangen (Tabelle 3). Differenziert nach Herkunftsregionen zeigt die Qualifikationsstruktur große Unterschiede. Besonders gut qualifiziert sind Zuwanderer aus den west- und südeuropäischen Staaten, also aus Ländern wie Frankreich Italien oder Griechenland, mit denen zum Zeitpunkt der Erhebung 2009 bereits vollkommene Freizügigkeit bestanden hat. Mit 46 Prozent hatte beinahe die Hälfte der Neuzuwanderer aus dieser Region einen Hochschulabschluss. Auch Zuwanderer aus den GUS-Staaten und nicht-europäischen Herkunftsländern wie dem Iran und China hatten mit 25 und 27 Prozent wesentlich häufiger einen Hochschulabschluss als die deutsche Durchschnittsbevölkerung. Viele der Neuzugewanderten aus Westeuropa bringen zudem genau jene Qualifikationen mit, die in Deutschland besonders gefragt sind: Fast 15 Prozent haben einen Studienabschluss in einem der MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik und knapp 5 Prozent in Medizin. Insgesamt sind zwischen 1999 und 2009 rund MINT-Akademiker und Mediziner zugewandert. Gemessen an allen Zuwanderern im Alter zwischen 25 und 64 Jahren sind das Anteile von fast 10 bzw. gut 2 Prozent (Abbildung 2). In der Gesamtbevölkerung sind diese Anteile mit knapp 6 bzw. gut 1 Prozent nur rund halb so hoch. Pressestatement, 5. Juli 2012, Fachkräftesicherung durch Zuwanderung 6

7 Die Integration von Zuwanderern in den Arbeitsmarkt gelingt immer besser Von den knapp 2,8 Millionen Menschen, die zwischen 1999 und 2009 nach Deutschland eingewandert sind, waren im Jahr 2009 rund 1,3 Millionen erwerbstätig. Betrachtet man nur die 25- bis 65-Jährigen, lag die Erwerbstätigenquote bei 59 Prozent. Damit ist die Erwerbsbeteiligung zwar niedriger als in der Gesamtbevölkerung (75 Prozent), doch das erklärt sich zumindest teilweise durch das Zuwanderungsrecht: So erhalten zum Beispiel Asylbewerber und Flüchtlinge in der Regel keine Arbeitserlaubnis. Folglich haben diese Gruppen eine signifikant niedrigere Erwerbstätigenquote als Zuwanderer aus Westeuropa, die grundsätzlich ohne Einschränkungen in Deutschland arbeiten dürfen (Abbildung 3). Rund oder fast ein Drittel der erwerbstätigen Zuwanderer sind Hochschulabsolventen, die Quote ist gut 10 Prozentpunkte höher als im Durchschnitt aller Erwerbstätigen (Tabelle 4). Fast 12 Prozent der Neuzuwanderer haben einen MINT-Abschluss, weitere knapp 3 Prozent haben einen Abschluss in Medizin. In der Gesamtbevölkerung liegen diese Anteile bei rund 7 und 2 Prozent. Insgesamt arbeiteten im Jahr 2009 rund MINT-Akademiker und Mediziner in Deutschland, die nach 1999 zugewandert waren. Der berufliche Status der Neuzugewanderten hat sich stark verbessert. Im Jahr 2000 waren nur 12 Prozent der nach 1989 zugewanderten Erwerbstätigen als hochspezialisierte Pressestatement, 5. Juli 2012, Fachkräftesicherung durch Zuwanderung 7

8 Fach- oder Führungskräfte tätig, zum Beispiel als Geschäftsoder Geschäftsbereichsleiter in Unternehmen, als wissenschaftliche Lehrkräfte, Unternehmensberater, Juristen oder Ärzte. Im Jahr 2009 lag dieser Anteil bereits bei 21 Prozent (Abbildung 4) und erreichte damit den bundesdeutschen Durchschnittswert. Regionale Unterschiede Die Zuwanderer der Jahre 1999 bis 2009 leben wesentlich häufiger in Städten und Großstädten als die übrige Bevölkerung. 28 Prozent der Neuzugewanderten, aber nur 15 Prozent der Gesamtbevölkerung wohnen in Kommunen mit mehr als Einwohnern. Dagegen leben nur 23 Prozent der Neuzugewanderten in Kommunen mit weniger als Einwohnern, in der Gesamtbevölkerung sind es 41 Prozent (Abbildung 5). Konzentriert man sich auf die erwerbstätigen Fach- und Führungskräfte, zeigt sich ein ähnliches Bild. Fast die Hälfte von ihnen (43 Prozent) lebt in Großstädten mit mehr als Einwohnern, das trifft aber nur auf 22 Prozent aller Fach- und Führungskräfte in Deutschland zu. Zuwanderung trägt vor allem zur Fachkräftesicherung in den Städten bei; der ländliche Raum profitiert kaum von ihr. Gravierende Unterschiede gibt es auch aus Sicht der Bundesländer. Mehr als die Hälfte aller Neuzugewanderten lebt Pressestatement, 5. Juli 2012, Fachkräftesicherung durch Zuwanderung 8

9 in den drei Ländern Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden- Württemberg, wobei Nordrhein-Westfalen mit 23 Prozent die mit Abstand höchste Quote hat. Die höchsten Anteile der Neuzugewanderten an der Gesamtbevölkerung haben die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg. Von den Flächenländern weisen Hessen, Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen die höchsten Quoten auf. Das gilt nicht nur für die Neuzugewanderten insgesamt, sondern auch für die neuzugewanderten Fach- und Führungskräfte (Tabellen 5 und 6). Zuwanderer leisten bereits heute einen großen Beitrag zur Wertschöpfung in Deutschland Konzentriert man sich bei der Zuwanderung auf jene Personen, die als hochqualifizierte Fach- und Führungskraft arbeiten, dann kommt man auf MINT-Akademiker und Mediziner, die zwischen 1999 und 2009 zugewandert und gemäß ihrer Qualifikation beschäftigt sind. Hochgerechnet mit der durchschnittlichen Pro-Kopf-Wertschöpfung von Euro für MINT-Akademiker und Euro für Ärzte ergibt sich ein Wertschöpfungsbeitrag von insgesamt 13,0 Milliarden Euro, davon entfallen 10,5 Milliarden Euro auf die MINT-Akademiker und 2,5 Milliarden Euro auf die Mediziner (Tabelle 7). Die gesamte Wertschöpfung aller 1,3 Millionen erwerbstätigen Zuwanderer Pressestatement, 5. Juli 2012, Fachkräftesicherung durch Zuwanderung 9

10 dürfte um ein Vielfaches höher sein. Zuwanderer leisten also bereits heute einen bedeutenden Beitrag zum wirtschaftlichen Wohlstand in Deutschland. Zuwanderung als Teil einer Fachkräftesicherungsstrategie Unsere Ergebnisse haben klar gezeigt, dass Zuwanderung einen erheblichen Beitrag zur Fachkräftesicherung leistet, obwohl das deutsche Zuwanderungsrecht bisher den Zuzug von Fachkräften aus Nicht-EU-Staaten sehr restriktiv handhabt. Dies macht deutlich, dass Deutschland bereits heute für ausländische Fachkräfte attraktiv ist, auch wenn es diese noch nicht hinreichend willkommen heißt. Daher ist damit zu rechnen, dass mit der weiteren Öffnung für ausländische Fachkräfte zum August dieses Jahres auch noch mehr hochqualifizierte Personen mit gesuchten Engpassqualifikationen zuwandern werden, die Änderungen des Zuwanderungsrechts also einen Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten. Dennoch sind noch weitere Schritte nötig, um Zuwanderung zu einem integralen Bestandteil einer Fachkräftesicherungsstrategie in Deutschland zu machen. Bereits heute ist klar, dass in den nächsten Jahren bei weitem nicht alle aus dem Erwerbsleben ausscheidenden älteren Arbeitnehmer durch Einheimische ersetzt werden können und dass auch eine Zuwanderung auf dem bisherigen Niveau hierfür nicht aus- Pressestatement, 5. Juli 2012, Fachkräftesicherung durch Zuwanderung 10

11 reicht. Um den Wachstumspfad halten zu können, benötigt Deutschland also eine verstärkte Zuwanderung. Auch wenn die Nettozuwanderung in den letzten zwei Jahren gestiegen ist, kann man nicht davon ausgehen, dass in den nächsten Jahren ohne weiteres Zutun genügend Fachkräfte nach Deutschland zuwandern werden. Viel eher wird sich der globale Wettbewerb um international mobile Fachkräfte in Zukunft weiter verstärken. Einerseits sind die meisten westlichen Staaten wie Deutschland vom demografischen Wandel betroffen und in Zukunft verstärkt auf ausländische Fachkräfte angewiesen. Andererseits bieten immer mehr Schwellenländer Fachkräften interessante Arbeitsmöglichkeiten. Um Erfolg bei der Anwerbung ausländischer Fachkräfte zu haben muss Deutschland eine echte Willkommenskultur etablieren. Das bedeutet, dass ausländischen Fachkräften auf allen Ebenen besondere Wertschätzung entgegengebracht werden muss. Dies beginnt bei der Information über Deutschland als Zuwanderungsland. Mit dem Portal Make-itin-Germany, das interessierte Ausländer über Karrieremöglichkeiten und Lebensbedingungen in Deutschland informiert, hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln im Rahmen der Fachkräfteoffensive des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) und des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) sowie der Bundesagentur für Arbeit, ein Online-Portal zur gezielten Ansprache ausländischer Fachkräfte erstellt. Auf der nächsten Stufe ist es notwendig, dass diese Fachkräfte auch in Behördenschreiben und Pressestatement, 5. Juli 2012, Fachkräftesicherung durch Zuwanderung 11

12 -gesprächen als gesuchte Personengruppe und nicht als Bittsteller behandelt werden und die aufenthaltsrechtlichen Rahmenbedingungen stärker ihren Bedürfnissen angepasst werden. Und letztlich muss sich auch in der deutschen Gesellschaft das Bild durchsetzen, dass die deutsche Wirtschaft von Zuwanderung stark profitiert und ausländische Fachkräfte willkommen geheißen werden sollten. Pressestatement, 5. Juli 2012, Fachkräftesicherung durch Zuwanderung 12

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