Jahreslosung Psalm 73, 28 Gott nahe zu sein, ist mein Glück

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1 Jahreslosung Psalm 73, 28 Gott nahe zu sein, ist mein Glück Für jedes Jahr wird ein Bibelvers als Losungsvers für das kommende Jahr ausgewählt. Ausgewählt wird dieser Vers übrigens nicht von den Brüdergemeinen, die die Tageslosungen ziehen, sondern von einem ökumenisch arbeitendem Arbeitskreis. In Absprache mit Ulrich Wiegand möchte ich heute nachdenken über die Jahreslosung für Es ist ein Vers aus Psalm 73, der Vers 28: Gott nahe zu sein, ist mein Glück oder mit den vertrauten Worten der Luther-Bibel: Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte Aus zwei Teilen besteht dieser Vers. Im zweiten Teil heißt es: ist mein Glück. Damit möchte ich beginnen, nämlich mit der Frage: 1. Was verstehen eigentlich die Deutschen heute unter Glück? Im zweiten, größeren Teil möchte ich insgesamt dieser Jahreslosung nachgehen, und zwar unter drei Fragestellungen. 2. Unser Vers wird auf unterschiedliche Weise übersetzt. Was bedeutet dies? 3. Unser Vers ist der letzte Vers von Psalm 73. Was bedeutet er im Zusammenhang des gesamten Psalms? 4. Unser Vers soll uns durch das ganze Jahr 2014 begleiten. Wie kann das konkret geschehen? Was verstehen die Deutschen unter Glück? Wenn man Menschen fragt, was für sie besonders wichtig ist, so wird man häufig hören glücklich leben, doch was bedeutet das? Weil Glück und glücklich sein für uns Menschen so wichtig ist, gab es im vergangenen Jahr in der ARD eine Themenwoche zum Thema Glück, ebenso wurden häufig Umfragen dazu gemacht: was verstehen die 1

2 Menschen unter Glück? Ich zitiere aus einer Umfrage, die schon einige Jahre alt ist, aber auch heute noch in der Tendenz so bestehen dürfte. Was glauben Sie, was macht einen Menschen glücklich?. Fast 90% antworteten: Gesundheit, dann kamen Partnerschaft, Familie, Freunde, allgemein Menschen mit 79 bis 68%, an zweiter Stelle stehen also Beziehungen; eine Aufgabe, Kinder, Beruf wurden zwischen 64 und 59% genannt, also das Tätig sein. Erfolg, Freunde, Geld, Hobby wurden von 51 bis 46% genannt, man könnte hier zusammenfassend von guten Ergebnissen sprechen, dann folgte Gutes tun mit 41%, also alles sozial charitative, und ganz am Schluss wurde der Glaube genannt von 25%. Ich möchte das nicht bewerten, aber eine erste Anfrage dieser Jahreslosung an uns ist hier schon erkennbar: Was macht für jeden Einzelnen von uns als Christen Glück aus. Damit sind wir schon da, was eine Jahreslosung bewirken soll: sie soll uns leiten zum Nachdenken über Grundfragen unseres Lebens und Glaubens. Unterschiedliche Übersetzungen Wenn wir heute in der Bibel lesen, dann lesen wir in einer der vielen Übersetzungen. Vielleicht mag hier jemand Griechisch gelernt haben, die Sprache des Neuen Testaments, aber Hebräisch, die Sprache des Alten Testaments lernen höchstens Theologen oder andere, die über jene Zeit forschen wollen. Unterschiedliche Übersetzungen bedeuten aber manchmal verschiedene Akzente, so auch in unserem Vers. Ich möchte dabei vor allem eingehen auf den Teil: Gott nahe zu sein. Auch das Wort Glück wird unterschiedlich übersetzt, wir können dort aber oft einfach eine andere Ausdeutung dieses Begriffs erkennen. Gott nahe zu sein ist mein Glück, sagt die Einheitsübersetzung, also eine gemeinsame Übersetzung für evangelische und katholische Christen in Deutschland. Ähnlich klingen die Neue Zürcher: Für mich aber ist Gottes Nähe beglückend, oder auch Schlachter: Mir aber ist die Nähe Gottes köstlich. Beschrieben wird ein Zustand, das sich Aufhalten in der Nähe 2

3 Gottes, dies (passive) sich Aufhalten nahe bei Gott wird als beglückende Erfahrung beschrieben. Eine andere Seite, bei der der Mensch durchaus aktiv wird, klingt in anderen Übersetzungen an. Wenn Luther übersetzt: dass ich mich zu Gott halte, dann tut der Mensch etwas. Ebenso sieht es die Elberfelder Übersetzung: Gott zu nahen, ist mir gut. Diesen aktiven Vorgang betont auch die englische King James Bibel: But it is good for me to draw near to God, wörtlich: aber es ist gut für mich, sich Gott zu nähern. Hier also begibt sich der Mensch in Gottes Nähe. Ist das ein Widerspruch? Ich zitiere dazu den Alttestamentler Prof. Rohde: Aktives Sich zu Gott halten oder passives Gottes-Nahe-Sein? Es ist keine Frage, die sich sprachlich eindeutig lösen lässt. Die hebräische Formulierung ist doppeldeutig und wird daher zu Recht unterschiedlich übersetzt. Die Grammatik des Glaubens kennt Aktivität und Passivität- die sich in verschiedenen Frömmigkeitsstilen und Konfessionen unterschiedlich ausprägt. Beide Haltungen vor Gott können zu Glück werden. In diesem Sinne ist diese Jahreslosung ein gelungenes Beispiel für Ökumene, und mahnt uns dabei zu Bescheidenheit und Demut: auch unsere Frömmigkeit kann immer nur einen Ausschnitt göttlicher Wahrheit widerspiegeln. Vielleicht ist dies etwas, was Gott uns zeigen will: durch die unterschiedlichen Übersetzungen lernen wir, dass wir mit unserem begrenzten Verstand immer nur einen kleinen Ausschnitt der göttlichen Wahrheit erkennen können. So mögen unterschiedliche Arten der Frömmigkeit uns nicht zu Argwohn und Widerspruch reizen, sondern unseren Blick weiten für die Vielfalt, wie Menschen Gott loben und preisen. Der Vers im Zusammenhang des gesamten Psalm 73 Zunächst möchte ich den ganzen Vers 28 lesen, nach Luther: Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf den Herrn, dass ich verkündige all dein Tun. Losungsverse sind immer erste Anregungen für den Alltag, jeder regelmäßige Bibelleser weiß, dass sie bei allem Wert doch selten hinreichen. So auch hier, wenn im letzten Teil des Verses noch ein wichtiger Aspekt hinzukommt: in all den menschlichen 3

4 Glückserfahrungen, von denen wir im ersten Abschnitt hörten, erhoffen sich Menschen so etwas wie ein vollkommenes Glück: ich gehe auf in, so sagt man und wird doch immer wieder enttäuscht. Als Christen sehen wir die Nähe Gottes und die Nähe zu Gott als ein solches an, unser Vers erinnert uns aber daran, dass wir immer auch die Aufgabe haben, anderen davon zu erzählen, ein vollkommenes Glück still in uns allein kann es nach der Bibel nicht geben. Nach außen weist auch der gesamte Zusammenhang dieses Verses. Der Beter von Psalm 73 ist ein Mensch, der schier verzweifelt an dem, was er täglich sieht: da gibt es Menschen, die von Gott nichts wissen wollen, sie leben ohne Gott. Schockierend und unverständlich ist für ihn, was er sieht: diese im wahrsten Sinne Gottlosen leben offenbar in Glück, Zufriedenheit, äußerer Fülle eine Anfechtung, die auch uns zu schaffen machen kann. Da ist der Kollege, der damit prahlt, in seiner Steuererklärung nicht ehrlich zu sein, und es geht ihm gut. Da redet jemand immer nur schlecht über Andere, und es geht ihm gut. Da will einer von Gott nichts wissen, und auch im hohen Alter erfreut er sich guter Gesundheit. Wir denken an das, was Deutsche unter Glück verstehen, alles kann man auch haben ohne Gott. Für den Psalmbeter ist es ein langer Prozess, dazu mag man in einer ruhigen Stunde den ganzen Psalm lesen, am Ende steht für ihn die Erkenntnis: alles, was ich bei den anderen sehe, was ich mir wünsche, ist doch ein Nichts gegen das, was Gott mir schenkt: die Erfahrung von völligem Glück in seiner Gegenwart und Nähe. Die Jahreslosung im Verlaufe des Kirchenjahrs Freude und Glück, weil wir uns Gott nahen können und dürfen, weil wir in seiner Nähe leben können und dürfen. Was dies konkret bedeuten kann, möchte ich nun am Beispiel der verschiedenen Zeiten des Kirchenjahres deutlich machen. Der erste Festtag im Kalenderjahr ist Epiphanias, welches selbst und in seiner Bedeutung wohl am wenigsten bekannt ist. Zu Epiphanias feiern wir, dass Jesu Göttlichkeit offenbar wird. In den Lesungen sind das die Weisen, die Jesus königliche Geschenke bringen oder seine Taufe durch Johannes, bei der Gott selbst sagt: dies ist mein lieber Sohn, oder auch 4

5 die Erzählung vom 12jährigen Jesus im Tempel. Mit Epiphanias können wir wissen: in Jesu Nähe sind wir in unmittelbarer Nähe zum Vater. Im Kirchenjahr schließt sich die Passionszeit an. Wir begleiten in Gedanken Jesus auf seinem Weg zum Kreuz, und wir können dabei erfahren: in allem Leid, das wir tragen müssen, haben wir einen an unserer Seite, der all dies Leid kennt, weil er es selbst getragen hat. In seiner Nähe sein bedeutet, auch im Leiden einen verlässlichen Begleiter zu haben. Es folgt der Karfreitag und damit Jesu Tod am Kreuz. Viele von uns haben geliebte Menschen bis zu ihrem Tod begleitet, trotzdem weiß niemand, wie seine persönliche Todesstunde sein wird. Aber wir dürfen gewiss sein, dass auch dann Jesus uns nahe ist und uns durchs Tor zur ewigen Freude führt. Denn nun kommt Ostern, Jesu Auferstehung und das Versprechen auf unsere Auferstehung. Noch mehr als bisher gilt: wie dies sein wird, kann niemand in dieser Welt erfahren, und wahrscheinlich sind auch Erfahrungen von Menschen, die dem Sterben ganz nahe gekommen waren, noch kein wirklicher Blick in die Ewigkeit. Aber wir dürfen uns freuen auf die nicht mehr vergehende Nähe Gottes. Jesus ist zwischen Auferstehung und Himmelfahrt noch in irdischer Gestalt erschienen, wie dies für uns sein wird, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass Er uns mit dem Pfingstfest den Heiligen Geist geschenkt hat, er leitet uns in unserem irdischen Leben und lässt uns die wohltuende Nähe Gottes spüren, auch wenn wir nicht wie die Jünger mit dem irdischen Jesus gehen können. Mit Trinitatis dann wird uns noch einmal gezeigt: Gott der Schöpfer und Herr, der Sohn und der Heilige Geist will uns in seiner Nähe halten und uns Teil haben lassen an den Freuden, die seine Nähe schenkt. Mit dem Reformationsfest sind wir dem Ende des Kirchenjahres schon nahe. Wir denken dabei daran, dass Martin Luther und all die anderen Reformatoren eins wieder neu erkannt haben: Gott selbst schenkt uns durch seine Gnade die Möglichkeit, ihm nahe zu sein. Er ist nicht ein ferner Gott, der oben auf einem Gipfel zusieht, ob seine Menschen den steilen Weg zu ihm schaffen, so im Grunde das Bild in anderen Religionen. Wir benötigen auch keine Mittler wie Priester oder Heilige, 5

6 die für uns Gott nahe kommen: wir selbst sind eingeladen, Gottes Nähe direkt zu erfahren. Am Ende des Kirchenjahres steht der Ewigkeitssonntag. Wir trauern um die Verstorbenen des letzten Jahres, aber wir denken auch an die Ewigkeit, in der Gott uns so nahe ist, dass er unsere Tränen abwischen will. Wir sollten dieses Wort der Offenbarung einmal genau im Blick darauf bedenken: so nahe will Gott uns sein, dass er uns berührt und unsere Tränen abwischt! Dazu gehört aber auch: wir müssen ihn so nah an uns lassen, das ist auch nicht so leicht, wenn wir daran denken, wie sehr wir uns oft wehren, dass andere unsere Schwächen sehen. Mit der Adventszeit beginnt ein neues Kirchenjahr. Aber unsere Losung wird uns auch durch diese Zeit noch begleiten. Am Ende dieser Wochen steht Weihnachten mit dem Kind in der Krippe. Denken wir dies im Zusammenhang mit unserem Vers: fast jeder hat im Angesicht eines Neugeborenen den spontanen Wunsch, es in den Arm zu nehmen, und verspürt dabei große Freude. Und so ist Gott: er will, dass wir ihm so nahe sind wie wir ein kleines Kind in den Arm nehmen. Dieses weihnachtliche Bild ist vielleicht auch das schönste, mit dem wir Glück, Freude und Zufriedenheit ausdrücken können, weil wir Gott nahe sind und nahe kommen können. Lassen Sie mich zusammen fassen: viele Menschen streben nach Glück in vielen Formen. Die Losung sagt uns: wir können dies finden, wenn wir Gott nahe kommen, uns in seiner Nähe aufhalten. Der Psalm 73 lehrt uns: in der Nähe Gottes finden wir ein Glück, das allen Neid auf bessere Lebensumstände anderer wegwischt. An den verschiedenen kirchlichen Festtagen können wir immer wieder einen neuen Aspekt des Glücks in Gottes Nähe zu sein bedenken. So wünsche ich uns allen, dass wir mit dieser Jahreslosung gut durch das Jahr 2014 gehen und immer wieder sagen können Gott nahe zu sein, ist mein Glück. Oder auch: das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte. 6

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