Sucht & Migration Hintergründe, Behandlungsmöglichkeiten und transkulturelle Perspektiven. Vedat Karasu & Ramazan Salman

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1 Sucht & Migration Hintergründe, Behandlungsmöglichkeiten und transkulturelle Perspektiven Vedat Karasu & Ramazan Salman

2 Inhalt 1. Standortbestimmung Ausgangslage, Demographie 2. Sucht & Migration Statistiken, Zielgruppen, Aussiedler, Ursachen 3. Ursachen Akkulturation, Männlichkeit, Erziehung, Gewalt, Umgang mit Sucht, Beratung und Therapie 4. Versorgung Öffnung, Prävention, Botschaften, MiMi, Forschung, Monitoring, Leitlinien

3 Standortbestimmung Wir benötigen migrantenspezifische Angebote innerhalb der Suchthilfe, weil die Migration nach Deutschland zunimmt, die kulturelle Vielfalt im Land zunimmt, die Suchtprobleme von Migranten zunehmen, und die Suchthilfe und ihre MitarbeiterInnen zunehmend mit KlientInnen und PatientInnen arbeiten müssen, die andere kulturelle Werte haben, als sie selber.

4 Migration in den Metropolen In Baden-Württemberg haben knapp 2,7 Mill. (25%) Personen einen Migrationshintergrund. Das heißt, jeder Vierte der rund 10,7 Mill. Baden-Württemberger gehört zu dieser Gruppe. Freiburg hat Einwohner, davon haben 28,8 % einen Migrationshintergrund. Ausgewählte Städte Insg. ohne Migrationshintergrund mit Migrationshintergrund im weiteren Sinn Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Prozent Region Hannover 1 128,3 867,8 260,5 23,1 Berlin 3 390, ,5 794,9 23,4 Duisburg 503,7 373,2 130,5 26,0 Hamburg 1 738, ,4 466,1 26,8 Dortmund ,6 165,4 28,1 Köln 972,8 662,1 310,6 32,0 München 1 253,9 822, ,4 Frankfurt am Main 647, ,6 39,5 Stuttgart 591,4 354,2 237,2 40,1 Quelle - Statistisches Bundesamt: Mikrozensus 2005/2007

5 Zugangsbarrieren Ambulante wie auch stationäre Hilfen sind bei Migrantinnen und Migranten häufig nicht bekannt, ebenso wie die eigenen rechtlichen Ansprüche auf Leistungen des Suchthilfesystems Institution erkennen den Bedarf nicht oder haben nicht den Willen sich kulturell anzupassen

6 Sucht & Migration Nicht alle Migranten haben ein Suchtproblem Es gibt unter den verschiedenen Millieus Subgruppen die besonders vulnerabel sind (junge Männer, ohne Arbeit, Perspektive, geringe bzw. keine Bildung, in der Kindheit misshandelt, Traumatisierte, psychisch Kranke und Labile etc.) Diese gilt es in Zukunft in der Präventionsarbeit noch stärker zu adressieren

7 Vulnerable Gruppen Am meisten betroffen sind aktuell junge Spätaussiedler (Altersgruppe Jahre / intravenöser Heroinkonsum, Alkohol) Junge Migranten (Türkei, Balkan, Italien etc./ Nikotin, Cannabis, Kokain, Heroin, Amphetamine) Erwachsene Aussiedler (Alkohol) Erwachsene Arbeitsmigranten (Alkohol, Nikotin, Spielsucht) Flüchtlinge (Trauma und Alkohol) Frauen (Medikamente, Alkohol, Nikotin)

8 Zielgruppe Aussiedler Drogenkarriere mit 16 Die meisten drogenabhängige Aussiedler sind männliche Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 30 J. Hauptdroge Heroin, steile Drogenkarrieren (Angst, Minderwertigkeitsgefühle, Aggressionen, Alkoholismus der älteren Generationen, familiendynamische Traumata, verzerrte Autoritäten) Merkmale der Drogenszene der Aussiedler Ausgeprägtes Gruppenverhalten & absolute Verschwiegenheit nach draußen (erfolgreiche Verhaltensform in der ehem. SU) Drogen werden geteilt und kollektiv konsumiert (Hepatitis, HIV; Schuld und Verantwortung kollektiv erleben) Sehr starker Gruppendruck und ein (falscher) Ehrenkodex ( man sorgt für seine Freunde, Aussteiger als Verräter )

9 Suchtbegünstigende Faktoren Migration = Stressauslösendes Lebensereignis 1. Aufbruch in die neue Kultur Entwurzelung Auflösung von Familienverbänden Trennungserfahrungen und Verlustgefühle 2. Ankunft in der neun Kultur Orientierungslosigkeit Anpassungsdruck an neue Normen/Werte Aufenthaltrechtliche Situation Kommunikationsschwierigkeiten Ungünstige Wohn- und Arbeitsbedingungen Wenig planbare Zukunftsperspektiven 3. Leben in der neuen Kultur Erschwerte Schul-/ Ausbildungsbedingungen 4. Zukunft in der neuen Kultur Rollenverluste Schlechte gesundheitliche Versorgung Bevormundung- und Ablehnung durch die Mehrheitsbevölkerung Identitätskrisen Erleben von Ausgrenzung

10 Umgang mit Drogenabhängigkeit Viele drogenabhängige Migranten berichten aus Neugier und Unwissenheit zum ersten mal Drogen konsumiert zu haben Wegen Scham, Hilflosigkeit und Angst verheimlichen viele die Drogenproblematik vor ihren Eltern und nehmen keine Hilfe Anspruch Eltern bemerken den Drogengebrauch erst sehr spät, haben Probleme mit Gesichtsverslust Wenn schließlich die Angehörigen von dem Drogenproblem erfahren, folgen verzweifelte Bewältigungsversuche

11 Verständnis von Sucht und Therapie Der süchtige Körper wird als eine Art Maschine begriffen die repariert werden kann ( Waschmaschinenprinzip ) Drogentherapie ist für viele identisch mit drei Wochen stationärem Entzug Sozial- und psychotherapeutische Ansätze sind nicht bekannt und werden eher abgelehnt Viele männliche Patienten sind es nicht gewohnt, in der Gruppe vor anderen, aber auch im Einzelsetting über eigene Gefühle oder Probleme zu sprechen ( Das ist unmännlich )

12 Botschaften: Migration ist keine Behinderung! Wir brauchen für die von Sucht gefährdete Gruppe der jungen Männer mit Migrationshintergrund positive Vorbilder und Botschaften!!! Wir brauchen Euch, ihr seid die Zukunft dieses Landes Es gibt einen Platz in dieser Gesellschaft für dich, aber diesen bestimmst auch Du

13 Sonnenberger Leitlinien Suchthilfe (1) Leitlinien für die Interkulturelle Suchthilfe (Kimil & Salman 2007) 1. Der Zugang zur Regelversorgung der Suchthilfe sollte durch Niedrigschwelligkeit, Kultursensibilität und Kulturkompetenz weiter erleichtert werden. 2. Bildung multikultureller Behandlerteams aus allen in der Suchthilfe tätigen Berufsgruppen unter bevorzugter Einstellung von Mitarbeiterinnen mit Migrationshintergrund und zusätzlicher Sprachkompetenz. 3. Organisation und Einsatz psychologisch geschulter Fachdolmetscherinnen als zertifizierte Übersetzer und Kulturmediatoren Face-to-Face" oder als Telefondolmetscherinnen. 4. Kooperation der Dienste der Regelversorgung untereinander und mit den Migrations-, Sozial- und sonstigen Fachdiensten sowie mit Schlüsselpersonen der unterschiedlichen Migrantengruppen, - organisationen und -verbänden. Spezielle Behandlungserfordernisse können Spezialeinrichtungen notwendig machen. 5. Beteiligung der Betroffenen und ihrer Angehörigen an der Planung und Ausgestaltung der versorgenden Institutionen. 6. Verbesserung der Informationen durch muttersprachliche Medien und Multiplikatoren über das regionale klinische und ambulante Versorgungsangebot und über die niedergelassenen Ärztinnen/Ärzte und Beratungsstellen.

14 Sonnenberger Leitlinien Suchthilfe (2) 7. Aus-, Fort- und Weiterbildung der unterschiedlich relevanten Berufsgruppen in interkultureller Beratungs-, Behandlungs- und Kommunikationskompetenz unter Einschluss von Sprachfortbildungen. 8. Entwicklung und Umsetzung familienbasierter primär- und sekundärpräventiver Strategien für die körperliche und seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (Peer-Education-Programme) aus Migrantenfamilien. 9. Unterstützung der Bildung von Selbsthilfegruppen mit oder ohne professionelle Begleitung. 10. Sicherung der Qualitätsstandards für die Begutachtung von Migranten im Straf-, Zivil- (Asyl-) und Sozialrecht. 11. Aufnahme transkultureller Themen in die Curricula des Unterrichts für Studierende an Hoch- und Fachschulen. 12. Initiierung von Forschungsprojekten zur Sucht-Prophylaxe und Sucht- Behandlung von Migrantinnen und deren Behandlung.

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