Moderne Gesellschaft und Heimat Schwindet das Verantwortungsgefühl für unsere Heimat?

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1 Moderne Gesellschaft und Heimat Schwindet das Verantwortungsgefühl für unsere Heimat? Vortrag im Rahmen der Stormarner Naturschutzgespräche am 19. November 2004 in Bad Oldesloe von Thomas Schreitmüller, Tangstedt Nachdem Herr Hermannes mich bat, zu diesem Thema einen kleinen Vortrag zu halten -und ich leichtfertig zusagte- schaute ich in das Bedeutungswörterbuch von Duden bei dem Begriff: Heimat nach. Dort stand: Bereich, Land wo jemand zu Hause, woher jemand oder etwas stammt. Mir scheint der Begriff Heimat ist schwerer zu greifen. Es fehlt die emotionale Bindung. Wer z.b. als Austauschschüler für ein Jahr in die USA geht, hat trotzdem hier seine Heimat oder der hier geborene und aufgewachsene Sohn eines türkischen Gastarbeiters oder eines französischen Hugenotten kann trotz seiner Abstammung hier seine Heimat sehen. Heimat ist vielmehr der Ort des Kennens, des Gekannt- und Anerkanntwerdens. Heimat steht geografisch für den Ort, die Stadt, das Land oder die Gegend in der man heimisch ist, gerne lebt und mit dem man verbunden ist. Aber Gefühle, Gefühle der Verbundenheit verändern sich langsam. Wie viele Steinburger geben an, dass Steinburg ihre Heimat ist? Oder haben sie ihre Heimat in Eichede, Mollhagen oder Sprenge? Immerhin seit Anfang 1978 eine Gemeinde. Oder ganz woanders? Wie viele z. B. gebürtige Ostpreußen, die kriegsbedingt also vor rd.60 Jahren ihre Heimat verlassen mussten, sehen ihre Heimat weiterhin in Ostpreußen? Vaterland gleich Heimatland? Heimat kennt keine Grenzen. Wo sieht ein Ammersbeker, genauer ein Hoisbüttler, 100 Meter von der Hamburger Landesgrenze entfernt wohnhaft und in Hamburg erwerbstätig und die Freizeit in Hamburger Theatern, Kinos, Einkaufscentern und Fitnesstempeln verbringend seine Heimat? Heimat ist individuell, ein subjektives positives Empfinden zu einem vertrauten Ort, dem man sich Verbunden fühlt. Ein Ort den man kennt, ein Ort in dem man gekannt wird und anerkannt wird. Ein Ort, eine Landschaft lernt man kennen in dem man sich mit ihm und ihr beschäftigt. Die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten nimmt immer weiter ab. Die Bedeutung eines Wohn-Ortes als Stätte der Nutzbarmachung

2 fruchtbaren Bodens, gelegen an einem Wasserlauf der einen mit dem Lebensmittel Nr. 1 dem Wasser versorgt, ist vorüber. Leitungen, die für Frischwasser, soziale Kontakte, Informationen und vieles mehr gebaut werden sowie die unsichtbaren Funkwellen für Radio, Fernseher und Handy haben die räumliche Bedeutung eines Standortes übernommen. Verkehrsmittel, die die räumliche Entfernung unbedeutend erscheinen lassen. Früher zu Fuß oder mit dem Pferd. Der moderne Mensch fliegt, fährt mit dem ICE oder mindestens mit dem möglichst schnell fahrenden Auto. Führerschein am liebsten mit 16. Immer rasanter werden Entfernungen überwunden. In 90 min von Hamburg nach Berlin. In 4 Stunden auf Mallorca. Ein Arbeitsplatz 50 km vom Schlafplatz entfernt. Keine Seltenheit. Wo entsteht Bindung? Erwachsene beschäftigen sich mit ihrem Ort in dem sie spazieren gehen oder Auto fahren, selten Fahrrad und erkunden in dem sie sich die Landschaft aus der Wege-Perspektive betrachten. Die Zeit mit der die Landschaft mit allen Sinnen bewusst und genießend erlebt wird, ist gering. Kinder sind zumeist noch anders davor. Auch wenn das moderne Kind durch Fernsehen, Internet und Computerspiele auch immer seltener die Widrigkeiten unseres Wetters in Kauf nimmt. Konstante 22 Grad und trocken sind doch auch angenehmer. Aber in Kindern steckt noch Neugier, noch Entdeckungs- und Erforschungsdrang. Bauen Höhlen und Staustufen. Sie erkunden das Gelände auch noch außerhalb der Wege. Sie gehen manchmal noch zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule und zum Sportverein um die Ecke. So lernen sie ihre Heimat kennen. Heimat entsteht, dort wo man gekannt wird. Beziehungen zu Nachbarn und Freunden in der örtlichen Nähe braucht der moderne Mensch nicht mehr unbedingt. In der Not hilft z.b. der Schlüsseldienst aus der nächsten Stadt gegen Entgelt. Mit Handy und Internet pflegt er seine sozialen Kontakte. Der Fernseher gaukelt es ihm vor. Und gelegentlich besucht er seine Freunde in München und Thailand. Und wenn der moderne Mensch sich nicht mehr austauschen mag, schaltet er ab. Das gab früher bei der Großfamilie und in der dörflichen Gemeinschaft mit ihrer sozialen Kontrolle Probleme. Aber kontrollieren lässt sich der moderne Mensch gar nicht gern. Also wurde dieses Problem (auf)gelöst. Die erweiterte Arbeitsteilung und die Globalisierung bzw. Zentralisierung führen dazu, dass der moderne Mensch hinsichtlich seines Berufes und seines Arbeitsplatzes flexibel sein muss. Standortverlagerungen (wer Polnisch kann, verliert nicht seinen Arbeitsplatz, sondern darf mit umsiedeln, und Firmenzusammenschlüsse (schaffen sie Synergien mit ihrem spanischen Kollegen) mit zutragen, zeichnen den modernen Arbeitnehmer aus. Einkaufsgefühle werden heute immer noch geweckt. Aber nicht von Tante Emma. Sie wurde von der modernen Zeit zu billigen Preisen mit großer Auswahl überfahren. Apropos fahren, für unsere alltäglichen

3 Einkaufsbeziehungen fahren wir in die nächste Stadt. Für den Rest in die nächste Großstadt, da ist die Auswahl größer. Unsere freie Zeit verbringen wir nach Möglichkeit, möglichst weit weg von zu Hause. Unser Wochenendtrip geht in eine europäische Metropole und unseren Jahresurlaub verbringen wir am Besten in einem anderen Erdteil. Dort kann sich der angepasste moderne Mensch auch mal gehen lassen, ohne dass er gleich erkannt wird. Selbst das Standesamt in unserer Nähe ist langweilig. Neben dem Partner soll auch der Heiratsort aufregend sein. Ein hoher Leuchtturm ist das Mindeste. Das garantiert große Gefühle. Wo entsteht Bindung? Wer mit Kindern in einen anderen Ort zieht, lernt häufig über die Kinder andere Eltern oder besser gesagt immer häufiger Elternteile und Patchwork -Partner kennen. Kinder schließen schneller als Erwachsene Freundschaften und durch die eingeschränkte Mobilität erfolgt dies zumeist in der Heimatgemeinde. Im Kindergarten, in der Schule und im Sportverein stiften Kinder ihre Eltern zu nützlichen Bekanntschaften an aus denen sogar Freundschaften entstehen können. Die demographische Entwicklung, also weniger Kinder zeugen noch weniger Kinder wird dieses Potential weiter minimieren. Heimat entsteht, wo man anerkannt wird In der Heimat, also nicht in der Fremde oder im Exil, wird man mit seinen spezifischen Eigenschaften, mit seinem kulturellen Hintergrund akzeptiert. Man existiert nicht nur in einem Ort sondern ist gleichberechtigter Teil der ganzen Gemeinschaft. Die demografische Entwicklung zeigt, dass Ausländer eine überdurchschnittliche Geburtenrate aufweisen. Die Fachleute sagen vereinfachend: Unsere Gesellschaft wird nicht nur weniger und älter, sondern auch bunter. Insbesondere in den Ballungsgebieten ist es nicht gelungen, die Ausländer umfassend zu integrieren. Vielmehr wird in den Großstädten eine ausländische Parallel- Gesellschaft gelebt. Ohne Integration wird eine gesellschaftliche Akzeptanz auf beiden Seiten schwierig. Ein Heimatgefühl kann sich nur schwach ausprägen. Die Entwicklung der modernen Gesellschaft lässt schon das Heimatgefühl an sich schwinden. Wie steht es mit dem Verantwortungsgefühl? Verantwortung ist die Bereitschaft oder die Pflicht für Handlungen (aktiv oder passiv) die Folgen zu tragen. Legt man die Maslowsche Bedürfnispyramide zu Grunde lässt sich erkennen, warum Menschen motiviert sind. Sie nicht nur bereit sind die positiven Folgen ihres Handelns oder Unterlassens auf sich zu nehmen, sondern auch für die negativen.

4 Die biologischen Bedürfnisse (Essen, Trinken, Schlaf, Sexualität, Entspannung) dürften keine Rolle spielen. Die Sicherheitsbedürfnisse (Behaglichkeit, Ruhe, Freiheit von Angst) spielen schon eine bedeutendere Rolle. Atomkraftgegner, aber auch z.b. Kiesabbaugegner fühlen sich in der Regel in ihrer Wohnruhe, in ihrem Wohn(ungs)wert bedroht. Bedrohungen lösen große Gefühle und damit Handlungsbereitschaft aus. Bindungsbedürfnisse (Zugehörigkeit, Verbindung mit anderen, zu lieben und geliebt zu werden) erzeugen Engagement. Trotz stärkerer Individualisierung liebt der Mensch Gemeinschaftsgefühle. Selbst Männer liegen sich nach einem Fußballtor in den Armen. Die immer stärker werdende Selbstverwirklichung, also dem Bedürfnis nach der Verwirklichung von bedeutsamen Zielen, die Nutzung des eigenen Potenzials, führt jedoch dazu, dass die Bereitschaft eine Ein- oder sogar Unterordnung in eine Gemeinschaft hinzunehmen immer geringer wird. Das Anerkennungsbedürfnis durch andere, die soziale Achtung bekommt in der heutigen Zeit zumeist nur noch der Erste erfüllt. Das olympische Motto lautete einst: Dabei sein ist alles. Heute heißt es: Schneller, Höher und Weiter. Und der Zweite ist der erste Verlierer. Immerhin hier der Erste. Wer nicht führt, hört auf und sucht sich oder gründet bestenfalls eine Organisation, in der er das sagen hat. Mehr als 2-4 Macher verkraftet kein Klub, sonst kann sich keiner verwirklichen. Die immer größere Befriedigung der Bedürfnisse führt dazu, dass die Spitze der Bedürfnispyramide erklommen werden muss. Selbstverwirklichung Vieler und Bindungsbereitschaft und -fähigkeit sind kaum zu kombinieren. Die Finanznot - auch der kommunalen Haushalte- aber auch ein ausuferndes Gerechtigkeitsbedürfnis führen zu u.a.immer mehr Mischfinanzierungen. Gemeinden, Städte und Kreise haben für ihre Pflichtaufgaben zu wenig Geld. Aber für Maßnahmen, die den politischen Geschmack der jeweiligen Landesführung treffen, gibt es eine wohlwollende Unterstützung. Dafür muss erstmal ein seitenlanger Antrag gestellt werden und es müssen dann die Fördervoraussetzungen genau erfüllt werden. Zum Verantwortungsgefühl gehört aber auch die Handlungssouveränität. Der Erfüllungsgehilfe für gesetzliche Verpflichtungen zu sein, ist wenig attraktiv. Der Entscheidungsspielraum wird immer mehr eingeengt; durch mehr Bürokratie und weniger Gestaltungsmittel sprich Geld. Da Sparen und Kürzen wenig Spaß bringt, eine Anerkennung zumeist nicht nur versagt wird, sondern eine Abgrenzung der Person erfolgt, und der Erfolg des Handels im ausgebliebenen Misserfolg nicht deutlich wird, ist die Motivation sich hierbei einzubringen wenig vorhanden.

5 Insbesondere im politischen aber letztlich im gesamten gesellschaftlichen Bereich wird bürgerschaftliches Engagement zudem durch die Scheu vor langfristigen Bindungen, Freizeitverlust, unklaren Entscheidungswegen, die fehlende Bereitschaft feste Verpflichtungen eingehen zu wollen, Überlastung aus Beruf und/oder Familie, fehlende Anerkennung, Fremdbestimmung in freier Zeit, Angst vor fachlicher Überforderung und dem Kompetenzgegensatz zum hauptamtlichen Bereich demotiviert. Abhilfe würde eine verstärkte, breitere Bürgerbeteiligung bei der Zukunftsgestaltung schaffen. Entscheidungen, für die man die Verantwortung tragen soll, müssen schon von einem selbst getroffen werden. Hierfür müssen mehr Entscheidungskompetenzen in die Gemeinden, auf die Bürger verlagert werden. Dieses Heimatgefühl motiviert den Betroffenen, (den Infizierten) sich wiederum für seine Heimat zu engagieren. Dies stärkt die Verbundenheit und damit wiederum das Heimatgefühl. Die positive Spirale einer win win Situation entsteht. Die Diskussion bei den Verwaltungsstrukturen zeigt weiter in eine andere Richtung. Nur noch 3 Standorte für die Sozialhilfegewährung in Stormarn scheinen das Vorbild für weitere Verwaltungszentralisierungen zu sein. E- Government lässt Verwaltung vor Ort weiter schmelzen. Auch hiermit, mit dem Verlust weiterer Infrastruktur vor Ort geht ein weiterer Bezug verloren. Hatte der Mensch bisher sein Heimatgefühl hauptsächlich in seiner Gemeinde, weniger in der Region, im Bundesland oder in Deutschland darf man gespannt sein, ob sich die Heimatgefühle und damit die Handlungs- und somit auch die Verantwortungsbereitschaft auch auf großräumige Einheiten verlagern wird. Aber letztendlich denken Sie daran: Die ganze Welt ist ein Dorf.

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