Computer und Tanz: Zurück in die Zukunft?

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1 Der Tanz der Dinge, Nr. 41, Fall, 1998, Zürich. All rights reserved. Computer und Tanz: Zurück in die Zukunft? Robert Wechsler Palindrome Inter.media Performance Group Nürnberg, Germany Übersetzung: Helena Zwiauer "Wir sehen die Gegenwart in einem Rückspiegel, und bewegen uns dabei rückwärts in die Zukunft" - Marshall McLuhan (1) Im Gegensatz zu ihrem positiven Einfluß in vielen anderen Berufen stellen Computer im Tänzeralltag keine Erleichterung dar. Als Werkzeug hat der Computer dem Tänzer bis heute wenig zu bieten. Das liegt nicht etwa daran, daß die entsprechende Software nicht existiert. Es gibt in der Tat faszinierende Programme, um Choreographien zu erstellen und zu speichern oder sogar solche, die dabei helfen, Ballett zu unterrichten. Trotzdem werden diese Programme von der überwiegenden Mehrheit der Choreographen und Tänzer nicht eingesetzt. Überraschend? Kaum. Wenn wir den Arbeitsprozeß in den Tanzberufen betrachten, sehen wir, daß Bewegung auf physische Art von einem Körper auf den anderen übertragen wird. Dazu bedarf es keiner langen Diskussionen. Im Allgemeinen kommt man auch ohne schriftliche Unterlagen aus. Es ist ein einzigartiger, kinesthetischer Vorgang das Gefühl für die Bewegung eines Körpers wird in einem anderen hervorgerufen. Bei diesem Vorgang würde ein Computer höchstens störend wirken. Der Computer ist jedoch nicht nur ein Werkzeug, er ist auch ein Medium. Über das Internet wird es bald möglich sein, Tänze aus aller Welt zu sehen. Vielleicht wird es eines Tages sogar möglich sein, daß Tanzschaffende an verschiedenen Orten der Welt zur gleichen Zeit in "virtuellen Tanzstudios" miteinander proben. Für viele ist diese Vorstellung jedoch eher abstoßend als inspirierend. Wer will schon Tanz auf einem Computerbildschirm ansehen, wenn wir ihn in einem Tanzstudio oder Theater erleben können? Interaktive Systeme Möglicherweise liegt das größte künstlerische Potential des Computers weder in seiner Anwendung als Werkzeug, noch in seinem Gebrauch als neues Medium, sondern in seiner einzigartigen Fähigkeit, verschiedene Ausdrucksformen, die lange Zeit voneinander getrennt waren, miteinander zu verknüpfen; d.h. eine neue Art von Verbindung zwischen Menschen herzustellen. Timothy Binkley, Direktor der Abteilung für Computer an der School of Visual Arts in New York, schreibt: "Indem wir den Computer nur als Medium verstehen, unterschätzen wir seine Rolle im künstlerischen Schaffensprozeß... Die Stärke des Computers eröffnet uns Einsatzmöglichkeiten einer völlig neuen Größenordnung. Er ist kein untergeordneter Rechenknecht, sondern ein agiles, vielseitiges Instrument. Eine nie dagewesene Partnerschaft

2 zwischen Mensch und Maschine wandelt den künstlerischen Schaffensprozeß von Grund auf und fügt nicht nur ein weiteres Medium dem bestehenden Sortiment hinzu." 2 Im Bereich Tanz könnte dieser "grundlegende Wandel" neue Formen interaktiver Kunst hervorbringen. Schließlich ist Tanz eine Kunstform, die in der Interaktivität ihre Wurzeln hat. In ihren frühesten Manifestationen wurden Tanz und Musik einst als ein und dieselbe Kunstform betrachtet. Es gibt heute noch afrikanische Traditionen, in denen nur ein Wort für beides existiert! 3 Ein wechselseitiger Austausch von Energien und Impulsen zwischen tänzerischen und musikalisch-rhythmischen Ausdrucksformen war die Basis eines rituellen Ereignisses. In den westlichen Kulturen ist diese Interaktivität, was das Performance-Medium Tanz betrifft, durch die weite Verbreitung moderner Aufnahme- und Wieder-gabetechnik weit-gehend verloren gegangen. Die meisten Tänze werden heute zu aufgezeichneter Musik getanzt. Auch wenn Live-Musik gespielt wird oder zusätzlich andere Medien zum Einsatz kommen, folgen diese in der Regel klaren Vorgaben und werden als eigenständige Kunstwerke angesehen. Im selben Zuge wurde auch die Rolle des Publikums auf s Zusehen und Applau-dieren reduziert. Die aufkommende digitale Technologie könnte Zeichen für eine "Umkehr in die Zukunft" setzen, in der eine neue Interaktivität an die Stelle derjenigen tritt, die wir an frühere Generationen verloren haben. Gemeinsam mit dem deutschen Computer Ingenieur Frieder Weiß, dem Komponisten Erling Wold aus San Francisco und der schweizer Tänzerin und Choreographin Helena Zwiauer beschäftigt sich Robert Wechsler seit 1994 mit dem Einsatz von Computern in Tanzveranstaltungen. Die Company heißt Palindrome; ihr Interesse gilt der Interaktion. Erst die jüngsten Softwareentwicklungen für Musikkomposition, Choreographie, Klanggenerierung, Lichtdesign und die Bildenden Künste machen diese voneinander unabhängigen Kunstformen miteinander kompatibel. Über ein spezielles Computer- Kamera-System und über direkt am Körper befestigte Elektroden werden Musik- und Text- Samples, Bühnenlicht und Bildprojektionen gesteuert und stehen so in Interaktion mit den Bewegungen der Tänzer. Die Einzelheiten Palindrome verwendet zwei Methoden, um Interaktion zu erzeugen, sogenannte "Interface Parameter": Die erste stützt sich auf die Tatsache, daß kontrahierende Muskeln elektrische Impulse erzeugen. Diese können auf der Hautoberfläche mittels Elektroden aufgegriffen werden. (Solche Elektroden werden üblicherweise für EKG-Tests eingesetzt). Die Muskelsignale können auf andere Medien konvertiert werden. In unserem Tanz sind die Sensoren auf Oberschenkel, Bauch und Arm des Tänzers angebracht. Jeder der drei Muskelgruppen ist ein Ton-Kanal zugeordnet. Beim Anspannen der jeweiligen Muskelgruppe wird der entsprechende Ton hörbar. Auf ähnliche Weise werden auch drei verschiedenfarbige Lichtkanäle gesteuert. In Heartbeat Duett wird der Herzschlag zweier Tänzer über ebensolche Elektroden während des Tanzes drahtlos an einen Computer gesendet. Jeder Herzschlag wird auf einen Musikton konvertiert. Zusätzlich erscheint auf einem Bildschirm hinter den Tänzern eine Graphik, auf der die zeitliche Veränderung beider Herzschläge aufgezeichnet wird. Die Interaktionen mit Elektroden basieren interessanterweise nicht auf Bewegung jedenfalls nicht direkt sondern eher auf Spannung. Man muß sich nicht bewegen um Muskeln anzuspannen. Das Medium, das auf die Signale der Muskeln reagiert, offenbart, was der Tänzer auf physischer Ebene "fühlt", bzw. was normalerweise hinter der "Sprache" der Bewegung verborgen bleibt. Am Ende von Heartbeat Duett z.b. sind die Herzfrequenzen der Tänzer durch die physische Anstrengung auf mehr als das Doppelte gestiegen, obwohl die Bewegungen, ähnlich dem Beginn des Tanzes, Ruhe ausstrahlen. Die zweite Methode, die zum Einsatz kommt, basiert auf sogenanntem "Frame-grabbing", dem Erfassen und Abspeichern von Videobildern im Computer. Hierfür sind drei mini-videokameras

3 an drei verschiedenen Punkten im Umfeld der Bühne installiert. Eine über und eine jeweils in einer vorderen Ecke der Bühne. Zusammen geben sie dem Computer eine dreidimensionale Sicht des Geschehens auf der Bühne. Indem die Bewegung des Tänzers auf einem Bildschirm erfaßt und festgehalten wird und diese Information innerhalb kürzester Zeit von einer Software bearbeitet werden kann, ist es möglich, Tanz auf andere Medien zu konvertieren. Jede Veränderung in einem einmal erfaßten Bild, die schon durch kleinste Bewegungen ausgelöst werden kann, ist als Impuls, um Reaktionen in anderen Medien hervorzurufen, nutzbar. Palindrome hat für dieses System zwei verschiedene Softwareprogramme entwickelt. Das eine heißt touchlines. Es erlaubt, Linien "über" bzw. in Videobilder zu zeichnen, die vorher von einem "frame-grabber" aufgenommen wurden (siehe Abb. 1). Diese Linien reagieren auf Veränderungen im Bildhintergrund. Durch die Handbewegung z.b. eines Tänzers, der eine dieser Linien "berührt", können Tonpassagen, Musiknoten, Lichtveränderungen, Bildprojektionen und dergleichen ausgelöst werden. Touchlines können unterschiedlich programmiert werden. Eine Linie kann beispielsweise so sensibel sein, daß sie auf die kleinste Bewegung eines Fingers reagiert oder so grob, daß eine sich über die gesamte Bühnenbreite erstreckende Bewegung notwendig ist, um sie anzusprechen. Außerdem können touchlines dazu verwendet werden, andere Linien zu steuern, sie ein- oder auszuschalten, neue Linien ins Bild zu rufen oder nicht mehr benötigte Linien zu entfernen. Minotaur zeigt die bisher raffinierteste Anwendung dieses Prinzips. Dabei spielen vier Tänzer ein komponiertes Musikstück ausschließlich durch ihre Bewegungen im Raum. In diesem sechsminütigen Stück werden 250 Touchlines verwendet. Die Koordinierung der Linien erfolgt durch Unterteilung des Stücks in musikalische "Szenen", die nacheinander auf dem Bildschirm erscheinen. In Minotaur wird der Tänzer gleichzeitig zum Musiker. Das zweite Programm heißt CRAT (colour recognition and tracking). Es funktioniert im Prinzip so ähnlich wie touchlines. Allerdings kann hier der Computer jeden Tänzer einzeln wahrnehmen, indem er die verschiedenen Kostümfarben unterscheidet. Genau wie touchlines kann auch CRAT dazu verwendet werden, verschiedene Medien zu steuern. Im Stück S.E.T.I. werden die Bewegungen der Tänzer im Raum graphisch auf einer Leinwand wiedergegeben. Jeder Tänzer hinterläßt eine bleibende Spur seiner Farbe in der projizierten Draufsicht der Bühne. CRAT hat den Vorteil, daß nicht nur die absoluten Positionen der Tänzer erfaßt werden können, sondern auch deren relative zeitliche und räumliche Veränderungen. Dadurch wird es möglich, Richtung und Geschwindigkeit einer Bewegung zu beschreiben, die wiederum als Parameter für Interaktionen dienen können. Schließlich erlaubt diese Methode auch, die Abstände der Tänzer zueinander zu erfassen. Das Stück Abstände nutzt diese Technologie, um die Psychologie des Abstands zwischen Menschen erfahrbar zu machen. Es ist bekannt, wie wichtig es ist, daß ein der jeweiligen Situation angemessener Abstand zwischen Menschen gewahrt bleibt. Wir teilen solche zwischenmenschlichen Abstände in drei Typen ein: den Abstand Frau zu Frau, Mann zu Mann, und den Abstand von Mann zu Frau. Diese drei "Geschlechter-Abstände" kontrollieren je einen von drei Kanälen in der Musik. Das bewirkt zum Beispiel, daß wenn zwei Tänzerinnen sich einander nähern, ein spezieller "Frau-zu-Frau" Klang in der Musik die anderen Klänge dominiert und so fort. Tänzer als Musiker Unsere ersten interaktiven Stücke haben wir überwiegend zuerst choreographiert und dann in das interaktive Umfeld gesetzt. Manche Töne wurden gezielt durch eine bestimmte Bewegung verändert, andere beim zufälligen Kreuzen einer Linie durch den Tänzer ausgelöst. Diese zweite Art von Interaktion die durch Zufall entsteht ist problematisch. Da das Publikum die im Raum verstreuten touchlines nicht sehen kann, hat es keine Möglichkeit zu erkennen, ob und wie der Ton mit der Bewegung in

4 Zusammenhang steht. Sie fragen sich vielleicht, welchen Sinn es dann überhaupt hat, ein solch kompliziertes System aufzubauen? Natürlich haben auch wir uns diese Frage gestellt. Bis ich nach den ersten Duchlaufproben auf etwas aufmerksam wurde ein Effekt, den ich zum ersten Mal in den 70er und 80er Jahren in den faszinierenden Arbeiten von John Cage und Merce Cunningham beobachtet hatte. In diesen Stücken versuchen die Tänzer keine Übereinstimmung von Bewegung und Musik herzustellen. Dennoch, dieser scheinbaren Bezugslosigkeit zum Trotz oder gerade wegen ihr entstanden immer wieder Momente, in denen sich Bewegung und Ton in phantastischer Kongruenz vereinigten. Diese Augenblicke sind von solch bestechender Einzigartigkeit, daß man spürt: dieser Moment konnte nicht vorausgeplant werden und ist auch nicht wiederholbar. Durch den Einsatz von digitaler Technik wird vielleicht auf neue Art eine ähnliche Begegnung von Bewegung und Musik möglich, die solche Momente einzigartiger Übereinstimmung hervorbringen kann. Vielleicht hat der Computer für Tänzer also doch eine spezielle Bedeutung. Trotz der raschen Verbreitung des Tanzes bzw. der Bewegung als Kunstform, die in der westlichen Welt erst um die Jahrhundertwende aufgekommen ist, wird Tanz, von einigen wichtigen Ausnahmen abgesehen, weiterhin als eine den übrigen darstellenden Künsten untergeordnete Kunstform betrachtet. Machen Sie folgenden Test, wenn Sie das nächste Mal eine Tanzvorstellung ansehen: Fragen Sie Ihre Nachbarn, was sie über das Gesehene denken. In den meisten Fällen wird man Ihnen die Musik beschreiben. Die Musik dominiert üblicherweise den Gesamteindruck und damit die Reaktion des Publikums. Tanz wird somit in erster Linie als visualisierte Musik verstanden, oder als eine verbildlichte "Geschichte". Interaktive Medien bieten die Möglichkeit, diese Beziehung dynamisch zu machen. Musik oder Licht können nunmehr ihrerseits dem Tanz "folgen". Dieses Konzept kommt manchen Lesern vielleicht revolutionär vor; Tatsächlich aber hat Merce Cunningham schon in den 50er Jahren eine Revolution in der Tanzwelt herbeigeführt, die folgendes bewirkte: Bewegung als Kunstform wurde aus ihrer Abhängigkeit von Musik und Inhalt herausgelöst. In der Sicht all jener, die die Eigenständigkeit eines jeden Mediums als selbstverständlich akzeptieren, liegt die Bedeutung unseres Experiments noch einen Schritt weiter. In "interaktiven Tänzen" wird die Beziehung, die zwischen Musik und Bewegung besteht, nicht einfach umgekehrt, (so daß nun die Musik dem Tanz folgt, statt der Tanz der Musik). Es handelt sich hier vielmehr um eine grundsätzlich neue Beziehung. Traditionsgemäß arbeiten Tänzer daran, möglichst genau "auf" die Musik zu tanzen und durch Phrasieren der Bewegung Synchronität mit den Akzenten in der Musik zu erzielen. Im Fall von computergestützter Interaktion ist die Relation von Bewegung und Musik automatisch und augenblicklich gegeben. Auf den ersten Blick scheint dies den Tod jeder natürlichen Kommunikation zwischen Tanz und Musik zu bedeuten. Bei genauerem Hinsehen jedoch stellt man fest, daß dem nicht so ist. Es ist einfach eine neue Art von Beziehung. Die Anforderungen an die Musikalität des Tänzers sind eher noch höher, da wir nun seine Phrasierung sowohl sehen als auch hören können! In gewisser Weise verfügt der Tänzer dadurch über mehr künstlerische Ausdruckskraft als je zuvor. Interaktion des Publikums Dem Zuschauer eine aktive Rolle im Bühnengeschehen zu geben, ist eine reizvolle Herausforderung. An einer Stelle in unserem Programm erscheinen Touchlines über den Köpfen der Zuschauer, so daß das Publikum durch Gesten oder Bewegungen, z.b. das Aufstehen von den Sitzen, Musik erzeugen und damit das Geschehen auf der Bühne akustisch bereichern kann. Auch wenn das Resultat anfangs recht chaotisch klingt, weil die Zuschauer, anders als die Mitwirkenden, diesen Teil nicht geprobt haben, findet das Stück beim Publikum großen Anklang. (Vielleicht der gleiche auflockernde Effekt, wie der des

5 "seventh-inning stretch" beim Baseball). Natürlich ist oft unklar, wer welchen Sound ausgelöst hat. Es stellt sich die Frage, wie ein System beschaffen sein muß, damit es nicht auf die reine Unterhaltungsebene abgleitet und der Zuschauer auch nachvollziehen kann, was eigentlich passiert. Diese Arbeit lebt davon, daß das Publikum realisiert, wie das interaktive System funktioniert, d.h. erkennen kann, was Ursache ist und was Wirkung. Die Schwierigkeit liegt darin, einen Weg zu finden, das Publikum verstehen zu lassen, ohne "belehrend" zu wirken. Direkt ans Publikum gerichtete Erklärungen unterbrechen die sinnliche Erfahrung und können im Rahmen einer künstlerischen Arbeit den Gesamteindruck ebenso stören wie mangelndes Verstehen. Palindrome wendet unterschiedliche Strategien an, um diesem "künstlerischen Dilemma" zu begegnen. Eine Möglichkeit ist, ein Stück langsam, Schritt für Schritt aufzubauen und dabei mit einfachsten Beispielen für Interaktion zu beginnen. So kann ein Stück in seinem Verlauf selbsterklärend sein. Eine andere Möglichkeit ist, Erklärungen über ein anderes Medium zu vermitteln, z.b. durch Projektionen von Graphiken und/oder Text auf einer Leinwand oder durch Anmerkungen im Programmheft. Ich persönlich finde, daß an passender Stelle eingeflochtene verbale Erklärungen im Stück nicht störend wirken müssen. Allerdings bevorzuge ich es, während oder nach dem Stück zu erklären, um dem Publikum die Unvoreingenommenheit nicht zu nehmen. Reality bytes Eine Beschreibung solche Arbeit mit Computern, wäre nicht vollständig ohne auf die damit verbundenen Risiken einzugehen. Ich denke nicht in erster Linie an den Verlust von "Menschlichkeit", dem wir ausgesetzt sind, wenn wir so eng mit Maschinen zusammenarbeiten. Ich beziehe mich vielmehr auf die banalen, alltäglichen Probleme, die bei jeder Benutzung von Computern auftauchen. Computer stürzen ab. Eine Tatsache, die zur Realität moderner Computertechnologie gehört und damit auch zu jeder Show, die damit arbeitet. Die Probenarbeit mit Computern ist sehr nervenaufreibend und, was noch schlimmer ist, mitten in der Show können unvorhersehbare Dinge geschehen. Computer-Freaks werden sagen, das liegt nur daran, daß diese Programme neu sind. In ein, zwei Jahren wird alles anders sein. Vielleicht. Persönlich glaube ich jedoch, daß das Argument, Computer seien grundsätzlich unzuverlässig, der Wahrheit näher kommt. Die Spaceshuttle wird von einem Computer gesteuert, vier weitere sind als "back-ups" an Bord, also nur zur Absicherung! 5 Manche mögen daraus folgern, daß Computer für die Bühne absolut ungeeignet sind. Dem möchte ich entgegnen, sie sind, meiner Meinung nach, nicht mehr oder weniger ungeeignet, als sie es für irgendeinen anderen Bereich unseres Lebens sind, in dem sie schon Einzug gehalten haben. Es setzt sicherlich ein etwas "reformiertes" Konzept von Theater voraus. Wenn man der Meinung ist, daß alles, was auf der Bühne gezeigt wird, perfekt und jederzeit reproduzierbar sein muß, (wie es traditionsgemäß der westlichen Auffassung von Tanz und Theater entspricht), dann wird man solche Risiken nur schwer akzeptieren können. Wenn man künstlerisch tätig sein will und zu Themen wie Computer und Gesellschaft Bezug nimmt, muß man auch das Risiko in Kauf nehmen und mit ihm umgehen lernen. Die Tanzwelt steht dem Einsatz von Computern eher skeptisch gegenüber. Da ich selbst Tänzer bin, kann ich diese Zurückhaltung leicht nachvollziehen. Computer verlangen nicht nur eine neue Einstellung zum Theater. Sie verkörpern für viele eine Verdrängung dessen, was Tanz in seinem Innersten bedeutet: Der Ausdruck des sinnlichen und ursprünglichen Aspekts menschlicher Existenz. Als Tänzer und Tanz-Interessierte stehen wir dem Umstand, daß der Computer eine so wichtige Rolle in unseren Performances spielt, mit gemischten Gefühlen gegenüber. Ungeachtet dieser Gefühle konfrontiert uns die

6 Realität jedoch mit der Tatsache, daß das "Computerzeitalter" begonnen hat. Es gibt Computer und sie werden uns und unsere Welt in einer Art und Weise verändern, die wir uns heute noch gar nicht in allen Ausmaßen vorstellen können. Marshall McLuhan, der "Vater der Medienwissenschaft", warnte davor schon vor 30 Jahren, als er schrieb: "Die neuen Medien und Technologien, durch die wir uns selbst erweitern und ausdehnen, bedeuten einen enormen chirurgischen Eingriff auf den Körper unserer Gesellschaft... Wonach wir heute suchen, ist entweder ein Mittel solche Operationen zu kontrollieren... oder sie gänzlich zu vermeiden. Eine Krankheit zu haben, ohne sichtbare Symptome, heißt, immun gegen sie zu sein. Keine Gesellschaft hat ihre Handlungen noch ausreichend verstanden, um ihren eigenen Ausdehnungen (Medien) oder Technologien gegenüber immun zu werden. Wir beginnen heute zu ahnen, daß Kunst möglicherweise solche Immunität verleihen kann. Der Künstler erkennt die Botschaft kultureller und technologischer Herausforderungen Jahrzehnte bevor deren umwälzende Veränderungen sichtbar werden". 6 Künstler haben u.a. die Aufgabe, sich selbst und ihre Kunst genau da zu platzieren, wo die Gesellschaft der stärksten Strömung ausgesetzt ist. Die Risiken sind beträchtlich, aber der Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen, birgt in sich Gefahren von ganz anderer Dimension.

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