Predigt zu Jes 49,13-16 am 1. Sonntag nach Weihnachten

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1 Predigt zu Jes 49,13-16 am 1. Sonntag nach Weihnachten von Vikar Michael Coors Liebe Gemeinde, I) der Predigttext stößt uns auf eine Frage, die vielleicht so unmittelbar nach den Festtagen etwas unpassend scheint: Wann ging es Ihnen das letzte mal so richtig mies, so richtig schlecht? Vielleicht ist das ja gar nicht so lange her. Bekannt ist ja, dass gerade an Heilig Abend all die Konflikte in der Familie, die man so lange unter den Teppich gekehrt hat, plötzlich hochkommen. Und manch einer leidet vielleicht an seiner Einsamkeit wo jetzt alle anderen gemeinsam feiern. Andere wären vielleicht lieber allein, weit weg von all dem Trubel mit der Familie. Aber vielleicht hatten sie ja auch schöne Weihnachtstage, und dass es ihnen mal so richtig schlecht ging, liegt schon eine Weile zurück im besten Fall, liegt es schon lange zurück. Auf jeden Fall, kennen wir solche Zeiten, in denen alles in Trümmern zu liegen scheint, in denen wir keinen Blick mehr nach vorne richten können. Da trübt sich der Blick, und man sieht das Gute im Leben nicht mehr. Wir kennen solche Tage, jeder von uns manche erleben sie öfter, andere seltener. Solche Tage waren das damals für die Menschen von Jerusalem, für die Stadt auf dem Zionsberg. Krieg war gekommen und hatte die Stadt verwüstet, viele Menschen waren fortgeschleppt worden ins Exil nach Babylonien, fern ihrer Heimat. Tage der Verzweiflung und des Kampfes um das Überleben waren das. Und da ertönt nun fern der Heimat im Exil die Stimme des Propheten: Freut Euch, Himmel und Erde, 1

2 jubelt ihr Berge! Denn der Herr rettet sein Volk, er hat erbarmen mit den Unterdrückten. Blanker Hohn möchte man meinen. Wenn mir jemand so kommt, wenn gerade alles schief läuft und nichts mehr so recht passt im Leben ich würde ihm was erzählen. Und genau das taten die Menschen damals auch. Sie klagten dem Propheten, sie klagten Gott ihr Leid: Gott hat uns verlassen, er denkt nicht mehr an uns! Im Stich gelassen wurden wir, alleine, ohne Hilfe. Und wir sollen jubeln? Geh doch jemand anders verhöhnen! Doch der Prophet hat einen Trost anzubieten, den man selbst in der Situation tiefsten Elends noch hören kann, weil man sich nichts sehnlich wünscht als das, was versprochen wird: Dein Elend wird ein Ende haben! Dein Leiden geht vorbei! Gott vergisst dich nicht, Gott verlässt nicht die Seinen. Sicher, das hört man gerne, aber es wirklich anzunehmen ist dann doch noch mal eine andere Sache: Wenn man so richtig tief drin steckt im Dreck, dann scheint einem all zu schnell auch das ein leeres Versprechen: Man sieht halt nur noch, das, was direkt vor Augen ist: Leid, Elend, Einsamkeit, Trauer... Da braucht es mehr als ein gutes Wort des Versprechens. Und so untermauert der Prophet dieses Versprechen mit einem Bild: Welche Mutter, so fragt der Prophet das Volk, würde denn ihr kleines Kind vergessen oder verlassen? Genau das aber ist Gott für Euch: Eine Mutter - ein Mutter, die ihr Kind nicht verlässt. Und wenn das Kind vor lauter Schreien und Tränen in den Augen, die Mutter nicht mehr wahrnimmt, so ist sie doch da und sorgt für ihr Kind. So ist Gott für Euch da! II) Gott als Mutter, die da ist für ihr Kind das ist gerade in den Weihnachtstagen, wo wir soviel vom 2

3 Vater und seinem Sohn reden, ein erfrischend anderes Bild. Ein Bild das vieles deutlich macht, selbst dann wenn es einem nicht gut geht zumindest mir hilft es auch dann, wenn es gerade schlecht geht: Das Leiden, die Anfechtung wird darin nicht einfach übergangen, sondern ernst genommen: Ja es geht euch schlecht! Und das ist völlig in Ordnung. Welche Mutter, würde ihrem Kind verbieten traurig zu sein, zu weinen, wenn ihm etwas fehlt, wenn es ihm nicht gut geht. Und doch gehört es zum Leben dazu, gehört zum Leben eines Kindes, zu weinen, traurig zu sein, zu schreien, zu klagen. Und wenn es im rechten Maß geschieht, so wächst ein Kind daran, ja, es lernt wichtiges für sein Leben. Seine Mutter aber wird da sein, wird es trösten und wird ihm helfen, diese Trauer zu überwinden. Gibt es ein kraftvolleres Bild als eine Mutter, die ihr weinendes Kind in den Armen hält, um es zu trösten? Sicher, es ist ein Bild. Ein Bild, das helfen kann, sich nicht völlig in seinem eigenen Leiden zu verlieren. Aber Bild bleibt Bild - in Wirklichkeit müssen vielleicht gerade damit leben, dass wir eben genau das nicht erleben: dass da einer oder eine ist, die mich tröstet. Es wäre doch so viel einfacher und schöner wenn die Mächte des Guten und der Erlösung so greifbar und sichtbar wären, wie in manchen Fantasiewelten wenn sie Engeln gleich als Elben über die Erde wandeln würden, um das Böse zu bekämpfen. In den vergangenen Tagen, konnte man es wieder im Fernsehen genießen: Diesen Traum, diese Utopie, dass das Gute das Böse bekämpft und besiegt, dass die Mächte des Guten den Herrn der Ringe am Ende nieder ringen. Gleich Lichtgestalten eilen sie Menschen und Hobbits zur Hilfe, 3

4 sie zu Unterstützen im Kampf um das Gute. Aber so ist die Wirklichkeit halt nicht. Wir sind Menschen, selber verstrickt in Gutes und Böses. Allzu oft selber Verursacher von Leiden und Elend. Da ist es nicht so einfach, und unsere Konflikte und sind oft viel komplizierter da ist nicht hier Gut und dort Böse. Keine greifbaren Gestalten des Guten, sondern ein Wort, ein Versprechen haben wir: Gott verspricht seinem Volk Rettung, Zion einen Neubeginn, und noch nichts ist davon zu sehen, noch nichts ist davon zu spüren. Aber dennoch, was zählt ist: Gott verspricht es, er hat es beschlossen. Kann das allein mir wirklich Trost. Kann das mir Kraft geben in Krisenzeiten? III) An Gottes Versprechen festzuhalten, selbst, wenn alles um einen herum zusammenzubrechen scheint, selbst in den tiefen Krisen des Lebens - darum geht es auch an Weihnachten: Ein Kind im Elend geboren ist der Retter der Welt, soll uns Hoffnung schenken. Hier gilt es seinen Blick nicht fesseln zu lassen, nicht nur auf das Elend zu schauen, sondern wahrzunehmen, dass in allem Elend immer noch Gott handelt, dass in der Finsternis das Licht scheint. Und genau das ist es auch, was der Prophet damals von Israel verlangt: Richtet Euren Blick doch auf Gott, und nicht auf euer Elend, nicht auf eure Gefangenschaft. Therapeuten haben für das, was hier geschieht, einen eigenen Begriff: Sie nennen es refraiming. Das heißt: die eigenen Situation in einen weiteren Rahmen sehen. Das ist es, was der Prophet seinem Volk hier zumutet: Seht eure Situation in einem weiteren Kontext, schaut nicht nur auf das, was vor Augen liegt, sondern schaut auf Gott und sein Versprechen. Das ist der Rahmen, den ihr se- 4

5 hen müsst. Wer seine Krise so in einem weiteren, einem anderen Rahmen setzen kann, der entdeckt oft überraschend neue Wege und Perspektiven. Und dieser Rahmen ist weder für das Volk Israel noch für uns ein bloß fiktiver Rahmen: Israel hat ja seine Geschichte mit diesem Gott, es hat die Erinnerungen und Erzählungen, dass Gott es schon einmal aus der Gefangenschaft befreit hat. Und der Prophet wird nicht müde, sie daran immer wieder zu erinnern: Denkt an das, was Gott schon alles für Euch getan hat! Ihr habt es doch erlebt: Gott vergisst euch nicht. Und auch wir haben unsere Geschichte mit Gott: Gerade an Weihnachten haben wird es ja gefeiert, dass Gott einen neuen Rahmen setzt. Gott wird Mensch, im Elend der Welt geboren. Hier ist das Gute doch einmal greifbar geworden man musste es nur sehen können. Der alte Simeon am Tempel sah das Besondere in diesem Kind, er sah, dass hier etwas vom Glanz Gottes auf unsere Welt gekommen war verborgen unter armen Lumpen. Simeon konnte es im wahrsten Sinne des Wortes be-greifen. Gott sprengt den Rahmen von Leiden und Tod - soweit, dass er aus dem tiefsten Leiden, aus dem Tod Jesu, neues Leben schafft. Das ist der weitere Rahmen, in dem wir unsere Krisen, unser Elend, unser Leiden wahrnehmen können: Gott hat schon gehandelt, seine Versprechen sind keine leeren Versprechen, das Bild der Mutter, die für ihr Kind sorgt ist kein leeres Bild. So kann Gott auch aus unserem Leiden, aus unserem Elend, aus unserer Anfechtung, neues schaffen uns zu Gute. IV) Gott ist die Mutter, die ihr Kind nicht verlässt, auch wenn es vor lauter Tränen die Mutter kaum 5

6 noch wahrnimmt. Gott ist der Vater, der seinen Sohn durch den Tod zu neuem Leben führt, um uns neues Leben zu schenken. Dass aus allem Leiden, aus aller Anfechtung, aus Krankheit, Trennung, Schmerz, ja sogar aus dem Tod, noch etwas neues erwachsen kann, weil Gott auch hier noch da ist, auch das ist die Botschaft von Weihnachten - und das ist die Botschaft des Propheten für sein Volk. Wir haben das Versprechen Gottes, wir haben die Erinnerung an das, was er getan hat, die Überlieferungen unserer Mütter und Väter im Glauben, und wir haben unsere Erfahrungen Gott verlässt uns nicht, selbst im tiefsten Leid. Am Ende bleibt es doch immer wieder war, so schlicht und naiv es auch klingen mag: tiefer als in Gottes Hände können wir nicht fallen und seine Hände werden uns wieder emporheben. Das löst nicht unsere Probleme, es vertreibt nicht das Leiden aus unserem Leben, es beseitigt nicht einfach alle Krisen: Aber bei Gott finden wir Kraft, hier finden wir Trost, das Leben mit all seinen Krisen zu leben und zu gestalten. Und darum können wir es doch sagen: Freut euch Himmel und Erde, jubelt ihr Berge! Denn der Herr rettet sein Volk, er hat Erbarmen mit den Unterdrückten. 6

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