Anglizistische Berufsbezeichnungen in deutschen und schwedischen Stellenanzeigen

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1 Stockholms universitet Institutionen för baltiska språk, finska och tyska Avdelningen för tyska Anglizistische Berufsbezeichnungen in deutschen und schwedischen Stellenanzeigen -Eine kontrastive Studie anhand der Tageszeitungen Süddeutsche Zeitung, Dagens Nyheter und Svenska Dagbladet- Thorsten Seidel Examensarbete för kandidatexamen 15 högskolepoäng Handledare: Fil. Dr. Charlotta Seiler Brylla VT 2013

2 Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung Thema der Arbeit Ziel der Arbeit Material und Vorgehensweise Abgrenzung Anglizismen im Schwedischen und Deutschen Ein kurzer historischer Überblick Anglizismenkritik in Schweden Anglizismenkritik in Deutschland Forschungsübersicht Anglizismus und Entlehnung Forschung in Schweden und Deutschland Forschung auf dem Gebiet dieser Arbeit Medienauswahl, Vorgehensweise und Fachterminologie Medienauswahl Vorgehensweise Fachterminologie option () rtielle Reproduktion () Konstruktionsreproduktion () Polysemiereproduktion (PR) Scheinanglizismen Auswertung Quantitative Auswertung Qualitative Auswertung Unterschiedliche Integration von controller und manager Unterschiedliche Integration des Anglizismus web Ein Beispiel für den Einfluss des Englischen auf Morphologie und Semantik Aufwertung traditioneller Berufsbezeichnungen durch Anglizismen 6. Diskussion Schlussfolgerung und Ausblick Bibliographie Anhang

3 1. Einleitung 1.1. Thema der Arbeit In dieser Arbeit wird ein Vergleich der Anglizismen in schwedischen und deutschen Stellenanzeigen in Bezug auf Häufigkeit, Art der Transferenz sowie der Integration angestellt. Berufsbezeichnungen bieten dabei ein interessantes Forschungsobjekt, da sie zum einen keinem redaktionellen Einfluss unterliegen und zum anderen ihre Formulierung von vielen variierenden Verfassern vorgenommen wird. Somit sollten sie einen möglichst authentischen Sprachgebrauch widerspiegeln. Beiden untersuchten Sprachen gemeinsam ist ihr germanischer Ursprung, sie unterscheiden sich jedoch deutlich in der Zahl der Muttersprachler. Das Schwedische hat weltweit circa 10 Millionen Sprecher, während das Deutsche circa 110 Millionen aufweist. Wie wirkt sich nun der Einfluss des Englischen auf eine relativ kleine Sprachgemeinschaft verglichen mit einer relativ großen aus? Hier liegt es nahe anzunehmen, dass das Schwedische stärker vom Englischen beeinflusst wird als das Deutsche, da es sich eher dem Englischen zu öffnen hat, um international kommunizieren zu können. Inghult (2002, 15) bemerkt dazu folgendes: Englischkenntnisse werden in beiden Ländern immer weiter verbreitet. Diese Entwicklung war in dem kleinen Staat Schweden schneller und stärker als in der Bundesrepublik, wo sich kraft der Größe und der wirtschaftlichen Stärke des Landes sowie der Stellung des Deutschen als Fremdsprache die einheimische Sprache etwas besser gegen das Englische behaupten konnte. Nicht nur die unterschiedliche Anzahl der Muttersprachler kann als ein Anhaltspunkt für den Zustrom von Anglizismen herangezogen werden sondern auch die Begegnung mit dem Englischen im alltäglichen Leben. In Schweden ist es üblich, Filme im Originalton auszustrahlen und mit schwedischen Untertiteln zu versehen, während in Deutschland Filme in der Regel synchronisiert werden. Ein weiterer Unterschied ist anhand der Werbung abzulesen. Auch hier ist das Englische in Schweden stärker präsent als in Deutschland. Zum Beispiel verwendet McDonald`s in Schweden den englischen Slogan I`m lovin`it! 1 hingegen in Deutschland die deutsche Übersetzung Ich liebe es! 2. Die schwedische Telefongesellschaft Tele2 wirbt in Schweden mit Werbespots komplett auf Englisch, born to be cheap 3 während sie in Deutschland ihre Reklame auf Deutsch 1 Aufruf, 27.Juni Aufruf, 27. Juni Aufruf, 27. Juni

4 ausstrahlt, warum mehr bezahlen? 4. Ein weiterer Bereich, in dem Englisch in Schweden ebenfalls frequenter vorzukommen scheint als in Deutschland, ist der der Kursbücher. Diese Annahme entstammt der eigenen Erfahrung aufgrund eines Studiums der Betriebswirtschaft sowohl in Schweden als auch in Deutschland. Während in Deutschland sämtliche Kursbücher des Grundstudiums auf deutsch waren, so fanden sich in Schweden einige auf englisch. Diese Erfahrung wird zumindest für das Schwedische durch eine Studie von Höglin (2002) bestätigt, in der er feststellt, dass ungefähr 87% der Kursliteratur der technisch-naturwissenschaftlichen Fakultäten auf englisch ist. Danach folgt eine Gruppe von Fakultäten mit 41 49%. Die Ausbildung für das Lehramt, mit seinen 5%, liegt am niedrigsten (Höglin 2002, 29). 5 (Übersetzung TS). Anhand dieser Beispiele wird deutlich, dass Englisch in Schweden häufiger im Alltag vorkommt als in Deutschland Ziel der Arbeit Mit dieser Arbeit soll die Verbreitung von Anglizismen in schwedischen und deutschen Stellenanzeigen aufgezeigt werden. Insbesondere soll eine Antwort auf die Frage gefunden werden, ob das Lexikon einer relativ kleinen Sprachgemeinschaft, wie die des Schwedischen, stärker durch das Englische beeinflusst wird, als das einer relativ großen. Darüber hinaus soll anhand der Art der Transferenz und des Integrationsgrades der Anglizismen eine Antwort auf die Frage gefunden werden, ob das Schwedische und das Deutsche sich diesbezüglich ähnlich verhalten. Abschließend wird noch der Frage nachgegangen, ob von einer Dominanz anglizistischer Berufsbezeichnungen in Stellenanzeigen gesprochen werden kann. 4 Aufruf, 27. Juni Omkring 87 % av kurslitteraturen på den teknisk-naturvetenskapliga fakulteten är engelska. Därefter följer en klump av fakulteter med mellan %. Lärarutbildningen med sina 5 % ligger lägst (Höglin 2002, 29). 4

5 1.3. Material und Vorgehensweise Die Daten der untersuchten Korpora entstammen auf deutscher Seite dem Stellenmarkt der Süddeutschen Zeitung und auf schwedischer den Stellenmärkten des Svenska Dagbladet und Dagens Nyheter. Bei allen drei Zeitungen handelt es sich um überregionale Tageszeitungen, die führend in ihren Auflagen ihres jeweiligen Landes sind. Für das schwedische Korpus war es notwendig gewesen, zwei Zeitungen heranzuziehen, um zwei zahlenmäßig vergleichbare Korpora zu schaffen. Das schwedische Korpus umfasst 320 anglizistische Berufsbezeichnungen und das deutsche 333. Der untersuchte Zeitraum umspannt die Monate Januar bis September Die anglizistischen Berufsbezeichnungen des deutschen Korpus sind von Mikrofilmen, die des schwedischen von digitalisierten Ausgaben der beiden Tageszeitung exzerpiert worden. Um die beiden Korpora gut miteinander vergleichen zu können, wurden zunächst alle anglizistischen Berufsbezeichnungen alphabetisch sortiert und anschließend nach Art der Transferenz kategorisiert. Dabei wurde sowohl lexikalische als auch semantische Transferenz berücksichtigt. Als weiterer Schritt erfolgte sowohl die quantitative als auch qualitative Auswertung der beiden Korpora. Die vollständige Liste aller identifizierten anglizistischen Berufsbezeichnungen findet sich im Anhang dieser Hausarbeit wieder Abgrenzung Zielsetzung dieser Hausarbeit war es, eine möglichst zeitnahe Studie durchzuführen. Dies konnte nicht in vollem Umfang gewährleistet werden, da für das deutsche Korpus nur Mikrofilme bis September 2011 vorlagen. Trotz dieser Einschränkung sollte diese Arbeit dennoch ein hinreichend aktuelles Bild liefern und auch die Zahl der ermittelten anglizistischen Berufsbezeichnungen erscheint ausreichend groß, um daraus einen aussagekräftigen Schluss ziehen zu können. Die Entscheidung, sich nur auf Anglizismen in Berufsbezeichnungen zu konzentrieren, liegt darin begründet, dass bereits zuvor eine umfassende Studie von Kruff (2009) auf diesem Gebiet durchgeführt wurde und somit die Möglichkeit besteht, auf die Ergebnisse dieser zurückzugreifen. Ein weiterer, nicht zu verachtender Vorteil besteht darin, dass Stellenanzeigen keinen redaktionellen Vorgaben unterliegen und daher ein objektiveres Abbild der Wirklichkeit liefern sollten als die Artikel einer Zeitung. Der Fokus dieser Hausarbeit liegt in erster Linie in der Analyse von Substantiven, die die überwiegende Zahl der Berufsbezeichnungen ausmachen. 5

6 Substantive stellen die produktivste Wortart auf dem Gebiet der Wortneuschöpfungen dar, sodass Berufsbezeichnungen einen guten Untersuchungsgegenstand in Bezug auf Anglizismen darstellen sollten. 2. Anglizismen im Schwedischen und Deutschen 2.1. Ein kurzer historischer Überblick Der Einfluss des Englischen sowohl auf das Schwedische als auch auf das Deutsche hat, geschichtlich betrachtet, einen ähnlichen Verlauf genommen. Zunächst war es das Lateinische und im Anschluss daran das Französische, aus denen beide Sprachen Worte entlehnten. Ein merkbarer Einfluss des Englischen, und da des britischen Englisch, lässt sich ab dem 17. Jahrhundert ablesen. Grund für diese Entwicklung sind zum einen technische Erfindungen wie die Dampfmaschine und zum anderen die Weltvormachstellung des Britischen Empires. Im späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts werden aufgrund dieser führenden Stellung Worte aus Politik, Gesellschaft und letztlich auch des Sports in den Wortschatz beider Sprachen aufgenommen. Einen Einschnitt in diese Entwicklung nimmt der 2. Weltkrieg aus dem vor allem die Vereinigten Staaten gestärkt hervorgehen. Mit anderen Worten, ab dem Jahr 1945 wechselt die Führerschaft, was die Entlehnung von Anglizismen anbelangt, vom britischen zum amerikanischen Englisch. Dieser Trend ist weiterhin ungebrochen und hat in seiner Intensität seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts noch zugenommen. Amerikanische Unternehmen sind führend im Bereich der technologischen Neuerungen wie dem Computer (IBM) sowie der Programmentwicklung (Microsoft). Auch bei den neusten technischen Errungenschaften, wie den intelligenten Telefonen, im allgemeinen Sprachgebrauch auch bezeichnend Smartphones genannt (z.b. Apple) und dem Internet (z.b. Google, Facebook) sind es wieder die Amerikaner, die auf diesen Gebieten federführend sind. Diese Bereiche seien hier beispielhaft genannt, da sie nahezu alle Gesellschaftsschichten unmittelbar oder zumindest mittelbar berühren und somit Einfallstore für englisches Sprachgut darstellen. 6

7 2.2. Anglizismenkritik in Schweden In Schweden wird über das Eindringen von Anglizismen in die schwedische Sprache weniger emotional diskutiert als in Deutschland. Dies lässt sich unter anderem daran ausmachen, dass es keinen aktiven allgemeinnützigen Verein zur Wahrung der schwedischen Sprache gibt. Einstmals gab es Språkvårdssamfundet, 1981 gegründet und im Jahr 2010 niedergelegt, der es zum Ziel hatte, die schwedische Sprache zu pflegen ( syfte att främja svensk språkvård 6 ). Dahingegen hat auch Sprachpflege in Schweden Tradition stiftete Gustav der III. Svenska Akademien (Die Schwedische Akademie) mit dem Ziel, sowohl die schwedische Sprache als auch die schwedische Literatur zu fördern. Seit 1901 hat diese Institution sogar die Aufgabe übernommen, den Nobelpreisträger für Literatur zu küren. Zu den viel beachteten Publikationen von Svenska Akademien zählen Svenska Akademiens ordbok, SAOB (das Wörterbuch der Schwedischen Akademie) und Svenska Akademiens Ordlista, SAOL (die Wörterliste). Die Wörterliste gibt einen Überblick über alle neuen Wörter im Schwedischen und wird in unregelmäßigen Abständen aktualisiert. Die neueste, 13. Auflage (SAOL13) stammt aus dem Jahr 2006 und umfasst Wörter. Um ein aktuelleres Verzeichnis anbieten zu können, hält die Svenska Akademien eine Aufstellung mit neuen Wörtern bereit, die Kandidaten für die Aufnahme in eine neue Ausgabe der Wörterliste sind. Eine Zensur von Fremdwörtern, insbesondere von Anglizismen, wird nicht vorgenommen. Hier ein paar Beispiele mit anglizistischem Einschlag: Bloggosfär, captcha, chicklit, chippa, flasha, mindfulness, podda, smartboard, twittra,. Auf Bestreben der Regierung wurden 2006 alle existierenden Sprachvereine zu einer Organisation, Språkrådet (Rat für Sprachfragen), zusammengefasst. Die vornehmliche Aufgabe von Språkrådet ist es, der Allgemeinheit mit Rat im Gebrauch des Schwedischen beizustehen 7. Språkrådet beobachtet anhand von Zeitungstexten neuste Entwicklungen in der schwedischen Sprache. Auch die Allgemeinheit ist aufgefordert, Neuigkeiten im Bereich der Sprache beizusteuern. Anhand dieser Daten erstellt Språkrådet eine Liste über verstärkt zur Anwendung kommende neue Wörter. Auch hier erfolgt keine Aussonderung von Anglizismen sondern alle Wörter werden unzensiert in die Liste über neue Wörter aufgenommen. Einziges Kriterium hierbei ist eine hinreichende Frequenz in deren Anwendung. Auch aus dieser Liste wiederum ein paar Beispiele mit anglizistischen Bestandteilen: Airbagjacka, dumpling, lunchdisco, ofast jobb, restdejting, Aufruf 14. August Aufruf 14. August

8 Zusammenfassend kann angemerkt werden, dass es in Schweden vornehmlich Svenska Akademien und Språkrådet sind, die Sprachpflege betreiben, beziehungsweise mit Rat in Sprachfragen zur Seite stehen. Dabei wird alles das als schwedisches Sprachgut angesehen, was im alltäglichen Leben mit einer gewissen Häufigkeit gebraucht wird. Somit werden auch Anglizismen wertfrei in den schwedischen Wortschatz mit aufgenommen. Keine der beiden Institutionen betreibt in irgendeiner Weise Sprachpurismus. Ganz ohne Kritik wird den Anglizismen jedoch auch in Schweden nicht begegnet. Als Beispiel sei hier der Aufruf des Universitätsprofessors Olof Josephsons an die Regierung genannt, anstelle der üblich gewordenen englischen Grußformen in ihren s nun wieder ausschließlich schwedische zu verwenden, da ja die Amtssprache schwedisch ist Anglizismenkritik in Deutschland Ein ganz anderes Bild als in Schweden ergibt sich dagegen in Deutschland. Hier existiert eine Vielzahl gemeinnütziger Vereine (7) 8, die sich ausdrücklich zur Aufgabe gemacht haben, die deutsche Sprache von Anglizismen zu reinigen. Als einer der bekanntesten Vereine sei hier der Verein Deutsche Sprache e.v. genannt, der zwar erst seit 1997 besteht, aber durch seinen Anglizismenindex und dem Wörterbuch überflüssiger Anglizismen bekannt geworden ist. Der Verein Deutsche Sprache setzt damit eine lange Tradition von Sprachpurismus in Deutschland fort, die 1617 mit der Fruchtbringenden Gesellschaft begann und mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins 1885 den mitgliedsstärksten Verein darstellte wurde der ADS von den Nationalsozialisten verboten, jedoch gleich nach dem Krieg, nunmehr unter dem Namen Gesellschaft für deutsche Sprache, neu gegründet. Seit den 60er Jahren hat er sich jedoch von seiner sprachreinigenden Tradition distanziert und widmet sich nunmehr ausschließlich der Pflege und Erforschung der deutschen Sprache. Der Ruf nach Reinigung der deutschen Sprache von anglizistischem Lehngut hat Anfang der 90er Jahre aufs Neue begonnen und an Intensität bis zum heutigen Tage zugenommen. Das Thema Anglizismen wird in Deutschland offen diskutiert und mitunter mit Überschriften, wie der aus der Zeit aus dem Jahre 2010, Ist Deutsch noch zu retten? (Zeit online, ), oftmals auch dramatisiert. Anderslautende Aussagen sind jedoch von Sprachwissenschaftlern zu vernehmen. Als Beispiel sei hier ein Zitat von Schiewe (2011, 97, in Aptum, Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 2/2011) aufgeführt, in dem er 8 zuletzt abgerufen am 18. August

9 die Meinung einiger seiner Kollegen wie folgt widergibt: Anglizismen, [ ], bedrohen das Deutsche nicht. Aber sie verändern es, weil sich die Welt und die Sprachen stets verändern. Für die Situation in Deutschland kann somit festgehalten werden, dass Anglizismen auf heftige Kritik in der Öffentlichkeit stoßen und als Bedrohung der deutschen Sprache angesehen werden. Viele Sprachwissenschaftler hingegen stehen dem Zustrom von Anglizismen weniger kritisch gegenüber. Sie vertreten die Ansicht, dass es sich um einen natürlichen Prozess handele, der das Deutsche an die neuen Gegebenheiten der Umwelt anpasse, sie jedoch nicht in ihren Grundfesten erschüttere. 3. Forschungsübersicht 3.1. Anglizismus und Entlehnung Im Duden online wird Anglizismus als eine Übertragung einer für [das britische] 9 Englisch charakteristischen sprachlichen Erscheinung auf eine nicht englische Sprache 10 definiert. Die schwedische Nationalenzyklopädie gibt eine noch viel kürzere Definition wieder, nämlich eine Ausdrucksweise, die aus dem Englischen übernommen worden ist ( uttryckssätt som övertagits från engelskan 11 ). Beide Definitionen implizieren eine sehr eng gefasste Sichtweise des Begriffes, in der die englische Herkunft des Lehngutes in der Nehmersprache leicht ersichtlich ist. Eine häufig angewandte Klassifizierung von Lehngut ist die von Werner Betz (in Stedje 2007, 28) aus dem Jahre 1949, die verdeutlicht, dass der Terminus Anglizismus einen weitaus größeren Bereich umfasst. Betz (ibid.) unterscheidet hierbei zwischen äußerem und innerem Lehngut, wogegen Wörter, die dem äußeren Lehngut zugeordnet werden, noch weiterhin ihren fremden Ursprung erkennen lassen. Anders verhält es sich mit Wörtern der Kategorie inneres Lehngut, bei der das Fremdwort vollständig in die Nehmersprache integriert worden ist und somit der Ursprung oftmals ohne Zuhilfenahme eines etymologischen Wörterbuches nicht mehr erkennbar ist. Wie schwierig die Bestimmung des Ursprungs eines Wortes ist, sei an dem Wort Hochverrat deutlich gemacht. Von Polenz (v. Polenz 1972, 139) führt das Wort als Anglizismus auf, eine Glied-für-Glied-Übersetzung (laut Betz 9 Eigene Anmerkung: Der Duden online verwendet hier Klammern, um deutlich zu machen, dass es sich bei Anglizismen ursprünglich um Entlehnungen aus dem britischen Englisch handelt, sich dieses Bild aber seit Ende des 2. Weltkrieges gewandelt hat und nunmehr auch Entlehnungen aus anderen Varietäten des Englischen, vor allem dem amerikanischen Englisch, vorkommen. Welcher Varietät ein Anglizismus entsprungen ist, kann oftmals nicht mehr nachgewiesen werden. 10 Aufgerufen am 18. August zuletzt abgerufen am 18. August

10 Lehnübersetzung ) des englischen Wortes high treason. Wird das Wort im Duden auf seine Herkunft nachgeschlagen, so ist die Antwort eine andere. Laut Duden handelt es sich um einen Gallizismus, ebenfalls eine Glied-für-Glied-Übersetzung aber des französischen Wortes haute trahison. Wie dieses Beispiel zeigt, ist manchmal eine eindeutige Bestimmung der Herkunft eines Wortes nur schwer möglich. Es ist zu vermuten, dass das Wort Hochverrat seinen Ursprung im Französischen hat, es jedoch über das Englische nach Deutschland getragen wurde und damit das Englische die Rolle der Gebersprache übernommen hat. Diesen Sachverhalt hat wohl von Polenz als maßgebend für seine Herkunftsbestimmung angesehen Forschung in Schweden und Deutschland Sowohl in Schweden als auch in Deutschland begann man sich Ende des 2. Weltkrieges intensiver mit dem Einfluss des Englischen auf die jeweilige Sprache auseinanderzusetzen. Horst Zindler legte 1959 mit seiner Dissertation über die Anglizismen in der deutschen Presse nach 1945 den Grundstein für viele sich anschließende Forschungsarbeiten. Einen Großteil seines Berufslebens widmete sich Broder Carstensen der Anglizismenforschung und gab zusammen mit Ulrich Busse in der Zeit von 1993 bis 1996 das Anglizismen-Wörterbuch heraus. Wie schon die Dissertation von Zindler andeutet, dienen Texte aus Tageszeitungen und Zeitschriften als bevorzugtes Forschungsobjekt. Der Grund für diese Auswahl liegt darin begründet, dass viele Forscher der Ansicht sind, die Pressesprache repräsentiere am Besten die Allgemeinsprache und gebe somit wiederum ein gutes Bild über die Anzahl und die Gestalt von Anglizismen wider. Unter den zahlreichen Sprachforschern seien hier nur zwei kurz erwähnt, nämlich Hermann Fink, der die drei deutschen überregionalen Tageszeitungen Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung und Die Welt auf Anglizismen hin analysierte sowie Ulrich Busse, der den Duden, die deutsche Rechtschreibung von 1880 bis 1986 auf englisches Wortgut hin untersuchte. Einer der Ersten, der sich nach dem 2. Weltkrieg auf schwedischer Seite mit dem Einfluss des Englischen auf das Schwedische auseinandersetzte, ist Tore Johannisson (1958). Er arbeitet Tendenzen in der Wortbildung im damaligen Gegenwartsschwedisch (Tendenser i nutida Svensk ordbildning) heraus. Magnus Ljung folgte vor allem mit Arbeiten in den 80er Jahren, in denen er den Sprachkontakt des Englischen mit dem Schwedischen analysierte und auch eine kritische Sichtweise mit einbrachte wie in Lam anka ett måste? En undersökning av engelskan i svenskan, dess mottagande och spridning 10

11 (Lahme Ente ein Muss? Eine Untersuchung des Englischen im Schwedischen, dessen Aufnahme und Verbreitung, Übersetzung, TS) (1985). Judith-Ann Chrystal veröffentlichte 1988 nach deutschem Muster eine Dissertation über das Englische in schwedischen regionalen und überregionalen Tageszeitungen (Engelskan i svensk dagspress). Anglizismen sind bis heute in beiden Ländern ein hochaktuelles Forschungsthema, das zu Beginn der 90er Jahre, vor allem durch den Vormarsch des Internets, neuer Technologien sowie der fortschreitenden Globalisierung von Unternehmen, ein verstärktes Interesse verzeichnet. Ein Unterschied ist allerdings in der Forschungstätigkeit zwischen Schweden und Deutschland auszumachen. In Schweden ist es häufig der Staat, der den Anstoß zur Sprachforschung gibt (s. unter 2.2 die Ausführung zu Språkrådet). Darüber hinaus werden auf nordischer Länderebene durch Nordiska ministerrådet (den Ministerat der nordischen Länder) sowie Nordiska rådet (dem parlamentarischen Rat der nordischen Länder) Aufträge zur Sprachforschung für den gesamten Norden vergeben. Zwar stehen auch in Deutschland, unter anderen die Institutionen Gesellschaft für deutsche Sprache und das Institut für deutsche Sprache, für die Vergabe von Forschungsaufträgen, jedoch gibt es auch eine Vielzahl an Publikationen, die ihren Ursprung in den Sprachabteilungen der Universitäten haben. Ein Zahlenbeispiel hierfür sei anhand der Internetseiten Hausarbeiten.de und uppsatser.se gegeben, die beide studentische Hausarbeiten veröffentlichen. Mit dem Suchbegriff Anglizismen erhält man auf der deutschen Seite 769 Treffer 12, während die schwedische 3 13 verzeichnet Forschung auf dem Gebiet dieser Arbeit Einen Anstoß zu dieser Hausarbeit hat unter anderem die Magisterarbeit von Carolin Kruff gegeben. Kruff (2009) geht dabei von der Fragestellung aus, ob anglizistische Berufsbezeichnungen ein aktuelles Phänomen in deutschen Stellenanzeigen darstellen. Um darauf eine Antwort zu finden, untersuchte sie die überregionalen Tageszeitungen Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung sowie das Handelsblatt in deren Stellenteilen auf Anglizismen. Der untersuchte Zeitraum umfasste die Jahre 1950 bis Kruff konnte feststellen, dass eine kontinuierliche Zunahme an anglizistischen Berufsbezeichnungen abzulesen war, schränkt jedoch ein, dass von einer Flut an Anglizismen nicht gesprochen werden kann. Der überwiegende Teil der Stellenanzeigen 12 letzter Aufruf, 23. August letzter Aufruf, 23. August

12 ist weiterhin auf Deutsch, schreibt Kruff in ihrem Fazit. Darüber hinaus konnte sie die interessante Beobachtung machen, dass die Zahl der anglizistischen Berufsbezeichnungen für den Zeitraum 2000 bis 2008 sogar leicht rückläufig ist. Kontrastive Studien zwischen dem Schwedischen und dem Deutschen, wie die vorliegende Arbeit, haben auf schwedischer Seite Inghult (2002) und auf deutscher ler (2004) durchgeführt. Inghult untersucht die Art der Transferenz und die Integration von Anglizismen in die jeweilige Sprache. Sein Untersuchungszeitraum erstreckt sich von 1945 bis 1989, wobei seine Korpora auf Daten früherer Arbeiten sowie Neologismenwörterbüchern bauen. Hervorzuheben sei, dass Inghult nicht nur das äußere Lehngut, das heißt Fremdwörter und Lehnwörter (laut Inghult optionen ) sondern auch das innere Lehngut, mit den so genannten Lehnprägungen ( Reproduktionen ), erfasst. Damit enthalten seine Korpora nicht nur Anglizismen, die ihrer Form nach den englischen Ursprung deutlich belegen sondern auch die schwerer identifizierbaren Lehnübersetzungen ( Konstruktionsreproduktionen ) sowie die noch schwerer zu ermittelnden Lehnbedeutungen ( Polysemiereproduktionen ). ler untersucht in ihrer Studie das Auftreten von Anglizismen in Tageszeitungen, Fernseh- und Radioprogrammen sowie Texten auf Internetseiten. Ihr Untersuchungszeitraum erstreckt sich von Mai bis September Im Fokus lers Studie steht ebenfalls die Integration von Anglizismen, wobei sie nicht nur, wie Inghult, auf orthographische Erscheinungen, sondern auch auf phonologische und grammatische Besonderheiten eingeht. In Ergänzung dazu nimmt ler eine Untersuchung in Bezug auf Häufigkeit und Verteilung in den unterschiedlichen Medienarten vor. 12

13 4. Medienauswahl, Vorgehensweise und Fachterminologie 4.1. Medienauswahl Die Daten für die vorliegenden Korpora sind den Stellenmärkten der Printausgaben der überregionalen Tageszeitungen Süddeutsche Zeitung (SZ) auf deutscher Seite sowie Svenska Dagbladet (SvD) und Dagens Nyheter (DN) auf schwedischer, entnommen worden. Auch wenn die Veröffentlichung von Stellenanzeigen heutzutage mehr und mehr im Internet erfolgt, weisen die drei genannten Tageszeitungen in ihren Wochenendausgaben auch weiterhin eine hinreichend große Anzahl an Stellenanzeigen auf. Ausschlaggebend für die Wahl von Printmedien für die Analyse war die branchenübergreifende und ungefilterte Präsentation der Berufsbezeichnungen darin. Im Internet dagegen, kann nur spezifisch nach einzelnen Berufen gesucht werden, was die Zielsetzungen dieser Arbeit nicht unterstützt hätte. Weder die deutschen noch die schwedischen Zeitungsausgaben lagen physisch vor. Die Ausgaben der SZ entstammen Mikrofilmen und die des SvD und DN sind der elektronischen Datenbank, Mediearkivet, entnommen worden Vorgehensweise Der Untersuchungszeitraum dieser Studie umfasst den Zeitraum Januar bis September Um in größtmöglichem Umfang Wiederholungen von Stellenanzeigen zu vermeiden, wurde monatlich der Stellenmarkt einer Zeitungsausgabe herangezogen, und zwar der zur Monatsmitte. Von dieser Regelmäßigkeit wurde nur im Monat Juli für das schwedische Korpus abgewichen, da die Stellenmärkte in diesem Monat nur sehr wenige Stellenanzeigen aufwiesen und deshalb alle vier Wochenendausgaben der schwedischen Tageszeitungen in die Analyse mit einbezogen wurden. Im Laufe des Exzerpierens der anglizistischen Berufsbezeichnungen aus der SZ wurde erkannt, dass manche Stellenanzeigen mehrere Berufsbezeichnungen enthielten, und es daher für die quantitative Auswertung wichtig war, die Zahl der Berufsbezeichnungen und nicht die der Stellenanzeigen zu berücksichtigen. Diese Vorgehensweise ist für das deutsche Korpus für die Monate August und September vorgenommen worden. Damit ergibt sich eine gewisse Fehlrechnung für die Gesamtzahl der Berufsbezeichnungen des deutschen Korpus. Der Fehler sollte allerdings nur gering ausfallen, da die überwiegende Zahl der Stellenanzeigen nur eine Berufsbezeichnung enthielt. Bei der quantitativen Auswertung der schwedischen Stellenmärkte sind dann ausschließlich die Berufsbezeichnungen und 13

14 nicht mehr die Stellenanzeigen gezählt worden. Zu den anglizistischen Berufsbezeichnungen wurden diejenigen gezählt, die englische Lexeme aufwiesen. Darüber hinaus sind auch solche in die Korpora mit aufgenommen worden, die sich auf einen englischen Ursprung zurückführen ließen. Die Identifikation ist unter Zuhilfenahme von Wörterbüchern, Neologismenwörterbüchern, früheren Arbeiten und dem Internetsuchdienst google erfolgt. Auf diese Art und Weise ist versucht worden, auch auf solche Entlehnungen einzugehen, die nicht auf den ersten Blick auf einen anglizistischen Ursprung hindeuteten. Somit sind auch semantische Entlehnungen in die Untersuchung mit einbezogen worden. Wiederholt auftretende anglizistische Berufsbezeichnungen sind nicht in die Bewertung mit eingeflossen, um ausschließlich einen Fokus auf Innovationen zu haben. Ebenso ausgeschlossen wurden Berufsbezeichnungen, die einen Eigennamen enthielten, da es sich bei diesem Spezialfall nicht um Entlehnung handelt. Sowohl das schwedische als auch das deutsche Korpus haben Stellenanzeigen enthalten, deren Inhalt komplett auf englisch abgefasst war. Die Berufsbezeichnungen dieser Anzeigen wurden nicht als Anglizismen gewertet, da keine Transferenz vorliegt. Sie sind allerdings, wie alle anderen einsprachigen Anzeigen, in die Berechnung der Gesamtzahl der Berufsbezeichnungen mit einbezogen worden Fachterminologie Die für diese Hausarbeit zugrunde liegende Terminologie ist der Arbeit von Göran Inghult (Inghult 2002, 21-27) entnommen worden. Im Gegensatz zur weit verbreiteten Terminologie von Betz, verwendet Inghult für die lexikalischen Entlehnungsformen die Oberbegriffe option und Reproduktion. optionen geben alle Entlehnungserscheinungen des äußeren sowie Reproduktionen des inneren Lehngutes wider. Während Betz noch beim äußeren Lehngut zwischen Fremdwort, Lehnwort sowie Hybridbildung und Scheinentlehnung unterscheidet, nimmt Inghult keine weitere Unterteilung der Kategorie option vor. Mischkomposita aus Lexemen der Geber (L2)- und der Nehmersprache (L1) bezeichnet Inghult mit dem Begriff rtielle Reproduktion, um deutlich zu machen, dass ein teilweiser Transfer der L2-Lexeme in die aufnehmende Sprache stattgefunden hat. Inghult zählt diese Erscheinungen zum inneren Lehngut, wohingegen Betz bei der Zuordnung zum äußeren Lehngut bleibt. Auch Inghult gliedert die Reproduktionen in Unterkategorien, beschränkt sich allerdings hier auf vier anstelle von sechs, wie bei Betz. Die sich hieraus ergebenden Untergruppierungen bezeichnet Inghult als Polysemiereproduktion (PR), 14

15 Konstruktionsreproduktion () und autonome Reproduktion, wobei die Kategorie nochmals zweigeteilt wird und zwar in Genaue Konstruktionsreproduktion sowie Approximative Konstruktionsreproduktion. Sämtliche Fachtermini Inghults werden hier der Vollständigkeit halber genannt und im Anschluss an diese Einleitung auch graphisch präsentiert. Für die Kategorisierung der Anglizismen dieser Hausarbeit sind hingegen nur die Transferenztypen option (), rtielle Reproduktion (), Konstruktionsreproduktion () sowie Polysemiereproduktion (PR) notwendig. In den nachfolgenden Abschnitten wird eine Definition der einzelnen Transferenztypen gegeben und zur Verdeutlichung mit einem Beispiel belegt. L2-Lexem Transferenz Transferenztyp option () rtielle Reproduktion () Reproduktion Polysemie- Konstruktions- Autonome reproduktion (PR) reproduktion () Reproduktion Genaue Konstruktionsreproduktion Approximative Konstruktionsreproduktion Abbildung 1: Schematische Darstellung der Kategorisierung des Lehngutes nach Inghult (2002, 22) 15

16 option () Inghult definiert option wie folgt: Bei der option wird eine L-2 Benennung in Wort- oder Wortgruppenform in die L1 transferiert, wobei die L2-Form beibehalten wird, mit eventuellen Anpassungen an das phonologische, graphematische und morphologische System der L1 (Inghult 2002, 23). Diese Art der Kategorisierung bringt den Vorteil mit sich, dass bei der Einordnung der Anglizismen nicht zu viele Untergruppen auftreten und eine bessere Übersicht gewahrt bleibt. Als Beispiel sei, das Wort Klub aus Englisch club angeführt, das entsprechend der Einteilungskriterien von Betz (in Stedje 2007, 28) als Lehnwort und nicht als Fremdwort eingeordnet wird, da die Schreibung des Wortes im Englischen mit c dem deutschen Sprachsystem mit K angepasst wurde. Diese Feinheiten lässt Inghult, wie oben beschrieben, unbeachtet und sieht als entscheidendes Einteilungskriterium den deutlich überwiegenden fremden Charakter des Wortes Klub. Diese von Inghult vorgenommene Betrachtungsweise wird für diese Hausarbeit als vorteilhaft angesehen, denn sie trägt zu einer klaren und übersichtlichen Darstellung der Ergebnisse bei. Als Beispiele dieses Transferenztyps seien aus dem schwedischen Korpus die Berufsbezeichnungen Controller und HR Manager genannt und aus dem deutschen die Berufsbezeichnungen Key-Account-Manager (m/w) und Portfoliomanager/in. In deutschen Stellenanzeigen enthalten die Berufsbezeichnung Genusmarkierungen entweder durch die nachgestellten Buchstaben ([m]ännlich/[w]eiblich) oder durch die entsprechenden Morpheme, er beziehungsweise in, um beide Geschlechter anzusprechen. Trotz dieser Anpassungen werden die Berufsbezeichnungen weiterhin den optionen zugerechnet. Desweiteren werden Akronyme wie CFO (chief financial officer) oder CRM (customer relationship manager), die englischen Ursprungs sind, in die Kategorie der optionen eingeordnet rtielle Reproduktion () Wie schon unter 4.3. in grundlegenden Zügen vorgestellt, folgt an dieser Stelle die von Inghult verwendete Definition der partiellen Reproduktion. Es handelt sich hier um L2-Konstruktionen in Wort- oder Wortgruppenform [...], in denen bei der Transferenz eine Konstituente adoptiert, die andere aber durch ein Lexem der L1 substituiert wird [...]. Für diesen Transferenztyp finden sich beispielhaft in den beiden Korpora die Berufsbezeichnungen HR-Chef (S) oder senior analytiker (S) sowie Tele Sales 16

17 Mitarbeiter (m/w) (D) oder Koordinator In-House (m/w) (D). In seiner weiteren Ausführung zur rtiellen Reproduktion, schließt Inghult Komposita wie Babyjahr und Managerkrankheit aus. Seine Begründung hierfür lautet, dass sich diese Komposita längst in der deutschen Sprache etabliert hätten und damit keine lexikalische Innovation in Form von Transferenz aus dem Englischen dar[]stell[t] (Inghult 2002, 23). Dieser Argumentation folgend, könnten Verbindungen wie Projektmanager oder Teamassistent nicht der partiellen Reproduktion zugeordnet werden sondern wären als deutsches Wortgut anzusehen. Inghult betont jedoch abschließend, dass auch solche Mischkomposita berücksichtigt werden, [wenn] sie mit großer Wahrscheinlichkeit auf englische Modelle zurückgehen (ibid., 23-24). Dieser Sichtweise wird sich für die Eingruppierung dieser Art von Transferaten in dieser Hausarbeit angeschlossen. Eine Besonderheit der Darstellung der Berufsbezeichnungen im schwedischen Korpus ist die Voranstellung der Berufsbezeichnung mit einem jektivattribut oder der Nachstellung mit einer Präpositionalphrase. Als Beispiele seien hier die Berufsbezeichnungen Driven Financial Controller und HR-proffs med fokus på affären aufgeführt. Solche Zusätze werden in dieser Arbeit nicht als Teil der Berufsbezeichnung gewertet, da sie eine Ergänzung der Qualifikation des Bewerbers darstellen. Für die Kategorisierung der oben genannten Berufsbezeichnungen sind somit nur Financial Controller und HRproffs maßgebend. Die erstgenannte Berufsbezeichnung wird damit den optionen zugeordnet und nicht, wie vielleicht anzunehmen war, den partiellen Reproduktionen. Die Berufsbezeichnung HR-proffs findet sich unter den partiellen Reproduktionen wieder, da sie sich aus dem Akronym für human resources und dem Scheinanglizismus proffs, für professional, zusammensetzt. Der erste Teil ist eine option und der zweite eine Reproduktion und demzufolge insgesamt eine partielle Reproduktion Konstruktionsreproduktion () Konstruktionsreproduktionen sind Wortbildungen, denen man ihren fremden Ursprung nicht ansieht, da sie ausschließlich aus einheimischen Lexemen, das heißt L1-Lexemen, gebildet werden, ihre Existenz jedoch auf Vorbilder in der L2 zurückgeführt werden kann. Inghult (2002, 26) beschreibt den Prozess als Reproduktion, bei dem die Konstituenten der L2-Konstruktion durch äquivalente oder sonst semantisch verwandte Lexikoneinheiten der L1 substituiert werden. In 17

18 Analogie der Betzschen Terminologie (in Stedje 2007, 28) Lehnübersetzung und Lehnübertragung nimmt Inghult die Unterscheidung in genaue und approximative Konstruktionsreproduktion vor. Diese Unterteilung ist für die Daten beider Korpora nicht notwendig gewesen, da es sich bei allen identifizierten anglizistischen Berufsbezeichnungen um genaue Konstruktionsreproduktionen handelt. Ein exemplarisches Beispiel dieser Kategorie aus dem schwedischen Korpus ist die Berufsbezeichnung mjukvaruutvecklare, dem die anglizistische Berufsbezeichnung software developer als Vorbild diente. An diesem Fall kann sehr gut abgelesen werden, wie das englische Kompositum aus jektiv, Substantiv und substantiviertem Verb im Schwedischen exakt nachgebildet wird. Nur die Orthographie folgt schwedischem Regelwerk, sodass das Kompositum zusammen und nicht getrennt geschrieben erscheint. Ebenso dieser Kategorie zugerechnet werden Berufsbezeichnungen des Typs project leader, das im schwedischen Korpus als projektledare und im deutschen als Projektleiter widergegeben wird. Hierbei ist die zweite Konstituente des Kompositums in beiden Sprachen deutlich als Konstruktionsreproduktion zu erkennen, hingegen könnte der erste Teil auch als option gerechnet werden, der nur der einheimischen Orthographie angepasst wurde. Dieser Sichtweise wird in dieser Arbeit jedoch nicht Folge geleistet, da davon ausgegangen wird, dass die Berufsbezeichnung als Ganzes aus dem Englischen übernommen wurde, und demzufolge projekt respektive Projekt ebenfalls Konstruktionsreproduktionen darstellen Polysemiereproduktion (PR) Auch den Polysemiereproduktionen ist ihr fremdsprachlicher Ursprung nicht anzusehen, da sie wie die Konstruktionsreproduktionen in Gestalt einheimischer Lexeme in Erscheinung treten. Im Gegensatz zu diesen wird bei den Polysemiereproduktionen nur die Bedeutung des L2-Lexems auf ein Lexem der L1 übertragen. Es handelt sich also um einen semantischen Entlehnungsprozess, der zu einer Bedeutungserweiterung des L1-Lexems führt. Wie dieser kurzen Beschreibung schon zu entnehmen ist, sind Polysemireproduktionen nur sehr schwer zu identifizieren. Anhand des Wortes Projekt soll hier deutlich gemacht werden, wie solch ein Analyseprozess aussehen kann. Im schwedischen Wörterbuch Nyord i svenskan (NIS) från 40-tal till 80-tal, das alle neu ins Schwedische hinzugekommen Wörter für die Zeit von 1945 bis 1985 erfasst, wird projekt als Lehnwort aus dem 18

19 Englischen aufgeführt. Dahingegen verzeichnet Bonniers Svenska Ordbok (BSO) in seiner 10. Auflage aus dem Jahre 2010 dieses Wort nicht als Anglizismus. Wird das Anglizismen Wörterbuch von Carstensen und Busse hinzugezogen, wird Projekt ebenfalls nicht als Anglizismus aufgeführt. Sowohl Duden online als auch das Wörterbuch der Schwedischen Akademie (Svenka Akademiens Ordbok) führen Projekt auf das lateinische Wort proiectum = das nach vorn Geworfene 14 zurück. Da es auch in vielen anderen Sprachen der Erde vorkommt, zählt es mit diesem Ursprung zu den Internationalismen. Mit dieser Betrachtungsweise kann Projekt also nicht zu den Anglizismen gerechnet werden. Das Wort hat aber im Laufe des 20. Jahrhunderts eine Bedeutungserweiterung erfahren. Ausgehend von der neu gestalteten Betriebsorganisation amerikanischer Unternehmen ist der Begriff Projekt dort neu geprägt worden. Dies betrifft vor allem die Arbeitsorganisation, wo nunmehr im Projekt gearbeitet wird oder man erhält eine Projektanstellung. Diese Bedeutung hat das Wort in seinem lateinischen Ursprung nicht getragen. NIS gibt vor diesem Hintergrund folgende Erklärung zu Projekt: Ny anv[ändning] företag, (vetenskaplig) undersökning, större arbetsuppgift i skola etc. med vissa givna ramar i fråga om tid, ekonomi och arbetsinsatser och med ett bestämt syfte t. [efter motsv. anv. av eng. project]. 15 Auch Inghult (2002, 213) sieht, dass das Wort Projekt sowohl im Schwedischen als auch im Deutschen eine Bedeutungserweiterung erfahren hat. Seiner Ansicht nach hat Projekt die Bedeutung Arbeitsaufgabe hinzubekommen. Mit dieser Betrachtungsweise sind sowohl im schwedischen als auch im deutschen Korpus zwei Berufsbezeichnungen mit Projekt als einer Konstituente identifiziert worden. Im Schwedischen sind dies projektansvarig för anläggningsprojekt und självgående projektsäljare, projektsäljare sowie im Deutschen Projekt- und Kundenbetreuer für digitale Medien (m/w) und Projekt- und Kundenbetreuer/in. In allen Fällen bildet Projekt Komposita mit einheimischen Konstituenten, wobei es sich nicht, wie bei projektledare/projektleiter um Substitutionen der englischen Berufsbezeichnung handelt, sondern um Neologismen, bei denen Projekt eine neue Bedeutung trägt. Darüber hinaus sind folgende Berufsbezeichnungen den Polysemiereproduktionen zugeordnet worden: 14 zuletzt abgerufen, 5. September Neue Verwendung, in Unternehmen, einer (wissenschaftlichen) Untersuchung, einer größeren Aufgabe in der Schule etc. mit gewissen Vorgaben, was Zeit, Finanzen und den Umfang der Arbeit anbelangt und außerdem einen bestimmten Zweck erfüllt. Aus den 70er Jahren, nach dem englischen project. (ÜS durch TS). 19

20 1) internationell systemsäljare optoelektronik, das Wort system ist um die Bedeutung Computersystem erweitert worden. 2) junior elektronikingenjör, junior mit der neuen Bedeutung, ohne Berufserfahrung, neu ausgebildet 3) senior bankanalytiker, senior kvalitetsvärderare, senior verksamhetsutvecklare/-aktitekt med stor vana av förändringsarbete, seniora skatteexperter med affärsmässigt synsätt, senior Kundenbetreuer Fördergeschäft Mittelstand, senior Kundenbetreuer Internationales Geschäft, senior Spezialist Aquisitionsfinanzierung, senior Spezialist Internationales Geschäft Mittelstand, mit senior in der Bedeutung berufserfahren Scheinanglizismen Hierbei handelt es sich um Lexeme, die ihrem Aussehen nach Anglizismen gleichen, jedoch im englischen Wortschatz nicht vertreten sind. Dieser Typ von Anglizismus ist in dieser Arbeit nicht berücksichtigt worden, da in diesen Fällen nicht von einer Transferenz ausgegangen werden kann. Folgende Berufsbezeichnungen sind identifiziert und von der Kategorisierung ausgeschlossen worden: Ausbildung zum Verkaufsprofi und försäljningsproffs, die englische Abkürzung für professional lautet pro Fahrer/Hausmeister/Allrounder, gibt es im Englischen nicht Identer (=Personalberater/in) für Executive Search-Unternehmen, ist ebenfalls im Englischen nicht vorhanden Top-Verkäufer/in, nicht im Englischen vertreten 20

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