Parallelfranzösisch : zur Diglossie in Frankreich

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1 Parallelfranzösisch : zur Diglossie in Frankreich 235 Hans-Ingo Radatz (Eichstätt) Parallelfranzösisch : zur Diglossie in Frankreich l on sait que le verlan est au langage jeune-et-banlieue réunis ce que [...] l imparfait du subjonctif [est] à un académicien-étalon (Merle 1998:7). Auf dem Wochenmarkt in Clermont-Ferrand fragte ich einmal einen ältlichen Landwirt nach dem Preis eines seiner Produkte und erhielt als Antwort: (1) Dix balles. Wer je einmal etwas übersetzt hat, kennt den Übersetzreflex, den man sich dabei angewöhnt und der bei mir nun auch in dieser Situation unwillkürlich aktiviert wurde allerdings ohne das erwünschte schnelle Resultat: Wie übersetzt man eigentlich dieses Dix balles ins Deutsche? Ein Blick ins zweisprachige Wörterbuch belehrt uns oft, dass scheinbar strukturelle Übersetzungsprobleme letztlich doch nur individueller Natur waren und so befrage ich den Weis / Mattutat von 1978, den ich gerade zur Hand habe. Der hilft nun allerdings wenig bzw. führt sogar auf die falsche Spur: balle [...] 5. pop (Geld) ~~s alte Francs m pl; Mit alten Francs hätte sich mein Landwirt 1999 sicher nicht mehr zufriedengegeben. Und pop (Geld) ist für eine Übersetzung nur bedingt hilfreich, wie man sofort merkt, wenn man versucht, diesen Hinweis pop (Geld) so ins Deutsche umzusetzen, dass uns die Übersetzung im Munde eines entsprechenden deutschen Landwirts akzeptabel erscheint: (1) a. Zehn?Eier /?Tacken /?Märker /?Ohren... So spricht kein deutscher Marktverkäufer mit einem Kunden! Während Weis / Mattutat die Umsetzung von pop noch der Kreativität des deutschen Nutzers überlässt, wagt das Pons Großwörterbuch von 1996 einen Übersetzungsvorschlag: balle [...] 4. pl fam (francs) Franc pl; 100 ~s 100 Eier fam (Pons Großwörterbuch Französisch Deutsch, Stuttgart / Dresden: Klett, ). Hier ist die Registerzuordnung bereits nicht mehr pop sondern nurmehr fam. Während der Übersetzungsvorschlag Francs zwar akzeptabel klingt, aber die

2 236 Hans-Ingo Radatz Nuance zwischen francs und balles nicht wiederzugeben vermag, ist Eier gewiss vulgärer als balles und daher ein Irrweg. Es scheint, als besäße das Deutsche zwar eine ganze Reihe von Synonymen für die (ehemalige) Landeswährung, doch sind diese ausnahmslos als vulgär markiert. Als Antwort eines Wochenmarktverkäufers an seinen Kunden wären sie allesamt ungeeignet, und mir fällt beim besten Willen keine andere Lösung ein, als das neutrale: (1) b. Zehn Mark. Dass eine hundertprozentige Übersetzung vielfach nicht möglich ist und zumeist die eine oder andere Nuance geopfert werden muss, ist allgemein bekannt und man könnte das genannte Beispiel einfach als eine der zahlreichen Konkretisierungen dieses Phänomens betrachten. Aber haben wir es hier wirklich nur mit diesem truism zu tun, oder vielmehr mit einem Phänomen, das charakteristisch für das Französische ist und daher unsere Aufmerksamkeit verdient? In einer französischen Komödie, die ich kürzlich auf TV5 gesehen habe, fragt ein Schauspieler einen sich allzu aufdringlich annähernden Souffleur: (2) T as bouffé du rat crevé? Und wieder stockt der Übersetzerinstinkt: Wie würde man das auf Deutsch sagen? Wollte man meinem französisch-deutschen Handwörterbuch 1 vertrauen, so lautete die korrekte Übersetzung wohl: (2) a. Hast Du?krepierte (bzw.?abgekratzte) Ratte gefressen? Aber dass es das nicht ist, scheint mir offensichtlich. Gefressen ist sehr brutal und hier einfach nicht gemeint, nicht zuletzt, weil es auf die Art und Weise des Essens abzielt, die hier aber nicht Thema ist; dem französischen bouffer jedenfalls fehlt diese Brutalität völlig. Und Ratten können zwar abkratzen oder krepieren, aber eine krepierte Ratte ist nicht einfach eine tote, sondern vielmehr eine unter Qualen gestorbene Ratte. Die einzig denkbare idiomatische deutsche Fassung wäre nach meiner Einschätzung: (2) b. Hast Du ( ne) tote Ratte gegessen? Damit lässt sich nun allerdings der Unterschied zwischen Est-ce-que tu as mangé du rat mort? und T as bouffé du rat crevé? in der deutschen Übersetzung nicht angemessen wiedergeben, jedenfalls nicht in diesem isolierten Satz jeder Übersetzer, der das nicht erträgt, kann nur zu verschlimmbessernden Übersetzungen wie (2) a. gelangen. Was haben nun Beispiel (1) und (2) gemeinsam? In beiden Fällen handelt es sich um lexikalische Dubletten von Allerweltswörtern (franc, manger und 1 Wörterbuch Französisch-Deutsch / Deutsch-Französisch, München: Orbis 1988 (veraltet zwar, aber immer noch auf dem Markt und potentiell in Studentenhand...).

3 Parallelfranzösisch : zur Diglossie in Frankreich 237 mort), von denen man einerseits anzunehmen pflegt, sie unterschieden sich von ihren neutralen Grundwörtern durch eine pejorative oder markiert umgangssprachliche Komponente, die aber andererseits deutlich weniger pejorativ bzw. umgangssprachlich zu sein scheinen als ihre deutschen Quasi-Entsprechungen. Meine Hypothese ist nun, dass dieser Typ von Dublette in nicht-trivialer Weise charakteristisch ist für den französischen Alltagswortschatz am Anfang des 21. Jahrhunderts. Das hätte weitreichende Konsequenzen für die Didaktik des französischen Wortschatzes, der damit nicht einfach genauso unterrichtet werden dürfte wie derjenige des Deutschen oder des Englischen; es hätte zudem auch Konsequenzen für die Entscheidung in der langandauernden Debatte über den diglossischen oder nicht diglossischen Charakter der französischen Gesellschaft. Bevor ich mich aber diesen Fragen zuwende, möchte ich zunächst einen längeren Ausschnitt aus Claude Dunetons Vorwort zu seinem Guide du français familier (Duneton 1998) zitieren, der, mit der Autorität des Muttersprachlers, ein ähnliches Bild vom Sonderstatus des modernen Französischen zeichnet. Duneton beobachtet, dass das Französische sich von seinen Nachbarsprachen besonders in seiner Registerarchitektur unterscheidet, die er in zwei große Blöcke aufteilt. Zum einen ist da das literarische Französisch im weitesten Sinne, mit einer Bandbreite, die vom streng akademischen bis hin zu einem relativ entspannten ( relâché ) Stil reicht; darunter fällt, neben einem français scolaire qui ne sert pas en littérature mais seulement à l intérieur du système scolaire et universitaire (Duneton 1998:7), die Sprache der Verwaltung, der öffentlichen Ansprache, der Politik etc., kurz: la langue d État. Daneben exisitiert nun ein anderes Französisch, das er le français familier nennt. Diese Bezeichnung ist zwar wohleingeführt, allerdings mit sich verändernder Bedeutung. Wie der Name suggeriert, verstand man darunter wohl ursprünglich die diaphasische Varietät der Intimität unter Verwandten oder engen Freunden. Natürlich gibt es auch ein solches Register, doch will Duneton sein français familier nicht in diesem eingeschränkten Sinne verstanden wissen. Es geht ihm vielmehr um das Französisch, das durch alle Schichten hinweg von jedermann im Alltag verwendet wird, und zwar nicht nur in Situationen der Intimität, sondern durchaus auch in Alltagskontakten mit Fremden, im Büro, beim Bäcker usw. Dieses Alltagsfranzösisch zeigt nun in seiner Lexik Phänomene, die in seinen Nachbarsprachen in dieser Form unbekannt sind: Par exemple, les langues européennes voisines de la nôtre ont un mot pour désigner l eau : water en anglais, pour toutes formes d eau, dans toutes les circonstances imaginables; pour boire, se laver, nager, on dira water. [...] En français, nous avons bien entendu notre eau pour toutes les sauces, l eau sale ou propre, l eau de rivière ou d étang, du robinet, l eau de pluie qui nous moille, l eau bénite pour asperger les fidèles, l eau salée de la mer on fait tout avec l [eau], on la boit, pure ou mélangée à d autres substances; on lave le linge, que sais-je? on s y noie!... Mais là où la différence intervient avec les autres langues, c est que tout à coup quelqu un vous dira sans prévenir, comme la chose la plus naturelle du monde: J ai soif, passe-moi un grand verre de flotte. Un verre de quoi? De flotte... Ah! excuse-moi, un verre d eau. L interlocuteur étranger se sent tout éberlué que l eau puisse être désignée par un mot qu il n a jamais entendu auquel il n a jamais prêté attention en tout cas, qui n apparait dans aucun des manuels qu il a lus. Comme il s éveillait d un rêve, il s aperçoit on lui explique alors que tout le monde autour de lui connaît et emploie ce mot nouvellement venu à son

4 238 Hans-Ingo Radatz oreille. Soudain, on lui parle complaisamment de la flotte qui est tombée la nuit dernière: Il a flotté toute la nuit!... C est agaçant toute cette flotte! ajoute son voisin. Et c est la pluie que l on designe ainsi! Un peu revenu de sa surprise, et rompu dorénavant aux subtilités de l eau a double dénomination, l étudiant japonais, balte, grec, écossais ou sud-américain verra arriver l été, la chaleur, le besoin de se baigner, à la mer ou à la piscine, et un beau jour quelqu un lui dira: Tu viens? On va à la baille. À la quoi? On va nager... se mettre à la flotte. Tu veux venir? Oui, mais tu viens de dire... la ba...? Ah! la baille c est l eau: on va à la baille, on va se baigner. La baille c est l eau?... Le doute alors revient, jaillit dans le cerveau de notre étudiant malheureux qui a le sentiment exécrable que les Français sont des hypocrites, des sales menteurs qui vous enseignent une langue en souriant, et en emploient une autre entre eux, en cachette, pour vous narguer... (Duneton 1998:9f.) Interessant ist an diesen Beispielen, dass die Dubletten sich von den Standardwörtern praktisch nur noch in der semantischen Markierung [+fam] unterscheiden, auch wenn die Wörterbücher, gerade auch die zweisprachigen, oft auch noch eine pejorative oder vulgäre Komponente in ihnen finden wollen. Diese Verwechslung mag zum einen daran liegen, dass vergleichbare deutsche Dubletten praktisch immer eine solche Bedeutungsverschlechterung mit sich bringen, zum anderen aber auch, weil viele der betreffenden französischen Wörter erst vor relativ kurzer Zeit ihren ursprünglich vulgären bzw. populären Charakter verloren haben. Dieser Prozess ist Bestandteil einer umfassenden Restrukturierung der französischen Varietätenarchitektur, die so rezent ist, dass die meisten Franzosen sie nicht zuletzt unter dem Einfluss ihrer Schulerfahrungen noch gar nicht bewusst zur Kenntnis genommen haben. Die offizielle, staatlich reglementierte 2 Schulnorm ist in Frankreich elaborierter und strenger als sonst irgendwo auf der Welt. Was auch immer die Franzosen im Alltag sprechen mögen sowie man Sprache thematisiert, reproduzieren die Gebildeten in einer Art konditioniertem Reflex die Sprachdogmen ihrer Schulzeit, unabhängig von ihrem tatsächlichen, spontanen Sprachgebrauch. Nun lehrt die soziolinguistische Erfahrung, dass eine solche Diskrepanz zwischen Selbsteinschätzung und tatsächlichem Verhalten der kulturübergreifende Normalfall ist; in Frankreich aber scheint das Phänomen aus den genannten Gründen besonders ausgeprägt zu sein. Zwar ist sich die Mehrheit des Niedergangs ihrer Sprache bewusst, der ja unter dem Etikett der crise du français 3 ein beständiges öffentliches Debattenthema darstellt ihre eigenen täglichen Beitrag dazu dürften die meisten aber wohl nicht sehen. Noch in den 70er Jahren verwendet der Petit Robert zur soziolinguistischen Charakterisierung seiner Lemmata die folgenden Registerindizes, mit denen die soziolinguistische Schichtung des Wortschatzes abgebildet werden soll: 2 3 Man denke nur an die berühmten Toleranzerlasse von 1901 und 1976! Vgl. dazu exemplarisch Christmann (1983) und Söll (1983).

5 Parallelfranzösisch : zur Diglossie in Frankreich 239 arg. = mot d argot, emploi argotique limité à un milieu particulier, surtout professionnel (arg. scol. = argot scolaire), mais inconnu du grand public. Pour les mots d argot passés dans le langage courant voir pop. vulg. = vulgaire: mot, sens ou emploi choquant (souvent familier (= fam.) ou populaire (pop.), qu on ne peut employer entre personnes bien élevées, quelle que soit leur classe sociale). pop. = populaire: qualifie un mot ou un sens courant dans la langue parlée des milieux populaires (souvent ancient argot répandu) qui ne s emploierait pas dans uns milieu social elevé (e.g. baffe, baratin). fam. = familier (usage parlé et même écrit de la langue quotidienne: conversation etc., mais ne s emploierait pas dans les circonstances solennelles). 4 Aus heutiger Sicht muss man sich dabei fragen, ob eine Unterscheidung zwischen pop. und fam. im Sinne einer schichtenspezifischen Differenzierung überhaupt noch relevant ist. Während das offizielle Französisch sich nur durch künstliche Einigelung in seiner normativen, klassischen Reinheit halten kann, konvergieren die gesprochenen Varietäten in einem français familier, in dem diatopische und diastratische Markierungen an Bedeutung verlieren und das sich mittlerweile zu einem Parallelfranzösisch 5 entwickelt, dessen soziale Akzeptanz sich zusehends ausweitet. Eine Konsequenz dieses Prozesses ist es, dass eine ganze Reihe von Wörtern, die noch bis vor kurzem als pop. oder gar vulg. galten, heute zusehends unauffällig werden. Für Henri Bauche war freilich 1920 der Unterschied zwischen dem français familier und dem français populaire noch eindeutig diastratisch begründet und das français populaire war ihm l idiome parlé couramment et naturellement dans le peuple (Bauche :28). Diese Einschätzung setzt sich fort z.b. bei Pierre Guiraud, für den das français populaire eine parlure vulgaire, langue du peuple de Paris, dans sa vie quotidienne ist (Guiraud :9). Diesen Definitionen liegt eine vordemokratische Weltsicht zugrunde, derzufolge das Volk nur eine Teilmenge der Bevölkerung darstellte, und zwar diejenige, der nur angehört, wer muss. Ob diese Charakterisierung zu Bauches Zeiten noch realistisch war, soll nicht Gegenstand dieser Erörterung sein. In jedem Falle haben eine ganze Reihe Entwicklungen seit der 3. Republik zu einer Aufweichung der Klassensprachen geführt: allgemeine Wehrpflicht, die beiden Weltkriege, allgemeine Schulpflicht, später deren Verlängerung, die Massenmedien, die immens angestiegene Mobilität erst durch die Eisenbahn, danach durch Massenmotorisierung usw. Das Phänomen, dass auch gebildete Sprecher zunehmend im Nähediskurs Formen verwenden, die noch vor kurzer Zeit stigmatisiert waren, wird vielfach noch bewusst als Neuerung wahrgenommen; 4 5 Petit Robert: Dictionnaire alphabétique et analogique de la langue française, Paris: Societé du Nouveau Littré, 1972, S. xxvi-xxx. Ken George (1993) prägt den treffenden Ausdruck alternative French, wenn er darunter auch nicht genau dasselbe versteht, wie ich unter Parallelfranzösisch. Die Bezeichung français non-conventionnel, die J. Cellard und A. Rey vorschlagen, erscheint mir dagegen weniger treffend, da es der Intutition widerspricht, die am weitesten verbreitete, unmarkierteste Alltagsvarietät als unkonventionell darzustellen (vgl. Cellard / Rey 1980).

6 240 Hans-Ingo Radatz das belegt der Ausdruck encanaillement, der dafür häufig verwendet wird (vgl. Lodge 1999:362). Das alles hat dazu geführt, dass die französische Varietätenarchitektur heute, bei aller Feingliederung, die man in ihr zweifellos ausmachen kann, primär durch eine Spaltung in zwei scharf getrennte Varietätenblöcke charakterisiert ist, die mehr oder weniger Dunetons langue de l état und seinem français familier entsprechen. Das Neue an dieser Spaltung liegt nun darin, dass nicht mehr soziale Faktoren wie Klasse oder Bildung deren Distribution regeln. Auch diaphasische Kriterien wie beispielsweise der Vertrautheitsgrad sind nicht zentral, denn das Alltagsfranzösisch ist nicht mehr nur Sprache der Intimität, sondern eben tatsächlich Sprache des Alltags ganz allgemein. Die eigentliche Trennungslinie ist vielmehr die im Kern diamesische Scheidung zwischen gesprochener und geschriebener Sprache, wobei hier natürlich die mittlerweise selbstverständlich gewordene Unterscheidung zwischen konzeptioneller und medialer Schriftlichkeit und Mündlichkeit sowie ihre Verfeinerung durch Koch/Oesterreicher (1990) vorausgesetzt wird. Die phonetischen, morphologischen, syntaktischen und lexikalischen Lösungen des Parallelfranzösischen schockieren heute, unabhängig von sozialem Status oder Bildung, niemand mehr solange die Kommunikationssituation kompatibel ist mit den Bedingungen des Nähediskurses bzw. denjenigen der Weinrichschen Erzähl- bzw. Rezeptionshaltung des Besprechens. 6 Die Weinrichsche Terminologie wird in diesem Zusammenhang normalerweise nicht verwendet, zu unrecht, wie ich meine. Vergessen wir nicht, dass Weinrich dieses semantische Merkmal ursprünglich einführte, um einen zentralen Marker der konzeptionellen Schriftlichkeit, das passé simple, vom passé composé zu scheiden (vgl. Weinrich 1982:866). Was für diese beiden Tempora gilt, gilt analog auch für alle anderen Marker des Alltagsfranzösischen, unabhängig von seiner medialen Realisierung: Sie suggerieren dem Gesprächspartner, dass eine Rezeptionshaltung Besprechen intendiert und erwartet wird. Während das Schriftfranzösische eine Varietät der Ansprache ist, dient das Alltagsfranzösische dem Gespräch. Wichtig ist daran nun die Beobachtung, dass 1.) die funktionale Trennung zwischen diesen beiden Varietäten schärfer ist, und dass 2.) der objektivierbare linguistische Abstand zwischen den beiden Varietätenbündeln merklich größer ist, als beispielsweise im Deutschen oder Englischen. Diese Beobachtungen sind in der einen oder anderen Form bereits wiederholt gemacht worden und ihr prominentester Gewährsmann ist zweifellos Raymond Queneau: 6 Anweisung: Nimm eine Bedeutung in gespannter Rezeptionshaltung auf, denn es kann dein Handeln unmittelbar betreffen. [...] Gegenanweisung: Rezipiere eine Bedeutung mit Gelassenheit und in entspannter Haltung, dein Handeln ist nicht unmittelbar gefordert (Weinrich 1982, 866).

7 Parallelfranzösisch : zur Diglossie in Frankreich 241 Personne ne nie qu il existe actuellement des différences entre le français écrit et le français parlé, certains disent même un abîme. Plus exactement, il y a deux langues distinctes: l une qui est le français qui, vers le XVe siècle, a remplacé le francien [ ] l autre que l on pourrait appeler le néo-français [ ] Le bilinguisme est donc nécessaire en France [ ] (Queneau 1965:66, 68). Nun war Queneau gewiss kein Soziolinguist, sondern eher ein moderner Dante auf der Suche nach dem literaturtauglichsten volgare; dennoch war er womöglich der erste, der die französische Sprachspaltung mit sicherem Instinkt in Zusammenhang mit dem Phänomen der Diglossie brachte wenn er den Ausdruck selbst auch noch nicht verwendet: Sur le bateau, je me mis à étudier le grec moderne, à parler avec des Grecs de la lutte entre la catharevousa et la démotique, entre la langue qui s éfforce de ne différer que le moins possible du grec ancien et la langue réellement parlée. [ ] la démotique a triomphé. C est alors [ ] qu il me devint évident que le français moderne devait enfin se dégager des conventions de l écriture qui l enserrent encore (conventions tant de style que d orthographe et de vocabulaire) [ ] (Queneau 1965:16f.). Peter Koch, der seinen Aufsatz Diglossie in Frankreich? (Koch 1997) mit eben diesen Queneau-Zitaten beginnt, hat darin mit vorbildlicher Sorgfalt sämtliche Diglossie-Definitionen zusammengetragen und auf ihre Anwendbarkeit für den französischen Fall hin untersucht und weist die Diglossie-Hypothese schließlich zurück: Der objektive sprachliche Abstand erscheint ihm gerade im Bereich der Lexik letztlich zu klein, um die provokant wirkende Klassifizierung Frankreichs als diglossisches Land zu rechtfertigen: Insgesamt bleibt also festzuhalten, daß es diglossische Tendenzen im Französischen geben mag, daß diese aber bislang nur im Bereich der Grammatik deutlich ausgeprägt sind (Koch 1997:244). Bei allen Versuchen, das Abgrenzungsproblem durch eine Präzisierung der Diglossiedefinition zu lösen, bleibt die Frage, ob eine binäre Entscheidung Diglossie ja oder nein? überhaupt nötig und interessant ist. Dass es sowohl Berge als auch Ebenen gibt, ist unstreitig, auch wenn es grundsätzlich problematisch ist, auf den Zentimeter genau anzugeben, wo denn nun die Ebene aufhört und der Berg beginnt dieses Problem aber durch eine Präzisierung der Bergdefinition beseitigen zu wollen, verspricht keinen besonderen Erkenntnisgewinn. Anstatt also eine Entscheidung darüber zu forcieren, ob das Französische nun diglossisch sei oder nicht, möchte ich vielmehr rekapitulieren, welches Bündel von Phänomenen sich meiner Ansicht nach elegant und intuitiv unter diesem Begriff zusammenfassen lässt. Angesichts von Kochs berechtigter Besorgnis, der Diglossiebegriff könne bei prototypikalischer Verwendung 7 schließlich praktisch die gesamte Sprachverwendung [abdecken], soweit dabei zwei Sprachen oder auch nur zwei Sprachvarietäten irgendwelcher Art beteiligt sind (Koch 1997:225), soll mein Ausgangspunkt dabei die bereits gemachte 7 Lüdi (1990) schlägt eine solche prototypikalische Definition vor.

8 242 Hans-Ingo Radatz Beobachtung sein, dass die Trennung in Alltags- und Schriftsprache in Frankreich schärfer ausgeprägt ist als im nicht-diglossischen Deutschland. Dabei scheint mir die extrem frühe Diglossiedefinition (oder besser: -charakterisierung) des neugriechischen Grammatikers Jean Psichari hilfreicher zu sein als die sonst üblicherweise zitierte Definition Fergusons. 8 Psichari beschreibt die neugriechische Sprachensituation seiner Zeit so: La diglossie le fait pour la Grèce d avoir deux langues ne consiste pas seulement dans l usage d un double vacubulaire, qui veut qu on appelle le pain de deux noms différents: artos, quand on est un homme instruit, psomi, quand on est peuple; la diglossie porte sur le système grammatical tout entier. Il y a deux façons de décliner, deux façons de conjuguer, deux façons de prononcer; en un mot, il y a deux langues, la langue parlée et la langue écrite, comme qui dirait l arabe vulgaire et l arabe littéral (Psichari 1928:66). Diglossie bezeichnet demnach kein einheitliches Phänomen, sondern vielmehr eine typische Kombination untereinander (möglicherweise kausal) verbundener Symptome etwas, das Mediziner wohl ein Syndrom nennen würden. Im Griechischen, das schließlich in allen einschlägigen Diskussionen stets als prototypischer Fall einer (Binnen-)Diglossie gehandelt wird beobachtet Psichari nun eine Doppelung auf vier Ebenen, nämlich: 1.) dem Wortschatz, 2.) der Nominalflexion, 3.) der Verbalflexion und 4.) dem phonologischen System. Dabei sollte uns, angesichts der eingangs angeführten Beispiele, vor allem die Doppelung des Wortschatzes aufhorchen lassen, die im übrigen auch bei Fergusons Charakterisierung der Diglossie eine zentrale Rolle spielen: [ ] a striking feature of diglossia is the existence of many paired items, one H one L, referring to fairly common concepts frequently used in both H and L, where the range of meaning is roughly the same, and the use of one or the other immediately stamps the utterance or written sequence immediately as H or L (Ferguson 1959:334). Dass Koch letztlich den französischen Fall nach reiflicher Überlegung nicht als Diglossie bezeichnet wissen will, begründet er mit dem Fehlen eben dieses lexikalischen Elements das Duneton andererseits gerade als typisches Merkmal der lexikalischen Schichtung des modernen Französischen präsentiert! Wichtig 8 Die natürlich parallel ebenfalls heranzuziehen ist: Diglossia is a relatively stable language situation in which, in addition to the primary dialects of the language (which may include a standard or regional standards), there is a very divergent, highly codified (often grammatically more complex) superposed variety, the vehicle of a large and respected body of written literature, either of an earlier period or in another speech community, which is learned largely by formal education and is used for most written and formal purposes but is not used by any sector of the community for ordinary conversation (Ferguson 1959:336). Für einen Überblick über die Diglossiedebatte vgl. Kremnitz (1987).

9 Parallelfranzösisch : zur Diglossie in Frankreich 243 ist nun bei der Bewertung weniger die Tatsache, dass eine Sprache eine Vielzahl von lexikalischen Dubletten anbietet oder dass diese auch die extrem häufigen Alltagskonzepte betreffen: Zentral ist vielmehr der Zusatz, dass die lexikalischen L-Dubletten gegenüber ihren H-Entsprechungen keine merkliche Bedeutungsverschlechterung mit sich bringen! Dubletten von hochfrequenten Alltagswörtern kennt das Französische von jeher und die momentane Entwicklung geht dahin, diese zusehends als nicht mehr pejorativ, sozial oder diaphasisch markiert wahrzunehmen. Damit wird eine ganze Kollektion hochfrequenter, einstmals stigmatisierter Alltagswörter zusehends gesellschaftsfähig und ihre Semantik wird, bis auf die Markierung [+L], identisch mit den entsprechenden H-Wörtern. Dass damit die Bedingungen einer Diglossie auch in Frankreich erfüllt wären, geht nicht nur aus den einschlägigen Diglossiedefinitionen sondern auch aus Koch (1997:244) selbst hervor. Dass dies andererseits die Entwicklung des französischen Wortschatzes ist, wird heute niemand mehr leugnen. Warum also keine Diglossie in Frankreich? Ein weiteres Argument scheint mir in einem Phänomen zu liegen, dass Jahrzehnte strukturalistischer Forschung genährt hat, in der Diglossiedebatte aber normalerweise nicht thematisiert wird: der extreme Unterschied zwischen phonisch und graphisch realisiertem Französisch. Natürlich liegt nicht bei jeder größeren Diskrepanz zwischen Graphie und Aussprache automatisch ein Fall medialer Diglossie vor. Was den französischen Fall aber beispielsweise von dem des Englischen unterscheidet, ist die Tatsache, dass diese Diskrepanz sich im Französischen massiv auf die Morphosyntax auswirkt. Gesprochenes wie geschriebenes Englisch besitzen weitgehend dieselbe Morphologie nominaler Plural wird mehrheitlich durch -s markiert, Verben zeigen nur noch in der 3. Person Singular eine Personalendung und Partizipien werden grundsätzlich nicht angeglichen. Demgegenüber gehören gesprochenes und geschriebenes Französisch zu völlig verschiedenen morphologischen Sprachtypen: Geschrieben ist es eine noch weitgehend flektierende Sprache, gesprochen dagegen eine prädeterminierend-agglutinierende. Nun sind H und L selbstverständlich nicht identisch mit Schrift- und Sprechsprache, doch zeigen sie andererseits doch klar zuzuordnende mediale Affinitäten: H ist primär schriftlich, lässt sich aber auch mündlich realisieren, L ist dagegen primär oral, lässt sich aber auch schriftlich realisieren. Die prototypischsten, reinsten Beispiele von H und L findet man charakteristischerweise stets im jeweils bevorzugten Medium, während die sekundäre Realisierung stets eine gewisse Durchmischung mit Elementen des anderen Registers mit sich bringt. Der so oft beobachtete radikale Unterschied zwischen geschriebenem und gesprochenem Französisch ist daher ein wichtiges Argument für den diglossischen Charakter Frankreichs. Das moderne Frankreich ist eine in hohem Maße sprachlich konstituierte Nation, die als solche erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts Realität wurde, indem die Sprecher der Regionalsprachen und Dialekte im Namen der nationalen Einheit ihre angestammten Sprachformen aufgaben und das Französische als Alltagssprache akzeptierten. Dass dieses Französische der neuen Sprechergenerationen die distinguierte Abstraktheit der aristokratischen Klassensprache des ancien régime nicht verlustfrei in den Alltag gerettet hat, ist kaum

10 244 Hans-Ingo Radatz überraschend. Die traditionelle sprachliche Selbstmystifizierung sieht in der Nationalsprache und das ist selbstverständlich H und nur H das zentrale Element nationaler Zusammengehörigkeit. Jedes Abweichen von H ist ein zu korrigierender, individueller Fehltritt, allerdings einer, denn jeder Franzose jeden Tag tausende Male begeht und begehen muss, um nicht hoffnungslos prätentiös zu wirken. Die Franzosen haben daher mehrheitlich eine besonders unrealistische Vorstellung von der sprachlichen Realität ihres Landes; leider wird diese von ausländischen Vermittlern der französischen Sprache zumeist kritiklos übernommen. Französischunterricht in Frankreich hat primär die Funktion, den L-Muttersprachlern die H-Varietät beizubringen; in Deutschland, wo den Schülern eingangs beide Varietäten gleichermaßen fremd sind, müsste zuerst einmal auch L explizit thematisiert und unterrichtet werden. Da das aber mit der französischen Sprach(lehr)kultur gänzlich unvereinbar ist, wird auch in Deutschland beinahe der gesamte Unterricht fast ausschließlich auf das aktive Erlernen der H-Varietät angelegt, weil diese die einzige Varietät ist, die als unterrichtbar und unterrichtswürdig wahrgenommen wird. Das Ergebnis ist hinlänglich bekannt: Ausländer mit Schulfranzösisch treffen vor Ort auf ungleich größere Verständigungs- und vor allem Verständnisprobleme stoßen, als das bei anderen Fremdsprachen der Fall wäre. Wer vorhat, für einige Jahre nach Ägypten zu gehen, tut gut daran seine Sprachkenntnisse mit einem Lehrbuch wie z.b. Colloquial Arabic of Egypt (Russell McGuirk, Routledge 1988) zu erwerben und nicht etwa zuerst mit der klassischen Sprache zu beginnen, mit der er im Alltag wenig Freude haben würde. Dass es dieses Lehrmaterial überhaupt gibt, liegt daran, dass die arabische Diglossie ein allgemein bekanntes und akzeptiertes Faktum ist. Wenn man die französische Diglossie beim Namen nennt z.b. mit den nicht ganz exakten, aber jedem Laien intuitiv verständlichen Begriffen Schrift- und Alltagsfranzösisch, lässt sich der unumgängliche Unterricht der gesprochenen Varietät viel angemessener strukturieren. Das alltagsfranzösische Element muss dann nicht mehr als kuriose Abweichung von der Norm anekdotenhaft in den Unterricht eingestreut werden, sondern kann selbst Gegenstand des Unterrichts werden, sei es als Sprachkurs, sei es als eigenständiges Lehrbuch wie im Falle des Arabischen. Im derzeitigen Französischunterricht wird zudem der jedem Französischsprecher intuitiv bewusste scharfe Bruch zwischen H und L nicht ausreichend thematisiert und stattdessen versucht, eine Ausgleichsvarietät zu unterrichten, wie sie in Deutschland oder Großbritannien existiert, in Frankreich aber charakteristischerweise nicht. Die folgende Passage aus Hemingways Winner take nothing ist gewiss ein Beispiel für unmarkiertes Schriftenglisch: We shot two, but then stopped, because the bullets that missed glanced off the rocks and the dirt, and sung off across the fields, and beyond the fields there were some trees along a watercourse, with a house, and we did not want to get into trouble from stray bullets going towards the house (Hemingway: Winner take nothing, zit. nach Duneton 1978:173). Dass dies Schriftenglisch ist, heißt nun aber keineswegs, dass ein heimgekehrter Ex-Soldat seinen Freunden im persönlichen Gespräch diese Ereignisse nicht mit

11 Parallelfranzösisch : zur Diglossie in Frankreich 245 genau denselben Worten erzählen könnte. Es gibt im Englischen und mehr oder weniger genauso auch im Deutschen eine Schnittmenge von Registermerkmalen, die sowohl im Nähe- als auch im Distanzdiskurs als unmarkiert wahrgenommen werden: Wir erschossen zwei von ihnen, stellten dann aber das Feuer ein, weil die Geschosse, die nicht trafen, von Felsen und Erdreich abprallten und quer über die Felder schwirrten. Jenseits der Felder standen entlang eines Wasserlaufs ein paar Bäume, daneben ein Haus, und wir wollten keine Probleme durch Querschläger bekommen, die in Richtung des Hauses flogen. Diese Situation scheint mir typisch für nicht-diglossische Situationen zu sein. Duneton päsentiert nun eine französische Version dieser Passage, wie sie in einer publizierten Übersetzung von Hemingways Roman zu erwarten wäre: Nous en tuâmes deux, mais jugeâmes ensuite prudent de nous arrêter, car les balles qui les manquaient ricochaient sur les rochers et sur la terre, et risquaient d aller se perdre du côté d une maison qu on voyait au-delà des champs, à proximité d un cours d eau bordé d arbres, et nous aurions pu nous attirer des ennuis (Duneton 1978:174). Während dieser Text als Schrifttext völlig unauffällig ist, ist er zugleich für eine mündliche Schilderung völlig inakzeptabel. Es handelt sich um eine reine Leseund Ablesevarietät, derenverwendung dem Status des Schriftdeutschen in der (unstreitig diglossischen) Deutschschweiz ähnelt. Wie man sich in jeder schweizerischen Tagesschau auf 3sat leicht überzeugen kann, wird Standarddeutsch dort praktisch nur noch in dieser Funktion verwendet. Wollte ein Franzose dieselbe Geschichte mündlich wiedergeben, würde (und müsste) er sich dagegen eher so ausdrücken: On en a descendu deux; mais alors on s est arrêtés parce que les balles qui passaient à côté ricochaient par terre et sur les rochers, elles partaient en sifflant dans la campagne. Comme au bout des prés il y avait des arbres au bord d un ruisseau, avec une maison, on ne voulait pas s attirer des ennuis avec les balles perdues qui auraient pu toucher l habitation (Duneton 1978:176). Man beachte, dass dieses Register nicht nur im Umgang mit engen Freunden, sondern genausogut im Gespräch mit Unbekannten oder sogar in einem Fernsehinterview die einzig unmarkierte Wahl darstellt. Franzosen müssen also Registerentscheidungen treffen, wo Deutsche oder Engländer eine neutrale Varietät wählen können. Ist nicht genau das das Wesen der Diglossie? Auch die Lexikographie würde davon profitieren, wenn man die französische Diglossie endlich akzeptierte. Das würde es uns erlauben, all die eingangs erwähnten L-Dubletten einfach als L zu markieren, einer Kategorie, die in der deutschen Varietätenarchitektur keine Entsprechung hat und daher bei der Übersetzung nicht vermittelt werden kann oder sollte. Bagnole wäre dann einfach nur (L) Auto und nicht etwa f. fam. Schlitten, Karren. Die folgende Liste enthält einige Beispiele, die zugleich sehr häufig und zudem völlig unauffällig sind. Sowohl das Pons Großwörterbuch als auch Stammerjohanns Französisch zum Lernen (Stammerjohann 1986) neigen dazu, diese Wörter

12 246 Hans-Ingo Radatz einer Stilebene zuzuweisen, die sie nur bei geschriebener Verwendung hätten; gesprochen scheinen sie mir heute alle weder fam noch pop zu sein: Lemma Pons 9 Stammerjohann 1986 bagnole = Auto (jedes Auto ist potentiell eine bagnole, nicht nur alte oder schlechte) f fam Schlitten, Karren bagnole [ba ]l] f fam Auto, Karre, Kiste balles = FF bidon = vorgetäuscht (ein häufiges, unersetzliches Wort ohne echte Schriftentsprechung) bosser = arbeiten (der Aspekt der besonders schweren Arbeit ist zwar noch aktivierbar, schwindet aber) bouffer = essen (das Animalische von dtsch. fressen fehlt hier völlig). boulot = Arbeit (noch weiter verbreitet und neutraler als Job ) bouquin = Buch (evoziert heute wohl nur noch ausnahmsweise Schmöker ) pl fam (francs) Franc pl.; 100 ~ s 100 Eier 1. fam (ventre), Bauch, Bäuchlein, c est du ~ fam das ist alles nur Märchen [o Schwindel]; 2. app inv fam attentat, attaque Schein-, élections manipuliert: c est un aveugle ~ er tut so, als wäre er blind. vt fam qn bosse qc matière jd lernt ew, jd büffelt etw, examen jdn lernt, büffelt für etw 1. vt fam qn bouffe qc jd ißt etw, jd futtert etw; je n ai rien à ~à la maison ich habe nichts Eßbares im Haus; 2. (consommer) fam on en a bouffé des kilomètres wir haben Kilometer gefressen[o heruntergerissen] 3. fam (manifester sa colère) qn bouffe qn jd hat jdn gefressen; il bouffe du curé/du communisme er hat die Pfaffen/die Kommunisten gefressen; qn a envie de ~qn jd könnte jdm den Kragen umdrehen; fam (travail) Arbeit; (emploi) Job; j ai trop de ~ ich hab zuviel zu tun [o zuviel Arbeit]; qn va au ~/rentre du~ jd geht zur Arbeit/kommt von der Arbeit heim; ce n est pas mon~ das ist nicht mein Job. fam Buch; il est plongé dans ses ~s er ist in seine Bücher vertieft balle [bal] f Kugel, (kleiner) Ball bosser [b]se] fam schuften bouffer [bufe] fam essen, fressen boulot [bulo] m fam Arbeit, Job bouquin [bukẽ] f fam Buch, Schmöker 9 Pons Großwörterbuch Französisch Deutsch, Stuttgart / Dresden: Klett,

13 Parallelfranzösisch : zur Diglossie in Frankreich 247 causer = sprechen (die Negativkonnotationen wie tratschen liegen nicht im Wort selbst, sondern im Kontext) flic = Polizist (ist anders als dtsch. Polyp oder Bulle nicht beleidigend) fam (médire) qn cause sur [le compte de] qn jd redet [o tratscht] über jdn ; on commence à ~ es wird schon getratscht, es gibt schon Gerede; on cause beaucoup sur ton compte man redet [o erzählt [sich]] eine Menge über dich, über dich wird eine Menge getratscht; qc fait ~ etw sorgt für Gerede [o Gesprächsstoff], man redet über etw; assez causé! genug geredet!; qn ne cause plus à qn jd redet[o spricht] nicht mehr mit jdm; cause toujours! red du nur!, da kannst du dir den Mund fusslig reden!; je te/vous cause ich rede mit dir/ihnen; tu causes! tu causes! das kannst du deiner Großmutter erzählen! wer s glaubt, wird selig!; fam Polyp, Bulle causer [koze] 1. verursachen, 2. plaudern flic [flik] m fam Polizist, Bulle flotte = Wasser fam Wasser, Regen fric = Geld (... und nicht Kohle!) fam Kohle, Kies, faiseur de fric Geldscheffler fric [frik] m fam Geld, Zaster, Kohle godasse = Schuh 10 fam Latschen, Treter gosse = Kind (dies scheint zur Zeit die unmarkierte Bezeichnung zu sein) gueule = Mund, Gesicht... (vor allem engeuler und faire la gueule sind überhaupt nicht vulgär und schriftsprachlich kaum wiederzugeben) fam Kind, Kleine(r), kleiner Junge, kleines Mächen; sale gosse elender Lausebengel; faire des gosses à qn jdm Kinder machen; gosse des riches verwöhntes Kapitalistenbalg fam 1. Visag, Fresse; qn a une bonne ~ jd sieht ganz gut aus; qn une sale ~ jd ist potthäßlich; 2. Schnauze,Klappe, Maul; qn a la ~ de bois jd hat einen Kater; qn/qc arrive la ~ enfarinée jd/etw kommt ganz harmlos daher; qn se bourre la ~ jd läßt sich vollaufen; qn se casse la ~ jd fällt auf die Schnauze, faire la ~ à qn sauer auf jdn sein gosse [g]s] m/f fam Junge, Bengel / Mädchen, Göre gueule [gœl] f Maul, Schnauze casser la ~ à qn pop jdm eins in die Fresse hauen Ta ~! pop Halt s Maul! 10 [...] énormément de petits enfants, m a-t-on assuré, ne connaissent que ce mot-là pour désigner des chaussures quand ils sont à la maternelle... (Duneton / Pagès 1985:144).

14 248 Hans-Ingo Radatz moche = hässlich adj fam 1. hässlich, 2. scheußlich moche [m] ] fam hässlich (Person oder Sache), blöd (Sache), beschissen môme = Kind (nicht mehr pejorativ!) paumer = verlieren 1. fam Balg, Kleine(r), 2. pop Göre, Kleine fam qn paume qc jd verbummelt/verschlampt etw pinard = Wein (spektakuläre Dublette eines Alltagsworts) fam Wein planquer = verstecken rencard = Verabredung (vor allem Verabredungen privater Natur) rigolo = lustig (Cohen 1983 hält es für nicht länger populaire ) sympa = nett, toll (extrem häufiges Wort; die Herkunft ist heute völlig in Vergessenheit geraten; ein Essen kann ebenso sympa sein, wie ein Auto oder eine Stadt) fam qn planque qn/qc [quelque part] jd versteckt jdn/etw irgendwo, jd bringt jdn in Sicherheit; qn se planque [quelque part] jd versteckt sich irgendwo, jd bringt sich in Sicherheit fam voir rancard1. arg Wink, Tip; 2. fam Treff, Verabredung I. adj fam 1. lustig, komisch, ulkig; 2. komisch, eigenartig; II. fam 1. lustiger Kerl, Scherzbold, Ulknudel;2. unseriöser Mensch, unseriöse Frau fam abr de sympathique nett rigolo, -te [rig]lo, rig]lot] fam zum Lachen, komisch sympathique [sẽmpatik], fam sympa [sẽmpa] trouver ~ sympathisch, nett toubib = Arzt (Dublette ohne jegliche pejorative Komponente) fam Arzt, Ärztin toubib [tubib] m fam Arzt trouille = Angst (wer wirklich Angst hat, sagt nicht peur) pop Angst, qn a la ~ jd hat Schiß; qn/qc fiche/flangue/fout la ~ à qn jd/etw jagt jdm Angst ein avoir la trouille [truj] fam Bammel haben Der Grad der Vulgarität ist massiv davon abhängig, ob die entsprechenden Lexeme im Rahmen des Schrift- oder des Parallelfranzösischen verwendet werden. Wegen der übergroßen Fixierung der Wörterbücher auf die Schriftsprache werden so oft völlig geläufige Alltagswörter in eine Schmuddelecke gestellt, in die sie einfach nicht gehören.

15 Parallelfranzösisch : zur Diglossie in Frankreich 249 Es ist aus emotionalen Gründen unwahrscheinlich, dass die Franzosen selbst in absehbarer Zeit ihre Diglossie akzeptieren und in die Didaktik des Französischunterrichts integrieren werden. Damit wird die Haltung eines linguistischen do as I say, don t do as I do dort noch für lange Zeit fest verwurzelt bleiben. Als Ausländer sieht man derlei zuweilen durch die Distanz klarer als die Betroffenen selbst, und im vorliegenden Fall könnten gerade wir Philologen aus dem Ausland einen Schritt tun, zu dem die Franzosen mehrheitlich noch nicht bereit sind: die Existenz des Parallelfranzösischen zu akzeptieren, es als solches in den Französischunterricht zu integrieren und damit unsere Studenten endlich bereits an der Universität auf die Sprache vorzubereiten, die in Frankreich tatsächlich gesprochen wird und nicht mehr nur auf das, was die Franzosen nach ihrer Selbsteinschätzung eigentlich sprechen sollten. Französisch kann faktisch nur, wer nicht nur beide Varietäten beherrscht, sondern außerdem auch die sozialen Regeln verinnerlicht hat, die deren Distribution steuern. Bibliographie Bauche, Henri ( ): Le langage populaire, grammaire, syntaxe et dictionnaire du français tel qu on le parle dans le peuple avec tous les termes d argot usuel, Paris: Payot Cellard, Jacques / Rey, Alain (1980): Dictionnaire du français non-conventionnel, Paris: Hachette. Christmann, Hans Helmut (1983): Das Französische der Gegenwart: zu seiner Norm und seiner défense, in: Hausmann, Franz-Josef (Hg.): Die französische Sprache von heute, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Wege der Forschung; 496), Cohen, Marcel (1983): C est rigolo n est pas populaire, in: Hausmann, Franz-Josef (Hg.): Die französische Sprache von heute, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Wege der Forschung; 496), Duneton, Claude (1998): Le guide du français familier, Paris: Seuil. Duneton, Claude / Pagès, Frédéric (1985): À hurler le soir au fond des collèges, Paris: Éditions du Seuil. Duneton, Claude (1978): Parler croquant, Paris: Éditions Stock. Ferguson, Charles A. (1959): Diglossia, in: Word 15, George, Ken (1993): Alternative French, in: Sanders, Carol (Hg.): French today, Language in its social context, Cambridge: Cambridge University Press, Guiraud, Pierre ( ): Le français populaire, Paris: PUF (Que sai-je; 1172). Koch, Peter (1997): Diglossie in Frankreich?, in: Winfried Engler (Hrsg.): Frankreich an der Freien Universität. Geschichte und Aktualität, Stuttgart: Steiner (Beihefte zur Zeitschrift für französische Sprache und Literatur N.F., 23), Koch, Peter / Oesterreicher, Wulf (1990): Gesprochene Sprache in der Romania: Französisch, Italienisch, Spanisch, Tübingen: Max Niemeyer Verlag (Romanistische Arbeitshefte; 31). Kremnitz, Georg (1987): Diglossie / Polyglossie ; in: Ammon, Ulrich / Dittmar, Norbert / Mattheier, K. J. (Hrsg.): Soziolinguistik / Sociolinguistics, Berlin / New York: Walter de Gruyter (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft; 3.1), Lodge, Andrew (1999): Colloquial vocabulary and politeness in French, in: Modern Language Review 94,

16 250 Hans-Ingo Radatz Lüdi, Georges (1990): Französisch: Diglossie und Polyglossie, in: Holtus, G. / Metzeltin, M. / Schmitt, C. (Hrsg.): Lexikon der Romanischen Linguistik (LRL), Bd. 5.1: Französisch / Le français, Tübingen: Niemeyer, Merle, Pierre (1998): Le dico du français qui se cause, Toulouse: Milan. Psichari, Jean (1928): Un pays qui ne veut pas de sa langue, in: Mercure de France 207, Queneau, Raymond ( ): Bâtons, chiffres et lettres, Paris: Gallimard. Stammerjohann, Harro (1986): Französisch zum Lernen, Stuttgart: Klett. Söll, Ludwig (1983): Die Krise der französischen Sprache Realität oder Illusion?, in: Hausmann, Franz-Josef (Hg.): Die französische Sprache von heute, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Wege der Forschung; 496) (zuerst in: Sprache im technischen Zeitalter 32 (1969), ), Weinrich, Harald (1982): Textgrammatik der französischen Sprache, Stuttgart: Ernst Klett.

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