Workshop 9. Sexueller Missbrauch in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe

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1 Tagung: und plötzlich ist es Thema! Handlungsstrategien im Umgang mit sexuellem Missbrauch in Insititutionen Fachtagung am in Rendsburg Workshop 9 Sexueller Missbrauch in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe Dirk Bange

2 Zahlen und Daten Von 91 untersuchten verurteilten Sexualstraftätern aus den USA hatten 35% einen sozialpädagogischen Hintergrund (Elliott u.a. 1995). Von den Pädosexuellen, die ich kenne, sind 80 Prozent als Lehrer, Erzieher oder Geistliche tätig (Ein Pädosexueller im Interview Bange 1990). Von 324 Jungen aus NRW, die als Sexualstraftäter aufgefallen sind, haben 17 Prozent ihre Taten in Heimen oder Einrichtungen der Jugendhilfe begangen (Nowara & Pirschke 2005, 49). 2

3 Zitate von Praktikerinnen und Praktikern Wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann gab es in der Vergangenheit schon Momente, wo ich bezüglich eines Kollegen so ein komisches Gefühl hatte. Aber man hat seinerzeit dem Thema doch kaum Beachtung geschenkt (Sozialarbeiterin auf einer Fortbildungsveranstaltung). Als das mit meinem Kollegen heraus kam, war ich geschockt. Ich habe mich gefragt, ob wir etwas hätten bemerken können oder müssen (Sozialarbeiter auf einer Fortbildungsveranstaltung). Viele Sozialarbeiter haben in der Ausbildung nichts zum Thema sexueller Missbrauch erfahren. Wie soll man da im Falle eines Falles auch richtig reagieren? (Sozialarbeiter auf einer Fortbildungsveranstaltung)

4 Fragerunde 1: Erfahrungen zum Thema des sexuellen Missbrauchs Haben Sie in Ihrer Ausbildung ein Seminar zum Thema des sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen besucht? Haben Sie im Anschluss an Ihre Ausbildung eine Fort- oder Weiterbildung zum Thema besucht? Sind Sie in Ihrer Praxis schon einmal mit einem Verdacht gegen einen Kollegen konfrontiert worden? Sind Sie in Ihrer Praxis schon einem mit einem Verdacht gegen eines Ihrer betreuten Kinder konfrontiert worden? Gibt es in ihrer Einrichtung Leitlinien für den Umgang mit einem solchen Verdacht?

5 Antworten auf die Fragen Teilnehmer insgesamt: Thema in der Ausbildung: Besuch einer Fortbildung: Verdacht gegen einen Kollegen: Verdacht gegen ein Kind: Leitlinien zum Umgang mit einem Verdacht:

6 Fragerunde 2: Normales Verhalten, Grenzverletzungen oder sexueller Missbrauch? Ein Erzieher nennt ein Mädchen immer wieder Liebste. Ein Junge bekommt von seinem Erzieher kleine Geschenke, er wird von ihm zum Sport gefahren und der Erzieher erzählt dem Jungen von seinen Problemen. Eine Erzieherin trägt bevorzugt bauchfreie Kleidung oder T-Shirts mit tiefem Ausschnitt. Ein Erzieher nimmt ein Mädchen immer wieder auf den Schoss. Ein Erzieher klärt die Jungen seiner Gruppe unter Einbeziehung von Pornografie auf. Zur Illustration zieht er sich aus und zeigt den Kindern seine Genitalien.

7 Wahrnehmungsblockaden gegenüber Grenzverletzungen und sexuellen Missbrauch Unzureichendes Wissen über Täterstrategien Haltung: Vertrauen untereinander ist die Basis einer guten Pädagogik Angst, selbst das Opfer falscher Beschuldigungen zu werden Angst davor, falsche Beschuldigungen zu erheben Angst um den Ruf der eigenen Einrichtung Unsicherheit wie mit einem Verdacht umzugehen ist; Überforderungsgefühle Spaltung des Teams einige legen Hand ins Feuer für den Kollegen, andere nehmen die Vermutung ernst Unsere Kinder haben schon einiges hinter sich, da wird schon einmal ein falscher Vorwurf erhoben.

8 Risikofaktoren Es bestehen entweder sehr autoritäre oder unklare Leitungsstrukturen. Die Grenzen zwischen persönlichen und beruflichen Kontakten unter den Mitarbeitern verschwimmen. Es gibt kein klares pädagogisches Konzept für die Arbeit mit den Mädchen und Jungen, das konkrete Handlungsanweisungen beinhaltet, was im pädagogischen Umgang erlaubt ist und was nicht (z.b. Wie wird mit Körperkontakt umgegangen? Dürfen Räume abgeschlossen werden? Welche Strafen sind legitim?). Es gibt keine schriftlich fixierten Regeln über die Achtung der Rechte von Mädchen und Jungen auf Selbstbestimmung und Privatsphäre. Die Partizipation von Mädchen und Jungen wird vernachlässigt. Es fehlt ein klar strukturiertes Beschwerdemanagement.

9 Was ist zu tun? Die Einrichtungsleitung macht das Thema zur Chefsache. Erarbeitung eines pädagogischen Konzeptes unter besonderer Berücksichtigung der Themen Nähe und Distanz und Grenzverletzungen. Erarbeitung eines Rahmens für Partizipation der Mädchen und Jungen unter Berücksichtigung der Grenzen von Partizipation Erarbeitung von Einstellungskriterien, Regelung zum Einholen von Führungszeugnissen usw. Entwicklung von Leitlinien für den Umgang mit einem Verdacht auf sexuellen Missbrauch Fort- und Weiterbildung der Mitarbeiter/innen Entwicklung eines Beschwerdemanagements Präventionsangebote für die Kinder; Sexualpädagogische Angebote

10 Leitlinien für Mitarbeiter in stationären Jugendhilfeeinrichtungen Dem persönlichen Empfinden der Mädchen und Jungen wird Vorrang vor strukturellen und persönlichen Zielen gegeben. Die Eigenarten der Mädchen und Jungen werden geachtet. Die Mädchen und Jungen bekommen ausreichende Mitbestimmungsmöglichkeiten bei der Gestaltung ihrer Gruppe. Die Mitarbeiter/innen sind Vorbilder für die Mädchen und Jungen. Die Grenzen der Mädchen und Jungen werden geachtet. Auf abwertendes Verhalten wird verzichtet. Es wird darauf geachtet, dass die Kinder untereinander ebenfalls wertschätzend miteinander umgehen. Die Intimsphäre der Mädchen und Jungen wird geachtet. Sexuelle Grenzverletzungen und jede Form der Gewaltausübung werden abgelehnt (angelehnt an Wendepunkt e.v.: Leitlinien für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Jugendarbeit).

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