Angststörungen: Behandlung. Anne Schienle

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1 Angststörungen: Grundlagen, klinischpsychologische Diagnostik und Behandlung Anne Schienle Klinische Psychologie Lehr- und Forschungsambulanz (PsyAmb) Karl-Franzens-Universität Graz

2 Klinisch-psychologische Lehr- und Forschungsambulanz Durchführung von Diagnostik und Psychotherapien im Rahmen von Forschungsprojekten Expositionstherapie bei Spinnenphobikerinnen Psychoedukation für Zahnbehandlungs- PhobikerInnen Placebowirkungen auf die emotionale Verarbeitung Individualisierte Zwangsdiagnostik Neurobiologische Forschungsambulanz Bedeutung der Unsicherheitsintoleranz bei Generalisierter Angststörung

3 Angststörungen: wichtige Konstrukte Angst Ängstlichkeit (Angstbereitschaft) Angststörungen sind die häufigsten psychischen Störungen Basisemotion (auf mind. 3 Dimensionen beschreibbar) subjektiv motorisch somatisch relativ stabile Bewertungs- und Verhaltensdisposition, Umgang mit Bestrafung/ Nichtbelohnung bzw. neuen/unerwarteten Reizen* Verhaltenshemmsystem *neurobiologisches Modell von Gray pathologische Angst - ohne angemessenen Grund - übertrieben stark/ anhaltend - unzureichend kontrollierbar - Leid/ Beeinträchtigung

4 Der diagnostisch-therapeutische Prozess Erstgespräch Basisdiagnostik/ Screening Störungsspezifische Diagnostik Klassifikation Freie Problembeschreibung Störungsübergreifende Interviews, Fragebogen, Tests; ergänzt durch medizinische Diagnostik/ Vorbefunde Störungsspezifische Interviews, Fragebogen, Tests, Verhaltensbeobachtung Diagnostik/ Differentialdiagnostik (ICD-Code) Erklärung Indikation Rückmeldung/ Therapieangebot Therapie Katamnese Entwicklung eines individuellen Störungsmodels Auswahl von Interventionsstrategien, des Therapeuten, des Settings Informationen über Testergebnisse, Störungsmodell, Therapieangebot, Prognose Festlegung und Überprüfung von Therapiezielen, Prozessevaluation, Endevaluation Überprüfung der zeitlichen Stabilität von Therapieeffekten

5 Basisdiagnostik/ Screening Strukturierte klinische Interviews z.b.: Diagnostisches Interview bei psychischen Störungen (DIPS) Screening-Fragebögen (Beispiele) - Brief Symptom Inventory (Derogatis) - Spielberger State-Trait-Angstinventar, Beck-Angstinventar, BIS/BAS-Skalen nach Gray

6 Basisdiagnostik/ Screening Studie von Bruchmüller, Margraf et al. (2011) Popular or Unpopular? Therapists' Use of Structured Interviews and Their Estimation of Patient Acceptance (Behavior Therapy) PatientInnen Alle Settings (N = 183) Zufriedenheit (%) (13.18) Stationär (n = 90) Ambulant (n = 56) Forschung (n = 37) M (SD) M (SD) M (SD) M (SD) (14.31) (11.52) (10.42) Zufriedenheit (%) der PatientInnen geschätzt durch TherapeutInnen: Häufigkeit der Verwendung M = 49% 15% der behandelten PatientInnen

7 Güte-Kriterien DIPS Diagnoseklasse (n = 191) Reliabilität (Übereinstimmung %) Validität Panikstörung 90 <.001 Sozialphobie 85 <.001 Spezifische Phobie 93 <.001 Generalisierte Angststörung 93 <.001 Zwangsstörung 98 <.001 Hoyer & Margraf, 2003

8 Störungsspezifische Diagnostik Erstgespräch Basisdiagnostik/ Screening Störungsspezifische Diagnostik Klassifikation Erklärung Indikation Rückmeldung/ Therapieangebot Therapie Katamnese Angst ist ein komplexes Reaktionsmuster, das auf mindestens drei Ebenen erfasst werden kann/ muss. subjektiv motorisch somatisch störungsspezifische Fragebögen, Interviews (Hoyer & Margraf: Angstdiagnostik) Verhaltenstests physiologische Indikatoren - Erregung (Herzrate, EDA) - Motivierte Aufmerksamkeit (EKPs) - Spezifische emotionale/ kognitive Prozesse aufgrund der Aktivierung spez. Gehirnareale bzw. netzwerke (fmrt)

9 Verhaltenstests Pro: große externe Validität, standardisiert oder flexibel anzupassen, relevant für die Therapieplanung sowie evaluation z.b. Annäherung an (sozial)(agora)phobischen, zwangsrelevanten.reiz/ Situation. Erfasst wird: (räumliche) Vermeidung, Angstempfinden (SUDS), körperliche Angstindikatoren

10 Verhaltenstests SMA Basalganglien

11 Es ist nicht immer (nur) Angst Ekel-Diagnostik Ekelempfindlichkeit: Neigung einer Person über verschiedene Situationen mit Ekel zu reagieren. Ekelsensitivität: Neigung einer Person, eigenen Ekel als aversiv und unkontrollierbar zu erleben. Fragebogen zur Erfassung der Ekelempfindlichkeit (FEE) bzw. Ekelsensitivität (SEE) in Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie Schienle et al. (2002; 2010)

12 Beispiel-Items Ekelempfindlichkeit (FEE) Im folgenden werden verschiedene Situationen beschrieben. Bitte stufen Sie ein, wie eklig diese Situationen für Sie wären. 1. Sie beobachten, wie sich eine Person nach dem Gang zur Toilette nicht die Hände wäscht. 2. Sie beißen in eine gegrillte Heuschrecke. nicht eklig sehr eklig 3. Sie fahren in einem Leichenwagen mit Ekelsensitivität (SEE) Kreuzen Sie bitte an, wie sehr die folgenden Aussagen auf Sie zutreffen oder nicht. 1. Ich habe Angst, in ekelhaften Situationen übertrieben zu reagieren und somit aufzufallen. 2. Ekel zu empfinden stellt für mich eine Belastung dar. trifft nicht zu trifft etwas zu teils - teils trifft ziemlich zu trifft völlig zu

13 Ekelempfindlichkeit/ -sensitivität FEE SEE Fragebogenwerte 3,5 3 2,5 2 1,5 1 0,5 0 Schienle et al. (2003, 2010)

14

15 Spinnenphobie: Hyperreaktivität Motorischer Kortex Visueller Kortex Amygdala

16 Spinnenphobie: Hyporeaktivität

17 Erlernen von Emotionsregulation bei Spinnenphobie Expositionstherapie: gestuftes, modellgeleitetes Vorgehen Hierarchie gefürchteter Situationen... Spinne mit Glas + Papier fangen Spinne in Hand halten Exposition (bis Angst merklich nachgelassen hat; kognitive Umstrukturierung)

18 Therapie-Effekt

19 Katamnese (6 Monate nach der Therapie)

20 Wahrnehmung & Präferenz sozialer Distanz ( Personal Space )

21 Wahrnehmung & Präferenz sozialer Distanz ( Personal Space ) Abhängig von eigenem Gefühlszustand Abhängig vom Gefühlszustand des Gegenübers Zusammenhang mit bestimmten Persönlichkeitsvariablen (z.b. soziale Ängstlichkeit) Zusammenhang mit bestimmten psychischen Störungen (z.b. Sozialphobie, BPD)

22 Verzerrter interpersoneller Raum Erwünschter Abstand zu einer unbekannten Frau bzw. Mann

23 Verzerrter interpersoneller Raum Erwünschter Abstand zu einer unbekannten Frau bzw. Mann

24 Verzerrter interpersoneller Raum

25 fmrt-befunde

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