1. Einleitung 11. Problemstellung



Ähnliche Dokumente
Beteiligung ausländischer Investoren und Initiatoren an deutschen Fonds

1 Einleitung. 1.1 Motivation und Zielsetzung der Untersuchung

DNotI. Fax - Abfrage. GrEStG 1 Abs. 3 Anteilsvereinigung bei Treuhandverhältnissen. I. Sachverhalt:

KESt NEU unter besonderer Berücksichtigung der geänderten Übergangsbestimmungen laut Abgabenänderungsgesetz 2011

Zulassung nach MID (Measurement Instruments Directive)

Obergericht des Kantons Zürich

Steuern. Steuern. Arbeitsverhältnis mit Lohnsteuerkarte (1) (= abhängige Beschäftigung)

Einleitung und Gang der Untersuchung

2.1.1 Wer ist zur Bilanzierung verpflichtet?

Besteuerung von getrennt lebenden und geschiedenen Ehegatten mit Liegenschaften

Diese Beschreibung von Hans Möller, die sich auf den Berufsstand der Versicherungsvermittler. zu den Parteien des Versicherungsvertrages betroffen.

Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag

Gestaltungsbeispiel Holdingstruktur

Inhalt. Einführung in das Gesellschaftsrecht

Referent Harald Scheerer Dipl. Kfm. Steuerberater

Verordnung über Medizinprodukte (Medizinprodukte-Verordnung - MPV)

Gemeinnützige Stiftungen Zahlen, Daten und Fakten

I. Einführung 1. Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit

Existenzgründer Rating

DAS NEUE GESETZ ÜBER FACTORING ( Amtsblatt der RS, Nr.62/2013)

ARBEITEN IM AUSLAND EST IM WEGZUGSJAHR

Verlagerung der Buchführung ins Ausland Gesetzliche Rahmenbedingungen


Die 7 wichtigsten Erfolgsfaktoren für die Einführung von Zielvereinbarungen und deren Ergebnissicherung

Bayerisches Landesamt für Steuern 17 ESt-Kartei Datum: Karte 2.1 S /3 St32

Verordnung über Medizinprodukte (Medizinprodukte-Verordnung - MPV)

Kann K von V die Übertragung des Eigentums am Grundstück verlangen?

Optimierung der operativen Controllingaktivitäten

Berufungsentscheidung

6 Schulungsmodul: Probenahme im Betrieb

(Text von Bedeutung für den EWR)

Die GAP ist... Die GAP ist nicht... Europäische Kommission Landwirtschaft und ländliche Entwicklung

Mehr Transparenz für optimalen Durchblick. Mit dem TÜV Rheinland Prüfzeichen.

Gründung Personengesellschaft

Unterrichtsmaterialien in digitaler und in gedruckter Form. Auszug aus: Abi-Retter-Strategien: Texterörterung. Das komplette Material finden Sie hier:

Fragen und Antworten zur Prüfmöglichkeit für ausländische Investitionen (Änderung des Außenwirtschaftsgesetzes und der Außenwirtschaftsverordnung)

Leitfaden. zur Einführung neuer Studiengänge

Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln Erfahrungen aus den Ländern

Neuerungen 37b EStG BMF

Skript zum Online-Seminar Verlustabzugsbeschränkung nach 8c KStG

Vorab per . Oberste Finanzbehörden der Länder

Speicher in der Cloud

Steuerliche Behandlung der Tätigkeiten von Gastprofessoren. Folie Nr. 1

AGROPLUS Buchhaltung. Daten-Server und Sicherheitskopie. Version vom b

STEUERLICHE BEHANDLUNG VON VEREINSFESTEN

Mobile Intranet in Unternehmen

Copyright 1997 Kammer der Wirtschaftstreuhänder All rights reserved

(EuGVVO) 5. Innerhalb des Insolvenzverfahrens werden nicht alle

Befristung Inkrafttreten des TzBfG BeschFG Abs. 1; TzBfG 14 Abs. 2 Satz 1 und 2

SWOT Analyse zur Unterstützung des Projektmonitorings

Gezielt über Folien hinweg springen

Doppelbesteuerungsabkommen mit Italien Überblick

Gewerblicher Grundstückshandel

1. Vorbemerkungen. Kreisschreiben Nr. 14 vom 6. Juli 2001

Geschäfts- und Firmenwert G 20. Entgeltlich erworbener Geschäfts- und Firmenwert

Internationaler Datenschutz / Europäischer Datenschutz - Schutzgefälle. IT-Anwaltskonferenz , Berlin RA Thomas Zerdick, LL.M.

Handbuch ECDL 2003 Modul 2: Computermanagement und Dateiverwaltung Der Task-Manager

aws Garantien für Überbrückungsfinanzierungen (KMU-Förderungsgesetz)

Trainingsplan 16-wöchiger Trainingsplan für einen Triathlon (Volkstriathlon), Einsteiger

1. Einleitung. 1.1 Hintergrund. 1.2 Motivation. 1.3 Forschungsansatz - These

Zusatz-Tarifvertrag. für die in der. DB Zeitarbeit GmbH. beschäftigten Arbeitnehmer. (DB Zeitarbeit-ZusatzTV)

Abschnitt 1 Anwendungsbereich und Allgemeine Anforderungen an die Konformitätsbewertung 1 Anwendungsbereich

GPA-Mitteilung Bau 5/2002

Modul BSL-B-00: Einführung in die Betriebswirtschaftslehre

Artenkataster. Hinweise zur Datenbereitstellung. Freie und Hansestadt Hamburg. IT Solutions GmbH. V e r s i o n

Güte von Tests. die Wahrscheinlichkeit für den Fehler 2. Art bei der Testentscheidung, nämlich. falsch ist. Darauf haben wir bereits im Kapitel über

Modalitäten der LSF-Belegung für die Lehrveranstaltungen

Was sind Jahres- und Zielvereinbarungsgespräche?

Brandenburgisches Oberlandesgericht. Beschluss

ENTWURF. Neue Fassung des Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrages

Einleitung. Einleitung

Nutzung dieser Internetseite

BGG 924 (bisher ZH 1/518) Grundsätze für die Ermächtigung von Sachverständigen für die Prüfung von Kranen

Stellungnahme der Bundesärztekammer

Meinungen der Bürgerinnen und Bürger in Hamburg und Berlin zu einer Bewerbung um die Austragung der Olympischen Spiele

Vorratsgesellschaften Der schnelle Weg zum eigenen Unternehmen interna

Sozialgericht Berlin Urteil vom

Bestandskauf und Datenschutz?

Sanochemia Pharmazeutika AG

Ab 2011 entfällt die Papier-Lohnsteuerkarte, die Lohnsteuerkarte 2010 gilt auch für 2011.

PROTOKOLL ZWISCHEN DER REPUBLIK ÖSTERREICH UND DER REPUBLIK ZYPERN

Familienrecht Vorlesung 6. Familienrecht

AUSARBEITUNG. Besteuerung von Einkünften und Maßnahmen zur Einschränkung der Steuergestaltung im Zusammenhang mit Beteiligungen an Fondsmodellen

Unternehmensleitbild. Vision Mission Werte Spielregeln

Presse-Information

Kanzleientwicklungsdialog, Stand 04 11, DATEV Seite 1 von 5

Talentmanagement in Unternehmen gestalten. Suche und Bindung von technischen Fachkräften

Pädagogik. Melanie Schewtschenko. Eingewöhnung und Übergang in die Kinderkrippe. Warum ist die Beteiligung der Eltern so wichtig?

offene Netzwerke. In diesem Sinn wird auch interkulturelle Kompetenz eher als Prozess denn als Lernziel verstanden.

Zulassungsfreie Fahrzeuge mit amtlichen Kennzeichen

Bachelorarbeit. Einkommensteuerrechtliche Behandlung von Verlusten aus Termingeschäften bei Gewerbetreibenden

Das neue Reisekostenrecht 2014

kompakt. Warum ziehen Büromieter um? Research Newsletter Juni 2013

Finanzierung: Übungsserie III Innenfinanzierung

Erfahrungen mit Hartz IV- Empfängern

NEUE MELDEPFLICHTEN DER ZUSAMMENFASSENDEN MELDUNG AB

Gemeinsamer Bericht gem. 293 a AktG. des Vorstands der Allianz AG, München, und

Textgegenüberstellung

Ambulant betreutes Wohnen eine Chance!

Das Rücktrittsrecht I

Transkript:

1 1. Einleitung 11. Problemstellung In den letzten Jahren lässt sich eine zunehmende Globalisierung beobachten, die ihren Niederschlag in der Internationalisierung der Wirtschaft sowie einer wachsenden Mobilität natürlicher Personen findet. 1 Grenzüberschreitende Umzüge stellen längst keine Ausnahme mehr dar, sondern gehören mittlerweile zur gängigen Praxis. Die Motive hierfür sind vielfältig. Teilweise mag der Umzug steuerlich motiviert sein. Häufig stellen allerdings auch berufliche oder private Gründe den Anlass dar. 2 Politik und Gesetzgebung fördern die Globalisierung maßgeblich insbesondere innerhalb der Europäischen Union (EU), zu deren Zielen der Aufbau und die Sicherung eines gemeinsamen Binnenmarktes gehören. Hierbei handelt es sich um einen Raum ohne Binnengrenzen, in dem der freie Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital gewährleistet sein soll. 3 Alle faktischen und rechtlichen Grenzen, die diesem Ziel entgegenstehen, sind gemäß europarechtlicher Vorgaben zu beseitigen. 4 Damit einhergehend wurden die Rahmenbedingungen für grenzüberschreitende Umzüge natürlicher Personen innerhalb der EU in den letzten Jahren erheblich vereinfacht. Neben den Mitgliedstaaten der EU stellen allerdings auch einige Drittstaaten allen voran die Schweiz und die USA beliebte Zuzugsstaaten deutscher Auswanderer dar. 5 Steuerlich werden grenzüberschreitende Wegzüge durch spezielle Normen in den nationalen Steuergesetzen teilweise eingeschränkt. Als wichtiger Orientierungssatz für die deutschen Vorschriften kann die Gesetzesbegründung zum Außensteuergesetz herangezogen werden, wonach die Freizügigkeit von Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital über die Grenzen hinweg als Grundvoraussetzung für die uneingeschränkte Leistungsentfaltung der deutschen Wirtschaft und damit für ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit gilt. 6 Gleichzeitig sieht der Gesetzgeber es als seine Aufgabe an, das deutsche Steuerrecht so zu gestalten, dass der Weg ins Ausland nicht zu störenden 1 2 3 4 5 6 Vgl. Kaminski, B./Strunk, G., 2002, S. 1641; siehe auch Abb. 8 im Anhang. Vgl. Deininger, R., 2004a, Tz. 1 f.; Ettinger, J., 2006, S. 11; Rehfeld, L., 2008, S. 135. Vgl. Art. 26 Abs. 2 AEUV. Vgl. Art. 26 Abs. 1, Art. 27 AEUV; Cordewener, A., 2004, S. 6; Rödder, T., 2005, S. 164 f. Vgl. Deißner, D., 2008, S. 5; siehe dazu auch Abb. 9 im Anhang. Vgl. Gesetzesbegründung zum Entwurf des AStG, BT-Drucks. VI/2883, S. 15.

2 Rückwirkungen auf die Gleichmäßigkeit und Wettbewerbsneutralität der deutschen Besteuerung führt. 7 Soweit dem Steuerpflichtigen aus einem Umzug ins Ausland ungerechtfertigte Vorteile erwachsen, versucht der Gesetzgeber diesem Umstand mit Hilfe geeigneter Maßnahmen entgegenzuwirken. 8 Als ungerechtfertigt gilt insbesondere die sogenannte Steuerentstrickung von Kapitalgesellschaftsanteilen im Sinne von 17 EStG. 9 Während Gewinne aus der Veräußerung solcher Anteile bei steuerlicher Ansässigkeit des Anteilseigners in Deutschland der inländischen Besteuerung unterliegen, geht im Falle eines Wegzuges das Besteuerungsrecht aufgrund abkommensrechtlicher Vorgaben regelmäßig auf den Zuzugsstaat über. 10 Die in 6 AStG geregelte sogenannte Wegzugsbesteuerung soll die deutsche Besteuerung sichern und ungerechtfertigten steuerlichen Vorteilen durch Steuergestaltung entgegenwirken. 11 Hält der Wegziehende Anteile im Sinne von 17 Abs. 1 EStG an einer Kapitalgesellschaft in seinem Privatvermögen, werden die darin enthaltenen stillen Reserven im Zeitpunkt des Wegzugs aufgedeckt und als fiktiver Veräußerungsgewinn der deutschen Besteuerung unterworfen. Dieselbe Rechtsfolge tritt bei Erfüllung eines der in 6 Abs. 1 Satz 2 AStG aufgeführten Ergänzungstatbestände ein. 12 Die Gründe für einen Wegzug können vielfältig sein, so dass nicht jedem Wegziehenden pauschal unterstellt werden kann, dass er aus steuerlichen Gründen die Flucht ergreift und insofern ein Tatbestand anzunehmen ist, der auf das Erlangen ungerechtfertigter Steuervorteile zielt. Dennoch kann aufgrund der fixierten Maßstäbe und der weit gefassten Tatbestandsvoraussetzungen des 6 AStG prinzipiell jeder Sachverhalt, der die Voraussetzungen der Vorschrift erfüllt, von der Wegzugsbesteuerung erfasst werden. Für unbeschränkt Steuerpflichtige, die einen Umzug ins Ausland in Erwägung ziehen, ist daher die Wegzugsbesteuerung bereits im Vorfeld zu berücksichtigen, um 7 8 9 10 11 12 BT-Drucks. VI/2883, S. 15. Vgl. BT-Drucks. VI/2883, S. 16. Vgl. BT-Drucks. VI/2883, S. 18; Gropp, B., 2008, 6 AStG, Anm. 1; Kraft, G., 2009b, 6 AStG, Rz. 1. Vgl. BT-Drucks. VI/2883, S. 18; Wassermeyer, F., 2007b, 6 AStG, Anm. 1; Strunk, G./Kaminski, B., 2009, 6 AStG, Rz. 1. Vgl. BT-Drucks. VI/2883, S. 18. Für einen Überblick siehe Abb. 10 im Anhang.

3 nicht ungewollt in deren Einflussbereich zu gelangen. Dasselbe gilt im Hinblick auf die Verwirklichung eines der Ergänzungstatbestände des 6 AStG. 12. Ziel und Gang der Untersuchung Der Steuerpflichtige wird prinzipiell bestrebt sein, die Wegzugsbesteuerung zu vermeiden. Sofern dies nicht möglich ist, kann stattdessen eine Minimierung der Steuerlast angestrebt werden. Auf der Grundlage dieser Zielsetzung erfolgt im Rahmen der vorliegenden Arbeit eine Analyse verschiedener Maßnahmen, die einer natürlichen Person zur Verfügung stehen, um einer möglichen Wegzugsbesteuerung entgegenzuwirken. Dazu erfolgt im 2. Kapitel der vorliegenden Untersuchung zunächst eine Kennzeichnung des Begriffs der Entstrickung sowie eine Einordnung des 6 AStG in das System der Vorschriften zur Entstrickungsbesteuerung. Im Anschluss daran gibt das 3. Kapitel einen Überblick über die historische Entwicklung der Wegzugsbesteuerung, wobei der Fokus auf der Weiterentwicklung der entsprechenden Regelungen infolge europarechtlicher Vorgaben liegt. Im 4. Kapitel erfolgt daraufhin eine Erläuterung der Tatbestandsvoraussetzungen und Rechtsfolgen des 6 AStG sowie eine kritische Analyse dieser Vorschrift in verfassungs-, europa-, abkommensrechtlicher und betriebswirtschaftlicher Hinsicht. Das 5. Kapitel analysiert darauf aufbauend verschiedene Strategien und Handlungsempfehlungen im Hinblick auf ihre Eignung zur Vermeidung der Wegzugsbesteuerung. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse sowie ein Ausblick im 6. Kapitel schließen die Arbeit ab.