Der Labeling Approach

Ähnliche Dokumente
Mediation im Strafrecht. Psychologische und soziologische Konzepte zur Entstehung von Delinquenz

Interaktion. und abweichendes Verhalten

Das Strafrecht und die gesellschaftliche Differenzierung

Geschlecht und Kriminalität

Abweichendes Verhalten

UTB 740. Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage

Theorien der Kriminalität

Formen der Jugendkriminalität. Ursachen und Präventionsmaßnahmen

Interaktion und abweichendes Verhalten

Theorien abweichenden Verhaltens I: Klassische Ansätze

Englische Schule und Konstruktivismus im Vergleich

Theoretische und methodische Hintergründe des Reflecting Teams

Norm (philosophisch) Richtschnur, Regel, Vorschrift, Maßstab der Beurteilung

Integration der Theorie der differentiellen Assoziation und der Anomietheorie Typisierung verschiedener subkultureller Anpassungsmuster:

Das Phänomen der Familienformen im Wandel: Ist die Familie ein Auslaufmodell?

Freundschaft am Arbeitsplatz - Spezifika einer persönlichen Beziehung im beruflichen Umfeld

Theorien der Sozialen Arbeit. Das Konzept der Lebensweltorientierung

Die soziale Konstruktion der Wirklichkeit nach Peter L. Berger und Thomas Luckmann

Der Wandel der Jugendkultur und die Techno-Bewegung

Erziehung oder Strafe vor dem Hintergrund der Devianztheorien. Erziehungsmaßregeln, Zuchtmittel und Jugendstrafe

Wie kommt es zu sozialer Exklusion im Wohlfahrtsstaat und was kann der Staat dagegen tun?

Gesellschaftliche Stigmatisierung und die Entstehung von Subkulturen - Dargestellt am Beispiel von S/M

Lawrence Kohlbergs Stufentheorie des moralischen Verhaltens

Inhaltsübersicht. Vorwort zur 9. Auflage...9. Vorbemerkung Begriffliche Vorüberlegungen... 13

Diskutieren Sie aufbauend auf Lothar Krappmanns Überlegungen die Frage, was es heißen kann, aus soziologischer Perspektive Identität zu thematisieren?

Der deutsch-französische Vertrag

Stottern im Kindesalter

Publikationsanalyse zur Corporate Governance - Status Quo und Entwicklungsperspektiven

Familie und»abweichendes«handeln

4.4 Ergebnisse der qualitativen Untersuchung Verknüpfung und zusammenfassende Ergebnisdarstellung Schlussfolgerungen für eine

Fördert oder beeinträchtigt die Globalisierung die Entwicklungschancen der Entwicklungsländer?

Geisteswissenschaft. Silke Piwko

Die Bedeutung des gesellschaftlichen Wissensvorrates für das Individuum in der Alltagswelt

Deutschland: Zweiter Periodischer Sicherheitsbericht. Kriminologie I WS Page 1

Studienverlaufspläne. Übersicht nach Pflicht- und Wahlpflichtmodulen. - Studienverlaufsplan Variante I -

Der Tun-Ergehen-Zusammenhang im Alten Testament

Die Repressionshypothese am Beispiel von Freuds "Unbehagen in der Kultur" und ihre Kritik durch Michel Foucault

Intertextualität in Cornelia Funkes 'Tintenherz'

Task-Based Learning und Aufgabenorientierung im Fremdsprachenunterricht als Antwort auf die Bildungstandards?

Insitutionalisierung - Eine Kulturtheorie am Beispiel des jagdlichen Brauchtums

Alfred Schütz und Karl Mannheim - Ein Vergleich zweier wissenschaftlicher Perspektiven

Der pragmatische Ansatz von Watzlawick unter Einbeziehung des Teufelskreismodells nach Schulz von Thun

Zur Entstehungsgeschichte von Thomas Morus' Utopia und Niccolo Machiavelli's Der Fürst

EF- GK 11 PSYCHOLOGIE EINFÜHRUNG IN DIE PSYCHOLOGIE SCE/ PASC. Paradigmen (Schulen / Hauptströmungen) der Psychologie (Hobmair, 2013, S. 35 ff.

5 Selbstkonstruktion und interpersonale Distanz empirische Prüfung

Geschichte und Gegenstand der Kriminalsoziologie

Kriminologie für die Soziale Arbeit

Stressbewältigung im Spitzensport: auf den Spuren der inneren Strategien

Sozial abweichendes Verhalten

"Moralische Wochenschriften" als typische Periodika des 18. Jahrhundert

Der normative Ansatz in der Stakeholder-Theorie

Modul A 3.2: Psychologische, soziologische und pädagogisch Beiträge zu den Sozial- und Gesundheitswissenschaften. Sitzung 03

Utilitarismus - Ein Konzept für die Zukunft?

Die gruppendynamischen Rollen innerhalb einer Gruppe

Peter L. Berger und Thomas Luckmann. - Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit -

Lernspiele in der Grundschule

Interaktion und Identität nach George Herbert Mead

Migration und Zuwanderung als Themen in Bildungsmedien für den Deutschunterricht. Tipps für Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer

Die rheinbündischen Reformen: Das Ende des Alten Reiches und die Gründung des Rheinbundes

Pädagogik. Sandra Steinbrock. Wege in die Sucht. Studienarbeit

Soziale Integration, Anomie und Kriminalität

Thesen des Kriminalromans nach Bertolt Brecht

Wie motiviere ich meine Mitarbeiter?

Identitätstheorie bei Erikson und Freud

Funktionaler Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland

Mediation und Verhandlung

Grundsätze zum wissenschaftlichen Arbeiten Prof. Thomas Dreiskämper Wissenschaftliches Arbeiten

DIE FILES DÜRFEN NUR FÜR DEN EIGENEN GEBRAUCH BENUTZT WERDEN. DAS COPYRIGHT LIEGT BEIM JEWEILIGEN AUTOR.

Möglichkeiten biografisch orientierter Unterrichtsarbeit in der Schule

Prozessual-systemische Sozialarbeit nach S. Staub-Bernasconi und ihre Umsetzung in der Behindertenhilfe

Anfertigen von wissenschaftlichen Arbeiten. Peter Altenbernd - Hochschule Darmstadt

Unterschiede in der Lesemotivation bei Jungen und Mädchen in der Grundschule

Manfred Prisching SOZIOLOGIE. Themen - Theorien - Perspektiven. 3., ergänzte und überarbeitete Außage BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR

Einführung in Problematik und Zielsetzung soziologischer Theorien

Geisteswissenschaft. Florian Zarling. Jugendalkoholismus. Studienarbeit

Gerechtigkeit und soziale Konflikte Konflikt

Teamarbeit - Konzept und praktische Erfahrungen

Wirtschaftskriminologie I. von. Kai-D. Bussmann

Gender und Beruf - Karrieren und Barrieren

Die Umsetzung der Streetwork am Beispiel der Drogen- und Stricherarbeit

Burnout bei Beschäftigten und Führungskräften im Personalbereich

Der Sozialisationsfaktor in der Erklärung der Autoritären Persönlichkeit

Soziale Ungleichheit und Bildung in Deutschland

Das Modell der Gewaltenteilung nach Montesquieu

Schuldangst Kastrationsangst 23

Möglichkeiten und Grenzen der Burnout-Prävention

Abweichendes Verhalten

Der moderne Mann. Männlichkeitstheorien und -defintion

Britische und deutsche Propaganda im Ersten Weltkrieg

Aufklärung als Massenbetrug.Von der Kritischen Theorie zur Kritischen Medientheorie

Einführung in die linearen Funktionen. Autor: Benedikt Menne

Jan Vermeer und die optische Wissenschaft

PERSON UND RECHT Die Entstehung von Kriminalität: Kriminalitätstheorien

Transkript:

Geisteswissenschaft Feryal Kor Der Labeling Approach Studienarbeit

1. Einleitung In jeglichen Gesellschaftsformen leben die unterschiedlichsten Individuen, welche vielfältige und unterschiedliche Verhaltensweisen haben. Diese Verhaltensweisen sind bezwecken etwas sinnvolles entweder in Bezug auf die Allgemeinheit oder in Bezug auf das Individuum selbst. Verhaltensweisen, die gegen die gesellschaftliche Norm sprechen und für das Individuum nicht all zu sinnvoll erscheint, ist das abweichende Verhalten. In der vorliegenden Arbeit soll das abweichende Verhalten definiert werden und im Folgenden auf einen theoretischen Ansatz, dem Labeling Approach, eingegangen werden. 2. Begriffsbestimmung abweichendes Verhalten Bevor auf den Labeling Approach eingegangen werden kann, wird im Folgenden der Begriff des abweichenden Verhaltens auch als Devianz bezeichnet erläutert werden. Opp erklärt abweichendes Verhalten als eine Verletzung von bestimmten Erwartungen, die in einer Gesellschaft existieren. Desweiteren wird Devianz als eine Verletzung der Vorschriften der Strafgesetze definiert und, wenn ein Verhalten eines Individuum eine soziale Reaktion Dritter auslöst, welche negativ sind. Und im letzten Punkt nach Opp, liegt abweichendes Verhalten dann vor, wenn die Mehrzahl einer Gesellschaft die Ansicht verfolgt, das Verhalten sollte negativ sanktioniert werden 1. Die Normen und Regeln existieren in einer Gesellschaft. Zur Gewährleistung der Einhaltung von Normen und Regeln gibt es die Kontrollmechanismen, die auch als soziale Kontrolle bezeichnet werden. Diese soziale Kontrollen bestehen aus Sanktionen, die positiv, sowie auch negativ sein können. Positive Sanktionen belohnen nonkonformes Verhalten und negative Sanktionen erfolgen bei normabweichenden Verhaltensweisen 2. Der Ansatz des Labeling Approach beschreibt abweichendes Verhalten, welches von der Gesellschaft den Sanktionsinstanzen negativ sanktioniert wird. Typisch ist für jegliche Art des abweichenden Verhaltens die Verletzung des Normsystems einer Gesellschaft 3. Für Lamnek liegt abweichendes Verhalten vor, wenn sich aus dem Vergleich einer 1 vgl. Opp; 1974:38ff 2 vgl. Lamnek; 2001:20 3 vgl. Lamnek; 1999:284 1

bestimmten Verhaltensweise mit einer korrespondierenden Verhaltensforderung keine Übereinstimmung ergibt und für fehlende Übereinstimmungen eine Bereitschaft vorhanden ist, diese zu sanktionieren 4. 3. Der Labeling Approach Nun soll es um einen Erklärungsversuch des Labeling Approach gehen. Da es zahlreiche Autoren gibt die sich mit dem Labeling Approach auseinandersetzen, sollen hier die wesentlichen Labeling- Theoretiker erwähnt werden und auf ihre Auffassung des Etikettierungsansatzes eingegangen werden. Einige Punkte der Labeling- Theoretiker lassen sich zusammenfassen, welches in der vorliegenden Arbeit erfolgen soll. Wie es in jeder Theorie üblich ist, wird auch diese Theorie von Kritikern in die Mängel genommen, unter anderem, dass die Definition von Devianz keine einheitliche ist. Doch zu erst soll versucht werden, die Labeling Theorie einzurodnen. Die Labelingtheorie oder der Labeling Approach sind sehr unterschiedliche theoretische Konzepte zuzuordnen, die es schwierig machen, eine allgemeingültige Darstellung dieses Ansatzes zu geben. Der Labeling Approach, auch Etikettierunsansatz oder auch Stigmatisierungsansatz genannt, fand in den sechziger Jahren seinen Auftakt, obwohl dieser schon früher formuliert wurde und geht in erster Linie auf Sutherland zurück. Die Kriminologie ist die Wissenschaft, die Delinquenz und Verbrechen als soziales Phänomen betrachtet. Sie beschäftigt sich mit dem Prozess des Erlassens von Gesetzen, mit der Übertretung von Gesetzen und mit den Reaktionen auf die Gesetzesübertretungen. Diese Prozesse sind drei Aspekte einer ziemlich eng verbundenen Interaktionskette (Sutherland; 1939:9). 4 vgl. Lamnek; 1993:53 2

Sutherland zeigt auf, dass die Betrachtung sozialer Reaktionen auf abweichendes Verhalten in der Kriminologie von Bedeutung sind. Auch wenn Sutherland der Betrachtung der sozialen Reaktion auf Devianz nicht annähernd soviel Bedeutung gibt, wie es die im Folgenden angeführten Theoretiker tun 5. Diese wesentlichen Vertreter des Labeling Approach sind Tannenbaum (1938), Lemert (1951) und Becker (1963). Der Ansatz erfuhr eine weite Verbreitung, auch in Verknüpfungen mit anderen Theorien. Tannenbaums Gedanken wurden 1951 durch Lemert wieder aufgegriffen und weiter ausgeführt, in dem Lemert erstmals die primäre und sekundäre Devianz unterschied, welche in der weiterführenden Arbeit noch behandelt wird. Delinquenz wird als Resultat eines Interaktionsprozesses zwischen dem Einzelnen und den Instanzen der sozialen Kontrolle verstanden und ist nicht ätiologisch orientiert 6. Der Labeling Ansatz, welcher aus den USA stammt, geht davon aus, dass die Kriminalität ubiquitär in der Gesellschaft verteilt ist. Tannenbaum beschreibt das wesentliche Grundelement des Labeling Approach durch das Zuschreiben der Abweichung durch die soziale Reaktion auf bestimmtes Handeln. Das heißt, dass ein Individuum nur dann durch eine illegale Tat als kriminell betrachtet bzw. bezeichnet werden kann, wenn diese Tat von der Gesellschaft als illegal etikettiert wird und dadurch dem Täter zugeschrieben wird. Kriminalität ist demnach ein Konstrukt der Kontrollinstanzen einer Gesellschaft. Der Labeling Approach ist ein kritischer Ansatz und besagt, dass vor allem Akteure, welche an der Macht sind, Normen durchsetzen können, welche in ihrem Interesse stehen 7. In einem weiteren Schritt wird in Bezug auf die Normanwendungen die Zuschreibungsprozesse iniziiert, welche allgemein wirken und das Spektrum des Verhaltens einer etikettierten Person einschränken. Dadurch wird ein Ausweg in abweichendes Verhalten gesucht 8. Dieser Ansatz ist insofern interessant zu betrachten, da die Normanwendungen nicht ausschließlich auf abweichendes 5 vgl. Kerscher; 1985: 6 vgl. Lamnek; 2001: 7 vgl. Rebmann 1998: 301ff 8 vgl. Rebmann; 1998:304 3