Geisteswissenschaft Feryal Kor Der Labeling Approach Studienarbeit
1. Einleitung In jeglichen Gesellschaftsformen leben die unterschiedlichsten Individuen, welche vielfältige und unterschiedliche Verhaltensweisen haben. Diese Verhaltensweisen sind bezwecken etwas sinnvolles entweder in Bezug auf die Allgemeinheit oder in Bezug auf das Individuum selbst. Verhaltensweisen, die gegen die gesellschaftliche Norm sprechen und für das Individuum nicht all zu sinnvoll erscheint, ist das abweichende Verhalten. In der vorliegenden Arbeit soll das abweichende Verhalten definiert werden und im Folgenden auf einen theoretischen Ansatz, dem Labeling Approach, eingegangen werden. 2. Begriffsbestimmung abweichendes Verhalten Bevor auf den Labeling Approach eingegangen werden kann, wird im Folgenden der Begriff des abweichenden Verhaltens auch als Devianz bezeichnet erläutert werden. Opp erklärt abweichendes Verhalten als eine Verletzung von bestimmten Erwartungen, die in einer Gesellschaft existieren. Desweiteren wird Devianz als eine Verletzung der Vorschriften der Strafgesetze definiert und, wenn ein Verhalten eines Individuum eine soziale Reaktion Dritter auslöst, welche negativ sind. Und im letzten Punkt nach Opp, liegt abweichendes Verhalten dann vor, wenn die Mehrzahl einer Gesellschaft die Ansicht verfolgt, das Verhalten sollte negativ sanktioniert werden 1. Die Normen und Regeln existieren in einer Gesellschaft. Zur Gewährleistung der Einhaltung von Normen und Regeln gibt es die Kontrollmechanismen, die auch als soziale Kontrolle bezeichnet werden. Diese soziale Kontrollen bestehen aus Sanktionen, die positiv, sowie auch negativ sein können. Positive Sanktionen belohnen nonkonformes Verhalten und negative Sanktionen erfolgen bei normabweichenden Verhaltensweisen 2. Der Ansatz des Labeling Approach beschreibt abweichendes Verhalten, welches von der Gesellschaft den Sanktionsinstanzen negativ sanktioniert wird. Typisch ist für jegliche Art des abweichenden Verhaltens die Verletzung des Normsystems einer Gesellschaft 3. Für Lamnek liegt abweichendes Verhalten vor, wenn sich aus dem Vergleich einer 1 vgl. Opp; 1974:38ff 2 vgl. Lamnek; 2001:20 3 vgl. Lamnek; 1999:284 1
bestimmten Verhaltensweise mit einer korrespondierenden Verhaltensforderung keine Übereinstimmung ergibt und für fehlende Übereinstimmungen eine Bereitschaft vorhanden ist, diese zu sanktionieren 4. 3. Der Labeling Approach Nun soll es um einen Erklärungsversuch des Labeling Approach gehen. Da es zahlreiche Autoren gibt die sich mit dem Labeling Approach auseinandersetzen, sollen hier die wesentlichen Labeling- Theoretiker erwähnt werden und auf ihre Auffassung des Etikettierungsansatzes eingegangen werden. Einige Punkte der Labeling- Theoretiker lassen sich zusammenfassen, welches in der vorliegenden Arbeit erfolgen soll. Wie es in jeder Theorie üblich ist, wird auch diese Theorie von Kritikern in die Mängel genommen, unter anderem, dass die Definition von Devianz keine einheitliche ist. Doch zu erst soll versucht werden, die Labeling Theorie einzurodnen. Die Labelingtheorie oder der Labeling Approach sind sehr unterschiedliche theoretische Konzepte zuzuordnen, die es schwierig machen, eine allgemeingültige Darstellung dieses Ansatzes zu geben. Der Labeling Approach, auch Etikettierunsansatz oder auch Stigmatisierungsansatz genannt, fand in den sechziger Jahren seinen Auftakt, obwohl dieser schon früher formuliert wurde und geht in erster Linie auf Sutherland zurück. Die Kriminologie ist die Wissenschaft, die Delinquenz und Verbrechen als soziales Phänomen betrachtet. Sie beschäftigt sich mit dem Prozess des Erlassens von Gesetzen, mit der Übertretung von Gesetzen und mit den Reaktionen auf die Gesetzesübertretungen. Diese Prozesse sind drei Aspekte einer ziemlich eng verbundenen Interaktionskette (Sutherland; 1939:9). 4 vgl. Lamnek; 1993:53 2
Sutherland zeigt auf, dass die Betrachtung sozialer Reaktionen auf abweichendes Verhalten in der Kriminologie von Bedeutung sind. Auch wenn Sutherland der Betrachtung der sozialen Reaktion auf Devianz nicht annähernd soviel Bedeutung gibt, wie es die im Folgenden angeführten Theoretiker tun 5. Diese wesentlichen Vertreter des Labeling Approach sind Tannenbaum (1938), Lemert (1951) und Becker (1963). Der Ansatz erfuhr eine weite Verbreitung, auch in Verknüpfungen mit anderen Theorien. Tannenbaums Gedanken wurden 1951 durch Lemert wieder aufgegriffen und weiter ausgeführt, in dem Lemert erstmals die primäre und sekundäre Devianz unterschied, welche in der weiterführenden Arbeit noch behandelt wird. Delinquenz wird als Resultat eines Interaktionsprozesses zwischen dem Einzelnen und den Instanzen der sozialen Kontrolle verstanden und ist nicht ätiologisch orientiert 6. Der Labeling Ansatz, welcher aus den USA stammt, geht davon aus, dass die Kriminalität ubiquitär in der Gesellschaft verteilt ist. Tannenbaum beschreibt das wesentliche Grundelement des Labeling Approach durch das Zuschreiben der Abweichung durch die soziale Reaktion auf bestimmtes Handeln. Das heißt, dass ein Individuum nur dann durch eine illegale Tat als kriminell betrachtet bzw. bezeichnet werden kann, wenn diese Tat von der Gesellschaft als illegal etikettiert wird und dadurch dem Täter zugeschrieben wird. Kriminalität ist demnach ein Konstrukt der Kontrollinstanzen einer Gesellschaft. Der Labeling Approach ist ein kritischer Ansatz und besagt, dass vor allem Akteure, welche an der Macht sind, Normen durchsetzen können, welche in ihrem Interesse stehen 7. In einem weiteren Schritt wird in Bezug auf die Normanwendungen die Zuschreibungsprozesse iniziiert, welche allgemein wirken und das Spektrum des Verhaltens einer etikettierten Person einschränken. Dadurch wird ein Ausweg in abweichendes Verhalten gesucht 8. Dieser Ansatz ist insofern interessant zu betrachten, da die Normanwendungen nicht ausschließlich auf abweichendes 5 vgl. Kerscher; 1985: 6 vgl. Lamnek; 2001: 7 vgl. Rebmann 1998: 301ff 8 vgl. Rebmann; 1998:304 3