Integration durch Bildung

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Transkript:

IAB Integration durch Bildung Wie Schulbildung, Berufsausbildung und Deutschkenntnisse die Arbeitsmarktchancen von Migranten beeinflussen Holger Seibert Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB Kompetenzerfassung und Kompetenzdokumentation für Migrantinnen und Migranten Bundesweite Fachtagung der bag arbeit e.v., 25. September 2006 IAB im Internet: www.iab.de/iab-berlin-brandenburg

Folie 2 Sprachliche Integration Was ist Integration? Politische Integration Soziale Integration Arbeitsmarktintegration Arbeitsmarktintegration

Folie 3 Faktoren, die die Arbeitsmarktintegration beeinflussen Deutschkenntnisse Schulbildung Schulbildung Berufliche Bildung Berufliche Bildung

Deutschkenntnisse Selbsteinschätzung der 16-65-Jährigen Folie 4 Türken 21.8% 28.8% 28.3% 18.4% Andere Anwerbeländer 39.0% 31.8% 21.1% 7.0% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Sehr gut Gut Es geht Eher schlecht Gar nicht Quelle: Sozioökonomisches Panel, Personenfragebogen 2003, Gastarbeiter -Sample

Deutschkenntnisse Selbsteinschätzung der 16-25-Jährigen Folie 5 Türken 52.9% 32.2% Andere Anwerbeländer 62.8% 31.8% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Sehr gut Gut Es geht Eher schlecht Gar nicht Quelle: Sozioökonomisches Panel, Personenfragebogen 2003, Gastarbeiter -Sample

Folie 6 Deutschkenntnisse Lesekompetenz (PISA 2000) Beide Eltern in Deutschland geboren 82% 92% Ein Elternteil in Deutschland geboren 81% 93% Kein Elternteil in Deutschland geboren 54% 79% Quelle: Artelt, Baumert u.a. 2001: PISA 2000, Zusammenfassung zentraler Befunde. Berlin: Max- Mindestens Kompetenzstufe 2: Planck-Institut für Bildungsforschung. 0% 20% 40% 60% 80% 100% Mindestens Kompetenzstufe 1: Der Leser kann den Hauptgedanken eines Textes erkennen Der Leser kann Informationen im Text finden und interpretieren

Folie 7 Faktoren, die die Arbeitsmarktintegration beeinflussen Deutschkenntnisse Schulbildung Berufliche Bildung

Folie 8 Schulabgänger 2004 nach Schulabschlüssen Deutsche 7,4% 23,5% 43,7% 25,4% Ausländer 18,1% 40,9% 30,8% 10,2% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Ohne Schulabschluss Hauptschule Realschule Abitur Quelle: Statistisches Bundesamt, 2005: Fachserie 11, Bildung und Kultur, Reihe 1, Allgemeinbildende Schulen, Schuljahr 2004/2005. Wiesbaden.

Folie 9 Anteil der 18-Jährigen in Berufsausbildung ohne Abschluss 41,1% 68,4% Deutsche Ausländer Hauptschule 58,6% 68,4% Realschule 65,5% 86,3% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Quelle: Mikrozensus 2004

80% Ausbildungsbeteiligung Anteil der Auszubildenden an den 18- bis 21-Jährigen 69,1% Folie 10 60% 48,0% 40% 20% 27,6% 22,6% 0% Männer Frauen Männer Frauen Deutsche Ausländer Quelle: Statistisches Bundesamt, Fachserie 11, Bildung und Kultur, Reihe 3, Berufliche Bildung; Berufsbildungsbericht 2005, S. 599

Folie 11 Faktoren, die die Arbeitsmarktintegration beeinflussen Deutschkenntnisse Schulbildung Berufliche Bildung

Folie 12 Berufliche Bildungsabschlüsse von 24-Jährigen (2004) Deutsche 10,7% 46,4% 2,7% 36,2% 4,1% Ausländer 34,4% 29,0% 3,5% 25,8% 7,3% 0% 20% 40% 60% 80% 100% ohne Abschluss Studium noch in Ausbildung Lehraubildung unbekannt Quelle: Mikrozensus 2004

Folie 13 Faktoren, die die Arbeitsmarktintegration beeinflussen Deutschkenntnisse Schulbildung Berufliche Bildung Wie steht es nun um die Arbeitsmarktchancen?

Folie 14 Erwerbstätigenquote der 25- bis 30-Jährigen kein Ausbildungsabschluss 72,3% 68,2% Deutsche Ausländer Ausbildungs- oder Hochschulabschluss 78,5% 86,2% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Quelle: Mikrozensus 2004

Folie 15 Qualifizierte Beschäftigung bei 25- bis 30-Jährigen kein Ausbildungsabschluss 19,6% 41,1% Deutsche Ausländer Ausbildungs- oder Hochschulabschluss 57,0% 73,7% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Quelle: Mikrozensus 2004

Folie 16 Zwischenfazit Sehr ungleiche Verteilung von schulischen und beruflichen Bildungsabschlüssen bei Ausländern und Deutschen Kompositionseffekte z.t. schlechte Deutschkenntnisse Geringere Schulabschlüsse Geringere berufliche Bildungsabschlüsse Zugleich: Schlechtere Chancen für Ausländer am Ausbildungsund Arbeitsmarkt Sind die schlechteren Chancen nur Ergebnis der Kompositionseffekte? Oder steckt noch mehr dahinter?

Folie 17 Exkurs: Umgang mit Kompositionseffekten Statistische Kontrolle der Kompositionseffekte in multivariaten Analyseverfahren Um nicht Birnen mit Äpfeln zu vergleichen wird bei der Analyse die unterschiedliche Zusammensetzung verschiedener Gruppen berücksichtigt Hauptschüler werden mit Hauptschülern und Realschüler mit Realschülern verglichen und nicht: Hauptschüler mit Realschülern Simultane Kontrolle mehrerer Merkmalskategorien ist möglich (multivariat = mehrere Variablen) Dies ist besonders wichtig, da sich Deutsche und Ausländer in der Humankapitalausstattung sehr stark voneinander unterscheiden

Folie 18 Chancen auf eine qualifizierte Beschäftigung, Männer Türkei vs. Dtl. 0.4 restl. Anwerbeländer vs. Dtl. F, GB, NL, A, USA vs. Dtl. restliche Welt vs. Dtl. 0.4 Realschule vs. Hauptschule 2.4 (Fach-)Abitur vs. Hauptschule 3.6 kein Schulabschluss vs. HS 0.5 Ausbildung vs. kein Abschluss 6.8 0.1 1.0 10.0 Quelle: Seibert, Holger und Heike Solga, 2005: Gleiche Chancen dank einer abgeschlossenen Ausbildung? Zum Signalwert von Ausbildungsabschlüssen bei ausländischen und deutschen jungen Erwachsenen. Zeitschrift für Soziologie 34: 364-382.

Deutschkenntnisse und Arbeitsmarktchancen Chancen auf eine qualifizierte Beschäftigung Folie 19 Türkei vs. Dt. 0,7 restliche Anwerbeländer vs. Dt. 1,4 Ausbildung vs. kein Abschluss 4,7 Anteil deutscher Freunde (x/10) 1,9 Deutschkenntnisse (5-stufig) 1,3 0,1 1 10 Quelle: Kalter, Frank 2006: Auf der Suche nach einer Erklärung für die spezifischen Arbeitsmarktnachteile Jugendlicher türkischer Herkunft, Zeitschrift für Soziologie, Jg. 35, Heft 2.

Folie 20 Ergebnisse der multivariaten Analyse Beobachtete Unterschiede zwischen Ausländern (Türken) und Deutschen können auf Schulbildung, Berufsausbildung und Sprachkenntnisse/Netzwerke zurückgeführt werden. Es sind allerdings nur Analysemodelle, die die Realität vereinfacht abbilden. Die häufigere Betroffenheit durch schlechte Arbeitsmarktchancen bleibt trotz Aufklärung bestehen. Die Modelle bestätigen allerdings die Risikofaktoren.

Verwertbarkeit ausländischer Abschlüsse 10% 70% 20% Folie 21 Aussiedler 20% 65% 15% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Kein Abschluss Berufsausbildung Hochschulabschluss Westdeutsche Westdeutsche 65,0% 77,0% Aussiedler Quelle: Konietzka, Dirk und Michaela Kreyenfeld, 2002: The Performance of Migrants in Occupational Labour Markets. Evidence from Aussiedler in Germany. European Societies 4: 53-78. 41,0% im erlernten Beruf tätig 47,0% qualifizierte Tätigkeit 0% 20% 40% 60% 80% 100%

Folie 22 Fazit Deutschkenntnisse beeinflussen Schulleistungen Deutschkenntnisse entscheiden über den besuchten Schultyp Schultyp und Schulleistungen strukturieren die Ausbildungschancen Ausbildungsabschluss ist maßgeblich für den Arbeitsmarkterfolg Ausländische Abschlüsse nur im erlernten Beruf verwertbar Integration durch Bildung ist möglich zahlreiche Beispiele belegen dies Aber: Eine abgeschlossene Ausbildung allein reicht häufig für Migranten nicht aus, um gleiche Arbeitsmarktchancen wie Deutsche zu erzielen

Folie 23 Politische Schlussfolgerungen Integrationsbemühungen müssen frühzeitig im Lebensverlauf ansetzen in Kindergarten und Schule Wo die Familie nicht weiter kommt (versagt), muss die Gesellschaft helfen Stichwort: Ganztagsschule Integrationsbemühungen für erwachsene Migranten sollten sich an deren Arbeitsmarktchancen orientieren: Deutschkenntnisse Transferierbarkeit des mitgebrachten Humankapitals Signale an die Arbeitgeber über die Kompetenzen von Migranten